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Novellen

Achim von Arnim: Novellen - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorArnim, Achim
titleNovellen
correctorhille@abc.de
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Zweite Vereinigung

»Die Freuden sind so wahr, und'nur die Sorgen lügen!« – Dieser Worte sollten die Glücklichen bald denken. Schon am nächsten Tage berührte sie die Sorge, dieser geheimnisvolle Erdmagnetismus, der lange unsichtbar, wo der Mensch in der Zufriedenheit zwischen allen Beziehungen der Leidenschaft schwebt, und einer größeren Bahn sich ausdehnen will, ihn zu einer bestimmten Richtung bezwingt und hinzieht. Marianina schämte sich, als sie genesen, ihrer raschen Hingebung; sie prüfte sich, ob ihr Cosmus so notwendig sei, ob sie ihn wirklich liebe, und da fand sich, wie bei allen Prüfungen, daß sie manches in seinem Betragen tadeln könne. Sein Wesen hatte viel Bedeutendes, aber in geselligen Formen etwas Untergeordnetes. Er hatte sich, mit seinem Leibe zur Schau dienend, durch die Welt geholfen. Er hatte sich mit ängstlichem, heimlichem Fleiße unter rohen Menschen auszubilden gesucht; das gab ihm etwas Unzusammenhängendes. Statt ihm diesen Tadel zu sagen, was sie in Gegenwart seiner lieben Mutter scheute, die alles an ihm vergötterte, drückte er sich in einer Art Verlegenheit und Kälte aus, die Cosmus nach zwei Tagen auf die Meinung brachten, ihre Neigung, ihr Glaube zu ihm sei eine Wirkung der Krankheit gewesen und bei der Genesung verschwunden. Angelika merkte ihm einigen Trübsinn an. Er entdeckte ihr heimlich den Grund, und die gute Mutter suchte ihn mit der besonderen Natur der Mädchen zu trösten, die immer wieder von neuem verbergen möchten, was sie bekannt haben, damit sie noch einmal die Freude hätten, es sich noch einmal abfragen zu lassen. Diese Unterredung beschloß einen regnigten Tag; es war schon spät, und Cosmus ging mit Kopfschütteln fort. Die Mutter sprach Marianina, die ihr bekannte, daß sie gern erst ihrer Liebe zu Cosmus gewiß werden möchte und sie deswegen prüfen müsse. Die Tante sagte ihr warnend, sie möchte sich keine harte Probe ihrer Liebe wünschen, das Schicksal erfülle solche Bitten gar zu leicht. –

Diese zufälligen Worte senkten sich in das Herz der kränkelnden Marianina; sie schlief nicht gut und war die erste, welche am Morgen besorgt wurde, als Cosmus nicht zu der gewohnten neunten Stunde zu ihnen eintrat. – Sie schickte schon um halb zehn nach seinem Gasthause, und es hieß, daß er den Abend nicht nach Hause gekommen und auch nicht zurückgelassen habe, wohin er gereist sei. Die Mutter erschrak. Der unselige Gedanke, er möchte aus Verzweifelung um die Kaltsinnigkeit ihrer Nichte sein Leben geendet haben, entstand ihr plötzlich aus den Erzählungen von mehreren Selbstmorden, die damals besprochen wurden, und machte sich ihr so wahrscheinlich, daß sie ihn der Nichte nicht verbergen konnte, die sogleich einen Anfall des verlorenen Fiebers ausstehen mußte, während sie selbst, ohne einen Wagen zu erwarten, nach dem Wirtshause eilte, um nähere Auskunft über die Absichten des Sohnes unter dessen Papieren zu entdecken. Aber da lag alles, wie er sich am Morgen des vorigen Tages angezogen hatte, als er zu ihnen geeilt war: einige Musikalien auf dem Tische, und dabei ein Lied, das er wahrscheinlich noch nicht ganz zu seiner Zufriedenheit in Musik gesetzt hatte, weil er es nicht mitbrachte. Hier die Worte:

O heil'ge Blindheit in der Liebe Sehnen,
Dich leitet eine Götterhand,
Und geht die Welt dir unter in den Tränen,
Der Himmel wird dein Vaterland!
O Vaterland, du blaues Zelt,
Da wird mein Irren eine schöne Wahrheit,
Und meine Blindheit eine ew'ge Klarheit,
Wo Aug' an Auge sich erhellt.

In der Angst der Gräfin deuteten sich diese Worte, die Unbefangenen eher ein seliger Augenblick der Erde scheinen möchten, zu einer Überzeugung, daß er in jener Welt die Erfüllung seiner Sehnsucht erwarte, daß er dort die Liebe aufsuche, die ihm hier in der Kälte ihrer Nichte verloren sei. Sie eilte mit sehr verändertem Angesicht nach Hause und konnte die Vorwürfe gegen ihre arme Nichte nicht zurückhalten. Den guten Rat ihrer Bekannten, durch öffentliche Bekanntmachungen Nachrichten von dem Verlorenen einzuziehen, vermochte sie kaum zu erfüllen, so heftig wurde sie von allem ergriffen, was auf dieses Ereignis Beziehung hatte. Endlich unterzeichnete sie, nachdem ihr mühsam die Beschreibung des Sohnes abgefragt worden, eine Aufforderung an Menschenfreunde, wenn jemand dieser Beschreibung entspreche, wenn er auch einen anderen Namen als Spoleto oder Cosmus führte, ihn nach Heidelberg zurückzuweisen, wo der Irrtum, der ihn fortgetrieben, sich aufklären und die Erfüllung seiner liebsten Wünsche ihn für alles Ausgestandene entschädigen würde. Die Bekannten der Gräfin ließen heimlich den Fluß durchsuchen, ob sich vielleicht der Körper des Verunglückten fände, aber vergebens. So vergingen zwei schmerzliche Wochen. Angelika hatte sich sehr verändert, nur die aufgezwungene Nahrung erhielt sie. Ihr Anblick war der stärkste Vorwurf für Marianina, und doch litt diese noch härter an dem eigenen Verluste; die gewünschte Prüfung ihrer Liebe hatte diese Liebe so heftig bewährt, daß sie ihrem Tode an dem wachsenden Fieber mit einer Art Trost entgegensah.

Endlich kam die Gräfin auf den Gedanken, noch eine Beschreibung des Sohnes in die Zeitung einzurücken und jedem, der ihr sichere Nachricht von seinem Leben oder von seinem Tode überbringen könnte, tausend Taler zu versprechen. Welch unseliger Einfall für ihr betrübtes Herz! Der Eigennutz erweckte unwillkürlich die Erfindung aller Arten von Lügen unter dem armen Volke. Da hätte .man der eigentlichen Natur und Entstehung von Sagen recht nachforschen können; sie sind, wenngleich ganz unwahr, doch das Wahrste, was ein Volk zur Darstellung seiner liebsten Gedanken hervorbringt. Das Haus wurde nicht leer von wunderbaren Geschichten, von Unglücksfällen am Wasser, mit Räubern, die damals die Gegend unsicher machten, und die höchst selten absichtlich erlogen, um zu gewinnen, aber in dieser Goldsucht entstanden, daß die armen Leute mit fester Überzeugung daran hingen, und daß endlich mit vollkommenem Glauben erzählt wurde, Räuber hätten ihn umgebracht und die Leiche verscharrt. Die Gräfin wandte jetzt die ganze Tätigkeit ihrer Liebe darauf hin, von der Regierung eine rasche Verfolgung dieser Räuberbanden zu erhalten; sie sehnte sich nach Gewißheit und Gerechtigkeit, und wie jede Einrichtung der Staaten, die nicht Geld einbringt, von Zeit zu Zeit eines Anstoßes bedarf, um nicht einzuschlafen, so wurden die Klagen der Gräfin der sorgsamen Regierung eine willkommene Veranlassung, in Verbindung mit den Nachbarn die Waldgegenden, die Berge, deren stete Aufsicht fast unmöglich, durch ein rasches Durchstreifen von allem müßigen Gesindel zu reinigen. Wirklich fiel diese Diebsjagd überraschend reich aus. Mehr als sechzig Menschen, die ihren Wohnort nicht angeben konnten, unter denen gleich mehrere als entlaufene Diebe erkannt wurden, kamen nach Heidelberg zur Untersuchung und wurden mit Mühe in den Gefängnissen über den Toren untergebracht. Die Untersuchung begann sogleich, und der Scharfsinn der Beamten hatte bald ein Chaos von Lügen, worin sich einer nach dem ändern gefangen, durchschaut und eine noch weitere Verbreitung dieser Bande erraten, deren Spuren sie durch Verhaftung der Hehler immer ernstlicher verfolgten. Der Versuch, Feuer anzulegen, den eine alte Frau verriet, die ermüdet im Walde, hinter einem Gebüsche sitzend, zwei Männer belauscht hatte, die dies für das einzige Mittel erklärten, ihre gefangenen Kameraden loszumachen, wurde durch Wachsamkeit vereitelt. Die ganze Stadt sah sich durch die bald vergrößerte Gefahr der Brandstiftung bei diesem Räuberprozeß interessiert. Jedermann unterhielt sich von den Räubergeschichten; die Gräfin aber vor allen suchte sich eine genaue Kenntnis von den Aussagen der armen Sünder zu verschaffen, von denen freilich die meisten alles ableugneten, aber ein paar, aus der in menschlicher Natur eigenen Zerknirschung durch Gefangenschaft, eine Menge Mordtaten bekannt hatten, jedoch keine, die irgend auf das Schicksal ihres Cosmus bezüglich gewesen wäre.

So waren sechs unendliche traurende Wochen den beiden Italienerinnen vergangen. Marianina wurde schwächer; die Gräfin wußte nicht, ob sie gesund oder krank sei. Sie hatte keinen Trost als die freie Luft und die Berge, und zu denen eilte sie täglich über die große Brücke, die wie ein glänzender Regenbogen die Pracht der beiderseitigen Berge verbindet. Nun steht, wie alle Reisende wissen, über dem Brückentore, wie in vielen älteren Städten, ein Turm. Der ist den Gefangenen bestimmt. Sie hätten das schönste Leben in der schönsten Aussicht der Welt, wenn sie nicht gefangen wären; aber sie konnten in die Stadt sehen, und da war ein fröhlicher Markt. Eine Musikbande versuchte es, die Gäste im Hechte, einem Wirtshause in der Nähe des Tors, durch allerlei Lieder des Tages zur heitern Freigebigkeit zu stimmen, während die Gefangenen ihren Teil an der Musik umsonst genossen und ihre Köpfe durch die Gitterfenster streckten. Die Gräfin kam von einem Spaziergange auf dem heiligen Berge zurück; sie blickte mit einer Art Gram in die Höhe nach den Gefangenen und war wie geblendet, als sie den Kopf ihres geliebten Cosmus, zwar unkenntlich durch einen starken Bart, aber dem Mutterauge doch unverkennbar, darunter erblickte. Sie schaute nicht lange, so richtete auch der Gefangene sein Auge auf sie; es loderte ihm in den Wangen; er fuhr zurück, und er wurde nicht mehr sichtbar, ungeachtet die Gräfin unter dem Vorwande, sich Zimmer im Gasthause zum Hechte auszusuchen, wohl eine halbe Stunde in einem derselben ihm gegenüber verweilte, das sie auch mit einigen in der Nähe noch am selben Abende, sehr unerwartet für ihre Bekannten, bezog.

Ihre Überzeugung war, Cosmus sei aus Verzweiflung ein Räuber geworden, und sie selbst, ihre Nachforschung nach Räubern, sei die Ursache seines nahen Todes; denn man sprach davon, daß in wenigen Tagen diese Strafe an allen Gefangenen erfüllt werden sollte. Sie hatte keinen andern Gedanken mehr, sie hielt es für ihre Pflicht sowie für ein Bedürfnis ihres Herzens, ihn mit Gefahr ihres Lebens zu retten; und dieses Unternehmen forderte ihre ganze Klugheit und eine solche Heimlichkeit, daß sie selbst der guten Marianina nichts davon zu entdecken wagte. Zuerst suchte sie unbemerkt herauszubringen, was die Gefangenen jenes Turms ausgesagt. Sie erkannte ihren Sohn sehr bald in der Beschreibung und erfuhr daraus, daß er, allen Drohungen zum Trotze, nichts aussage und abends oft ein sehr wildes Geschrei erhebe, aber durch die Aussagen der ändern als ein Hauptführer ausgemittelt sei. War er so lasterhaft oder hatte er den Verstand verloren? Aber sein Verstecken vor ihr zeigte ihr sein Bewußtsein. Der Zufall wollte, daß sie in diesen Tagen, die ganz auf den einen Gedanken gerichtet waren, im Vorbeigehen am Markte einen stummen lustigen Kerl sah, der sonst in der fahrenden Post eine Art Lastträger abgab, sich durch Zeichen verständlich machte, aber wegen dieser Sonderbarkeit und wegen seines lächerlichen dicken, durch die Pocken zernagten Gesichts von den Knaben auf allerlei Art geneckt wurde. Sie sah, wie er eben wütend hinter einem Haufen herlief, der ihm sein Brot versteckt hatte, aber endlich über seine ungeschickten Füße fiel. Sie bezeugte ihm ihr Mitleid, als er jammerte, und weil diesem stummen Hannes eine gewisse Galanterie gegen Frauen eigen, so folgte er ihrem Winke nach ihrem Hause, wo sie ihm ein gutes Abendessen reichen ließ. Am ändern Tage fand sich der arme Stumme von selbst ein; er wurde eine Art Bedienter des Hauses, und die Gräfin gab ihm ihre Livree, zur großen Verwunderung der Bekannten, die es inzwischen aus ihrer schönen Wohltätigkeit erklärten.

Einige Tage später kam sie bei den Gerichten mit der Bitte ein, ihr zu erlauben, die Gefangenen selbst unter vier Augen um Nachrichten von ihrem verlorenen Sohne anzusprechen; sie traue es der Beredsamkeit einer Mutter zu, daß sie auch das härteste Herz der Bösewichter rühren könne, und vielleicht erfolge daraus selbst manches Bekenntnis, das dem Gerichte willkommen sei. Das Gericht konnte diese Bitte der betrübten Mutter nicht abschlagen, vielmehr war es sein Interesse, ihr in diesem Versuche beizustehen. Die Gefangenenwärter wurden benachrichtigt, der Gräfin mit ihrem Gefolge den Zutritt zu den Gefangenen zu verstatten.

Sie richtete sich nun ruhig zur Flucht ein, doch ohne daß jemand etwas davon bemerkte. Sie verkaufte nichts von ihren Sachen, ließ auch nichts einpacken; der Verlust kümmerte sie nicht. Sie kassierte unter gutem Verwände einen Wechsel ein, ließ durch ihren italienischen Bedienten Extrapostpferde nach einem Gartenhause vor der Stadt bestellen, und nun erst, als alles bereit, vertraute sie ihrer Nichte das ganze Geheimnis, die von der freudigen Überraschung, ihr Geliebter lebe noch, alle Kraft wiederfand, das Unternehmen mitzumachen. Nachdem mit dieser alles verabredet, ging sie, mit einer Feile versehen, allein von dem stummen Hannes begleitet, als es schon dunkelte (unter dem Vorwande, es würde sonst zu viel Aufsehen machen); in den Turm. Sie wußte die Zimmer so klug zu wählen, daß sie zuletzt auf das Zimmer des armen Cosmus treffen mußte. Der Gefangenenwärter ließ sie mit jedem Gefangenen allein; der Stumme drängte sich ihr überall nach. Sie sagte ohne Anstoß bei jedem Gefangenen ihre Rolle her; ein paar lachten sie aus, ein anderer war mitleidig, und sie wollte eben das Zimmer eines dritten verlassen, dem sie zufällig den Namen ihres Mannes gesagt hatte, als dieser aufseufzte und mit rauher Stimme in einem bayerischen Dialekte sagte: »Ihr seid ein armes Weib, und da ich selbst mehr als ein armes Weib habe und morgen sterben soll, so will ich Euch doch erzählen, daß ich Euren Sohn besser erkannt habe, als Ihr meint. Ich hieß sonst der Förster Rost; habt Ihr von mir gehört?« – »Heiliger Gott!« sagte die Gräfin, »bei dem mein Sohn bis zum siebenten Jahre lebte?« – »Die Bestie«, sagte der Alte, »hat mir noch in den letzten Tagen, als er bei mir war, einen Henkeltaler durch mein erstes Weib stehlen lassen, der war aus der Nachlassenschaft seines Vaters, den ich auf Befehl Eures braven Mannes umbrachte, weil er ihm Hörner aufsetzte. Bei Eurem Namen ist mir gleich alles eingefallen.« – Die Gräfin mußte sich vor Schrecken festhalten. – Der wilde Alte fuhr ruhig fort: »Den Buben sollte mein Bruder in Venedig wie eine junge Katze ertränken, es war ein Bankert, die sollen nicht leben; er kam ihm fort. Es ist doch nichts aus ihm geworden als ein Luftspringer, und bald wird er in der Luft hängen. Die Bestie hat uns verraten wollen, hat hier ein Weib gehalten, die hat uns aufsuchen lassen. Nebenan sitzt er, an seinem Henkeltaler hab ich ihn erkannt; der ist ihm von mir abgenommen worden. Seht nur zu, hier nebenan sitzt er; es wird ihm nicht helfen, daß er nicht antworten will. Nun marsch! Ich will schlafen; ich meine, ich hab Euch eine gute Nacht gesagt.« –

Die Gräfin war so erschüttert, daß sie sich durch Riechwasser stärkte; sagen konnte sie nichts. Sie eilte rasch hinaus in das Zimmer des Sohnes, der bei ihrem Anblicke wie vor einer Geistergestalt sich zurückzog. Sie aber, von dem Dringenden der Gefahr gestärkt, erklärte ihm in aller Eile ihren Plan, sein Leben zu retten, nachdem er seine Handschellen durch Hilfe einer Feile, die sie mitgebracht, gesprengt hätte, den Stummen dann statt seiner einzuspannen und ihn in dem Rocke desselben mit sich fortzuführen. – Cosmus schwor ihr, er werde es nie dulden, daß ein anderer für ihn leide. Als sie ihm aber versicherte, daß der Stumme zu bekannt sei, um in Gefahr zu kommen, und daß sie durch einen Brief alles erklären wolle, so gab er zögernd nach. Die Eisen wurden schnell aufgefeilt, der Stumme gab seinen Rock auf einen Wink der Gräfin willig her; als er aber von Cosmus in die Eisen eingespannt wurde, gab er die ganze Kraft des wilden Tones von sich, der ihm statt aller Stimme übrig geblieben. Der Wärter sah in die Türe, und Spoleto hatte kaum Zeit, in den Rock des Stummen zu schlüpfen. Dann trat er mit der Gräfin hinaus, zu welcher der Gefangenenwärter sagte: »Der junge Bursche hat Euch sicher nichts gesagt? Er schreit schon wieder. Ich glaube, der rennt sich noch einmal den Kopf ein.« – Die Gräfin bejahte dies mit einem kurzen Bedauern, daß ihre Nachfragen vergebens, und wollte fort; da hielt der Wärter den Cosmus an und sagte: »Nun, Hannes, du sollst mir nicht umsonst in mein Gehege gekommen sein; du mußt diese Nacht sitzen und kannst mir die Zeit vertreiben.« – Die Gräfin verlor die Besinnung bei diesem neuen Hindernis; sie konnte kaum die Worte finden: »Laßt ihn gehen, ich brauche ihn!« – Der Wärter ließ ihn los und sagte, indem er dem Cosmus einen Schub gab und zur dunklen Turmtür hinausstieß: »Ich kenne den Hannes gar nicht mehr, seit er eine Livree trägt; er ist wie ausgetauscht und macht keinen Spaß mehr.« – Die Gräfin atmete erst, als die Tür verschlossen.

Marianina hatte eben am Fenster auf sie gewartet, sie kam wohlverhüllt herunter, und alle dreie gingen, ohne miteinander zu sprechen, die lange Straße herunter. Als sie vor dem Tore, beteten sie mit großer Inbrunst vor dem schönen Kreuze, das da so wohlerhalten steht, und wollten eben forteilen, als ein berühmter Mann, den sie kennengelernt hatten, ihnen m den Weg trat und Vorwürfe machte, wie sie Götzenbilder aus Steinen anbeten könnten; auch war es dem Manne nicht recht, daß sie dem Hannes eine Livree mit Tressen gegeben hätten, weil er das für aristokratische Auszeichnung hielt. Die Gräfin zitterte in Angst, er möchte den Hannes näher besehen, endlich, als sie nicht widersprach, ließ er ab von ihr, und sie stiegen in den Wagen, den sie vor dem Gartenhause fanden. Sie mochten wohl hundert Schritte gefahren sein, ehe Mutter und Sohn und Marianina sich alle drei umfaßten. – »Also du liebst mich wieder, Marianina?« fragte Cosmus, »und du wirst es nicht sobald wieder vergessen?« – »Nimmermehr«, rief Marianina. »Aber was hast du für fremdes Haar im Gesichte?« fragte die Mutter. – »Liebe Mutter«, antwortete er ihr, »es ist das Eigenste, was ich besitze, der Bart, der mir in den Unglückswochen gewachsen.« – Der Gräfin fiel die Notwendigkeit ein, diesen Bart, um alles Aufsehen zu vermeiden, abzuschneiden. Ihre mütterliche Vorsorge vollbrachte dieses Geschäft, während der Postillon in ein Wirtshaus gesprungen war, sich mit einem Schoppen zu frischieren. Aber als sie das vollendet hatte, sah sie erst recht deutlich beim Scheine der Wagenlaternen, wie Not, Gram und Einkerkerung an dem rüstigen Sohn gezehrt hatten, sie mußte weinen. – »Es wird alles wiederkehren«, sagte er. – Mehrmals wollte er von seiner Geschichte anfangen, aber die Mutter suchte ihn zurückzuhalten, sie wollte ihn und Marianina schonen; nur einmal fragte sie ihn: »Du hast doch keinen Menschen auf deinem Gewissen?« – »Die Menschen haben mich auf ihrem Gewissen«, antwortete er; »wie konnte ich glauben, daß der Mensch, den ich dem Elend entrissen, der nächst Gott mir am meisten auf Erden dankte, eben der unglückselige Rost sei, der meinen Vater ermordet hat, den ich nach vierzehn Jahren Abwesenheit, wo er als Abenteurer die Welt durchstreift hat, als Dieb und Räuber in allen Sprachen sich einstudierte, nicht wieder ahndete unter meinein Begleiter Hitzler! Wie konnte ich denken, daß Hitzler, den ich mit Frau und Kind aus dem tiefsten Elend in Frankreich errettete und über ein halbes Jahr mit meiner Kunst nährte, daß er mich vom Gipfel meines Glücks ins Elend stürzen würde!« –

Die Gräfin konnte diese Worte nicht begreifen, und Cosmus erzählte nun umständlich, wie er in einer gewissen Sorglichkeit über die Kälte seiner Marianina abends vors Tor die Neckarstraße heruntergegangen sei. Unerwartet habe sich ihm Hitzler, derselbe, den er bisher mit sich geführt, der die Anstalten zu seinen Kunststücken besorgt, zu ihm gesellt, und als sie in eine einsame Felsengegend gekommen, ihn plötzlich gefragt, ob er seine Lebensweise aufgeben wolle und warum? – Cosmus bejahte die erste Frage und sagte ihm ernst, daß er ihm die Ursache davon noch nicht angeben könne. – Bei diesen Worten schrie Hitzler: »Nichtswürdiger, durch meine erste Frau hast du mich um den Henkeltaler bestohlen, den du noch trägst, ich habe sie deswegen erschlagen, jetzt willst du mich verraten, daß ich auch umgebracht werde!« Bei diesen Worten pfiff er, und es sprangen drei Männer aus dem Gebüsch, warfen sich auf den erschrocknen Cosmus, der seinen ältesten Feind Rost in dem falschen Freunde erkannte. Sie verstopften ihm den Mund, knebelten ihn und führten ihn bis zum Morgen tief in den Odenwald hinein zu einer Köhlerhütte, wo Hitzler von einem Haufen unheimlicher Leute als Oberhaupt begrüßt wurde. Cosmus sah keine Rettung für sich als in der Lüge, die ihm in der Beschränktheit des Alten leichter wurde. Er sagte nichts davon, daß er eine reiche Mutter gefunden, nimmer hätten sie ihm getraut, daß er bei ihnen bleibe, vielmehr sagte er, daß eine schöne Frau sich in ihn verliebt und ihn reichlich beschenkt habe, weswegen er seine Kunst aufgeben wollen. »Daraus wird nichts«, sagte Rost, »du bist des Todes, wenn du dir so etwas einfallen läßt. Wir haben dich so lange gebraucht, ohne daß du es gewußt, um die Städte auszukundschaften, jetzt sollst du wissentlich uns dienen, oder du bist des Todes, wie wir alle des Teufels sind.« –

Solch ein Wort war nie leer in dem Munde Rosts, auch fühlte Cosmus sich wie ein Sünder, daß er die Anschläge dieser Bösewichter durch seine leichtsinnige Verbindung mit Rost gefördert hatte. Er seufzte in sich, wie er eben noch so rein vor sich und vor den Augen der Geliebten gestanden und jetzt nicht mehr vor ihr zu erscheinen wage. Er gab nach, was Rost verlangte, und wurde nun näher mit der Sprache und den Anschlägen dieser Leute bekannt gemacht, als Rost auf den Fang ausging. Es war ein hartes, nur in wilder Sinnenlust sich erfrischendes Leben, das die Gemeinen führten, während die Häupter unter allerlei Verkleidung sich in Dörfern und Städten umhertrieben und recht lustig machten. Ein paar junge Burschen klagten ihm heimlich ihr Schicksal, als Rost sie verlassen, daß sie zu einem gelehrten Stande redlich und fleißig erzogen, der Konskription entflohen, ihre Kanzel auf dem Rabensteine besteigen würden. Aber die Mädchen scherzten sich und ihnen den Gram vom Herzen, meist unglückliche Opfer des Krieges, die mit den Heeren viele Meilen gezogen, durch Heiraten getäuscht, von ihren Männern verstoßen, die rauhe Lebensgewohnheit in keinem bürgerlichen Verhältnis mehr verstecken konnten. Cosmus, so wohlgefällig er ihnen schien, stieß sie durch seine Traurigkeit zurück; sie verklagten ihn deswegen gleich bei Rost, als dieser zurückkam. Rost beschloß, ihn bei einer Missetat mitzuverwickeln, teils um seine Treue zu prüfen, die ihm nach den Aussagen der Mädchen verdächtig schien, teils um ihn durch ein Verbrechen sich auf immer zu verbinden.

Es sollte das Haus eines Predigers, der eine große Erbschaft eben bei sich untergebracht hatte, in der Nacht erbrochen, und wer sich widersetzte, ermordet werden. »Cosmus, du sollst voran«, sagte Rost, »und beobachte genau, du sollst den ersten Widerstand der Leute abwehren. Nun, wie wird dir dabei?« fragte ihn Rost und sah ihm scharf in die Augen. – »Besser heute als morgen«, sagte Cosmus verstellt, indem er sich fest beschwor, sobald er die Waffen in Händen hätte, jene Unschuldigen gegen die Räuber zu verteidigen. – Alles wurde bis zu einem gewissen Punkte ausgeführt. Ehe aber das Haus in der Nacht erreicht war, kam ein Mitgeselle jämmerlich frostig gelaufen und brachte aus der Stadt Heidelberg die Nachricht, daß auf Ansuchen einer fremden Frau, die den Spoleto aufsuche, die Dragoner ausrückten, den Wald zu durchstreifen, ob Räuber darin versteckt wären. Rost hatte von der Gräfin Filomena wegen des veränderten Namens nichts vernommen, er dachte aber gleich an die schöne Frau, von deren Liebe Cosmus gesprochen, und glaubte eine geheime Verbindung zwischen Cosmus und ihr unleugbar. Ohne sich lange zu beraten, befahl er ihm mit wütendem Blick, sich auszukleiden, er selbst riß ihm den Henkeltaler von der Schnur, woran er hing, eins der Mädchen band ihm ein rotgewürfeltes Schnupftuch um die zum Himmel blickenden dunkeln Augen, er kniete nieder, es fiel ein Schuß, und er stürzte zu Boden, indem er sein Leben dem Himmel hinzugeben meinte. Bald aber fielen mehrere Schüsse, die ihn erweckten; er nahm die Binde vom Haupte, sah Rost und die Räuber von Dragonern umgeben und wurde selbst in dem Augenblicke von einem Dragoner gebunden. Dies war die Geschichte der Gefangennehmung der Haupträdelsführer; daß Cosmus dabei eine Binde ums Haupt gehabt, daß er gekniet, war in der Dunkelheit des Abends von niemand bemerkt worden, er war mit der Bande gefangen, und nur die Bekenntnisse der Bösewichter hätten seine Unschuld beweisen können. Wie sie aber dazu geneigt machen, da Rost und die ändern noch in den Ketten auf dem Wagen ihn heimlich als Verräter verfluchten?

Ohne diese Rechtfertigung seines Wandels litt es nicht sein Ehrgefühl, sich der Mutter und der Geliebten wieder zu zeigen. Welch ein unsäglicher Kampf während der Wochen seiner Gefangenschaft! Keine andre Nachricht erpreßten von ihm die Richter in langen Verhören, als daß er unschuldig sei und von den Räubern nichts wisse. Wogegen jene ihn als den feinsten unter ihnen beschrieben, der sich überall am besten verstellen könnte. Durch die veränderten Kleider, durch Schmutz, durch den Gram, durch den starken Bart entstellt, außerdem nur wenige Tage vorher in der Stadt, wurde er von niemand erkannt, auch verstellte er absichtlich sein Gesicht und seine Sprache. Er sah dem Tode entgegen wie dem einzigen Rettungsmittel seiner Ehre, denn seine geringe Kenntnis verstattete ihm keine Einsicht in die geübte Klugheit der Gerichte, die sicher, wenn er seine Verhältnisse ihnen anvertraut, die Wahrheit seiner Angaben bewährt hätten. »Was mir besonders hart«, sagte er zum Schlüsse, »wie meinen Kameraden der Mangel an Tabak, das war, weil ich, um mich nicht zu verraten, nicht singen durfte. Und nie in meinem Leben hatte ich solch ein Bedürfnis dazu, wie an dem Fenster des Kerkers, wenn die Sonne über das Tal hervortrat, an dem Walde glänzte und aus dem grünen Netze der von Wegen zackig durchschnittenen Weingärten die Menschen, wie fröhlich entschlüpfende Fische, heraussprangen. Da hätte ich herrlich singen können, wie ein Vogel in seinem Käfig zu den Vögeln im Wald.«

Unter dieser Erzählung, die natürlich durch das Interesse der Hörer an allen Kleinigkeiten, die den Geliebten betroffen, sich immer wieder erneute, das Vergessene nachholte, dazwischen auch der Ermüdung einigen Schlaf gewährte, waren die Pferde mehrmals gewechselt, der italienische Bediente hatte alles besorgt und bezahlt. Es war heller Tag, der Wagen hielt still, und die Gräfin ließ vorsichtig ein Brettfenster des Wagens nieder, um zu sehen, wo sie wären. Welche Verwunderung, welches Schrecken, als ihr die Gegenfrage des Unteroffiziers einer Torwache: Wer sie wären und woher sie kämen? entgegenschallte, während sie das Tor und die Häuser Heidelbergs, von denen sie abends abgereist, deutlich erkannte. Aber ihre Geistesgegenwart hatte sich schon zu entwickeln Gelegenheit gehabt, sie sagte, daß sie von Karlsruhe zurückkomme, und als der Postillon anfragte, wohin er sie bringen sollte, nannte sie ihm das Stadthaus, wo die Kriminaluntersuchungen gehalten wurden. –

Sohn und Nichte starrten sie sprachlos an, was sie beginne, ob sich ihr Kopf im Schrecken verwirrt habe; sie aber umarmte beide und sprach: »Der Himmel will nicht, daß wir unsrer List die Rettung eines Unschuldigen, wofür ich dich jetzt erkannt habe, danken sollen, sondern der Gerechtigkeit, die auf Erden Gottes Gesetz verwaltet. Wenn wir das höhere Zeichen in diesem kaum begreiflichen Mißverständnisse beim Postenwechsel nicht erkennen und deuten, wenn wir diesen Unschuldigen der öffentlichen Rechtfertigung entziehen wollten, wir würden ihn einem größeren Unglücke unterwerfen. Er ist unschuldig, das wird ihn erhalten, und mein Vergehen wird sich in jedem Vaterherzen entschuldigen. Das Aufsehen und das Gerede der Welt ist so schmerzlich in Rom über mich ergangen, wo mich eine frühere Schuld beklemmte, die dir, geliebter Sohn, das Leben gab, daß ich gleichgültig über die Menge hinsehen kann.« – »Daß mich ein Blitz vernichte!« rief Cosmus, »da es der Kummer nicht vermag! Mit jedem bewußtlosen Schritte störe ich das Dasein der geliebten Seelen, die mich auf Erden allein lieben, denen ich ein doppeltes Dasein danke.« – Aber Marianina fuhr mit ihrer Hand über seine Stirne und sagte: »Sei gelobt die himmlische Maria, die meiner Liebe diese Prüfung in der Schande verlieh. Ja, Geliebter, erwartet dich jetzt ein Kerker, keine menschliche Gewalt soll mich von dir trennen; ich will meine Hand zwischen deine Ketten drängen, daß sie dich nicht drücken; ich will deine Tränen aufküssen, deine Füße an meinem Herzen wärmen. Ach, was täte ich nicht dir zuliebe im Keiker!« – Ein heftiges Schluchzen unterbrach sie. Cosmus konnte nicht abwehren, was ihm ein ewiges Geschick bestimmt hatte, die Segnung dieser reichen Liebe in allen ihren Äußerungen; es tat beiden so wohl, mitten in allem dem Wehe.

Die drei Schuldigen traten ruhig, wie in einem inneren Triumphe, in den Saal der Untersuchung, wo sie nicht wenig Aufsehen erregten, da man ihre Abwesenheit erfahren und sich darüber verwundert hatte. Wer nennt aber die Freude der Gräfin, als der Oberrichter ihr mit dem Glückwünsche entgegentrat: »Ich feiere heute einen der frohesten Tage meines Amts; Sie haben Ihren Sohn wiedergewonnen, vielleicht nicht ganz auf dem rechten Wege; aber ich hätte als Vater nicht anders handeln können. Ihr Sohn war in Gefahr; seine hartnäckige Verstellung hatte uns in der Untersuchung gegen ihn irregeführt, wir hatten ihn nicht erkannt; jetzt ist seine Unschuld durch das Bekenntnis des unseligen Bösewichts, jenes Rost oder Hitzler, wie er abwechselnd geheißen, erwiesen. Der Unmensch bekannte die Unschuld Ihres Sohnes heute vor seiner Hinrichtung. Ihrem Anblick, Gräfin, danken wir dieses Bekenntnis, was keine Überredung ihm entpressen konnte. Er sagte, daß Ihre rührenden Blicke die ganze Nacht ihm vorgeschwebt, er müsse bekennen, ehe er sterbe. Das Gericht, indem es Ihnen für diesen Gebrauch Ihrer schönen Gewalt dankt, vergißt darüber den Verweis, den es Ihnen wegen des Austausches der Gefangenen geben sollte.«

Löste sich so selig die Geschichte eines Volkes auf, wie diese Verhältnisse der drei unschuldigen Schuldigen, der Mond müßte den Friedensgesang hören und die Freudenfeuer der Erde auf seinen Bergen beantworten. Die ruhigen Geschäftsmänner standen auf, drückten dem jungen Manne mit Tränen die Hand und geleiteten alle drei, wie im Triumphe, nach ihrer Wohnung. Da kam ihnen der Stumme in einer lächerlichen Freude entgegen. Sein Abenteuer hatte ihm so viel neugierige Freunde erworben, die ihn mit Wein bewirtet hatten, daß er der Gräfin dankbar zu Füßen fiel und gern die nächste Nacht für solchen Preis wieder im Turme verschlafen hätte. Der Wirt erzählte nun, welch ein lächerliches Lärmen am Morgen von den Straßenbuben gemacht worden wäre, weil der Hannes ihnen aus dem Turme seine bekannten Gesichter geschnitten und allerlei Trinkgeschirr heruntergeworfen habe. Die Jugend hätte diesen Gruß mit kleinen Steinen erwidert, und der Turmwächter hätte schon an eine Empörung zugunsten der Räuber gedacht und sich in dem Turme verrammelt, bis er den Gefangenen besucht und den närrischen Hannes erkannt habe. Da sei dann das Laufen und Untersuchen recht angegangen. Die drei Glücklichen waren allzu beschäftigt mit dem eigenen Schicksale, um des Lächerlichen dieses Ereignisses recht bewußt zu werden; sie beschlossen, für den Stummen auf immer zu sorgen, sowie sie dem italienischen Bedienten leicht verziehen, der das Zurückfahren in der Nacht aus seinem Marigel an Sprachkenntnis erklärte, nachdem der Wagen, wegen des unbeendigten Pflasters in der Hauptstraße einer Station, durch Nebenstraßen verkehrt vor das Posthaus gefahren worden sei. Viele mutmaßten eine böse Absicht, doch waren unter den anwesenden Fremden mehrere, denen bei guter Sprachkenntnis in der Nacht Ähnliches begegnet (freilich nicht unter so besorglichen Umständen), weswegen sogar in Reisebüchern dagegen gewarnt wird.

Ich brauche es wohl nicht zu sagen, daß Cosmus und Marianina keine Zeit versäumten, den Bund ihrer Liebe durch die Heiligung der Ehe zu segnen. Niemand war gegenwärtig als der wackere Oberrichter, und als er das Haus verließ, sang der Nachtwächter wieder hellaut, daß es die Glücklichen hörten:

Seh ich in trüber Luft die Sterne zitternd hangen
Und ahnde nicht, Wer sie da droben hält,
Da schwindelt mir, ich fühl ein töricht Bangen,
Daß einer mir aufs Haupt herniederfällt.
Wenn sie dann fest in klarer Bläue prangen
Und strahlen freudenhell auf meine Bahn,
Da ist mir Gottes Liebe wieder aufgegangen,
Da fühl ich, daß die Furcht ein leerer Wahn. O Mensch, verschließ dich nicht dem irdischen Vergnügen!
Die Freuden sind so wahr, und nur die Sorgen lügen!

Diesmal fiel aber zu seiner Freude ein Stern auf das Haupt des Nachtwächters, daß er Gottes Wunder rief und ihn begierig und dankbar beim Mondscheine beleuchtete und in die Tasche steckte. Es war ein Goldstück, das die Glücklichen, die aneinandergelehnt am Fenster im Kusse verbunden, als Stellvertreter des Himmels auf Erden, dem armen Wächter ihres Glücks in den Hut fallen ließen. »Gott segne es Ihnen in Kindern und Kindeskindern, was Sie an dem armen Friedrich getan!« rief dankbar der Wächter. – Angelika sah mit einem tiefen Ernste zu den Trümmern des alten Schlosses hinauf, als er diesen geliebten Namen ausgesprochen, und die Geschlechter, die da oben gethront und geliebt, stiegen in ihrer Phantasie auf, als sähen sie noch mit Freude von dem Schlosse auf die beiden Glücklichen im Nebenfenster hernieder; vor allem aber winkte freundlich jener siegreiche Friedrich, der allnächtlich zu seiner Klara ins Tal herabstieg. Seine Liebe war vorüber, aber ein mächtiges Geschlecht ist daraus hervorgegangen zu neuer Liebe und zu neuem Mute. Von dieser Erscheinung über ihr eigenes Leiden emporgetragen, dankt sie der Vorsehung zum erstenmale aus freier Brust, welche die Verirrungen ihrer Jugend alle zu ihrem Besten gelenkt und von dem Schönen in ihrer Liebe das Schönste, den geliebten Sohn, ihren ernsteren Lebensjahren gelassen, auf den sie feierlich alle Ansprüche ihres Lebens in dieser seligen Stunde übertrug.

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