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Jens Peter Jacobsen: Novellen - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenovelette
authorJens Peter Jacobsen
booktitleJens Peter Jacobsens sämtliche Werke
titleNovellen
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080911
projectidf7d5a4bf
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Mogens

Sommer war es; mitten am Tage; in einer Ecke des Geheges. Gerade davor stand ein alter Eichbaum, von dessen Stamm man wohl sagen konnte, daß er sich winde in Verzweiflung über den Mangel an Harmonie, der zwischen seinem ganz frischen gelblichen Laub und seinen schwarzen und dicken, knorrigen Zweigen bestand, die am meisten von allem grob verzeichneten altgotischen Arabesken glichen. Hinter der Eiche stand üppiges Haselgestrüpp, mit dunklem, glanzlosem Laub, das so dicht war, daß man weder Stämme noch Zweige sah. Über das Haselgestrüpp auf stiegen zwei ranke, fröhliche Ahornbäume mit lustig gezackten Blättern, roten Stengeln und langem Gebimmel von grünen Fruchtbüscheln. Hinter den Ahornbäumen kam der Wald – ein grüner, gleichmäßig abgerundeter Abhang, wo die Vögel aus und ein gingen wie das Elfenvolk in einem Rasenhügel.

Alles dies konnte man sehen, wenn man über den Feldpfad dort außerhalb des Geheges kam. Lag man dahingegen im Schatten der Eiche, mit dem Rücken gegen den Stamm, und sah nach der andern Richtung – und da war einer, der das tat –, so sah man erst seine eigenen Beine, dann einen kleinen Fleck mit kurzem, kräftigem Gras, darauf einen großen Haufen dunkler Nessel, dann die Dornenhecke mit den großen weißen Winden, den Zauntritt, ein wenig von dem Roggenfelde davor, endlich die Flaggenstange des Justizrats da oben auf dem Hügel, und dann den Himmel.

Es war drückend heiß, die Luft flimmerte von Wärme, und dann war es so still; die Blätter hingen und schliefen an den Bäumen, da war nichts weiter, was sich rührte, als die Marienkäferchen dadrüben auf den Nesseln und ein wenig welkes Laub, das im Gras lag und sich aufrollte, mit kleinen, plötzlichen Bewegungen, als krümme es sich unter den Strahlen der Sonne. Und dann der Mensch unter der Eiche; er lag da und schnappte nach Luft und sah wehmütig, hilflos zum Himmel empor. Er trällerte ein wenig und gab es auf, pfiff, gab dann auch das auf, drehte sich um, drehte sich wieder um und ließ die Augen einen alten Maulwurfhügel betrachten, der vor Dürre ganz hellgrau geworden war. Plötzlich kam da ein kleiner runder, dunkler Fleck auf die hellgraue Erde, noch einer, drei, vier, viele, noch mehr, der ganze Maulwurfhügel war über und über dunkelgrau. Die Luft bestand aus lauter langen, dunkeln Strichen, die Blätter nickten und schwankten, und da kam ein Sausen, das in ein Sieden überging: Wasser strömten herab.

Alles schimmerte, blitzte, sprühte. Blätter, Zweige, Stämme, alles glitzerte von Feuchtigkeit; jeder kleine Tropfen, der auf Erde, auf Gras, auf den Zauntritt oder auf irgend sonst etwas fiel, zersplitterte und zerstäubte in tausend feinen Perlen. Kleine Tropfen hingen hier ein wenig und wurden zu großen Tropfen, tröpfelten dort herab, vereinigten sich mit andren Tropfen, wurden kleine Ströme, verschwanden in kleinen Furchen, liefen in große Löcher hinein und aus kleinen heraus, segelten fort mit Staub, mit Spänen, mit Laubfetzen, setzten sie auf Grund, brachten sie wieder flott, wirbelten sie herum und setzten sie wieder auf Grund. Blätter, die nicht zusammen gewesen waren, seit sie in der Knospe lagen, wurden von der Nässe vereint; Moos, das in der Dürre zu nichts geworden war, brauste auf und wurde weich, gekräuselt, grün und saftig; und graue Flechten, die beinahe zu Schnupftabak geworden waren, breiteten sich in zierlichen Zipfeln aus, strotzend wie Brokat und mit einem Glanz wie Seide. Die Winden ließen ihre weißen Kronen bis an den Rand füllen, stießen miteinander an und gossen den Nesseln das Wasser auf den Kopf. Die dicken, schwarzen Waldschnecken bauchten sich wohlwollend hervor und sahen anerkennend zum Himmel empor. Und der Mensch? Der Mensch stand mit bloßem Kopf da draußen, mitten im Regenwetter, und ließ die Tropfen hinabsausen in Haar und Brauen, Augen, Nase, Mund, knipste mit den Fingern nach dem Regen, hob hin und wieder die Beine ein klein wenig, als wolle er sich anschicken zu tanzen, schüttelte dann und wann den Kopf, wenn da zu viel Wasser im Haar war, und sang aus vollem Halse, ohne zu ahnen, was es war, das er sang, so sehr war er mit dem Regen beschäftigt:

Hätte ich, o hätte ich einen Enkel, o ja!
Und Kisten mit vielem, vielem Geld,
Dann hätte ich wohl auch eine Tochter gehabt, o ja!
Und Haus und Heim und Wiese und Feld.

Hätte ich, o hätte ich ein Töchterlein, o ja!
Und Haus und Heim und Wiese und Feld,
Dann hätte ich wohl auch eine Liebste gehabt, o ja!
Und Kisten mit vielem, vielem Geld.

Da stand er nun und sang, aber drüben zwischen den dunklen Haselsträuchen guckte ein kleiner Mädchenkopf hervor. Ein langer Zipfel eines roten, seidenen Schals hatte sich in einen Zweig verwickelt, der ein wenig weiter vorsprang als die andern, und von Zeit zu Zeit kam eine kleine Hand und zerrte an dem Zipfel, aber das führte zu nichts weiter als zu einem kleinen Platzregen von dem Zweig und seinen Nachbarn. Der übrige Teil des Schals lag stramm über dem kleinen Mädchenkopf und verbarg die Hälfte der Stirn, beschattete die Augen, bog dann plötzlich ab und verlor sich zwischen den Blättern, tauchte aber in einer großen Rosette von Falten unter dem Kinn wieder auf. Das kleine Mädchengesicht sah sehr erstaunt aus, aber es war kurz davor zu lachen; das Lächeln lag schon in den Augen. Auf einmal machte der, der da im Regenwetter stand und sang, ein paar Schritte zur Seite, sah den roten Zipfel, das Gesicht, die großen, braunen Augen, den kleinen, erstaunten, offenen Mund; augenblicklich wurde seine Stellung verlegen, er sah verwundert an sich selbst nieder; aber im selben Augenblick ertönte ein kleiner Schrei, der vorspringende Zweig schwankte heftig, der rote Zipfel verschwand in einem Nu, das Mädchengesicht verschwand, und es raschelte und raschelte, ferner und ferner, da drinnen hinter den Haselbüschen. Dann lief er. Er wußte nicht warum, er dachte gar nicht, die Regenwetterlustigkeit stieg wieder in ihm auf, und er lief dem kleinen Mädchengesicht nach. Es fiel ihm gar nicht ein, daß es eine Person war, der er nachlief, es war nur das kleine Mädchengesicht. Er lief, es raschelte rechts, es raschelte links, es raschelte vorn, es raschelte hinten, er raschelte, sie raschelte, und alle diese Laute und das Laufen selbst machten ihn eifrig, und er rief: »Ruf mal Kuckuck, wo du bist!« Niemand rief Kuckuck. Als er sich selbst rufen hörte, wurde ihm gleichsam ein wenig beklommen, aber er lief noch immer; da kam ihm ein Gedanke, aber nur einer, und er murmelte, während er fortfuhr zu laufen: »Was sollst du ihr nur sagen? was sollst du ihr nur sagen?« Er lief auf einen großen Busch zu, da hatte sie sich versteckt, er sah einen Zipfel ihres Kleids. »Was sollst du ihr nur sagen? was sollst du ihr nur sagen?« fuhr er fort zu murmeln, während er weiterlief. Er kam an den Busch, bog schnell ab, lief weiter, murmelte dasselbe, kam auf einen breiten Weg hinaus, lief ihn eine Strecke entlang, blieb plötzlich stehen und brach in ein Gelächter aus, ging still lächelnd ein Stück weiter und lachte dann aus Leibeskräften und lief lachend weiter, an dem ganzen Gehege entlang.


Dann war es an einem schönen Herbsttag, das Fallen des Laubes war in vollem Gange, und der Weg an die See hinab war ganz bedeckt von den zitronengelben Blättern der Ulmen und Ahornbäume, und hier und da waren auch Flecke von dunklerem Laub. Es war so angenehm, so reinlich, auf diesem Tigerfellteppich zu gehen und zuzusehen, wie die Blätter herabschneiten, und die Birke sah noch feiner und leichter aus mit so wenig an den Zweigen, und die Eberesche nahm sich so prächtig aus mit den schweren, roten Beerenbüscheln. Und der Himmel war so blau, so blau, und der Wald erschien weit größer, man konnte so weit zwischen den Stämmen hineinsehen. Und dann war es auch noch das, daß es bald alles vorbei war. Wald, Feld, Himmel, freie Luft und das Ganze, bald mußte es der Zeit der Lampen, der Teppiche und der Hyazinthen weichen. Deswegen gingen der Justizrat von Kap Trafalgar und seine Tochter nach der See hinunter, während der Wagen bei dem Dorfschulzen hielt.

Der Justizrat war ein Freund der Natur, die Natur war ganz eigenartig, die Natur war eins der schönsten Zierate des Daseins. Der Justizrat protegierte die Natur, er verteidigte sie gegen das Künstliche; Gärten waren nichts weiter als verdorbene Natur, aber Gärten mit Stil, das war wahnsinnige Natur; es gab keinen Stil in der Natur, der liebe Gott hatte wohlweislich die Natur natürlich gemacht, nichts weiter als natürlich. Die Natur war das Ungebundene, das Unverdorbene; aber durch den Sündenfall war die Zivilisation über die Menschen gekommen; jetzt war die Zivilisation zu einem Bedürfnis geworden, aber es wäre besser, wenn sie das nicht gewesen wäre; der Naturzustand war etwas ganz andres, etwas ganz andres. Der Justizrat würde nichts dagegen haben, sich dadurch zu ernähren, daß er im Schafpelz umherging und Hasen und Schnepfen und Brachvögel und Schneehühner und Rehkeulen und Wildschweine schösse. Nein, der Naturzustand war nun einmal eine Perle, eine wirkliche Perle.

Der Justizrat und seine Tochter gingen nach der See hinab. Sie hatte schon lange zwischen den Zweigen hindurchgeschimmert, aber nun kam sie ganz zum Vorschein, als sie um die Ecke bogen, da wo die große Pappel steht. Da lag sie, mit großen Flächen spiegelklaren Wassers, mit zackigen Zungen graublauen, gekräuselten Wassers, mit Strichen, die blank waren, und Strichen, die gekräuselt waren, und das Sonnenlicht ruhte auf dem Blanken und flimmerte auf dem Gekräuselten. Sie führte den Blick hin über ihre Fläche, führte ihn an ihren Ufern entlang, an langsam gerundeten Bogen, an scharf gebrochenen Linien, schwenkte ihn um die grünen Landzungen herum, ließ dann den Blick fahren und verschwand da drinnen in großen Windungen, nahm aber den Gedanken mit sich. – Segeln! waren da Boote zu mieten?

Nein, da seien keine, sagte ein kleiner Bursche, der in dem weißen Landhause beheimatet war und unten am Strande stand und flache Steine über die Wasserfläche hintanzen ließ. Waren da gar keine Boote? Doch, da wären welche; da war ja das Boot des Müllers, aber das konnte man nicht bekommen; der Müller wollte es nicht, Müllers Niels hatte beinahe Prügel gekriegt, als er es neulich verliehen hatte, es konnte gar nicht nützen, daran zu denken; aber da war ja der Herr, der oben bei Waldhüter Nikolajs wohnte, der hatte ein ausgezeichnetes Boot, eins, das oben schwarz und am Boden rot war, und das lieh er allen und jedem.

Der Justizrat und seine Tochter gingen zu Waldhüter Nikolajs hinauf. In einiger Entfernung vom Hause trafen sie ein kleines Mädchen, das Nikolajs gehörte, und das baten sie, hineinzulaufen und zu fragen, ob sie den Herrn sprechen könnten. Sie lief, als gelte es das Leben, lief mit Armen und Beinen, bis sie an die Tür kam, da setzte sie das eine Bein auf die hohe Türschwelle und band ihr Strumpfband und stürzte dann ins Haus hinein; kam gleich zurück, zwei Türen hinter sich offen, und rief, ehe sie noch die Türschwelle wieder erreicht hatte, daß der Herr augenblicklich käme, dann setzte sie sich neben die Tür gegen die Wand und lugte unter ihrem einen Arm hindurch zu den Fremden hinauf.

Der Herr kam und erwies sich als ein großer, kräftig gebauter Mann von einigen zwanzig Jahren. Die Tochter des Justizrats erschrak ein wenig, als sie in ihm den Menschen wiedererkannte, der im Regenwetter gesungen hatte. Aber er sah so wunderlich und abwesend aus; es war augenscheinlich, daß er direkt von einem Buch kam, das konnte man an dem Ausdruck in seinen Augen sehen, an seinem Haar und an seinen Händen, die gar nicht wußten, wo sie waren.

Die Tochter des Justizrats knixte ausgelassen vor ihm und rief: »Kuckuck« und lachte.

»Kuckuck?« fragte der Justizrat.

Aber das war ja das kleine Mädchengesicht! Der Mensch wurde ganz rot und versuchte, etwas zu sagen, als der Justizrat mit einer Frage nach dem Boot kam. Ja, das stehe zu Diensten. Aber wer sollte rudern? Er, das solle er tun, sagte das Fräulein, sie kehrte sich nicht daran, was der Vater sagte, es sei einerlei, ob es dem Herrn Unbequemlichkeit mache, denn er sei manchmal auch gar nicht bange, andern Leuten Unbequemlichkeiten zu machen. Und dann gingen sie nach dem Boot hinunter und gaben dem Justizrat unterwegs die Erklärung. Sie kamen ins Boot und waren schon ein gutes Stück draußen, ehe das Fräulein sich zurechtgesetzt hatte und Zeit fand zu reden.

»Nun,« sagte sie, »es war gewiß etwas sehr Gelehrtes, was Sie da lasen, als ich kam und Sie mit meinem Kuckuck zum Segeln herausrief?«

»Zum Rudern, meinen Sie. Etwas Gelehrtes! es war ›die Geschichte von Ritter Peter mit dem silbernen Schlüssel und der schönen Magelone‹.«

»Von wem ist die?«

»Die ist von keinem; das sind diese Art Bücher nie. ›Vigoleis mit dem goldnen Rad‹ ist auch von niemand, und ›der Jäger Bryde‹ auch nicht.«

»Ich habe diese Titel noch nie gehört.«

»Ach, setzen Sie sich ein wenig mehr auf die Seite, sonst können wir nicht gerade liegen. Nein! das ist auch ganz natürlich, das sind gar keine feinen Bücher, das sind solche, wie man sie auf den Jahrmärkten von Bänkelsängerinnen kauft.«

»Das ist doch sonderbar: lesen Sie immer solche Bücher?«

»Immer? ich lese nicht viele Bücher zwischen Jahr und Tag, und ich mag eigentlich am liebsten die Art, in denen Indianer vorkommen.«

»Aber Dichterwerke? Oehlenschläger, Schiller und die andern?«

»Ja, ich kenne sie wohl; wir hatten einen ganzen Schrank voll davon zu Hause, und Fräulein Holm – die Gesellschafterin meiner Mutter – las nach dem Frühstück und des Abends daraus vor; aber ich kann nicht sagen, daß sie mir gefielen – ich kann keine Verse leiden.«

»Keine Verse leiden! – Sie sagten hatten, lebt Ihre Frau Mutter nicht mehr?«

»Nein, und mein Vater auch nicht.«

Dies wurde in einem etwas mürrischen, abweisenden Ton gesagt, und die Unterhaltung stockte für eine Weile und ließ die vielen kleinen Laute, die die Bewegung des Bootes durch das Wasser hervorbrachte, deutlich hören.

Das Fräulein brach das Schweigen:

»Mögen Sie gern Gemälde?«

»Altarbilder? ach, ich weiß nicht.«

»Ja, oder andre Bilder, Landschaften zum Beispiel?«

»Malt man die auch? Ja, das ist wahr, das weiß ich ja.«

»Sie machen sich gewiß lustig über mich?«

»Ich! Ja, einer von uns tut es wohl!«

»Aber sind Sie denn nicht Student?«

»Student! Woher hätte ich das wohl werden sollen! Nein, ich bin nichts!«

»Ja, etwas müssen Sie doch sein. Sie müssen doch irgend etwas tun?«

»Warum das?«

»Ja, denn das – das tun doch alle Menschen.«

»Tun Sie denn etwas?«

»Ach ja! aber Sie sind doch auch keine Dame.«

»Nein, Gott sei Dank!«

»Danke schön!«

Er hielt mit dem Rudern inne, zog die Ruder ein wenig ein, sah ihr ins Gesicht und sagte:

»Was wollen Sie damit sagen? – nein. Sie müssen nicht böse auf mich sein; ich will Ihnen etwas sagen, ich bin so ein sonderbarer Kauz. Sie können das gar nicht verstehen. Sie meinen nun, weil ich fein in Kleidern bin, daß ich darum ein feiner Mann sein muß. Mein Vater war ein feiner Mann, und es ist mir gesagt worden, daß er so ungeheuer viel konnte, und das konnte er wohl auch, da er Landrat war. Ich kann nichts, denn Mutter und ich gaben einander in allem nach, und ich machte mir nichts daraus, das zu lernen, was man in der Schule lernt, und tue es auch jetzt noch nicht. Ach, Sie hätten meine Mutter sehen sollen, das war so eine kleine, kleine Dame. Schon als ich dreizehn Jahre alt war, konnte ich sie in den Garten hinuntertragen. Sie war so leicht; in den letzten Jahren trug ich sie so oft auf meinem Arm durch den ganzen Garten und den Park. Ich sehe sie noch in ihren schwarzen Gewändern – und vielen breiten Spitzen ...«

Er griff zu den Rudern und ruderte gewaltsam drauflos. Der Justizrat wurde ein wenig unruhig, als er das Wasser am Achtersteven so hoch hinaufgehen sah, und meinte, sie müßten wohl sehen, wieder an Land zu kommen; und dem Ufer zu ging es.

»Sagen Sie mir,« fragte das Fräulein, als das starke Rudern ein wenig nachgelassen hatte, »kommen Sie oft in die Stadt?«

»Ich bin nie dagewesen.«

»Nie dagewesen! und Sie wohnen hier nur drei Meilen davon.«

»Ich wohne nicht immer hier, ich wohne an allen möglichen Orten, seit meine Mutter starb, aber zum Winter gehe ich in die Stadt, um rechnen zu lernen.«

»Mathematik?«

»Nein, Holzfracht,« sagte er und lachte, »ja, das verstehen Sie nicht; ich will Ihnen nämlich sagen, wenn ich mündig werde, will ich eine Jacht kaufen und auf Norwegen fahren, und dann muß ich rechnen können, wegen Zoll und Klarierung.«

»Haben Sie wirklich Lust dazu?«

»Ach, es ist herrlich auf See, es ist so viel Leben im Segeln – so, da haben wir die Brücke!«

Er legte an. Der Justizrat und seine Tochter stiegen an Land, nachdem sie ihm das Versprechen abgenommen hatten, daß er sie auf Kap Trafalgar besuchen wolle. Dann gingen sie zum Dorfschulzen hinauf, er aber ruderte auf die See hinaus. Oben bei der Pappel konnten sie noch die Ruderschläge hören.


»Du, Kamilla!« sagte der Justizrat, der draußen gewesen war, um die Außentür abzuschließen, »sag mir doch,« sagte er, indem er seine Handlampe mit dem Bart des Schlüssels auslöschte, »hieß die Rose, die sie bei Karlsens hatten, Pompadour oder Maintenon?«

»Cendrillon«, antwortete die Tochter.

»Ganz recht, so hieß sie auch –, nun – dann müssen wir wohl sehen, daß wir zur Ruhe kommen; gute Nacht, mein Kind; gute Nacht, und schlafe wohl!«

Als Kamilla auf ihr Zimmer hinaufgekommen war, zog sie das Rouleau in die Höhe, stützte die Stirn gegen die kalte Fensterscheibe und summte Elisabeths Lied aus dem Elfenhügel vor sich hin. Um Sonnenuntergang hatte sich der Wind ein wenig aufgenommen, und einzelne weiße Wölkchen jagten, vom Mond beleuchtet, auf Kamilla zu. Sie stand lange da und sah sie an, verfolgte sie schon von weit her und summte lauter und lauter, je näher sie kamen, schwieg ein paar Minuten, wenn sie über ihr verschwanden, suchte neue und folgte ihrem Flug. Mit einem kleinen Seufzer ließ sie dann das Rouleau hinab. Sie trat an den Toilettentisch und stützte die Ellenbogen darauf, lehnte den Kopf gegen die gefalteten Hände und betrachtete ihr Bild im Spiegel, ohne es eigentlich zu sehen. Sie dachte an einen großen jungen Mann, der eine kranke, kleine, schwarzgekleidete Dame in seinen Armen trug, sie dachte an einen großen jungen Mann, der in einem verheerenden Sturme ein kleines Fahrzeug zwischen die Klippen und Schären dahinlenkte. Sie hörte eine ganze Unterhaltung noch einmal. Sie errötete: Eugen Karlsen würde geglaubt haben, daß du ihm den Hof machtest! Mit einer kleinen eifersüchtigen Gedankenverbindung fuhr sie fort: Klara würde niemals irgend jemand im Regenwetter draußen im Walde nachgelaufen sein, sie hätte einen Fremden nicht aufgefordert – geradezu aufgefordert – mit ihr zu segeln, obendrein: »Dame bis in die Fingerspitzen«, hatte Karlsen von Klara gesagt, das war ein Verweis für dich, kleine Bauern-Kamilla! Dann entkleidete sie sich mit affektierter Langsamkeit, ging zu Bett, nahm ein kleines, elegantes Buch von der Etagere neben dem Bett, schlug die erste Seite auf und las ein kleines geschriebenes Gedicht mit einer müden, bittern Miene durch, ließ das Buch an die Erde fallen und brach in Tränen aus; darauf nahm sie sanftmütig das Buch wieder auf, legte es an seinen Platz und löschte das Licht aus; lag dann ein wenig und sah trostlos das mondbeschienene Rouleau an und schlief endlich ein.

Wenige Tage darauf machte sich der »Regenwettermann« auf den Weg nach Kap Trafalgar. Er begegnete einem Bauer, der ein Fuder Roggenstroh fuhr, und erhielt Erlaubnis aufzusitzen. Dann legte er sich auf den Rücken in das Stroh und sah zu dem wolkenlosen Himmel hinauf. Die erste halbe Meile lag er da und ließ seine Gedanken kommen und gehen, wie sie wollten, sie waren übrigens nicht sehr verschieden, die meisten kamen und fragten, wie ein Menschenkind so wunderbar schön sein konnte, und staunten darüber, daß es eine unterhaltende Beschäftigung für mehrere Tage sein könne, sich die Züge, die Mienen und den Farbenwechsel eines Antlitzes, die kleinen Bewegungen eines Kopfes und zweier Hände und den wechselnden Tonfall einer Stimme ins Gedächtnis zurückzurufen. Aber dann zeigte der Bauer mit der Peitsche auf ein Schieferdach in einer Entfernung von einer Viertelmeile und sagte, das wären Justizrats, und dann kam der gute Mogens aus dem Stroh in die Höhe und starrte ängstlich nach dem Dach, hatte ein wunderliches Gefühl von Beklommenheit, versuchte, sich vorzustellen, daß niemand zu Hause sei, wurde aber hartnäckig in die Vorstellung hineingezogen, daß da große Gesellschaft war, und konnte sich nicht wieder davon befreien, obwohl er zählte, wieviel Kühe »Landlust« auf der Weide hatte und wieviel Kieshaufen er am Wege entlang sehen konnte. Endlich hielt der Bauer da, wo ein kleiner Weg nach dem Landhause hinunterführte, und Mogens ließ sich von dem Fuder heruntergleiten und machte sich daran, die kleinen Stücke Stroh abzubürsten, während das Fuder langsam über den Kies des Wegs dahinknirschte. Er näherte sich der Gartenpforte Fuß für Fuß, sah einen roten Schal hinter den Balkonfenstern verschwinden, einen kleinen verlaßnen, weißen Nähkorb auf dem Balkonrande und den Rücken eines schaukelnden, leeren Schaukelstuhls. Er trat in den Garten ein, den Blick beständig auf den Balkon gerichtet, hörte den Justizrat Guten Tag sagen, wandte den Kopf nach dem Laut um und sah ihn dastehen und nicken, die Arme voll von leeren Blumentöpfen. Dann sagten sie dies und jenes, und dann verfiel der Justizrat darauf, auseinanderzusetzen, wie man wohl gewissermaßen sagen könne, der alte Kastenunterschied zwischen den Baumsorten sei durch das Pfropfen aufgehoben, aber daß ihm dieses im übrigen sehr zuwider sei. Dann kam Kamilla langsam auf sie zu, in einen stechend blauen Schal gehüllt. Sie hatte die Arme in den Schal gewickelt und grüßte mit einer kleinen Kopfbewegung und einem matten Willkommen. Der Justizrat ging mit seinen Blumentöpfen, Kamilla stand da und sah über die Schulter zu dem Balkon hinauf; Mogens sah sie an. Wie war es ihm ergangen seit neulich? Danke, ihm hatte nicht das geringste gefehlt. Viel gerudert? Ach ja, wie gewöhnlich, vielleicht nicht ganz soviel. Sie wandte den Kopf nach ihm um, sah ihn kühl an, hielt den Kopf ein wenig auf die Seite und fragte mit halbgeschloßnen Augen und einem matten Lächeln, ob denn die schöne Magelone ihn mit Beschlag belegt habe. Er wisse nicht, was sie meine, aber er glaube es fast. Dann standen sie eine Weile da und sagten nichts. Kamilla tat ein paar Schritte auf eine Ecke zu, wo eine Bank und ein Gartenstuhl standen, sie setzte sich auf die Bank und bat ihn, nachdem sie sich gesetzt hatte, indem sie auf den Stuhl sah, Platz zu nehmen, er müsse ja müde sein nach dem langen, langen Wege. Er setzte sich auf den Stuhl.

Ob er glaube, daß etwas aus der geplanten Verbindung werde? Es sei ihm vielleicht gleichgültig? Natürlich mache er sich nichts aus dem Königshause? Er hasse selbstredend die Aristokratie? Es gebe nur wenige junge Herren, die nicht glaubten, daß die Demokratie Gott weiß was sei. Er gehöre wohl zu denen, die den Familienverbindungen des Königshauses nicht die geringste politische Bedeutung beilegten? Vielleicht irre er doch. Man hatte ja gesehen ... Sie hielt plötzlich inne, verwundert darüber, daß Mogens, der anfangs ein wenig erschrocken gewesen war über all das viele, jetzt ganz vergnügt aussah. Er sollte doch nicht gar dasitzen und sich über sie lustig machen? sie wurde ganz rot.

»Interessieren Sie sich sehr für Politik?« fragte sie ängstlich.

»Nicht im geringsten.«

»Aber warum lassen Sie mich denn hier sitzen und eine Ewigkeit politisieren?«

»Ach, Sie sagen das alles so hübsch, es ist ganz gleichgültig, worüber Sie eigentlich reden.«

»Das ist wirklich kein Kompliment.«

»Doch ist es das«, versicherte er eifrig, da es ihm schien, als sähe sie ganz beleidigt aus.

Kamilla brach in ein Gelächter aus, sprang auf und lief ihrem Vater entgegen, faßte ihn unter den Arm und kehrte dann mit ihm zu dem erstaunten Mogens zurück.

Als das Mittagessen überstanden war und sie oben auf dem Balkon Kaffee getrunken hatten, schlug der Justizrat einen Spaziergang vor. So gingen sie denn alle drei den kleinen Weg über die große Landstraße und einen schmalen Pfad entlang, zu dessen beiden Seiten Roggenstoppeln standen, über den Zauntritt in das Gehege. Dort stand die Eiche und all das andre, es waren sogar noch Winden in der Dornenhecke. Kamilla bat Mogens, ihr einige davon zu holen. Er riß sie alle zusammen ab und kam mit einer ganzen Handvoll zurück.

»Dank, so viele will ich nicht haben«, sagte sie, nahm einige und ließ die übrigen an die Erde fallen.

»Dann wollte ich, ich hätte sie sitzen lassen«, sagte Mogens ernsthaft.

Kamilla bückte sich und fing an, sie wieder aufzusammeln. Sie hatte erwartet, daß er ihr helfen würde, und sah erstaunt nach ihm auf, aber er stand ganz ruhig da und sah auf sie herab. Ja, sie hatte nun einmal damit angefangen, da mußte sie denn dabeibleiben, und aufgesammelt wurden sie; aber dann sprach sie freilich auch nicht mit Mogens, eine lange, lange Zeit, ja, sah nicht einmal nach der Seite hin, wo er war. Aber sie mußten sich doch ausgesöhnt haben, denn als sie auf dem Heimwege wieder an die Eiche kamen, ging Kamilla unter den Baum und sah in seine Krone hinauf, trippelte von der einen Seite auf die andre, machte allerlei Bewegungen mit den Händen und sang, und Mogens mußte in das Haselgestrüpp gehen und sehen, wie er sich ausgenommen hatte. Auf einmal lief Kamilla auf ihn zu, aber Mogens fiel aus der Rolle und vergaß zu schreien wie auch zu laufen, und dann erklärte Kamilla lachend, sie sei sehr unzufrieden mit sich und hätte sich nicht die Dreistigkeit zugetraut, stehen zu bleiben, wenn so ein entsetzlicher Mensch, und dabei zeigte sie auf sich selbst, auf sie zugestürmt komme. Aber Mogens erklärte, daß er sehr mit sich zufrieden sei.

Als er um Sonnenuntergang nach Hause wollte, begleiteten der Justizrat und Kamilla ihn ein Stück Wegs. Und als sie dann zurückkehrten, sagte sie zu ihrem Vater, daß sie den einsamen Menschen während des Monats, wo noch von auf dem Lande bleiben die Rede sein könne, wohl noch recht oft einladen müßten, denn er kenne ja keinen Menschen hier draußen, und der Justizrat sagte ja und lächelte darüber, für so arglos gehalten zu werden, aber Kamilla ging da und sah sanft ernsthaft aus, damit man nicht daran zweifeln solle, daß sie ja das Mitleid in höchsteigner Person sei.

Es wurde nun wirklich so mildes Herbstwetter, daß Justizrats noch einen ganzen Monat auf Kap Trafalgar blieben, und das Mitleid führte dahin, daß Mogens zweimal in der ersten Woche und ungefähr jeden Tag in der dritten dahinkam.

Es war an einem der letzten Tage des schönen Wetters, früh am Morgen hatte es geregnet und war bis weit in den Vormittag hinein bewölkt gewesen, aber jetzt war die Sonne hervorgekommen, und sie schien so stark und warm, daß die nassen Gartensteige, Rasenplätze und die Zweige der Bäume in einem feinen, leichten Dampf dastanden. Der Justizrat ging umher und schnitt Astern ab, Mogens und Kamilla waren in einer Ecke des Gartens, um einige späte Winteräpfel abzunehmen. Er stand oben auf einem Tisch mit einem Korb am Arm, sie stand auf einem Stuhl und hielt die Zipfel einer großen, weißen Schürze.

»Nun, was wurde denn daraus?« rief sie Mogens ungeduldig zu, der das Märchen, das er erzählte, unterbrochen hatte, um eines Apfels habhaft zu werden, der hoch oben hing.

»Ja,« fuhr er fort, »da fing dann der Bauer an, dreimal um sich selbst herumzulaufen und zu singen: ›Nach Babylon, nach Babylon! mit einem eisernen Ring durch den Kopf!‹ Und dann flogen er und sein Mutterkalb, seine Urgroßmutter und sein schwarzer Hahn; sie flogen über Meere, so breit wie Arup Vejle, über Berge, so hoch wie die Janneruper Kirche, hin über Himmerland und durch das Holsteinsche, ganz bis ans Ende der Welt. Da saß der Kobold und aß Frühstück: er war gerade fertig, als sie kamen.

›Du solltest ein wenig gottesfürchtig sein, Väterchen,‹ sagte der Bauer, ›sonst könnt es davon herkommen, daß du am Himmelreich vorbeikämst.‹

Ja, er wollte gern gottesfürchtig sein.

›Dann mußt du nach Tische beten‹, sagte der Bauer ...«

»Nein, ich will nicht mehr erzählen,« sagte Mogens ungeduldig.

»Nun, dann lassen Sie es nach!« sagte Kamilla und sah erstaunt zu ihm auf.

»Ich kann es ebensogut gleich sagen,« fuhr Mogens fort, »ich will Sie etwas fragen, aber Sie müssen mich nicht auslachen.«

Kamilla sprang vom Stuhl herunter.

»Sagen Sie mir! – nein, ich will selbst etwas sagen, – hier ist der Tisch, und da ist die Hecke, wollen Sie nicht meine Braut sein, so springe ich mit dem Korb über die Hecke und bleibe weg. Eins!«

Kamilla sah verstohlen zu ihm auf und sah das Lächeln von seinem Gesicht verschwinden.

»Zwei!«

Er war ganz bleich vor Bewegung.

»Ja«, flüsterte sie, ließ die Zipfel der Schürze los, so daß die Äpfel nach allen Ecken der Welt kollerten, und damit lief sie.

Aber sie lief Mogens nicht weg.

»Drei«, sagte sie, als er sie erreichte, aber er küßte sie trotzdem.

Der Justizrat wurde bei seinen Astern gestört, aber der Sohn des Landrats war eine zu tadellose Mischung von Natur und Zivilisation, als daß der Justizrat Schwierigkeiten hätte machen wollen.


Es war zu Ende des Winters; die große, dicke Schneeschicht, die dem ununterbrochnen Schneetreiben einer ganzen Woche ihre Entstehung zu verdanken hatte, war stark im Begriff, wegzuschmelzen. Die Luft war voll von Sonne und von Widerschein des weißen Schnees, der in großen, funkelnden Tropfen vor den Fenstern heruntertröpfelte. Da drinnen im Zimmer waren alle Formen und Farben geweckt, alle Linien und Umrisse waren gleichsam lebend. Das Flache streckte sich, das Gebogene krümmte sich, das Schräge glitt, und das Gebrochne brach sich. Alle grünen Töne wimmelten durcheinander auf dem Blumentisch, von den weichsten dunkelgrünen bis zu dem schärfsten Gelbgrün. Die braunroten Töne flossen in Flammen über die Platte des Mahagonitisches, und Gold blitzte und glitzerte von Nippesgegenständen, von Rahmen und Leisten, aber auf dem Teppich brachen sich alle Farben in einem lustigen, leuchtenden Getümmel.

Kamilla saß am Fenster und nähte, und sie und die Grazien auf der Konsole waren ganz eingehüllt in ein rötliches Licht von den roten Gardinen, und Mogens, der langsam im Zimmer auf und nieder wanderte, ging jeden Augenblick aus und ein durch schräge Lichtsäulen von matt-regenbogenfarbnem Staub.

Er war in redseliger Stimmung.

»Ja,« sagte er, »es sind eigentümliche Leute, mit denen ihr verkehrt; es gibt nicht das geringste zwischen Himmel und Erde, womit sie nicht im Handumdrehen fertig sind, dies ist gemein, und das ist edel, dies ist das Dümmste, was seit Erschaffung der Welt getan ist, und das ist das Klügste, das da ist so häßlich, so häßlich, und das da ist so schön, daß es sich nicht sagen läßt, und über das alles sind sie sich sämtlich einig, es ist, als hätten sie eine bestimmte Tabelle oder so etwas, wonach sie es ausrechneten, denn sie bekommen alle zusammen dasselbe Fazit, was es auch sein mag. – Wie sie sich ähnlich sind, diese Menschen! Alle zusammen wissen sie dasselbe und reden sie über dasselbe, sie haben alle dieselben Worte und dieselben Ansichten.«

»Du willst doch nicht behaupten,« wandte Kamilla ein, »daß Karlsen und Rönhold dasselbe meinen?«

»Ja, das sind nun die Herrlichsten von ihnen allen, sie gehören ja zu verschiednen Parteien! ihre Grundanschauungen sind so verschieden wie Tag und Nacht! nein, das sind sie nicht, sie sind sich so einig, daß es eine Lust ist, vielleicht ist da eine kleine Kleinigkeit, über die sie wirklich uneinig sind, vielleicht ist es nur ein Mißverständnis, aber es ist, weiß Gott, eine reine Komödie, sie zu hören, es ist, als hätten sie miteinander verabredet, alles mögliche zu tun, um sich nicht einig zu werden; sie fangen mit lautem Rufen an, dann reden sie sich gleich in Eifer, und dann sagt der eine im Eifer etwas, was er nicht meint, und dann sagt der andre das gerade Gegenteil, was er auch nicht meint, und dann greift der eine das an, was der andre gar nicht meint, und der andre das, was der eine gar nicht meint, und dann ist das Spiel im Gange.«

»Aber was haben sie dir denn getan?«

»Sie ärgern mich, diese Burschen; wenn man ihnen ins Gesicht sieht, ist es gleichsam, als bekäme man es verbrieft, daß in Zukunft nichts Besondres mehr auf der Welt geschehen wird.«

Kamilla legte die Näharbeit hin, trat an ihn heran und faßte die Zipfel seines Rockkragens und sah schelmisch fragend zu ihm auf.

»Ich kann diesen Karlsen nicht ausstehen!« sagte er ärgerlich und warf den Kopf in den Nacken.

»Nun, und dann?«

»Und dann bist du so sehr, sehr süß!« murmelte er komisch zärtlich.

»Und dann?«

»Und dann,« brauste er auf, »dann sieht er dich an und hört dir zu und spricht mit dir auf eine Weise, die ich nicht leiden kann; er soll das nachlassen, das soll er, denn du bist mein und nicht sein. Nicht wahr! Du bist nicht sein, gar nicht sein. Du bist mein, du hast dich mir verschrieben, wie der Doktor dem Teufel, du bist mein mit Leib und Seele, mit Haut und Haar, bis in alle Ewigkeit hinein.«

Sie nickte ein wenig ängstlich zu ihm hinauf, sah ihn treu an, bekam Tränen in die Augen und schmiegte sich dann an ihn, und er schlang die Arme um sie, beugte sich über sie nieder und küßte sie auf die Stirn.

Am Abend desselben Tages begleitete Mogens den Justizrat auf die Post, es war nämlich eine plötzliche Order an den Justizrat gekommen, eine Amtsreise betreffend, die er machen sollte. Am Morgen des nächsten Tages sollte Kamilla deswegen zu ihrer Tante hinausfahren und dort bleiben, bis er wiederkam.

Als Mogens seinen künftigen Schwiegervater fortgebracht hatte, ging er nach Hause und dachte daran, daß er Kamilla mehrere Tage nicht sehn sollte. Er bog in die Straße ein, wo sie wohnte. Die war lang und schmal und nur wenig belebt. Ein Wagen rasselte in dem entlegensten Teil dahin; aus der Richtung klang auch das Geräusch von Fußtritten, die sich verloren. Jetzt hörte er nur einen Hund in dem Gebäude hinter sich bellen. Er sah an dem Hause hinauf, wo Kamilla wohnte: es war wie gewöhnlich dunkel in dem untern Stockwerk, und die gekalkten Fensterscheiben erhielten nur ein wenig unruhiges Leben von dem flackernden Scheine der Laterne am Nachbarhause. Im zweiten Stockwerk standen die Fenster offen, und in dem einen ragte ein ganzer Haufen Bretter über die Fensterbank heraus. Bei Kamilla war es dunkel, darüber war es dunkel, nur in dem einen Mansardenfenster schimmerte ein weißgoldner Schein von dem Mond. Oben über dem Hause jagten die Wolken in wilder Flucht dahin. In den Gebäuden zu beiden Seiten waren die Fenster erhellt.

Das dunkle Haus machte Mogens traurig, es stand da so verlassen und trostlos; die offnen Fenster klirrten mit ihren Haken, das Wasser lief eintönig trommelnd in die Dachrinne hinab, dann und wann fiel an irgendeiner Stelle, die er nicht sehn konnte, ein klein wenig Wasser mit einem hohlen, weichen Laut, und die Luft sauste schwer durch die Straße. Das dunkle, dunkle Haus! Mogens traten Tränen in die Augen, er empfand einen Druck vor der Brust, und ihn erfaßte eine wunderlich dunkle Vorstellung, daß er sich Kamilla gegenüber etwas vorzuwerfen habe. Dann mußte er an seine Mutter denken, und ihn überkam die Sehnsucht, seinen Kopf in ihren Schoß zu legen und sich auszuweinen.

So stand er lange, die Hand gegen die Brust gepreßt, bis ein Wagen in scharfem Trab durch die Straße gefahren kam, dann ging er hinter dem drein und nach Hause. Er mußte lange stehn und an der Haustür rütteln, ehe sie aufging, dann lief er trällernd seine Treppe hinauf, und als er in das Zimmer gekommen war, warf er sich, einen von Smollets Romanen in der Hand, auf das Sofa und las und lachte bis nach Mitternacht.

Endlich wurde es zu kalt im Zimmer, er sprang auf und ging stampfend auf und nieder, um die Kälte zu vertreiben. Er blieb am Fenster stehn: der Himmel war an der einen Ecke so hell, daß die schneebedeckten Dächer mit ihm verschmolzen; an der andern Ecke trieben einige lange Wolken, und darunter hatte die Luft einen seltsam rötlichen Schein, einen unsicher wogenden Schein, einen roten, rauchenden Nebel; er riß das Fenster auf, da war eine Feuersbrunst nach der Gegend des Justizrats zu. Die Treppe hinab, die Straße hinab, so schnell er konnte; eine Querstraße hinab, durch eine Seitengasse, und dann geradeaus; noch konnte er nichts sehn, aber als er um die Ecke bog, sah er den brandroten Schein. Ungefähr zwanzig Menschen stürzten einzeln die Straße hinunter. Indem sie aneinander vorbeiliefen, fragten sie, wo das Feuer sei. Es wurde geantwortet: die Zuckersiederei. Mogens fuhr fort so schnell zu laufen wie vorher, aber weit leichter ums Herz. Noch ein paar Straßen, es wurden mehr und mehr Menschen, und sie sprachen von der Seifenfabrik. Die lag Justizrats gerade gegenüber. Mogens rannte wie besessen. Es war nur noch eine schräge Quergasse übrig, die war ganz mit Leuten angefüllt: ruhige, gutgekleidete Männer, zerlumpte alte Weiber, die dastanden und in einem langsam winselnden Ton sprachen, schreiende Lehrjungen, aufgeputzte Mädchen, die miteinander flüsterten, Eckensteher, die wie angewurzelt standen und Witze machten, erstaunte Trunkenbolde und Trunkenbolde, die sich zankten, hilflose Schutzleute und Droschken, die weder vorwärts noch rückwärts konnten. Mogens wand sich durch die Menge. Jetzt war er an der Ecke; die Funken sickerten langsam auf ihn nieder. Die Straße hinauf; es stoben Funken, die Fensterscheiben zu beiden Seiten glühten, die Fabrik brannte, Justizrats brannten, und das Nachbarhaus brannte auch. Alles war Rauch, Feuer und Verwirrung, Rufen, Fluchen, Dachsteine, die niederprasselten, Axthiebe, Holz, das zersplittert wurde, Fensterscheiben, die klirrten, Strahlen, die zischten, spritzten und plätscherten, und zwischen alledem das regelmäßige dumpfe Schluchzen der Pumpenschläge. Möbel, Betten, schwarze Helme, Leitern, blanke Knöpfe, beleuchtete Gesichter, Räder, Stricke, Segeltuch, wunderliche Instrumente; Mogens stürzte zwischen, über, unter das alles, vorwärts, dem Hause zu.

Die Fassade war stark erhellt von den Flammen aus der brennenden Fabrik, der Rauch quoll zwischen den Dachsteinen hervor und wälzte sich aus den offnen Fenstern des ersten Stockwerks; da drinnen bullerte und knisterte das Feuer; es kam ein langsam krachender Laut, der in Rollen und Knacken überging und mit einem dumpfen Dröhnen endete; Rauch, Funken und Flammen quälten sich gewaltsam aus allen Öffnungen des Hauses; und dann fingen die Flammen an, mit doppelter Stärke und doppelter Klarheit zu spielen und zu klatschen. Es war der mittlere Teil der Decke des ersten Stockwerks, der einstürzte. Mogens packte mit beiden Händen eine große Brandleiter, die an dem Teil der Fabrik lehnte, der noch nicht in Flammen stand. Einen Augenblick hielt sie sich lotrecht, aber dann fiel sie von ihm auf das Haus des Justizrats hinüber und stieß einen Fensterrahmen im zweiten Stockwerk ein. Mogens sprang die Leiter hinauf und durch die Öffnung. Im ersten Augenblick mußte er des starken Holzrauchs wegen die Augen schließen; und der dicke, qualmende Dampf, der von dem verkohlten Holz aufstieg, das die Wasserstrahlen erreicht hatten, benahm ihm den Atem. Er war im Eßzimmer. Die Wand nach dem Wohnzimmer war fast ganz eingestürzt. Das Wohnzimmer war ein großer, glühender Abgrund, die Flammen unten aus dem Grunde des Hauses schlugen hin und wieder fast bis an die Decke empor, die wenigen Bretter, die hängen geblieben waren, als der Fußboden einstürzte, brannten mit hellen, weißgelben Flammen, Schatten und Flammenschein wogten über die Wände, die Tapete rollte sich hier und da zusammen, fing Feuer und flog in brennenden Fetzen hinab in die Tiefe, und an losen Leisten und Bilderrahmen leckten behende, gelbe Flammen empor. Mogens kroch über Trümmer und Bruchstücke der eingestürzten Wand bis an den Rand des Abgrundes, von da unten wogten kalte und heiße Luftströme abwechselnd gegen sein Gesicht. Drüben auf der andern Seite war so viel von der Wand eingefallen, daß er in Kamillas Zimmer hineinsehn konnte, während das Stück, das das Büro des Justizrats verdeckte, noch stand. Es wurde heißer und heißer, die Haut des Gesichts strammte sich, und er merkte, daß sein Haar sich kräuselte. Etwas Schweres strich über seine Schulter und blieb ihm über dem Rücken liegen und drückte ihn zu Boden nieder, es war der Tragbalken, der langsam von seinem Platz heruntergeglitten war. Er konnte sich nicht rühren, das Atemholen wurde ihm schwerer und schwerer, und seine Schläfen pochten gewaltsam; links von ihm plätscherte ein Wasserstrahl gegen die Mauer des Eßzimmers, und er ging auf in dem einen Wunsch, daß die kalten, kalten Tropfen, die nach allen Seiten zerstreut wurden, auf ihn niederspritzen möchten. Da hörte er es drüben auf der andern Seite des Abgrunds stöhnen, und er sah etwas Weißes sich auf dem Fußboden in Kamillas Zimmer bewegen. Sie war es. Sie lag auf den Knien und preßte, indem sie sich in den Hüften wiegte, eine Hand gegen jede Seite des Kopfes. Sie erhob sich langsam und kam an den Rand des Abgrunds. Sie stand starr aufrecht, die Arme hingen schlaff herab, und der Kopf wackelte gleichsam auf dem Halse; ganz, ganz langsam sank ihr Oberkörper vornüber, ihr langes, schönes Haar fegte über den Fußboden, ein kurzes, starkes Aufflammen, und es war fort, im nächsten Augenblick stürzte sie hinab in die Flammen.

Mogens stieß einen klagenden Laut aus, kurz, tief und stark wie das Brüllen eines wilden Tiers, und machte gleichzeitig eine gewaltsame Bewegung, als wolle er sich von dem Abgrund entfernen; er konnte nicht, des Balkens wegen; seine Hände tasteten über Mauerbrocken, dann erstarrten sie gleichsam in einem gewaltsamen Umklammern der Trümmer, und dann fing er an, in regelmäßigem Takt die Stirn gegen den Schutt zu schlagen, und stöhnte: »Herr Gott, Herr Gott, Herr Gott!«

So lag er. Nach Verlauf einiger Zeit merkte er, daß da etwas war, was dastand und ihn ergriff; es war ein Feuerwehrmann, der den Balken beiseite geworfen hatte und ihn nun aus dem Hause tragen wollte; Mogens merkte mit einem starken Gefühl von Unbehagen, daß er aufgehoben und fortgeführt wurde. Der Feuerwehrmann trug ihn an die Öffnung; da bekam Mogens eine klare Empfindung, daß ihm ein Leid zugefügt werde, und daß der Mann, der ihn trug, ihm nach dem Leben trachte, er riß sich aus seinen Armen los, ergriff eine Latte, die am Boden lag, hieb dem Mann damit über den Kopf, so daß er zurücktaumelte, kam aus der Öffnung heraus und lief aufrecht die Leiter herunter, die Latte über seinem Kopf haltend. Durch Getümmel, Rauch, Menschenmenge, durch leere Straßen, über öde Plätze, aufs Feld hinaus. Tiefer Schnee überall, in einiger Entfernung ein schwarzer Fleck, es war ein Kieshaufen, der über der Schneeschicht aufragte, er schlug danach mit der Latte, schlug wieder und wieder, fuhr fort, danach zu schlagen, wollte ihn totschlagen, so daß er ganz weg war, wollte auch weit fortlaufen, lief rund um ihn herum und schlug danach wie besessen, er wollte nicht, wollte nicht verschwinden, er schleuderte die Latte weit weg und warf sich über den schwarzen Haufen, um ihm den Garaus zu machen, er bekam die Hände voll kleiner Steine, es war Kies, es war ein schwarzer Kieshaufen; warum lag er draußen auf dem Feld und wühlte in einem schwarzen Kieshaufen? – Er roch den Rauch, die Flammen zuckten um ihn her, er sah Kamilla in sie hineinsinken, er schrie und stürzte dahin über das Feld. Er konnte den Anblick der Flammen nicht loswerden, er hielt sich die Augen zu: Flammen, Flammen! warf sich an die Erde und preßte das Gesicht in den Schnee: Flammen! sprang auf, lief zurück, lief vorwärts, bog ab: Flammen überall! dahin ging es über den Schnee, vorbei an Häusern, vorbei an Bäumen, vorbei an einem entsetzten Gesicht, das durch eine Fensterscheibe starrte, um Kornmieten herum und über Höfe, wo Hunde heulten und an ihren Ketten zerrten. Er lief an einem Vorderhaus vorüber und stand plötzlich vor einem stark und unruhig erhellten Fenster, das Licht tat ihm wohl, die Flammen wichen davor; er ging an das Fenster heran und sah hinein, es war eine Braustube, ein Mädchen stand am Herd und rührte in dem Kessel; das Licht, das sie in der Hand hielt, schien ein wenig rötlich in dem starken Qualm; ein andres Mädchen saß und rupfte Federvieh, und ein drittes sengte es über einem großflammigen Strohfeuer; die Flammen wurden kleiner, dann kam frisches Stroh hinzu, und sie loderten wieder auf, dann wurden sie wieder kleiner, noch kleiner, erloschen. Mogens stieß wütend eine Scheibe mit dem Ellbogen ein und ging langsam davon, die Mädchen da drinnen schrien. Dann lief er wieder, lief lange unter leisem Jammern. Es kamen zerstreute Erinnerungsblitze aus der guten Zeit, und es wurde doppelt düster, wenn sie vorüber waren, er konnte es nicht aushalten, an das zu denken, was geschehen war, es durfte nicht geschehn sein, er warf sich auf die Knie und rang die Hände zum Himmel empor, indem er flehte, das Geschehne ungeschehn zu machen. Lange schleppte er sich auf den Knien dahin und hielt die Augen unverwandt auf den Himmel gerichtet, als fürchte er, daß ihm der entschlüpfen werde, um seinen Bitten zu entgehn, wenn er ihn nicht unablässig ansehe. Dann kamen die Bilder aus der guten Zeit dahergeschwebt, immer mehr und mehr, in nebellichten Reihen; da waren auch Bilder, die in plötzlichem Glanz um ihn aufschossen, und andre gaukelten vorüber, so unbestimmt, so fern, daß sie fort waren, ehe er recht wußte, was es war. Er saß still im Schnee, überwältigt von Licht und Farbe, von Leben und Glück, und die dunkle Angst, die er anfangs davor gehabt hatte, daß etwas kommen würde und das alles auslöschen, war geschwunden. Es war so still um ihn, so ruhig in ihm, die Bilder waren weg, aber das Glück war da. So still! Da war kein Laut; aber Laute gehn um. Und da kam Lachen und Gesang, und leichte Worte kamen und leichte Schritte und das dumpfe Schluchzen der Pumpenschläge. Jammernd lief er davon, lief weit und lange, kam an die See, lief an dem Ufer entlang, bis eine Baumwurzel ihn straucheln machte, und da war er so müde, daß er liegen blieb.

Mit einem weich glucksenden Laut plätscherte das Wasser über die kleinen Steine, stoßweise sauste es leicht in den kahlen Zweigen, einzelne Krähen schrien draußen über der See, und der Morgen warf seinen grellen blauen Schein über Wald und Meer, über den Schnee und über das bleiche Antlitz.

Bei Sonnenaufgang ward er von dem Hegereiter des benachbarten Waldes gefunden und zu Waldhüter Nikolajs hinaufgetragen, und dort lag er Wochen und Tage zwischen Tod und Leben.


Ungefähr um die Zeit, wo Mogens zu Nikolajs fortgetragen wurde, entstand ein Auflauf um einen Wagen am Ende der Straße, wo der Justizrat wohnte. Der Kutscher konnte nicht begreifen, weshalb der Schutzmann ihn hindern wollte, seinen rechtmäßigen Auftrag auszuführen, und darum zankten sie sich. Es war der Wagen, der Kamilla zu ihrer Tante bringen sollte.


»Nein, seitdem die arme Kamilla so jämmerlich ums Leben gekommen ist, haben wir nicht das geringste von ihm gesehn.«

»Ja, es ist merkwürdig, was in einem Menschen verborgen liegen kann. Man ahnte nichts. So still und verlegen, beinahe linkisch. Nicht wahr, gnädige Frau, Sie ahnten nicht das geringste?«

»Von der Krankheit! ja, Gott, wie können Sie fragen! Ach, Sie meinen – ich verstand Sie nicht recht – es sollte etwas gewesen sein, was im Blut lag, etwas Erbliches? – Ja, ich entsinne mich, da war irgend etwas, der Vater wurde nach Aarhus gebracht. War es nicht so, Herr Karlsen?«

»Nein! – Ja, doch, aber das geschah, um begraben zu werden, seine erste Frau liegt ja dort. Nein, ich dachte an, Sie wissen, an das schreckliche oder – ja, an das schreckliche Leben, das er in diesen zwei oder dritthalb Jahren geführt hat.«

»So, nein – nein – Nein! – Davon weiß ich gar nichts.«

»Nun – ja – nein – das gehört ja auch nicht zu den Dingen, von denen man gern spricht, man will ja nicht ... nun! Sie verstehn; Rücksicht auf den lieben Nächsten. Die Familie des Justizrats ...«

»Ja, das hat natürlich seine Berechtigung, das, was Sie sagen, – aber auf der andern Seite – sagen Sie mir ganz aufrichtig, liegt nicht in unsrer Zeit ein verkehrtes, ein – pietistisches Bestreben, die Schwächen unsrer Mitmenschen zu verschleiern, zu verhüllen, und – ich verstehe mich natürlich nicht auf dergleichen Dinge – aber glauben Sie nicht, daß die Wahrheit oder die öffentliche Moral, ich meine nicht diese Moralität, sondern – die Moral, Zustände, wie Sie wollen, – daß diese darunter leiden?«

»Ganz gewiß! und es freut mich außerordentlich, so einig mit Ihnen zu sein, und in diesem Falle ... die Sache ist geradezu die, daß er sich Exzessen aller möglichen Art hingegeben hat, auf die ruchloseste Weise mit dem allerniedrigsten Pöbel gelebt hat, mit Leuten ohne Ehre, ohne Gewissen, ohne Stellung, Religion oder sonst was, mit Tagedieben, Gauklern, Zechbrüdern und – und im Namen der Wahrheit: mit leichtfertigen Frauenzimmern.«

»Und das, nachdem er mit Kamilla verlobt gewesen ist, Gott im Himmel, und nachdem er drei Monate an Gehirnentzündung darniedergelegen hat!«

»Ja – und was setzt das nicht für Neigungen voraus, und wie mag seine Vergangenheit gewesen sein, wie meinen Sie?«

»Ja, und Gott weiß, wie es eigentlich mit ihm in der Verlobungszeit beschaffen gewesen sein mag? Er war etwas verdächtig. Das ist nun meine Ansicht.«

»Verzeihen Sie, gnädige Frau, und verzeihen auch Sie, Herr Karlsen, Sie haben das Ganze ein wenig abstrakt aufgefaßt, sehr abstrakt; ich bin zufällig im Besitz sehr konkreter Berichte von einem Freund drüben im Jütland und kann die Sache in ihren Einzelheiten darstellen.«

»Herr Rönholt, Sie wollen doch wohl nicht ...?«

»Einzelheiten anführen? Ja, das will ich, Herr Karlsen, mit Erlaubnis der gnädigen Frau. Danke! Er hat allerdings nicht gelebt, wie man nach einer Gehirnentzündung leben muß. Er ist mit ein paar Zechbrüdern auf den Jahrmärkten umhergestreift und soll auch nicht ohne Berührung mit Gauklertruppen gewesen sein, und da namentlich mit dem weiblichen Personal.

Vielleicht wäre es das klügste, wenn ich hinaufliefe und den Brief meines Freundes holte. Wenn Sie gestatten? Werde in einem Augenblick wieder hier sein.«

»Finden Sie nicht auch, Herr Karlsen, daß Rönholt heute auffallend liebenswürdig ist?«

»Ja! – allerdings, aber gnädige Frau dürfen auch nicht vergessen, daß er alle seine Galle in einem Artikel in der Morgenzeitung erschöpft hat. Wenn man sich vorstellt, daß man es wagt, zu behaupten – das ist geradezu Aufruhr, Verachtung des Gesetzes, denn hm ...«

»Sie fanden den Brief?«

»Ja, ich fand ihn. Darf ich anfangen? Lassen Sie mich einmal sehen – ja: ›Unser gemeinsamer Freund, den wir im vorigen Jahr in Mönsted trafen und den du, wie du sagtest, von Kopenhagen her kanntest, hat in den letzten Monaten hier in der Gegend gehaust, er sieht ganz aus wie damals, er ist derselbe bleiche, trübselige Ritter von der traurigen Gestalt. Er ist die lächerlichste Mischung von forciertem Übermut und stiller Hoffnungslosigkeit, ist affektiert – rücksichtslos und brutal gegen sich selbst und andre, ist still und wortkarg und scheint sich durchaus nicht zu amüsieren, obwohl er nichts weiter tut als zechen und schwärmen; es bleibt bei dem, was ich schon damals sagte, er hat die fixe Idee, sich für ganz persönlich vom Dasein beleidigt zu halten. Sein Verkehr war hier nämlich ein Pferdehändler, der Krugküster genannt, weil er immer singt und immer zecht, und ein verschnerztes, langaufgeschossenes Mittelding zwischen Matrosen und Hausierer, bekannt und gefürchtet unter dem Namen Peter Steuerlos, außerdem Schön-Abelone; in der letzten Zeit mußte diese jedoch einem brünetten Frauenzimmer Platz machen, das zu einer Gauklerbande gehört, die uns seit längerer Zeit mit Vorstellungen in Kraftkunst und Seiltanz beglückt hat. Du hast diese Art Frauenzimmer gesehen, mit scharfen, gelben, frühgealterten Gesichtern, Geschöpfe, die zerrüttet sind durch Brutalität, Armut und erbärmliche Laster und sich zum Überfluß stets in abgetragenen Samt und schmutziges Rot kleiden. Da hast du die Bande. Ich begreife die Passion unsres Freundes nicht; es ist ja wahr, daß die Braut so jammervoll ums Leben kam, aber das erklärt doch die Sache nicht. Du sollst aber doch noch hören, wie er uns verließ. Wir hatten einen Jahrmarkt, ein paar Meilen von hier entfernt; er, Steuerlos, der Pferdehändler und das Frauenzimmer saßen in einem Wirtshauszelt und zechten bis tief in die Nacht hinein. Um drei Uhr oder so schickten sie sich endlich zum Aufbruch an. Sie kamen also auf den Wagen, und es geht soweit ganz gut, aber da biegt unser gemeinsamer Freund von der Landstraße ab und fährt mit ihnen davon, über Felder und Heide, was die Pferde laufen wollen. Der Wagen wird von einer Seite auf die andre geschleudert. Schließlich wird es dem Pferdehändler zu bunt, und er ruft, daß er herunter will. Als er abgestiegen ist, peitscht unser gemeinsamer Freund wieder drauflos und lenkt gerade auf einen großen Heidehügel zu; da wird das Frauenzimmer bange und springt ab, und nun geht es den Hügel hinan und wieder hinunter, in so sausend wilder Fahrt, daß es ein Wunder ist, daß der Wagen nicht vor den Pferden unten ankommt. Beim Hinauffahren hatte sich Peter indessen vom Wagen geschlichen, und zum Dank für die Fahrt warf er mit seinem großen Taschenmesser nach dem Kopf des Kutschers.‹«

»Der arme Mensch! Aber das mit dem Frauenzimmer ist doch garstig!«

»Abscheulich, gnädige Frau, entschieden abscheulich. Meinen Sie wirklich, Herr Rönholt, daß diese Darstellung diesen Menschen in ein beßres Licht stellen sollte?«

»Nein, aber in ein sichreres; Sie wissen, in der Dunkelheit kann man die Dinge leicht für größer halten, als sie sind.«

»Kann man sich denn etwas Schlimmeres denken?«

»Wenn nicht, so ist dies das Schlimmste, aber Sie wissen, man soll nie das Schlimmste von Menschen glauben.«

»Ja, im Grunde sind Sie der Ansicht, daß das Ganze nicht so schlimm ist, daß etwas Schneidiges darin liegt, etwas in eminentem Sinne Plebejisches, das Ihrem Hang zum Demokratischen zusagt.«

»Sehen Sie denn nicht, daß er sich recht aristokratisch zu seiner Umgebung verhält?«

»Aristokratisch! Nein, das ist denn doch reichlich paradox! Wenn er nicht Demokrat ist, so weiß ich wirklich nicht, was er ist.«

»Ja, es gibt übrigens auch andre Bestimmungen.«


Weißer Faulbaum, bläulicher Flieder, Rotdorn und strahlender Goldregen blühten und dufteten vor dem Hause. Die Fenster standen offen und mit herabgelassenen Jalousien. Mogens lehnte sich hinein, über das Fensterbrett, die Jalousie lag ihm auf dem Rücken. Es war wohltuend für das Auge, nach all der Sommersonne auf Wald und Wasser und in der Luft, in das gedämpfte, weiche, ruhige Licht des Zimmers hineinzusehen. Eine große, üppige Dame stand da drinnen, den Rücken gegen das Fenster, und stellte Blumen in eine große Vase. Die Bluse ihres rosa Morgenkleides wurde hoch unter der Brust von einem schwarzen, glänzenden Ledergürtel zusammengehalten, auf dem Fußboden hinter ihr lag ein schneeweißer Frisiermantel, ihr reiches, hochblondes Haar hing in einem feuerroten Nachtnetz, »Du bist ein wenig bleich nach dem Gelage von gestern abend«, war das erste, was Mogens sagte.

»Guten Morgen,« erwiderte sie und streckte, ohne sich umzuwenden, die Hand und die Blumen, die sie darin hielt, nach ihm aus. Mogens nahm eine von den Blumen. Laura wandte den Kopf halb nach ihm um, öffnete die Hand ein wenig und ließ die Blumen in kleinen Partien an die Erde fallen. Dann begann sie wieder, sich mit der Vase zu beschäftigen.

»Krank?« fragte Mogens.

»Müde.«

»Ich frühstücke heute nicht bei dir.«

»Nicht!«

»Wir können auch nicht zusammen zu Mittag essen.«

»Du willst fischen?«

»Nein! – Leb wohl!«

»Wann kommst du wieder?«

»Ich komme nicht wieder.«

»Was soll nun das heißen?« fragte sie, zupfte an ihrem Kleide, kam an das Fenster und setzte sich auf den Stuhl dort.

»Ich hab dich satt. – Das ist das Ganze.«

»Jetzt bist du boshaft, was fehlt dir? Was habe ich dir nur getan?«

»Nichts, aber da wir weder verheiratet noch toll vor Liebe zueinander sind, kann ich nicht sehen, daß etwas Besondres darin ist, daß ich meiner Wege gehe.«

»Bist du eifersüchtig?« fragte sie ganz leise.

»Auf so eine wie du! Gott bewahre meinen Verstand!«

»Aber was soll dies alles heißen?«

»Es soll heißen, daß ich deiner Schönheit müde bin, daß ich deine Stimme und deine Bewegungen auswendig kann und daß weder deine Launen noch deine Dummheiten oder deine Verschlagenheit mich mehr belästigen können. Kannst du mir da sagen, weswegen ich bleiben sollte?«

Laura weinte. »Mogens, Mogens, wie kannst du das übers Herz bringen! O, was soll ich, was soll ich, was soll ich, was soll ich machen! Bleib nur heute, nur heute, Mogens, du darfst nicht von mir gehn!«

»Ach, das sind ja Lügen, Laura, du glaubst es nicht einmal selbst; nicht weil du mich so schrecklich lieb hast, bist du betrübt; es ist nur ein wenig Bestürzung über die Veränderung, du bist ängstlich wegen des bißchen Störung in deinen täglichen Gewohnheiten. Ich kenne das so gut, du bist nicht die erste, deren ich überdrüssig geworden bin.«

»Ach, bleibe nur noch heute bei mir, dann will ich dich auch nicht quälen, nur noch eine Stunde länger zu bleiben!«

»Ihr seid doch wirklich Hunde, ihr Frauenzimmer! Ihr habt keine Spur von Ehre im Leibe, wenn man euch auch einen Fußtritt versetzt, ihr kommt wieder angekrochen!«

»Ja, ja, das tun wir, aber so bleibe doch heute noch – wie – bleibe!«

»Bleibe, bleibe! Nein!«

»Ach, du hast mich nie geliebt, Mogens!«

»Nein!«

»Doch, das hast du getan, du liebtest mich an dem Tage, als es so heftig stürmte, o der schöne Tag, da unten am Strande, als wir im Schutz des Bootes saßen.«

»Dumme Dirne!«

»Wenn ich nur ein ordentliches Mädchen von feinen Eltern wäre und nicht so eine, wie ich bin, dann bliebest du wohl bei mir, dann brächtest du es nicht übers Herz, so hart zu sein – und ich, die ich dich so liebe!«

»Das sollst du nicht!«

»Nein, ich bin wie der Staub, auf den du trittst, mehr machst du dir nicht aus mir. Nicht ein gutes Wort, nur harte Worte; Verachtung, das ist gut genug für mich!«

»Die andern sind weder besser noch schlechter als du. Leb wohl, Laura!«

Er reichte ihr die Hand, aber sie hielt die Hände auf dem Rücken und jammerte: »Nein, nein, nicht Lebewohl! nicht Lebe wohl!«

Mogens hob die Jalousie empor, trat ein paar Schritte zurück und ließ sie vor das Fenster fallen. Laura beugte sich schnell darunter über das Fensterbrett hinaus und bat: »Komm her zu mir und gib mir deine Hand.«

»Nein!«

Als er sich ein klein wenig entfernt hatte, rief sie klagend: »Lebe wohl, Mogens!«

Er wandte sich nach dem Hause um, mit einem leichten Gruß. Dann ging er weiter: »Und solch ein Mädchen glaubt noch an Liebe! – nein, das tut sie nicht.«


Draußen vom Meer her zog der Abendwind über das Land, und der Dünenhafer schwang seine bleichen Ähren und hob die spitzen Blätter ein wenig, der Röhricht neigte sich, der Dünensee ward von Tausenden von feinen Furchen verdunkelt, und die Blätter der Wasserrosen zerrten unruhig an ihren Stengeln. Dann fing das Heidekraut an, mit den dunklen Spitzen zu schlagen, und auf den Sandfeldern schwankte Sauerampfer haltlos hin und her. Landeinwärts! Die Hafergarben duckten sich, der junge Klee zitterte auf dem Stoppelfelde, und der Weizen ward hoch und niedrig in schweren Wogen, die Dächer ächzten, die Mühle krachte, die Flügel schwenkten sich herum, der Rauch schlug in die Schornsteine nieder, und die Fensterscheiben wurden betaut.

Es sauste in den Schallöchern, in den Pappeln des Edelhofes und pfiff in dem zerzausten Gestrüpp auf dem Bredbjerger Rasenhügel. Mogens lag dort oben und sah über die dunkle Erde hin. Der Mond war im Begriff, Glanz zu bekommen, die Nebel zogen dort unten auf der Wiese. Es war so traurig das ganze Leben, leer hinter ihm, dunkel vor ihm. Aber so war das Leben nun einmal. Die, die glücklich waren, waren auch blind. Er hatte vom Unglück gelernt zu sehen, alles war ungerecht und lügenhaft, die ganze Erde war eine große, rollende Lüge; Treue, Freundschaft, Barmherzigkeit, Lüge war es, Lüge samt und sonders; aber das, was man Liebe nannte, war doch das Hohlste vom Hohlen, Lust war es, flammende Lust, glimmende Lust, schwälende Lust, aber Lust und nie etwas andres. Warum brauchte er das zu wissen? Warum war es ihm nicht vergönnt worden, im Glauben an alle diese feuerfest vergoldeten Lügen zu beharren? Warum mußte er sehen und die andern blind sein? Er hatte ein Anrecht auf Blindheit, er hatte an alles geglaubt, woran man glauben konnte.

Unten im Dorf wurden die Lichter angezündet.

Da unten war Heim an Heim. Mein Heim! mein Heim! Und mein Kinderglaube an all das Schöne in der Welt! – Und wenn sie nun recht hätten, die andern! Wenn die Welt voll wäre von klopfenden Herzen und der Himmel voll von einem liebreichen Gott? Aber warum weiß ich denn das nicht, warum weiß ich etwas andres; und ich weiß etwas andres, so schneidend, bitter, wahr ...

Er erhob sich, Feld und Wiese lagen im vollen Mondlicht vor ihm. Er ging hinunter in das Dorf, den Weg am Garten des Herrenhauses entlang und ging und sah über die steinerne Mauer. Drinnen auf einem Rasenplatz im Garten stand eine Silberpappel, das Mondlicht fiel scharf auf die zitternden Blätter, bald kehrten sie die dunkle Seite hervor, bald die weiße. Er legte die Ellenbogen auf die Mauer und starrte den Baum an, es sah so aus, als wenn die Blätter über die Zweige herabrieselten. Er glaubte, den Laut hören zu können, den das Laub hervorbrachte. Plötzlich ertönte ganz in der Nähe eine wunderschöne Frauenstimme:

»Du Blume im Tau!
Du Blume im Tau!
Von Träumen flüstre, den deinen.
Ist in ihnen dieselbe Luft,
Dieselbe seltsame Elfenlandsluft
Wie in meinen?
Und flüstert, seufzet und klagt es darein
Durch sterbenden Duft und schlummernden Schein,
Durch erwachenden Klang, durch sprossenden Sang.
In Sehnen
Leb ich, in Sehnen.«

Dann kehrte die Stille wieder. Mogens atmete tief auf und lauschte gespannt: kein Gesang; oben am Hause ging eine Tür. Jetzt hörte er deutlich den Laut der Silberpappelblätter. Er senkte den Kopf auf die Arme und weinte.

Der nächste Tag war einer von denen, an denen der Spätsommer so reich ist. Ein Tag mit frischem, kühligem Wind, mit vielen großen, schnelleilenden Wolken, mit ewigem Dunkelwerden und Hellwerden, je nachdem die Wolken an der Sonne vorübertrieben. Mogens war auf den Kirchhof hinaufgegangen, der Garten des Herrenhauses stieß daran. Es sah ziemlich kahl aus da oben, das Gras war kürzlich gemäht, hinter einem alten, viereckigen eisernen Gitter stand ein breiter, niedriger Holunderbusch und fächelte mit seinen Blättern; um einzelne Gräber waren hölzerne Rahmen, die meisten waren sonst nur niedrige, viereckige Hügel, einige hatten Blechaufsätze mit Inschriften, andre hölzerne Kreuze, von denen die Farbe abgeblättert war, andre hatten Wachskränze, der größte Teil hatte gar nichts.

Mogens ging umher und suchte nach einer Stelle, wo Schutz war, aber es schien auf allen Seiten der Kirche zu wehen. Er warf sich an den Erdwall hin und zog ein Buch aus der Tasche; aber es wurde doch nichts mit dem Lesen; jedesmal, wenn eine Wolke vor die Sonne trat, war es ihm, als würde es zu kalt, und er dachte daran aufzustehn, aber dann kam das Licht wieder und veranlaßte ihn liegen zu bleiben. Ein junges Mädchen kam langsam gegangen, ein Windspiel und ein Hühnerhund liefen spielend vor ihr her. Sie blieb stehn und schien sich setzen zu wollen, als sie aber Mogens gewahrte, setzte sie ihren Weg fort quer über den Kirchhof und durch die Pforte. Mogens erhob sich und sah ihr nach; sie ging da unten auf der Landstraße, die Hunde spielten noch. Dann begann Mogens die Inschrift auf einer der Grabstätten zu lesen, die machte ihn bald lächeln. Auf einmal kam da ein Schatten über das Grab und blieb liegen. Mogens sah zur Seite. Da stand ein junger, sonnenverbrannter Mann, die eine Hand in seiner Jagdtasche, in der andern eine Flinte.

»Sie ist gar nicht so närrisch,« sagte er und nickte nach der Inschrift hin.

»Nein,« sagte Mogens und erhob sich aus der gebeugten Stellung.

»Sagen Sie mir doch,« fuhr der Jägersmann fort und sah zur Seite, als suche er etwas, »Sie sind ein paar Tage hier gewesen, und ich bin umhergegangen und habe mich über Sie gewundert, habe aber bisher nicht in Ihre Nähe kommen können; Sie gehen so allein und beschäftigungslos umher, warum haben Sie nicht bei uns eingesehen? und womit in aller Welt verbringen Sie die Zeit? Denn Geschäfte haben Sie hier in der Gegend doch nicht?«

»Nein, ich halte mich hier zu meinem Vergnügen auf.«

»Ja, davon gibt es hier freilich viel,« rief der Fremde aus und lachte, »gehen Sie nicht auf Jagd? Haben Sie nicht Lust mit mir zu kommen? Ich muß doch in den Krug hinunter und etwas Schrot holen, und während Sie sich fertig machen, kann ich hinübergehn und den Schmied ausschelten. Nun! Sie gehen mit?«

»Ja, gern!«

»Aber das ist wahr – Thora? Haben Sie nicht ein junges Mädchen gesehen?« er sprang auf den Erdwall hinauf, »ja, da geht sie, das ist meine Cousine, ich kann Sie ihr nicht vorstellen, aber kommen Sie, lassen Sie uns ihr nachgehen, wir hatten gewettet, nun können Sie Richter sein; sie sollte mit den Hunden auf dem Kirchhof sein, und dann wollte ich mit Flinte und Jagdtasche vorübergehn und dürfte weder rufen noch pfeifen, und wenn die Hunde dann noch mit mir gingen, so hätte sie verloren; nun werden wir sehen.«

Nach einer Weile holten sie die Dame ein; der Jäger sah geradeaus, konnte aber nicht lassen zu lächeln, Mogens grüßte, indem sie vorübergingen. Die Hunde sahen dem Jäger erstaunt nach und knurrten leise, dann sahen sie zu der Dame auf und bellten, sie wollte sie streicheln, sie gingen aber gleichgültig von ihr und bellten hinter dem Jäger her; Schritt für Schritt entfernten sie sich weiter und weiter, schielten ihr nach und jagten dann auf einmal davon, dem Jäger nach, und wurden, als sie ihn erreicht hatten, ganz unbändig, indem sie an ihm in die Höhe sprangen und nach allen Seiten hinschossen und wieder zurückkamen.

»Verloren!« rief er ihr zu; sie nickte lächelnd, wandte sich um und ging.

Die Jagd dauerte bis spät in den Nachmittag hinein; Mogens und William kamen gut miteinander aus, und Mogens mußte versprechen, am Abend nach dem Herrenhause zu kommen; das tat er denn auch und kam dann fortan fast jeden Tag dahin, blieb aber trotz aller gastfreundlichen Anerbietungen im Krug wohnen.

Es wurde eine bewegte Zeit für Mogens. Im Anfang rief Thoras Nähe alle schweren und trüben Erinnerungen wieder ins Leben; oft mußte er plötzlich ein Gespräch mit andern anknüpfen oder seiner Wege gehen, damit seine Bewegung nicht völlig Gewalt über ihn bekam. Sie glich Kamilla gar nicht, und doch sah und hörte er nur Kamilla. Thora war klein, fein und schmächtig, leicht zum Lachen, leicht zu Tränen und leicht zu Begeisterung; sprach sie länger ernsthaft mit jemand, so war es nicht wie eine Annäherung, vielmehr als verschwinde sie ganz in sich selbst; erzählte oder entwickelte ihr jemand etwas, so drückte ihr Antlitz, ihre ganze Gestalt das innigste Zutrauen aus und hin und wieder wohl auch Erwartung. William und seine kleine Schwester behandelten sie nicht ganz als Kameraden, aber doch keineswegs als Fremde, der Onkel und die Tante, die Knechte, die Mägde und die Bauern der Umgegend, alle machten sie ihr den Hof, aber so vorsichtig und fast ängstlich; – sie waren ihr gegenüber fast wie der Wanderer im Walde, der dicht neben sich einen von diesen kleinen, niedlichen Singvögeln mit klaren, klugen Augen, mit leichten, liebreizenden Bewegungen erblickt; er ist so froh über dies kleine, lebende Wesen, möchte so gern, daß es näher und näher käme, wagt aber nicht, sich zu rühren, kaum Atem zu holen, damit es nicht bange werden und fortfliegen soll.

Als Mogens Thora häufiger und häufiger sah, kam die Erinnerung seltner und seltner, und jetzt fing er an, sie zu sehen, wie sie war. Es ward eine Zeit voll Frieden und Glück, wenn er bei ihr war, voll stiller Sehnsucht und stiller Wehmut, wenn er sie nicht sah. Später sprach er mit ihr von Kamilla und seinem verstoßnen Leben, und fast mit Staunen sah er auf sich selbst zurück, und bisweilen wurde es ihm fast unbegreiflich, daß er es war, der all das Wunderliche, wovon er erzählte, gedacht, gefühlt und getan hatte.

Eines Abends standen er und Thora oben auf einer Anhöhe im Garten und sahen dem Sonnenuntergange zu. William und seine kleine Schwester spielten Haschen rund um die Anhöhe herum. Da waren leichte, lichte Farben zu Tausenden, starke, strahlende zu Hunderten. Mogens wandte sich von ihnen ab und sah die dunkle Gestalt zu seiner Seite an: wie unansehnlich nahm sie sich doch aus gegen all diese glühende Pracht, er seufzte und sah wieder zu den farbenreichen Wolken empor. Es kam nicht wie ein wirklicher Gedanke dies, fern und flüchtig kam es, war eine Sekunde und verschwand, es war, als sei es das Auge, das dachte.

»Jetzt sind die Erdgeister im Rasenhügel froh, jetzt, wo die Sonne ganz untergegangen ist,« sagte Thora.

»So-o!«

»Ja, wissen Sie denn nicht, daß die Erdgeister das Dunkel lieben?«

Mogens lächelte.

»Ja, Sie glauben nun nicht an Erdgeister, aber das sollten Sie doch tun. Es ist so herrlich, an das alles zu glauben, an Berggeister und Elfen. Ich glaube auch an Meerfrauen und an Fliedermütterchen, aber Kobolde! Was soll man mit Kobolden und Höllenpferden? Die alte Maren wird böse darüber, wenn ich das sage; denn das, sagt sie, sei keine Gottesfurcht, das zu glauben, was ich glaube, so etwas gehe die Menschen nichts an, aber Ahnungen und Geister, die stünden auch im Evangelium, sagte sie. Aber was sagen Sie?«

»Ich? ja, ich weiß nicht, – wie meinen Sie eigentlich?«

»Sie lieben die Natur sicher nicht?«

»Doch, im Gegenteil!«

»Ja, ich meine nicht die Natur, so wie man sie von Aussichtsbänken sieht und von Hügeln, zu denen Treppen hinaufführen, wo sie feierlich angerichtet wird, sondern die Natur jeden Tag, immer. Lieben Sie die Natur so?«

»Ja gerade! Über jedes Blatt, jeden Zweig, jeden Lichtschimmer und jeden Schatten kann ich mich freuen. Da ist kein Hügel so kahl, keine Torfgrube so viereckig, keine Landstraße so langweilig, daß ich mich nicht einen Augenblick darin verlieben könnte.«

»Aber welch Vergnügen können Sie denn von einem Baum oder einem Busch haben, wenn Sie sich nicht vorstellen, daß ein lebendes Wesen darin wohnt, das die Blumen öffnet und schließt und die Blätter glättet? Wenn Sie einen See sehen, einen tiefen und klaren See, lieben Sie ihn dann nicht deshalb, weil Sie sich denken, daß tief, tief da unten Wesen wohnen, die ihre Freuden und ihre Leiden haben, ihr eigenes wunderliches Leben mit wunderlichem Sehnen, und was ist denn im Grunde an dem Bredbjerger Rasenhügel Schönes, wenn Sie sich nicht vorstellen, daß es da drinnen von winzig kleinen Gestalten wimmelt und summt, die seufzen, wenn die Sonne aufgeht, hingegen zu tanzen und mit ihren schönen Schätzen zu spielen beginnen, sobald der Abend kommt.«

»Wie wunderlich schön das ist! Und das sehen Sie?«

»Aber Sie?«

»Ja, ich kann es nicht erklären, aber es liegt in der Farbe, in der Bewegung und in der Form, die es hat, und dann in dem Leben, das darin ist, die Säfte, die in Bäumen und Blumen aufsteigen, die Sonne und der Regen, der sie wachsen macht, und der Sand, der zu Hügeln zusammenweht, und die Regenschauer, die die Abhänge furchen und zerklüften, ach! man kann es gar nicht verstehen, wenn ich es erklären soll!« »Und das ist Ihnen genug?«

»Ach, es ist manchmal zu viel! – Viel zu viel! Und wenn nun sowohl Form als Farbe und Bewegungen so anmutig sind und so leicht, und da hinter alledem eine seltsame Welt liegt, die lebt und jubelt und seufzt und sich sehnt, und die das alles sagen und singen kann, da fühlt man sich so verlassen, wenn man dieser Welt nicht näher kommen kann, und das Leben wird so matt und so schwer.«

»Nein! nein! so dürfen Sie nicht an Ihre Braut denken.«

»Ach, ich denke nicht an meine Braut.«

William und die Schwester kamen zu ihnen herauf, und sie gingen zusammen ins Haus.

Eines Vormittags, mehrere Tage später, lustwandelten Mogens und Thora im Garten. Mogens sollte das Weinhaus sehen, da war er noch nicht gewesen; es war ein ziemlich langes, aber nicht sehr hohes Treibhaus, die Sonne funkelte und spielte über das Glasdach hin. Sie traten ein, die Luft war warm und feucht und hatte einen eigenartig dumpfen und würzigen Geruch wie von frisch aufgeworfener Erde. Die schönen, gezackten Blätter und die schweren, tauigen Trauben, durchstrahlt, erleuchtet und beschienen von der Sonne, breiteten sich unter der Glasdecke in einer großen, grünen Seligkeit aus. Thora stand da und sah glücklich hinauf, Mogens war unruhig und starrte bald betrübt sie an, bald in das Laub hinauf.

»Wissen Sie!« sagte Thora fröhlich, »jetzt, glaube ich, fange ich an, das zu verstehn, was Sie neulich auf der Anhöhe von Form und Farbe sagten.«

»Verstehn Sie nichts weiter?« fragte Mogens leise und ernsthaft.

»Nein,« flüsterte sie, sah ihn schnell an, senkte den Blick und errötete, »damals nicht.«

»Damals!« wiederholte Mogens sanft und kniete vor ihr nieder: »aber jetzt, Thora?«

Sie beugte sich zu ihm hinab, reichte ihm die eine Hand und hielt die andre vor die Augen und weinte. Mogens preßte die Hand gegen seine Brust, indem er sich aufrichtete, sie hob den Kopf, und er küßte sie auf die Stirn. Sie sah zu ihm auf mit strahlenden, feuchten Augen, lächelte und flüsterte: »Gott sei Dank!«

Mogens blieb noch eine Woche; die Verabredung war so, daß die Hochzeit im Hochsommer stattfinden sollte. Dann reiste er ab, und dann kam der Winter mit dunklen Tagen, langen Nächten und einem Schneegestöber von Briefen.

Licht in allen Fenstern des Herrenhauses, Laub und Blumen über allen Türen, geschmückte Freunde und Bekannte in dichtem Gewimmel auf der großen steinernen Treppe, alle hinausstarrend in die Dämmerung. – Mogens war mit seiner jungen Frau davongefahren.

Der Wagen rummelte und rummelte. Die geschloßnen Fenster klirrten, Thora saß da und sah zu dem einen hinaus, auf den Landstraßengraben, auf den Schmiedehügel, wo im Frühling die Primeln blühten, auf Bertel Nielsens große Holunderbüsche, auf die Mühle und die Gänse des Müllers, auf den Dalumer Hügel, den sie und William vor noch gar nicht vielen Jahren im Schlitten hinabgefahren waren, auf die Dalumer Wiese, auf die langen, unnatürlichen Schatten der Pferde, die über die Kieshaufen hinjagten, über die Torflöcher und das Roggenfeld. Sie saß da und weinte ganz leise; von Zeit zu Zeit, wenn sie den Tau von der Fensterscheibe abtrocknete, sah sie verstohlen zu Mogens hinüber. Er saß vornüber gebeugt, sein Reisemantel stand offen, der Hut lag auf dem Rücksitz und schaukelte, die Hände hielt er vor dem Gesicht. Alles das, woran er dachte! Dies war ein wunderlicher Tag gewesen für ihn, und der Abschied hatte ihm fast ganz den Mut genommen. Da hatte sie allen ihren Freunden und Verwandten Lebewohl sagen müssen und einer Unendlichkeit von Stätten, wo Andenken und Erinnerungen eine über die andre lagen, bis ganz zum Himmel hinauf, und das alles, um mit ihm zu reisen. Und er war ein Mann, dem man sich zuversichtlich hingeben konnte, er mit seiner Vergangenheit von Roheiten und Ausschweifungen! Es war nicht so ganz sicher, daß es nur die Vergangenheit war; wohl war er verändert, und es wurde ihm schwer zu verstehen, was er selbst gewesen war, aber man entrann sich selbst niemals so ganz, es war da sicher noch alles, und hier hatte er nun dies unschuldige Kind bekommen, zu behüten und zu bewachen, Gott sei Dank! er hatte sich selbst ja bis über den Kopf in den Dreck hineingearbeitet, es würde ihm auch wohl gelingen, sie mit dahinein zu bekommen. Nein! – nein, sie sollte nicht – nein, sie sollte ihr lichtes, leichtes Mädchenleben weiterleben, trotz seiner. Und der Wagen rummelte und rummelte, die Dunkelheit war hereingebrochen, und hin und wieder sah er durch die dicht beschlagnen Fenster die Lichter in den Geschäften und Häusern, an denen sie vorüberfuhren. Thora schlummerte. Gegen Morgen kamen sie nach dem neuen Heim, einem Gut, das Mogens gekauft hatte. Die Pferde dampften in der kalten Morgenluft, die Spatzen zwitscherten in den großen Lindenbäumen auf dem Hofplatz, und der Rauch wand sich langsam aus den Schornsteinen hinaus. Thora sah das alles lächelnd und zufrieden an, als ihr Mogens herausgeholfen hatte, aber es half nicht, sie war schläfrig und zu müde, um es verbergen zu können. Mogens geleitete sie auf ihr Zimmer und ging dann selbst in den Garten hinab, setzte sich auf eine Bank und glaubte, er betrachte den Sonnenaufgang, aber er nickte zu stark, um sich in dem Glauben erhalten zu können. Um die Mittagszeit begegneten er und Thora sich jedoch wieder, fröhlich und frisch, und es ward ein Umherzeigen und ein in Erstaunen Versinken, und es wurde geratschlagt; und man traf Bestimmungen und machte die törichtsten Vorschläge, die einstimmig für praktisch erklärt wurden, und wie sich Thora anstrengte, um klug und interessiert auszusehen, als ihr die Kühe vorgestellt wurden, und wie schwer es hielt, nicht allzu unpraktisch entzückt über den kleinen zottligen jungen Hund zu sein; und Mogens, wie redete er nicht über Drainage und Kornpreise, während er dastand und darüber nachdachte, wie wohl Thora mit den roten Mohnblumen im Haar aussehen würde!

Und dann am Abend, als sie in ihrem Gartenzimmer saßen und der Mond die Fenster so leibhaftig auf dem Fußboden abzeichnete, was war es da nicht für eine Komödie seinerseits, als er ihr ernsthaft vorstellte, daß sie zur Ruhe gehen, wirklich zur Ruhe gehen solle, da sie müde sein müsse, während er fortfuhr, ihre Hand in der seinen zu halten, und ihrerseits, als sie dann erklärte, er sei garstig und wolle sie los sein, er bereue es, daß er sich eine Frau genommen habe, und dann folgte natürlich eine Versöhnung, und dann lachten sie, und so wurde die Uhr viel. Endlich ging dann Thora in ihr Zimmer, aber Mogens blieb in der Gartenstube sitzen, ganz unglücklich darüber, daß sie gegangen war, und dann malte er sich in schwarzen Phantasien aus, daß sie tot und weg sei und daß er hier ganz allein auf der Welt säße und über sie weine, und dann weinte er wirklich, schließlich ärgerte er sich über sich selbst, stolzierte im Zimmer auf und nieder und wollte vernünftig sein. Es gab eine Liebe, rein und edel, ohne jegliche grobe irdische Leidenschaftlichkeit, ja, die gab es, und gab es sie nicht, so sollte sie kommen, ja, Leidenschaft verdarb alles, und sie war so häßlich, so unmenschlich, wie er alles das in der Menschennatur haßte, was nicht zart und rein, fein und leicht war! Er war unterjocht, bedrückt, geplagt gewesen von diesem Häßlichen und Starren, es war in seinen Augen und seinen Ohren gewesen, hatte alle seine Gedanken verpestet. Er ging in sein Zimmer. Er wollte lesen und nahm ein Buch, er las, ahnte aber nicht was, – ihr sollte doch nichts zugestoßen sein! nein, wie sollte das wohl? Er wurde aber trotzdem bange, es konnte ja doch sein, – nein, er konnte es nicht aushalten; er schlich leise an ihre Tür; nein, da war es so still und friedlich; wenn er angestrengt lauschte, war es ihm, als könne er ihre Atemzüge hören, – wie sein Herz pochte, es war ihm, als könne er auch das hören. Er kehrte zurück in sein Zimmer und zu seinem Buch. Er schloß die Augen: wie deutlich er sie sah, er konnte ihre Stimme hören, sie beugte sich zu ihm hinüber und flüsterte, – wie er sie liebte, sie liebte, sie liebte! Es sang inwendig in ihm, es war, als formten sich seine Gedanken zu Rhythmen, und so deutlich, wie er alles sehen konnte, woran er dachte! Still, still lag sie nun da und schlief, den Arm unter dem Nacken, das Haar aufgelöst, das Auge war geschlossen, sie atmete so leicht, – die Luft zitterte da drinnen, sie war rot wie ein Widerschein von Rosen – wie ein plumper Faun, der den Tanz der Nymphen nachahmt, so gab die Bettdecke in plumpen Falten ihre feine Gestalt wieder – nein, nein! er wollte nicht an sie denken, nicht so an sie denken, nicht um alles in der Welt, nein, und da kam es alles wieder, es war nicht wegzuhalten, aber es sollte weg, weg! Und es kam und ging, kam und ging, bis der Schlaf kam und die Nacht ging. Als die Sonne am Abend des nächsten Tages untergegangen war, lustwandelten sie zusammen im Garten umher. Arm in Arm gingen sie ganz langsam und ganz stumm den einen Gang hinauf und den andern hinab, heraus aus Resedaduft, durch Rosenduft hinein in den Duft von Jasmin; einzelne Nachtschwärmer flogen schwirrend vorüber, draußen im Korn schrie die Perlente, sonst kam das meiste Geräusch von Thoras seidnem Kleide.

»Wie wir schweigen können!« rief Thora aus.

»Und wie wir gehen können!« fuhr Mogens fort, »wir sind jetzt gewiß eine Meile gegangen.«

Dann gingen sie noch eine Zeitlang und schwiegen.

»Woran denkst du?« fragte sie.

»Ich denke an mich selbst.«

»Das ist genau dasselbe, was ich tue.«

»Denkst du auch an dich selbst?«

»Nein – an dich selbst – an dich, Mogens.«

Er zog sie fester an sich. Sie gingen nach dem Gartenzimmer hinauf; die Tür stand offen; es war sehr hell da drinnen, und der Tisch mit dem schneeweißen Tischtuch, der silbernen Schale mit dunkelroten Erdbeeren, der blitzenden silbernen Kanne und den Armleuchtern machte einen ganz festlichen Eindruck.

»Es ist wie in dem Märchen, wo Hänsel und Gretel an das Pfefferkuchenhäuschen draußen im Walde kommen,« sagte Thora.

»Willst du hinein?«

»Du vergißt wohl, daß da drinnen eine Hexe ist, die uns arme kleine Kinder braten und aufessen will. Nein, es ist viel besser, wir widerstehen den Zuckerfenstern und dem Pfannkuchendach und fassen uns bei den Händen und gehn hinaus in den schwarzen, schwarzen Wald.«

Sie entfernten sich von dem Gartenzimmer. Sie schmiegte sich dicht an Mogens und fuhr fort: »Es kann auch der Palast des Großtürken sein, und du bist der Araber draußen aus der Wüste, der mich entführen will, und die Wache ist hinter uns drein, es blitzt von krummen Säbeln, und wir laufen und laufen, aber sie haben dein Pferd genommen, und dann nehmen sie uns mit und stecken uns in einen großen Sack, und da sitzen wir zusammen und werden im Meer ertränkt. – Warte mal, was kann es sonst noch sein ...?«

»Warum darf es nicht sein, was es ist?«

»Ja, das darf es gern, aber das ist zu wenig ... Wenn du wüßtest, wie ich dich liebe, aber ich bin so unglücklich – ich weiß nicht, was es ist – da ist ein so großer Zwischenraum zwischen uns – nein –«

Sie schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn heftig und preßte ihre brennende Wange gegen die seine: »Ich verstehe es nicht, aber manchmal bin ich nahe daran, zu wünschen, du wolltest mich schlagen – ich weiß, daß es kindisch ist und daß ich so glücklich bin, so glücklich, aber ich bin trotzdem so unglücklich!«

Sie legte den Kopf an seine Brust und weinte, und dann fing sie an, während die Tränen noch rannen, erst ganz leise, aber dann lauter und lauter zu trällern:

»In Sehnen,
Leb ich, in Sehnen!«

»Mein süßes, kleines Weib!« Und er hob sie auf seine Arme und trug sie hinein.

Am Morgen stand er an ihrem Bett. Das Licht kam ruhig und gedämpft durch die herabgelassenen Vorhänge, und alle Linien da drinnen machte es still, alle Farben gesättigt und friedfertig. Es war Mogens, als ob die Luft mit ihrem Busen in leisen Dünungen stieg und sank. Ihr Kopf ruhte ein wenig schief auf dem Kissen, das Haar fiel über die weiße Stirn, die eine Wange hatte eine stärkere Röte als die andre, dann und wann zitterte es leise in den ruhig gewölbten Lidern, die Linien des Mundes wiegten sich unmerklich hin und her zwischen unbewußtem Ernst und schlummerndem Lächeln. Mogens stand lange da und sah sie an, glücklich und ruhig, der letzte von den Schatten aus seiner Vergangenheit war geschwunden. Dann schlich er leise hinaus und setzte sich in das Wohnzimmer und wartete ruhig auf sie. Er hatte eine Weile gesessen, als er ihren Kopf auf seiner Schulter fühlte, und ihre Wange an der seinen.

Sie gingen zusammen in den frischen Morgen hinaus. Das Sonnenlicht jubelte über die Erde hin, der Tau funkelte, früh erwachte Blumen strahlten, die Lerche zwitscherte laut hoch oben unter dem Himmel, die Schwalben jagten durch die Luft. Er und sie gingen dahin über den grünen Anger nach dem Hügel mit dem reifenden Roggen, sie folgten dem Pfad, der da hinüberführte; sie ging voran, ganz langsam, und sah über die Schulter zurück nach ihm, und sie sprachen und lachten. Je weiter sie den Hügel hinabkamen, je mehr drängte sich das Korn dazwischen, bald konnten sie nicht mehr gesehen werden.

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