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Novellen

Achim von Arnim: Novellen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorArnim, Achim
titleNovellen
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Geschichte der Gräfin Filomena

Meine arme Schwester wurde in einer Stunde mit mir geboren, aber die Menschen widersprachen dem Geschick, das uns wohltätig verbunden hatte, und trennten uns. Ich kam nach Turin zu einem reichen Oheim, meine Schwester blieb bei ihrem Vater, dem Markese Solar, nachdem unsre Mutter das Zeitliche gesegnet hatte. Der Markese, unser Vater, war ein wunderbar eigensinniger und einsamer Denker. Der Plato hatte alle seine freien Stunden beschäftigt; wie natürlich, daß er auch seine Tochter in diesen herrlichen Geist einführen wollte. Da ihm aber selbst die Fähigkeit und Geduld zum Unterrichte abging, so wählte er unter verschiedenen Lehrmeistern einen deutschen Doktor der Philosophie, der sich Winkelmann nannte, einen liebreichen, tief sinnigen Mann, der aus Verehrung der alten Kunstdenkmale sein Vaterland verlassen und sich in Italien angesiedelt hatte, wo er seinen Unterhalt teils durch Kunsthandel, teils durch Unterricht erwarb. Er wurde dein Vater, Cosmus; er ist derselbe, dessen sich dein Herz aus den früheren Jahren unter dem Namen Friedrich, der sein Vorname eigentlich war, erinnert. Das gefährliche Verhältnis zu einem liebenswürdigen Lehrer, der in reiner Unschuld unter allem Schönen der alten Zeit gelebt hatte und in einer Schülerin so viel davon lebend wiedererblicken mußte, bezwang deine arme Mutter und die Besorglichkeit eines unter Büchern auferwachsenen stillen Lebens; die Betrachtung der Liebe, die uns im Plato zu einer allgemeinen Ansicht der Leidenschaft hätte führen sollen, brachte uns recht zur Gewißheit über uns selbst.

Cosmus unterbrach sie und fragte, ob sie auch gegenwärtig gewesen, da sie uns gesagt hätte.

Angelika fuhr errötend fort: Meine arme Schwester hat mir ihr Verhältnis so deutlich gemacht, daß ich oft meine, es selbst erlebt zu haben. Sie hatte damals nur den Wunsch der Stunde, den Mann glücklich zu machen, dessen herrliches Gemüt, dessen liebreiche Gestalt ihr den ersten Begriff des Daseins erklärt hatte. Von unserm Vater nur selten gestört und nie belauscht, konnte deine Mutter, Cosmus, deine Geburt ohne große Umstände verbergen, um so weniger konnte sie aber dem Andringen deines Vaters widerstehen, als er sie dem reichen Grafen Filomena aus einem wunderlichen Eigensinne verlobt hatte. Im Gegenteil war es schon lange eine Hauptlehre in der Philosophie, die dein Vater und deine Mutter miteinander als Überzeugung angenommen hatten, daß der Genuß sich den unvermeidlichen Bedingungen nicht entgegensetze», sondern sich ihm fügen müsse, um ein ungestörtes, zufriednes Dasein zu begründen. Oh, wie muß ich dieser ungestörten Glückseligkeit, dieses ruhigen Schwebens aller Begierden im Gleichgewichte der Betrachtung, gleich einer Fabel vom goldenen Zeitalter, lachen! –

Cosmus: Verlachen Sie nicht meine Mutter, beste Tante, es war Ihre mitgeborne Schwester.

Angelika: Wer hätte weniger über ihr Schicksal zu lachen Ursach als ich? Habe, ich nicht gelitten wie sie unter der eifersüchtigen Laune eines Mannes, der mir aufgezwungen war? Meine Schwester, als sie dem Andringen ihres Vaters nicht mehr ausweichen konnte, nachdem sie vergebens dem Grafen Filomena erklärt hatte, daß sie ihn nicht lieben könne, gewährte ihrem Friedrich – so will ich ihn mit diesem deiner Mutter und dir gleich vertrauten Namen nennen – den schmerzlichen Abschiedsbesuch und gab dem Grafen ihre Hand. – Sie lebte in einer freudelosen Ehe, aber sie hatte genug Geist, sich zu beschäftigen. Sie lebte in ihren Gedanken und in ihren Büchern, und so wären ihre Tage vielleicht ruhig wie in einer schönen ausgestorbenen Stadt vergangen, wenn nicht die Liebe Friedrichs, die sich mit Gedanken nicht begnügen konnte und immer wieder ihren Anblick und ein Gespräch mit ihr forderte, die Eifersucht des Grafen erweckt hätte. War Friedrich unbesonnen, so war dagegen der Graf so verschlossen wie das Grab, so geschickt in der Verstellung wie kein Schauspieler, und so unversöhnlich, daß die Jahre seinen Wunsch, sich zu rächen, nur mehren konnten, öffentlich scheute sich der Graf, ihn zu verfolgen, denn der Markese Solar, der damals noch lebte und den er bald zu beerben hoffte, ehrte ihn als den ersten Kunstkenner seiner Zeit, liebte ihn auch wie seinen Sohn und bejammerte oft, daß er ihn nicht durch eine Heirat näher mit sich verbunden hätte. Deine Mutter befand sich mehrere Jahre in der peinlichen Anstrengung, um Friedrichs Leben vor heimlichen Angriffen zu sichern, dem Grafen eine Neigung zu heucheln, die sie nie empfunden, und eine Empfindlichkeit gegen einzelne Unvorsichtigkeiten Friedrichs zu äußern, die die, sem wefie tat. Und doch wurde diese Bemühung durch einen jungen Seeoffizier vereitelt, der mit einem Empfehlungsbrief in das Haus unseres Vaters kam und ihm und Friedrich wohlgefiel. Er hieß Marino und verliebte sich bald mit solcher Heftigkeit in deine Mutter, daß diese, nachdem sie vergebens jeden Versuch gemacht, seiner gewaltsamen Zudringlichkeit zu entgehen, ihrem Vater seine rohen Zumutungen vertraute, weswegen dieser, der bei der Regierung viel galt, ihn verbannen ließ. Dieser Marino traf auf einer Reise mit Friedrich zusammen. Friedrich, der nichts von seinem Verhältnisse zu mir und dessen Folgen wußte, vertraute ihm seine Liebe, und dieser heftige und leichtsinnige junge Mann, den nach diesem Liebesglück Friedrichs seine Abweisung um so tiefer kränkte, ließ, das Geheimnis, wie er mir später versicherte, ohne Bewußtsein und Absicht in Gegenwart eines Bekannten des Grafen aus Heftigkeit über seine Lippen gehen. Der Bekannte erzählte es dem Grafen, und dein Vater fiel bald darauf durch das Messer jenes Rost, bei welchem dein Vater so zutraulich dich und seine Kunstsammlungen zum Verkehr mit Deutschland untergebracht hatte. Alles dies wurde deiner Mutter erst spät deutlich. Damals, von dem Grafen getäuscht, glaubte sie deinen Vater, von dem niemand Nachricht erhielt, durch Krankheit oder Tod auf der Reise überrascht; ihre Nachforschungen nach ihm und nach dir unterschlug der Graf, der dich auch umgebracht glaubte. Unser Vater starb, ihr einziger Schutz gegen den Grafen; sie konnte nichts für dich tun, nichts von ihrem Überflüsse dir zuwenden. Früher hatte sie Friedrich reichliche Geschenke für dich übergeben, die dieser wahrscheinlich gleich dem Henkeltaler für dich aufbewahrt hatte, die alle in die diebischen Mörderhände Rosts fielen. So vergingen mehrere Jahre; die Ehe deiner Mutter blieb kinderlos, wofür sie Gott aus tiefstem Herzen dankte; das Ebenbild des Grafen in einem Kinde zu tragen wäre ihr Tod gewesen.

Als der Graf einige Jahre später in Familienangelegenheiten eine Reise nach Wien machte und über Passau zurückkehrte, war es das stete Gebet deiner Mutter, eine Spur deines Aufenthalts zu entdecken, denn Friedrich hatte sie längst als einen Toten betrauert. Der Zwerg war ihr sehr ergeben, und der Graf vertraute ihm, aber schon durch seine ausgezeichnete Gestalt war er an jeder heimlichen Nachforschung gehindert. Die eignen Augen deiner Matter, vielmehr ihr Herz, erkannten dich unter den Chorschülern in Passau. Deine Antworten erhoben ihr Gefühl zur Gewißheit. Welche Seligkeit! – Und das alles mußte sie verschweigen, dir selbst in der Unbesonnenheit deines jugendlichen Alters. Des Grafen Ehre hätte deinen Tod gefordert, und sie kannte seine unerbittliche Tücke. Sehr vorsichtig leitete sie es, um dich mit Bewilligung des Grafen nach Regensburg zu bringen, dich dort an ihr Herz zu drücken. Aber dort war es, du hast alles mit großer Treue und doch in irriger Meinung erzählt, wo der mütterliche Wunsch, dir etwas zugute zu tun, dein Glas zu oft füllte, auch wußte sie wohl nicht, daß du des Weines so ganz ungewohnt wärest. Du versankst in einen Rausch, aus dem dich weder Tränen noch Küsse erwecken konnten. Der Graf kam darüber von der Lustfahrt, die das Fest möglich gemacht hatte, nach Hause. Deine Mutter mußte in ihr Zimmer sich verfügen und sich schlafend stellen. Ein vertrauter Bedienter, den der Zwerg in tiefsten Schlaf geglaubt hatte, entdeckte dem Grafen, daß sich ein Fremder eingeschlichen habe. Hier zeigte sich eine neue verächtliche Eigenschaft des Grafen, die deine Mutter bis dahin nicht gekannt hatte, seine Feigheit. Er schloß deine Mutter ein; er wagte es nicht, diesen Fremden in den Zimmern aufzusuchen, er hoffte, daß er in die Hände der Polizei fallen müßte, die er bestellte, und als du auf den Rat des Zwerges, mit dem Degen in der Hand, die Treppe heruntergingest, hatte er dich sehr wohl bemerkt, aber er fürchtete sich und wütete auf der ändern Seite des Ganges. Darauf kam er mit der verruchtesten Verstellung in das Zimmer deiner Mutter, sagte, daß er von einem wahnwitzigen Bedienten die falsche Nachricht erhalten habe, als ob sich ein Dieb ins Haus geschlichen; es sei aber nichts, er habe alles durchsucht. Er täuschte deine Mutter so durchaus, daß sie sich sehr leicht von ihm überreden ließ, weil es ihrem Mutterherzen schmeichelte, dich noch einmal nach Regensburg zu berufen. Erst als du schon auf dem Wege, belauerte der Zwerg den Grafen, wie er von jenem Bedienten (die Hölle weiß wie!) herausgebracht, du müßtest der Sohn seiner Frau und Friedrichs sein, und wie er dich ohne Schonung umzubringen entschlossen. Die Kühnheit des Zwergs, dich za entfernen, indem er dir entgegenfuhr, rettete dir das Leben, indem es das seine kostete. Er wurde auf dem Rückwege nach Italien in Verona vermißt, und mit ihm verlor deine Mutter wieder jede Gelegenheit, dir nützlich zu sein. Deine Mutter betete für die Seele des armen Kleinen; sie glaubte aber den Grafen versöhnt, der, freundlicher als je, mit der Rückkehr nach Italien tausend widrige Zärtlichkeiten angenommen zu haben schien. In Genua schien er sehr beschäftigt; er schützte Rechtsverhältnisse mit Verwandten in Rom vor. Endlich erklärte er, daß seine Angelegenheiten eine Reise nach Rom nötig machten, wo er ein Jahr bliebe und also einen Teil seines Hausgerätes mitzunehmen für gut fände. Aus diesem Grunde wählte er die Reise zu Schiff, die in der guten Jahreszeit viel bequemer und schneller als eine Landreise dahin schien. Deine Mutter hatte durchaus keine böse Ahndung. Ich und meine Tochter, die du wegen eines Fiebers nicht gesehen, waren am Strande, als sie das Schiff bestieg, das der Graf mit jeder Bequemlichkeit hatte ausrüsten lassen. Deine Mutter litt nicht von der Fahrt, es war ihr erster froher Tag seit Jahren. Aber schon in der ersten Nacht nach der Abfahrt wurde das Schiff von einem anderen größeren, das sie den ganzen Tag in ihrer Nähe mit befreundeter Flagge gesehen hatten, angegriffen. Der Anfall war so rasch, daß kein Widerstand erfolgte. Der Seeräuber schrie im Schiffe, daß er nur nach schönen Frauen verlange, deine Mutter wurde ohnmächtig aus dem Bette gerissen.

Als sie erwachte und um sich blickte, fand sie sich in einem reich verzierten Schiffsraumer in einem prachtvollen Bette wieder, vor welchem ein Türke mit gezogenem Säbel auf dem Boden lag und in einem Buche las. Als dieser ihre Bewegung bemerkte, richtete er sich auf und kniete nieder. Sein Gesicht war deiner Mutter gleich bekannt, und als er kaum die ersten Erklärungen seiner Liebe gesprochen, erkannte sie sogleich jenen jungen Seeoffizier, Marino, der ihr so unsinnig seine Liebe erklärt hatte und deswegen von ihrem Vater schimpflich aus der Stadt entfernt worden war. Sie nannte ihn jetzt bei Namen und führte ihm zu Gemüte, wie er die heilige Kirche habe verlassen können. Er warf seinen Turban fort und trat darauf mit Verwünschungen. Als sie ihm Vorwürfe machte wegen ihrer gewaltsamen Entführung, bat er sie dringend, ihn erst zu hören. Bei diesen Worten zog er einen schriftlichen, vom Grafen und von ihm unterzeichneten Vertrag heraus, worin ihm dieser seine Frau für zwanzigtausend Piaster unter der Bedingung verkaufte, daß er sich als Räuber verkleiden und das Schiff, mit Gefahr des möglichen Widerstandes von den ununterrichteten Schiffern, einnehmen sollte. Marino hatte alles geleistet, auch zeigte er die Quittung des Grafen, daß er die Summe schon zu Genua empfangen. Marino erzählte dann, der Graf habe als Grund dieses Entschlusses ein heimliches Kind angegeben, das seine Frau in Deutschland aufziehe, und so sah sich deine Mutter durch die Räche des Grafen für die kurze Freude, dich in Regensburg gesehen zu haben, ohne Rettung in der Gewalt eines leidenschaftlichen und beleidigten, wilden und ausgelassenen Seeräubers, der seit seiner Verbannung auf allen verbotenen Wegen gleich kühn und schlau fortwandelnd die Verachtung der Welt und ein großes Vermögen zusammengebracht hatte. Du kennst die Heftigkeit unseres Volkes in deinem eignen Blute; du wirst deine Mutter nicht verdammen, wenn die Rache gegen den Grafen, der ihren Friedrich ermordet, der sie aus heimlicher Sklaverei aller ihrer Gefühle jetzt sogar in eine wirkliche Sklaverei verkauft hatte, alle andren Gesinnungen unterdrückte. Es war keine List und kein Zwang, als sie sich dem Marino, insofern er zu Rom am päpstlichen Hofe ihre Scheidung erhalten körtne, feierlich in Gegenwart aller Schiffsleute verlobte, und Marino gelobte dagegen, bis dieser Prozeß entschieden, ihr mit den Anforderungen seiner Leidenschaft nicht lästig zu werden. Marino, der zur glücklichen Durchführung dieses Geschäfts seine ganze Lebensweise verändern, sein Vermögen aus den guten und schlechten Verbindungen, worin er mit den Barbaresken stand, zurückziehen mußte, durchstreifte mit deiner Mutter, die er verschleiert wie eine Türkin behandelte, wie er selbst als Renegat in den Städten der Barbarei auftrat, alle Küsten des Mittelländischen Meeres.

Erst nach zwei Jahren konnte er Rom mit ihr erreichen. Der Graf war noch immer dort anwesend; es schien, als wenn innere Vorwürfe ihn zerrissen, wenigstens erzählte ein Kammerdiener von ihm, daß er nachts oft schreie und nicht allein in der Dunkelheit ausdauern könne. Deine Mutter fühlte einen so tiefen Widerwillen gegen ihn, daß sie sich scheute, ihn zu sehen; auch der Graf vermied es, sie zu sehen. Marino betrieb inzwischen die Scheidung mit dem größten Eifer. Der Graf hatte sich bei der ersten Nachricht entsetzt, aber seine Fassung blieb unwandelbar. Er schwor seine Unterschriften ab und verlangte deine Mutter zurück. Der Graf hatte in Rom unendlich mehr Vertrauen als Marino, von welchem allerlei Verdächtiges ruchbar wurde. Marino wollte unsinnig werden, mehrmals drohte er, deine Mutter zu ermorden und dann den Grafen und dann sich; aber die Glocken der Peterskirche, die er nicht ohne eine gewaltsame Reue hören konnte, weil er behauptete, sie riefen immer: »Bessere dich!« – Diese ernsten Glocken schallten zweimal, als ich mich zu schwach fühlte, seine Wut zu bändigen, und er legte den Dolch fort und betete. Wie aber der Mensch nicht lange, zwischen bösem Willen und Reue schwankend, mitteninne stehen kann, so entschied sich auch seine Gesinnung. Diese Reue über viele Taten seines Lebens führte ihn zu den Karmelitern, die solch eine Hölle ihm vorschilderten, daß er allem Irdischen zu entsagen strebte. In dieser seiner Zerknirschung kümmerte er sich nicht mehr um mich und noch weniger um den Ausgang seines Rechtshandels. Der Graf hingegen wußte seine Lügen durch Ansehen und Geld so zu befestigen, daß ich nach einem Jahre feierlich durch Geistliche zu ihm zurückgeführt wurde und mir nichts übrig blieb als der böse Ruf, mit einem Verräter gegen meinen. Mann gelogen zu haben.

Cosmus: Wer? Sie, meine Tante?

Angelika: Ja, mein Sohn, mein lieber Sohn, ich bin's, deine Mutter, nicht deine Tante, die lebt nicht mehr. Ich fühl's, indem ich des Grams gedenke, den ich zwei Jahre in der Nähe des verhaßten Grafen bis zu seinem Tode verschwiegen, wo ich dich erst aufzusuchen wagte, daß du stark genug sein wirst, die als Mutter zu verehren, die ein unseliger Irrtum deiner Jugend als Geliebte begehrte.

Cosmus fiel ihr zu Füßen, er küßte ihre Hände und seufzte: »Es gab nur ein Glück für mich auf Erden, meine Mutter wiederzufinden; es gibt nur eine Freistätte für mein liebendes Herz, das Schlachtfeld, und habe ich dich, Mutter, einen Tag angesehen, so will ich in diese Einsamkeit flüchten und deiner im Tode denken.«

Als er dies gesprochen und Angelika sich heimlich verdammte, ihm so rasch alles erklärt zu haben, trat die kranke Marianina in einem weißen Kleide, eine Nachtlampe in der linken Hand haltend, in das Zimmer. Sie hatte unruhig geschlafen, und der Schlaf hatte ihre Wangen sehr schön gerötet; ihre Augen glänzten überwacht, und ehe sie sich umsehen konnte, sprach sie zur Gräfin: »Ich kann nicht schlafen, Tante, mir träumt immer, daß ich unter den klugen Jungfrauen bin, die bei den Lampen sorgsam wachen; aber sie singen mir zu, der Bräutigam sei gekommen, und da fangen die Lampen so hell an zu leuchten, daß ich erwache.«

Das Licht, welches neben Cosmus stand, war inzwischen bei einer Unterredung, welche ihn und die Gräfin so heftig ergriffen, unbemerkt herabgebrannt; das Papier, worin es zierlich festgesteckt, flammte plötzlich empor, und Marianina sah jetzt Cosmus hell erleuchtet, der noch vor der Mutter kniete, und zur Ankommenden, wie zu einer höheren Erscheinung, die alles Zweifelhafte seiner Ereignisse lösen sollte, aufstaunte. »Er ist's, heilige Mutter Gottes!« rief Marianina, »so war das alles kein Traum!«

»Sie ist's!« rief Cosmus, »wie ich sie in meinem Herzen gesehen! O Mutter, jetzt weiß ich, daß in einem schuldlosen Herzen kein Irrtum lebt! Gib deinen Segen uns zweien! Sie ist's! So habe ich dich vor Jahren gesehen! So trug ich dich in meiner Erinnerung!« – »Geliebte Marianina!« rief die Gräfin, »du wunderbares Ebenbild meiner früheren Jahre! Sieh meinen guten Sohn, er hat dich lange in mir geahndet und geliebt! Er hat lange einsam gelitten! Dein Leiden und mein Segen sprechen für ihn, daß du ihm nichts versagst, was dein Herz gewähren kann!« – »Oh, meine zweite Mutter!« rief Marianina, »bin ich bei seinem Anblick genesen, wie sollte ich nicht selig werden in seiner Umarmung!«

Cosmus umarmte sie stille, die ganze Stadt ruhete stille, der Himmel hielt seinen Atem an, die Zeit sah sich um und weiterte die Stunde zu einer Ewigkeit der Erinnerung, die drei fromme Leidende zum Glück verbunden hatte.

Und der Wächter sang in der Gasse am Schlüsse dieser Stunde:

Seh ich in trüber Luft die Sterne zitternd hangen
Und ahnde nicht, wer sie da droben hält,
Da schwindelt mir, ich fühl ein töricht Bangen,
Daß einer mir aufs Haupt herniederfällt.
Wenn sie dann fest in klarer Bläue prangen
Und strahlen freudenhell auf meiner Bahn,
Da ist mir Gottes Liebe wieder aufgegangen,
Da fühl ich, daß die Furcht ein leerer Wahn.
O Mensch, verschließ dich nicht dem irdischen Vergnügen!
Die Freuden sind so wahr, und nur die Sorgen lügen!

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