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Novellen, Erster Band - Eine stille Welt

Timm Kröger: Novellen, Erster Band - Eine stille Welt - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorTimm Kröger
titleNovellen, Erster Band ? Eine stille Welt
publisherGeorg Westermann
seriesTimm Kröger Gesamtausgabe
volumeErster Band
printrun4.-13. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071024
projectid1dd71a07
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Persönliches

Zur Gesamtausgabe

Sparrenwerk alter Bauernhäuser ... Wenn ein Winddruck auf dem Rethdach liegt, beginnt ein Wiegen und Rauschen, man kann, vorausgesetzt, daß einem die alten Kasten lieb sind, ihre Sprache deuten. »Ein Jahrhundert«, so raunt es, »dauert unser Leben, wenn es hoch kommt, etwas mehr. Und dann ist das Ende da, aber davon ist nicht zu reden ... der Welt Lauf. – Nur ein paar eichene Balken, doppelt zäh und stark vor Alter, Ruß und Rauch, wird man, so hoffen wir, für gut genug gehalten, dem einzufügen, was über unserer Herdstätte neu entsteht.«

Ich stehe vor einem Lebensabschnitt, worin die uns zugemessenen Jahre beschlossen zu sein pflegen. Wind und Wetter liegen zuweilen schwer auf dem Dach, ich philosophiere daher wie ein altes Bauernhaus, hoffe auf ein paar Bretter und Balken und – sammle. Ich schrieb keine Dramen, keine großen, ein Weltbild vorstellen sollenden Romane, und veröffentlichte kaum Gedichte. Indem ich mich von nichts anderem als von dem leiten ließ, was mich seelisch trieb, wurde ich das, was man vielleicht einen Spezialisten der Heimatnovelle nennen darf.

 

Ich heiße, was ich geschaffen habe, › Novelle‹, wohl wissend, daß der Name anfechtbar ist. Wäre es mir an erster Stelle um Genauigkeit zu tun, so müßte ich vielleicht sagen: ›Novellen, Skizzen und Erzählungen‹ – oder, da die Begriffe ›Novelle‹ und ›Skizze‹ verwaschene Formen angenommen haben, schlichtweg ›Erzählungen‹ oder › Geschichten‹. Ich habe aber davon abgesehen, weil ich nun mal mit der aufgeklebten Marke › Novellist‹ bekannt geworden bin. Auch würde es doch wohl nicht so recht stimmen, denn das, was ich bringe, will ebensosehr wegen seiner Form und in dem Wie der lyrischen Verzierungen gewürdigt sein, wie in dem Was des Geschehens.

Aber ich gebe zu, daß der Name anfechtbar erscheinen kann, möchte diesem Zugeständnis jedoch ein Fragezeichen, eine Einschränkung, hinzufügen. Denn das, was man früher etwa nach den Erklärungen von Goethe und Paul Heyse unter ›Novelle‹ verstand, versteht die moderne Dichtung doch wohl nicht mehr darunter. Früher war bei epischen Dichtungen die Darstellung der Erscheinungen außerhalb der Helden (äußerer Raum) die Hauptsache, neuerdings ist die Wiedergabe des Innenlebens (innerer Raum), sind die psychologischen Vorgänge ebenso wichtig geworden, wenn nicht noch wichtiger, und möglicherweise entsprechen meine ›Novellen‹ einigermaßen dieser modernen Anforderung. Daher bleibe ich, den Kometenschweif ›Novellen, Skizzen und Erzählungen‹ vorweg ablehnend, bei der Bezeichnung ›Novellen.‹

 

Der Versuchung, die bessernde Hand anzulegen, habe ich im allgemeinen widerstanden, in der Regel beschränkte ich mich darauf, gewisse Zwischenzeichen zu entfernen, womit ich früher dem Vortrag und dem Verständnis meiner Leser goldene Brücken habe bauen wollen. Denn nun ist das Vertrauen zu meiner Gemeinde in ebendemselben Maße gewachsen, wie meine Vorliebe für Gedankenstriche und Punkte gemindert.

Ganz habe ich aber meiner Absicht nicht treu bleiben können. »Sturm und Stille« (in Band 2) mußte durch eine räumlich unerhebliche Einschaltung eine bessere Motivierung der Handlung erhalten, »Der Einzige und seine Liebe« (in Band 5) bedurfte der bessernden oder vielmehr der umarbeitenden Hand, ein Teil des Schlußkapitels in »Um den Wegzoll« (im selben Band) konnte in der alten Form nicht weiter passieren, und endlich war im »Schulmeister von Handewitt« (ebenfalls in Band 5) zu versuchen, die Darstellung einer Szene flüssiger zu gestalten.

 

Ohne Absicht und Vorsatz mich treiben lassend, wohin der Strom meiner Sehnsucht wollte, bin ich Heimatdichter geworden. Den zumal früher über die Heimatdichtung ausgegossenen Spott habe ich leicht ertragen. Ich konnte es, ich befand mich in guter Gesellschaft: Klaus Groth, Theodor Storm, Johann Hinrich Fehrs, Fritz Reuter, Jeremias Gotthelf, Gottfried Keller und Wilhelm Raabe können als Heimatdichter angesprochen werden; Peter Rosegger rechne ich auch dazu, von vielen anderen zu geschweigen. Heimatkunst ist überhaupt eine alte Kunst, nichts Neues. Sie kann auch nicht aussterben, es müßte denn zuvor jede Sehnsucht nach, es müßten alle Erinnerungen an Heimat und Jugend und Kindheit in uns ausgetilgt worden sein.

Früher lehrte man, daß echte Kunst keinen außerhalb ihrer selbst liegenden Zweck zu tragen vermöge, und ich denke, daß der Satz noch immer Gültigkeit hat. Der Künstler will Genuß bereiten, das heißt edlen künstlerischen Genuß, und nichts als das. Dieser Genuß kann und wird freilich in dem Kreis der Empfangenden eine Veredelung der Gesinnung und möglicherweise in weiterer Folge auch ihrer Taten zur Folge haben; von der Zweckbestimmung des Künstlers wird das aber nicht mehr umschlossen. Alles das gilt zumal für den Dichter. Er schreitet wie ein Gott durch die Lande. Öfters verwandelt sich ein Wort seines Mundes in Gold, die reich zu machen, welche zu suchen und zu finden wissen; er selbst aber weiß nichts davon, will nichts davon wissen. Unbekümmert zieht er seine Straßen den tönenden Wettgesängen seiner Sonnen entgegen.

Die Poesie verträgt keinen außerhalb ihrer selbst liegenden Zweck. Hiergegen verstoßen die Heimatdichter, die ihre Schöpfungen wie Traktätchen behandeln, als Prediger der Heimatliebe auftreten, um ausgesprochenerweise Andere zu derselben Gesinnung zu bekehren. Insofern dieser Fehler von Einzelnen nicht vermieden sein sollte und der Tadel unserer Gegner sich hiergegen richtet, halte ich ihn für berechtigt.

Als wesentliches Merkmal der Heimatdichtung oder Heimatkunst erkenne ich ihre Gebundenheit an einen Ort oder an eine bestimmte Landschaft mit Unterstreichung der in dieser Umwelt hervortretenden Eigenart bei Menschen sowohl wie bei der Natur. Im übrigen wird das ganze Gebiet dichterischer Darstellung von ihr so gut wie von anderer Dichtkunst ausgenutzt. Ein echter Heimatdichter wird seine Gestalten mit klarer Hervorhebung scharfer Charakterköpfe nicht weniger ins Typische und Allgemeinmenschliche hinaufheben wie ein Romanschreiber, der sich vorgesetzt hat, eine Welt an uns vorüberrollen zu lassen; und mit demselben Recht wie jeder andere Dichter klopft auch der Heimatdichter mit allen unlösbaren Fragen der Warum und Wie und Wohin an die Tore des Ewigen. Nur in einem Punkte legen die meisten sich Beschränkung auf: sie lehnen es ab, in den Stürmen der Zeit die Rolle von Kämpfern zu übernehmen.

Und hier läuft, wie mir scheint, der Strich, der uns von den Ganzmodernen scheidet, die just hierin, im Fanfarenton neuer Bestrebungen, die Aufgabe der Dichtkunst erblicken. Die Heimatkunst verächtlich über die Achsel ansehend, geben sie ihr das Merkmal der Philisterenge und spotten über die Poesie des Glücks im Winkel. Nach unserm Dafürhalten durchaus mit Unrecht. Sie nehmen an, die Ideen ihrer Zeitdichtungen seien für uns zu groß, und ahnen nicht, daß sie uns zu klein erscheinen.

Ich möchte nicht mißverstanden werden und füge deshalb hinzu, daß selbstverständlich auch ein noch unausgegorenes Parteiverlangen Gegenstand künstlerischer Darstellung sein kann, wenn es dem Dichter gelingt, die Unruhe der Zeit in einer darüber schwebenden künstlerischen Ruhe aufzulösen; freilich ein absolut ewig Gültiges wird sich in solcher Dichtung auch im günstigsten Fall kaum ausdrücken lassen. Alles, was Altmeister Goethe derzeit über das politische Gedicht gesagt hat, gilt auch hier, wir dürfen in dem nachfolgenden Zitat dreist für ›politisches Gedicht‹ ›Zeitdichtung‹ setzen und es für unsere Ansicht in Anspruch nehmen. »Ein politisches Gedicht«, sagt er, »ist überhaupt im glücklichsten Fall immer nur als Organ einer einzelnen Nation und in den meisten Fällen als Organ einer gewissen Partei zu betrachten.« Und weiter: »Auch ein politisches Gedicht ist immer nur als Produkt eines gewissen Zeitzustandes anzusehen, der aber vorübergeht und dem Gedicht für die Folge denjenigen Wert nimmt, den es vom Gegenstand hat.«

Wir lehnen also ab, Partei zu nehmen, dabei wohl wissend, daß alle Bestrebungen in letztem Grunde einen berechtigten Kern haben, sowohl die auf Neuerung bedachten wie die auf tunlichste Erhaltung des Bestehenden gerichteten. Und wenn es gelänge – jedem Versuch in diesem Sinne bezeugen wir unsere aufrichtige Hochachtung – wenn es gelänge, die Einheit aller zur Darstellung zu bringen, wir würden darin den Gipfel der Gegenwartskunst erblicken. Leider zeigt sich jetzt noch kein befriedigendes Bild. Wir möchten es ungeheuren Bruchstellen vergleichen, die einem Schüler auf die Tafel geschrieben sind, damit er den Generalnenner finde. Er kann ihn nicht finden, die Berechnung wächst in ein Unermeßliches von Ziffern und Zahlen. Da erscheinen Rechenmeister eben so viele wie Bruchstellen, und jeder erklärt eine Grundzahl der aufgegebenen Brüche für den Generalnenner, in dem jede Größe aufgehe, jeder Rechenmeister aber einen anderen. Bei diesem Kriege aller gegen alle tun wir nicht mit, da steigen wir lieber mit Faust hinab zu den Müttern, als den Hütern der ewigen unvergänglichen Ideen, oder fliegen hinauf zu Ihm, der am großen Webstuhl des Alls sitzt und seine Weberschiffchen schießen läßt.

 

Noch eine Frage möchten wir streifen: Wer verbirgt sich in dem Ich einer Icherzählung, insbesondere meiner in erster Person gegebenen Novellen?

Wer aus einem Leid ein Lied, will sagen eine Dichtung, macht, kann das in erster Person tun, kann seine Bekenntnisse aber auch einer dritten Person beilegen, denn an sich ist es gleichgültig, ob man sich in erster oder in dritter Person einführt, wie denn auch umgekehrt eine Icherzählung mit einem Bekenntnis oder auch nur mit einem Erleben des Verfassers gar nichts zu tun zu haben braucht. Zuzugeben aber ist, daß für sogenannte Konfessionen die Ichform die frischeste und natürlichste, weil ungebrochene, und für alle Erzählungen, worin seelische Vorgänge einen breiten Raum einnehmen, am besten geeignet ist. Sie hat zugleich den Vorzug, daß sie die Wissensquelle des Dichters beständig vorzeigt, was nach den geheimnisvollen Gesetzen des künstlerischen Genießens hier und da notwendig ist. Sie gibt für den Verlauf der Handlung einen festen Leiter, da der Verfasser nichts erzählen kann, was er nicht angeblich selbst erlebt hat oder ihm sonst zur Kunde gekommen ist.

Das sind Binsenwahrheiten, ich werfe sie leicht hin, um hinsichtlich meiner eigenen Geschichten zu der Bitte zu gelangen, nicht zu vergessen, daß ich dichte und keine Denkwürdigkeiten schreibe, daß der Rückschluß auf das zugrunde liegende Tatsächliche mit Vorsicht zu machen ist, zu welcher Bitte ich nach gelegentlichen Bemerkungen meiner verehrten Rezensenten Veranlassung zu haben glaube. In erster Linie berichte ich jedenfalls rein künstlerisches Erleben.

Das gilt auch von dem, was ich von Fritz Twisselmann erzähle, den man gewöhnlich für mein pures Alter Ego hält. Ich sage freilich in »Heimkehr«: »Der Fritz Twisselmann bin ich selbst«, habe aber dadurch keine vollständige Personeneinheit mit mir selbst herstellen wollen. An sich sollte er nur als das »Ich« in den Erzählungen des Bandes vorgestellt sein, das nach obigen Bemerkungen nicht der Verfasser zu sein braucht, wenn auch die Annahme einer seelischen Zwillingsbruderschaft mit ihm berechtigt und begründet ist.

 

In meiner Sammlung beschränke ich mich auf Novellen, kaum noch im Zweifel darüber, daß darin alles beschlossen ist, was bislang von mir aufbewahrungswert erscheint. In den ersten fünf Bänden wird man in neuer Anordnung und in neuer Aufmachung das finden, was die bisher erschienenen zwölf Bändchen umfaßten, dazu neun neue, bisher nicht in Buchform veröffentlichte Stücke. Nachfolgen werden im sechsten Band zwei umfangreichere neue Novellen: »Daniel Dark« und »Dem unbekannten Gott«.

Ich hätte meine Dichtungen gern in chronologischer Folge ihres Entstehens gebracht, es ist das auch nicht ganz außer acht gelassen worden. Es durchzuführen war bei meiner Arbeitsweise, wo die Nach- und Umarbeitungen sich öfters durch Jahre erstrecken, nicht möglich. Ich will aber versuchen, in Vorbemerkungen zu den einzelnen Bänden die Zeit anzudeuten, wohin ich die Entstehung verlegen zu müssen glaube. Das soll freilich nur einen ganz allgemeinen Erinnerungswert bedeuten, da ich, wenigstens jetzt, verhindert bin, mir die zur Ermittelung der richtigen Zeit erforderliche Mühe aufzulegen.

Leichter als nach der Zeit schien mir eine Ordnung nach dem Ideeninhalt, und ich glaube gerade dadurch das beste Hilfsmittel demjenigen an die Hand zu geben, der sich etwa für meine Entwicklung interessiert. Die den einzelnen Bänden gegebenen, beziehentlich ihnen belassenen Titel mögen dabei ein Hilfsmittel sein.

 

Wie soll ich meine Bauern reden lassen, plattdeutsch oder hochdeutsch?

Hierüber schickte ich derzeit meiner Novelle »Des Reiches Kommen« einige Bemerkungen voran. Ich lasse sie auch jetzt wegen ihrer grundlegenden Bedeutung folgen.

 

Folgen lasse ich auch meinen Aufsatz »Klaus Groth, ein Gedenkblatt«. Er mag als eine Art Widmung an die Manen des großen plattdeutschen Lyrikers hingenommen werden.

 

Endlich – Abtragung einer alten Schuld. Mein Freund, der Schriftsteller Jacob Bödewadt, hat bei dem Werk alle Mühen der Herausgeberschaft übernommen. Das sei ihm an dieser Stelle von Herzen gedankt.

 

Kiel, im Oktober 1913

Timm Kröger

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