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Ferdinand Kürnberger: novellen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorFerdinand Kürnberger<
titleWie ein prosaischer Mann ein poetisches Bräutchen gewinnt
publisherKarl Prochaska
seriesAusgewählte Werke
volume2. Band - Novellen
editorFriedrich Hirth
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid496d6250
created20070119
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Ferdinand Kürnberger

Wie ein prosaischer Mann ein poetisches Bräutchen gewinnt

Das war eine einfache, aber durch Ort und Umstände merkwürdige Reflexion, die in einem Zwischenakte der »Gezähmten Widerspenstigen« aus einer Parterreloge heraus mein Ohr traf. Eine sonore Männerstimme intonierte mit einem schönen, pathetischen Baß die Worte:

»Käthchen und Petrucchio werden immer dankbare Rollen bleiben, im übrigen gehört das Stück veralteten Sitten an. ›Der Widerspenstigen Zähmung‹ müßte heute ein psychologisches Problem sein; nur in naiveren Zeiten durfte selbst Meister Shakespeare wie ein Menageriewärter es anfassen und die Widerspenstige durch Hunger zähmen.« Worauf ein bildschönes Kind an seiner Seite, indem es mit feingantierter Hand die von einer kostbaren Perlenschnur durchblitzten Locken aus dem Gesichte strich, ernst und bescheiden die Bemerkung zum besten gab:

»Der Hunger tut aber auch wirklich weh!«

Ich hätte bald laut aufgelacht. Ei, du naseweises Frettchen, was weißt du von Hunger in deiner Theaterloge und deinem Perlenkranze? Hast dein reizendes Naschen etwas früh in die sentimentalen Poesien der »sozialen Not« gesteckt! Armes Fortschrittsfräulein! Die Mama durfte noch mit Geibel und Lenau schwärmen, das Töchterchen liest schon Freiligrath und Barbier und ist mit den »hohläugigen Gespenstern« der modernsten Hungerlyrik vertraut. Seltsame Mädchenpoesie!

Auf einmal dachte ich an jenen ehrenwerten, aber noch immer etwas fremdartigen Teil unserer Mitbürger, welchen der größte Überfluß aller Theaterlogen und Perlenschnüre nicht vor dem Hunger schützt, nämlich vor dem gottesfürchtigen Hunger des Jom Kipur. Einer, aber ein Löwe. Ein Fasttag im Jahre, aber ein scharfer! Schade, daß ich das reizende Näschen nicht auf die Ahnen- und Wappenprobe jenes gewissen orientalischen Schnittes angesehen. Es war schon zu spät, es war schon im Nachhausegehen, als zwei Herren hinter mir in den kühnsten Modulationen ihres Jargons ein Duett über ein Wollgeschäft sangen und meine Phantasie plötzlich die Lichtspuren des Morgenlandes wandelte.

Übrigens wären es doch falsche Spuren gewesen. Auf die rechte Spur führte mich erst der Zufall, der an jenen Augenblick wieder anknüpfte und ihn abschloß mit jenem kleinen Geschichtchen, womit ich selbst schließen will.

Ich wurde in der Stadt, die ich am Theaterabend der »Widerspenstigen« als Fremder betreten, bald genug heimisch – ich darf nicht sagen, dank meinem geringen Namen oder meiner vielen Empfehlungsbriefe. Mit den letzteren ging es wie immer. Hochtönend vielversprechende Adressen blieben unfruchtbar und zergingen in nichts; bescheidene, fast nur als Lückenbüßer mitgenommene, wurden Stützpunkte und gastliche Heimstätten.

So war die Frau Rat, die Gattin eines Kaufmannes, dem sich der Titel Kommerzienrat zugesellt, nur eine schlichte, arbeitsame Bürgersfrau, aber sie beseelte ein Haus, worin es jedem traulich und wohl wurde. Alles Schöne und Gute war da, aber so anspruchslos, daß man es Zug für Zug erst entdeckte, was die Freude daran nur vermehrte. Es war der einzige, aber der liebenswürdigste Mangel dieser Frau, der Mangel an Logik, daß sie bei ihren Büchern ihr Hauswesen und bei ihren Hausgeschäften ihre Bildung zu versäumen fürchtete: in Wahrheit pflügte sie dieses wie jenes Feld und auf beiden ging's vorwärts. Sie konnte oft mit ernsthaftem Eifer fragen: »Sagen Sie, was ist jetzt das Beste unter den literarischen Neuigkeiten? Man wird ganz dumm bei den ewigen Küchen- und Wäschezetteln.« Aber das »beste Neue« mußte schon selten sein, denn gewöhnlich kannte sie es bereits, ohne es selbst zu wissen. Sie glaubte nämlich, es müsse viel mehr sein; sie stellte sich mit echt weiblichem Horizont das, was die Männer leisten, eigentlich als ein unbegrenztes Reich vor und war oft erstaunt (ich dann beschämt), daß sich unsere geistigen Männertaten, welche wirklich zählten, so leicht an den Fingern abzählen ließen. Sie begleitete uns daher fast mühelos auf unseren Bücherwegen und erfüllte noch ihren eigenen großartigen Pflichtenkreis mit unverwüstlicher Spannkraft und ewig gutem Humor. Ihr Haus war versorgt, ihre Familie blühte, sie erzog Söhne und Töchter, Freunde und Freundinnen der Söhne und Töchter, sie strahlte Mütterlichkeit aus, so weit sie reichte, oder auch, es flog ihr zu, was von ihrem tätigen Menschensinn mit reiner Empfänglichkeit angezogen wurde. An ihrem Vesperkaffeetisch zum Beispiel fand ich regelmäßig ein oder das andere fremde Mäulchen: bald einen schüchternen Jungen, bald ein quecksilbernes Backfischchen, kurz, Kinder, welche »das Kind im Hause« waren, wie ich selbst »der Onkel« geworden. Und halb Kuchen, halb Klassiker im Munde (sehr frei nach Goethe), war es für Mutter und Onkel immer ein dankbares, oft interessantes Publikum.

So saß ich eines Tages am Kaffeetisch der Frau Rat, da kam ein junges, aufgeschossenes, aber sehr schönes Mädchen herein, das die Haustöchter sogleich mit den Worten anfielen:

»Das Gedicht! das Gedicht! Was hast du ihr Schönes und Spitziges ausstudiert?«

»Nichts.«

»Flausen! Keine Ziererei! Her mit dem Stammbuchvers! Wir sind neugierig. Was hast du geschrieben?«

»Auf Ehre, nichts.«

Die Töchter stoben wie Sturmvögel auf, aber das fremde Mädchen lächelte in den Sturm und hielt ihn mit heiterer Gelassenheit aus. Als sie wieder zum Worte kam, sagte sie:

»Im Ernste, Kinder, bedenkt doch, die Paula hat eine kleine Anlage zur Koketterie und ihr ganzes Stammbuch wimmelt von Versen, die darauf spekuliert und die ihr geschmeichelt haben. Was soll man da schreiben! Eine leichte satirische Anspielung, aber ohne zu verletzen, und mit Liebe und Freundschaft. Ihr habt es richtig genannt: Schönes und Spitziges. Nun, zum Schönen hätte ich vielleicht ein kleines, fades Talent, aber zum Spitzigen nicht die nötige Autorität. Seht ihr, daran scheiterte ich. Nach langem Hin- und Hersinnen gab ich's auf und deckte mich hinter eine klassische Autorität. Ich tat zuletzt nichts, als daß ich ihr aus einem Trauerspiel des Seneca den trockenen Moralspruch abschrieb:

Wer wahre Liebe sucht Und wahres Lob, der strebe mehr Nach Huldigung der Herzen als der Zungen.«

»Bravo, bravo!« riefen die Töchter und selbst die Frau Rat sagte beifällig:

»Das hast du gut gemacht, Meta. Es klingt mild, fast galant und sie versteht es doch.«

Dieser Auftritt gefiel mir und animierte mich, daß ich, ohne noch vorgestellt zu sein, mich drein mischte. Ich sagte:

»Erlauben Sie mir, mein Fräulein, daß auch ich Bravo rufe.« Aber das berühmte weibliche Postskriptum schien mir hier am Platze. »Wie sollen junge Mädchen es wissen, ob das Herz huldigt oder die Zunge? Was ist der Unterschied, mein Fräulein?«

Sie sah mich groß an und antwortete mit bündigster Naivität:

»Natürlich, ein Heiratsantrag.«

Ein großes Gelächter erscholl, aber obgleich ich mitlachen mußte, sagte ich nicht ohne ernstliche Hochachtung:

»Mein Fräulein, Sie besitzen eine bewunderungswürdige Gabe, die Klassiker noch klassischer zu machen. Sie sind die beste Textausgabe unseres Seneca. Ich habe den trockenen Moralisten nie weniger trocken und mehr anmutig gesehen.«

Und ich fühlte mich gedrungen, ich gestehe es, über den Vesperklatsch dem interessanten fremden Mädchen eine respektvolle Aufmerksamkeit zu widmen. Dafür lachte mich dann die Frau Rat wieder aus. Frauen lieben es, wenn sie einen Mann in seinem Geschäfte des Idealisierens betreten, mit den derbsten Duschen der Realität ihm zu Hilfe zu kommen.

»Mein Fräulein, mein Fräulein,« spottete sie hochtrabend; »Sie haben mir heute gefallen! Aber wenn Sie ›mein Fräulein‹ erobern wollen, so brauchen Sie ihr nicht so hoffähig den Hof zu machen. Bringen Sie ihr künftig nur eine Mundsemmel mit.«

»Eine Mundsemmel? Wie verstehen Sie das, Gnädigste?«

»Das verstehe ich so, mein Herr. ›Mein Fräulein‹ feierte jüngst ihren fünfzehnten Geburtstag und klagte mir bei dieser Gelegenheit: ›Da haben sie mir heute alle möglichen Glückwünsche und Blumen und Goldschnitte gewidmet, aber ich seufzte in meinem Herzen: Ach, wenn ich es zu meinem fünfzehnten Geburtstag lieber erreichen könnte, daß ich zu Hause die zweite Semmel zum Kaffee bekomme. Eine Semmel wird mir wirklich schon zu wenig, liebe Frau Rat.«

»Das ist gelungen, Frau Rat,« antwortete ich lachend. »Aber gesiegt haben Sie doch nicht. Auch wenn Sie es noch so gut verstehen, ›das Erhabene zu schwärzen‹, Sie haben mir das poetische Kind durch seine Liebe zum Bäckerladen höchstens menschlicher, nicht unpoetischer gemacht.« Noch redete ich, da durchhuschte plötzlich ein Bild meine Erinnerung. Ich sah das schöne, schmalgesichtige Mädchen am Theaterabend der »Widerspenstigen«, ich hörte den Ton jenes aufrichtigen Seufzers: »Der Hunger tut aber auch wirklich weh.« Ich lachte nicht mehr. Ich wurde ernsthaft. Die Frau Rat bemerkte es und ich zauderte nicht, ihr den Grund davon zu erzählen. Ich sprach die Vermutung aus, daß ihre junge Hausfreundin Meta und jene Sprecherin in der Loge, deren Bild mir wieder aufdämmerte, wohl dieselbe Persönlichkeit sei. Die Frau Rat ließ sich die Loge, so gut ich konnte, beschreiben und bestätigte meine Vermutung. Es war die Loge eines berühmten Dichters. Er hatte sich in der Literatur jene schwer definierbare Stellung errungen, ein Schriftsteller zu sein, »der in den Händen aller Gebildeten ist«. Aller Gebildeten! Das ist eine Stärke und eine Schwäche. Darin lag der Glanz und – die Schwierigkeit seiner sozialen Position. Den Glanz mußte er repräsentieren – war er doch auch Ritter mehrerer Orden, hatte ihm doch auch sein Staat den Titel »Hofrat«, wenngleich sonst nichts, verliehen; kurz, er mußte ein Haus machen, einen Bedienten halten, Gäste bewirten, die seinem Ruhme den Hof machten, und das alles aus knappen Mitteln, aus Mitteln eines Dichters, dessen Werke mehr gelobt als gekauft, dessen Theaterstücke als »Ehrenpflicht« und »Ehrenschuld« aufgeführt werden; mit einem Worte eines Dichters, der »Kaviar fürs Volk« schreibt. Natürlich wurde die arme schöne Meta vom Kaviar nicht satt und wünschte die zweite Kaffeesemmel und seufzte: »Der Hunger tut aber auch wirklich weh!«

Meine ganze Teilnahme war rege.

»Hören Sie, beste Frau Rat,« sagte ich, »geben Sie ja acht, daß mir dieses Mädchen nicht sitzen bleibt. Bei ihrer Armut hat sie leider Aussicht dazu, und doch wäre das liebenswürdige, gebildet Kind des schönsten Loses wert. Da ist eine Frau wie Sie so recht in ihrem Amte als glückliche Ehestifterin. Versprechen Sie mir, in diesem Punkte sie zu bemuttern, und wenn ich einst wieder komme, lassen Sie mich etwas recht Gelungenes hören.«

Mit diesem Vermächtnis verließ ich die Stadt, die ich erst nach drei Jahren wieder betrat. Ich brauche mich nicht zu rühmen, daß ich des Dichters Töchterlein nicht vergessen hatte. Eine Sympathie, deren Gegenstand so interessant, ist wahrlich kein Verdienst.

Ein wenig im Sturme überfiel ich daher meine liebe Frau Rat mit der Frage:

»Nun, meine gnadenreiche Gnädigste, lassen Sie hören: haben Sie unsere schöne Meta verheiratet?«

»Das hat sie schon selbst getan,« war die Antwort.

»Um so besser. Und wer ist der Glückliche?«

»Ein starker Esser.«

»Aber hören Sie auf! Was sind das wieder für Humoresken?«

»Daß ihr Herren immer nur Idealisches hören wollt.«

»Ernsthaftes wenigstens. Sprechen Sie im Ernste, Frau Rat.«

»Aber wenn mein Geschichtchen ein bißchen spaßhaft wäre?«

»Nennen Sie das einen Spaß, meine schöne Seele so zu erschrecken?«

»Ja, sehen Sie, dafür bin ich eine nüchterne, prosaische Kaufmannsfrau. Romantik habe ich nicht. Die finden Sie in den Leihbibliotheken. Ich habe nur eine Geschichte: wie ein prosaischer Mann ein poetisches Bräutchen gewinnt.«

»Als starker Esser?«

»Ganz recht, durch Essen und Trinken. Durch guten Appetit beim Souper.«

»Was will ich machen? Ich bin Ihr frommer Knecht und ertrage Ihrer Launen Übermut wie der Balladen-Fridolin. Wenn nur meine Meta gut versorgt ist.«

»Das ist sie. Gott sei Dank, ja! Glänzend versorgt, glücklich verheiratet, und das alles, weil ein prosaischer Mann, anstatt ihr Bild zu verschlingen, das ganze Souper ihrer Familie verschlang.«

»Dabei bleiben Sie also! Ich bin neugierig.«

»Nur nicht zu sehr, wenn ich bitten darf. Meine Geschichte ist ungeheuer einfach und hausbacken. Urteilen Sie selbst:

Der Hofrat und sein Verleger hatten jahrelang aus der Ferne verkehrt und ihre Geschäfte durch Korrespondenz besorgt. Ein größeres Unternehmen – ich glaube, eine Gesamtausgabe – machte die Brieflast drückender, zumal da ein strenger Winter die zarte Gesundheit des Dichters molestierte. Der Verleger, der seinen Mann, wenn nicht gewinneshalber, doch als ›Perle seines Verlages‹ außerordentlich hochschätzte, machte ihm die Avance einer weiten Reise und fand sich am Wohnort des Dichters zu einer persönlichen Zusammenkunft ein. Er war angekündet, zwar auf den Tag, aber nicht auf die Stunde und überfiel den Hofrat im Reisepelz, als die Familie sich just zum Souper setzte. Natürlich wurde dem Gast ein Kuvert aufgelegt und ebenso natürlich nahm er es an – womit der Knoten unseres Dramas geschürzt ist.

Der Verleger ist ein steinreicher Mann; seine Person müssen Sie sich rundlich, rotwangig, echt muskulös, aber gar nicht historisch vorstellen; seine Laune heiter, jovialisch, voll Lebenslust und Genußfähigkeit. Kurz, ein Typus voll Glück und Gesundheit. Ihr Poeten in eurem Neide nennt das: ›ein kleiner Vierschröter‹, wenn ich nicht irre. Und dem kleinen Vierschröter gegenüber sitzt Ihr Ideal, die feine, schmalgesichtige Meta. Was würdet ihr Dichter aus einem solchen Kontraste herausschlagen! Ich denke mit Schadenfreude daran, denn die Wirklichkeit machte gar nichts Effektvolles daraus, sondern bloß – ein Menschenglück. Im übrigen ist die Prosa dieses Soupers so schrecklich wie jedes Gesellschaftskauen, ja, noch ein wenig schrecklicher.

Denn wie der Bediente nun die Vorlegschüssel mit dem zerlegten Huhn herumreicht und sie dem Gaste zuerst hinhält, schaut ihn dieser großmächtig an und sagt mit vernichtender Ruhe: ›Stellen Sie nur nieder, mein Lieber, Sie könnten lange stehen und warten, bis ich aufgegessen habe. Ich kann ja das Huhn nicht auf einmal verschlucken, sondern nur bissenweise; setzen Sie ab, mein Bester.‹ Mit diesen Worten faßt er den Präsentierteller, wippt alles auf seinen herüber und fährt gemütlich fort: ›Einen Wolfshunger bringe ich den Herrschaften mit. Die Mittagsrestauration in Hundeshausen wird immer polizeiwidriger; ich versparte mir meinen besten Appetit aufs Souper. Und mein Appetit ist ein Altmärker; bei uns zu Hause haben wir das Sprichwort: »Dem Manne eine Ente!« Ich brauche vier. Ich fürchte, ich esse das ganze Haus auf. Aber wir arrangieren uns schon. Sie haben einen »Charcutier« da drunten, einen gar guten Nachbar. Im Vorbeifahren sah ich einen beachtenswerten Rehrücken im Schaufenster; ›den bringen Sie uns herauf, mein Guter!‹ wandte er sich an den Bedienten. Und da dieser, mit der Weinflasche andächtig trippelnd, einzuschenken begann und sein wie ein Likörgläschen schmächtiges Weinglas tropfenweise füllte, fiel ihm der Buchhändler rasch in den Arm und vergröberte die zarte Arbeit, indem er die ganze Weinflasche mit kurzem Prozeß in sein Wasserglas stürzte. ›Heute muß ich tiefere Züge machen,‹ sagte er freundlich. ›Was so ein Schnellzug Rauchmassen in die Gurgel wirft, ist nicht auszusprechen; ich werde tüchtig zu waschen haben, um meinen inneren Menschen zu säubern. Bringen Sie mit dem Rehrücken gleich vier Flaschen Laffite mit; ein Charcutier wird ja auch Wein haben. Aber machen Sie schnell, Sie verdienen sich eine Rettungsmedaille.‹ Sprach's und schob dem Bedienten einen Fünfundzwanzigtalerschein in die Hand und ihn selbst zur Tür hinaus.

Die gute Meta war aus den Wolken gefallen. Bewandert in den Literaturen, kannte sie wohl jenes finnländische Epos, worin die Helden einen gebratenen Ochsen verzehrten, der so groß ist, daß ein Eichkätzchen drei Tage lang an ihm hinanläuft, aber sie hätte sich nimmermehr träumen lassen, von dieser Bratenpoesie ein Stück Wirklichkeit zu schauen. Da saß er, der Riese aus der Altmark, die von Finnland gar nicht so himmelweit entfernt ist. Dem Manne eine Ente, sagen sie dort. Welch ein Land! Und das verschweigt Ritters Erdkunde! In diesem Zauberlande würde man wohl auch sagen: Der Frau ein Huhn. Ach, nur ein halbes, ein Viertel! Aber bei ihr zu Hause wird das Viertel in Achtel und noch das Achtel in Sechzehntel zerlegt, und wenn sie beim zweiten Herumreichen ein zweites Sechzehntel nimmt, riskiert sie schon einen Rügeblick der Mama oder gar die laute Zurechtweisung: »Aber, Meta, was werden die Gäste denken, wenn du alles allein ißt!« Und dort fliegen die Sechzehntel ungezählt in den Mund – großartig anzusehen!

Ihr Gesichtskreis erweitert sich. Jetzt weiß sie, was essen heißt. Es heißt weder naschen noch fasten. Das Schauspiel ist ihr neu. Und es sieht sich ganz angenehm an. Mitzuspielen wäre freilich am besten, aber auch das Zusehen ist schon ein Genuß. Schon die Tatsache ist beglückend, daß man überhaupt essen darf. Von dieser Seite war ihre Weltanschauung immer nur lückenhaft.

Und sage man nicht, daß es unästhetisch ist und das gebildete Auge beleidigt. Der Mann dort macht seine Sache gar nicht so rüde, wie das starke Essen gewöhnlich den Ruf hat. Er ist wie ein lachender Sommertag, wo alles einerntet – poetischer mag der ahnungsvolle Frühling oder der elegische Herbst sein; aber – Sommer ist Sommer! Und der Sommer ist kein Egoist; er lebt nicht nur selbst, sondern von ihm lebt eigentlich eine jede Jahreszeit. Und ganz so dieser rotwangige Sommermann. Denn als nun der Rehrücken und die Bordeauxflaschen kommen, da schneidet er das köstliche Fleisch in Scheiben, dicker als man an diesem Tische sonst das Butterbrot schnitt, lanciert rings in die Teller die mächtigen Stücke und bedankt sich dabei fortwährend: »Wirklich, das ist zu liebenswürdig; daß Sie mir Ihr warmes Souper opfern und mit meinem kalten vorlieb nehmen. Gott lohne es Ihnen, was Sie an einem armen Reisenden tun; Sie erweisen mir eine unschätzbare Wohltat. Mein Magen war kalt wie ein Eiskeller, aber mit dem warmen Hühnchen im Leibe fühl ich's wie einen Rosengarten, ich schäme mich, daß ich das Opfer annehme. Nun, einmal im Jahre schadet's den Kindern wohl nicht, auch kalt zu essen. Nur ein Gläschen Bordeaux rate ich darauf zu setzen, Bordeaux wärmt auch!‹ Und als man ihm in den Arm fällt: ›Um Gottes willen, nicht so viel Wein, Sie töten die Kinder!‹ da lacht er nur und sagt: ›Ja nicht, Herr Hofrat! Ihr Verleger bringt Ihre Kinder nicht um, weder Ihre Geisteskinder noch Ihre leiblichen. Ein kleiner Schwips kostet den Kopf nicht.‹ Und unwiderstehlich muß alles essen und trinken, köstlich, reichlich, im Superlativ; der Sommermann macht den glänzendsten Wirt und bedankt sich dabei wie der dankbarste Gast.

Wohlan, da haben Sie nun einen Eindruck auf ein poetisches Mädchenherz! Machen Sie daraus, was Sie wollen – ich mache eine Hochzeit daraus.

Das Herz nämlich hat der vortrefflichste aller Buchhändler freilich nicht gesehen; aber im Nachhausegehen und droben in seinem Hotelzimmer klingt es ihm mehr und mehr nach, wie ihn das junge Mädchen mit ihren Blicken beachtet. In ihren Blicken war ein Erstauntsein – und zwar kein spöttisches; nein, ein Erstauntsein mit Wohlgefallen. In dieser Verbindung aber heißt es Bewunderung. Er ist bewundert worden! Was war das?! Koketterie war es nicht – er ist ein längst geschulter Kenner – es war noch das unschuldigste Gegenteil davon. Wenn ein Backfischchen das enfant terrible passiert hat, das mit dem Munde herausplatzt, so kommt noch ein Jahr oder zwei, wo es mit den Augen herausplatzt. In dieses Stadium versetzt der gewiegte Mann die kleine Meta. Sie hat ihn mit aufrichtigen Blicken bewundert. Wie das zugeht, weiß er selbst nicht. Er zündet alle Lichter seines Armleuchters an, er beschaut sich im großen Ankleidespiegel, ob irgend etwas geheim Bewunderungswürdiges, was man zu Hause noch nicht entdeckt hat, an ihm sei; denn kein Prophet gilt ja im Vaterlande .... ›Ah, bah, Einbildung oder Château Lafitte! du bist ein Narr, leg' dich schlafen!‹

Aber in seine Träume lacht noch das Auge hinein, das ihn angesehen – mit lachendem Herzen! Und so wacht er auf. Die Träume sind fort, Château Lafitte ist fort, aber die Einbildung ist da. Wahrlich, es muß doch mehr als Einbildung sein. Du Zaubermädchen, du! Ob das keine Frau für einen großen Verleger wäre? Sie ist gebildet, hochgebildet, hat Literaturkenntnisse weit über ihre Jahre hinaus, obwohl sie nur wenig und mit größter Bescheidenheit gesprochen. Aber« – erinnerte mich die Frau Rat – »vor drei Jahren hat Ihnen der Stammbuch-Seneca ja selbst imponiert. Oft genügt ein einziges Wort. Ob das keine Frau für einen großen Verleger wäre? Da haben Sie die Pointe meiner Geschichte: Wie ein prosaischer Mann ein poetisches Bräutchen gewinnt! Der prosaische Mann nämlich ist noch an demselben Morgen beim Hofrat vorgefahren und hat mit einer Armensündermiene gestottert: »Herr Hofrat, sprechen wir heute noch nicht von unserem Geschäfte. Ich bin gekommen, um einen anderen Artikel von Ihnen zu verlangen. Ich muß leider fürchten, daß Sie damit höher hinaus wollen – und ich müßte Ihnen noch dazu recht geben – denn es wäre das Kostbarste, was ich aus diesem Hause mitnehmen könnte. Herr Hofrat, ick bitte um die Hand Ihrer Tochter Meta.«

Den bleichen, geistvollen Dichterkopf färbt plötzlich ein höheres Rot – der Mann wäre ihm schon recht – aber Meta! Sein poetisches Töchterlein erträumt sich gewiß einen Heldenliebhaber und der Buchhändler, alles in allem, ist doch nur ein recht gelungener, wohlkonditionierter Bonvivant. Welch eine Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit! Nicht minder verlegen stottert er den Bescheid: »Ihr Antrag ehrt mich, und wenn mein Kind von seiner großen Jugend schon so gut sich beraten findet, einen Mann wie Sie gebührend zu würdigen ...«

Der Dichter der gewähltesten Worte weiß zum erstenmal nicht: hat er ein Kompliment oder eine Grobheit gesagt. Worauf der Verleger:

»Bitte, bitte. Versichern Sie mich wenigstens Ihrer väterlichen Unterstützung.«

»Von ganzem Herzen.«

Vorletzter Auftritt: Hofrat und Hofrätin – zwei lange Gesichter. Das Glück, das das Kind macht, ist enorm; aber das Kind! Das Kind ist in heller Romantik und eitel Poesie erzogen worden und nun schlägt einem doch das Gewissen. Hat man das Kind je gelehrt, daß das enorme Glück auch die Prosa sein kann?

Letzter Auftritt: Die vorigen, das Kind. Hofrat und Hofrätin stottern zusammen; kaum wagen sie, der jungen Direktrice einen Bonvivant als Heldenliebhaber zu offerieren. Aber die junge Direktrice stößt einen Freudenschrei aus, wirft sich in die Mutterarme und ruft: ›Mama, ich bin zu glücklich!‹ Die Eltern sehen sich an – staunend, lächelnd. Gott sei Dank! Aber wer hat das Kind so viel praktischen Sinn gelehrt?

Sie haben es nie erfahren. Nie hat ihnen Meta gesagt, wodurch ihr Mann sie erobert. Sie hat es diesem selbst nie gesagt. Nur mir sagte sie es. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber mir sagen die Leute alles.«

»Das kommt daher, Frau Rat, weil Sie selbst, offen und klar, ein Spiegel der Wahrheit sind, alles Menschliche anziehend und unzugänglich nur dem Monströsen.«

»Nun eine kleine Schmeichelei verdient mein Geschichtchen schon, aber ich schenke es Ihnen auch gratis. Ist es doch eine jener kleinen, unzähligen Lehren, wie Ideal und Wirklichkeit – sich in der Wirklichkeit verhalten, denn es gibt noch immer humorlose Selbstquäler, die das nicht wissen!








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