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Novellen

Matteo Bandello: Novellen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorMatteo Bandello
booktitleItalienische Novellen, Band 2
titleNovellen
publisherVerlag Lambert Schneider
volumeZweiter Band
translatorKarl Simrock
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid1bbb2f6a
created20070513
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Die Müllerin

(Beaumont-Fletcher, Das Mädchen in der Mühle; Lope de Vega, Quinta de Florencia)

Alessandro von Medici, der, wie ihr wißt, der erste ist, der mit Bewilligung der Kirche unter dem Titel Herzog die Herrschaft über unsere florentinische Republik führt, besitzt viele Eigenschaften, die ihn bei dem Volke beliebt machen; unter allen aber scheint mir keine, die der Gerechtigkeit gleichgestellt zu werden verdiente, die er mehr als alles zu lieben scheint. Unter vielen lobenswerten Handlungen, die er in dieser Beziehung vollbracht, will ich nur eine erwähnen, die ganz sicher unter diejenigen gehört, deren Preis man anstimmen kann; und man kann ihr um so mehr Lob erteilen, als er sehr jung und den Genüssen der Wollust sehr ergeben ist. Er zeigte sich nämlich bei dem Vorfalle, den ich euch jetzt erzählen will, voll Klugheit und Vorsicht, was selten mit der Jugend vereinigt zu sein pflegt: denn in der Regel kann, wo keine große Erfahrung ist, auch nicht jene Klugheit stattfinden; nur lange Übung macht Greise klug und gibt menschlichen Handlungen Anspruch auf Lob.

Der Herzog Alessandro hielt einen schönen stattlichen Hof von vielen Edelleuten, sowohl fremden, als toskanischen. Unter andern war daselbst auch ein junger Florentiner, den der Herzog vor allen liebte. Wir wollen ihn Pietro nennen. Einst war dieser auswärts auf einem seiner Güter in der Nähe von Florenz und sah ein junges Mädchen, eines Müllers Tochter, die sehr schön und zierlich war und ihm ausnehmend gefiel. Die Mühle ihres Vaters war in der Nähe des Gutes, auf dem Pietro eine schöne und bequem eingerichtete Wohnung hatte. Sobald er das Mädchen gesehen hatte, sann er nach, wie er es anfangen sollte, es in seinen Besitz zu bringen und die Frucht von ihr zu pflücken, die man bei allen Weibern so eifrig sucht. Er nahm also von dem Herzog auf acht bis zehn Tage Urlaub, um auf dem Lande zu leben, und fing nun an sein Pfauenrad vor dem Mädchen aufzuschlagen und gab sich alle ersinnliche Mühe, um sie seinen Wünschen gefällig zu machen. Doch kümmerte sie sich gar nicht um ihn und zeigte sich der Liebe Pietros gerade so geneigt wie Hunde den Schlägen. Und da es oftmals geschieht, daß ein Liebhaber, je mehr er sich den geliebten Gegenstand versagt sieht, um so mehr in Flamme gerät und zum Ziele zu gelangen begehrt, und daß häufig das, was anfangs nur im Scherze geschah, ernstlich wird, fühlte Pietro sich so sehr von Liebe zu der besagten Müllerin entzündet, daß er seine Gedanken auf gar nichts anderes wenden konnte; verzweifelnd, seine Absicht zu erreichen, als er nicht länger mehr auf dem Lande bleiben konnte, fühlte er die Lust und die glühende Begierde nach dem Genusse des geliebten Gegenstandes fortwährend wachsen. Alle Mittel und Wege waren versucht, die ihm geeignet schienen, um das Unternehmen zu erleichtern, als da sind Botschaften, Geschenke, große Versprechungen, mitunter auch Drohungen und ähnliche Künste, wie sie bei Liebhabern üblich sind und welche Kupplerinnen vortrefflich auszuführen verstehen. Als er nun sah, daß er Wasser stampfte und alles vergeblich war, als er die Herzenshärtigkeit des Mägdleins erkannte und fühlte, daß er seine Bemühungen vergeude und alle Hoffnungen fehlgeschlagen seien, beschloß er, das Mädchen, es möge auch aus der Sache werden, was da wolle, zu entführen und den Genuß ihrer Schönheit, den er nicht mit Liebe erreichen konnte, mit Gewalt zu erringen.

Als er darüber mit sich eins geworden war, ließ er zwei junge Edelleute, seine Freunde, rufen, die ihre Güter in der Nähe hatten und durch Zufall auch auf dem Lande waren. Diesen teilte er sein Vorhaben mit und bat sie, ihm mit Rat und Tat beizuspringen. Diese, ein Paar junge leichtsinnige Menschen, rieten Pietro, das Mädchen zu entführen, und boten sich an, ihm bei dem Unternehmen tätige Hilfe zu leisten. Man zögerte mit der Ausführung nicht im geringsten; sie konnten es gar nicht erwarten, bis sie die schöne Müllerstochter geraubt hätten; und als die Nacht zu dunkeln begann, griffen die drei zu den Waffen und gingen mit ihren Dienern nach der Mühle, wo sie mit ihrem Vater weilte; und trotz seines Widerstrebens, denn er tat für die Rettung seiner Tochter, was er wußte und konnte, entführten sie sie ihm mit Gewalt und drohten dem Vater mit Worten und Handlungen. So sehr auch das Mädchen weinte, schrie und mit lauter Stimme um Gnade bat, sie schleppten sie mit sich fort. Pietro pflückte in derselben Nacht zum großen Mißvergnügen des Mädchens, das immer mit Schluchzen und Tränen seinen Unwillen kundgab, die Blüte ihrer Jungfräulichkeit, ergötzte sich an ihr die ganze Nacht hindurch und bemühte sich, sie sich geneigt zu machen, um sie dann auf einige Zeit zu Willen zu haben.

Als der Müller sah, daß man ihm mit Gewalt seine Tochter geraubt hatte, und daß er für sich selbst nicht imstande wäre, sie wieder zu bekommen, beschloß er, am folgenden Morgen in der Frühe vor den Herzog zu gehen und ihn um Gnade anzuflehen. Sobald man das Tor öffnete, trat er in die Stadt und ging sogleich in den Palast des Herzogs und blieb dort so lange, bis der Herzog aufgestanden war und aus seinem Schlafzimmer kam. Sobald der arme Mann den Herzog sah, warf er sich ihm mit Tränen in den Augen zu Füßen und fing an, ihn um Gerechtigkeit anzuflehen.

Der Herzog blieb stehen und sprach: »Steh auf und sage mir, was es gibt und was du von mir verlangst!« Und damit sonst niemand höre, was der Müller zu klagen hatte, zog er ihn beiseite und befahl ihm, alles leise zu erzählen. Der ehrliche Mann gehorchte, erzählte ihm die ganze Sache kurz und bestimmt und nannte ihm auch die zwei Gefährten Pietros, die der Herzog sehr gut kannte. Als der Herzog diese Nachricht gehört hatte, sagte er zu dem Müller: »Sieh dich vor, guter Mann, daß du mir keine Lüge sagen mögest: denn das müßte ich streng bestrafen. Wenn aber die Sache sich so verhält, wie du sie mir erzählt hast, so werde ich gehörig für dich sorgen. Geh und erwarte mich nach dem Mittagessen in deiner Mühle, die ich ganz gut kenne! Vorzüglich aber laß, wenn dir dein Leben lieb ist, niemand etwas davon wissen, was ich dir sagte, und das übrige überlaß mir!«

Durch diese freundlichen Worte war der arme Müller getröstet, und der Herzog befahl ihm, in seine Mühle zurückzukehren. Nach dem Essen befahl er allen, zu Pferde zu steigen: er wolle einen Ausflug auf das Land machen. Der Herzog schlug den Weg nach der Mühle ein, ließ sich, als er daselbst ankam, den Palast Pietros zeigen, der nicht weit davon entfernt war, und verfügte sich dahin. Als Pietro und seine Freunde dies hörten, kamen sie ihm vor dem Hause entgegen, wo sich ein schöner Platz mit einer frischen grünen Laube befand. Der Herzog stieg ab und sprach zu Pietro: »Ich ritt auf der Jagd in der Nähe vorbei, sah deinen schönen Palast hier und fragte, wem er gehöre; da ich hörte, daß er dir gehöre und sehr bequem und schön eingerichtet und mit sehr schönen Brunnen und Gärten geschmückt sei, bekam ich Lust, ihn näher zu betrachten.«

Pietro, der dies alles glaubte, dankte dem Herzog ehrerbietig für diese Herablassung und entschuldigte sich, daß der Ort nicht so schön sein möchte, als man ihm vielleicht gesagt habe.

Alle begannen nun, die Treppen hinaufzusteigen, und traten in schöne, geräumige Zimmer. Der Herzog selbst besah alle Gemächer und lobte bald dieses, bald jenes. Man kam auf eine Galerie, welche die Aussicht auf den schönsten Garten darbot. Am Ende der Galerie war ein kleines Zimmer, dessen Eingang verschlossen war. Der Herzog sagte, man solle die Tür aufmachen. Als Pietro den Herzog hatte kommen hören, hatte er das Mädchen hier verschlossen. Deshalb sagte er: »Gnädiger Herr, das ist eine übel geordnete Kammer. Auch wüßte ich in der Tat nicht, wo sich der Schlüssel dazu befindet; der Schloßvogt ist nicht zu Hause, denn ich habe ihn in Geschäften nach Florenz geschickt.«

Der Herzog, der fast alle Gemächer des Hauses gesehen hatte, vermutete, hierinnen müsse das Müllermädchen sein, und sagte: »Wohlan, öffnet mir diesen Ort mit oder ohne Schlüssel!«

Pietro näherte sich dem Ohre des Herzogs und gab ihm lächelnd zu verstehen, er habe ein Mädchen in der Kammer, mit der er die Nacht zugebracht habe.

»Das gefällt mir«, antwortete der Herzog; »doch laß mich sehen, ob sie schön ist!«

Die Tür ward nun geöffnet, und der Herzog ließ das Mädchen herauskommen. Sie warf sich ganz verschämt und weinend ihm zu Füßen. Der Herzog wollte wissen, wer sie sei und wie sie in den Palast komme. Das Mädchen erzählte die Geschichte unter Schluchzen und Tränen, und Pietro konnte es nicht leugnen. Da wandte sich der Herzog mit unwilligem Gesichte zu Pietro und seinen Gefährten.

»Ich weiß nicht«, sagte er, »was mich abhält, euch allen dreien auf der Stelle die Köpfe abhauen zu lassen; aber ich verzeihe euch die Schändlichkeit, die ihr begangen habt, unter der Bedingung, daß du, Pietro, sogleich das Mädchen als deine rechtmäßige Gattin annimmst und ihr zweitausend Dukaten als Morgengabe aussetzest, ihr zwei Mitschuldige aber jeder eintausend Dukaten dazulegt, und darüber kein Wort weiter! Ich übergebe sie dir, Pietro, als meine leibliche Schwester, und wenn ich höre, daß du sie im geringsten mißhandelst, so werde ich es rächen, als habest du meine eigene Schwester beleidigt.«

Er veranlaßte nun, daß Pietro sie sogleich zur Frau nahm, und daß die drei ihre Verbindlichkeit mit den viertausend Dukaten entrichteten. Sodann kehrte er nach Florenz zurück, wo diese seine Entscheidung allgemein und ohne Ausnahme mit großen Lobeserhebungen gepriesen wurde.

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