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Novellen

Achim von Arnim: Novellen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorArnim, Achim
titleNovellen
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Angelika, die Genueserin und Cosmus, der Seilspringer

Erste Vereinigung

Die Gräfin Angelika aus Genua durchreiste mit ihrer schönen Nichte Marianina einen großen Teil von Deutschland in verschiedenen Richtungen, ohne daß ihre Bekannten den eigentlichen Grund dieser Reise erfuhren. Nur der Zufall hatte herausgebracht, daß ihr Name ein angenommener sei, doch wußte niemand ihren eigentlichen Namen. Gleichgültig gegen alles Interesse, das eine schöne Reisende so leicht einflößt, zeigte sie doch überall eine Sehnsucht, zahlreiche Versammlungen zu besuchen, viele Bekanntschaften zu machen und die Lebensereignisse der Menschen zu erfahren. Der Reiz des Landes und der Kunst fesselte sie nirgends, ja, sie ging so flüchtig daran vorüber, als wenn alle Schönheit, alle Freude nur geschaffen sei, einen mächtigeren Gedanken in ihr anzuregen, sie auf andere Gedanken zu bringen, in denen sie sich so ganz vertiefte, daß ihre Träumerei manchen kleinen Anstoß in den Gesellschaften unvermeidlich machte.

In Heidelberg verweilte sie länger, als erst ihr Vorsatz gewesen. Nicht die Schönheit der Gegend, nicht die freundliche Aufnahme der Bewohner hätten sie dazu veranlaßt, aber ein Fieber ihrer Nichte machte Ruhe und ärztliche Hilfe notwendig. Die Gräfin verließ sie keinen Augenblick, und nur der öffentliche Anschlag eines Konzerts, das ein fremder Sänger, Spoleto, ankündigte, vermochte es, sie von dem Bett der Kranken loszureißen, indem er ihren Nachforschungen eine neue Möglichkeit darbot.

Die Mode hatte damals eine Art Hüte eingeführt, die das liebreiche Antlitz der Frauen, das alle Welt erheitern sollte, nur den Nahebegünstigten zu sehen erlaubte, ein breiter Rand, der sich um die Ohren dicht anlegte, von langen, hängenden Spitzen umfaßt, gewährte eine Art Unsicherheit, die der Gräfin recht willkommen war, da Musik und vor allem Singemusik den geheimen Gedanken ihres Herzens berührte und die Gewohnheit ihres Lebens es ihr zur höchsten Qual gemacht hatte, ihr Inneres äußerlich in ihrem Blicke zu zeigen. In einem solchen Hute dem Grüßen ihrer Bekannten ausweichend, in einer vermeinten Unsichtbarkeit, fuhr sie eilig zum Konzerte, dennoch folgten ihr einige ihrer Verehrer unter den jungen Leuten. Sie fand den Versammlungssaal fast leer. Es war in den Sommertagen, und man hatte die Erleuchtung gespart, so daß es bei ihrem Eintritte dunkelte. Schon wollte sie den Saal wieder verlassen, als der Spott, den sie gegen den armen Sänger hören mußte, der schwerlich die Unkosten für den Saal einnehmen würde, sie zu dem Mitleiden bewegte, die übrigen Versammelten, die nur auf sie achteten, sich ihr hörbar zu machen suchten, durch ihr Hinausgehen nicht mit fortzuziehen. Da der Sänger kein Orchester angenommen, auch durch keine Bekanntschaft begünstigt war, so hatte dies, verbunden mit dem schönen Wetter, die meisten von dem Besuche zurückgehalten. Um so mehr wurden die wenigen, die außer dem Verehren der Gräfin Zufall und Langeweile hergetrieben (oder weil sie als Mitarbeiter eines Journales davon berichten sollten), von der wunderbaren Stimme des Sängers überrascht, der, wie er aus dem Halbdunkel der Bühne hervortrat, sich vorher bescheidentlich entschuldigte, daß er wegen der geringen Einnahme keine Lichter anzünden könne. Darauf entbrannte er selbst in einem der vielgesungenen italienischen Sehnsuchtslieder in Begleitung der vielseitigen Mandoline, dieses sanftesten und schärfsten aller Instrumente, welche durch ihre Seltenheit in Deutschland eine eigne, den Anwesenden unerhörte und fremdartige Nationalität entdeckte, ungefähr wie es dem Reisenden zumute, der abends von den Alpen herunter in der Dunkelheit die erste italienische Stadt betritt und das Leidenschaftliche und Erschöpfte südlicher Liebe in jedem Worte der Vorübergehenden belauscht.

Die Gräfin konnte wenig von dem Sänger unterscheiden; vieles Weinen hatte frühzeitig ihre Augen geschwächt, und in der Dämmerung schwebten ihr unsichere Gestalten vor, als hätte sie zu lange in die Abendröte gesehen. Diese Abendröte, in die sie zu tief geschaut, war ihre hoffnungslose Sehnsucht, deren ernsten und wohlbegründeten Schmerz wir bald erfahren werden. Spoleto hatte eine sehr ausgebildete hohe Fistelstimme, und der Übergang von der eigentümlichen Bruststimme war so geschickt verborgen, daß mehrere Herren in der Nähe der Gräfin einander zuraunten, es sei ein Diskantsänger, und ihr Mitleid für ihn äußerten. Die Gräfin verstand das, denn sie hatte während ihrer Reise, das Deutsche sowohl verstehen als sprechen gelernt, aber sie konnte sich in ihrer italienischen Gesinnung die Ursache dieses Mitleids nicht erklären, übte er doch eine Kunst, die ihm kein andrer ohne gleiche Aufopferung nachbilden konnte, war er doch von unendlicher Verzweifelung, von unzähligem Unglück dadurch befreit; vielmehr war es ihr rührend, als er allein Duett zwischen Diana und Endymion (als dieser auf die Jagd zieht) sang, wie er plötzlich mit seiner schönen Tiefe, mit seinem männlichen Tenor die Versammlung erschreckte, die ihn im ersten Augenblick für einen Bauchredner halten mochte. Mit dem ersten Tone entwickelte sich gleich seine leidenschaftliche Gemütsstimmung, die sich ängstlich in den hohen Tönen zurückgehalten hatte. Der ganze Saal war entzückt, und die Gräfin fühlte sich von dem Sänger so eigen angezogen. Sie dachte, zu welchen wunderbaren Verhältnissen ihn diese Leidenschaftlichkeit hingespielt haben möge, bei einem Talent, dem jedes Weib, auch das unmusikalische, gern ein Ohr leiht (der Worte wegen, die dem Gesange und nicht der Rede zwischen Menschen erlaubt sind), daß sie es sich nicht versagen konnte, um einige Stuhlreihen dem Sänger sich zu nähern, der aus der dunkleren Orchestergegend, wo die Fenster zugemauert, jetzt schon wie eine Nachtigall aus dem dunkelsten Gebüsch sein Liedchen sang. Er schloß den Abend gar traurig mit einem deutschen Liede, welches die Versammelten um so mehr überraschte, da er in seiner reinen Aussprache als ein deutscher Landsmann um fünfzig Meilen näher trat und zugleich sein Leid klagte, kein Vaterland zu haben, das so vielen Deutschen zu fehlen scheint. Hier das Lied, das er in fortschreitend abwechselnder Melodie sang:

Nur ein Blättchen in Gedanken
Riß ich von dem Baume ab,
Alle Blätter mit mir zanken,
Daß ich es zerrissen hab'.
Und das Blatt hing fest am Zweig,
Der an tausend Blättern reich,
Wie der Baum an tausend Zweigen!
Alle sind dem Baume eigen,
Sie beschatten seinen Boden,
Und der steht in Gottes Hand,
Durch sein Laub haucht Gottes Oden,
Und er hat ein Vaterland.

Ich kam nicht im Sonnenstrahl,
Schneite nicht in dieses Tal,
Sing ich auch mit aller Völker Kehlen,
Vaterland und Muttersprache fehlen;
Und mein Laub es hängt hernieder
Wie am neugepflanzten Baum
Und entfällt mir wie die Lieder,
Was ich singe, weiß ich kaum.

Die kleine Versammlung beklatschte ihn, mehr den Ausdruck seiner Stimme als die Worte, und wünschte die Wiederholung dieses Liedes. Er aber entschuldigte sich und sagte, daß es aus seiner Jugend ein Ausruf sei, der ihn selbst noch zu lebendig berührte; zugleich empfahl er sich und bat die Gesellschaft, den andern Tag auf dem Markte seinen gymnastischen Künsten zuzusehen, womit er sie vielleicht mehr als mit seiner Stimme befriedigen werde. Angelika hätte dem mannigfaltigen Künstler gern ein Wort des Dankes und der Neugierde gesagt, aber er war im Dunkel verschwunden wie die Gestalten in der Phantasmagorie, und nur die Lampe des Ganges, wodurch er fortgegangen, schien ihr wie ein Stern der Hoffnung durch die offengelassene Tür entgegen.

Als sie nach Hause gekommen, erzählte sie der leidenden Marianina so viel von dem Sänger, daß diese um ihre Ruhe ausdrücklich bitten mußte. Nachher wogte ihr jeder Ton im Kopfe herum, daß sie in der Nacht ein Licht anzündete und sich ein paar Stunden müde lesen mußte, ehe sie einschlafen konnte. Am Morgen erweckte sie ein großer Jubel der Schuljugend auf der Straße, die mit ihren Mappen und Pennalen einem hoch zwischen dem dritten Geschoß eines Hauses und einem fest eingerammten Baume aufgespannten Seile zujauchzten, weil sie in ihrem muntern Geiste schon alle die Sprünge voraussahen, die erst am Nachmittage gezeigt werden sollten. Der kranken Marianina waren diese Anstalten nicht weniger verhaßt als der gesunden Angelika. Das harte Steinpflaster und die Höhe drohten jeden Fehler mit dem Tode zu bestrafen. Wirklich zog sich Marianina den Nachmittag in ein Hinterzimmer zurück, während Angelika sich nicht zurückhalten konnte, den Sänger, der sie so gerührt, mit flüchtigen Augen, wenngleich bei einem gefährlicheren Spiele, wiederzusehen. Diesmal war die Versammlung so zahlreich, als sie im Konzerte klein gewesen war. Die Straße war gesperrt, die Durchfahrenden mußten stillhalten und warten. Die Jugend war begeistert, als ein dicker Kerl in weißen, hängenden Kleidern auf dem Dache des Hauses erschien und von einem ansehnlichen Herrn trotz seines Weigerns genötigt wurde, sich an das Seil zu hängen und beim Klange der Blaseinstrumente sich darauf zu schwingen. Wie soll ich aber das Zujauchzen noch höher nennen, womit er begrüßt wurde, als er in scheinbarer Angst eine Jacke, eine Hose nach der andern wie Zwiebelschalen in so unzähliger Menge von sich warf, daß zuletzt statt des Dickwanst ein sehr zierlicher, kräftiger Mann mit weißen, gestrickten Unterkleidern und kurzer Scharlachjacke, einen goldnen Gurt über die Weste, sehr edel auf dem Seile saß und nach dem Musiktakte die verzweiflungsvollsten Schwingungen auf dem Seile machte und, wenn jedermann seinen Sturz gewiß glaubte, an einem Beine hängen blieb oder an einem Stricke, das er sich unbemerkt umgeschlagen. Das geht über alle dramatische Kunstwirkung in gemeinen Naturen, es ist die Wirklichkeit der Gefahr, des nahen Todes und des Kampfes mit dem Tode.

Noch nicht zufrieden mit den Zeichen seiner Sicherheit, ließ er sich ein Kind reichen und vollbrachte einen großen Teil dieser schaudervollen Sprünge mit demselben, und als sich die Leute doch in einer Art Schwindel von ihm fortwendeten, unterhielt er sie mit der lustigen Vorstellung, wie er selbsthängend am Seile einen lebendigen Esel mit den Zähnen vom Boden aufhob, indem er sich das Strick hatte zuwerfen lassen, das den Esel im Netze trug. Dieses Hauptstück, das alle lachend versöhnte, gelang ihm aber nicht vollkommen. Der Esel kam hängend in ein Schwanken, und das Strick, woran er hing, drängte und schwankte dem armen Spoleto so heftig gegen die Nase, daß sie anfing zu bluten. Alles erschrak, als ein heftiger Blutstrom herabregnete; er endigte das Stück und hatte nur eben soviel Zeit, sich an einem Stricke herunterzulassen, wo er von dem heftigen Bluten, nach der gewaltsamen Anstrengung, in eine Schwäche verfiel.

Erst jetzt wagte Angelika wieder ans Fenster zu treten. Vielleicht hatte eine Mutter, die ihr Kind nachtwandelnd auf der Spitze des Hauses erblickt, nicht mehr stille Angst ausgestanden als Angelika, hinter ihrer Wand neben dem Fenster versteckt. Der erste Anblick Spoletos hatte sie so freudig überrascht, als ihr seine Gefahr unleidlich gewesen war; erst jetzt, als die Musik schwieg, wagte sie es hinauszusehen. Und welcher Anblick für sie! Spoleto wurde bleich und blutig an die Seite getragen. Wie natürlich fiel es ihr ein, er sei herabgestürzt, während sie sich schwindelnd von ihm abgewendet hatte. Sie hielt nicht den Eindruck zurück, sie eilte die Treppe hinunter und befahl, den Unglücklichen in ihr Haus zu tragen. Dort sah sie bald, daß kein gewaltsamer Fall seinen schönen Körper verletzt hatte; aber sie bestand darauf, daß er in einem Zimmer des Hauses bleiben und sich dort mit starken Weinen erfrischen und ausruhen solle, während sein Begleiter ihn sofort nach seinem Wirtshause führen wollte. Spoleto ließ sich alles gefallen; er schien blöde und wenig gesprächig, dankte nur mit gewissen angewöhnten, gleichmäßigen Tänzerbewegungen seiner Hände und seines Leibes und mit traurigen Blicken. Als er sich wieder stark fühlte, seufzte er, nahm Abschied, bat aber Angelika, ihr seinen Dank mündlich sagen zu können, wenn er ganz hergestellt sei, und ging wegen des Andringens seines Begleiters und Kunstgehilfen schneller fort, als er eigentlich Lust zu haben schien.

Am andern Morgen kam er in bürgerlicher Kleidung, sehr anständig wie ein Mann der guten Gesellschaft gekleidet, zur Gräfin und dankte ihr fast mit Tränen für den Beutel mit Geld, den er in seiner Tasche gefunden, und dessen Gabe er ihr mit Recht zuschrieb. Angelika tat gleichgültig gegen diesen Dank, verbarg auch ihr ausgezeichnetes Interesse an ihm und suchte nur vorläufig seine Gesinnung zu erforschen. Sie fragte ihn, wie er das arme Kind solcher Gefahr aussetzen könne, wenn er auch mit sich selbst so leichtsinnig umgehe. Er seufzte wieder und sagte, daß er das Kind auf Bitten des einfältigen Vaters, eines gewissen Hitzler, heraufnehme, der eben jener stattliche Mann gewesen, der sich das Ansehen als ein höherer Direktor des Ganzen gegeben, ungeachtet er von den Künsten gar nichts verstehe. Für die Besorgung des Geräts und für die Benutzung des Kindes zu Effektstücken überlasse er ihm die Hälfte der Einnahme. – »Aber wenn Ihnen das Kind verunglückte, was würden Sie dem Manne dann geben?« fragte die Gräfin. – »Er würde nichts dafür verlangen, ihm wäre es einerlei, das hat er mir oft versichert, »ich bin aber auf den Fall längst gefaßt«, antwortete Spoleto, »ich würde mich dem Kinde nach aufs Steinpflaster stürzen, um meine Ungeschicklichkeit zu strafen.« – Nun erzählte er auf Anfrage der Gräfin die Geschichte seines hartherzigen Begleiters, soweit er sie wußte, den er mit dem Kinde und dessen Mutter der drückendsten Armut und dem Gefängnisse entrissen hätte; die Mutter habe er auf dem Lande eingemietet. Noch erzählte er, daß er seine musikalische Geschicklichkeit gering achte, weil sie ihm mit Mühe und Not eingebläut sei, während er jene gymnastischen Künste aus eigenem Eifer, im Anfange versteckt, sich selbst erfunden und recht als sein Eigentum anzusehen habe. Angelika rückte ihm jetzt näher, fragte nach seinem früheren Leben, nach seinen Eltern. Aber die Rührung, die sich in jenem Lied ausgesprochen, hinderte ihn jetzt, der Gräfin etwas Vollständiges zu erzählen. Sie bat ihn, wenn er schreiben könne, seine Geschichte ihr schriftlich mitzuteilen, sein Anblick habe ein nahes Interesse zu ihm in ihrer Erinnerung rege gemacht. Spoleto gestand jetzt, daß er etwas Ähnliches empfunden, und die Ursache wolle er ihr schriftlich mitteilen. Er schien ebenso verlegen als bewegt und entfernte sich bald nachher; die Gräfin aber wußte nicht, ob sie ihrem Herzen trauen sollte.

Nach drei Tagen, wo er nicht bei ihr erschienen, erhielt sie sein ausführliches Schreiben, dem ihr Herz entgegenpochte, mit dem sie den Schloßberg anstieg und erst aus dem reinen Doppelstrahle der heiligen Quelle, unter dem zersprengten Turme, sich die flache Hand voll schöpfte und ihren Mund kühlte und wieder mit Verwunderung sah, wie die eine der Quellen unruhig zu atmen schien und in ihrem Strahl abwechselte, als ob ihr Herz auch heftig bewegt sei. Erst dann ließ sie sich auf den Stufen zur Quelle nieder und erbrach mit raschem Entschlusse den Brief und durchlas ihn, ohne abzusetzen, ohne sich umzusehen, als wenn sie die Zeit in einer anderen Zeit gelebt, so ganz vergessen der Gegenwart, die sie umgab, daß eine Schlange sie hätte umwinden, ein Adler emportragen können, sie würde es nur beim Umwenden des Blattes gemerkt haben.

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