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Novellen

Max Dauthendey: Novellen - Kapitel 7
Quellenangabe
titleNovellen
authorMax Dauthendey
modified20170815
typenovelette
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Der Knabe auf dem Kopf des Elephanten

Der Maharadscha von Jaipur, der heute noch unabhängigste Fürst von Indien, hat einst zu Ehren des Besuches des Prinzen von Wales alle Häuser, alle Straßen, alle Wände, Treppen und Türmchen seiner kleinen Hauptstadt Jaipur mit rosa Kalkfarbe anstreichen lassen, alle Gesimse und Geländer mit purem Indigoblau, so daß die Stadt jetzt den ganzen Tag über und über in einem ewigen Morgenrot schimmert und die rosarote Stadt genannt ist. Keiner geht durch diese Stadt, der nicht von der unendlichen rosaroten Farbe begeistert gestimmt wird. In alle Straßenfluchten hinein begleitet dich vom Morgen bis zum Abend der zuckersüße Rosenton. Er übertüncht deine Sorgen und deinen Kummer und verzärtelt deine Gedanken. Die helle Stadt scheint aus rosa Zuckerguß und rosa Schlagsahne aufgebaut. Süß und süßlich wird dir vor dem rosa Häuserschaum zumut.

In der Straße der Reitbahn steht ein goldner Minaretturm, der einzige gelbe Fleck in den rosa Mauern. Diese Straße ist sehr breit und führt nach dem Marktplatz und nach den Elefantenställen des Fürsten. In der Mitte über einem Straßenaltar ragt ein Trompetenbau mit weißen Armen. Zu beiden Seiten der Straße sind in den Erdgeschossen der rosaroten Häuser offene Verkaufsgelasse, wie kleine dunkle Höhlen; darinnen hocken die Inder auf den erhöhten Dielen und arbeiten. Ein starrsinniger blauer Himmel ist immer über der rosaroten Stadt, es hat jetzt seit zwei Jahren nicht geregnet.

Weiße Zebustiere und Zebukälber tummeln sich vor den Läden, Affen purzeln von den Dächern in grauen Scharen über die rosa Straßen. Jeden Morgen um eine bestimmte Stunde kommt der Lieblingselefant des Fürsten von seinem Morgenspaziergang durch das rosa Tor in die Stadt zurück in die Rennbahnstraße, torkelt wie eine Kuh gemütlich und watschelt die breite Straße hin nach dem Elefantenstall. Voraus geht ein Wächter mit weißem Turban, der eine Riesenglocke schwingt, damit Vieh und Menschen dem fürstlichen Tier ausweichen. Auf dem sich wiegenden breiten Elefantenschädel hockt ein indischer Knabe mit einem Stachelstab in der Hand. Der Elefant bewegt die großen, rot und blau tätowierten Ohrlappen, daß sie mit ihren bunten Arabesken wie große Tapetenfetzen in der Luft wehen.

Der Knabe auf dem Kopf ist dreizehn Jahre alt und sehr schmächtig, er sitzt auf dem Schädelknochen des Elefanten wie auf einer wandernden Schaukel. Der nickende Koloßkopf schwingt mit dem leichten Knaben mühelos auf und ab, als trüge das Tier keinen Menschen, sondern nur einen gewichtlosen Straußenfedernschmuck. Des Knaben Vater wurde kürzlich im Stalle des Fürsten von einem wahnsinnigen Elefantenungeheuer zerstampft, und seine Mutter verlor der Knabe vor zwei Tagen. Sie saß tagaus, tagein in einem Mehlladen an der Rennbahnstraße, über einen Mahlstein gebückt, den sie mit der Hand drehen mußte. Neben ihr schwangen noch sechs Frauen sechs Mahlsteine. Weißglühend zieht heute wie immer die Morgensonne in die rosa Straßen, brennt auf dem goldenen Minaretturm und in dem weißen Trompetenbaum, dessen große Blätter senkrecht schlaff herabhängen, wie aufgereihte grüne Teller.

Der Elefant hebt wie jeden Morgen, wenn er durchs Stadttor tritt, seinen Rüssel in die Luft, und die vergoldeten Kugeln seiner beiden Stoßzähne blitzen. Er stößt einen Fanfarenlaut aus, da er sich dem Stall nähert.

Yawlor, der Knabe auf dem Elefantenkopf, rührt sich nicht. Er zieht heute ernst wie ein Fürst in die Morgenstadt ein. Mit seinem schwarzen Blick sieht er nach dem Laden, in dem sonst die Mutter an dem Mühlstein hockte. Dort sang sie mit den Weibern näselnd den Mehlsang, daß der Sohn den Singsang am Morgen schon weithin hörte. In der Nähe des Ladens ließ stets der Glockenträger, der vor dem Elefanten schreitet, die Glocke in seiner Hand schweigen, aus Respekt vor dem Sang, denn das Mahllied ist ein uraltes, heiliges Lied.

Aber heute stand die Hälfte der Mühlen leer, nur drei Frauen sangen halblaut einförmig auf der erhöhten Diele des mehlweißen Ladens. Als sie die Elefantenglocke hörten und wußten, daß der junge Yawlor auf dem Kopf des Elefanten vorüberritt, stellten sie zum Zeichen der Trauer für seine Mutter das Lied ein. Statt der sechs Mahlsteine sausten nur drei unter den braunen, abgearbeiteten Händen der Weiber; die drei anderen Handmühlen standen still und verlassen. Wegen anhaltender Dürre und Teuerung hatte der Mehlhändler vor kurzem die Hälfte der Weiber entlassen müssen. Yawlors Mutter war danach in ihrem Lehmhaus an der Landstraße vor Nahrungssorgen und vor Bekümmernis um den toten Mann, den ihr der wahnsinnige Elefant umgebracht hatte, halb verhungert und halb verdurstet eines Morgens tot umgefallen. Am Abend fand ihr heimkehrender Sohn ihren zusammengeschrumpften kleinen Körper wie einen ausgemergelten Hanfstrick an der Türschwelle der Hütte liegen. Yawlor schichtete mit einigen Kulis aus dem Elefantenstall einen niedrigen Holzstoß, legte die Leiche darauf und verbrannte sie. Seine Hände hatten die tote Mutter in Asche verwandelt, aber nicht sein Herz. Seine Gedanken hielten die Tote immer noch wie ein lebendes Geschöpf umarmt. Wenn er morgens den Elefanten des Fürsten vom Stall hin- und zurückritt, setzte er im Geiste seine kleine tote Mutter neben sich auf den großen Eiefantenkopf, und sein Herz redete mit ihr.

Der große Elefant schaukelte jetzt mit Yawlor am Mehlladen vorüber, wo nur die drei Mühlen kreischten, aber kein Lied ertönte. Draußen am Marktplatz saßen die Purpurfärber und Leinwandverkäufer unter ihren Zeltstangen vor ihren roten und blumigen Warenstücken. Alle legten heute die Hand an die Stirn und grüßten den Knaben auf dem Elefantenkopf wie einen Herrn, zum Zeichen des Mitgefühls.

»Sie grüßen die Tote, die neben mir auf dem Elefanten sitzt«, sagte der Knabe zu sich. Als er an der stillstehenden Mühle des Ladens vorübergeritten war, an der seine Mutter sonst immer gearbeitet hatte, redete er in die Luft: »Mutter, ich will dich am Durst und am Hunger, die dich umgebracht haben, rächen. Ich will den Durst und den Hunger in dieser Stadt umbringen.« Des Knaben Auge flog die Straße hinauf und hinunter, wild, als wollten seine Lippen einen Schrei ausstoßen, wilder als der Schrei der Elefanten. Niemand hörte den Knaben auf der Straße laut mit sich sprechen, denn der Glockenläuter, der vorausging, übertönte alle Geräusche. Der Elefant torkelte jetzt behäbig über den Marktplatz. Die Leute sahen nur, daß Yawlor fortgesetzt die Lippen bewegte. »Ich werde schreien«, rief Yawlor zum Geist seiner Mutter, »daß der Himmel über dem Marktplatz zittert, Mutter. Und der Fürst und alle Leute in der Stadt müssen fragen, wer schreit? 'Das ist Yawlor, der den Regen vom Himmel rufen kann', muß man dann antworten. Hunger und Durst müssen vor Yawlor sterben. Mit beiden Armen werde ich den Himmel wie einen vollen Wasserschlauch an mich pressen, daß der Starrsinnige zerplatzt und die Felder von der Stadt Jaipur bis zum Schloß Amber draußen überschwemmt werden von seinen Regenfluten.« Der Fluß mußte wieder im ausgedörrten Kiesbett erscheinen, und sein Spiegel mußte wieder auftauchen, der Fluß, der jetzt mit versteintem und verdorrtem Gesicht dalag, wie Yawlors tote Mutter auf dem Scheiterhaufen. Unterm lebenden Regen würde auch die Asche der Mutter wieder zu Fleisch werden und aufstehen. Die Mutter würde wieder an ihrem Mahlstein niedersitzen und jeden Morgen wie sonst singen, wenn Yawlor auf dem nickenden Kopfe des Elefanten Talim am Mehlladen vorüberritt. – Yawlor sah vom Kopfe des Elefanten herab über dem Marktplatz deutlich die Stunde seiner Größe kommen. – Der Fürst würde zu Pferd mit allen Frauen in den Sänften und in den Zebuwagen und mit allen tätowierten und purpurgeschmückten Elefanten auf dem Marktplatz in den Palast der vier Winde ziehen; alle Fenster wären dann voll von Frauengesichtern mit plattgescheiteltem Haar. Die Rubinen in allen Ohrmuscheln und die weißen Ringe in den Nasenflügeln müßten funkeln und glitzern und alle Goldspangen an den Armgelenken klirren, wenn sich die Frauen über die Geländer bögen und mit großer Erregung Yawlors Stimme lauschten. Yawlor stünde dann mitten auf dem Marktpflaster zwischen den tausend heiligen grauen Tauben, die dort picken und die nie ein Arm verscheuchen darf, und Yawlor schriee zum Himmel vor den Reihen der Fenster, den Elefantenreihen, den Wagenreihen und vor den Reihen der ungeduldigen Pferde. Wie voll von Haufen Käfern und Waldameisen würden alle Dächer und Türmchen voll von Turbanen und Gesichtern sitzen, die auf Yawlor sähen, wenn er den Regen aus den Wolken herabschriee, wenn er die Dürre vom Himmel risse und der Sonne ins Gesicht schlüge. Dann in der atemlosen Stille müßten die ersten Tropfen, rund und gequollen wie Gewichte schwer, auf die Köpfe schlagen, tausend Hände sich nach den Tropfen ausstrecken und Tausende mit den nassen Händen jubelnd Beifall klatschen. Alle grauen Tauben auf dem Marktplatz flögen rauschend dem Regen entgegen, alle Pferdenüstern wieherten, die Elefanten trompeteten, und der Fürst und seine Frauen ließen Yawlor durch die Eunuchen vom Markt hinauf in den rosigen Windpalast rufen.-

Der Knabe Yawlor mußte sich jetzt unter dem kühlen und dunklen Tor des Elefantenstalles bücken. Das breite Elefantentier trampelte mit dem Knaben auf dem Kopfe in den Elefantenhof. Hühner, schwarze Böcke, Truthähne, Kulis, Affen, Wasserträger und Elefantenwärter trieben sich hier um die offenen Lehmställe und um die offenen fürstlichen Wagenschuppen herum. Der Dunst des gedörrten Elefantenmistes, der auf den Rändern der Hofmauer in Fladen als Dung getrocknet wurde, und die Staubwolken füllten die Luft. Die begeisternden rosaroten Straßen von Jaipur aber waren hinter Yawlor verschwunden.

Zwischen dem Dunst des Viehes, der Taglöhner und des Mistes verwandelte sich die straffe Gesichtshaut des Knaben, sein Ausdruck wurde müde, welk und alltäglich. Sein Geist, der unter dem feierlichen Beileidsgruß der Kaufleute auf dem rosaroten Marktplatz aufgeleuchtet hatte, wurde kleinmütig. Als er vom Kopfe des erhabenen Elefanten zur Erde glitt und im Staub bei den Staubigen stand, hatte er den heldenhaften Blick in die Ferne verloren. Er stellte seinen Stachelstab in die Mauerecke, rieb sich die Gedankenreste wie Staubkörner aus den Augen und war auf seinen abgemagerten Beinen wieder der Sohn eines Kulis und nicht mehr der Herr über Durst und Hunger, wie auf dem Kopf des Elefanten.

Ein schwarzer Widder im Hof, welcher spielen wollte, kam von rückwärts angerannt, hob den Knaben auf seine gedrehten Hörner und kehrte ihn wie eine überflüssige Sache zur Seite, daß er in der Mauerecke bei einem Haufen dörrender Mistfladen hinfiel und liegenblieb. Der ganze Hof voll Kulis lachte lautlos, und alle zeigten dem Gestürzten die gelben Zahnreihen. Und mit dem Hingepurzelten lag auch der Gedanke, den Hunger und Durst zu beschwören, verrunzelt wie ein Mistfladen in der Mauerecke.

 


 

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