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Novellen

Matteo Bandello: Novellen - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorMatteo Bandello
booktitleItalienische Novellen, Band 2
titleNovellen
publisherVerlag Lambert Schneider
volumeZweiter Band
translatorKarl Simrock
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid1bbb2f6a
created20070513
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Eduard der Dritte von England

(Pseudo-Shakespeare, König Eduard III.)

Nachdem ich so vieles und Verschiedenes über die Sache reden gehört habe, scheint es mir, man könne von diesen Königen von England, ob sie zur weißen oder zur roten Rose gehören, da sie ja doch alle von einem Stamme kommen, behaupten, daß fast allen anderer Leute Frauen gefallen haben, und daß alle mehr nach Menschenblut gedürstet haben als Crassus nach Gold. Und wenn man auch von andern keine Kunde hätte, so hat schon der, dessen Tod eben jetzt gemeldet wird (Heinrich VIII.), so vieles vergossen, daß man in Wahrheit sagen kann, es sei zu unserer Zeit weder unter Christen noch unter Barbaren ein so grausamer Fürst oder Tyrann gewesen, der nicht in Vergleich mit ihm noch für mitleidig gelten könnte. Daß ein Fürst, um sich in seiner Herrschaft zu behaupten, einen umbringt, der ihn daraus zu vertreiben sucht, das ist nichts Ungewöhnliches noch Neues; denn in Wahrheit kann ja ein Reich auch nicht zwei fassen. Und wenn mir die Äußerung erlaubt wäre und heilige Dinge mit ungeweihten zusammengestellt werden dürften, so würde ich sagen, unser Herrgott habe ja auch den stolzen Luzifer nicht im Himmel dulden wollen, da dieser elende ehrgeizige Engel sich ihm gleichzustellen gedachte. Aber wie man zu sagen pflegt, mit kaltem Blute einen umbringen lassen und, weil einer meinen unordentlichen Begierden sich nicht fügen will, ihn ermorden, daß das gut und erlaubt sei, davon werde ich mich nie überzeugen. Ich schäme mich daher oft im stillen, wenn ich höre, wie manche es sogar leicht nehmen, Menschen ums Leben zu bringen und zwar nicht nach Recht und Gerechtigkeit, sondern einzig und allein, um ihren krankhaften Gelüsten zu genügen. So hat es Soliman noch nicht gemacht, der gegenwärtig türkischer Kaiser ist, und von dem man bis jetzt nicht gehört hat, daß er seinem Vater und seinen Ahnen nachgeahmt habe, die alle stets geneigt waren, diese und jene umbringen zu lassen und namentlich Leute von ihrem eigenen ottomanischen Blute; denn man weiß kein Beispiel anzuführen, daß er einem nur so aus Laune das Leben nahm, sondern immer nur aus Gerechtigkeit oder um die Kriegszucht aufrechtzuerhalten. Und doch ist er ein Mohammedaner und sitzt schon siebenundzwanzig Jahre auf dem Thron. Man wird mir vielleicht einwenden, er habe Ibrahim Pascha, seinen großen Günstling, umbringen lassen. Darüber will ich euch sagen, was in Venedig von Leuten gesagt wird, die am Hofe des Großtürken bekannt sind, und die versichern, Soliman habe gefunden, daß ihm Ibrahim in den Kriegen gegen die Perser schlechte Dienste geleistet und die Aufträge, die er ihm gegeben, nicht ausgeführt habe, und deshalb habe er beschlossen, sich ihn aus den Augen zu schaffen. Weil aber Ibrahim anfangs in Gunst war, habe ihm Soliman die unbeschränkteste Sicherheit und freies Geleite gewährt und sein Wort und seine Zusage nicht brechen wollen. Er beriet sich daher mehrmals mit seinen Priestern, die (ich weiß nicht, in welchen Gesetzen sie diese Entscheidung gefunden haben mögen) ihm den Ausspruch taten, wenn er dem Ibrahim, während er schlafe, die Adern öffnen lasse, so breche er damit die gegebene Sicherheit nicht. Und wirklich wurde der unglückliche Ibrahim im Schlafe getötet. Es ist mir ganz zum Ekel, mich unter so vielen Toten zu bewegen, zumal da ihr so vieles dieser Art erzählt habt und ich gleichfalls einiges davon berichtet habe. Ich will daher diese trübseligen Dinge voll Blutes und Jammers nunmehr verlassen, und indem ich auf das komme, was eigentlich den Gegenstand meiner Erzählung bilden soll, nur noch die Bemerkung vorausschicken, daß, wie es den Appiern angeboren war, Feinde des niedern Standes der Römer zu sein, und wie die Scipionen dazu bestimmt waren, in Afrika zu siegen, daß es, wie mir scheint, ebenso diesen englischen Königen ganz eigentümlich ist, ihre Blutsverwandten auszurotten und den Adel zu verfolgen und Geistliche niederzumetzeln und Kirchengüter zu rauben.

Um nun auf meinen Gegenstand zu kommen, sage ich, daß Eduard, König von England, jener erbitterte Feind des Königreichs Frankreich, auch einen sehr heftigen Krieg mit den Schotten hatte und sie sehr in Not brachte, wie in den englischen Chroniken zu lesen ist. Er nahm zur Frau die Tochter des Grafen von Hennegau, von der ihm mehrere Söhne geboren wurden und unter andern der erstgeborne, der gleichfalls Eduard hieß, der Prinz von Wales, ein in Sachen des Kriegs sehr berühmter Jüngling, der nicht weit von Poitiers das französische Heer besiegte und mit den Waffen in der Hand den König Johann gefangennahm und ihn seinem Vater nach England schickte.

Als nun der König Eduard in Krieg mit den Schotten verwickelt war, wobei Wilhelm Montacute, sein Feldhauptmann in der Grafschaft March in Schottland, Roxburg befestigte und einige schöne Unternehmungen machte, schenkte er ihm die Grafschaft Salisbury und verheiratete ihn ehrenvoll mit einer Jungfrau aus gutem Adel. Er schickte ihn darauf in Gesellschaft des Grafen von Suffolk nach Flandern, wo sie beide von den Franzosen gefangengenommen und nach Paris in den Louvre geführt wurden. In dieser Zeit belagerten die Schotten die Burg Salisbury, wobei sich die Gräfin keineswegs als junges, zartes und schüchternes Weib benahm, sondern als eine Camilla und Penthesilea bewährte: denn sie befehligte mit so großer Klugheit, Feuer und Kraft ihre Soldaten und fügte ihren Feinden so viel Schaden zu, daß sie durch die Nachricht, der König komme dem Platze zu Hilfe, sich bewegen ließen, die Belagerung aufzuheben. Der König, der schon von Warwick aufgebrochen war und gegen Salisbury vorrückte, um die Schotten zu bekämpfen und ihnen eine Schlacht zu liefern, war, als er von ihrem Wegzug hörte, schon im Begriff, den Rückweg anzutreten; als man ihm aber von den großen Belagerungsanstalten erzählte, die die Schotten an der Burg Salisbury errichtet hätten, beschloß er, hinzugehen und sie zu sehen. Als die Gräfin, welche Alix hieß, von dem Herannahen des Königs Kunde erhielt, traf sie alle erforderlichen Vorbereitungen, soweit es in so kurzer Zeit möglich war, und sobald sie hörte, der König sei in der Nähe der Burg, eilte sie ihm entgegen, nachdem sie erst alle Tore der Burg hatte öffnen lassen. Sie war das schönste und anmutigste junge Weib auf der ganzen Insel, und wie sie alle andern Frauen an Schönheit übertraf, ebenso war sie auch jeder andern an Ehrbarkeit und guten Sitten überlegen.

Als der König sie so schön sah und so reich gekleidet, wobei der Kopfschmuck und der Aufputz ihres ganzen Leibes die angebornen Reize der Frau wunderbar erhöhten, war es ihm, als hätte er nie in seinem Leben etwas Lieblicheres und Schöneres gesehen, und er faßte alsbald Liebe für die Gräfin. Sie verbeugte sich vor ihrem König und wollte ihm ehrfurchtsvoll die Hände küssen; aber er duldete es nicht, sondern faßte sie freundlich, um nicht zu sagen liebevoll, in seine Arme und küßte sie. Alle die Barone und Herren, die mit andern Edelleuten sich im Gefolge des Königs befanden, waren über den Anblick einer so unvergleichlichen Schönheit außerordentlich erstaunt und vermeinten, kein sterbliches Weib, sondern eine göttliche Erscheinung zu sehen. Mehr als alle aber war der König selbst voll der größten Verwunderung und wußte die Augen nicht von ihr zu wenden, als die Frau, die auch schön und hold zu sprechen verstand, nachdem sie dem König ihre Ehrfurcht bezeugt hatte, ihm mit wohlgesetzten Worten den innigsten Dank ausdrückte für die ihr zugedachte Hilfeleistung und beifügte, die Schotten hätten, sobald sie von seinem Aufbruch von Warwick Kunde erhalten, die Belagerung aufgehoben und nicht das Herz gehabt, ihn zu erwarten.

Und während sie sich so über die neuesten Vorfälle unterhielten, traten sie unter Jubel und Festlichkeit miteinander in die Burg. Während das Frühstück bereitet wurde, fühlte der König, der gekommen war, das Geschütz der Schotten zu sehen, sich so sehr vom Geschütz der Liebe beunruhigt und den Weg durch die Augen zum Herzen eröffnet durch das Blitzen der schönen Augen der Frau, daß er kein Mittel wußte, sich zu verteidigen; im Gegenteil, je mehr er daran dachte, um so schneller fiel eine Mauer um die andere; mit jedem Augenblick schien es, als ob er sich von diesen schönen Augen getroffen fühlte, und er war nicht imstande, seine Aufmerksamkeit anderswohin zu lenken. Er hatte sich ganz allein an ein Fenster gelehnt, an seine Liebe denkend und auf Mittel sinnend, wie er die Neigung der Schönen erwerben könne. Mittlerweile, da sie den König so allein und so nachdenklich sah, näherte sie sich ihm ehrerbietig und sagte zu ihm: »Durchlauchtigster Herr, warum seid Ihr so in Gedanken, und Eure Züge verraten solchen Trübsinn? Es ist Zeit, Euch zu erheitern und Euch der Freude und dem Jubel hinzugeben, da Ihr, ohne eine Lanze zu brechen, Eure Feinde verjagt habt, die eben dadurch, daß sie nicht wagten, Euch zu erwarten, sich für besiegt bekannt haben. Ihr solltet daher aufgeräumt sein und durch Euren heitern Anblick Eure Soldaten ermuntern und das ganze Volk, das von Eurer Miene abhängt. Wie sollen aber sie sich erheitern, wenn sie sehen, daß Ihr, ihr Haupt, verdrießlich ausseht?«

Als der König diese holde Engelsstimme vernahm und hörte, was sie sprach, beschloß er, ihr seine Liebe zu entdecken und die Frau womöglich zur Erfüllung seiner Wünsche geneigt zu machen. Wahrlich, höchst wunderbar und eindringlich sind die Flammen der Liebe und sehr mannigfaltig, indem sie nach ihrer Verschiedenheit, wo sie sich anhängen, unterschiedliche Wirkungen hervorbringen! Da ist einer von der glühendsten Liebe entflammt, der Tag und Nacht nichts tut als klagen, weil das Feuer ihm allzu große Pein bereitet, in dessen Glut er sich elendiglich verzehrt; und wenn er gegen seine Freunde und Gefährten sich beklagt, ergießt sich ein Strom von Worten aus seinem Munde, der unaufhörlich fließt und nie vertrocknet; aber wenn er seine Geliebte sieht und sich entschließt, ihr zu sagen, wie sehr er um ihretwillen in tödlicher Pein schwebt, fürchtet er sich, wie ein Kind vor seinem Lehrmeister, und wird so stumm, daß er kein gehöriges Wort vorbringen kann, und so kann er in stiller Glut sich monate- und jahrelang verzehren. Und doch würde der, der vor den Augen der Geliebten auf diese Weise zittert und schweigt, keinen Schritt weichen vor einem, ja vor zwei gerüsteten Männern und würde vor großen Fürsten und Königen nicht nur gut, sondern mit kühner und fester Stimme seine Angelegenheiten vorbringen. Ein anderer dagegen wird in demselben Augenblicke, wo er sich verliebt, und wo er durch alle Adern das zarte, giftige, flüssige Feuer der Liebe sich verbreiten fühlt, das in ihm keinen Zoll breit undurchglüht läßt, so mutig, daß er, sooft er Gelegenheit hat, mit seiner Geliebten zu sprechen, ihr alle seine Leidenschaft in heißen Ausdrücken entdeckt, und oft ist auch schon der erste Tag seiner Liebe der erste, an dem er seine Glut offenbart. Von dieser Art war König Eduard, der, sobald die Gräfin schwieg, mit bewegter Stimme und mit tränenerfüllten Augen also zu ihr sprach: »Ach, meine teure Gräfin, weh mir! Wie weit sind meine Gedanken von dem entfernt, was Ihr Euch vielleicht einbildet!«

Und während er dies sagte, konnte er sich nicht erwehren, ein paar Tränen über die Wangen rollen zu lassen. Dann fuhr er fort: »Es ist ein glühendes Verlangen, das mich auf das heftigste belästigt, und ich bin nicht imstande, es mir aus dem Herzen zu reißen; es ist darin entsprossen erst, seit ich hier bin, und ich weiß nicht, was ich beginnen soll.«

Die Gräfin schwieg, als sie sich den König so gebärden sah, und wagte nichts zu sagen; ja sie wußte auch nicht, was sie hätte sagen sollen, bis der König mit einem kläglichen Seufzer sie fragte: »Was sagt Ihr, edle Frau? Wißt Ihr mir keinen Trost zu reichen?«

Sie ermutigte sich etwas und antwortete, da sie eher an alles andere als an die Wahrheit dachte: »Mein König, ich wüßte nicht, welches Heilmittel ich Euch reichen sollte, da ich ja das große Übel nicht kenne, das Euch zu belästigen scheint. Wenn es Euch bekümmert, daß der König von Schottland unsere Heimat beschädigt hat, so ist ja doch der Schaden nicht so groß, daß er verdiente, daß eine so hohe Person sich ernstlich darüber betrübe. Überdies seid Ihr, Gott sei Dank, in der Lage, die Schotten durch eine doppelt so große Verwüstung büßen zu lassen, wie Ihr wohl sonst schon getan habt. Durchlauchtigster Herr, es ist nun Zeit, zum Essen zu kommen, und darum müßt Ihr solche Gedanken verbannen.«

Da wurde der König etwas heiterer und sagte zu ihr: »Ach, meine teure Gräfin, ich fühle, wie mein Herz von übermäßiger Pein zerspringen will, und ich muß, wenn ich nicht mein Leben einbüßen will, Euch das Geheimnis meines Herzens eröffnen und die Ursache meines peinvollen Schmerzes entdecken; denn mir scheint, es zieme sich weder für Euch noch für mich, daß sonst noch jemand darum wisse. So vernehmet denn, daß, sowie ich in Salisbury ankam und Eure unglaubliche übermenschliche Schönheit erblickte und Euer kluges und ehrbares Wesen, Eure Anmut und Mannhaftigkeit nebst all den andern Vorzügen, die an Euch glänzen, wie ein Edelstein in helles, schimmerndes Gold gefaßt, – daß ich in demselben Augenblick als Euer Gefangener und von den göttlichen Strahlen Eurer schönen Augen mich so versengt fühlte, daß ich nicht mehr mein eigener Herr bin, sondern ganz und gar von Euch abhänge, dergestalt daß mein Leben und mein Tod in Eure Hände gelegt sind; denn sobald ich erkenne, daß Ihr zufrieden seid, mich als den Eurigen anzunehmen und Mitleid mit mir zu haben, so werde ich leben als der froheste und glückseligste Mensch von der Welt; wenn Ihr aber zu meinem Unstern Euch gegen diese meine Liebe spröde zeigt und Euch nicht geneigt erweiset, dem heftigsten Wehe Linderung zu reichen, das mich merklich immer mehr verzehrt wie das Feuer das Wachs, so wird in kurzem das Ziel meiner Tage herbeikommen; denn es ist mir ebenso unmöglich, ohne Eure Gunst zu leben, als ein Mensch ohne Seele leben kann.«

Damit beschloß der König seine Rede und erwartete die Antwort der Schönen, die, sobald sie sah, daß er geendet hatte, mit gespannter Besonnenheit und mit ernster, sittsamer Miene ihm also antwortete: »Hätte ein anderer als Ihr, mein König, diese Worte zu mir gesprochen, so weiß ich wohl, welche Antwort er von mir hätte erhalten sollen. Da ich aber wohl merke, daß Ihr Spaß treibt und aus Scherz Euch über mich lustig macht oder vielleicht mich auf die Probe stellen wollt, so will ich Euch, um diese Unterhaltung auf einmal abzuschneiden, sagen, daß mir auch nicht ein einziger Grund dafür zu sprechen scheint, daß ein so edler hoher Fürst wie Ihr nur auf den Gedanken, geschweige zu dem Entschluß kommen könne, mir meine Ehre zu rauben, die mir teurer sein muß als mein Leben. Auch werde ich nun und nimmermehr glauben, daß Ihr so wenig Rücksicht nehmt auf meinen Vater und meinen Gatten, die um Euretwillen als Gefangene in der Gewalt des Königs von Frankreich, unseres Todfeindes, sind. Gewiß, durchlauchtigster Herr, Ihr würdet sehr in der Achtung der Welt verlieren, wenn man von dieser ungeregelten Begierde erführe, und Ihr würdet auch von mir nie etwas erlangen, da ich nie daran gedacht habe und jetzt ebensowenig daran denke, meinem Gemahl Schmach anzutun; denn ich bin entschlossen, die eheliche Treue, die ich bei meiner Vermählung ihm gelobt habe, rein und unbefleckt zu erhalten bis an mein Ende. Und wenn ich je daran dächte, eine ähnliche Niederträchtigkeit mit irgendeinem Manne zu begehen, so würde es Euch, mein König, zukommen, bei der Gefangenschaft meines Vaters, meines Gatten und aller meiner Angehörigen mich deswegen eindringlich zu tadeln und mir die gebührende Züchtigung angedeihen zu lassen. Darum, ritterlicher Herr, der Ihr andere zu besiegen und zu unterwerfen pflegt, besiegt und unterjocht Euch selber, reißet die unordentlichen und unehrbaren Lüste aus Eurem Herzen und habt acht auf die Erhaltung und Mehrung des Reichs!«

Die Begleitung, die der König bei sich hatte, glaubte, als sie diese vertrauliche Unterredung bemerkte, sie sprechen von der überstandenen Belagerung und vom Kriege. Unterdessen kam der Seneschall und verkündete, die Mahlzeit sei bereit. Der König ging deshalb weg und setzte sich zu Tisch, aß aber nichts oder nur sehr wenig, da er ganz in Gedanken und seiner übeln Laune hingegeben war. Sooft er einen passenden Zeitpunkt ersah, der Frau vom Hause seine Liebe anzudeuten, warf er gierige und leidenschaftliche Blicke auf sie, und wenn er auch suchte, das kochende, hellodernde Feuer zu dämpfen, das ihn auf erbärmliche Weise versengte, so machte er es nur um so größer und verstrickte sich immer mehr in das Liebesnetz, wie ein Vogel an der Leimrute. Die Barone und andere, die diese ungewöhnliche Haltung des Königs bemerkten, wunderten sich sehr darüber; doch konnten sie die wahre Ursache nicht erraten.

Der König blieb den ganzen Tag in Salisbury, betrachtete die von den Schotten zurückgelassenen Belagerungsanstalten und sprach ausführlich darüber mit seinen Leuten, hatte aber daneben seine Gedanken beständig bei der sittsamen Antwort, die ihm die Dame gegeben hatte. Je mehr er aber die Wahrheit ihrer Gründe und die Ehrbarkeit ihrer Gesinnung achtete, desto mehr versank er in Betrübnis, ja in Verzweiflung darüber, daß er seine Absicht nicht erreichen werde, die unabänderlich dahin ging, mit ihr die Freuden der Liebe zu genießen. Es ist in der Tat merkwürdig, daß fast alle diese wollüstigen Liebhaber, wenn sie in Gesellschaft ihrer Bekannten sind, wofern sie überhaupt einige Sitte und Anstand besitzen, immer die Frauen preisen, die sie lieben, sie mit rühmenden Worten bis in den dritten Himmel erheben und nie müde werden, sie zu erhöhen und zu empfehlen. Gewöhnlich sodann, wenn sie ihnen alle Lobsprüche erteilt haben, die ihnen einfallen, als über ihre Schönheit, Anmut, Freundlichkeit, Bescheidenheit, Klugheit, Verstand, edles Benehmen und Gefälligkeit, so ist die hehrste und seltenste Tugend, die sie mit den pomphaftesten Lobpreisungen erheben und in Gesängen zu feiern sich abmühen, der an keiner Frau jemals nach Gebühr zu preisende Vorzug der Keuschheit und Sittsamkeit. Diese Tugend wird an den Frauen so sehr wertgehalten und geachtet und macht sie so schätzbar, ja wahrhaft bewundernswürdig, daß, wenn sie alle Reize und löbliche Eigenschaften besäßen, die dem weiblichen Geschlechte zukommen, und diese eine ginge ihnen ab, sie ganz und gar die Achtung und die Ehre verlieren und zu Weibern des Pöbels herabsinken. Die Liebhaber nun, so sehr sie an ihren Geliebten den kostbaren Schatz der Sittsamkeit erheben, empfinden dennoch, wenn sie durch eigene Erfahrung kennenlernen, daß sie keusch sind, darüber das größte Mißbehagen und möchten gerne, daß sie gegen alle anderen Männer im höchsten Grade sittsam, spröde und streng wären, wofern sie sich nur gegen sie gefällig und gegen ihre eigenen unehrbaren Gelüste fügsam finden ließen. Wenn sie aber die Erfüllung ihrer wollüstigen Wünsche nicht erreichen, so nennen sie jene keusche Gesinnung und jenes schamhafte Benehmen, das sie vorher immer lobten und so hoch erhoben, Grausamkeit, Hochmut und Stolz.

So machte es auch der König Eduard, als er sah, daß die Gräfin fest auf ihrem Vorsatz beharrte und sich seinen Bitten keineswegs fügte, sondern immer widerspenstiger dagegen sich zeigte, und er nannte sie einen wilden Tiger, ein eigensinniges grausames Weib. Da er wegen anderer dringender Geschäfte nicht Zeit hatte, länger in Salisbury zu verweilen, brach er in der Hoffnung, später einmal bessere Gelegenheit zur Förderung seiner Wünsche zu erhalten, am folgenden Tag mit dem frühesten auf und ging fort. Als er von der Dame Abschied nahm, sagte er leise zu ihr, er bitte sie, sich über diese Sache eines Bessern zu besinnen und Mitleid mit ihm zu haben. Sie aber antwortete ihm ehrerbietig, sie bitte Gott, diese Gedanken aus seinem Sinne zu verbannen und ihm Sieg über seine Feinde zu verleihen.

Mittlerweile war der Graf, ihr Gemahl, aus der Gefangenschaft frei geworden; kurz darauf aber, sei es infolge des erduldeten Ungemachs oder was die Ursache sein mochte, wurde er von einer sehr schweren Krankheit befallen und starb, ehe ihm noch eine Entschädigung zuteil wurde; und da er von seiner Gattin Alix keine Söhne noch Töchter erhalten noch auch sonst einen Erben hatte, der ihm hätte folgen können, so fiel die Grafschaft Salisbury wieder in die Hände des Königs zurück. Die Frau war äußerst betrübt über den Tod ihres Gemahls und zog sich nach einigen Tagen in das Haus ihres Vaters, des Grafen von Warwick, zurück, der als einer der Räte des Königs in London wohnte.

Es war in jener Zeit ein Krieg in der Bretagne zwischen Karl von Blois, der sich zum Herzog der Bretagne hatte erklären lassen, und der Gräfin von Montfort, der früheren Herzogin des Landes. Der König von Frankreich begünstigte Karl von Blois, seinen Vetter, und Eduard gewährte der Gräfin alle mögliche Hilfe, nachdem er erst einen Waffenstillstand mit den Schotten geschlossen hatte. Aus Veranlassung dieses Krieges wohnte er jetzt in London, und sobald er erfuhr, daß Alix sich hierher zurückgezogen hatte, dachte er, seine Liebschaft einigermaßen fördern zu können. Der König hatte diese Erinnerung in seinem Herzen immer festgehalten und vermochte seine Gedanken durchaus nicht auf einen andern Gegenstand zu lenken. Die Dame war nunmehr fünfundzwanzig bis sechsundzwanzig Jahre alt und nahm sich in ihrem Witwenkleide besser aus als je. Wie schon gesagt, war sie außerordentlich schön und verband mit dieser hohen Schönheit und Anmut und ihren andern schönen Eigenschaften die vollkommenste Sittsamkeit, was denn dem König die bitterste Zeit bereitete, ihr selbst aber am Ende, wie ihr hören werdet, die ewige Seligkeit verdiente.

Der König also liebte mehr als je und setzte alle diejenigen Mittel ins Werk, durch die man die Gunst und Liebe einer Frau erwerben zu können behauptet. Da es aber dennoch mit der Erfüllung seiner Wünsche keinen beträchtlichen Schritt vorwärtsging, verzweifelte er fast an allem Erfolg seiner Liebe, und da er sich nicht losmachen wollte noch konnte, wußte er weder zu sterben, noch konnte er sich des Lebens freuen. Es war mehr als neun Monate, daß er so unglücklich liebte, und sooft er sie sah, glühte er immer von neuem Verlangen; er liebte sie mehr als alle geschaffenen Wesen, und nicht wie seine Untertanin, sondern schätzte und verehrte sie, als wäre sie die einzige Kaiserin der ganzen Welt. Doch mäßigte er sich insoweit und hielt seine Begierde im Zaum, daß er soviel als möglich allen andern diese seine glühende Liebe verhehlte und verborgen hielt. Nur einen seiner vertrautesten Kammerdiener hatte er mit in das Geheimnis gezogen; mit ihm sprach er dann oft von der Frau und von ihrer grausamen Sprödigkeit und glaubte dadurch einigermaßen seinen Liebesflammen Erleichterung zu gewähren. In der Tat muß jeder Liebende verschwiegen sein, denn die Liebe erheischt Verschwiegenheit und Treue, und nicht nur muß er sparsam sein mit Worten, die einem andern Kunde und Anzeichen geben könnten, welche Frau er liebt, sondern noch viel mehr behutsam muß er in seinen Handlungen sein, damit nicht das allzu häufige Vorübergehen vor ihrem Hause oder die vielen Höflichkeitsbezeigungen mit jenen Verbeugungen und Torheiten in spanischer Weise den Leuten das offenbaren, was man möglichst geheimhalten muß. Ich will jetzt nicht von denen sprechen, die, sobald sie eine Frau sehen, die ihnen gefällt, anfangen, ihr den Hof zu machen mit mehr Zeremonien als in der päpstlichen Kapelle zu Rom, und die sich so geschickt benehmen, daß in weniger als einer Woche die ganze Stadt merkt, daß sie eine Absicht auf jene Frau haben. Geht die Frau zur Kirche, so laufen solche Leute ihr auf dem Fuß nach und weichen Tag und Nacht nicht von ihrer Spur. In der Kirche sodann stellen sie sich ihr so gegenüber und heften ihre Blicke fest auf ihr Gesicht, als wären sie darauf festgebannt und versteinert. Dieselbe Haltung nehmen sie bei Festen, Tänzen und Spielen ein und begleiten sie auf den Straßen mit lauten feurigen Seufzern, so daß die Frau nie einen Schritt tun kann, ohne daß ihren Ohren der lästige Ton der Seufzer, ihren Augen das nachlässige Gehaben dieser zudringlichen Verliebten begegnet. Und noch nicht zufrieden mit diesen öffentlichen Schaustellungen, vielleicht aus Besorgnis, die Leute möchten nicht merken, was sie tun, wollen sie auch noch mit wirklichen Worten sich bemerklich machen; denn wo sie immer sind, wissen sie von nichts zu sprechen als von ihrer Geliebten und meinen, man müsse sie höher achten, weil sie solche Albernheiten begehen. Aber Gott bewahre alle anmutigen Frauen vor diesen ruhmredigen Narren, die nachher so weise sind, daß, wenn sie einen freundlichen Blick bekommen, sie davon auf den Märkten predigen. Stellt euch hiernach vor, was sie täten, wenn sie von ihren Geliebten eine ausgezeichnete Gunst empfingen! Ich glaube, sie würden Trompeter an jede Straßenecke hinstellen, um ihre Liebeshändel bekanntmachen zu lassen. Wie ich nun solche Unverschämte tadle und die Frauen ermahne, sich vor ihnen zu hüten wie vor der Pest, so habe ich allen Grund, diejenigen um so viel mehr zu preisen, die im stillen lieben und sich so halten, daß sie ihren Geliebten wohl zu merken geben, daß sie ihnen dienen, ohne öffentlichen Ausruf, ohne die Luft mit Seufzern zu füllen, daß es aussieht, als hätten sie einen Ätna im Leib, und ohne die Leute irgend etwas merken zu lassen. Und weil es Leute gibt, die, wenn sie eine Frau von Stande lieben, nicht wollen, daß diese Liebe irgend jemand in der Welt offenbar werde, sondern daß, wer liebt, in Schweigen glühe, so bin ich, wenn er nicht durch sich selbst einen Weg hat, sich der Geliebten zu entdecken, der entgegengesetzten Meinung und hege die bestimmte Ansicht, daß es für jeden, der liebt, sei es hoch oder niedrig, notwendig ist, einen vertrauten Genossen zu haben, aber nicht mehr, und daß er diesem seine geheimen Gedanken mitteile. Denn es hat noch niemand bezweifelt, daß oft, wer glühend liebt, Augen und Sinn dermaßen verblendet hat, daß in vielen Fällen, welche vorkommen können, er sich nicht losmachen und ohne fremde Hilfe sich nicht raten kann. Es ist gewiß, wenn ein solcher Mensch nicht jemand hat, der ihn berät, so wird er tausend ungeheure Irrtümer begehen und, verleitet von blinder Leidenschaft, unüberlegt seine zügellosen Wünsche zur Ausführung bringen und vielleicht eine solche Torheit begehen, daß Salomon mit all seiner Weisheit sie nicht mehr wiedergutmachen könnte. Wenn er aber einen Freund hat, der sich ihm durch lange Erfahrung als getreu und klug bewährt hat, so kann er in dessen Brust die ganze Bürde seiner Gedanken und jedes Geheimnis seines Herzens frei entlassen und niederlegen. Sodann kann der Freund, dem von der Leidenschaft der Liebe nicht die Augen des Verstandes umhüllt sind, ohne Gefahr alles raten und wird tausend passende Mittel, nach dem Bedürfnis, auffinden, die der von der Leidenschaft behaftete und in die Netze der Liebe verschlungene nicht in Anwendung zu bringen weiß. Wie soll denn, wenn in unglücklichen Verhältnissen der Liebende in tausend Widerwärtigkeiten verwickelt bleibt, wenn er sich abgewiesen sieht, wenn er erkennt, daß er sich umsonst abmüht, und daß seine Knechtschaft der Frau, der er folgt, nicht teuer ist, – wie, sage ich, soll er ein Mittel finden für seine Schmerzen und von selbst ohne fremde Hilfe sich aufrichten, wenn er nicht jemand hat, dem er seine Leiden mitteilen und mit dem er manchmal verhandeln kann, welches der sichere Weg ist und welches Verfahren er als das zuverlässigere verfolgen soll? Denn eine Freude und ein Vergnügen, das der Liebende genießt und das er niemand mitteilen kann, gewährt nicht halb so viel Lust wie dasjenige, das man einem Freunde eröffnet; denn die Freuden und Genüsse, die die Liebe ihren Jüngern bereitet, und die in einer einzigen Brust verschlossen bleiben, ermangeln sehr der vollendeten Lust und bleiben schwach und frostig, während diejenigen, die dem treuen Genossen geoffenbart werden, fortwährend größer werden und immer neue Befriedigung gewähren. Und was ich hier von dem Manne sage, muß ich glauben, daß auch der liebenden Frau Bedürfnis ist, da in der Regel die Frauen allesamt von schwächerem und zarterem Temperament sind als die Männer und von Natur teilnehmender und mitleidiger, auch weniger fähig, die Flammen der Liebe zu ertragen, sobald sie das gewöhnliche Maß überschreiten, da sie, verzeiht mir, ihr Männer, inbrünstiger und mit größerer Hingebung lieben als wir und nicht so zu heucheln und sich zu verstellen wissen, wie viele tun, die es wie einen Triumph ansehen, wenn sie diese und jene angeführt haben.

Um aber zu unserer Geschichte zurückzukehren, so wußte jedermann aus dem ungewöhnten Leben, das der König führte, daß er von Liebe glühe; wen er aber liebe, das konnte niemand ahnen, weil er, um sich nicht zu verraten, sich vor allen Damen verneigte und ihnen seine Ehrerbietung bezeugte, je nach Maßgabe ihres Ranges und Standes; aber über alle und mehr als alle war die schöne Alix von ihm verehrt und angebetet. Sie, die von hochstrebendem Geist und sehr verständig war, merkte leicht, daß der König damit, daß er den Ort verändert, seine Gesinnung nicht verändert habe, und daß er in der Tat noch derselbe sei, wie er sich in Salisbury ausgesprochen hatte. Nichtsdestoweniger kümmerte sie sich nicht um seine Liebe, entfernte sich nicht von ihrem keuschen Vorsatz, und wenn ein Anlaß war, ihm Ehre und Hochachtung zu beweisen, so verbeugte sie sich vor ihm als ihrem König und Herrn, zeigte aber durch ein gewisses Etwas in ihrem Gesicht dem Könige zur Genüge, daß er sich vergeblich bemühe, ihre Liebe zu erwerben und zu genießen. Ja sogar, je mehr sie sich spröde zeigte, desto mehr geriet der König in Flammen und strengte sich an, mit offeneren Erklärungen und Liebeshandlungen ihr deutlich zu machen, was ihr bereits deutlich genug war; so sah die sittsame und anmutige Alix, daß der schlimme Zustand des Königs nur noch schlimmer wurde und sein Leiden stets im Zunehmen begriffen war; um ihm daher nicht Veranlassung zu geben, etwas zu beginnen, was ihr hätte zur Schmach ausschlagen können, da sie auch nicht den entferntesten kleinsten Gedanken hatte, ihm nachzugeben, faßte sie den Entschluß, alle Gründe aus dem Wege zu räumen, die den König verleiten könnten, sie zu lieben. Sie fing daher an, seltener auszugehen, sie ließ sich auch seltener am Fenster blicken, und wenn es unvermeidlich war, einen Ausgang zu machen, so kleidete sie sich in einfache Kleider und mied alle Straßen und Orte, wo sie dem König begegnen zu können glaubte. In kurzem merkte er dies, und da er von übergroßem Liebesschmerz fast umkam, war er nahe daran, Gewalt zu gebrauchen. Weil aber, wer wahrhaft verliebt ist, niemals verzweifelt, vielmehr aufs eifrigste immer, wie ein Spürhund der Fährte des Wildes nachforscht, die seiner Geliebten und so lange verfolgt, bis er eine Spur von ihr findet, ließ er auch nicht nach und suchte so lange, daß Alix selten ausging, ohne daß er wußte, wann und wohin sie ging; da lief er ihr dann drei-, viermal in den Weg und weidete wenigstens seine Augen an ihrem holden, liebenswürdigen Anblick. Wie gesagt, legte sie grobe Gewänder an und sah so ohne ihre gewöhnlichen Kleider mehr einer Nonne ähnlich als einer weltlichen Frau. Aber die Wunde war in den Busen des Königs so tief geschlagen, daß die Frau durch all ihr Nachlassen dem König nicht viel half; denn wie unser lieblicher Petrarca ganz richtig sagt: die Wunde nimmt nicht ab durch das Nachlassen des Bogens. Dann war Alix' natürliche Schönheit so groß, daß, wenn sie auch in das rauheste und gemeinste Tuch von der Welt gekleidet gewesen wäre, man doch immer gesehen hätte, daß sie sehr schön war.

Da nun der König sah, daß er es nicht dahin bringen konnte, daß sie mit seiner Liebe Erbarmen hatte, ließ er mehrmals seinen vertrauten Kammerdiener mit ihr sprechen, verhieß ihr alles, was ihr Mund begehren könne, und ließ diejenigen Liebesworte in Anwendung bringen, die man bei ähnlichen Gesandtschaften zu sprechen pflegt. Sie aber, die in ihrem keuschen Vorhaben sich ernstlich festgesetzt hatte, gab dem Kammerdiener dasselbe zur Antwort, was sie dem König in Salisbury schon selbst gesagt hatte. Der Kammerdiener mochte sagen, soviel er wollte, und alle Beredsamkeit und Redekunst aufbieten, wie sie nur einem Demosthenes und Cicero eigen war, – er konnte keine freundliche Antwort aus ihr herausbekommen. Und da der König die Härte merkte, die ihm doch allzu roh deuchte, unterließ er doch nicht, ungeachtet er unendlichen Schmerz darüber verspürte, noch drei- oder viermal die Festigkeit der Frau auf die Probe zu stellen; aber alle Mühe war hinausgeworfen: denn sie hatte bei sich beschlossen, eher zu sterben, als ihre Ehre zu verlieren.

Da nun der König sah, daß, was er auch unternahm, ihm nicht vorwärtshalf, daß es vielmehr von Tag zu Tag schlimmer mit seiner Sache stand, kam er auf den Argwohn, ihr Vater möchte die Veranlassung ihrer Härte sein; denn er konnte nicht glauben, daß je in dem Herzen einer jungen Frau eine solche und so heftige Starrheit wohnen könne, wenn sie nicht von einer Person, die Einfluß auf sie übe, beständig genährt und erhalten werde. Diese Annahme verursachte dem König unendliche Schwermut und das äußerste Mißvergnügen; denn eine große Gerechtigkeit ist dem Liebenden eine schwere Beleidigung. Nach verschiedenen Gedanken und Überlegungen, die er bei sich selbst anstellte, da er sich vornahm, die Gewalt bis auf das letzte aufzusparen, kam er auf den Einfall, geblendet von der Fleischeslust, wie er war, mit ihrem Vater offen zu sprechen und mit Verheißungen, Schmeicheleien und Vermehrung der Einkünfte in Wort und Tat nicht nachzulassen, bis er mittels desselben in den Besitz der Tochter gekommen wäre. Siehe da, zu welcher Verblendung, zu welchem ungeheuren Irrsal die sinnliche, ungeordnete Liebe den von ihr befangenen Menschen bringt, daß sie ihn glauben macht, es sei ein leichtes, einen Vater zu überreden, daß er seine eigene Tochter zur Ware herabwürdige und, als wäre sie ein Reitpferd, mietweise ausleihe. Man sieht deutlich, daß solche Leute durchaus den Gebrauch der Vernunft verloren haben. Denn wenn sich auch manchmal Väter und noch viel öfter Mütter finden, die so wenig taugen und so verrucht sind, daß sie ihre eigenen Töchter ums Geld verkaufen wie die Metzger das Fleisch auf der Schlachtbank, so müssen wir darum doch von selbst erröten, sooft wir daran denken, sie dahin bringen zu wollen, ein so schimpfliches Verbrechen zu begehen, geschweige wenn wir schamlos von solchen Dingen mit ihnen reden.

Wohl war der König Eduard völlig von blinder Begier umnebelt und außer sich, da er im Sinne hatte, von seiner Angelegenheit mit dem Grafen Richard zu sprechen. Nachdem er nun diese Überlegung angestellt und reiflich bedacht und überdacht hatte, was er sagen wolle, teilte er alles seinem vertrauten Kammerdiener mit und bat ihn auch darüber um seinen Rat. Der Kammerdiener, ein kluger Jüngling mit offenem Kopfe, hielt es für allzu unverständig, bei einer solchen Veranlassung die Dienstleistung des Vaters in Anspruch nehmen zu wollen, um die Tochter zu verführen, und sagte, es wäre übel getan, wenn er sich dem Grafen Richard bei dieser Angelegenheit entdeckte; er müsse sich im Gegenteil vor diesem mehr in acht nehmen als vor sonst jemand. Dabei führte er viele Gründe an, die ihn zu diesem Ausspruche bewogen, und bekundete die feste Überzeugung, daß der Vater nie zu einer solchen Verruchtheit seine Zustimmung geben würde. Und möge auch daraus entspringen, was wolle, versicherte der Kammerdiener, es scheine ihm ein gar zu unanständiges Verfahren, wenn er den Grafen zu einer solchen Angelegenheit in Anspruch nehme, die eines Tages eine gefährliche Verirrung zur Folge haben könne; allein er predigte tauben Ohren. Der König war nun einmal auf diesen Gedanken verfallen, er schien ihm zweckmäßig, und so wollte er ihn auf jede Weise ins Werk gesetzt wissen.

Der Graf Richard war ein sehr wackerer Mann und in der Kriegskunst sehr berühmt; auch hatte sich seine Biederkeit und Mannhaftigkeit kurz zuvor in den in der Guienne geführten Kriegen klar ans Licht gestellt und den Vorteil der Engländer gefördert. Von Kindheit auf war er mit dem Vater des Königs aufgezogen worden, stand am Hofe lange Zeit in großer Achtung und war oft zur Ausführung ehrenvoller Unternehmungen berufen worden, aus welchen er stets mit großem Ruhm hervorging, weshalb er denn allgemein auf der ganzen Insel geliebt und geehrt wurde. Als nun der König entschlossen war, mit ihm zu sprechen, ihm seine Angelegenheiten zu erzählen und ihn um Hilfe zu bitten, ließ er ihn rufen mit der Bemerkung, er habe ihm etwas im Vertrauen mitzuteilen. Als der Graf die Botschaft vernommen hatte, kam er schnell zum König, der ihn ganz allein in einem geheimen Gemache erwartete. Als er dort angelangt und als nach der Anweisung des Königs die Tür geschlossen war, machte er ihm zuerst die schuldige Verbeugung und wartete, was der König ihm befehlen würde. Dieser saß auf einem Feldbette und lud den Grafen ein, gleichfalls neben ihm darauf Platz zu nehmen. Er wollte zwar aus Ehrfurcht nicht darein willigen; endlich aber, als der König nicht nachließ, folgte er seinem Befehl und setzte sich nieder. Der König wartete eine Weile, ohne ein Wort zu sprechen; dann nach vielen Seufzern, die er in Menge ausstieß, mit tränenschweren Augen, begann er also zu sprechen: »Ich habe Euch hierherkommen lassen, mein Graf, aus Veranlassung eines sehr drängenden Bedürfnisses, das mir nicht minder am Herzen liegt als mein eigenes Leben, und ich weiß nicht, ob je in einem Glücksfall, der mir begegnet ist, und doch sind mir viele und sehr gefährliche zugestoßen, ich mich in solcher Widerwärtigkeit und in so verdrießlichem Leidwesen befunden habe wie das, in dem ich jetzt bin; denn ich fühle mich von meinen Leidenschaften so befehdet und überwunden, daß, wenn nicht irgendeine Erleichterung in kurzem dafür erfolgt, sie mich gewiß zum verzweifeltsten Tode führen werden, den je ein Mensch erduldet hat. In der Tat kann sich der für selig halten, der mit dem Zügel der Vernunft seine Sinne in der Gewalt hat und von entfesselten Wünschen sich nicht hinreißen läßt; und wer anders urteilt, den, glaube ich, muß man nicht einen Menschen, sondern vielmehr ein unvernünftiges Tier nennen: denn dadurch sind wir einzig und allein von den Tieren unterschieden, die alles, was sie tun, nach dem Zug ihres natürlichen Instinktes ausführen und vollziehen und in allem der Begierde folgen. Wir aber können und müssen mit dem Maße der Vernunft unsere Handlungen messen und dasjenige wählen, was uns am meisten rechtmäßig und der Gerechtigkeit entsprechend scheint. Und wenn wir manchmal vom rechten und wahren Wege abirren, so liegt die Schuld nur an uns, die wir, von einem scheinbaren falschen Vergnügen gelockt, uns von der unordentlichen Lust von dem rechten Pfad und sichern Wege entfernen lassen und dann in größter Hast köpflings in tiefe Abgründe stürzen. Ich Unglücklicher, dreimal Unglücklicher, der ich alles das einsehe und verstehe, und der ich begreife, wie jählings meine unordentliche Begierde mich von der Heerstraße abführt, ohne daß ich weiß noch imstande bin, mich zurückzuhalten und auf die wahre Bahn zurückzukehren und diesen törichten Gedanken den Rücken zuzuwenden! Ich sage: »Ich bin nicht imstande« und sollte sagen: »Ich mag nicht« oder vielmehr: »Ich möchte wohl«; aber so weit habe ich mich von meinen Leidenschaften, von meinen Begierden und meinen ungeregelten Lüsten fortreißen lassen, so sehr meinem unschicklichen Verlangen den Zügel freigegeben, daß ich ihn nicht mehr zu mir zurückfordern mag. Ich bin wie einer, der, verführt von der Annehmlichkeit, ein Wild in einem dichten Walde zu verfolgen, ihm so tief hinein nachgeht, daß er nachher den Weg zur Rückkehr nicht mehr zu finden weiß, vielmehr, je weiter er drinnen herumirrt, um so mehr sich verwickelt und vertieft und vom wahren Pfade entfernt. Wie nun auch die Sache sei, alles dies habe ich Euch darum gesagt, mein Graf, nicht, weil ich nicht meine schwere Verirrung einsehe, sondern damit Ihr erkennet, daß ich nicht mehr mein eigen bin und nicht mehr meine Freiheit in der Hand habe, und damit Ihr daher Euch meiner annehmt, erbarmt und mich bemitleidet; denn, um die Wahrheit zu gestehen, ich bin so sehr in das Netz meiner zügellosen Wünsche verwickelt, daß, wiewohl ich das Bessere sehe, ich doch nichtsdestoweniger an dem Schlechteren festklebe. Ich, ach ich Unglücklicher, ich, der ich meine Feinde zu Wasser und zu Lande so ruhmvoll besiegt, der ich dem englischen Namen durch ganz Frankreich Würde, Ehre und Furcht verschafft habe, fühle mich nun durch eine eigensinnige, ungeordnete Lust dermaßen gebunden und besiegt und niedergeworfen, daß es nicht mehr in meiner Gewalt ist, mich zu lösen und zu erheben. Dieses mein Leben, das viel eher Tod genannt werden kann, ist so von Angst und tödlicher Pein erfüllt, daß ich die Herberge aller Leiden bin und die einzige Zufluchtsstätte jegliches Elends. Und welche gültige Entschuldigung kann man für meine Verirrung finden? Gewiß, wenn sich irgendeine dafür fände, wäre sie gar schal, schwach und eitel. Nur eine einzige habe ich, daß, da ich noch jung und verwitwet bin, mir es nicht schlecht ansteht, mich in die Netze der Liebe verstricken zu lassen. Und da ich mich sehr angestrengt habe, den Zaum und Zügel meiner Lüste wieder an mich zu reißen, und all meine Bemühung eitel gewesen ist, weiß ich kein anderes Mittel mehr anzuwenden gegen meine stechende Qual, als mich Euch in die Arme zu werfen, mein lieber Graf! Ihr habt, es sei Euch gedankt, zur Zeit meines Vaters oft und viel in tausend Unternehmungen, die nicht weniger Gefahr als Ruhm brachten, und wenig später in Schottland für mich und auch in Frankreich Euer Blut freigebig dargebracht und manchmal auch verspritzt; Ihr seid, und wer weiß es besser als ich, in vielen gefährlichen Fällen mir mit dem besten Rate zu Hilfe gekommen und habt mir den rechten Weg gezeigt, um die Unternehmungen aufs leichteste zum ersehnten Ziele zu führen, und nicht ein einziges Mal habt Ihr Euch widerwillig oder müde gezeigt, mir zu dienen und zu nützen. Und warum sollte ich daher nicht von Euch in einer solchen Not alle diejenige Hilfe hoffen, die ein Mensch von dem andern erwarten kann? Wer kann mir den Dienst seiner Worte verweigern, nachdem er meinem Vorteil mit seinem Blute gedient hat? Ich will keine andere Unterstützung von Euch, Graf, als Worte, und wenn diese die Wirkung haben, die ich, wenn Ihr mir aufrichtig dienen wollt, erwarten und hoffen kann, so erbiete ich mich, mit Euch mein Königreich zu teilen und Euch denjenigen Anteil daran zu lassen, der Euch am besten gefällt. Und wenn vielleicht das, was ich von Euch verlangen werde, Euch allzu schwer ausführbar scheint, so bitte ich Euch zu überlegen, daß ein so großer Dienst auch um so höher angeschlagen wird, mit je größerer Schwierigkeit seine Vollziehung verbunden ist, je mehr Beschwerde man dabei erduldet und Pein darin hegt, und je mehr Mühsal und Ungelegenheit derjenige erntet, der seinem Freunde dienen will. Bedenkt andererseits, was es heißt, einen König im Stiche lassen, den Ihr Euch ganz nach Eurem Belieben zunutze machen und den Ihr ganz so beeinflussen könnt, wie es Euch am besten behagt! Ihr habt vier Söhne und könnt nicht alle anständig zufriedenstellen; ich verpfände Euch mein Wort, daß ich die drei letzten so versorgen will, daß sie nie einen Höhern beneiden sollen. Ihr wißt ja, wie ich den begnaden kann, der mir dient. Wenn Ihr daher über das, was ich von Euch begehre, ebenso denkt wie ich, so werdet Ihr in kurzem die Frucht sehen, die daraus entspringen wird; denn wenn ich gegen andere nicht undankbar gewesen bin, werde ich es gegen Euch noch weniger sein, in dessen Hände ich mein Leben und meinen Tod lege.« In dieser Rede wurde der König von heftigem Schluchzen plötzlich unterbrochen, es entströmten ihm die heißesten Tränen, er konnte nichts mehr sprechen und schwieg. Der Graf, als er die Worte seines Königs, den er nicht wenig liebte, vernommen hatte, und als er die Tränen sah, die offenbares Zeugnis des tiefsten innern Leidens gaben, dessen Grund er nicht kannte, und von dem er sich eher alles andere vorgestellt hatte als das, worum er ersucht wurde, war vom größten Mitleid hingerissen und bot dem Könige sich, seine Kinder und alle seine Habe so unbeschränkt an, daß er unmöglich sich unbedingter hätte ausdrücken können.

»Befehlt mir nur«, sagte er, »mein Gebieter, was Ihr wollt, daß ich tue, ohne alle Scheu! Denn ich schwöre Euch und verpfände Euch mein Wort der Treue, die ich Euch schon früher im Lehenseid zu eigen gegeben habe, daß, soviel diese meine Zunge vermag, soviel mein Geist und meine Kräfte imstande sind, Ihr von mir treu und redlich bedient werden sollt, und nicht allein in solchen Dingen bin ich verbunden, Euch zu dienen, sondern, wenn es nottut, will ich bereit sein, mein Leben tausend Toden auszusetzen.«

Und wer hätte seinem Fürsten in ähnlicher Lage anders geantwortet? Wer hätte gedacht, daß der König an den Grafen Richard, den er als einen Ritter von Ehre kannte, ein solches Ansinnen stellen werde? Aber oft geschehen Dinge, die allen menschlichen Glauben übersteigen, wie dies in Wahrheit hier der Fall war. Als nun der König die Rede des Grafen vernommen hatte, sprach er, das Gesicht in tausend Farben spielend, aber doch von der Liebe keck gemacht und mit etwas zitternder Stimme, in folgender Weise: »Eure Alix, mein lieber Graf, ist es allein, was mich unendlich zufrieden und Euch mit Eurem ganzen Hause glücklich machen kann; denn ich liebe sie weit mehr als mein Leben, und ich bin von ihren göttlichen Reizen dermaßen entflammt, daß ich ohne sie nicht leben kann. Wenn Ihr daher mir zu dienen wünscht, wenn es Euch daran gelegen ist, daß ich lebe, so bringt es bei ihr zuwege, daß sie sich dazu verstehe, mich zu lieben und Erbarmen mit mir zu haben! Glaubt nicht, daß ich ohne das äußerste Widerstreben und ohne endlose Scham von einem so treuen und vollkommenen Diener und Freund, wofür ich Euch stets gehalten habe und jetzt noch mehr als je halte, einen solchen Dienst in Anspruch nehme! Aber die Liebe mag mich bei Euch entschuldigen, die weit mehr vermag als Ihr und ich. Sie hat mich durch das reizende Wesen Eurer Alix so zugerichtet und so heftig außer mir gebracht und auf sie mir Herz und Sinn und alle Gedanken gewandt, daß es ohne sie nicht möglich ist, daß ich länger lebe. Ich habe mich sehr angestrengt und allen Verstand aufgeboten und alles getan, was mir erlaubt war, um diese Liebe zu verjagen, um ein so verderbliches Gift abzuführen; aber alle meine Kraft ist umsonst gewesen, und all mein Wissen hat mir nichts geholfen. Ich, der ich die ganze Welt zu besiegen glaubte, ich, der tausend Anstrengungen für nichts achtete und der zum Tanz zu gehen meinte, wenn ich in die Schlacht ging, – ich bin von einem jungen Weibe, wehe mir!, besiegt und gefangen? Ich, der ich ruhmvoll andere überwunden habe, weiß nicht über mich selber Herr zu werden? Erinnert Ihr Euch nicht, wie oft Ihr und der Herzog von Lancaster zu mir gesagt, wie Ihr mich manchmal selbst geschmält habt, daß ich mich zu sehr anstrenge, daß das allzu viele Jagen nach Hirschen, Sauen und anderem Wild mir großen Schaden bringen könnte? Glaubt Ihr, daß ich jene Mühsale, Fasten, Wachen, den Aufenthalt in Wind und Regen und im strengen Winter in Schnee und Eis zu meinem Vergnügen übernommen und daß ich große Lust dabei gefühlt habe, den ganzen Tag wie ein Wahnsinniger auf und ab zu laufen durch Berg und Tal und da und dort übers Wasser zu setzen, ohne mir Ruhe zu gönnen? Ich wollte, lieber Graf, durch anhaltendes Reiten, durch häufige Fußmärsche, durch unermüdliche Leibesbewegung, durch Erduldung aller Unbequemlichkeiten und Anstrengungen, die ich den ganzen Tag mir zumutete, überhaupt durch eine mühevolle und harte Lebensweise diese meine heftige Begier bändigen und abtöten, damit ich, wenn ich nicht die starken Ketten einer so glühenden und hartnäckigen Liebe zerreiße und zerbreche, doch ihre Bande etwas auflockere und, wenn ich keinen Frieden erreiche, doch wenigstens ein bißchen Waffenstillstand bekomme. Aber es kommt mir vor, als sei alle Mühe weggeworfen und es helfe mir alles nichts, ja, diese heftige Liebe wachse in der Pein und werde von Stunde zu Stunde größer. Ich fühle mich so lange wohl, ruhig und lebendig, als ich sie sehe, von ihr rede oder an sie denke. Und kurz, ich bin dahin gebracht, weil sie weder meine Botschaften anhören noch auf meine Briefe antworten will, wodurch ich gezwungen bin, entweder daran zu sterben oder zur Schande und zum Schaden unseres ganzen Hauses für mein schweres, heftiges, qualvolles Leiden ein Heilmittel zu finden. Ich wünschte freilich, daß es mit dem Sterben möglichst langsam ginge und daß dies das letzte wäre, was geschehen müßte. Laßt es Euch darum nicht schwer werden, mein Graf, für mein Leben diejenige Sorge zu nehmen, deren ich, wie Ihr seht, bedürftig bin! Wenn Ihr Landhäuser, Güter, Burgen, Ämter, Schätze, Pfründen oder sonst etwas begehrt, was in meiner Macht steht, – hier habt Ihr ein weißes Blatt von meiner Hand unterzeichnet und mit meinem Siegel bekräftigt. Geht und laßt von einem meiner Geheimschreiber darauf schreiben, was Ihr begehrt, – denn alles soll mir genehm sein!«

Dabei gab er das Blatt Papier, das er vor der Ankunft des Grafen fertiggemacht hatte, diesem in die Hand und hing, mit furchtsamem, bebendem Herzen die Antwort erwartend, an seinem Munde. Als der Graf die unhöfliche und unanständige Bitte seines Herrn gehört hatte, errötete er ganz im Gesicht und warf das Papier auf das Bett; dann aber, voll von Kummer, Verwunderung, Staunen, ja von keuschem Widerstreben, wußte er nicht die Zunge zum Reden zu entfesseln; doch endlich faßte er sich und antwortete dem erwartungsvollen leidenschaftlichen König also: »In der Lage, in der ich mich jetzt befinde, Sire, weiß ich nicht, was ich sagen soll: denn ich sehe mich auf zwei schmale und gefährliche Pfade beschränkt. Denke ich daran, eins von den beiden Dingen zu tun, die mir durch die Seele gehen, so kann mir dies nur die größte Gefahr bereiten. Ich habe mich an Euch gekettet durch das Band meines Wortes, daß nichts in der Welt sei, wie hart und schwer es auch sei, das ich zu Eurem Dienste und zu Eurer Errettung tun würde; dazu habe ich mich entschlossen, und das gedenke ich auch auszuführen, denn lieber wollte ich sterben als jemals mein Wort brechen. Ich werde meiner Tochter alles entdecken, was Ihr von mir verlangt habt, in der Art, wie ich es von Euch vernommen habe. Ich erinnere Euch indes, daß ich sie wohl darum bitten, nicht aber dazu zwingen kann; es ist genug, daß sie durch meinen Mund Eure Gesinnung erfahren soll. Um aber von etwas anderem zu sprechen, gestehe ich Euch, daß ich mich nicht wenig über Euch wundere und betrübe. Es sei mir verstattet, mein Gebieter, Heber bei Euch meinen herben Groll frei ausströmen zu lassen als bei andern Veranlassung zu haben, mich zu beklagen. Es schmerzt mich unendlich, daß Ihr daran gedacht habt, an meinem Blute, das in jedem Unternehmen für Euren Dienst, Eure Ehre und Euer Wohlergehen niemals mit sich geizte, eine solche Schändlichkeit zu begehen, wo man von Euch verdiente anständige Belohnung erwarten durfte. Sagt mir, ist das die Belohnung, die ich und meine Kinder von unserer Dienstbarkeit gewärtigen sollen? Wenigstens, wenn Ihr uns von dem Eurigen nicht geben wollt, wenn es Euch nicht gefällt, uns größer zu machen, so sucht doch nicht, uns die Ehre dafür zu rauben und uns für alle Zeiten der Schmach auszusetzen! Was durften wir Schlimmeres erwarten von einem unserer heftigsten Feinde ? Ihr, Sire, Ihr wollt mit einem Schlage meiner Tochter die Ehre, mir jede Zufriedenheit, meinen Söhnen den Mut, sich öffentlich sehen zu lassen, rauben und meinem ganzen Hause all seinen Ruhm entziehen? Ihr macht Euch fertig, einen so schändlichen Makel auf den reinen Glanz meines Blutes zu werfen? Ihr entschließt Euch, eine so große Verirrung zu begehen, und wollt, daß ich der Diener meines völligen Unterganges werde und wie ein schamloser Kuppler meine Tochter in das Haus der Unzucht führe? Bedenkt, Sire, bedenkt, daß es Euch zukommt, wenn ein anderer mich zu beschimpfen trachtete, Euch zu meinem Verteidiger aufzustellen und mir jede Hilfe und Schutz angedeihen zu lassen! Und wenn Ihr mich beleidigt, wohin kann ich um Unterstützung meine Zuflucht nehmen? Wenn die Hand, die mich heilen sollte, diejenige ist, die mich verwundet, – wer wird mir Ersatz schenken und den Verband auflegen? Darum, wenn ich durch Euch schmerzlich verletzt bin, wenn Ihr mir gerechten Anlaß gebt, mich zu beklagen und den Ruf um Erbarmen zum Himmel zu senden, so urteilt selbst, ob ich recht habe, indem Ihr die sinnliche Lust etwas beiseite setzt und der Vernunft ins Auge seht: denn einen andern Richter suche ich nicht als Euren unbesiegten männlichen Geist. Andererseits sodann bin ich aufs äußerste erstaunt über Eure Angelegenheiten, wenn ich an das denke, was Ihr gesprochen habt; und um so mehr bin ich verwundert, je weniger es vielleicht ein anderer wäre; denn ich glaube von Eurer Kindheit an bis auf diesen Tag Eure Sitten besser gekannt zu haben als sonst jemand, und es wäre mir nie eingefallen, daß Ihr den Lüsten der Liebe unterworfen seid, während Ihr fortwährend von den Waffen und anderen Körperübungen in Anspruch genommen seid; daß Ihr aber nun Euch in die Gefangenschaft der Liebe begeben habt, scheint mir so neu und seltsam, daß ich nicht weiß, was ich darüber sagen soll. Und wenn es mir zukäme, Euch deswegen zu tadeln, so würde ich Euch Dinge sagen, die Euch außer Euch brächten; aber ich unterlasse es, damit Euer Verstand es Euch selbst vorhält. Erinnert Euch, Sire, wie Ihr noch in früher Jugend Roger von Mortimer leiden ließet, der die Königin Isabella, Eure Mutter und die Schwester Karls des Schönen von Frankreich, beherrschte, und nicht zufrieden mit dem grausamsten Tode, der über ihn verhängt ward, ließt Ihr diese Eure Mutter ebenfalls elend im Gefängnis sterben, und Gott weiß, ob der Verdacht, den man auf sie hegte, gegründet gewesen ist! Verzeiht mir, Sire, wenn ich so weit gehe in meinen Worten, und denkt besser auf Euren Vorteil! Denkt Ihr nicht daran, daß Ihr noch in Waffen seid und in größte Angst und Besorgnis verwickelt wegen der großen Rüstung, die der König von Frankreich zu Wasser und zu Lande macht, um zu sehen, ob er Euch den Schlag in dem ewig denkwürdigen Siege heimgeben kann, den Euch Gott im Kampfe mit seinem Volke zur See und in Frankreich verliehen hat? Und nun, da Ihr tagtäglich auf dem Punkte seid, übers Meer zu fahren und Eurem Feinde zuvorkommend Eure Besitzungen in Aquitanien sicherzustellen, habt Ihr der schmeichlerischen Liebe Raum gegeben? Ihr habt den schädlichen Flammen der Liebe die Brust geöffnet und laßt Euch davon Mark und Bein allmählich aufzehren? Aber wo ist, mein Gebieter, die Hoheit Eures so klaren, feinen, tugendhaften Geistes? Wo ist die Höflichkeit, die Seelengröße und Eure andern großen Vorzüge, die, verbunden mit Eurer Tapferkeit, Euch den Feinden furchtbar und schreckenerregend, den Freunden teuer und den Untertanen verehrungswürdig machten? Das, was Ihr mir zuletzt sagt, daß Ihr tun wollt, wenn meine Tochter Euch nicht willfahre, werde ich nie die Handlungsweise eines mannhaften echten Königs nennen; wohl aber kann ich frei versichern, es sei die Niederträchtigkeit eines feigen Wollüstlings, das Verfahren des schändlichsten, grausamsten Tyrannen. Ach, Sire, entferne Euch Gott einen ähnlichen Gedanken aus dem Sinn! Denn sobald Ihr anfangt, in eitelm Triebe der Wollust die Frauen Eurer Untertanen zu notzüchtigen, wird dieses Eiland nicht mehr ein Königreich sein, sondern kann mit Fug ein wilder Wald voll Räuber und Mörder genannt werden; denn wo keine Gerechtigkeit ist, was kann da Schönes und Gutes wohnen? Wenn Ihr mit Schmeicheleien, Versprechungen und Geschenken meine Tochter überreden könnt, daß sie Euren Lüsten sich fügsam ergebe, so kann ich wohl über sie jammern als über ein unenthaltsames junges Weib, das der Sittsamkeit ihrer Vorfahren nicht eingedenk ist; aber von Euch kann ich nichts weiter sagen, als daß Ihr getan habt, wie gemeiniglich die Männer tun, die so viel Weiber aufsuchen, um sie zu genießen, als sie haben können; ihr wird alsdann die Schmach zuteil werden, die gewöhnlich an solchen unkeuschen Weibern haftet. Wenn Ihr mir nun sagt, daß ein Weib so viel Gewalt über Euch hat, wie Ihr mir sagt, daß Alix es hat, so kann ich dies nicht glauben; vielmehr sind es Worte, wie jeder Liebende sie zu sagen gewohnt ist, um zu zeigen, daß er glühend liebt. Aber überlegt einmal, wie passend das ist! Es übersteigt doch allen Anstand und Vernunft, daß, wer der Untertan sein soll, der höhere sei, und daß gehorche, wer befehlen muß. Ist das, o Herr, die Beständigkeit, ist das die Stärke, ist das die Seelenkraft und Sicherheit, die die Völker Englands von Euch erwarten können, um die Gemütsberuhigung zu haben, daß sie einen mannhaften, großherzigen König besitzen? Ich zweifle sehr, daß die Klugheit, die Gerechtigkeit, die Freigebigkeit, die menschliche und so höfliche Höflichkeit, die Voraussicht künftiger Fälle und die Sorge dafür und jene unermüdete fortwährende Acht noch in Euch wohnen, womit Ihr, als wir in der Picardie waren, Euer Heer mit solcher Eintracht geleitet habt, daß, obgleich es aus verschiedenen und mannigfaltigen Leuten zusammengesetzt war, nie die geringste Zwietracht darin herrschte; ich zweifle sehr, daß noch jene kriegerische List in Euch wohnt, die Euch einst so viel Ehre gemacht hat und bekanntlich so nützlich geworden ist. Und was mir von allem noch das Schlimmste scheint, ist, daß Ihr Eure Verirrung einseht und mit eigenem Munde gesteht, nichtsdestoweniger aber sie nicht verbessern wollt, vielmehr über den Fehler und die Sünde, die in Euch ist, einen Schleier und einen Schein der Sittsamkeit zu werfen sucht und doch nicht wißt, ihn aufzufinden. Ich, Sire, rufe Euch liebevoll ins Gedächtnis, daß Ihr den größten Ruhm erworben habt, indem Ihr den König Philipp und seine große und so zahlreiche Flotte, die vierhundert Schiffe zählte, zur See besiegt habt, indem Ihr sie brächet und zerstreutet und unter ihren Augen Doornick, die berühmte Stadt, besetztet, deren Bewohner einst so geachtet und in der alten Zeit Nervier geheißen waren. Und nicht geringerer Ruhm ward Euch, als Ihr ihn zu Crecy bei Abbeville besiegtet, wo französischerseits der König von Böhmen fiel, der Philipp zu Hilfe gekommen war, und viele Barone starben, die einzeln namentlich aufzuzählen zu lang wäre. Auch wuchs Euch sehr viel Ehre zu durch die Einnahme von Calais und unzählige andere Unternehmungen, die Ihr gemacht habt. Aber ich sage Euch, Sire, einen viel größeren und rühmlicheren Triumph werdet Ihr erlangen, wenn Ihr Euch selbst besiegt: denn das ist der wahre Sieg, der am meisten Ehre einbringt. Wenig half es Alexander dem Großen, so viele Provinzen besiegt und solche Heere niedergekämpft zu haben, da er sich nachher von seinen eigenen Leidenschaften besiegen und unterjochen ließ, was ihn viel kleiner machte als seinen Vater Philipp, der nicht so viele Reiche erobert hatte wie sein Sohn. Darum, mein Gebieter, besiegt diese törichte Begierde und laßt Euch nicht verleiten, durch eine so unanständige Handlung zu verlieren, was Ihr so ruhmvoll erworben habt, und einen so garstigen Fleck auf die Glätte Eures Ruhms zu werfen! Glaubt nicht, daß ich Euch so viel davon sage, bloß weil ich nicht ausführen mag, was ich Euch versprochen habe; denn ich beabsichtige, es ganz zu vollbringen; sondern, weil ich auf Eure Ehre viel eifersüchtiger geworden bin als Ihr auf die Eure und die meine seid, rate ich und bringe ich Euch dies in Erinnerung, was mir Euer Nutzen und Eure Ehre zu sein scheint. Und wenn Euch selbst nicht an Euch gelegen ist, – wem bei Gott soll an Euch liegen? Wer soll auf Eure Angelegenheiten achten, wenn Ihr nicht auf sie und auf Euch selber achtet? Aber wenn Ihr Verstand habt, wie ich weiß, daß Ihr ihn habt, so werdet Ihr bedenken, daß ein kurzes, unkeusches, flüchtiges Vergnügen, das Ihr mit Gewalt bei einem Weibe genossen, gar wenig wirkliche Freude bringen kann, da es vielmehr unendlichen Schaden verursachen würde. Ich will von Euch für mich und meine Kinder weder Habe noch Rang noch irgendeinen andern Vorteil, außer soviel mein und ihr Verdienst fordern kann. Darum behaltet Eure Schrift und gebt es andern, denen, wenn sie nur Geld und Würden erlangen, es gleich gilt, wie sie dazu kommen. Ich will, soviel ich kann, nie, daß mir oder meinen Kindern oder meinen Enkeln etwas an den Hals geworfen werde, was uns mit Recht erröten und die Gesichtsfarbe ändern machen kann; denn Ihr wißt wohl, wie manche verachtet werden, wie man mit dem Finger nach ihnen weist, die durch frühere Könige für unanständige Dienste, die sie ihnen getan haben, reich und groß geworden sind, während sie doch aus niederem Stande und ganz unadelig geboren waren. Erinnert Euch, Sire, daß Ihr vor noch nicht langer Zeit einen von diesen beim Heer gegen die Schotten ins Gesicht geschmäht habt, daß er, weil er Eures Vaters Kuppler war, vom Barbier zum Grafen geworden ist, und Ihr würdet ihn, wenn er sein Betragen nicht ändere, wieder zu seinem alten Berufe, dem Bartscheren, zurückweisen! Und hiermit, Sire, will ich meine lange Rede beschließen, indem ich Euch demütig um Verzeihung bitte, wenn ich etwas gesagt habe, was Euch mißfällt, und Euch anflehe, alles mit jener Geneigtheit aufzunehmen, von der ich gesprochen habe. So gehe ich mit Eurem Urlaub nach dem Hause meiner Tochter und will pünktlich vollführen, was Ihr von mir verlangt habt.«

Ohne noch eine Antwort des Königs zu erwarten, verließ er das Gemach und schied unter vielen und mannigfachen Gedanken über die gepflogene Unterredung. Die Gründe des Grafen verwundeten so schmerzlich das leidenschaftliche kranke Gemüt des Königs, daß er fast außer sich war und nicht wußte, was er sagen solle; sie verwundeten und durchbohrten ihn um so mehr, als er nicht so blind war, nicht einzusehen, daß er die Wahrheit sagte, und daß er als innig ergebener, treuer und echter Diener vor ihm gesprochen hatte. Daher begann er bei sich bis ins einzelne die ganze gehabte Unterredung durchzugehen, und manches von dem Gesprochenen drückte ihn so sehr, daß er über die Maßen mißvergnügt darüber war, daß er es gewagt hatte, in einem solchen Falle, um seinen Wunsch zu erlangen, den Vater seiner Geliebten in Anspruch zu nehmen, da es ihm allerdings vorkam, sein Verlangen sei tadelnswert und unehrenhaft. Darum kam er beinahe zu dem Entschluß, diesen Liebeshandel abzubrechen und sich ganz von der Sache loszuschälen. Sobald er aber an die holde Schönheit dachte und an Alix' schönes Wesen und Betragen, änderte sich plötzlich seine Ansicht, und er sprach bei sich: »Ach, ich Unglücklicher, ich sehe wohl ein, daß ich töricht und unglückselig bin, wenn ich vermeine, leben zu können, ohne diese zu lieben; werde ich mit all meiner Kraft und der ganzen Macht meines Reichs stark genug sein, von ihr abzulassen und sie mir aus dem Herzen zu reißen? Kann ich annehmen, mich so leicht von diesem unauflöslichen Knoten zu befreien und von einer so festhaftenden glühenden Liebe mich zu entbinden? Wie wird dies je möglich sein? Wer kann machen, daß ich nicht Alix ewig als meine Herrin und unumschränkte Gebieterin ansehe? Gewiß, soviel ich glaube, niemand. Sie ist geboren, um diejenige zu sein, der ich immer Untertan sein, die ich allein und ausschließlich heben sollte. Und wenn ich erkenne, daß ich nicht anders handeln könnte, wenn ich auch wollte, und daß ich nicht wollte, wenn ich auch könnte, – wozu mir noch weiter den Kopf zerbrechen? Ich liebe Alix und werde sie immer lieben, komme nun daraus auch, was da will. Der Graf ist ihr Vater und hat als Vater gesprochen, und ich hätte mich ihm nicht entdecken sollen. Und was ist nun weiter? Ich bin der König, und es scheint mir nichts so Besonderes, daß ich die Tochter eines meiner Untertanen liebe; ich bin auch nicht der erste, der dies getan hat, noch werde ich der letzte sein.«

Andererseits, als diese glühenden Gedanken etwas erkalteten, fand ein Strahl der Vernunft Eingang, der ihn das Unheil und das Ärgernis sehen ließ, das aus dieser Liebe entstehen konnte, was einigermaßen den gereizten und zur Liebe bereiten Geist abstumpfte, so daß er, indem er verschiedentlich mit sich selbst kämpfte, bald voll Hoffnung war, bald wieder alle Aussichten auf Gelingen schwinden ließ und so von einem Gedanken zum andern hin und her schwankte, da es ihm immer unmöglich schien, die Liebe zu der Frau, die er so glühend liebte, je auszulöschen, sich zuletzt entschloß, abzuwarten, was der Graf bei seiner Tochter ausrichte. Er verließ daher das Gemach, und wiewohl er ganz traurig und niedergedrückt von widrigen Empfindungen und voll Mißvergnügens war, zwang er sich doch, unter einer heitern Miene die Leidenschaft zu verbergen, die innerlich an ihm nagte.

Als der Graf vom König geschieden war, ging er geradeswegs nach seiner Wohnung und überdachte hin und her, was der König ihm mitgeteilt hatte. Als er zu Hause angekommen und in sein Zimmer getreten war, ließ er, da er vieles Vorgefallene zu berichten hatte und wußte, daß seine Tochter zu Hause war, mit der er ausführlich zu reden beschlossen hatte, sie zu sich bitten. Sie kam sogleich ohne Verzug zu ihrem Vater.

Der Graf hieß nun seine Tochter ihm gegenüber Platz nehmen und fing alsdann folgendermaßen mit ihr zu reden an: »Ich hege die bestimmte Überzeugung, meine liebste Tochter, daß nicht wenige von den Dingen, die du heute von mir hören wirst, die ich dir jetzt sagen will, dich in Verwunderung setzen werden, daß du aufs äußerste erstaunen wirst, da es dir von Rechts wegen scheinen muß, es schicke sich gar nicht für mich, bei dir ein ähnliches Amt zu versehen. Aber da man immer von zwei Übeln das geringere wählen muß, zweifle ich nicht, daß du als meine weise Tochter, wie ich dich von Kindheit auf erfunden, die Wahl treffen wirst, die ich ebenfalls getroffen habe. Ich, meine Tochter, seit ich über Gut und Böse ein Bewußtsein zu haben glaubte, habe schön als Knabe und bis auf die Gegenwart immer die Ehre höher geschätzt als das Leben; denn, nach meiner Ansicht wenigstens, ist es ein viel geringeres Übel, unschuldig und unbefleckt zu sterben, als in Schande zu leben und das Gerede des Pöbels zu werden. Du weißt, was es heißt, fremder Herrschaft unterworfen zu sein, wo man oftmals das Gegenteil von dem tun muß, was man im Sinne hat, und sich in Anbetracht der Beschaffenheit der Zeit nach den Wünschen der Gebieter in eine neue Tracht zu stecken genötigt ist. Nun, was ich dir sagen wollte, ist das: Der gnädigste König hat mich heute rufen lassen, und als ich bei ihm war, hat er mich mit den heißesten Bitten dringend ersucht und genötigt, ihm in einer Sache, die er von mir verlangen werde, und die ihm so wichtig sei wie sein Leben, dienen zu wollen, wobei er mir alles anbot, was mein Mund verlangen könne, sofern es in seiner Gewalt stehe. Ich, der ich ein geborener Lehnsmann und Untertan dieser Krone bin, verpfändete ihm unumschränkt mein reines Wort, alles, was er mir befehle, mit all meiner Macht zur Ausführung bringen zu wollen. Als er mein freies Versprechen hörte, entdeckte er sich mir endlich nach vielen von Tränen und Seufzern unterbrochenen Worten, daß er so sehr und so heftig in dich und deine Reize verliebt sei, daß er ohne deine Liebe unter keiner Bedingung leben könne. Und wer, bei Gott, hätte sich jemals eingebildet, daß der König von einer solchen Angelegenheit mit mir sprechen werde?«

Darauf erzählte der Graf die lange Geschichte der zwischen dem König und ihm vorgefallenen Gespräche, ganz Wort für Wort, und fügte dann bei: »Du siehst, meine Tochter, zu welchem Ziele mein unbedingtes einfältiges Versprechen und die zügellose Lust des Königs mich gebracht haben. Ich habe dem König gesagt, es stehe in meiner Gewalt, dich zu bitten, – aber nötigen könne ich dich nicht; daher bitte ich dich, und diese Bitte soll für tausend gelten, dem König, unserem Herrn, zu Willen zu sein. Sieh es so an, meine Tochter, als machest du deinem Vater ein Geschenk mit deiner reinen Zucht und Keuschheit! Die Sache wird so vor sich gehen, daß sie jedermann verborgen gehalten wird. Außerdem wirst du Veranlassung sein, daß deine Brüder die ersten Barone dieses Eilandes werden. Alles, meine Tochter, habe ich dir sagen wollen, um nicht gegen den König wortbrüchig zu werden. Du bist weise, und wenn du an das denkst, was ich dir gesagt habe, zweifle ich nicht, daß du eine dir angemessene Wahl treffen wirst.«

Nach diesen Worten schwieg der Graf. Die junge Frau war während der Rede ihres Vaters so heftig errötet und von keuscher Entrüstung so entflammt, daß, wer sie jetzt gesehen hätte, sie ohne Vergleich für viel liebenswürdiger und schöner noch als gewöhnlich hätte halten müssen. Ihre zwei schönen Augen waren in der Tat zwei glänzende Sterne, welche funkelnd ihre glühenden Strahlen schossen. Die Wangen glichen zwei fleischroten Rosen, im April gepflückt zu der Stunde, wo die Sonne, ihre Renner aus dem Ganges hervorpeitschend, allmählich die tauigen Kräuter zu trocknen und alle Blumen und Rosen, die vom nächtlichen Naß geschlossen sind, zu öffnen beginnt. Und der elfenbeinerne Hals, der marmorne Rücken und der Alabasterbusen, von züchtiger Glutfarbe noch neben der angebornen ungeschminkten Schönheit besprengt, zeigten sie in einem Zustande, wie ihn die Dichter ersinnen, daß Venus auf dem Ida zwischen den zwei andern Göttinnen darin vor dem trojanischen Schäfer erschien: denn sie erwies sich viel schöner als gewöhnlich, damit sie um so leichter ihre Begleiterinnen an Schönheit und Anmut übertreffe.

Nachdem nun Alix merkte, daß ihr Vater seine Rede geendet hatte und schon eine Weile schwieg, fing sie, ganz unwillig die Zunge hold entfesselnd und die Worte zwischen morgenländischen Perlen und den feinsten Rubinen hervorsendend, auf folgende Art ihre Antwort an und sprach: »Wie sehr ich mich über Euch wundere, mein Vater, nachdem ich Euch etwas habe aussprechen hören, wovon ich nie geglaubt hätte, daß ich es von Euch hören werde, – wenn auch alle Teile meines Körpers Zungen wären und alle Zungen von Stahl und die Stimme von Diamant und unermüdlich, ich glaube nicht, daß sie hinreichten, um auch nur das kleinste Teilchen meiner Verwunderung auszudrücken. Und in Wahrheit habe ich mich über Euch immerdar zu verwundern und zu beklagen, indem ich sehe, wie wenig Ihr meiner Ehre Rechnung tragt; denn wiewohl Ihr mir auch als Eurer Tochter und Sklavin befehlen könnt, hättet Ihr Euch doch ins Gedächtnis zu rufen wissen sollen, daß Ihr nie eine Handlung von mir gesehen noch ein Wort oder eine Rede von mir gehört habt, wodurch Ihr so dreist werden konntet, mir etwas minder Anständiges zu sagen. Aber sagt mir, seht Ihr nicht, daß Ihr mich um eine Sache bittet und sie fast ermahnend mir ratet, um derenwillen, wenn ich nur den geringsten Gedanken zur Ausführung hätte, ich von Euch, wenn Ihr der ehrenwerte Vater wäret, der Ihr sein sollt, ohne alles Erbarmen hingeschlachtet zu werden verdiente? Ich, mein Vater, habe, seit der König in Salisbury war, gemerkt, daß er sich in mich verliebt anstellte, und ebenso habe ich ihn hier erkannt; denn er hat mich mit Liebäugeln den ganzen Tag über, mit Botschaften und Briefen mehrmals in Versuchung geführt und nicht ermangelt, mich durch die ausgedehntesten Versprechungen bestechen zu wollen; aber es hat ihm alles nichts geholfen, denn ich habe, sooft er mit mir gesprochen, mir geschrieben oder mir Boten gesandt hat, immer gesagt, mein guter Name sei mir mehr wert als das Leben. Ich wollte Euch nichts von der Sache sagen und noch weniger meiner Mutter und meinen Brüdern, um Euch nicht Anlaß zu geben, gegen unsern König bitter zu werden, da ich wußte, daß schon durch ähnliche Vorfälle viele Ärgernisse erfolgt und Städte und Reiche untergegangen sind. Aber Gott sei Lob und Dank, daß ich nicht nötig hatte, zu zögern, Euch die Waffen in die Hand zu geben, da ich Euch zu einem so unehrenhaften Dienste so bereit und eifrig sehe! Ich schwieg also, um größeres Übel zu verhindern, und hielt mich zurück, Euch etwas zu offenbaren, indem ich immer hoffte, wenn der König meine unbestechliche feste Keuschheit sehe, müsse er von einem so schlecht begonnenen Unternehmen abstehen und zugeben, daß ich mit meinem sittsamen Vorsatz meiner würdig lebe. Wenn Ihr mich daher in den letzten Tagen selten habt ausgehen sehen und bemerkt habt, wie schlechtgekleidet ich war, so habe ich das zu keinem andern Zwecke getan als um, soviel an mir wäre, der Begegnung des Königs auszuweichen, und damit, wenn er dann sähe, wie niedrig ich gekleidet war, er auf den Gedanken komme, daß mein Sinn ganz woanders sei als bei Liebessachen. Weil er nun hartnäckig ist und ich nie freiwillig ihm zu Gefallen etwas Unschickliches zu tun geneigt bin, will ich, damit er nicht mit Gewalt, was Gott verhüte, mit mir seine Lust befriedige, Eurem Rate folgen und von zwei Übeln das geringere wählen, indem ich lieber mich selber ums Leben bringe, als daß ich je dulde, daß ein solcher Makel und ein so großer Schandfleck meiner Ehre zutage komme und man auf der Straße auf mich mit Fingern als auf die Buhlerin des Königs zeigt. Tausendmal habe ich sagen hören, und Ihr habt es mir auch gesagt, daß die Ehre weit höher geschätzt werden muß als das Leben; und gewiß, das Leben ohne Ehre ist wie ein schimpflicher, schmachvoller Tod. Verhüte Gott, daß ich je die Buhldirne irgend jemandes auf der Welt werde, und daß ich etwas im geheimen tue, was, wenn es nachher offenbar würde, Veranlassung werden könnte, daß ich die Farbe wechseln muß! Sagt mir, Vater, wie stünde es um Eure Ehre, wenn ich etwas Unsittsames mir zuschulden kommen ließe, und wenn Ihr, durch die Stadt oder an Hof gehend, den Pöbel sagen hörtet: ›Dies ist der Vater von der und der; das ist der, der seine Tochter verkauft hat und dadurch an Rang und Reichtümern gewachsen ist.‹ Glaubtet Ihr etwa, eine so große Missetat dürfte verborgen bleiben? Und wenn die Leute aus Furcht nicht den Mund zu öffnen wagten, wer hielte ihre Hände zurück, Zettel zu schreiben und auf den Straßen umherzustreuen und sie an allen Ecken der Stadt anzuheften? Als der König, wie ich habe sagen hören, seinem Oheim, dem Lord Kent, und bald darauf Roger von Mortimer den Kopf abschlagen und die Mutter im Kerker sterben ließ, wurden Blätter an den Straßen angeheftet zum Tadel des Königs; und obschon er heftig darüber zürnte und einige enthaupten ließ, die er in Verdacht hatte, Verfasser dieser Schriften zu sein, blieben nicht doch bei alledem viele übrig, welche Lust hatten, übel von ihm zu reden, und die andere Schriften auf verschiedenen Wegen ausstreuten? Denkt nur, daß man von Euch und von mir die schimpflichsten Dinge von der Welt sagen würde! Aber setzen wir den Fall, daß die Sache geheim bliebe: wißt Ihr nicht, daß alle Männer und namentlich vornehme Herren heute nach der einen und morgen nach einer andern Wünsche fassen, wie ihnen gerade das Gelüste kommt? Lassen wir die Sünde gegen Gott beiseite, wiewohl dies das erste ist, was man vor Augen haben muß, wenn wir vernünftige Geschöpfe und nicht Tiere sein wollen; aber ich weiß, wenn der König meiner satt und dieser wollüstige Kitzel bei ihm vorübergegangen ist, der gewöhnlich gar leicht vorüberzugehen und sich abzukühlen pflegt bei allen Menschen, sobald sie ihre Besinnung wiedererlangt haben, so wird er mich für das achten, wozu Ihr mich habt machen wollen: für eine Sudeldirne. Wenn ich sodann mich auch versichert und vergewissert habe, daß er mich lange und sehr glühend heben müsse, – muß ich nicht denken, daß dieses Verfahren einmal ein Ende nehmen muß, wie ja unter diesem wechselnden Monde nichts ist, das nicht sein Ende fände? Dreht die Sache demnach, nach welcher Seite Ihr wollt, – ich sehe darin nichts Gutes. Ich merke dabei wohl, daß ich den Rest meines Lebens in meinem Gesicht mit etwas anderem geschmückt wäre als mit Perlen und Edelsteinen und nie wieder wagen dürfte, mich öffentlich sehen zu lassen. In betreff dessen sodann, daß Ihr sagtet, Ihr habet ihm Euer Wort verpfändet, so habt Ihr nicht in Betracht gezogen, wie weit bei einer solchen Angelegenheit die Gewalt des Vaters über die Kinder sich erstreckt: denn diese sind nicht verbunden, bei Dingen, die wider Gott laufen, den Eltern zu gehorchen. Überdies sind so unkeusche und blutschänderische Zusagen ungültig, und bei sündhafterweise gegebenen Versprechungen ist es Pflicht, das gegebene Wort zu brechen. Ich bekenne, daß ich Eure Tochter und verpflichtet bin, sooft Ihr mir befehlt, Euch zu gehorchen, aber nur in erlaubten und ehrenhaften Fällen. Auch erinnere ich Euch, obgleich Ihr es besser wißt als ich, daß Ihr und ich und alle andern, die da waren, sind und sein werden, einen Vater und Herrn haben, wie ich oftmals von wackern und angesehenen Predigern auf den Kanzeln in den Kirchen habe versichern hören, welchen wir mehr verpflichtet sind zu gehorchen als unsern leiblichen Vätern. Überdies erinnere ich Euch, daß es niemand, wer es auch sei, erlaubt ist, Gesetze und Verordnungen zu geben, die mit den göttlichen Vorschriften und Gesetzen im Widerspruche stehen. Da Ihr nun in der schmählichen Sache, zu deren Ausführung Ihr mich ermahnt, ganz offenbar gegen Gott Euch empört, – wie könnt Ihr verlangen, daß ich Euch gehorche und nicht viel lieber gegen Euch mich empöre und tödliche Feindschaft fasse? Hegt daher andere Gedanken, wenn Ihr wollt, daß ich Euch als meinen Vater ansehe und ehre, wie man gute Eltern ehren muß, so seid für die Zukunft nie mehr so kühn, mich um eine solche Niederträchtigkeit anzugehen, noch gegen mich ein einziges Wort darüber zu verlieren: denn, beim Kreuz des Erlösers, ich würde Euch vor aller Welt dafür diejenige Ehre erzeigen, die Ihr verdient! Aber Gott verhüte, daß es dahin komme! Oh, wieviel besser wäre es gewesen, Ihr hättet dem König versprochen und geschworen, mich lieber eigenhändig mit einem Messer zu entleiben, als mich je in ein so verabscheuungswürdiges Verbrechen fallen zulassen! Das hätte Euch mehr Ehre gebracht und wäre für Euch viel leichter ausführbar gewesen; auch hätte sicherlich der König und ich Euch darum viel höher gehalten und geachtet, und die Welt, die die Ursache meines Todes erfahren hätte, würde Euch ewig mit den echtesten Lobsprüchen zum Himmel erhoben haben. Um nun diese Reden zu beschließen, die mir den größten Unwillen rege machen und deren Gedächtnis mir immer die Quelle des herbsten Grams sein wird, – dies ist mein letzter, fester, nach reiflicher Überlegung gefaßter Entschluß, den Ihr für so wahr halten dürft wie das Evangelium: daß ich eher bereit bin, mich umbringen zu lassen und jegliche Qual zu erdulden, als daß ich je zu etwas Unzüchtigem meine Einwilligung gebe; und wenn der König gewaltsam mit mir einen wollüstigen Genuß haben will, so will ich es schon veranstalten, daß seine und aller andern Gewalt umsonst ist, und will immer im Gedächtnis behalten, daß ein schöner Tod das ganze frühere Leben ehrt.«

Der Vater erkannte aus der klugen und edelmütigen Antwort der Tochter die Tugendstärke und Seelengröße, die in ihr wohnten, und gab ihr in seinem Herzen viele Lobsprüche und segnete sie, indem er sie viel höher achtete als zuvor. Er meinte auch, er habe ausführlicher und mehr gesprochen, als einem Vater zieme, zu seiner Tochter zu sprechen, und wollte daher auch ihr für jetzt nichts weiter sagen, sondern stand von seinem Sitze auf und ließ sie ihren Geschäften nachgehen. Er bedachte sodann und überlegte reiflich, was er dem König antworten sollte, und ging dann an den Hof.

»Sire«, sagte er, »ich wollte nicht verfehlen, mein Euch gegebenes Wort zu halten, und schwöre Euch daher bei der Treue, die ich Gott und Euch schuldig bin, daß ich, zu Hause angelangt, Alix auf mein Zimmer gefordert und ihr Euern Willen auseinandergesetzt habe, mit der Ermahnung, sie solle sich dazu verstehen, Euch zu Willen zu sein. Aber sie hat mir nach vielen Überlegungen aufs entschiedenste geantwortet, daß sie eher entschlossen sei, zu sterben, als je etwas Unanständiges zu begehen; und sonst konnte ich nichts aus ihr herausbringen. Ihr wißt, daß ich Euch sagte, ich könne sie bitten, aber keineswegs zwingen. Da ich also ausgeführt habe, was mir von Euch auferlegt worden ist und wozu ich mich verpflichtet habe, will ich mit Eurer Gunst weggehen, um ein Geschäft auf einem meiner Schlösser zu besorgen.«

Der König entließ ihn und blieb ganz außer sich zurück, verschiedene Dinge in Gedanken umherwälzend. Der Graf verließ den Hof und ging am folgenden Tage mit seinen Söhnen in seine Grafschaft, während seine Gattin und Tochter mit einem Teile der Dienerschaft in London zurückblieben. Er dachte darüber nach, wie es möglich sei, sich aus dieser Angelegenheit loszulösen, ohne die Ungnade des Königs auf sich zu laden. Er wollte die Tochter nicht fortführen, um nicht den König noch ärgerlicher zu stimmen, als er es schon war, und auch um ihm zu verstehen zu gehen, daß er sie seinem Zartgefühl überlasse; denn er hielt es für sicher, daß er keinerlei Gewalt anwenden werde. Außerdem hatte er großes Vertrauen auf die Sittsamkeit und Seelengröße seiner Tochter, von der er dachte, sie werde sich so gut zu verteidigen wissen, daß sie mit Ehren aus einer so großen Gefahr hervorgehen werde.

Der König andererseits erfuhr nicht so bald, daß der Graf London verlassen habe und Alix daselbst zurückgeblieben sei, als er das Ganze richtig durchschaute. Er geriet daher in solche Verzweiflung über diese seine Liebe, daß er nahe daran war, verrückt zu werden. Alle Tage und Nächte gingen ihm gleichmäßig ruhelos hin; er aß nichts oder wenig, lachte nie, seufzte immer, entzog sich, soviel ihm möglich war, der Gesellschaft und schloß sich allein in sein Gemach ein, wobei er an nichts weiter dachte als an die grausame Sprödigkeit seiner Dame, denn Sprödigkeit nannte er ihre wackere, unerschütterliche Keuschheit. Bei dieser Lebensweise fing er auch an, die Audienzen, die er früher dreimal in der Woche öffentlich seinen Untertanen zu geben pflegte, durch einen Mittelsmann zu erteilen. Und in der Tat, eine der lobenswürdigsten Eigenschaften, die jeder wahre Fürst besitzt, besteht darin, den Klagen und dem Flehen der Seinigen leicht zugänglich zu sein und sich von allem unterrichten zu lassen, was in seinem Gebiete geschieht. Und man muß nicht so unbeschränkt auf seine Diener vertrauen, denn oft begehen sie viele Irrtümer und die schreiendsten Ungerechtigkeiten; denn wenn der Herrscher begierig wäre, zu erfahren, auf welche Art sein Staat regiert, und welche Aufmerksamkeit den Lenkern geschenkt wird, so würden diese viel besser regieren und sich hüten, etwas zu begehen, was getadelt werden könnte. Der König also verfiel in den Fehler, fast niemand Audienz zu erteilen, Waffenhandwerk, Turnier, Buhurt, Jagd, was ihm sonst so viele Freude machte, gefiel ihm nicht mehr; und die Jagd vornehmlich, an deren Übung er sich so sehr zu ergötzen pflegte, und andere Spiele gewährten ihm keine Unterhaltung mehr.

Er hatte an der Themse, dem Flusse Londons, einen sehr schönen Garten mit einem bequemen, heitern Palast, den er gebaut hatte, um sich durch den Aufenthalt daselbst zu erholen. Und weil er auf dem Wege vom Hofe dahin, sei es zu Land oder zu Schiff auf dem Flusse, an dem Hause des Grafen Richard vorüber mußte, machte der König täglich, bald zu Wasser, bald auf der Straße am Hause vorüber, das er von Alix bewohnt wußte, seinen Ausflug dahin, aus Verlangen, sie zu sehen, die stets in seinem Geiste weilte. Es gelang ihm indes selten, sie zu sehen, da sie von den Fenstern gegen die Straße oder von dem Erker gegen die Themse zu, sobald sie merkte, daß der König kam, sich plötzlich zurückzog und versteckte, worüber der König aufs äußerste betrübt war. Und doch freute es ihn schon, nur die Mauern gesehen zu haben, hinter welchen seine grausame und stolze Dame weilte. Aber weil es die Art der feurig Liebenden ist, daß sie, je mehr ihnen der Anblick ihrer Geliebten streitig gemacht wird, diese um so mehr zu sehen wünschen und verlangen, so gab sich der König, dem mehr daran gelegen war, Alix' Anblick teilhaftig zu werden, als seine Herrschaft in Frankreich zu befestigen, je mehr er sich das Liebäugeln versagt sah, um so mehr Mühe und versuchte auf jede Art, wie es ihm gelingen möchte, ihrer ansichtig zu werden. Deshalb fing er an, ganz rücksichtslos nicht nur ihr drei-, viermal des Tages am Hause vorüberzugehen oder mehr oder weniger, je nachdem ihn die Liebe zog, sondern oft ging er auch geradezu ohne sonstige Absicht vor dem Hause auf und ab, so daß in kurzem jedem die Liebe des Königs klar wurde, und was allen verborgen war, das entdeckte sich dem ganzen Volke. So wurde denn unter groß und klein diese Verliebtheit ruchbar; alle hörten von der Sprödigkeit und Grausamkeit der Dame, die sich fast nie mehr an Erker noch Fenster sehen ließ, weshalb alle miteinander die Frau tadelten und bald über dies, bald über jenes sie beschuldigten, indem alle wollten, daß sie sich dem König zur Beute hätte geben sollen. Allen Leuten ist es meistens eine Freude, zu den Festen anderer zu gehen und Gesang und Tanz beizuwohnen; niemand aber mag solches Turnier im eigenen Hause. Alle möchten gern, daß ihre Herren heiter in Lust und Liebe leben, weil man meint, wenn der Herr verliebt ist, seien alle seine Untertanen in Freude und Wonne; niemand aber behagt es, wenn er in seinem Hause mit seinen Frauen schäkert. So hätten denn alle Engländer gern gehabt, wenn der König seinen Zweck erreicht und seine Zeit gut hingebracht hätte; niemand aber wäre es lieb gewesen, hätte sich der König in seine Frau, Tochter, Schwester oder sonstige Angehörige verliebt.

Der König beharrte nun in seinem herben, mühevollen Leben; da er aber immer weniger von der starren und unbezwinglichen Keuschheit der Alix hoffte, wurde er täglich schwermütiger, so daß er mehr einem wilden Tiere des Waldes glich als einem Menschen. Darum wurde nicht nur von der Stadt London, sondern von der ganzen Insel, die bereits in die Mitwissenschaft dieser Liebesangelegenheit gekommen war, die Standhaftigkeit und das keusche Beharren der Frau verabscheut und getadelt, da das Volk immer geneigter ist, das Gute zu tadeln, als das Böse. Dann waren einige am Hofe, die durch Sendungen und Botschaften zugunsten des Königs die Frau versuchten, teils schmeichelnd, teils drohend. Andere sprachen mit ihrer Mutter eindringlich zum Vorteil des Königs und stellten ihr den Vorteil vor, der daraus erfolgen müsse, wenn Alix sich entschlösse, den Willen des Königs zu erfüllen, und welcher und wie großer Schaden im Gegenteil ihr drohe, wenn sie auf solcher Härte beharre. So bemühte sich der eine auf diese, der andere auf andere Weise, die Mutter dahin zu bringen, daß sie die Tochter bitte, dem König seinen Willen zu tun, und die Tochter, daß sie die große Härte ablege, sich fügsam erweise und gegen eine so erhabene und so heftige Liebe nicht immer spröde bleibe.

Alix aber, was man ihr auch sagen oder vorstellen mochte, wich und wankte nie in ihrem Vorsatz. Da sie jedoch fürchtete, der König möchte vielleicht eines Tages Gewalt gegen sie gebrauchen, wußte sie sich ein scharfes, schneidendes Messer zu verschaffen, das sie unter den Kleidern an einem Gürtel befestigte, mit dem Vorsatz, sobald sie sehe, daß ihr Gewalt geschehe, sich lieber selbst ums Leben zu bringen, als die Notzucht zu ertragen. Die Mutter, was auch der Grund sein mochte, stand in der Mitte: sie hatte den reichen Verheißungen und Anerbietungen ihr Ohr geöffnet, die ihr von Seiten des Königs gemacht worden waren; der Ehrgeiz kämpfte mit ihr, indem sie sich vorstellte, wenn ihre Tochter die Freundin des Königs würde, sei sie die erste Frau und Baronin der Insel. Sie ließ sich daher mehrmals mit ihrer Tochter ins Gespräch ein, redete hin und her und mühte sich ab, sie dahin zu bringen, so dringenden Bitten des Königs sich zu fügen; aber sie fand sie immer in derselben Haltung, fester als einen unbeweglichen harten Fels, wenn die hochgeschwollenen drohenden Meereswogen ihn bekämpfen. Als endlich der König merkte, daß alle Versuche umsonst waren, und daß, wenn er nicht einen andern Weg einschlage, er weiter als je vom Ziele entfernt sei, wußte er gar nicht, wohinaus, da es ihm nicht gefiel, Gewalt zu gebrauchen, wiewohl ihn vielmals die Lust ankam, sie förmlich zu rauben. Diese seine Liebe war so bekannt und allgemein verbreitet, daß man in der Residenz zu London von nichts anderem sprach; ja, es war so weit gekommen, daß, mit wem immer er sich unterhielt, er nichts anderes wußte, als von der Sprödigkeit seiner Geliebten zu plaudern, wobei er jedermann bat, ihm mit Rat und Hilfe beizustehen.

Ich bin genötigt, eine kleine Abschweifung zu machen und zwei Worte zu sagen, die mir eben einfallen. Wenn jene Hofleute, die mit dem König sprachen, wahre Hofleute gewesen wären, hätten sie sich bemüht, dem König zu raten, sich von einer so törichten eiteln Liebe zurückzuziehen, und sie hätten ihn mit einem so nützlichen Rat zugleich unterstützt. Sonst waren die Hofleute rechtliche und wohlgesittete Männer, voll Höflichkeit und mit jeder Tugend begabt; die aber, die heutzutage sich Hofleute nennen (ich spreche von den schlimmen, nicht von den guten) haben nichts anderes vom Hof, als daß sie am Hofe leben; und wenn sie nur in der Kleidung mehr als andere geordnet und geputzt erscheinen, so meinen sie, sie seien die ersten Männer von der Welt. Denn während sonst die echten guten Hofleute sich mit der Übung der Waffen, der Wissenschaften und anderer löblicher Dinge ergötzten und ihre ganze Zeit hinbrachten mit Höflichkeiten, mit Friedenstiften unter Feinden, mit Wiederherstellung der Eintracht zwischen Zwieträchtigen, mit Vereinigung Entzweiter, tun diese gerade das Gegenteil, und wenn sie gegen einen, der weniger vermag als sie, den Bramarbas spielen, meinen sie schon, sie seien der große Tamerlan. Wenn die guten Höflinge sich durch Übung zu rüstigen, gewandten und biedern Rittern machten, so sind die, von denen ich spreche, nur darum bekümmert, nicht es zu sein, sondern mit einem schönen Degen an der Seite zu erscheinen, und sie halten mehr darauf, daß man von ihnen sage, sie taugen etwas, als daß sie wirklich etwas taugen. Wissenschaftlich gebildet zu sein, halten sie für eine Schande und sagen, Studieren und über Büchern Bleichwerden sei Sache der Doktoren, Priester und Mönche. Nichtsdestoweniger sind sie unverschämt und keck genug, wenn sie irgendwohin kommen, wo zwischen höheren Geistern über irgendeinen merkwürdigen Gegenstand gestritten wird, sei es aus menschlichen oder göttlichen Wissenschaften, daß sie, die doch gern als gelehrt erscheinen möchten, anmaßenderweise die ersten sind, die mit ihrer Vorlautheit kurzweg alles entscheiden wollen, so daß sie oft die größten Tölpeleien und lächerlichsten Dummheiten vorbringen, die man je gehört hat, und noch verlangen, daß man ihnen auf das bloße Ansehen des Namens glaube, als wären sie Aristoteles und Plato. Das, was in ihrem unwissenden Gehirn nicht Platz findet, wollen sie als etwas Unmögliches nicht hören. Sie sind höflich in Worten, aber die Taten wirst du den Reden ganz widersprechend finden; denn sie werden dir aufs ausgedehnteste zusagen, deine Angelegenheiten bei dem Gebieter zu begünstigen, werden aber nichts tun, weil dein Gegner ihnen viel mehr gegeben hat als du. Aber darum wird der, der mit dir prozessiert, nicht mehr begünstigt werden als du: denn wie du betrogen wirst, findet sich auch der andere getäuscht. Es reicht diesen hagern Höflingen hin, wenn der Pöbel glaubt, sie stehen in großem Ansehen beim Fürsten, und wenn sie von diesem und jenem Geld ziehen. Sie werden dir versprechen, mit dem Herrn über deine Angelegenheiten zu reden, und werden mit ihm in deiner Gegenwart über andere Dinge flüstern und dich glauben machen, sie haben von dir gesprochen, und werden dir stets tausend Fabeln feilbieten. Von der Zahl dieser war Vetronius Turinus bei Alexander Severus, dem römischen Kaiser; als nachmals seine Schlechtigkeit entdeckt und durch die List eben dieses Alexander für mehr als wahr erfunden ward, bekam er die verdiente Züchtigung. Es wurde nämlich das Urteil gesprochen, Turinus solle an einen großen Pfahl mitten auf dem Platz gebunden, um den Pfahl her aber ein Feuer aus grünem Reisig und Gesträuch angezündet werden, das einen ganz dunkeln, langsamen Rauch errege, in dem der unglückliche Turinus allmählich ersticken mußte. Und während der Elende diese Qual erduldete, rief ein Hofbedienter unaufhörlich: »Durch Rauch läßt man Turinus sterben, denn er hat Rauch verkauft.« Auf diese Weise also starb der eitle, rauchige Turinus an Rauch. Würde man es in unserer Zeit noch so machen, so wären die Höfe in größerer Achtung, als sie jetzt sind, und außer dem Feilbieten von Rauch, das etwas aus der Mode käme, würden die Hofleute nicht so stets bei der Hand sein, Lügen feilzubieten, noch würden sie den Hunden ähnlich werden, indem sie einander beißen und zerfleischen; denn sobald der Herr ihnen Gehör schenkt, kann ich euch sagen, daß sie nicht übel musizieren und von diesen und jenen schlecht reden, die vielleicht besser sind als sie. Aber der Neid macht sie so eiskalt, daß sie es nicht aushalten können, einen zu sehen, der mehr als sie wert ist, aus Furcht, ein solcher möchte bei dem Fürsten in Gunst kommen, und daß sie ihn aus seiner Stellung verdrängen. Wenn sie sodann ihren Gebieter getäuscht oder in Irrtum über irgend etwas befindlich sehen, sofern nur die Angelegenheit sie nicht selbst berührt, so glaubt ja nicht, daß sie sich bemühen, ihn zu enttäuschen! Alle gehen hinter dem Willen des Herrn her, entstehe daraus Gutes oder Schlimmes. Und die Veranlassung hiervon ist die Feigheit vieler, die nicht den Mut haben, die Wahrheit zu sagen; sondern wenn der Herr »Ja« sagt, so bekräftigen sie es; sagt er »Nein«, so stimmen sie denselben Ton an, ohne Rücksicht darauf, ob das, was sie sagen, gut oder schlecht abläuft. Ich will sodann gar nicht von jenen Küchenfalken sprechen, die aus keinem andern Grunde an den Höfen sich aufhalten, als um an den reichen und fetten Tischen der Herren zu sitzen, und die zu nichts gut sind, als das zu verschlingen, was wackern Rittern und tugendhafteren als sie ziemen würde. Wenigstens sollten sie Hofnarren und Schmarotzer genannt werden und sich nicht den Namen Edelmann anmaßen, da sie der Gesittung und feinern Bildung so wenig Ehre machen. Und wiewohl alle diejenigen, die unter das Banner des Hoflebens gestellt sein und doch nicht als wahre Hofleute leben wollen, unendlich tadelnswürdig sind und ihr Umgang von allen Guten geflohen werden muß, scheint es mir nichtsdestoweniger, daß ihre Herren ebensoviel Tadel verdienen, wenn sie so leben, daß sie nicht wollen, daß man ihnen die Wahrheit sagt, vielmehr diejenigen für schön und rechtschaffen halten, die ihnen nie widersprechen. Das sind dann solche, die alles mit ihrer offenbaren falschen Schmeichelei beraten und anordnen. Hieraus ist jenes Sprichwort entstanden, das man zuweilen hört:

Wer Schmeicheln nicht versteht,
Vom Hofe bald weggeht.

Und dennoch ist die größte Pest, das verderblichste Gift an einem Hofe eben die Schmeichelei. Es gefällt mir auch nicht, daß ein Hofmann, so vornehm er auch sei, sich je herausnehme, den Fürsten öffentlich zu tadeln und in Gegenwart anderer mit ihm zu keifen. Ich versichere, daß jeder treue Diener, wenn er seinen Herrn im Irrtum sieht, mit Gewandtheit und Ehrerbietung und mit Wahrnehmung der schicklichen Zeit ihn ermahnen und mit sanftem anständigen Betragen zur Annahme der Wahrheit geeignet machen soll. O wie viel besser daran, wie viel glücklicher wären die Fürsten, wenn ihnen einer freimütig von vielen Dingen, die sie tun, den daraus erfolgenden Schaden zeigte, die Meinung, die das Volk von ihnen hegt, was das Gerücht von ihnen sagt, und die schlechte Verwaltung ihrer Minister, die auf nichts anderes hinarbeiten, als den Staatsschatz zu berauben und alles zum eigenen Nutzen zu verwenden! Wenn die Fürsten diese Dinge einsähen, würden ihre Besitzungen vortrefflich regiert sein. Es ist freilich nicht zu zweifeln, daß unser Herr und Heiland Jesus Christus alles wußte, was die Völker von ihm sagten: denn er wußte bis ins kleinste alles, und nie war ihm etwas verborgen; und doch verschmähte er nicht, seine Jünger zu fragen, was die Leute von ihm sagten. Und warum, glaubt ihr, hat er eine solche Frage gestellt ? Aus keinem andern Grunde (dafür zeugt uns jede seiner Handlungen), als um denen, die die Völker lenken, und allen andern Gläubigen eine Weisung zu erteilen, daß sie bemüht sein sollen, zu vernehmen, welche Meinung man von ihnen hat, damit sie im Guten beharren und vom Bösen sich abwenden können. Und in Wahrheit, die Fürsten brauchen sonst nichts, als daß sie redliche, aufrichtige und tugendhafte Personen haben, die ihnen liebreich, ungeschminkt und ungeheuchelt die Wahrheit sagen. Solche Leute sollten sie immer bei sich haben und nicht tun wollen, wie viele tun, welche glauben, aus einer Pflaume eine Pomeranze, ich will nicht sagen aus einem Esel einen Renner, zu machen. Aber ich bin gar zu sehr abgeschweift; denn von Kindheit auf bin ich immer an sehr viele Höfe gekommen und weiß gar wohl, wie es daselbst zuzugehen pflegt. Ich sage also, die Hofleute beim König Eduard waren keine von der guten Schule, sondern Schmeichler und Leute von geringem Urteil und grundschlechtem Wesen; darum predigten sie, ohne der Sache auf den Grund zu gehen, alle den Kreuzzug gegen den Grafen Richard, seine Frau, Söhne und Tochter, und die am meisten Schlimmes sagten, hielten sich am höchsten und meinten, gar weise geredet zu haben, die vielleicht, wenn der Graf oder seine Söhne dabei gegenwärtig gewesen wären, großenteils die Zunge im Hals und hinter den Zähnen gehalten und, wie man im Sprichwort sagt, den Schwanz zwischen die Reine genommen und nicht gewagt hätten, den Mund aufzutun. Das Ende war nun, daß die Mehrzahl von ihnen den König ermahnte, mit Gewalt Alix holen zu lassen, sie in den Palast zu bringen und wider ihren Willen seine Wünsche mit ihr zu befriedigen; denn es nehme sich doch nicht gut aus, meinten sie, wenn ein Weib ihres Königs spotten dürfe, und dem Begehren eines Herrschers zieme sich nicht solche Sprödigkeit entgegenzustellen. Dann waren auch noch andere solche da, die den Fisch gesehen hatten und sich erboten, selbst in Person ihn zu fangen; und wenn sie nicht gutwillig mitgehe, so wollten sie sie an den Haaren herbeischleppen. Der König, der den ernstlichen Zorn sich bis zuletzt aufsparte und noch nicht Gewalt gebrauchen wollte, gedachte, zuerst die Gesinnung der Mutter dieser Alix auf die Probe zu stellen, und schickte einen vertrauten Kämmerer zu ihr, der über alles vortrefflich unterrichtet war. Dieser suchte sogleich die Gräfin auf und sagte zu ihr nach den geziemenden Begrüßungen: »Der König, unser Herr, Frau Gräfin, grüßt Euch angelegentlichst und gibt Euch durch mich zu erkennen, daß er alles mögliche getan hat und vielleicht mehr, als ihm ziemte, um die Gunst und Liebe Eurer Tochter zu gewinnen und es so einzuleiten, daß alles insgeheim vor sich gehe und nicht in das Gerede der Leute komme. Da er nun sieht, daß er diesen seinen Wunsch nicht erreichen kann, was er auch tut und getan hat, und daß er keine ausreichende Befriedigung findet, wenn er hier nicht Gewalt gebraucht, so läßt er Euch melden, daß, wenn Ihr nicht für Eure Angelegenheiten sorgt und darauf hinwirkt, daß er seinen Zweck erreicht, Ihr versichert sein könnt, daß er Euch zum Trotz öffentlich und ohne Rücksicht auf Euer aller Ehre die Tochter mit bewaffneter Hand aus dem Hause wird holen lassen, und während es seine Absicht war, mit dem Grafen und allen freund zu sein und ihnen Gutes zu erweisen, ihr größter Feind werden wird. Er wird zeigen, was er ausrichten kann, wenn er erzürnt ist und wenn eine Ansicht sich in seinem Kopfe festgesetzt hat und er sich entschließt, etwas zu wollen, wie er dazu jetzt entschlossen ist, da er denkt, er dürfe doch nicht den ganzen Tag schmachten und andere über ihn lachen und höhnen lassen. Hiermit, Frau Gräfin, Gott befohlen!« Als sie diese unverhoffte heftige Äußerung hörte, wurde sie von solchem Schrecken überfallen, daß sie schon mitanzusehen meinte, wie ihre Tochter ihr vor den Augen an den Haaren aus dem Hause gezogen, ihr die Kleider zerrissen werden und sie mit lauter Stimme um Gnade rufe, weshalb sie weinend und zitternd den Kämmerer inständigst bat, er möge sie der Huld des Königs empfehlen und ihn ersuchen, nicht so in rasender Wut das Haus des Grafen zu verunehren, der ihm stets ein so treuer Diener gewesen sei. Sodann sagte sie zu ihm, sie wolle mit ihrer Tochter reden und nicht nachlassen, bis sie sie dahin gebracht habe, dem König zu Gefallen zu sein. Mit dieser guten Antwort nahm der Kämmerer Abschied; die Gräfin aber ging weinend in das Gemach der Alix, die mit ihren Jungfrauen an der Arbeit saß. Die Gräfin schickte alle Frauen aus dem Zimmer und setzte sich neben Alix, die aufgestanden war, um sie ehrerbietig zu empfangen, voll Verwunderung über ihre Tränen. Sie hieß nun ihre Tochter niedersitzen und sagte ihr, der Kämmerer des Königs sei gekommen, und was er ihr zuletzt mitgeteilt habe.

»Meine teure Tochter«, fügte die Gräfin weinend hinzu, »es gab eine Zeit, wo, wenn ich sah, wie du unter den schönen Frauen dieses Reiches die schönste und allersittsamste warst, ich mich für eine überschwenglich glückliche Mutter hielt und mich in dem Glauben bestärkte, wegen deiner so seltenen Eigenschaften müsse uns Ehre und Nutzen zuteil werden. Aber ich habe mich gar sehr geirrt und fürchte, du seiest zu unserem Untergang und unserem gänzlichen Sturz geboren, und du seiest, was Gott verhüte, die Ursache des Todes unser aller. Wenn du nun einigermaßen deine Starrheit beugen und dich berichten lassen willst, so würde sich der ganze Schmerz und unsere Trauer in Lust und Freude verwandeln. Weißt du nicht, meine Tochter, daß ich dich immer zärtlicher als alle meine andern Kinder geliebt habe, und was du von mir im geheimen erhalten hast, als der Graf von Salisbury, den Gott selig haben möge, dich zur Frau nahm? Warum willst du also nicht aus Liebe zu mir diese deine Härte brechen und dich von mir leiten lassen, die ich ja deine Mutter und deine liebevolle Mutter bin? Bedenke, daß der König nicht nur in dich verliebt, sondern fast verrückt ist durch deine spröde Grausamkeit! Er befindet sich sehr übel, und sein Leben schwebt in größter Gefahr. Alle Welt weiß, daß deine Hartnäckigkeit sein Übel und seine Unzufriedenheit veranlaßt hat, so daß wir den Haß aller auf uns laden, denen das Wohl des Königs am Herzen liegt, und das wünschen alle außer dir. Erinnerst du dich nicht, daß es oft vorgekommen ist, wenn wir zur Messe oder sonst in andern Angelegenheiten ausgegangen sind, daß wir von groß und klein viel Übles auf uns sagen hörten? 'Seht da' hieß es, 'die Bluthündinnen, die an unserm König saugen, seht die Mörderinnen, die ihm nie auch nur eine freundliche Miene gönnten, noch ein gefälliges Wort, – die wollen die Heiligen spielen, und am Ende, wenn man recht nachforschte, stellte sich heraus, daß ein Stallknecht oder ein Barkenführer sie genießt. Käme doch Donner und Wetter vom Himmel, um sie alle zu verbrennen und zu verzehren!' Diese Worte hast du gewiß so gut gehört wie ich, und welchen Unmut und Kummer mir dies verursacht hat und noch immer verursacht, das möge Gott dir sagen. Jedoch, meine teuerste Tochter, bitte ich dich flehentlich, du mögest meinen Bitten dich etwas fügen und nicht unser Unheil und Verderben werden. Du mußt wissen, daß Fürsten und Könige, wenn sie einen ihrer Untertanen gebeten haben, dem sie befehlen können, und sehen, daß ihre Bitten nicht den Erfolg haben, den sie haben sollten, sich zur Gewalt wenden und dem Widerspenstigen zum Trotz, auch ohne daß es ihren Untertanen gefällt, alles tun, was ihnen genehm ist. Unser König wird es ebenso machen und hat mir bereits damit gedroht, dies zu tun; so daß, was leicht und im stillen hätte geschehen können, auf eine Weise zur Ausführung kommt, daß die ganze Insel und Frankreich obendrein zu unserer ewigen Schmach es erfahren wird; und für alles, was der König tut, wird er dir nicht dankbar noch erkenntlich sein, vielmehr wird uns nur Unehre und Spott zuteil werden. Darum, meine Tochter, bitte ich dich, es nicht bis dahin kommen zu lassen. Überlege ein wenig, wie wir hier im Hause von Dienerschaft entblößt sind, seit dein Vater und deine Brüder uns verlassen haben: denn jeder fürchtet die Wut des Königs. Siehst du nicht, daß ich um deinetwillen fast Witwe geworden bin? Dein Vater und deine Brüder haben London verlassen, um nicht solchen Hohn stets vor Augen zu haben, da sie ahnten, daß irgendein großes Ärgernis bevorstehe. Dies wird auch ganz gewiß zu unser aller Schmach und Schaden eintreffen, wenn du nichts anderes tust, als du bisher getan hast. Wie viel besser wäre es für uns gewesen, wenn der erste Tag, der dich ins Leben rief, auch der letzte gewesen, oder wenn ich an der Geburt gestorben wäre, um mich nicht jetzt in dieser Bedrängnis zu sehen! Ach, und als der Graf von Salisbury aus dem Gefängnis kam. und starb, warum bist nicht du an seiner Statt gestorben? Ich bitte unsern Herrn im Himmel, mich aus solcher Pein und Qual zu erlösen, da du dazu entschlossen bist, in solcher Starrheit zu verharren, und du dich um den Untergang des ganzen Geschlechts nicht kümmerst. Glaubst du, ich merkte nicht, daß du meinen Tod wünschest, grausame, undankbare Tochter, die so wenig Rücksicht und Liebe für ihre Eltern hat? Und freilich würde ich jetzt mehr als gerne sterben, da ich einsehe, daß es mir eine geringere Qual wäre, zu sterben, als in diesem jammervollen Kummer zu verharren, von welchem ich fortwährend mein Herz in den herbsten Schmerzen verwundet sehe.«

Mehr konnte die bekümmerte Gräfin nicht sprechen, weil sie eine heftige Ohnmacht befiel und ihr mit so außerordentlichem Schmerz das Herz zusammenpreßte und sie so unterdrückte, daß sie mehr einer Toten als einer Lebenden glich und Alix in den Schoß sank. Die Gräfin schien vollständig ins andere Leben übergegangen zu sein, so blaß war sie im Gesicht, so kalt an allen Teilen des Körpers und ohne Bewegung. Sie hätte wilde Tiere und kalten Marmor zum Mitleid gebracht, geschweige eine Tochter, die, da sie sie von so seltsamem und heftigem Anfall geplagt sah, sie für tot oder dem Tode nahe hielt, weshalb sie die Tränen nicht zurückzuhalten vermochte. Unter bitterem Weinen löste sie daher der bekümmerten Mutter die Kleider, rief tiefbewegt ihren Namen, rieb sie am Leib, bewegte sie hin und her und mühte sich ab, die verirrten Lebensgeister zurückzuholen. Sie rief sodann ihre Frauen, ließ sich warme Tücher bringen und Wasser, um es der Mutter ins Gesicht zu spritzen, die denn nach einer guten Weile schwer aufatmend wieder zu sich kam und sprach: »Weh mir, wo bin ich ?« Alix küßte sie, suchte sie aufzurichten und überhäufte sie mit Schmeicheleien und Liebkosungen aller Art. Unterdessen befiel die Gräfin eine andere Ohnmacht mit einer Beklemmung des Herzens und so heftigen Anfällen, daß in ihr von neuem jedes Lebenszeichen erlosch; weshalb man nochmals sich genötigt sah, weitere Mittel anzuwenden, um sie wieder ins Leben zurufen, und es dauerte nicht lange, bis dies geschah. Bei diesen kläglichen Anfällen konnte es nicht fehlen, daß Alix nicht aus Erbarmen mit ihrer Mutter das Herz im Leibe sich umkehrte, ihre Demanthärte einigermaßen sich erweichte und ihre Starrheit in etwas nachließ. Dieser unbesiegte Geist, dieser ihr so fester Wille, der von so vielen andern Angriffen und Entgegnungen umsonst bekämpft worden war, konnte bei einem so kläglichen Falle der Mutter nicht standhalten; übermannt von tiefgefühltem Mitleid, faßte vielmehr Alix den Gedanken, die Ihrigen aus der Mühsal zu befreien.

Als daher die Gräfin schon wieder ziemlich zu sich gekommen war und noch immer weinte und seufzte, sprach Alix auf folgende Weise zu ihrer Mutter: »Trocknet die Tränen, meine Mutter, und grämt Euch nicht mehr! Seid gutes Muts und tröstet Euch, denn ich bin geneigt und bereit, zu tun, was Ihr verlangt. Verhüte Gott, daß man je sage, daß ich den Meinigen so viel Pein verursacht habe, wie Ihr zu dulden scheint! Ich will nicht, daß mein Vater und meine Brüder um meinetwillen sich irgendeinem Schaden aussetzen; denn ich bin verpflichtet, mit aller Anstrengung von meiner Seite ihre Wohltat anzuerkennen und zu sterben, damit sie leben. Seht, ich bin bereit, mit Euch den König aufzusuchen, damit wir beide ohne fremde Vermittelung unsere Angelegenheiten abmachen: denn wir werden dies besser tun als irgend jemand sonst. Wir wollen jetzt keine Zeit mehr verlieren, nicht mehr weinen, sondern uns an die Ausführung dessen machen, was zu tun ist.«

Als ihre Mutter diese unerwartete und unverhoffte Antwort hörte, war sie so erfüllt von Freude, daß sie fast nicht glauben konnte, diese Worte gehört zu haben. Und nachdem kurz zuvor die Herbheit des Schmerzes sie außer sich gebracht hatte, war sie nun fast wieder ebendahin gebracht aus Übermaß ihrer Freude. Sie hob daher beide Hände gen Himmel und dankte Gott aufrichtig, daß er der Tochter Willen so gelenkt habe, als gäbe Gott Ehebruch und Hurerei ein. O wie töricht sind doch so oft die unglücklichen und unwissenden Sterblichen, die lachen, wo sie weinen sollten, die sich betrüben, wo sie heiter sein dürften! So machte es auch diese gute Frau, die, indem sie Kupplerin ihrer Tochter wurde, Gott ein Opfer zu bringen vermeinte. Sie umarmte sie daher zärtlich, weinte vor Freude, küßte sie vielmals und konnte sich nicht von ihrem Halse losreißen.

Es war gerade der Monat Juni und die Mittagsstunde, wo wegen der Hitze viele Leute zu schlafen pflegen. In dieser Zeit ließ die Gräfin eine kleine Barke bereit machen, um zu Wasser nach dem Garten des Königs zu kommen, von dem ich bereits gesprochen habe, und wohin er sich damals zurückgezogen hatte, um mehr allein und ungestört zu sein. Alix ging inzwischen in ihr Gemach, kleidete sich aber nicht anders an, als sie bereits war, sondern nahm ihr scharfes Messer und hängte es unter ihren Gewändern an einen Gürtel; darauf trat sie vor ein Bild, das die Königin des Himmels, die Mutter Gottes und die Zuflucht der Bedrängten, darstellte, wie sie in ihren Armen das Bild ihres allerliebsten Söhnleins hielt, sank auf die Kniee und bat sie inbrünstig, ihren Sohn ihr günstig zu stimmen, damit sie ihr keusches Vorhaben durchzuführen imstande sei. Dann stand sie voll Vertrauen und Standhaftigkeit auf und wandte sich zu der harrenden Mutter, die schon alles hatte vorbereiten lassen. Der Garten des Hauses des Grafen Richard stieß an die Themse, und es war daselbst eine Tür, an der die Barke hielt. Dorthin ging die Gräfin mit Alix und mit zwei Fräulein, und sie stiegen alle in die Barke, die von zwei Dienern geleitet war, und flußabwärts schwimmend gelangte das kleine Fahrzeug an den Rand des königlichen Gartens. Das Gestade war so eingerichtet, daß man durch eine einzige Tür hinaufsteigen konnte; die ganze übrige Umgebung war von hohen Mauern eingeschlossen. Die Tür war kurz zuvor von dem Kämmerer geöffnet worden, der um die Liebe des Königs wußte, und dieser war um dieselbe Zeit ganz allein am Ufer des Flusses; er hatte sich, um besser über seine Liebe nachzudenken, von seinen Hofleuten heimlich entfernt und nicht weit davon unter kühlem Schatten auf duftigen Kräutern niedergelassen. Der Kämmerer saß der geöffneten Tür gegenüber unter Gebüschen, teils um die frische Luft zu genießen, die von den gekräuselten Gewässern sanft herwehte, und andererseits, damit niemand hereinkomme. Als nun die Frauen diesen Ort erreicht hatten, stiegen sie am Uferrande des Flusses aus und befahlen den Barkenführern, sich nicht mit der Barke von hier zu entfernen. Dann stiegen sie einige Stufen empor und traten in die Tür. Als der Kämmerer sie sah und die Gräfin erkannte, wunderte er sich sehr; aber noch viel mehr nahm ihn wunder, als er die schöne Alix erblickte. Er ging ihnen daher entgegen, empfing sie ehrerbietig, grüßte sie und fragte sie, was sie tun wollten.

»Wir sind gekommen«, sagte die Gräfin, »um dem gnädigsten König, unserm Herrn, aufzuwarten, da er eben erst Euch erklärt hat, daß er mich dazu zwingen werde.« Voll unendlicher Freude ließ der Kämmerer die beiden Diener mit ihrem Fahrzeug in eine kleine Bucht fahren, wo der König seine Barken verschlossen hatte, riegelte die Gartentür zu und machte sich im Gespräche mit der Gräfin nach der Stelle, wo der König saß, auf den Weg. Wie schon bemerkt worden ist, saß in diesem Augenblick der König im Schatten unter Gedanken über die Grausamkeit und Härte der Alix. Zugleich betrachtete er mit den Augen des Geistes ihre reizende Schönheit, die ihm die schönste und wundervollste deuchte, die er je gesehen und von der er je hatte reden hören; er hatte sich so sehr in seine Gedanken vertieft, wobei ihm tausend Dinge durch den Sinn hin und her gingen, daß er auf nichts sonst acht hatte. Der Kämmerer führte die Frauen so weit, daß sie den König sahen, ehe er sie hörte oder bemerkte.

Da wandte sich der Kämmerer zu der schönen Alix: »Seht, gnädige Frau«, sagte er, »hier ist Euer König, und gewiß denkt er an nichts anderes als an Euch; und wenn man ihn jetzt nicht störte, bliebe er so allein und nachdenklich drei, ja vier Stunden lang sitzen, so heftig ist er verstrickt in die Netze Eurer Liebe.«

Die junge Frau, von sittsamer Entrüstung durchglüht, fühlte in diesem Augenblick ihr Blut kälter als Eis durch alle Adern rinnen, im nämlichen Moment aber sich ganz in Flammen stehen. Dies machte ihr Angesicht noch schöner, farbiger, reizender als gewöhnlich. Sie hatten sich auf weniger als fünf Schritte dem König genähert, als der vertraute Kämmerer vor ihn trat und zu ihm sprach: »Gnädigster Herr, hier ist die schöne Gesellschaft, die Ihr so sehr gewünscht habt, und sie kommt Euch aufzuwarten.«

Wie aus tiefem Schlafe erwachend, hob der König das Haupt empor, und als er die Gräfin erkannte, wunderte er sich sehr über ihr Kommen; er stand sodann auf und sagte zu ihr: »Seid willkommen, Frau Gräfin! Welche guten Neuigkeiten führen Euch zu so heißer Stunde hierher?«

Sie machte darauf eine tiefe Verbeugung und antwortete mit gedämpfter, zitternder Stimme: »Seht hier, gnädigster Herr, Eure ersehnte Alix, welche, ihre Härte und Sprödigkeit bereuend, kommt, um Euch die geziemende Ehrfurcht zu bezeugen und eine Weile bei Euch zu bleiben, länger oder kürzer, ganz nach Eurem Gefallen.«

Als er hörte, daß Alix bei ihrer Mutter war, und diese, die unter ihren Fräulein verschämt und entrüstet dastand, bemerkte, war er so erfüllt von Freude, daß er sich gar nicht zu fassen wußte und nie eine solche Lust gefühlt zu haben wähnte. Er näherte sich daher ihr, die ihre schönen Augen zur Erde geneigt hatte, und sprach zu ihr: »Sei willkommen, mein Leben, meine Seele!«

Damit küßte er sie, die sich unwillig zeigte, trotz ihrem Widerstreben, so gut er konnte, und nahm sie bei der Hand. Wer vermöchte die unendliche Genugtuung, die unermeßliche Freude des Königs zu schildern und die äußerste Unzufriedenheit, den grenzenlosen Unmut der Alix? Dem König war es, als wäre er im Paradiese und schwämme in einem weiten Meere der Wonne; die junge Frau aber deuchte sich in der Hölle, versenkt in jenes Feuer der Qual.

Als nun der König bemerkte, daß sie ganz zitternd und verschämt die Hand zurückgezogen hatte und ihm auch nicht eine Silbe erwiderte, meinte er, die Anwesenheit der Mutter, ihrer Frauen und des Kämmerers verursachten diese Sprödigkeit. Er nahm daher die Gräfin bei der Hand, sagte ihr, sie solle ihre Frauen nachkommen heißen, und so schlug er den Weg nach seinen Zimmern ein. Auf geheimen Pfaden gelangten sie nun alle in die königliche Wohnung. Der Garten und der Palast waren so gelegen, daß der König auf geheimen Wegen an den Fluß hinabsteigen und in seine Gemächer zurückkehren konnte, ohne von jemand anders gesehen zu werden, als wen er mit sich führte. Als nun alle in dem Gemache waren, sagte der König zu der Gräfin: »Gnädige Frau, mit Eurer günstigen Genehmigung will ich mit Frau Alix in jenes kleine Zimmer treten, um mich mit ihr zu besprechen.«

Er nahm diese sofort bei der Hand und lud sie gar höflich ein, hier mit ihm einzutreten. Alix, ganz verschämt, faßte doch einen Löwenmut und trat hinein; der König aber, als er sie drinnen sah, verschloß die Tür der Kammer mit dem Riegel. Kaum hatte der König die Tür verschlossen, als Alix, um zu verhindern, daß er ihr Gewalt antue, vor ihm auf die Kniee sank und mit fester Stimme und gebietendem Wesen also zu ihm sprach: »Gnädigster Fürst, ein ungewohnter Trieb hat mich vor Euch geführt, wohin ich nie auf diese Art zu kommen hoffte; aber entschlossen, mich von der Überlast Eurer Gesandten und Botschaften zu befreien und meinen Eltern zu genügen, die, von Euch bestochen, mich den ganzen Tag aufmuntern, Euch zu Willen zu sein, während sie mich eher hätten erdrosseln sollen, – fest in meinem Innern entschlossen, dasjenige auszuführen, was ich im Sinne habe, bin ich hier bereit, Euren Befehlen zu gehorchen. Ehe ich mich aber Eurer ganz freien Verfügung hingebe und Ihr mit mir Euch den Genuß verschafft, wonach Ihr, wie Ihr zeigt, so sehr trachtet, will ich mich durch die Erfahrung vergewissern, ob Eure Liebe zu mir so glühend ist, wie Ihr mir in so vielen Briefen geschrieben, wie Ihr mir noch weit öfter mündlich habt sagen lassen. Und wenn es so ist, wie Ihr mich glauben machen wollt, so werdet Ihr mir eine kleine Gunst erzeigen, die Euch leicht ausführbar ein, mir aber die größte Freude machen wird, die ich je hoffen und erhalten könnte. Wenn nun das, was ich von Euch verlangen werde, Euch vielleicht hart und schwer ausführbar erscheinen wird, so will ich von Euch hören, ob Ihr es tun werdet oder nicht; sonst hofft nicht, daß ich, solange ich noch einen Hauch des Lebens in mir habe, Euch je in irgend etwas werde zu Willen sein! Erinnert Euch, mein König, an das, was Ihr schon zu Salisbury zu mir gesagt und nachher mir geschrieben und mitgeteilt habt, daß, wenn Ihr wüßtet, wie Ihr mir etwas Angenehmes erweisen könntet, ich Euch nicht so viel befehlen könnte, als nicht von Euch sogleich zur Ausführung gebracht würde. Nun befehle ich Euch nicht – denn das darf ich mir nie anmaßen –, vielmehr bitte ich Euch ganz untertänig und flehe, daß Ihr geruhen wollt, mir Euer Wort und Eure Ehre zu verpfänden, daß Ihr tun wollt, um was ich Euch anflehe, und erinnert Euch, daß Königswort nicht lügen noch eitel sein darf!«

Der König, der während ihrer Rede ihr fest in ihr schönes Gesicht geblickt hatte, und dem sie ohne Vergleich viel schöner und liebenswürdiger vorkam, als er sie je gesehen hatte, würde, als er sich nun so inständig anflehen hörte von diesem Munde, von dem er einen Kuß der Liebe so sehnlich wünschte, ihr nicht nur eine kleine Gnade, sondern das ganze Königreich versprochen haben. Er rief daher Gott und alle Heiligen des Paradieses zu Zeugen an für alles, was er ihr sagen und versprechen wolle, und antwortete ihr in folgender Gestalt: »Meine Einzige und von mir unendlich und über alles, was erschaffen ist, Geliebte, meine Gebieterin, da Ihr, Dank sei Euch dafür, geruht habt, hier in unser Haus zu kommen, und von mir verlangt, daß ich, ehe ich meinen Willen mit Euch erfülle, Euch eine Gnade erweise, bin ich bereit, Euern Wunsch zu tun, und schwöre Euch bei der Taufe, die ich auf dem Haupte habe, und bei aller Liebe, die ich für Euch hege – denn ein höheres Gelübde kann ich nicht ablegen –, daß ich alles, was Ihr mir zu tun anmutet, ohne Widerrede leisten will, vorausgesetzt, daß Ihr mir nicht befehlt, Euch nicht zu lieben, noch Euch, wie ich es bin und stets bleiben werde, ein rechtschaffener treuer Diener zu sein; denn wenn ich Euch dies auch verspräche und mit tausend und aber tausend Eiden bekräftigte, so könnte ich das doch niemals halten: so wenig der Mensch ohne Seele leben kann, könnte ich Euch zu lieben aufhören; und eher geschähen alle unmöglichen Dinge, als daß ich Euch nicht liebte. Verlanget daher kühn, was Euch beliebt: denn ich und mein Reich sind in Eurer Gewalt. Und wenn ich je daran denken sollte, Euch nicht zu halten, was Ihr von mir verlangt, wenn es doch in meiner Gewalt ist oder in der Gewalt irgendeines Menschen, der in meinem Reiche sich findet, so bitte ich Gott andächtig, daß er an dem Prinzen von Wales, Eduard, meinem Erstgebornen, und an meinen andern Söhnen oder an allem, was mir sonst teuer ist, mich ferner keine Freude mehr erleben lasse!«

Die schöne Alix wollte jetzt, obschon sie eingeladen ward, sich zu erheben, noch nicht aufstehen; sie faßte vielmehr knieend, wie sie war, sittsam die Hand des Königs und sprach also zu ihm: »Und ich, Sire, indem ich Euch die königliche Hand küsse, danke Euch für die Gnade, die Ihr mir erweiset, unendlich und bin Euch aufs höchste verpflichtet. Ich vertraue daher schuldigermaßen auf Euer königliches Wort und werde Euch um das Geschenk anflehen, das ich wünsche wie mein Leben.« Der König, der in der Tat gerührt war von aufrichtiger Liebe, und der Alix mehr liebte als seinen Augapfel, schwur ihr von neuem auf das eindringlichste, er wolle treu und ohne Arglist königlich alles leisten, was sie von ihm verlange. Indessen zog sie das schneidende Messer hervor, das eine mehr als zwei Spannen lange Klinge hatte, vergoß die heißesten Tränen, die ihr die schönen, rosigen Wangen netzten, und sagte in jammerndem Tone zum König, der voll Staunen und Verwunderung war: »Herr, das Geschenk, das ich von Euch verlange, und das Ihr mir zu gewähren Euch verpflichtet habt, besteht darin, daß ich Euch von ganzem Herzen bitte und inständig anflehe, daß Ihr mir meine Ehre nicht nehmen wollet, sondern daß Euch lieber gefalle, mit Euerm Degen mir dieses hinfällige und gebrechliche Leben zu nehmen, damit, wenn ich bisher standesgemäß unbescholten gelebt habe, ich auch standesgemäß in Ehren sterbe. Wenn ich diese Gnade von Euch erlange, daß Ihr mich eher ermordet, als daß Ihr mir meine Ehre nehmt, so bitte ich Gott, unsern Herrn, daß er Euch stets glücklich erhalten möge und Euch völlige Genüge aller Eurer Wünsche gebe. Andererseits aber gelobe ich Gott und verspreche Euch aufrichtig, wenn Ihr mir das Versprechen nicht haltet, daß ich mich selbst mit diesem scharfen Messer umbringen und daß ich nie zugeben werde, solange ein Atemzug in mir ist, daß man mich mit Gewalt schände. Bedenkt, Sire, daß Ihr das, was Ihr von mir begehrt, von tausend und aber tausend andern schönen Frauen ohne Schwierigkeit erlangen könnt: denn sie werden Euch willig gefällig sein, – während ich aufs festeste entschlossen bin, lieber das Leben verlieren zu wollen als Ehre und guten Namen. Und wie groß wird Euer Vergnügen sein, wenn Ihr klar einseht, wenn Ihr mit Gewalt mir das entreißt, was Ihr so sehr zu verlangen scheint, daß Ihr nur meinen Körper unter Eurer Herrschaft habt, nicht aber meinen Geist noch meinen Willen, die Euch immer Widerstand leisten, ja Euch hassen werden, solange ich lebe, und die nicht aufhören sollen, die Rache Gottes für Euch anzusprechen. Aber Gottes Güte verhüte, daß Ihr mir Gewalt antuet! Bedenkt, Sire, bedenkt, daß Euer wollüstiger Genuß vorübergehen wird wie ein Nebel vor dem Winde, um Euch immer die Reue zurückzulassen und einen stechenden Wurm im Herzen wegen der schimpflichen Schmach der an mir verübten Gewalttat, einen Wurm, der nie aufhören wird, Euch zu nagen und zu peinigen! Ferner wird die abscheuliche Schande und die tadelnswürdige Beschimpfung, die Ihr auf die Reinheit meiner Sittsamkeit werfet, nebst meinem daraus erfolgenden frühzeitigen Tod Euern Namen mit ewigen Vorwürfen und unaufhörlicher Verrufenheit belasten. Und glaubt nicht, daß der Ruf dieser Übeltat sich nur in die Grenzen Englands und der benachbarten Inseln verschließen werde; vielmehr wird er den Ozean überschreiten, durch ganz Europa, ja über die ganze Welt mit dem lautesten Schrei die Ungerechtigkeit und Grausamkeit eines so hohen Fürsten, wie Ihr seid, verbreiten; und in den kommenden Jahrhunderten wird die Sage davon den Nachkommen Eure Schmach vergrößern, während sie Euch bei Euern Lebzeiten mit Schanden in das Gerede der Leute bringt. Kaum eine Sekunde Zeit wird Eure Freude einnehmen, während die Schande davon an jedem Ort, wo Menschen wohnen, und zu jeder Zeit gepredigt werden wird; und nicht allein werdet Ihr getadelt werden, sondern auch Eure Nachkommen werden den Makel davon an sich tragen. Wollt Ihr, daß man sage, ich, die aus edelstem und hehrem Blut geboren bin, einem alten und untadeligen Geschlecht angehöre, deren Verwandte, Ahnen und Urahnen für Englands Krone so oftmals ihr Blut verspritzt haben, ich sei von Euch überwältigt und zur Metze gemacht worden? Erinnert Ihr Euch nicht, wie viele Ihr bestraft habt, die mit freier Einstimmung Ehebruch getrieben haben? Und jetzt wollt Ihr selbst in die Verirrung verfallen, die Ihr selbst so streng gezüchtigt habt? Erinnert Euch, daß mein Gemahl in Euern Diensten gestorben ist, der Euch so treu und ergeben war; und gewiß, obschon er tot ist, wird er bei Gott nach Gerechtigkeit gegen Euch schreien. Ist das also der Lohn, den Ihr ihm bereit haltet, das der Ersatz, den er für seine Mühsale erwarten könnte, wenn er noch am Leben wäre? Aber, um zum Schluß zu kommen, mein Gebieter, tut nun eines von beiden: haltet mir entweder, was Ihr mir durch Wort und Eid zu halten Euch verpflichtet habt, oder raubt mir wenigstens nicht dasjenige, was Ihr, wenn Ihr mir es entwendet habt, mir nie mehr erstatten könnt, welche Macht und Schätze Ihr auch besitzet! Was von beiden Ihr auch tun möget, ich bin von Euch so wohl befriedigt, als sich nur sagen läßt. Was denkt Ihr, Herr? Was beabsichtigt Ihr? Entweder haltet mir das Versprechen, oder zücket Euern Degen und bringt mich um! Hier ist die Kehle, hier ist die Brust! Was zaudert Ihr?«

Indem sie dies sprach, breitete sie unerschüttert den schneeweißen, schönen Hals mit dem Marmorbusen vor dem König aus und bat ihn zärtlich, sie zu ermorden. Außer sich bei einem so entsetzlichen kläglichen Schauspiel, war er unbeweglich geworden; sie aber, die in dieser erschütternden Szene einen Berg von Erz hätte in Stücke schlagen können, sank, als sie ausgeredet hatte, voll Aufregung, wie eine reuige Magdalena vor Christus, zu den Füßen des Königs nieder, ließ aber darum ihr Messer nicht los, badete es mit heißen Tränen und erwartete entweder erwünschte Antwort vom König oder mit unbesiegtem ruhigem Mute den Tod. Der König verharrte eine gute Weile in dieser Stellung, ohne sich irgend zu rühren, Verschiedenes im Innern bewegend und von tausend Gedanken bekämpft, ganz unentschlossen, wobei Alix indes nicht aufhörte, ihn zu bitten, er möge eines oder das andere ausführen.

Am Ende, als der König die Standhaftigkeit, Festigkeit und Charakterstärke seiner Geliebten, die er mehr als sich selbst liebte, überlegt hatte und die festeste Meinung hegte, daß wenige so vortreffliche Frauen aufgefunden werden können, und daß sie jeder Ehre und Hochachtung würdig sei, reichte er ihr mit einem heißen Seufzer die Hand und sagte zu ihr mit Rührung: »Steht auf, meine Herrin, und fürchtet nicht von mir, daß ich je etwas anderes von Euch verlangen werde, als was Euch so sehr angelegen ist! Gott bewahre mich, daß ich die Frau, die ich wie mein Herz, ja noch, weit mehr liebe, umbringe; denn jeden, der ihr nur zur Last fallen, geschweige der sie umbringen wollte, würde ich als meinen Todfeind erwürgen. Steht auf um Gottes willen, edle Frau, steht auf! Dieses schneidende und in Wahrheit, wie mir scheint, bedeutungsvolle Messer bleibe in Euern Händen als untrügliches Zeugnis Eurer unbesiegten und fleckenlosen Keuschheit vor Gott und den Menschen. Diesen reinen Anblick konnte die irdische, fleischliche Liebe nicht ertragen, sie ist voll Schande und Beschämung von mir geflohen und hat der aufrichtigen und wahren Liebe Platz gemacht. Wenn ich in früherer Zeit meine Feinde zu besiegen wußte, will ich jetzt zeigen, daß, indem ich mich selbst überwinde und meine unanständigen Begierden zügle, ich auch über meinen Willen Herr werden und mit mir und meinen Trieben anfangen kann, was ich will. Was ich aber im Sinn habe und zu tun und auszuführen entschlossen bin, das werdet Ihr, zu Eurer größten Genugtuung, wie ich mir schmeichle, und vielleicht mit nicht geringerer Verwunderung mit Gottes Hilfe bald sehen; dies wird auch zu meiner unermeßlichen Zufriedenheit geschehen. Und ich verlange für jetzt nichts anderes von Euch als einen Kuß in allen Ehren zum Angeld auf das, was bald die Welt mit Verwunderung sehen und zweifelsohne loben wird.«

Nachdem der König Alix mit großer Lust geküßt hatte, öffnete er die Tür des Gemachs und hieß die Gräfin, den Kämmerer und die Frauen hereinkommen. Wenn alle beim Anblick der weinenden Alix mit dem bloßen Messer in der Hand voll Verwunderung und Staunen waren, so ist das nicht zu verwundern, da sie nicht wußten, was die Sache bedeute. Als sie eingetreten waren, trug der König dem Kämmerer auf, in dem Zimmer alle Hofleute und Adligen, die sich im Palaste befänden, zu versammeln, was auch in kürzester Zeit ausgeführt ward. Dabei war unter andern der Bischof von York, ein Mann von der größten Geschäftsgewandtheit und seltener Gelehrsamkeit, nebst dem Admiral der Flotte. Ferner befand sich darunter der erste Sekretär des Königs. Diese drei mit dem Kämmerer hieß der König in das kleine Gemach treten, sonst niemand; in dem großen Zimmer aber waren viele Barone und Herren. Der Bischof und die beiden andern standen drinnen voll der größten Verwunderung da, als sie die Gräfin mit ihrer Tochter sahen, die auf des Königs Befehl das Messer in der Hand hielt und deren Tränen noch nicht getrocknet waren. In gespannter Erwartung harrten sie, zu erfahren, was das bedeute, und da sie sich den wahren Verlauf dieses wunderbaren Schauspiels gar nicht einbilden konnten, schwiegen sie still.

Die Tür des kleinen Gemachs war bereits verschlossen, und die im Saale draußen warteten, zu vernehmen, zu welchem Zwecke sie berufen seien. Der König hatte in Gegenwart aller das zu tun gedacht, was er hernach tat; darauf aber hatte er seinen Plan geändert und wollte keine weiteren Zeugen als die in dem kleinen Gemach. Hier erzählte er denn genau die ganze Geschichte seiner Liebe und das, was ihm soeben mit Alix begegnet war. Er lobte unaufhörlich ihre göttliche Sittsamkeit und ihren beständigen Sinn nebst der unbesiegten Festigkeit ihres keuschen Vorhabens, das nie genug gelobt werden könne, und nachdem er sie mit Worten über alle keuschen Frauen der Vorzeit erhoben hatte, wandte er sich zu ihr und sprach freundlich mit heiterer Miene zu ihr: »Frau Alix, wenn es Euch gefällt, mich zu Euerm rechtmäßigen Gemahl anzunehmen, so bin ich hier bereit, Euch zu heiraten als meine echte und rechtmäßige Gattin. In diesem Falle bedürft weder Ihr noch ich Rat noch Unterweisung über die Wichtigkeit der Sache; denn Ihr wißt bereits aus Erfahrung, welches Band und welche Fessel es für eine Frau ist, einen Gatten zu haben, da Ihr bereits verheiratet gewesen seid, und ich weiß ebenso, welche Last es ist, eine Gattin sich zur Seite zu wissen, wenn die Frau widerwärtig ist. Es sei aber, wie es wolle, – wenn Ihr mich wollt, so will ich Euch.« Die junge Frau, voll unendlicher Freudigkeit und wonniger Verwunderung, wußte kein Wort hervorzubringen. Als die Gräfin eine so unerwartete hochwichtige Kunde vernahm, hüpfte sie vor Freude und war nahe daran, an ihrer Tochter Statt zu antworten und »Ja« zu sagen, als der König nochmals dieselben Worte an Alix richtete. Nun machte diese eine ehrfurchtsvolle Verbeugung, als sie den König so wacker reden hörte, und antwortete bescheiden, sie sei seine Magd, und wiewohl man wisse, daß man nicht hoffen noch sich anmaßen dürfe, einen König zum Gemahl zu bekommen, so sei sie demungeachtet, wenn er so wolle, bereit zu gehorchen. »Und Ihr, bischöfliche Gnaden von York«, fügte der König hinzu, »sprecht die gewohnten Worte, die bei Eheverlöbnissen gebräuchlich sind!«

Auf die Befragung des Prälaten antworteten denn beide: »Ja!« Der König zog einen kostbaren Ring vom Finger und vermählte sich damit seiner teuern Alix, gab ihr den Kuß der Liebe und sprach: »Gnädige Frau, Ihr seid Königin von England, und ich schenke Euch von nun an zu Euerm Unterhalt jährlich dreißigtausend Taler und diese Kiste hier voll Gold und Edelsteinen. Hier ist der Schlüssel dazu: nehmt ihn! Da ferner das Herzogtum Lancaster dem königlichen Schatze heimgefallen ist, verleihe ich Euch dasselbe und will, daß es Euch frei angehöre, und daß Ihr darüber verfügen, es verschenken und verkaufen könnt, wie es Euch genehm ist.«

Darauf wandte er sich an den Sekretär und befahl ihm, der Königin für diese Schenkungen eine ausführliche Verschreibung auszustellen. Sodann verordnete er, daß diese Heirat ohne seine Genehmigung nicht bekanntgemacht werde. Er ließ sodann die Anwesenden auf den geheimen Weg gehen und blieb mit der Königin allein, um die Ehe mit ihr zu vollziehen, wobei er einen Teil der Frucht seiner langen und glühenden Liebe mit unsäglichem Vergnügen pflückte. Dann ging er auch mit ihr hinab in den geheimen Weg, wo der Bischof und die andern waren, und ohne von jemand gesehen zu werden, begleiteten sie die neue Königin in die Barke. Der König blieb mit den Seinigen zurück; die Frauen aber gingen nach Hause, indem die schöne Königin Gott Lob und Dank sagte, daß er ihren Mühsalen ein so freudiges Ende und einen so erhabenen Ersatz für dieselben gegeben habe. Die Mutter, die ihre Tochter zum König geführt hatte, um sie zur Hure zu machen, brachte sie als Königin wieder heim.

In zehn Tagen hatte der König alles angeordnet; er schickte seinen vertrauten Kämmerer mit Briefen von ihm, der Gräfin und der Königin an den Grafen, seinen Schwiegervater, und lud ihn mit seinen Söhnen zur Hochzeit ein. Als der Graf so gute und unerwartete Nachrichten hörte, machte er dem Kämmerer unendliche Liebkosungen und schenkte ihm viele schöne Dinge. In Begleitung desselben und seiner Söhne ging er auch erfreut und übermäßig heiter alsbald nach London. Die Begrüßung zwischen dem Vater und der Tochter, der neuen Königin, und zwischen den Brüdern und ihr war sehr innig, und die Begrüßung wollte nicht aufhören, denn sie konnten nicht satt werden, sich miteinander zu freuen. Der Vater war erfreut, als er sah, daß die Meinung, die er von der Seelengröße seiner Tochter gehabt hatte, zur Ehre und Erhöhung des Hauses ausgeschlagen war, und er segnete die Stunde, in der sie geboren wurde. Vielmals ließ er sich die ganze Geschichte von dem, was zwischen ihr und dem König vorgefallen war, wiedererzählen. Die Gräfin konnte daher nicht umhin zu erröten, als sie die Ermunterungen wieder erwähnen hörte, die sie ihrer Tochter erteilte, daß sie dem König zu Willen sei, und daß sie die Mittlerin und Führerin gemacht habe, die sie zum König gebracht. Doch führte sie auch für sich einige Gründe an, indem sie geltend machte, wie ungern sie gegangen sei; die Furcht aber, ihren Gatten samt ihren Söhnen und dem ganzen Hause dem Untergang geweiht zu sehen, habe sie gezwungen, von zwei Übeln das geringere zu wählen; und so stritten sie freundlich miteinander. Vor allem aber dankte die neue Königin inbrünstig Gott, daß er ihre keusche Absicht berücksichtigt und in seiner unendlichen Güte sie zu einer so erhabenen königlichen Höhe erhoben habe.

Sofort ging der Graf Richard mit seinen Söhnen hin, dem König aufzuwarten, der alle sehr ehrenvoll und höflich aufnahm, indem er den Grafen als seinen Schwäher und Vater ehrte und seine Söhne als seine rechten Schwäger, die sie auch waren. Sodann sprach der König ausführlich über die Art, wie man die Königin zur Krönung nach dem Palaste einholen müsse; es wurde die schickliche Zurüstung zu der künftigen Hochzeitsfeier gemacht. Der König ließ seine neue Verehelichung bekanntmachen und alle Herzoge, Markgrafen, Grafen, Freiherren und andere Edelleute von seinen Vasallen einladen, sich zu London am 1. Juli zur Hochzeit und Krönung der Königin einzufinden. Unterdessen ging der König insgeheim in das Haus des Grafen und brachte eine oder zwei Stunden des Tages in Freuden bei seinem liebsten Ehegemahl zu. Als dann der erste Juli gekommen war, ging der König am Morgen unter ehrenvollster Begleitung in das Haus des Grafen, seines Schwähers, und fand dort die frohe Alix als Königin gekleidet und den Palast prunkvoll geschmückt. Mit einem Gefolge von vielen Frauen und Fräulein gingen sie dann in die Kirche, um die Messe zu hören, und als diese zu Ende war, vermählte sich der König von neuem öffentlich mit ihr. Und auf dem Markte, wo die feierlichste Zurüstung gemacht war, wurde sie als Königin von England gekrönt mit einer sehr reichen Krone, die man ihr aufsetzte. Von da begab man sich in die königliche Burg zur Tafel. Die Mahlzeit war kostbar und schön, wie es sich für einen solchen König schickte; er hielt einen Monat lang ununterbrochen Hof mit den prächtigsten Aufzügen und Festlichkeiten, wobei er einen Pomp entfaltete, als wäre die Tochter eines Königs oder Kaisers seine Frau geworden.

Die Königin wurde in kurzer Zeit so beliebt bei dem Volk und dem Adel, daß jeder den König höchlich pries, daß er eine so gute Wahl mit seiner Gattin getroffen hatte. Auch der König war von Tag zu Tag vergnügter, und seine Liebe zu der Königin schien immer zu wachsen. Er verlangte, daß beständig durch einen Knappen der Königin, wenn sie ausging oder wenn sie zur Tafel kam, das Messer entblößt vorangetragen wurde, womit sie sich einst bewaffnet hatte, zum Zeugnis für ihre unüberwindliche Keuschheit. Der König brachte es dann in kurzer Zeit dahin, daß der Graf, sein Schwäher, der reichste und angesehenste Baron der Insel wurde, und versorgte alle seine Schwäger mit Gütern und Einkünften so reichlich, daß sie auf immer zufrieden sein mußten.

Solche Erhöhung also erlebte die schöne, sittsame Alix, sie wurde Königin und war in d«r Tat würdig, ohne Ende gefeiert zu werden. Nicht weniger Lob aber verdient in diesem Falle der hochherzige, tugendhafte König, der durch sein Verfahren in dieser Sache sich als wahren König, nicht als Tyrannen erwies. Und gewiß ist er in dem, was er mit Alix tat, jedes schönen Preises würdig; sein ruhmvoller Sieg über sich selbst machte ihm auch seine Untertanen anhänglich und gehorsam und gab andern das Vorbild für eine rechtschaffene Handlungsweise: denn alle sahen daraus, daß man auf diese Art unvergänglichen Ruhm erwirbt. Und ich meinesteils glaube und hege die feste Überzeugung, daß er darum, weil er so gut seine unordentlichen Triebe zu regeln und seine Liebesleidenschaft zu überwinden verstand, keinen geringeren Ruhm verdient, als der ist, den er durch viele und glorreiche Siege im Waffenhandwerk sich erworben hat.

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