Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Achim von Arnim >

Novellen

Achim von Arnim: Novellen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorArnim, Achim
titleNovellen
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060410
projectidb3325a8e
Schließen

Navigation:

Raphael und seine Nachbarinnen

(Briefe an den C. R.)

Eure Verwunderung, gnädigster Herr, als ich Raphaels von Mark Anton gestochene, von mir gedruckte Blätter Euch vorlegte: wie der Ernst und das innige, himmlische Wesen dieser Arbeiten sich mit dem Leichtsinne seiner Lebensweise vereinen lasse, gab mir Gelegenheit, viele der lügenhaften Nachrichten über Raphael zu widerlegen, die den Entfernten das reine Licht seines liebevollen Geistes in trüben, höllischen Nebeldunst verhüllen. Ich war ihm nahe bis zu seinem Ende, nahe wie kein andrer in seinem täglichen Lebensverkehr; er war die unschuldigste Seele in dieser verderbten Welt. Ihr nähmet mich beim Wort, Eure Ansicht durch getreue Erzählung alles dessen zu berichtigen, was mir aus meinem vieljährigen Umgange mit ihm und seinen Hausgenossen erinnerlich geblieben. Diesen Bericht, welchen ich nicht ohne schmerzliche Rührung zusammengeschrieben, lege ich Euch jetzt mit dem Wunsche zu Füßen, daß er Euer menschliches Herz dem Manne befreunden möge, welchen Eure Sittenstrenge verdammte.

Die Kunst der Malerei nimmt den ganzen Menschen in Anspruch und bildet ihn doch immer nur von einer Seite aus. Der Künstler muß sich beschränken, um nicht zerstreut zu werden in seiner Arbeit; und doch fühlt er leicht nach derselben ein Verlangen nach etwas, das er nicht zu finden weiß und wofür sich ihm der sinnliche Genuß oft naheliegend darbietet. Der Künstler bedarf einer reichen Anschauung des Sinnlichen, um das übersinnliche darin zu unterscheiden, es aufzufassen und darzustellen; aber diese sinnliche Lust wird seine gefährlichste Feindin, wenn er ihr die ganze Seele unterwirft. Er hat nur zwei Wege, zur Ruhe zu gelangen, die seine Arbeit fördert; entweder gänzliche Hingebung in höhere Obhut durch Entsagung und Selbstbekämpfung, welchen Weg die ältesten Maler einschlugen, die meist Klostergeistliche wurden, oder ein flüchtiges Benutzen jeder Gewährung, welche die Welt darbietet, was wenigstens von Zeit zu Zeit Ruhe schenket, obgleich es in immer größere Unruhe zurückstürzt. Diesen letzten Weg führte unsern Raphael die Sinnesart seiner Zeitgenossen; wäre er bei den Seinen geblieben, hätte er gewiß den ersten gewählt. Nie zeigte er sich auf dem Wege seiner Schüler und Nachahmer, die in sinnlicher Lust den Himmel zu stürmen trachten und mit dem Nichtigen die Leere zu füllen wähnen, jene Kluft, die nichts auf Erden zu füllen vermag, weder Kunst noch Wissenschaft mit aller ihrer Prahlerei. Raphael schloß sich der Erde an, ohne ihr anzugehören, sein Kuß war wie ein Abschied eines Engels von der Erde, der sich von ihr im Morgentau entfernt und sich aufwärts zu den ewigen Gestirnen erhebt. Es quält mich innerlich, daß ich Euch nur so wenig aus der Fülle von Erinnerungen aufzuschreiben verstand, die alle Wände meiner Seele, wie die Namen der Pilger jenes Haus in Loretto, bedecken. Aber diese Wände, diese geheiligten Gedächtnistafeln sind mit Raphaels Tod wie durch ein Erdbeben zerrissen; auch ist mein irdisches Haus zu sehr mit lärmenden Druckerpressen angefüllt, als daß ich viel von jener himmlischen Nachbarschaft mit ihm im Zusammenhange denken und schreiben könnte. Mußte doch selbst Raphael seine himmlische Nachbarin über die irdische Hausgenossin vergessen, wie Ihr dies ausführlich in meinem Berichte finden werdet.

Zugleich erfüllt dieser Bericht Euren Befehl, Euch die Entstehung und Bedeutung einiger Werke Raphaels zu erklären, wobei ich als Kupferstichhändler bitten muß, Eure Bestellungen recht bald an mich ergehen zu lassen, weil die ersten Abdrücke dieser Bilder immer seltener werden und, von den Sammlern immer fester gehalten, nicht oft in den Handel zurückkehren. Denn jeder möchte etwas von Raphael bewahren; aber das Beste von ihm bewahre ich in meinem Herzen, und das ist mir um keinen Preis feil.

l. Zu Raphaels Psyche

Ihr rühmtet mir den Mark Anton, als ich Euch diese Blätter vorlegte. Nein, meinen Raphael müßt Ihr preisen wegen dieser kaum geöffneten Knospen, aus denen Gedanken der Engel, wie Blätter eines neuen Frühlings, zu Tage kommen. So liegt nun die Geschichte der Psyche und des Amor vor Euch wie ein Rätsel, das jeder einmal in seinem Leben lösen soll. – Er zeichnete das meiste selbst auf die Platten, darum ist kein Strich bloße Zierat, sondern jeder gehört zum Ganzen. Mark Antons feste Hand fuhr treulich mit dem Grabstichel nach; mein starker Arm drückte alles mit einer neuen, verbesserten Presse deutlich aus; mehr Verdienst als diese Presse haben wir beide nicht erworben. Raphael wußte von allem so sichern Bescheid zu geben, daß er jeden andern so gut, wie uns, zu diesem Geschäfte zugestutzt hätte; auch wäre ich unter seiner Leitung gewiß ein tüchtiger Maler, wie Julio Romano und Franz Penni, seine Schüler und Gehilfen bei vielen Arbeiten, geworden; denn er sagte mir oft, ich sei der einzige, der ihm ein verständiges Wort und einen guten Rat bei seiner Arbeit zu geben verstehe. Aber mein einziges Bestreben war, ihm als Diener ganz nahe zu stehen. Ja, das weiß ich, so nahe war ihm keiner; durch ihn malte ich auch gewissermaßen, indem ich alle Sorge von ihm abzulenken suchte, die ihn in der Arbeit stören konnte. Und dann, wie viele andre Störer habe ich von ihm abgewiesen; wie manche Liebesbriefe habe ich unterschlagen, wie manchen kunstrichterlichen Kardinal zum Hause hinausgedrängt, als ob ich trunken wäre, und ließ ihn nachher schelten, wenn ich bei ihm verklagt wurde. Ich machte ihm seine Lebensweise so fröhlich und bequem, als es sein Herz verlangte, belief alle seine Liebschaften mit saurer Mühe, schrieb ihm Sonette, dem liederlichen Aretin zum Trotz, wand Blumenkränze zu seinen Festen, illuminierte Inschriften, drehte Feuerwerke, setzte künstliche Springbrunnen, stellte lebende Gemälde zusammen aus allem Lumpengesindel, das sich zu meiner Familie rechnete, seitdem ich Raphaels abgelegte Kleider trug. Wir hatten gegeneinander keine Eifersucht und gönnten einander gern eine Freude. Sein Rufen war mein stetes Horchen, wonach ich meine Ohren im Gerolle der Presse spitzte; sein Lob war mein Lohn und ging mir über alles Geld, das ich beim Verkaufe der Kupferstiche verdiente, und wovon er nichts für seine Mühe annehmen wollte. Doch, damit nicht alles sich kreuz und quer durcheinander schraffiert, will ich ordentlich vom Anfange ausgehen, wie ich zu Raphaels Bekanntschaft gekommen und zu einem Menschen geworden, nachdem ich lange bloß ein zweibeiniges Tier gewesen.

Es war im Frühjahr 1508 nach der Geburt unsres Herrn und zwölf Jahre vor dem frühzeitigen Hinscheiden unsers Raphael, als dieser Komet am Malerhimmel unruhig aus der Camera della Segnatura im Vatikan, wo er die Decken mit symbolischen Figuren verherrlichen sollte, ins Freie hinaustrat und überall umblickte, weil ihm das Modell ausgeblieben, nach welchem er das Bild der Poesie berichtigen wollte. Ich mußte wohl auch meinen Stern haben, weil ich zu der Zeit gerade da stand und ihn in Lumpen anbettelte, die meine Blöße noch deutlicher machten, weil meine verbrannte Haut leicht für ein wohlpassendes Kleid angesehen werden konnte. Übrigens war ich wohlgenährt und lebte besser als mancher fleißige Arbeiter; meine Eltern hatten mich aber von Jugend an so ausstaffiert, weil mein wohlgewachsener Körper so mitwirkte, das Mitleid der Leute zu erregen. Auch an diesem bedeutenden Tage schien diese vom Himmel mir gnädig verliehene Gestalt noch mehr zu wirken als mein andächtig hergemurmeltes Gebet.

Raphael sah mich sinnig an, und statt nach Geld in seine Tasche zu greifen, faßte er meinen Kopf, drehte mich nach allen Seiten wie eine Puppe um, riß mir die Lumpen ab, die mich umhingen, und rief: »Bei allen Heiligen, ein besseres Modell, als ich je gehabt habe!« Ohne Umstände führte er mich in sein Studienzimmer, gab mir eine Stellung und zeichnete nach mir eine Gestalt, die doch ganz anders aussah als ich und dabei gar eine Weibsperson war. Alles das hätte mir wie Zauberei vorkommen können, wäre ich nicht von Jugend auf ein sehr witziger Knabe gewesen; auch machte der gute Lacrimä-Christi-Wein, den er mir einschenkte, daß mir alles ganz christlich und natürlich schien. Nun kann ich Euch gar nicht beschreiben, wie mir der Mann gleich in der ersten Stunde so überaus wohlgefiel. Es lag da Geld herum auf dem Tische, er gab darauf nicht Achtung; ich hätte es ihm nehmen können, aber ich unterließ es gegen meine damalige Gewohnheit. Es war keine Art Schein oder Zerstreuung in ihm; er leuchtete immerfort im Vollgenusse seiner Ewigkeit, und seine Augen leuchteten, weil sie alle Strahlen in sich sogen. Und als er mich mit einem großen Geldstücke fortschicken wollte, fiel ich auf ein Knie nieder, umfaßte die seinigen und schwor ihm, daß ich ihm ohne Lohn die niedrigsten Dienste verrichten wolle, und daß keine Gewalt mich von ihm zu trennen imstande sei. Er wollte mich von sich stoßen; aber ich hielt seine Füße fest umklammert. Dann besann er sich und sprach: »Dein Eifer, mir zu dienen, ist seltsam, wenn er nur dauert. Brauchen könnte ich dich schon; meine Arbeiter verlassen mich manchmal, um ihrem Vergnügen nachzugehen; da mußt du Farben reiben, Pinsel auswaschen, mußt umherlaufen mit Bestellungen und stundenlang ohne Verdruß in den beschwerlichsten Stellungen Modell stehen.« Ich schwor ihm, das alles werde mir leicht scheinen, nachdem ich so viele Jahre das beschwerliche Handwerk eines Straßenbettlers getrieben, welches meine angeborenen Triebe, mich löblich auszuzeichnen, gar nicht zugesagt habe; auch erfüllte ich auf diesem Wege die großen Absichten, welche der geistliche Herr, mein Vetter, mit mir gehabt, als er mich so fleißig durch Worte und Schläge zum Schreiben angehalten. – »Wenn du gut schreiben kannst«, sagte Raphael zu mir, »da kannst du mehr als ich und kannst mir im Verkehr mit den hohen Herrschaften und mit den guten Weibern recht nützlich werden.« So kam ich in seinen Dienst; zwar ohne Gehalt, aber ich nahm mir, was ich brauchte, aß mit ihm, wenn er allein war, und wartete auf, wenn er Gäste hatte, flickte ihm seine Kleider und trug sie auch, mahnte seine Schuldleute und wies seine Gläubiger ab. So erlangte ich bald eine Herrschaft in seinem Hause; er sah, daß sein Geld jetzt länger dauerte als bei der Wirtschafterin, der er früher alles anvertraut hatte, und doch waren seine Gastmähler, die er den Kunstjüngern auf seiner Villa gab, viel glänzender. Alle rühmten mich und brauchten mich, ihm ihre geheimen Wünsche, und was er für sie tun könnte, mitzuteilen; und mir schlug er selten etwas ab. Womit ich ihn aber ganz in meiner Gewalt hatte, das waren seine Liebschaften. Alle Morgen mußte ich ihm eine Artigkeit erfinden, über einigen Reimen schwitzen; und dann hatte ich noch die Freude, zu sehen, wie die guten Dinger meine ihm nachgeahmte Handschrift küßten. Kamen ihm überlästige Botschaften, oder war er zu sehr mit seinen Arbeitsgedanken beschäftigt, so mußte ich wohl gar solche Zusammenkünfte in seinem Namen besuchen; was mir in der Gegend große Ehre, aber auch manchen Vorwurf von meinem Beichtvater verursachte. Doch so etwas macht mehr Spaß zu erleben, als zu erzählen; ich wollte es Euch nur bei Gelegenheit dieser Kupferstiche anführen, weil er mich bei solchen Vorfällen, wo ich seine Rolle spielte, seinen Amor nannte und vor der Lampe Psyches warnte, die mir leicht die Haut verbrennen könnte. Eigentlich war er aber selbst der Amor, und dies vertraute er mir, als er die Geschichte der Psyche auf die Platten zeichnete.

»Heute zeichne ich meine eigene Geschichte«, sagte er, »und es ist mir dabei recht wehmütig ums Herz. Was hilft der Ruhm ohne ein Heiligtum, das unser Leben mehrt; je reichlicher der Brunnen der Kunst in die Welt strömt, je leerer werden die Quellen, und bald hört eins von beiden auf, die Kunst oder das Leben.« – »Ja, Herr«, sagte ich »Ihr müßt doch wohl ein frommes Herz haben, weil Ihr so viele heilige Gesichter malt.«

»Du glaubst nicht, Baviera«, fuhr er fort, »welch ein frommer und scheuer Knabe ich im Hause meiner Eltern war, wie ich so selig war, neben der Mutter in der Kirche zu knien; und so hat mich der gute Vater auch damals abgemalt. Das war ein wahrhafter Erfinder, seine Kunst war ihm eigen; ich entwickelte seine Keime. In seinen Arbeiten lag lauter eigne Anschauung, und darum ermangelte er der Fertigkeit und der Gewöhnlichkeit, die allein vom Haufen verstanden wird.« – Als ich ihn nun fragte, wie er einen so geschickten Vater habe verlassen können, um beim Perugino zu lernen, da seufzte er und lächelte und sprach: »Warum mußte Amor fliehen, als Psyche ihn beleuchtete? Ich hatte mehr Grund dazu als er!« – Nach dieser Einleitung ließ er sich leicht bereden, ohne von seinem Zeichnen aufzublicken, mir seine Jugendgeschichte zu erzählen. Alles war ihm noch deutlich vor Augen: das väterliche Haus mit dem schmalen Hofe, die, als er heranwuchs, für ihn eingerichtete Schlafkammer, aus deren kleinem Fenster er den Hof des Nachbars übersehen und leicht auf die hohe Scheidemauer steigen konnte, die denselben umzog. Als er aus dem Schlafzimmer der Eltern in diese Kammer gebettet wurde, wohnten im Nachbarhause zwei Feuerarbeiter verschiedener Art, ein Töpfer und ein Bäcker, miteinander entfernt verwandt. Jeder derselben besaß eine heranwachsende Tochter, welche Gesellendienste bei ihren eben nicht reichen Vätern verrichten mußten. Benedetta, die Tochter des Töpfers, obgleich von zartem Körperbau, war unermüdlich in ihrer schweren Arbeit, den Ton einzutreten, ihn durchzuarbeiten und auf der Drehscheibe zu Schüsseln und Tellern zu bilden, die sie dann auch bemalte und die in der Stadt den feinen Arbeiten von Faenza gleichgeschätzt wurden. Ghita, die Tochter des Bäckers, in der reichen Fülle jungfräulicher Entwicklung groß und stark, war nicht so bereitwillig zu ihrer Arbeit, den Teig in den großen Mulden zu kneten, zu Broten zu formen und dem Vater beim Heizen des Ofens das Holz zuzutragen. Der Vater mußte sie oft mit Scheltworten antreiben, und sie ärgerte immer durch Widerrede den gutwilligen Mann. Das alles beobachtete Raphael in den ersten Tagen, faßte eine Vorliebe für Benedetten und einen Groll gegen Ghita und hätte jener gern in der Arbeit beigestanden, wenn sein Vater nur Umgang mit den Nachbarn gehalten hätte. Aber dieser besaß den Stolz der Sanzier, die sich für ein ausgezeichnetes Geschlecht hielten, obgleich sie nicht eher recht wußten, worauf sie stolz waren, als bis unser Raphael diese ihre Ahnung erfüllte. Aber unsern Raphael drängte es so sehnlich nach dem Nachbarhause und nach Benedetten, daß er im Zimmer der Mutter einstmals seinen Teller so nahe der Tischecke rückte, daß er herabfiel. Nun wußte er, daß zum Abendessen ein Teller gefehlt hätte, weswegen er auch die Erlaubnis erhielt, beim Nachbar einen zu kaufen. Er eilte zu dem Töpfer; aber zu seinem Verdrusse fand er Ghita im Zimmer, die den Verkauf des Töpfergeschirrs für den Vetter besorgte. Sie war ihm zutulich, strich ihm die dichten, gescheitelten Haare und sagte ihm, daß sie sich darin spiegeln könne, so glatt wären sie. Er wußte nichts zu antworten, als daß der liebe Gott wohl einen dauerhaften Firnis müßte darüber gezogen haben, sonst wäre der Glanz von seiner Mütze längst abgerieben. In der Verlegenheit, da sie ihn an dem einen Arme festhielt, seine Finger besah und ihm versicherte, er habe eine recht schöne Hand, fragte er, wer den Vogel auf dem Teller gemalt habe, den er eben gekauft. Ghita lachte laut auf und sagte, es solle ja einen Menschen vorstellen; aber Benedetta müsse die Geschirre meist im Halbdunkel vor dem Brennen malen und sei dann oft noch so müde, daß sie über dem Malen einschlafe. »Seht nur hin«, sagte sie, »eben jetzt steht wieder der ganze Hof voll Teller, die sie bis zum nächsten Morgen malen soll.« – Bei diesen Worten fuhr ihm ein Strahl in die Seele; er wußte ihr nun einen Dienst zu leisten, und ganz damit beschäftigt drückte er Ghita die Hand und eilte nach Hause. Dort erkundigte er sich bei seinem Vater ganz listig und scheinbar unbefangen, mit welchen Farben die Töpfer malten, die das Feuer bestehen könnten. Der Vater freute sich seiner Wißbegierde, gab ihm Bescheid, wie manche Farben, die auch Ölmaler gebrauchten, von den Töpfern angewendet würden, aber in ganz andrer Art – was sie voraus überlegen müßten, weil sich viele in ganz unähnliche Farben durch das Feuer verwandelten, z. B. schwarz in rot, rot in schwarz; denn das Feuer habe viel Ähnliches mit den Leidenschaften, die einen Menschen verderben, den andern veredeln. Unser Raphael gab auf die Nutzanwendung nicht acht; er wußte genug von den Farben, und das war ihm sehr angenehm. Der Vater erzählte nun noch, wie sich gemeines Geschirr von dem feinen unterscheide, das der Nachbar mache, wie jenes roh bemalt werde und dieses auf der Glasur. Raphael hörte nicht mehr darauf; er dachte nur, wie er von der hohen Scheidemauer im Hofe herabkommen könne, wenn er aus seiner Schlafkammer auf die Mauer gestiegen. Da fiel ihm ein großer Herkules ein, der auf andere Marmor- Stücke kürzlich an die Mauer des Nachbars gestellt worden war, nicht seiner Trefflichkeit wegen oder des Altertums, sondern um ihn gelegentlich zu zerschlagen und in den Töpferofen zu stecken, weil der Töpfer zur Nebenbeschäftigung auch alte römische Marmorreliquien zusammenfahren und zu Kalk verbrennen ließ. Raphael erzählte mir, daß man damals in ganz Italien einen weit größeren Vorrat solcher schönen Trümmer gefunden und nur in wenigen Städten einen Wert darauf gelegt habe. Da mag mehr verbrannt worden sein in den Kalköfen einer Stadt, als jetzt noch in ganz Italien übrig ist; und so fürchte ich auch für meine schönen Kupferstiche, weil jedermann Papier brauchen, aber nicht jeder ihren Wert verstehen kann.

Am Abend, nachdem die Eltern schlafen gegangen, packte er seine erwählten Farben und einige Pinsel mit der Palette in seine Tasche und bestieg die Mauer im Schein des frischen Mondes; und als er bis an das Ende der Mauer gegangen, wo der Herkules jenseits stand, fand er die Keule so bequem zum Herabklimmen hingestellt, als ob sie von dem alten Phidias dazu ausgehauen worden. Aber welch ein Anblick hielt ihn fest! Er glaubte Benedetten in einem weißen Gewände in der Mitte des Hofes stehen zu sehen, doch von dem Schatten des Hinterhauses gedeckt, so daß er seiner Freude nicht völlig gewiß war. Er wollte zurückeilen; da stieg der Vollmond höher, und er erkannte, daß die vermeinte Benedetta eine weibliche Statue war, die mit einiger Auszeichnung in die Mitte des Hofes gestellt worden. Nun schimmerte ihn die duftige Landschaft zu seinen Füßen vergebens an; er schwang sich von der Mauer auf die Keule, von der Keule auf die Schulter, von der Schulter auf die Hüfte, von der Hüfte auf die große Zehe des Herkules. Als er glücklich am Boden angekommen, sah er die Teller und Schüsseln bequem ausgestellt. Er drückte seine bereiteten Farben auf die Palette, indem er mit Verwunderung die herrliche Gestalt jener Statue, die Zierlichkeit des anliegenden, gleichsam nassen Gewandes, das wie von starkem Nachttau durchdrungen schien, den Ernst der Züge, die entweder warnend oder segnend erhobenen beiden Finger der rechten Hand betrachtete. Kurz, diese Statue war die erste, die vor seinen Augen nicht Stein geblieben, nicht Fleisch geworden war, sondern Seele. Sie war das erste, was er auf die Teller nachzuzeichnen trachtete; dann kam der Herkules nebst den ändern Statuen an die Reihe, wie ihn die Götterbilder eben umstanden, und Heldengeschichten, die ihm der Vater oft erzählt hatte. Das alles flog ihm zu in göttlicher Lust und Behendigkeit, bis er Geräusche im Hause hörte, sein Malzeug zusammenraffte, am Herkules wieder aufwärts und zurück nach seiner Kammer kletterte. Benedetta kam schlaftrunken, wusch am Röhrenbrunnen Antlitz und Hände und malte dann, ohne das Gemalte zu betrachten, ihre Untiere und Unmenschen auf seine herrlichen Umrisse. Als aber die Sonne aufgegangen, sah sie das von Raphael Gemalte, verwunderte sich, alle die Statuen umher im kleinen abgespiegelt zu finden, rief alle Heiligen an und beschloß, alles den Engeln zu danken, die ihr eben im Gebet erschienen, so daß sie darüber wieder eingeschlafen war und die Zeit versäumt hatte. Diese himmlische Begünstigung behielt sie aber bescheiden für sich, als der Vater kam und gleich fragte, warum sie diesmal die Teller ganz anders wie sonst gemalt habe. Sie erwiderte, daß die Leute gern etwas Neues in jeder Art kauften, und darum habe sie einen Versuch gemacht, die alten Bilder nachzuzeichnen. Raphaels erster Malertriumph war nun am nächsten Morgen, als er der Mutter den Korb zum Einkauf auf den Markt nachtrug und dort selbst vernahm, mit welchem Eifer die Leute seine gemalten Teller einkauften. »Nie«, sagte er, »habe ich diese Seligkeit wieder empfunden, und wie himmlisch kühl und lieblich duftend wurde mein Haupt gelichtet, als ein Mädchen mir in dem Augenblick einen Kranz auf den Kopf setzte. Es war Ghita, die Brote feilhielt, unter Blumengewinden und Kränzen, wie es in Urbino der Gebrauch ist. Ich senkte die Augen nieder; aber seit dem Augenblick war doch sein Groll gegen sie verschwunden. Die Mutter dankte ihr in meinem Namen und kaufte von ihr ein, obgleich sie es in ihrem Hause näher haben konnte.« – Das Geschirr ward so schnell verkauft, daß der Töpfer gleich wieder einen Brand anfertigen mußte. Als dieser zum Bemalen fertig, betete Benedetta wieder ruhig am Morgen und schlief ein, während Raphael neuerdachte Bilder auf die Teller malte. Als sie erwachte, fand sie die Arbeit zu ihrer Freude wieder halb gemacht und ahmte für den übrigen Teil diese Vorbilder mit solcher Treue und Geschicklichkeit nach, daß Raphael, als er die Arbeiten auf dem Markt zusammenstehen sah, kaum selbst unterscheiden konnte, was von ihm ausgegangen sei und was seine Schülerin nachgebildet hatte. »Oh, das war eine Zeit!« rief er, rastlos und schlaflos. Was ich noch weiß, habe ich da empfunden und empfangen; mühsam rufe ich jetzt das Rechte zurück, das ich damals beim ersten Entwurf gar nicht verfehlen konnte, und siehe her: auch diese Geschichte der Psyche, die ich eben zeichne, ist nur Erinnerung jener ersten Entwürfe auf den Tellern, und doch fehlt darin das Bild Benedettens, das mir damals als Psyche so leicht zu malen war, und das ich mir jetzt nicht mehr zurückrufen kann, obgleich ich mich deutlich aller gleichgültigen Leute aus ganz Urbino erinnere. Ob das meine Untreue verschuldet hat? – Psyche und Amor waren so selig in der dunklen Nacht; ich aber war gewiß noch seliger auf den Flügeln von Benedettens Gebeten, als Amor in den Armen der Psyche. Wie aber die unreinen Schwestern der Psyche ihr Argwohn einredeten gegen den liebenden Gott, so störte Ghita die Seligkeit unsrer Umarmung, in der Himmel und Erde, Kunst und Liebe sich einträchtig umschlossen, indem sie ihr das Geheimnis entdeckte und ihr versicherte, daß kein Engel, wohl aber Teufel dabei im Spiel sein könnten, vielleicht die päpstlichen Nepoten, die allen Mädchen nachstellten. Sie machte den Vorschlag, in der nächsten Nacht, wenn das Töpfergeschirr zum Malen aufgestellt sei, mit ihr bewaffnet zu wachen, um den Engel zu erkennen oder die Menschen zu fangen, die so dreist in einen fest ummauerten Hof sich einzuschleichen und noch dabei ihren Mutwillen zu treiben wagten. Benedetta glaubte ihre Ehre und das Vertrauen zu verletzen, welches sie zu den Engeln hegte, wenn sie den Vorschlag ablehnte, und so geschah es in der vierten Malernacht, die still und mondlich mir recht zur Arbeit günstig schien, daß die beiden Mädchen, als ich mich eben an die Arbeit gemacht und sie mich allein gesehen, ohne zu erkennen, wer es sei, auf einmal aus dem Hause kamen, jede mit einem alten, rostigen Schwert bewaffnet und mit einer Lampe, zur Befriedigung ihrer Neugierde, versehen. Du weißt, daß ich mich mit den Waffen nie sonderlich eingelassen habe, sondern es immer vorzog, mit Farben große Daten darzustellen, weshalb auch diese Amazonen mir gar kein erfreulicher Anblick waren. Ich dachte bei diesen Rasenden weder an Benedetten noch an Ghita; vielmehr fielen mir ein paar wahnwitzige Mädchen ein, die auf der andern Seite des Hauses wohnten und ihrem Aufseher entschlüpft sein könnten, wie dies schon mehrmals geschehen. »Heiliger Christophel, rette mich!« schrie ich zum Herkules gewendet; aber die Mädchen schrien sich selbst Mut ein, riefen: »Ein Dieb, ein Dieb!« folgten mir und beleuchteten mich, als ich eben die Schulter des Herkules bestiegen hatte. Aber nun kam mir auch etwas Gegenwart des Geistes; mit der Palette deckte ich die eine Seite gegen Ghita und mit dem Pinsel wischte ich die Lampe Benedettens aus; so glaubte ich unerkannt über die Mauer nach meinem Zimmer entkommen zu sein. Dort aber wartete meiner ein schlimmeres Schicksal. Mein Vater war von dem Diebesgekreische der Mädchen aufgewacht, hatte ein Feuergewehr ergriffen und hätte mich wie einen Spatzen von der Mauer geschossen, wenn es geladen gewesen wäre. Als ich ins Zimmer gesprungen war, ihn erkannt und mich vor ihm niedergeworfen hatte, löschte die Freude, mich nicht erschossen zu haben, den Zorn über meine vermeinte Liederlichkeit; seine Hände falteten sich, statt zu strafen. Als die Mutter eingetreten, bekannte ich alles haarklein, damit sie nichts Schlimmeres von mir denken möchte, und berief mich auf das Lob des Vaters, daß mir diese Zeichenübung nicht unnütz gewesen, weil er seitdem einen sichtbaren Fortschritt in meinen Arbeiten wahrgenommen habe. Mutter und Vater sahen meine Wahrhaftigkeit auf meiner Stirn geschrieben. Der Vater nannte es einen recht kindlichen Leichtsinn, der mich solcher Gefahr ausgesetzt, da ich sicher nicht mit dem Leben davongekommen wäre, wenn der Bäcker bei dem Geschrei der Mädchen schon wäre wach gewesen. »Sieh, Mutter«, fuhr er fort, »alle menschliche Sorgfalt konnte ihn hier gegen so große Gefahr nicht schützen; darum willige endlich ein, daß wir ihn zum Pietro Vanucci nach Perugia in die Lehre bringen, so wie du einst darein willigtest, ihn von deiner Mutterbrust zu entwöhnen, nachdem er sich unbemerkt zu einem vollen Weinbecher geschlichen und ihn geleert hatte. Was ich weiß, kann ich nicht lehren, kann selbst nie recht damit fertig werden, es auszuüben. Dort findet er den besten Meister, der immer auf gebahnter Straße ebenmäßig fortschreitet, und viele geschickte Mitschüler; da gibt es kühne Arbeiter und Wetteifer; – es ist Zeit, daß er von hier fortkommt, denn was nicht gut ist, kann leicht schlecht werden, und diese Nachbarn haben mir nie gefallen.« Nun ging Raphael alle Einwürfe der Mutter durch, wie viele Tränen sie eingewendet, wie sie versichert, er tauge nicht für die Fremde; denn wenn ihn etwas beschäftige, sei er in der Gewalt jedes Menschen, der sich die Mühe geben wolle, ihn in guter oder böser Absicht zu beherrschen. Der Vater wies alles mit der Antwort zurück: »Wir sind alt, dieser Sohn ist uns zu spät geboren, wie bald werden wir sterben, und dann kommt er ohne Anhalt in die Fremde. Pietro ist mein Freund, und Perugia liegt nicht aus der Welt; wir können da für sein Fortkommen sorgen und ihn zuweilen besuchen.« So wurde noch in der Nacht seine Versendung nach Perugia von den Eltern beschlossen, während Raphael nur an Benedetten und an Psyche dachte: es war ihm, als ob er jetzt erst die verbrannte Stelle an seinem Herzen fühle, wo das heiße Öl ihrer Lampe hintropfte, und nun schickte ihn Venus in die Fremde. Die tränenden Augen schlossen sich endlich, und eben träumte ihm recht seltsamlich, er sei Amor und gehe, um sich zu trösten, zu den Grazien in die Schule, von denen «die eine Blumen zarter Art, die zweite Lilien, die dritte Früchte in den Gürtel der Venus stickte. Er sah ihnen zu und nickte so etwas ein; und als er mit dem Kopf von dem ausgespannten Gürtel, an dem sie arbeiteten und worauf sein Haupt niedergesunken, wieder aufblickte und sich aufrichten wollte, hatten alle drei seine Locken benutzt, sie eingestickt, um das Innere der Blumen und die Fruchtknospen recht natürlich darzustellen. So konnte er, ungeachtet aller Anstrengung, nicht wieder aufkommen und sich freimachen, um zu Psychen zurückzufliehen. Sie sprachen und spielten mit ihm während der Arbeit; die Zeit des Frühlings, Sommers und Herbstes verging schnell. Aber nun endete die zierliche Arbeit, die Grazien suchten die versteckten Spindeln und ein großes Buch hervor, und er sah nicht ohne Grauen, daß die Grazien im Winter zu Parzen wurden, die mit gelehrter Anstrengung den Lebensfaden der Menschen spinnen. Er wollte fliehen, aber seine langen Haare waren auch hier schon in das Garn eingesponnen; und in Verzweiflung, daß sie ihm bald seinen Kopf kahl abscheren möchten, riß er sich auf und erwachte mit klopfendem Herzen in seinem Bett, als es eben heftig an seine Tür klopfte. Ohne sein Herein abzuwarten, trat der Vater Benedettens, der Töpfer, ein, der seine Tochter an einem Arm fast gewaltsam mit sich in das Zimmer drängte. Raphael wollte aufspringen, aber er gedachte, daß er noch unangezogen war; kaum wagte er aufzublicken, doch bemerkte er die verweinten Augen Benedettens, und daß sie eine Schüssel mit Backwerk trug, und daß seine Eltern vor der Tür dem, was da geschehen sollte, wohlgefällig zusahen. Der Vater des Mädchens schrie keuchend: »Ich will's dir zeigen, Detta, du mußt ihm Abbitte tun für deine Unart, mußt den guten jungen Herrn auf den Knien bitten, daß er uns ferner die Ehre erweise, unsere Teller anzumalen! Hörst du, reich ihm die Schüssel dar, als einen geringen Dank für den reichen Absatz, den seine Malkunst unsrer Töpferware verschafft hat.« – Benedetta sträubte sich noch immer, und der Alte holte mit der andern Hand aus, ihr einen grimmigen Schlag zu versetzen, als Raphael, von seiner roten Decke, so gut es gehen wollte, umhüllt, aus dem Bett und mit tausend Dank für seine Artigkeit dem Töpfer in die Arme sprang, so daß ihn der Schlag an die rauhe Brust des Mannes drückte, ohne ihm wehe zu tun. »Bald hätte ich Euch gar unhöflich mit meiner Hand getroffen«, fuhr der Töpfer fort; »aber dafür soll Detta Euch einen Kuß geben, oder ich will ihr den eigensinnigen Kopf wie einen windschiefen Topf zerschmettern.« Bei diesen Worten drückte er Raphael an die Wange des schönen Kindes, so daß ihre Tränen seine Lippen salzten, als ob er zur Ebbezeit am Meeresufer eingeschlafen, von dem ersten Wellenschaum der wiederkehrenden Flut geweckt würde, die eine unschätzbare Perle in seinen Mund geworfen.

Dann nahm der Vater ihr die Schüssel ab, reichte sie Raphael hin, das Mädchen lief schamrot davon, und der Vater rief ihr noch unwillig nach: »Sie bleibt so dumm, wie ihre selige Mutter noch jetzt im Himmel sein mag!« Als das Mädchen verschwunden war, atmete Raphael freier, versprach dem Töpfer, wenn sein Vater es erlaube, solange er noch in Urbino, seine Arbeit an den Tellern fortzusetzen, und lehnte jede angebotene Bezahlung ab, weil solche leichte Mühe keines Geldes wert sei. »Junger Herr«, sagte der Töpfer, »bleibt hier, wendet Eure Kunst meinem Geschäfte ganz zu; ein Handwerk hat goldenen Boden, wenn es mit einer edlen Kunst verbunden ist, und wenn Euch diese Kunst leicht ist, so freut Euch dessen; sie soll Euch doch reichlicher nähren als die Gemälde, welche Euer Vater mit so großer Anstrengung verfertigt. Ich habe in jungen Jahren zu Faenza gearbeitet, ich kenne solche Unternehmungen. Wenn Ihr einige Jahre älter und meine Tochter klüger, wer weiß, ob sich nicht alles schickt, daß wir dann nur ein Haus und eine Kasse haben.« Raphael schwieg errötend, und der Töpfer nahm Abschied. Raphael kostete jetzt von dem süßen Backwerk, indem er sich als Benedettens Mann, als Töpfer und Handelsmann dachte. So endete sich dieser in der Erinnerung Raphaels noch nach so vielen Jahren ergreifende Morgengruß. Seine Eltern waren entzückt, daß er so auf eigne Hand, gleichsam spielend, die Bewunderung der ganzen Gegend auf seine Arbeit gezogen; aber dies Herabsinken zum Handwerk schien dem Vater unleidlich, die Heirat erniedrigend, und er beschloß, in aller Hinsicht die Abreise des Sohnes nach Perugia zu fördern.

2. Zu Raphaels Madonnen

Raphael, der gewohnten Arbeiten beim Vater wegen der Reisevorbereitungen überhoben, kam nun in den nächsten Tagen zum Töpfer, ihm seine Dienste anbietend, die dieser auch gern annahm. Aber die Zeichnungen schafften sich nicht mehr so leicht; er konnte nicht bessern wie auf dem Papier, und wollte doch jetzt den leicht gewonnenen Ruhm verdienen. Seine Benedetta sah er nie, auch als er den Tag darauf wiederkam; die Scham wegen der harten Behandlung, die sie vor ihm erfahren, hielt sie zurück, wie Ghita ihm versicherte, die sich freundlich zu ihm setzte, ihm Frühstück reichte, wenn er kam, und ihm den Wams abbürstete, wenn er fortgehen wollte. Sein Widerwille gegen diese war verschwunden, seit er erfahren, daß sie das süße Backwerk bereitet, welches seine erste Kunstbelohnung war. Er ehrte sie dafür und drückte wohl zuweilen die schönen Arme, welche die Brote wie ihr Ebenbild in gutem Verhältnis und schöner Rundung bildeten. Aus diesem ersten Jugendeindruck mögt Ihr es erklären, daß er bei vielgerühmten Götterbildern der Bildhauer unsrer Zeit mehrmals ausrief: »Ein frisches rundes Brot, ein glatter Teller sind Götter gegen diese Knochensäcke, die Götter vorstellen sollen; das Beste, was sie machen, ist schlechter als das Schlechteste, was der alte Töpfer in seinen Kalkofen schob.« Unerschöpflich war er dagegen im Lobe der alten Bildsäulen, die er dort beim Töpfer gesehen, insbesondere der weiblichen Gestalt, die er damals für Benedetten gehalten hatte, und von der er eigentlich nicht recht sagen könne, ob es eine Muse, eine Psyche oder was sonst gewesen, da alle Kennzeichen ihr gefehlt hätten, die aber wahrscheinlich zu Kalk verbrannt worden sei, da er sich ein paar Jahre später vergebens danach umgesehen habe. Gleich den andern Gestalten der alten Götter, so hatte er auch diese in irgendeine Geschichte zu versetzen und auf den Teller zu bringen gesucht. Aber nirgends wollte sie passen, am wenigstens als Venus, wie er sie mehrmals anbrachte. Endlich fiel er darauf, sie als Madonna vorzustellen, gab ihr Benedettens Auge, Farbe und Haar und erreichte einen Ausdruck, der von allem, was er bei den Vorbildern gesehen, abwich und doch daraus hervorgegangen schien. Aus dieser Erinnerung schöpfte er alles, was Ihr später in seinen Madonnen bewundert habt und worin ihn nur selten der Einfluß anderer Schönheit störte.

Jene Statue wurde ihm am letzten Tage seines Aufenthalts in Urbino zum größten Wunder, an das er nur mit Herzklopfen denken konnte. Der Abschiedstag war herangerückt, ohne daß er Benedetten gesehen hatte. Gern hätte er ihr eine kleine Gabe überbracht, die er als das Liebste unter seinen Sachen bisher bewahrt hatte. Es war ein seltsamer Ring aus einem Metall, das niemand kannte, mit einer Inschrift, die niemand lesen konnte, das Geschenk einer unbekannten liebreichen Frau, die vorüberreitend einst bei dem Knaben Raphael verweilte, der auf dem Schoße seiner Mutter gebetet hatte. Sie hatte der Mutter versichert, der Ring könne den Sohn gegen manches Unglück bewahren; die Mutter hatte ihr deshalb ein Gegengeschenk angeboten, das aber die Reisende lächelnd von sich gewiesen. Diesen Ring meinte er durchaus Benedetten verehren zu müssen, obgleich die Mutter ihm denselben aufs Gewissen gebunden hatte. Diesmal wollte er gewiß sein, daß er sie fände, ließ daher die gewohnte Stunde seines Besuchs nicht herankommen, sondern lauerte früh, als Benedetta sich davonmachte, den Ton zu treten, wie ihn die Töpfer brauchen. Er sah, wie sie ihr dunkelblaues, mit rotem Gürtel gebundenes Oberkleid auszog und der wunderbaren Statue im Hofe umhing, wahrscheinlich um es gegen Schmutz zu sichern. Darauf schürzte sie ihr Röckchen mit einem Bande in die Höhe, wie ein Mädchen, das zum Grassicheln sich anschickt, zog Schuhe und Strümpfe aus und schimmerte mit dem zarten Glänze ihrer Füße, wie der untergehende Mond am schwarzen Erdenrande. Sie trat erst langsamer, dann schneller, wie der Ton geschmeidiger wurde, und zwar nach dem Takte eines damals üblichen Wiegenliedes. Dieser einfache Gesang weckte Ghita. Sie ging auch an die Arbeit, warf ihr Kleid auf den Boden, streifte ihre Hemdärmel auf und arbeitete den Teig in den Mulden um, welche auf der andern Seite der Statue standen, wobei sie das mutwillige Lied eines Vogelstellers sang, der nach langem Harren die Vögel endlich auf der Leimrute kleben sieht. So kühn wie diese aber war unser Raphael damals nicht; nur den Ring, der ihn gefangen halten sollte, hätte er ihr gern übergeben. Deshalb eilte er leise fort, durch das Haus des Nachbars auf den Hof, und wurde erst von Benedetten bemerkt, als er dicht neben ihr stand, mit unverständlichen Worten ihre Hand ergriff und den Ring anzustecken trachtete. Der dichte Ton und der Schrecken hielten ihre Füße fest; nur die Hand entriß sie ihm, ehe er den Ring angesteckt hatte, hielt beide Hände vor ihre Augen und schüttelte mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß sie nichts hören, nichts annehmen wolle. Ghita lachte sie aus, nannte sie ein scheues Füllen; sie würde nicht so viel Umstände machen, von einem hübschen Knaben eine artige Gabe anzunehmen; zugleich streckte sie ihre von Teig überzogenen Finger nach dem Ringe aus. »Es geht nicht«, sagte Raphael verlegen, »er paßt nicht; Eure Finger sind zu stark und voll Teig.« Aber Ghita verlangte durchaus den Ring zu besitzen und wischte schnell ihre Hand an einem Tuche ab. Da rückte Raphael noch verlegener von ihr fort und geriet in die Arme der schönen Statue, die Benedetta vorher mit ihrem blauen Kleide und ihrem Gürtel umgeben hatte. Der eine Arm des Marmorbildes war sanft gehoben, der Zeigefinger ausgestreckt. Auf diesen fiel der Ring, den er in der Verlegenheit fallen ließ, und glitt, weil er etwas größer, über die drei Glieder des Fingers herab. Es war ihm in dem Augenblicke, als ob dieselbe Frau den Ring zurückgenommen, die ihm denselben damals geschenkt hatte. »Er ist schon verschenkt«, sagte Raphael launig zu Ghita, »meine steinerne Braut soll ihn tragen, und wenn Ihr ihn an ihrem Finger seht, gute Benedetta, so denkt zuweilen an mich; morgen wandre ich mit dem Vater nach Perugia. Und betet auch einmal für mich, wenn Ihr mich dessen wert haltet, obgleich Ihr mir heute nicht einmal den Blick Eurer Augen gönnt!« Benedetta blieb in ihrer Stellung, doch blickte sie durch die Hände; aber Ghita wollte Raphael nicht ohne einen Kuß fortlassen und den Ring sich zueignen. Allein durch ein seltsames Wunder gelang ihr beides nicht, weil sie zuerst nach dem Ringe griff, wie denn manche Mädchen bloß darum keinen Mann bekommen, weil sie zu hastig nach dem Trauringe fragen. Als sie nämlich jetzt den Ring dem Bilde abziehen wollte, fand sie den Finger gekrümmt, so daß keine Möglichkeit blieb, den Ring bis zum zweiten Gliede zurückzuziehen. Sie schrie über Wunder. Raphael blickte hin und sah es mit Staunen auch. Beide arbeiteten gleich eifrig daran, den Ring abzuziehen; aber völlig vergebens. Benedetta vergaß ihre Scheu; sie schalt Ghita, daß sie ihr etwas einbilden wolle, sprang aus dem schlüpfrigen Tone heraus, der in seiner Anhänglichkeit ihr nachschluchzte und sie fast zum Falle gebracht hätte. Sie nahte sich der Statue, die andern ließen ab, damit sie sich auch von der Seltsamkeit überzeuge. Sie griff nach dem Ringe und zog ihn ohne Beschwerde von dem Finger der Statue, der wieder ungekrümmt, wie vor dem Ereignisse, erschien. So war nun das Wunder auf Benedetten übergegangen; sie hatte sich mächtiger erwiesen als die alte, heidnische Göttin. Raphael empfand ein Grauen der Ehrfurcht vor ihr; er verbeugte sich tief und flüchtete ohne weiteren Abschied von ihr fort zu der Kirche, die er täglich mit der Mutter zu besuchen pflegte. Ein fremdes, schauriges Gefühl drängte sich zwischen die ersten zutraulich zusammengebeugten Rosen, ein scharfer Wind, der ihr Aufblühen hinderte. Raphael glaubte etwas Strafbares getan zu haben; er bereute jeden Schritt, er gelobte, keinen Blick nach dem Nachbarhause zu senden, er bat den Himmel, ihn vor allen Engeln und Teufeln zu schützen und ihm den gewöhnlichen Weltlauf zu gönnen, der ihm so wohlgefalle. Mit solcher Gesinnung wanderte er aus Urbino, nach schmerzlichem Abschiede von der Mutter, mit dem Vater die Straße nach Perugia herunter, bald zerstreut von der neuen Welt, die sich ihm überall auftat, und von den Vorsätzen, die sein Vater in ihm anzuregen suchte.

Hier muß ich Euch daran erinnern, daß sich aus den erzählten Geschichten die falschen Nachrichten erklären lassen, als ob Raphael wegen eines schönen Madonnenbildes, das er an einer Hofmauer gemalt, nach Perugia gesendet worden sei. Hättet Ihr nachgedacht, so hätte es Euch auffallen müssen, daß ein Vater, der seinen Sohn mit großer Aufmerksamkeit unterrichtet hat, unmöglich einer solchen Zufälligkeit bedürfen konnte, um dessen Talent zu erkennen. Aber den vornehmen Herren tragen die Köche zerhackte Speisen auf, um ihnen die Mühe des Kauens zu ersparen, und von den Ereignissen in der Welt erzählen ihnen die Leute nur die spaßhaften Übertreibungen und Verdrehungen; und so muß denn unser großer Raphael an Wandschmierereien von seinem Vater erkannt worden sein, wie jener alte Maler an einem Striche, den doch am Ende jeder Schreibmeister wohl noch zierlicher hätte machen können; es sei denn, daß bei den Eulenzügen der griechischen Schrift gar keine Schreibmeister nötig gewesen wären, was ich dahingestellt sein lasse.

Vater und Sohn kamen ohne Unfälle in Perugia an, und Meister Pietro merkte gleich bei der ersten Probe, als er einen im Umriß auf das Brett gemalten Kopf von dem jungen Raphael ausführen ließ, daß er einen Schüler gewonnen, der ihm Ehre machen und Geld verdienen könne. Er nahm ihn gern an und wußte ihn bald so zu beschäftigen, daß Raphael keine Zeit hatte, viel nach Urbino zu denken. Bald bemächtigte sich Raphaels auch ein tätiger Wetteifer mit ändern Schülern, unter denen Luigi ihm allein unüberwindlich blieb, ein Jüngling von den herrlichsten Anlagen, aber den Ausschweifungen sehr ergeben. Pietro regte den Fleiß der Schüler an, indem er ihnen Kleinigkeiten von seinem Verdienste abgab. Diese Prämie wurde dann von den Schülern in Festen verjubelt, die eine eigne Einrichtung hatten. Jeder war gezwungen, eine Geliebte mitzubringen; und wer damit nicht versehen war, dem schafften andre eine Begleiterin. Luigi brachte unserm Raphael ein Gärtnermädchen, welches schon lange den Namen Pomona führte. Raphael mußte Weiberkleider anlegen, um eine Fabel mit aufführen zu helfen, in welcher Luigi als Bacchus mit seiner Ariadne auf einem Triumphwagen zum Schlusse alles versöhnte. Luigi, der reich war, hatte viel Wein angeschafft, und alle ergaben sich der Natürlichkeit der alten Götternaturen, ohne darauf zu achten, daß die Welt so etwas zu verehren nicht mehr geneigt ist. Hätte Raphael noch den Ring besessen, er hätte ihn vielleicht an eine glücklichere Wahl erinnert; vielleicht hätte er ihn aber auch samt allem Leinzeuge, was ihm die sorgsame Mutter zur Reise genäht hatte, weil er nichts andres besaß, an die Gärtnerin verschleudert. Als er am andern Morgen aufwachte, merkte er erst, daß Pomona alle seine Habe in ihrem Fruchtkorbe fortgetragen hatte und sein Herz dazu, das seine Mutter noch sorgsamer als seine Ausstattung bewahrt hatte.

Diese Stelle seiner Geschichte mochte ihn, als er mir sie erzählte, wohl nachdenkend machen; er schwieg bei der Arbeit, und ich sang ein Lied, wie es Aretin einmal auf Raphael gemacht hatte, um ihn wegen seiner Madonna mit dem Fischopfer (col pesce) zu necken. Es fing sich an:

Hier zu Land
Gilt die Hand,
Die mit Kunst
Lohnt die Gunst
Sünd'ger Frauen,
Daß sie schauen
Sich im Bild,
Heilig mild:
Raphael,
Gut Gesell,
Male mich,
Ich bitte dich.

Und dann hieß es weiter:

Andre Staaten,
Andre Saaten,
Andre Städtchen,
Andre Mädchen,
Andre Orte,
Andre Worte,
Andre Kleidung
Und Bescheidung.
Andre Flüsse,
Andre Küsse,
Andre Fische
Auf dem Tische,
Andre Netze
Sie zu fangen,
Andre Plätze,
Wo sie prangen,
Zum Bestellen
Der Gesellen:
»Frische Fische,
Gute Fische!«
Kommt ein frischer
Herzensfischer
Von der Reise
Sind die Preise
Für den Freier
Nicht zu teuer,
Und der Fang
Hält nicht lang.
Froh gegessen
Und vergessen!
Keine Ringe,
Keine Kette;
Glas erklinge
Zum Gespötte
Für die andern,
Die noch wandern,
Daß sie gleiche
Lust erreiche:
»Frische Fische,
Gute Fische!«

Also hatte unser Raphael nachher auch gelebt in Siena und Florenz. Der Umgang mit Weibern war ihm ein Bedürfnis. Bei seiner Tätigkeit konnte er nicht lange wählen und suchen. Die edlen Seelen müssen es sich selbst zum Vorwurf machen, daß er fast nur den schlauesten anheimfiel; sein Gemüt hätten sie klar hinter seinen Augen arbeitend sehen müssen; aber da stießen sie sich an seine frühere Lebensweise. Wie er aber in verschiedener Manier malen konnte, so hätte er auch in verschiedener Art lieben können.

Ich mußte oft in ganz verschiedener Weise seine Liebesbriefe schreiben; aber die guten, ehrlichen Frauen schreckten uns gewöhnlich gleich durch Weitläufigkeiten ab, zu denen er bei den vielen Arbeiten, denen er vorstand, keine Zeit übrig hatte. Der Teufel hatte ihn nun einmal durch seine erste Sünde dem Bedürfnis Untertan gemacht, und er mußte sich durch neue immer wieder auf einige Zeit auslösen, damit er seinen himmlischen Gedanken leben konnte. Das alles ist zuletzt herausgekommen. Damals lebte ich mit ihm in den Tag hinein. Doch was soll ich Euch unbedeutende Geschichten erzählen; ich komme zur Hauptstörerin seiner Ruhe. Es war an einem Fastentage, als er von seiner Arbeit aufsprang und mir befahl, ihn zu der Bäckerin zu führen, die, wie er mir versicherte, ihn an Ghita erinnert habe, welche er seit jenem Tage seiner Abreise von Urbino nicht wiedergesehen hatte, weil beide Nachbarsfamilien in dem unruhigen Italien von der Pest versprengt gewesen. Er ließ sich die Brille geben, die ihm ein reisender Holländer als eine ganz neue Erfindung zur Stärkung der Augen verkauft hatte, welche bei ihm durch Anstrengung zu leiden anfingen. Dieser holländische Maler war aber, wie Ihr bald erraten werdet, sicherlich der Teufel, und ich habe die verdammte Brille nach Raphaels Tode in einem Mörser zerstoßen, damit sie keinen andern mehr unglücklich machen sollte.

Mit seiner Brille ging er nun bei dem Bäckerladen vorbei, wo das süße deutsche Brot verkauft wurde. »Es ist Ghita«, sagte er, »kein Zweifel bleibt mir, seit ich sie durch die Brille sehe. Welcher Reiz schöner Fülle!« – »Das dicke Mamachen?« fragte ich verwundert. Er ließ sich nicht irren, sondern ging in das Haus, als ob er von der Hexe hineingebannt würde. »Wahrhaftig, das gibt ein neues Bild in unsrer Villa!« sagte ich und ging ihm nach, damit er sich nicht etwa in eine Lebensgefahr stürzen möchte oder in eine Gefahr für seinen Ruf, da er auf Anregung des Grafen Castiglione eben damit umging, als Bezahlung für viele Werke den Kardinalshut vom Papste zu empfangen. Die Bäckerin trat uns selbst entgegen und fragte mit einem angenehmen Lächeln, als ob sie Raphael schon erkannt hätte: »Wer sind die Herren?« – »Ehrliche Bäckergesellen«, antwortete ich, »die beim Handwerk ansprechen. Gibt es Arbeit?« – »Freilich«, antwortete sie, »ich habe eben einen Gesellen wegen Trunkenheit fortgejagt; einer von euch kann gleich Arbeit finden.« – »Wer anders als ich?« fragte ich trotzig. – »So haben wir nicht gewettet«, antwortete sie, »ich wähle mir den stillen, ordentlichen Menschen (hierbei zeigte sie auf Raphael), der paßt sich besser zu einer Witfrau, die ihren lieben Mann verloren hat; Ihr scheint ein Wildfang.« – Bei diesen Worten zog sie Raphael ins Zimmer, wo viel Teig bereitstand, zog ihm seinen feinen, roten Mantel aus, band ihm die Schürze um, und so ward unser angehender Kardinal ein Bäcker und arbeitete lachend im Teige herum. Ich wollte das Ende der Sache durch die Türe belauern; aber sie trat heraus, reichte mir mehrere Goldstücke und verwies mich in das Zimmer einer Dienerin, um da auf meinen Herrn zu warten. Er selbst erzählte mir am andern Morgen, daß sie, nachdem er sich warm gearbeitet, in ein lautes Lachen ausgebrochen sei und ihm gesagt habe: »So sollten Euch Eure Schüler sehen, mit denen Ihr sonst so vornehm, von allen geehrt und begrüßt, wie ein Prophet unter seinen Jüngern vorbeigezogen seid.« Er sah sich erkannt, und sie gestand, daß sie Ghita sei, und daß nur die Scheu, in ihrem Stande zu einem so berühmten Mann zu gehen und vielleicht geringschätzig behandelt zu werden, sie davon abgehalten habe, sich ihm zu nahen. Sie weinte über ihr Geschick, klagte, daß sie, durch die Pest vertrieben, umhergeirrt wären, bis sich ein deutscher Bäcker, der eine seltsame Kunst besessen, in sie verliebt habe und sie ihn aus Not habe heiraten müssen. Der Mann sei gestorben, und sie habe nun ihren eignen Willen.

Mehr erzählte mir Raphael nicht; aber ich sah gleich aus seinen Aufträgen, daß die Neigung zu Ghita alle andren Liebschaften verdrängte. Ich fragte ihn, ob Ghita ihm keine Nachricht von Benedetta bringe. »Schweig davon«, antwortete er finster, »sie soll gestorben sein; sie paßte nicht für diese Welt, nicht für einen Sünder. Du sollst sie kennenlernen diese Ghita, in der aller Welt Todsünden zu lauter Leben aufgehn, wenn ich ihr Bild fertig habe; denn das Beste im menschlichen Antlitz ist Euch verschlossen – das sah ich an deinem Kopfschütteln –, außerdem sollst du ihr Diener werden, damit du ihr herrliches Herrscherwesen ganz kennenlernst.« – Nach längerem Stillschweigen fuhr er fort: »Einen seltsamen, großen Affen hat sie um sich; so viel Menschliches habe ich nie in einem Tiere gesehen. Als wir das Abendessen geendet hatten, kam er aus seiner Kammer hervor und verschlang mit tierischer Gier alle Überbleibsel des Mahls und sprang dann lustig über Tisch und Sessel. Er trägt ganz fremdartige Kleidung und schien es ordentlich zu merken, daß ich von ihm spräche. Es ist ein eigen Ding mit den Tieren; es kommt mir immer vor, als wären sie Verwandlungen der alten Götter, die nun in ihren Leidenschaften fortleben, seitdem ihr Reich unter den Menschen geendet hat. Nun wie es sei«, so schloß er, »sei dieses Wesen ein Affe, ein alter heidnischer Gott oder ein verkrüppelter Mensch, ich habe Ghita gebeten, daß ich ihn so wenig wie möglich sehe, sie liebt ihn, sie herzt ihn, und das ärgert mich!« Ich mußte so ausführlich von diesem Affen reden, wie sie ihn nannte, weil er gar sehr auf diese Geschichte gewirkt hat und das schauerlichste Wesen ist, das ich je kennengelernt habe. Es war kein Affe, das schwöre ich Euch bei meiner Seligkeit. Zwar sah ich ihn nur selten; denn er war gewöhnlich in einem dunklen Kämmerchen neben dem Zimmer, wo Ghita schlief, eingesperrt und kam nur abends manchmal hervor. Inzwischen merkte ich doch sehr bald die Wahrheit und nahm wahr, daß sie vor Schlafe gewöhnlich mit seiner Hilfe den Teig in jener dunklen Kammer einknetete, nachdem sie sich der prachtvollen Staatskleider entledigt, die ihr Raphael nach seinem eigentümlichen Sinne für Bekleidung hatte kaufen und schneidern lassen. Aber was half's; über manche Verhältnisse wollte Raphael das Wahre schlechterdings nicht hören. Ich behielt also meine Vermutungen für mich. Für keine Frau hatte Raphael jemals diese Aufmerksamkeit, dieses Trachten nach Erfindungen, die ihr gefallen könnten, gezeigt. Er sparte kein Geld, lieh von seinen Freunden, wenn es ihm fehlte, um das alte, zwar große, aber sehr verfallene Haus der Bäckerin mit größter Annehmlichkeit einzurichten; ja das meiste, was Mark Anton an Göttergeschichten gestochen hat, wie Jupiter die zögernde Juno zum Throne des gestürzten Saturn führt, wie Paris den Apfel als Preis der Schönheit verteilt, diese und viele andre sind Skizzen zu den Wandgemälden, welche Julio ausführen mußte, weil die Bäckerin aus Eigennutz, des hohen Preises wegen, der ihr doch immer zugute kam, Raphaels Hände stets mit bestellten Arbeiten beschäftigte. Er behauptete in dieser Zeit, was er an weiblichen Figuren zeichnete, alles sei der Ghita ähnlich. Ich antwortete ihm, das komme von der vertrackten Brille. Er zürnte und sprach nicht mit mir; ich hätte verzweifeln mögen und sann auf eine Erfindung, ihn zu versöhnen. Da kam mir ein Einfall, der war herrlich und könnte Euch beweisen, daß ich zu hohen Würden nicht ungeschickt gewesen wäre. Raphael und Ghita lustwandelten gern miteinander in den ersten mondhellen Frühlingsnächten in dem wüsten Garten hinter dem Hause, der außer ein paar alten Zitronenbäumen und einer Pinie durchaus nichts zeigte, was zu einem Garten gehört, da alles Aufkommende von den Müllereseln, welche ihr das Mehl brachten, abgeweidet zu werden pflegte. Nun bemerkte ich einmal, daß die Spuren, wo Ghita mit Raphael gegangen, durch das Schleppkleid der Geliebten, wie die Spur einer Schlange durch die Windung des Schweifes, im Tau bezeichnet war; wo aber beide sich geküßt hatten, da wendete sich diese Spur zu einem Kreise und wand sich förmlich zu einem Kranze, wenn sie dort lange verweilt hatten. Kaum hatte ich das wahrgenommen, da lief ich hurtig zu meiner hohen Familie, deren einziges Geschäft, außer ihrer Bettelei, in ein wenig Gärtnerei bestand. Als ich ihnen den Vorschlag machte, in einer Nacht einen Garten zu bauen, und daß sie dafür ein Faß Wein am Morgen haben sollten, da lief schon alles mit Spaten und Radehauen, mit Beil und Baumsäge. In einer Stunde keuchten sie alle heran mit einer ungeheuren Last von Gesträuchen und Blumen der edelsten Art, die sie, Gott weiß wo, ausgerodet und ausgerissen hatten. Ich hatte unterdessen die Gänge der Schleppe, die verratene Spur der Liebe, mit der Schaufel abgestochen und geebnet. Alles wurde in größter Stille an dem Rande eingepflanzt; jeder arbeitete an einem ihm angewiesenen Raum, und weil jeder meist eine andere Gattung von Blumen und Gesträuchen geraubt, hatte, so entstand eine unbeabsichtigte Mannigfaltigkeit, die uns schon im Mondscheine gefiel. Wie wurden wir aber am Morgen überrascht, als wir die Weintonne am höchsten Steine des ansteigenden Gartens leerten und die aufgehende Sonne unsre Arbeit beleuchtete, daß keine Überlegung so geschickt, in steter Ansicht aller Herrlichkeit Roms, die Gänge geführt hatte, als der Kunstsinn Raphaels, der bei seinem Spaziergange auch diese Pracht mit zu genießen suchte und seine Ghita so geleitet hatte, daß er Rom immer vor Augen behielt. Als ich meine Vettern darauf aufmerksam machte, wie kein Schritt vergebens, um alles mit Bequemlichkeit zu überschauen, wie aber jede Stelle, wo Raphael wandle, ein Kuß des Himmels und der Erde zu sein scheine, da faltete das rohe Volk die Hände, und einer rief: »Heiliger Raphael, bitte für uns!« Die jungen Mädchen mußten nun nach meiner Anweisung ein paar neue Worte auf eine alte Weise singen:

Grün im Grünen glänzen Stellen,
Wo die Engel nachts getanzet;
Wo sie küssend sich gesellen,
Sind uns Blumen eingepflanzet,
Die zum jüngsten Tag bewahren,
Wenn die Nacht in Lust entschwunden;
Scheue Lieb' in jungen Jahren
Hat zur Wallfahrt sie gefunden.

Weg und Aussicht ist erschlossen
An des Abhangs steilstem Pfade,
Nun die Sonne hat ergossen
Ihre Tränen, ihre Gnade;
Und so sind wir Mitgenossen,
Die hier liebend sich begegnen,
Aller Liebe, die verflossen,
Und empfinden neu ihr Segnen.

Seht, nun steht der Irisbogen
Fest auf diesen steilen Höhen;
Wo die Liebenden geflogen,
Können wir nur schwindelnd gehen.
Außer Atem füllt mit Tönen
Sich der Mund und süßem Bangen,
Raphael, dich hier zu krönen,
Möchten wir uns unterfangen.

Diese Wendung war sehr artig und tat auch die gewünschte Wirkung; Raphael nannte uns Nachtgespenster-Nachtigallen, ließ sich den Kranz von den Mädchen aufsetzen und küßte alle, obgleich Ghita ihren Ärger darüber kaum verbeißen konnte. Um sie zu trösten, nahm ich sie auch beim Kopf und steckte ihr den prachtvollsten Blumenstrauß vor, der je gebunden worden. Darüber wurde sie heiter, ordnete selbst einen Volkstanz an, den sie mit ungemeiner Zierlichkeit ausführte, mit einer Leichtigkeit, daß sie sich vor unsern Augen um ein zwanzig Jahr verjüngte; was mochten erst Raphaels Augen durch die Zauberbrille an ihr wahrnehmen? Eine meiner lieben Basen, die sich mit Wahrsagerei abgab, trat nun auf, ließ sich die Hände der vom Tanze Ermüdeten reichen und las Wunderdinge darin: Ghita werde in großer Frömmigkeit sterben und Raphael mit weißen Haaren, von seinen Kindern umgeben. Raphael schüttelte dabei mit dem Kopfe, denn er eilte sich immer bei seinen Arbeiten, weil er fürchtete, das Ende derselben nicht zu erleben, obgleich keine eigentliche Krankheit, sondern nur das Erlöschen des himmlischen Feuers unter irdischem Drucke ihm vorschwebte. Woher diese Sorge? Vielleicht weil gar nichts in seiner Lebensweise den Anforderungen jenes höhern Lichts genügte und jede Betrachtung ihn deswegen betrübte. Dieser Gesinnung war Ghita gar nicht; der Zukunft dachte sie so wenig, wie die Menschen vor der Sündflut; sie reichte ihre Hand der Wahrsagerin nicht, sondern brauchte sie zum Einschenken und zum Anstoßen der Becher. Raphael freute sich an ihrer Lebenslust; er ließ die besten Weine bringen, und so kam's, daß unser anständiges Fest sich mit einem wilden Bacchuszuge schloß, in welchem Ghita als Centaur einhergeführt wurde, und Julio, auf welchem sie ritt, das Pferd spielte. »Es sind gute Kinder«, sagte Raphael, »wenn man ihnen den Willen tut. Ein Maler kann überall etwas absehen, und ich fühle hier recht, daß erst etwas muß wirklich dagewesen sein auf der Welt, ehe es zu etwas Erdachtem, zu einem Bilde werden kann. Ohne diesen Zug gesehen zu haben, hätte ich nie ein Bacchusfest erfinden können. Gib mir etwas Kohle: die Gartenwand soll das Andenken tragen, und doch soll sich nichts darin finden, wie wir es eben gesehen haben.« Nach einiger Zeit glaubte ich, Raphael wolle unserm Gartenfeste ein Paroli entgegensetzen, weil das neugetäfelte Schlafzimmer sich heimlich, ohne daß ich ihn daran arbeiten sah, mit Gemälden bedeckte, die unleugbar von seinem Pinsel schienen, obgleich ihr Inhalt eben nicht seiner Sitte entsprach. Ich sprach kein Wort darüber, sondern tat, als ob ich nichts gesehen. Aber eines Morgens fand ich Raphael zu ungewohnter Frühzeit vor diesen Bildern mit einem Staunen, als ob er sie zum ersten Male gesehen, den Kopf schüttelnd, sich die Stirne reibend. Wie er mich sieht, ruft er aus: »Es gibt einen zweiten Raphael; denk dir, der Affe malt! Sieh genau zu: ich selbst würde es für meine Arbeit halten, wenn ich nicht wüßte, daß ich keinen Pinsel angesetzt habe, und Ghita hat ihn bei der Tat ertappt. Sieh, alles ist daran gut, nur nicht die Hauptsache. Du kannst hier den Unterschied der tierischen Natur recht deutlich sehen; hier wird sie zum Wesen, das Geistige wird Schein und Täuschung; es sind sehr tragische Bilder und beinahe eine Fortsetzung meiner Psyche zu nennen, nachdem sie mit Amor, der flüchtigen Erscheinung, für immer verbunden ist.«

Ich wußte nicht, was ich denken, was ich sagen sollte. Daß kein Affe so malen konnte, war ich überzeugt; aber kein andrer konnte so malen wie Raphael, und Raphael war zu gleichgültig gegen einen einzelnen Tadel, wenn der Gegenstand den Leuten etwa mißfallen hätte, um eine Lüge über die Entstehung dieser Wandbilder zu erfinden. Unserm Julio waren solche Teufeleien nicht fremd gewesen; aber er konnte nicht diese Zeichnung, diese Farbe schaffen. Alles war mir bisher erklärbar gewesen; da stand ich bei dem vermauerten Tor, und nirgends fand ich einen Ausweg. Die Zeit wird's lehren, dachte ich und bekümmerte mich nicht weiter um solche Geheimnisse; denn Raphael beschäftigte meine ganze Erfindungsgabe, um seiner Geliebten täglich ein neues Fest zu bereiten. Diese Unruhe schien seiner Gesundheit nicht zuträglich; aber er beruhigte meine Sorge mit der Wahrsagung, die ich ihm selbst zugeführt hatte: er hoffte auf Kinder und auf weiße Haare und gab als Grund seiner Erschöpfung die vielen lästigen Schreibereien und Rechnungen an, die er wegen des übertragenen Baues der Peterskirche abends durchsehen mußte, wo er sich sonst der Geselligkeit überlassen hatte. Das Rechnen, Handeln und Dingen, das ich ihm wie eine Spielerei besorgt hätte, wollte er mir aus Gewissenhaftigkeit gegen die Kirche nicht überlassen, so schwer es ihm wurde und so ruhig er mir alle seine eignen Gelder anvertraute. Ja, so verschieden sind die Gaben verteilt! Ihm kostete die schwerste Zeichnung nicht so viel Mühe wie das Summieren einer Reihe Zahlen; und damit können wir unberühmten Menschen uns trösten: wir haben auch unsre eignen Vorzüge und Gaben. Da saß er nun wie blind und verloren bei seinen Papieren oder musterte alte Marmorstücke, die man zum Bau ausgegraben, ob nicht beachtenswerte Skulpturen darunter, während Ghita mit dem Julio, seinem Lieblingsschüler, hinter seinem Rücken verliebten Unsinn trieb oder die Teufeleien des Pietro Aretino anhörte, der eigentlich den Julio auf seinem Gewissen hatte und ihn aufmunterte, jeden mutwilligen Scherz, der wohl jedem einmal durch den Kopf zieht, mit seinem Pinsel zu verewigen. Dieser Aretino scheute sich nicht, die besten Arbeiten Raphaels zu verspotten, und Raphael lächelte und sagte weiter nichts als: »So sind die Poeten; sie müssen ihren Mund zu allem hergeben, was ihnen der Teufel ins Ohr bläst!« Dann arbeitete er ruhig weiter, als ob er nichts gehört hätte, behauptete aber doch, ihm sei es nützlicher, solchen Tadel als alles Lob der Welt zu hören; denn sei er auch übertrieben, so habe er doch gewiß immer einen fehlerhaften Punkt gefunden, wie der Rost auf Stahlklingen die brüchigen Stellen bezeichne..

Alle Freunde Raphaels wurden allmählich auch Ghitas Freunde; sie wußte jeden in seiner besondern Art und im rechten Augenblicke sich zuzueignen. Auch mir wußte sie beizukommen, ich weiß selbst nicht wie; genug, ich hatte auch bald keine Augen mehr, sondern trug ebenfalls meine Brille und diente ihr, nächst Raphael, mit aller übrigen Ergebenheit. Das könnt Ihr mir nicht zum Vorwurf machen; ich aß auch von ihrem Zauberbrote. Selbst der weise Fabio von Ravenna, den Raphael seinen gelehrten Vater nannte, und ohne den er kein Werk von größerm Umfange unternahm, versicherte ihm: »Ghita habe nur einen Fehler, daß sie ihm, dem Raphael nämlich, nicht ordentlich vermählt sei.« Warum Ghita diese Ehre der Vermählung zur Verwunderung Raphaels, der sie ihr mehrmals anbot, von sich ablehnte, war mir rätselhaft; denn ihr Grund, den er bewunderte: ihn nicht in seinen Aussichten auf den Kardinalshut zu stören, war mir gleich verdächtig. Ebenso verwunderlich war es mir, warum sie dem Raphael zweimal verheimlichte, daß sie sich in guter Hoffnung zu befinden schien, und wie diese Hoffnungen schwanden, ohne daß der eifrige Wunsch Raphaels nach Kindern sich erfüllte. Ich setzte sie deswegen zur Rede; sie leugnete mir alles ab und behauptete, nach dem Ausspruche der Wahrsagerin müsse Raphael erst in späteren Jahren durch Kinder beglückt werden, weil er umgeben von seinen Kindern sterben sollte.

3. Zu Raphaels Verklärung

Daß ein Mann von so hoher Einsicht wie Raphael in zweijährigem Umgänge mit Ghita ihre Fehler nicht endlich auch sollte wahrgenommen haben, könnt Ihr wohl vermuten, obgleich ich den Zeitpunkt nicht angeben kann, wann es geschehen. Ich erfuhr dies nur zufällig bei einem Besuche, den der berühmte Maler Fra Bartolomeo aus Florenz bei uns abstattete. Raphael und Bartolomeo hatten zu Florenz in vertrauter Freundschaft gelebt. Raphael lernte von ihm gar manches in der Farbenbehandlung, Bartolomeo von Raphael manches in der Perspektive, die damals noch vielen eine Art Geheimnis war. In der Schwermut, die dem Bartolomeo eigen, fühlte er einen unwiderstehlichen Drang, seinen Freund wiederzusehen, und Raphael bot ihm sein Haus zur Wohnung an. Beide schienen ganz froh und verjüngt durch ihre Wiedervereinigung, und Raphael bedauerte nur, daß seine überhäuften Arbeiten ihm wenig Zeit ließen, sich des Umganges seines Freundes ganz zu erfreuen. Dieser suchte sich durch Malen zu unterhalten, nachdem er lange Zeit aller Malerei aus einem Gefühle, sie sei sündlich, völlig entsagt hatte. Raphael kannte aber seinen Freund in einer Hinsicht gar nicht; er meinte nämlich, seine Sünden wären lauter Einbildungen – sonst hätte er ihn wohl nicht bei Ghita einquartiert. Ich sah gleich am ersten Abend, daß diese den Bartolomeo ganz als ihr Eigentum auf- und annahm. Sie erkannte deutlich, daß er aus zwei sehr verschiedenen Stücken zusammengesetzt war, aus einem Heiligenkopfe auf dem Körper eines Bacchus. Die überkräftige Gestalt hatte gar keine Harmonie mit der Blässe seiner eingefallenen Wangen, und darum erschreckten sie seine strengen Reden gar nicht. Sie bat ihn, daß er ihr Beichtvater werden möchte; ihr bisheriger werde so taub, daß er alle ihre Sünden überhöre und alles für gut annehme. So ward unser Bruder Bartolomeo am andern Morgen als Beichtvater eingesetzt; am Abend aber mußte er den Priester spielen bei einem Opferaufzuge, den sie wegen einer von Raphael entdeckten Statue Jupiters anstellten. Julio hatte dem guten Bartolomeo weiß gemacht, es sei ein Heiliger; so fand er keine Gewissensbisse dabei, als sie einen jungen Stier vor dem Bilde schlachteten und die feinsten Stücke beim Opferfeuer sich zum Abendessen brieten. Aretin sang dabei Gesänge, von dem unser Bruder, dem alles Latein und Griechisch fremd geblieben, kein Wort verstand; ich aber erfuhr es wohl von Julio, daß darin scherzend der Triumph des alten Glaubens gefeiert wurde, der sich nun auch einen so frommen Klostergeistlichen gewonnen habe. Raphael kam unerwartet dazu; er hatte den Kardinal Bibiena wegen eines Auftrags an Bartolomeo, der ihm zwei Bilder malen sollte, ungewöhnlich früh verlassen. Er lachte über die seltsamen Anstalten, fragte, was es bedeute, und als Bartolomeo ihm Jupiter als einen Heiligen vorstellte, antwortete er: »Ist es auch kein Heiliger, so ist es doch ein großer Gedanke. Wer solche Gedanken zu schätzen weiß, kann ihn gläubig mit verehren; solche Bilder sind Körper, von der Last der Häßlichkeit erlöst, und sehnen sich nach einer Seele, die von dem Drucke der Sünde gleichfalls erlöst sei; ich will es noch der Welt zeigen, wie sie diese alten Bilder anschauen kann, daß sie auch einen Teil daran habe und die Vorhallen der Kirche ohne Scheu damit schmücke.« Davon verstand unser Bartolomeo nichts, sondern sprach nur von dem Eifer, womit er die ihm aufgetragenen Bilder fertigen wolle.

Nach einiger Zeit sagte mir Raphael vertraulich, er wisse nicht, was er von seinem Freunde Bartolomeo denken solle, der in seinen Bildern bei aller Anstrengung gar nicht fortrücke; das möge wohl von seinen vielen Büßungen, von dem Geißeln und Knien herkommen, das er so ernstlich treibe. Schon öfter habe er dem Bartolomeo angeboten, das Bild mit ihm gemeinschaftlich zu malen; aber da sei ihm immer Bartolomeo um den Hals gefallen und habe ihm versichert, er verdiene diese Gnade nicht. Bald schlage ihm Bartolomeo vor, daß er ihn mit Ghita zusammentrauen wolle,bald dringe er darauf, daß er sie verlasse, indem er ihm von Andrea del Sarto erzählt, wie dieser seiner verschwenderischen Frau das Geld anvertraut habe, das ihm der König von Frankreich zum Ankauf von Bildern mitgegeben und dadurch um seinen guten Namen gekommen sei. »Ich setzte«, sagte Raphael, »ein paar Beispiele vom Fluche des Ehestandes hinzu, nämlich den guten deutschen Meister Dürer, wie der von seiner geizigen Frau mit Arbeiten fast zu Tode gehetzt werde, und wie unser Zeremonienmeister Paris de Grassis durch die Vorwitzigkeit seiner Frau bei allen Zeremonien gestört und lächerlich gemacht werde. Dann versicherte ich ihm, daß Ghita jede Heirat großmütig von sich abgelehnt habe. »Vielleicht«, fuhr Raphael im Gespräche mit mir fort, »können wir uns heute von einer Vermutung überzeugen, die mir über das Betragen des Mannes von meinem Julio angegeben worden. Ich bleibe heute nicht, wie ich dir erst sagte, in der Villa; ich will mit dir heimlich nach der Stadt zurück. Wir dürfen keine Zeit verlieren!«

Mit einer Vorahnung, was dieser ganz außer Raphaels Lebensbahn liegende Weg bedeuten solle, folgte ich ihm, als es dunkel, bis zum Hause, das Raphael für sich und Ghita hatte einrichten lassen. Im Zimmer des Bartolomeo schimmerte eine Lampe, und zwei Gestalten bewegten sich schattenartig auf und nieder gehend. »Es ist jetzt schon Schlafenszeit«, seufzte Raphael, »eine ungewohnte Stunde zur Beichte: nun vermute ich fast, daß Bartel auch weiß, wo man den Most holt. Und sollte ich diese Nacht auf Kieseln schlafen, ich möchte ihn doch nicht stören. Das ist der Lohn so vieler Geißelschläge; er hat lange gedürstet, er mag sich satt trinken; vielleicht seine erste selige Stunde, und ich habe viel Gutes genossen. Gewiß werden die Bilder nun schneller fertig werden!« Ich verwunderte mich über seinen Gleichmut bei der Heftigkeit seiner Liebe; er bemerkte nicht, daß er etwas Ungewöhnliches erdulde, sondern hielt übermütig einen Zitherspieler an, der ihm gegen ein Trinkgeld seine Zither leihen mußte. »Sie haben mich beide nie singen hören«, sprach er, »ich wage nichts, wenn ich ihnen etwas vorsinge.« Kaum hatte er ein paar Läufe auf der Zither ausgeführt, so traten die beiden Gestalten ans Fenster, verschränkten traulich ihre Arme und küßten sich. Wir erkannten beide, und Raphael sang:

Mit dem Dolch rühr ich die Zither,
Gift ist meiner Stimme Hauchen;
Doch sie tobt nicht wie Gewitter,
Bebt nicht wie Vulkanes Rauchen,
Lieblich weiß sich in den Tönen
Zorn und Rache zu versöhnen.

Sinke Schlummer auf Entzückte!
Ach, dies wünschet der Berückte,
Dies Erheben im Vergeben
Kann Verrat euch nicht erstreben,
Und der Liebe, die sich so verklärt,
Wird noch höhre Lust gewährt.

Sie schienen allzu vertieft ineinander, um der Worte zu achten, die unten gesungen wurden; nur die bekannte Melodie, nach welcher Raphael sang, reizte ihre Sinne, und er fuhr fort:

Nur die Lust der Melodien,
Nicht des Worts verhaltne Schmerzen
Dringen durch der Küsse Glühen;
Denn sie liebt nicht mit dem Herzen.
Ja, ihr geht es wie dem Kinde,
Ihr verfliegt das Wort im Winde.

Keinem ist die Schönheit eigen,
Allen möchte sie sich zeigen
So in Worten wie in Werken,
Um durch Beifall sich zu stärken;
Lobst du sie, so ist sie doppelt schön,
Sie ist nichtig, wenn sie ungesehn.

Nach diesen Worten oder ähnlichen – denn ich gestehe Euch, daß ich in dergleichen Dingen nicht so genau bin, sondern mich gern der Sachen erinnere, wie sie mir am besten gefallen –, gab er die Zither dem Unbekannten mit einem Trinkgelde zurück, der ihn fragte, ob er eine gute Klinge brauche, er stehe ihm zu Diensten. Raphael sah ihn verwundert an und erkannte seinen Fechtmeister, den er auch früher gemalt hatte. Dieser kühne Mann, er hieß Pantormo, benutzte die Vertraulichkeit, in der er früher mit Raphael gestanden, ihm deutlich zu zeigen, daß er seine Neigung einer Unwürdigen geschenkt habe; zugleich fragte er ihn, ob er nie die Nichte des Kardinals Bibiena gesehen, die dieser ihm gern vermählen wollte. Raphael versicherte ihm, daß er jenen Leichtsinn Ghitas kenne; daß er auch gern die Nichte des Kardinals kennengelernt hätte, weil er es nie meide, Frauen zu sehen; daß sie aber, nach des Kardinals Aussage, ihn erst dann vor ihren Augen dulden könne, wenn er sich von allen andern trennen wolle. In dieser Forderung liege aber etwas Unmögliches für ihn: nämlich alles, was ihn mit der Welt verbinde, für etwas Unbestimmtes, Unbekanntes aufzugeben. Der Fechtmeister meinte, daß ihm die Nichte vielleicht nicht so unbekannt sei, als er glaube; vielleicht erinnere er sich ihrer, wenn er jene Klosterkirche betrete, die sich eben eröffne. Raphael fragte ihn lächelnd, ob er ihn für ein Findelkind halte, das der heiligen Mutter ohne Kind dargebracht werden solle. »Habt Ihr diese Kirche nie betreten?« fragte der Fechtmeister, »und doch sind darin mehrere Bilder von Euch aufgestellt.« – »Von mir?« fragte Raphael, »das habe ich nie vernommen.« Der Fechtmeister versicherte, diese Bilder müßten von seiner Arbeit sein, entschuldigte sich aber, ihn nicht begleiten zu können, weil er dem Kardinal Bibiena am frühen Morgen einen Maulesel vorreiten müsse, den seine Eminenz ihm zum Zureiten übergeben habe. So schied der Mann, und Raphael sagte, mehr zur Zerstreuung als in Erwartung eines besondern Fundes, zu mir: »Komm in die Klosterkirche, sie scheint offen; es ist seltsam, daß sie uns so nahe liegt, und daß wir sie doch nie besucht haben.« Die Wahrheit ist aber, daß darin nichts Seltsames zu finden, weil Raphael viel zu beschäftigt und ich viel zu faul war, um alle Kirchen zu besuchen. Die kleine Kirche war eben geöffnet, wahrscheinlich um ein neues Bild am Altar einer Seitenkapelle zu befestigen.

Raphael blickte beim Schein der Lichter das emporschwebende Bild an und fragte mich verwundert, ob er das gemalt habe? »Freilich«, antwortete ich keck, »aber wohl, ehe ich zu Euch gekommen bin.« – »Ich wollte, daß ich es gemalt hätte«, fuhr er fort, »und ich möchte den Meister kennen; denn freilich habe ich Entwürfe zu diesen Bildern nach den Niederlanden gesendet, um Tapeten der Art wirken zu lassen; aber nie habe ich sie ausgeführt.« Ich betrachtete jetzt die Bilder genauer und erkannte einen größeren Ernst, aber weniger Lieblichkeit in dem Ausdrucke der Gesichter, als Raphael eigen ist. In der Mitte war das Hauptbild, wie Christus als Gärtner, der Magdalena erscheint, diese der Sünde, er dem Tode entrissen; er in fast verklärter Farbe wie ein Genesener, sie gleichsam in verstärktem fleischlichem Dasein dargestellt; beide aber Blüten einer gereinigten Welt. Dem Bilde zu beiden Seiten hing der bethlehemitische Kindermord, und durch den Trost jenes Mittelbildes wurde der Schrecken dieser Todesgewalt gänzlich verwischt. »Hätte Luigi noch seine Augen«, sagte Raphael, »so meinte ich, daß der mir diesen Streich gespielt hätte, mich in meinem eignen Bilde zu überbieten.« Ich fragte einen der Arbeiter nach dem Maler. Er antwortete, eine Malerin, die im Kloster wohne, habe diese und die übrigen Bilder gemalt. Inzwischen war Raphael zum Hauptaltäre gegangen. Ich fand ihn da kniend mit abgewandtem Gesicht; er winkte mir und wagte nicht aufzublicken. Ich sah ein Marmorbild mit blauem Gewande bekleidet, das mir vortrefflich schien, ohne doch einen tiefen Eindruck auf mich zu machen. Raphael stand schweigend auf, ergriff meine Hand, drückte sie an sein Herz und führte mich hinaus bis zu dem großen Springbrunnen, wo er sich mit einem frischen Tranke aus seiner hohlen Hand erquickte. Ich bat, daß er mir diese Bewegung erklären möge. »Alles, was ich jugendlich erlebt«, rief er erhaben aus, »steht wieder vor meiner Seele! Und das soll Zufall sein, daß mir gerade heute diese Statue als Himmelskönigin vor Augen tritt, der ich in Urbino einst den Ring an den Finger steckte? – Und dieser Finger schien mich zu warnen, mein großes Werk, die Verklärung, nicht länger auszusetzen, das mir der Kardinal Medizis schon lange aufgegeben, und vor welchem ich mich immer noch gescheut habe. Der fremde Maler hat meinen Eifer neu erweckt; ich will etwas leisten in seiner Gesinnung!«

Bei diesen Worten setzte er sich auf den Rand des Brunnens und zeichnete sinnend mit seinem Stabe auf der vom Mond beschienenen Wasserfläche. »Es glückt!« sagte er nach einer Weile voll Begeisterung. »Ich sehe noch die blaue Luft mit dem leichten, goldigen Gewölk, wie sie einst über dem Hause der Geliebten standen; sie bildeten mir den Herrn vor mit Moses und Elias, unten aber stand um uns die ganze Erdenwelt, die sich auf ihren verschiedenen Stufen der Annäherung in Zuversicht und Zweifel überhebt.« Ich fiel vor ihm auf die Füße und bat ihn, dies Werk selbst auszuführen; seine Schüler wüßten nicht ein solches Gemüt zu fassen, sie würden mit ihrer Farbenwildheit ein so tiefsinniges Werk zerstören. Er streichelte mir die Haare und sagte, es solle wohl geschehen, wenn ihm der verdammte Ruhm nur Zeit ließe; aber da könne er den Bitten der Leute, die ihm schmeichelten, nicht widerstehen, er übernehme zuviel, auch erscheine ihm die weitläufigste Arbeit im ersten Feuer der Betrachtung wie ein Spielwerk. »Vielleicht kommt noch die Zeit«, setzte er hinzu, »daß ich an einem Bilde ein paar Wochen malen kann, wie Lenardo da Vinci; nur daß es mir nicht geht wie dem Luigi, der sich wegen der Untreue seiner Freundin die Augen ausweinte! Wir wollen zu ihm gehen, ich muß ihm von meiner Verklärung erzählen; er schaut alles mit einer solchen Lebhaftigkeit an, daß jedes Versehen ihm deutlich hervortritt.« – »Aber es ist Nacht«, entgegnete ich. – »Er weiß es nicht in seiner Blindheit«, fuhr Raphael fort, »hat jedermann verboten, ihm etwas vom Sonnenlauf und der Tageszeit zu sagen; so schläft er, wenn ihn die Ermattung zwingt, und meist nur ein paar Stunden.«

Ich wünschte Raphael Ruhe zu verschaffen. Allein er wollte nichts davon hören; und so eilten wir die kleine Straße zu Luigis Gartenwohnung herab. Er kannte unsre Stimmen beim ersten Ruf, öffnete die Türe durch den Druck einer Feder und begrüßte uns im Zimmer, ohne von seinem Sitze aufzustehen. »Seid willkommen!« rief er, »der Einsame hat sich etwas Neues ausgedacht; er formt sich die Gesichter aus Tonerde, die er gern um sich sähe; da werdet ihr den Raphael und den Meister Pietro finden, wie sie sonst gewesen.« Raphael beschaute sein ähnliches Jugendbild mit Überraschung und sagte: »Jugend und Schönheit haben nur einen Fehler, daß sie vergehen.« Luigi fuhr fort: »Das waren liebe Zeiten; da dachten die Leute, was aus mir werden könnte, und wenn ich dein Antlitz jetzt befühle, Raphael, ich meine, es hätte wohl auch noch mehr aus dir werden können:

Ja, wüßt' ein Mensch recht, wer er wär',
Das Sterben würd' ihm gar nicht schwer;
Das Leben ist nur ein Vergessen
Von dem, was wir in uns besessen;
Das Leben ist nur ein Vermählen
Mit dem, was uns will ewig quälen;
Das Leben ist ein Angewöhnen
An das, was uns will ewig höhnen;
Das Leben ist ein Zeitverderben,
Ein seelentötend Flucherwerben, –
Ja, wüßt' ein Mensch recht, wo er wär',
Er führe heut noch übers Meer,
Sich neue Welten zu entdecken,
Denn Mond und Sonne sind voll Flecken,
Und diese alte Welt voll Ecken
Kann blinde Leute leicht erschrecken.

Luigi hatte seine Hände unterdessen auf Raphaels Antlitz gelegt und sagte ihm, er fühle sich krank an; er sei wieder zu fleißig gewesen. Raphael gab das zu und erzählte ihm von der Verklärung, die er entworfen habe. Luigi ward ganz Ohr, schien alles vor sich zu sehen, berichtigte die Anordnung, riß einzelne Stellungen auf eine Tafel, sagte aber zuletzt, es sei ein schweres Werk. Mitten in dieser Arbeit wurde er durch den Ruf zweier Frauen gestört, die ängstlich Heilmittel für einen Kranken begehrten. – Raphael fragte ihn, ob er ein Geistlicher geworden und ihm die letzte Ölung geben wolle. – »Nicht umsonst«, antwortete Luigi, »bin ich in meiner Jugend das Genie genannt worden. Seit ein schlechter Arzt mir die kranken Augen ausgestochen, habe ich mich auf Arzneikunde gelegt und habe eine gute Ahnung von den Krankheiten aus der Schärfe meiner übrigen Sinne.« Nun kramte er nach einigen Mitteln. Währenddessen fragte ihn Raphael, ob er nichts von einer geschickten Malerin gehört, die bei den barmherzigen Schwestern wohne. »Wahrscheinlich die Nichte des Kardinals Bibiena,« antwortete Luigi, und Raphael schwieg verlegen.

Ich ging darauf mit Raphael nach der Villa, wo wir von der Mühe der Nacht, an Seelenfeuer erschöpft, den Tag verschnarchten. Uns weckte der Kardinal Bibiena am Mittag, der sich mit Raphael einschloß. Nachdem jener fortgegangen, berichtete mir Raphael, daß Bartolomeo den dummen Streich gemacht, alles Glück dieser Nacht aus Gewissensangst dem Kardinal zu beichten, und sich auf dessen Rat aus Rom entfernt habe; er setzte zögernd hinzu, daß er ihm versprechen müssen, Ghita zu verlassen; es sei ihm in dem Augenblicke leicht vom Munde gegangen, aber jetzt scheine es ihm unmöglich; von ihrem Brote lebe er, für ihr Lob arbeite er, er werde ohne ihren Dank der Welt zum Spott, sich selbst zum Überdruß, in Nichtstun versinken. »Michel Angelo«, sagte er, »mag sagen, daß die Kunst seine Geliebte sei, und daß er keiner andern bedürfe – zu Sibyllen und Propheten steigt man freilich nicht ins Fenster –, wer aber das große Geheimnis der Welt darstellen will, kann sich der Welt nicht verschließen, er darf nicht bei Muskeln und Adern, beim Ausdruck der Extreme stehen bleiben, er muß die Harmonie zwischen Seele und Leib zu erfassen suchen. Mag die Gefahr groß sein und es nur wenigen gelingen, ohne Schaden für beide zum Ziel zu gelangen; ich kann nicht anders, seit Benedetta mir verloren. Ghita ist immer noch besser als alle andren, die ich kannte; und ist's ein Wahn, der mich täuscht, so kann ihn der nur lösen, der ihn mir verliehen. Nicht um Eitelkeit und Geld hat sie sich mir ergeben; sie weiß nichts von leerer Sehnsucht und Unzufriedenheit; ihr Dasein ist Genuß, und die Fülle ihre Liebe zwingt sie zu Verschwendung. Sie läßt andre mitgenießen; denn wie wenig Zeit kann ich ihr schenken? Sie mischt sich nicht in meine Kunst, aber sie weiß mich zur Kunst aufzumuntern; sie verschleiert mir die Sorgen des täglichen Lebens, sie will mich nicht lenken, ich brauche sie nicht zu beherrschen; bald ist sie meine Seele, bald mein Leib, aber nie will sie beides zugleich sein: und darum sind wir einander notwendig. Sie ist der Boden, der mich trägt; mit Benedetta hätte ich fliegen können, aber wer weiß es nicht, daß er nicht immer fliegen kann.«

Mit herunterhängendem Unterkiefer hörte ich dieser Herzensergießung zu; ich staunte, weil ich nun deutlich vernommen, daß ihre Untreue ihm längst bekannt war. Er wurde jetzt vertraulicher und beriet sich mit mir, wie ihren kleinen Fehlern vorzubeugen, wie ich ihren Wein heimlich mit Wasser mischen solle, daß sie sich nicht übernehme, oder wie er sich ausdrückte, daß der Wein ihrer Gesundheit nicht schade; auch solle immer nur eine gewisse Zahl von Flaschen vorrätig sein. Das Brettspiel solle ich auch künftig zu verstecken suchen, die Malergesellen nähmen ihr nur das Geld ab; auch solle ich die alten Frauen nicht einlassen, welche ihr gegen Unterpfänder etwas liehen. Zuletzt bat er mich, vor der Welt als ihr Geliebter zu erscheinen; denn er fürchte von dem Kardinal nach dieser Nacht manche ernste Einsprache. Ich fügte mich in alles und versprach, meine Kupferstichpresse zwischen dem Zimmer Raphaels und dem der Ghita aufzuschlagen. Ghita, die viel schlimmere Ahndung ihres Frevels befürchtet hatte, nachdem sie der Kardinal mit Ketten und Banden bedroht hatte, nahm diese kleine häusliche Änderung ohne Widerspruch an; denn sie wußte, daß sie mit mir nach ihrem Gefallen schalten konnte. In dieser Zeit hatte Raphael den Entwurf seiner Verklärung beendigt. Es war Abend, und über den Himmel zog ein vielstrahliger, verfliegender Stern. Er rief aus, daß damals, als er Benedetten zum letzten Male gesehen, ein ähnlicher Stern geflogen sei. Gleich benutzte er dies zu einer artigen Erfindung und sang zur Laute:

Ich sehe ihn wieder
Den lieblichen Stern,
Er winket hernieder,
Er nahte mir gern;
Die Haare ihm fliegen,
Er eilet mir zu!
Das Volk träumt von Kriegen,
Ich träume von Ruh;
Die andern sich deuten,
Was künftig, daraus;
Vergangene Zeiten
Mir leuchten ins Haus.

Der Einfall gefiel ihm, und in solcher Stimmung dachte er gern an neue Arbeiten. Es fiel ihm der Auftrag der Mönche in Piacenza ein, eine Madonna mit dem Kinde in himmlischer Erscheinung vor dem heiligen Sixt und der heiligen Barbara zu malen. Nach meiner Gewohnheit legte ich ihm das Reißbrett vor, spitzte den Rötel und strich ihm die Haare glatt, die wie jene Strahlen der Lufterscheinung aufflogen und ein Feuer auf seiner Stirn durchblicken ließen, das wohl dem schützenden St. Elmo-Feuer am Maste verglichen werden kann, wenn der Meersturm aufbraust. Als er länger bei der Arbeit verweilte, schlug ich die Laute im Nebenzimmer und reichte ihm Eiswasser mit Fruchtsaft zu seiner Erfrischung. Dann fragte er mich wohl aus Güte um Rat und behauptete, ich sähe richtiger als Maler vom Handwerk, weil ich mich nicht an Schulen und Methoden gebunden hätte. Schüttelte ich mit dem Kopfe, dann ward er erst einen Augenblick sehr böse und sagte, mir sei nichts recht, er könne sich mit aller Anstrengung abarbeiten, und er verstände doch auch seine Sache. Dann aber meinte er, ich könne doch wohl recht haben, und weil es gemeiniglich nur auf eine kleine Verzeichnung ankam, probierte er die Stellung oder das Gewand gleich an mir selbst, zu welchem Behuf ich so eingeübt war, meine Kleider abzustreifen und zu ändern, Gewänder anzulegen, als ob ich die Komödie Calandra des schielenden Kardinals Bibiena, zu der er mich auch benutzt hatte, jeden Augenblick mit einem neuen, langweiligen Aufzuge bereichern wolle. Was könnte ich Euch von dieser verdammten Komödiengeschichte erzählen, zu der unser Raphael erniedrigt wurde, Theaterverzierungen und Kleider zu zeichnen, weil die Gelehrten behaupteten, das sei die erste rechte, wahre und regelmäßige Komödie. Ich erwähne es aber nur, um zu sagen, wie Raphael sich allen hingab, und fahre fort zu berichten, wie es bei großen Werken zuging. Wo meine Gestalt zu Modellen nicht passen wollte, – Ihr wißt, ich bin etwas derb und untersetzt und tauge weder zu einem Apoll noch zu einem Heiligen –, da mußte ich ihm aus meiner Familie etwas aussuchen, deren werte Glieder sämtlich lieber müßig standen als arbeiteten, und immer mehr wert waren als der mit Draht verbundene Knochenmann, den Michel Angelo sich zurechtstellte. Raphael sagte dann wohl verwundert: »Hat so ein Galgenvogel auch schon dreimal auf der Galeere gesessen, es hat doch Gottes Abglanz in seinem Gesichte nicht ganz verlöschen können, und der beste Mensch kann nicht erdenken, was sich vom schlechtesten Menschen absehen läßt; denn da scheidet sich vor dem Auge des Künstlers die unendliche Bestimmung des Menschen, die auch in seinem Äußern ausgeprägt ist, von der Unbestimmtheit und Hemmung, in welcher er von Gottes Wegen abirrte.« – Ich hatte ihm also zum heiligen Sixt und zur Barbara Modelle geschafft, um jenes Bild, welches man nach Piacenza verlangte, durchzuarbeiten, und hatte eben mit einigen Händen voll Kastanien und einiger Münze meinen alten Großvater und meine Schwägerin abgelohnt, als ich ihn fragte, ob ich das Modell zur heiligen Mutter eintreten lassen sollte. »Es ist nicht nötig«, sagte er mit einer Rührung, zu der ihm sonst bei der Arbeit die Zeit fehlte, »das Beste ist der Feind des Guten, und die Beste, wie sie morgens aus ihrem Hofe liebevoll in die Welt blickte, ist mir, seit ich das Marmorbild wiedergesehen, so gegenwärtig, daß ich an nichts andres denken kann! Nie war sie herrlicher, als wenn sie morgens in ihrem leichten Gewande hervortrat; sie ging nicht, sie schwebte in ihrem Morgengewande, und ihre himmlischen Glieder herrschten über jede Schranke der Gewohnheit.« – »Aber«, fragte ich verwundert, »war sie denn damals schon so vollendet in ihrem Wesen, wie Ihr sie aufs Brett gezeichnet habt?« – Raphael stützte die Hand unter sein Kinn, sah in die Luft und rief: »Gewiß, so müßte sie jetzt aussehen, wenn sie noch lebte!« – »Oh, könnte ich sie Euch wiederbringen«, rief ich, »ich lief mich nach ihr zu Tode.« – Raphael fuhr auf und ging finster umher, dann sagte er: »Ich vermöchte es nicht, ihren Anblick zu ertragen; auch ich war einmal ein guter Engel, aber nur solange ihre Nähe mich bewahrte. Nur im Bilde kann ich sie jetzt ertragen, und es geht mir wie die Welt bei allen den Bildern voll wunderbarer Begebenheiten: sollten wir sie erleben, wir Schwachen wendeten alle den Kopf weg, wie jener auf meiner Verklärung. – Dies Antlitz ist wahrlich lieblich, gedankenvoll sinnend – der Herr verzeihe mir, wenn ich frevle: ich meine, Gott könne dem Flehen eines solchen Antlitzes nicht widerstehen; ja ich meine, es sei die wahre Fürsprecherin. Aber sollte ich diesen Kopf immer malen, ich ertrüge es nicht; und darum erfreuen mich manchmal verkehrte Aufträge, denn sie erfrischen mich. Mein Vater in seiner göttlichen Ruhe konnte das immer nach einer Richtung fortarbeiten, ihm hätte ich allein folgen sollen; allein von ihm getragen, wär' ich zu einer Höhe gelangt, wo nur ein ganz reiner Mensch hätte bestehen können. Das Urteil der Welt, die Versuchung zum Bösen traten zu mir; ich wollte auch wie dieser und jener malen, ich fühlte, daß ich dies auch erreichen könnte: so blieb ich nicht mehr ganz Raphael; eine Hand gab ich nur meinem Schutzheiligen, die andre reichte ich manchem Unheiligen dar. Nun ist's zu spät!« – Ich umfaßte seine Knie, ich flehte ihn an, diese traurige Ahnung von sich abzuwälzen, die ihn endlich erdrücken müsse. Selbst zu einem Heiligen, meinte ich, habe er noch genug Stoff in sich; er habe noch Zeit, zum Kreuzwege zurückzugehen, wo sich die Wege trennen. – »Ich bin zum Brote gewöhnt«, antwortete er, »zum Brote der Ghita; das führt mich ab vom Brote des Lebens, und ich folge ihr wie ein Fisch an der Angel. Ich will den Schmerz und die Lust dulden; in meinen Werken soll die Welt nichts davon ahnen, ich will ihr übergeben, was gut in mir blieb.«

Nach dieser Erklärung war es mir um so befremdender, daß die unschicklichen Bilder aus der Göttergeschichte in dem neu eingerichteten Schlafzimmer, wo ich, als scheinbarer Verehrer von Ghita, jetzt selbst mit meiner Druckerpresse eingezogen war, fortrückten und ganz unleugbar Raphaels Pinsel zeigten; er mochte immerhin sagen, daß die Affengestalt sie male. Noch seltsamer war es mir, daß ich nachts daran gemalt sah, ohne daß ich von irgendeinem Geräusche geweckt worden, obgleich ich seit früher Jugend bei gesundem Schlafe doch sehr leicht zu erwecken war. Wohl hatte ich Diebe gekannt, die wachsame Hunde durch ihren Anhauch schlaftrunken machen konnten; und da kam ich auf die Vermutung, daß Ähnliches mir geschehn. Noch ein andres Ereignis trieb mich zur Aufmerksamkeit. Niemand als ich konnte Keller und Vorratskammer öffnen – es lag ein sehr künstliches Geheimnis in den Schlössern – , und doch wurden nachts die Schlösser geöffnet und verschlossen, und Wein und Speisen fehlten dann morgens. Ich wollte also wachen, ich hielt mich wach; als aber Ghita im Nebenzimmer sich mit zwei alten Frauen, wie sie behauptete, mit ihren Spindeln niedersetzte, schlief ich ein, und aller Vorsatz zu wachen half nichts. So wäre es vielleicht immer zugegangen, ohne daß ich hinter den Vorhang hätte schauen dürfen; aber da kam uns die Blindheit des Luigi in einer Nacht zu Hilfe. Er hatte von einem kranken deutschen Maler ein Geschenk des berühmten Albrecht Dürer an Raphael zu bestellen übernommen, das Dürer selbst in bunten Farben auf Pergament sehr zierlich darstellte, und hinter ihm die Stadt Nürnberg. Luigi wußte nicht, ob es Tag oder Nacht war, und da er die Haustüre Raphaels offen fand, aus der Ghita zu einem Geliebten entwichen, stieg er die Treppe hinauf, zu der auch ich nachtwandelnd mit dem Kellerschlüssel hinaufstieg. Er faßte mich zutraulich an und ermunterte mich dadurch; ich glaubte, als ich erwachte, daß ich von Sinnen sei, und suchte vergebens durch Besinnen herauszubringen, wie ich in diesen Zustand gekommen. Er konnte meine Verwunderung nicht begreifen und fragte nach Raphael, der ihm diese Seltsamkeit aufklären sollte. So kam er, ohne daß ich ihn führte, in das zum Schlafen ehemals bestimmte Zimmer, in welchem der Affe seine Malerkunst geübt hatte, wo ich aber seitdem mein Bett aufgeschlagen hatte. Mit Staunen sah ich Raphael auf meinem Bett im roten Mantel liegen, den sogenannten Affen aber neben einer hellen Lampe eifrig malen, und zwar in der Kleidung eines Bäckers, die Ärmel aufgestreift und ganz mit Mehl bedeckt. Im Nebenzimmer sah ich neben der verlassenen Spindel Ghitas den eingekneteten Teig, der sich mächtig dehnte. Ich hielt Luigi zurück, daß er nicht laut wurde. Mit geschlossenem Auge schien Raphael alles zu sehen, was die Affengestalt machte, und kommandierte wie ein Feldhauptmann. »Am rechten Beine«, rief er, »mehr Weiß; mehr Rot in den Schatten!« Der Automat führte alles genau aus, es war etwas von Raphael in seinem Pinsel. Ich berichtete dem Luigi alles leise ins Ohr, und als er von der Spindel im Nebenzimmer hörte, versicherte er mir, daß er nun alles einsehe, und bat mich gleich, nur den Faden von der Spindel zu zerreißen. Das tat ich, der sogenannte Affe warf die Palette und den Malerstock weg und sprang furchtsam in sein Winkelchen. Raphael veränderte seine Lage im Bett nicht. Luigi trat zu ihm mit einem Gruße aus frühen Jahren, der ungefähr so viel bedeutete wie: Die Morgenstund hat Gold im Mund. Raphael erwachte, freute sich seiner seltenen Nähe, klagte aber, daß er von einem Traume sich gequält fühle, als ob er eine ganze Herde Affen, die sich für seine Schüler ausgegeben, unterrichtet habe. Luigi meinte, es könne wohl wahr werden, und überreichte ihm das Dürersche Bild mit der Erzählung, wie es ihm durch einen kranken Deutschen übergeben worden, der sich Bäbe nenne und aus Nürnberg gebürtig, ein Neffe des berühmten Dürer sei. »Ach mein Bruder!« rief der sogenannte Affe im Winkel. Der Schmerz erpreßte dem bisher Stummen die deutschen Worte, deren Sinn ich nur allein verstand, weil ich von zwei Schülern des Mark Anton diese schwere Sprache durch Übung ziemlich erlernt hatte. »Du kannst sprechen«, sagte ich auf Deutsch zu ihm, »gestehe sogleich, wer du bist!« Ich schleppte ihn hervor und brachte ihn zu dem Tische, wo das zierliche Bildnis Dürers in Wasserfarben, hinter ihm die Stadt Nürnberg, aufgerollt lag. Als er dies Bild gesehen, öffneten sich seine Augen wie Schleusen; er klammerte sich an Raphael an und fing an ebenso entsetzlich viel zu schwatzen, als er bisher stumm gewesen. Euch wird ein Auszug genug sein, der alle seine Lebensumstände enthält. »Bäbe«, berichtete er, »heißt mein Bruder, Bäbe hieß mein Vater, Bäbe heiße ich; wir sind alle Bäcker von Geburt und durch unsern Oheim mütterlicher Seite, durch den großen Dürer, zur Malprofession erst später angeleitet worden. Seht da auf dem Bilde das Haus, wo ich geboren, der hohe Schornstein geht aus der Backstube heraus. Mein Vater und meine Mutter sind von großer Leibesbeschaffenheit; ich wäre es auch geworden, wenn ich nicht von meiner Mutter einmal aus Versehen auf den Backofen statt in die Wiege gelegt worden wäre. Dadurch erhielt ich meine kleine etwas unansehnliche Leibesbeschaffenheit, bei einem Geiste, der allem Großen nachstrebte. – Ghitas Schönheit machte mich zu ihrem Gefangenen, als ich der Malerei wegen, nach den Proben, die ich von Raphael bei Meister Dürer gesehen, Italien besuchte. Als Maler fand ich bei ihr keinen Eingang, wohl aber als Bäcker, als ich ihr die Künste meines Vaters in köstlichen Backwerken vormachte, die allgemeinen Beifall erhielten. Sie beschloß mich deswegen zu heiraten, doch unter der Bedingung, daß ich nicht als Mann, sondern als ihr stummer Diener und Gehilfe in ihrem Hause lebte, sie auch nie in ihrer Lebensweise stören dürfte. Dem armen verbackenen Bäbe war dies ein Glück, da er ohne äußere Hilfsmittel, bei seiner körperlichen Beschaffenheit und einem seltenen Unvermögen, das Italienische sprechen zu lernen, in Italien schwerlich sein Fortkommen gefunden hätte. Aber noch mehr; durch Ghitas Verbindung mit Raphael wurde mir auch das Glück zuteil, von ihm zu lernen und mit ihm zu malen. Nun flehe ich Euch an, stört den armen Bäbe nicht in seinem Glück, verratet nicht an Ghita, daß er geplaudert hat, schützet ihn, wenn sie es durch ihre Kunst erfährt.« Kaum hatte er seinen Bericht geendet, so trat Ghita, die nichts von dem Vorgange ahndete, glänzend geschmückt, doch mit zerstreuten Locken und müden Augen ins Zimmer. Nur einen Augenblick schien sie betroffen; dann mußte sie ohne Maß und Anstand über die Gesellschaft lachen. Raphael lachte gleich mit, er schien bei ihrem Anblicke allen Zorn vergessen zu haben, vielmehr setzte er sich die Brille auf, um sie recht genau zu betrachten. Luigi konnte seine Vorwürfe wegen der Zauberspindel nicht unterdrücken, die mich und Raphael zu Nachtwandlern gemacht, und daß sie ihren Eheherrn gleich einem Affen in ihrem Hause behandelt habe. Ghita antwortete drohend: »Er hat geplaudert, und so sind wir geschieden! Nur Güte war es von mir, daß ich so lange ein so unleidliches Geschöpf in meiner Nähe geduldet.« Bäbe wollte sich zuerst zornig anstellen, sprang ihr aber dann wieder mit einem komischen Sprunge um den Hals und schwur, daß er nicht von ihr lassen könne, auch wenn sie ihn für ein noch viel fataleres Tier ausgegeben hätte. Luigi erkannte wohl, daß Raphael keines ernsten Schrittes zu seiner Rettung fähig sei; er ging fort, was Raphael auch dagegen einwenden mochte. Unter diesen Umständen hielt ich es für ratsam, meinen Frieden mit der reizenden Zauberin ebenfalls abzuschließen, und fragte, ob sie nicht irgendeiner Erfrischung nach so unruhiger Nacht bedürfe. Als sie mit dem Kopfe mir freundlich nickte, deckte ich ein Tischtuch über Dürers Zeichnung und trug herbei, was ich, in meinem Nachtwandeln gestört, hatte stehen lassen, eine Reihe Flaschen, eine Wachtelpastete und eingemachte Früchte. Raphael füllte die Gläser, rief ein Lebehoch aus allem Liebeszauber, und Ghita sang ein Lied mit ihrer vollen und bequemen Stimme, ungefähr folgenden Inhalts:

Klagt, ihr Maler, die mich küßten,
Vor dem geistlichen Gericht,
Daß ich zaubre, allen Christen
Zeige ich mein Angesicht,
Das ihr zaubernd habt gemalet
Und erhöhet zum Altar;
Reichlich ward es euch bezahlet,
Wunder wirkt's das ganze Jahr.

Gönnt mir auch die Zaubereien,
Zaubert nicht allein, ihr Herrn;
In den ersten Liebeleien
Duldetet ihr Zaubern gern,
Rühmtet es als Gnadensegen,
Als der Schönheit Eigentum,
Zöget Pinsel, zöget Degen,
Froh zu schützen meinen Ruhm.

Wie, ihr wollt mich fast enthaupten,
Mich versenken tief ins Meer,
Die mich um mein Bild beraubten –?
Denn nun schein ich euch so leer, –
Lästig scheinet euch der Faden,
Der euch fleißig nachts umspann?
Hat euch neue Lust geladen,
Klaget ihr mich darum an?

Jede Frau ist eine Hexe;
Doch in erster Frühlingszeit
Glänzen lieblich die Gewächse,
Die ihr dann als Gift verschreit;
Und die Küsse sind vergessen,
Ist ihr Zauber winterkalt;
Von dem Teufel scheint besessen,
Was sonst Amors Allgewalt.

Raphael und Bäbe baten zu gleicher Zeit um Vergebung; mir aber schauderte, denn ich glaubte wirklich einige Augenblicke Ghita in einen schwarzen Bock verwandelt zu sehen, während Raphael sie liebkosend begütigte und Bäbe zu ihren Füßen vor ihr kniete. Ich wurde fortgeschickt.

Am Morgen schien es, als ob nachts gar nichts vorgefallen sei, alles ging seinen gewohnten Gang. Ich merkte, daß Raphael jede Erinnerung dieser Ereignisse durch Anstrengung bei seiner Arbeit vergessen wollte. Aber Luigi hatte sich bei der Sache nicht beruhigt, sondern alles dem Kardinal Bibiena vorgetragen. Dieser ließ Raphael unter dem Verwande, daß er kränklich sei, ersuchen, die Madonna mit dem heiligen Sixtus in sein Haus zu schicken, um sie dort zu beendigen. Raphael mußte diese Bitte gewähren und rief in einem mir fremdartigen Überdrusse dem Bilde nach: »O Savonarola, wie oft habe ich deiner gespottet, daß du die Florentiner durch Strafreden dahin brachtest, ihre schönsten Bilder auf einem Scheiterhaufen am Markte zu verbrennen! Könnte ich auch nur ein solches Feuer mit allen meinen sündlichen Werken entzünden, das mich und die Welt zu reinigen vermöchte; aber sie gehören mir nicht mehr, und mit allem Fleiße könnte ich nicht mehr so viel verdienen, um sie zurückzukaufen und sie zu vernichten. Doch dies eine würde ich vor dem Feuer bewahren!«

Raphael kam abends bleich und entstellt nach Hause, und was mich entsetzte, ich fand sein Haupthaar, das ich abends durchzukämmen pflegte, ehe ich es in ein seidnes Netz steckte – dies schöne, braunschwarze Haupthaar fand ich zur Hälfte gebleicht. Er sagte mir mit leiser Stimme: »Ich habe zwei Söhne, denk dir mein Glück. Ich habe sie heute gemalt, ohne es zu wissen.« – Mir fiel, wahrscheinlich bei den weißen Haaren und bei den Kindern, die Prophezeiung wegen seines Todes ein; ich zitterte und sucht' es zu verbergen. Er fuhr fort: »Du bist verwundert! Ja, herrliche Knaben sind es, du kannst sie sehen auf dem Bilde der Madonna mit dem heiligen Sixtus; unten, wo mich der leere Raum ärgerte, da stehen sie übergelehnt hinaufblickend mit bunten Flügeln. Ich fand sie vor dem Bilde, sie riefen meine Jungfrau als Mutter an und blickten gerade so über eine Stuhllehne. Ich kannte sie nicht, aber sie gehörten zum Bilde, ich malte sie mit einem Hauche. Als ich mit dem Untermalen fertig, trat der Kardinal ein, schien verlegen und schickte die Kinder fort; dann fragte er, ob ich wünsche, daß dies meine Kinder wären. Ich antwortete, daß es mich glücklich machen würde. Er wurde ernst, wandte mich seitwärts um und sprach: »Es sind deine Kinder, nimm sie an aus der Hand, die sie erhalten.« Ich blicke hin, und wie eine Erscheinung steht da das Vorbild meines Bildes der Himmlischen, aber wie ein Geist neben dem Körper, und an ihrem Finger glänzt jener entscheidende Ring, den Benedetta von der Statue erhielt. Sie führt mir die Kinder zu, sie zeigt mir den Ring, es ist Benedetta – kaum kann ich's vor Herzklopfen erzählen! Der Kardinal erinnert mich an mein Versprechen, seine Nichte zu heiraten, und stellt mir Benedetta als seine Nichte vor. Was kann ich tun; ich sage ihr, daß sie den Ring besitze, sie möge die Hand annehmen. Sie bittet mich, nichts zu übereilen, sie sei auf ewig mir verbunden durch den Ring wie durch ihre Gesinnung, aber sie zweifle, ob auch ich ihr schon verbunden sein könne. Sie eröffnete mir, diese Kinder seien von Ghita geboren und durch eine Alte eben jener heiligen Mutter ohne Kind in die Arme gelegt, die ihr Oheim, der Kardinal, wegen ihrer Verehrung gegen dieselbe schon in früherer Zeit, ehe er noch Kardinal gewesen, aus Urbino nach Rom habe bringen und in jener neuen Kirche der barmherzigen Schwestern aufstellen lassen. Es sei, erfuhr ich nun, dieselbe, die damals Benedetten den Ring gegönnt hatte; Andächtige hatten sie seitdem geschmückt und Benedetta die ihr geweihte Kirche mit Gemälden nach meiner Erfindung.« – »Wunderbar«, sprach ich zu Raphael, »hatten wir doch ganz wieder jenes Marmorbild und alle diese Bilder vergessen!« – »Ich nicht«, erwiderte Raphael, »denn ich hatte gesehen, wie sie nach mir die Teller gemalt hatte; – aber ich scheute mich vor der Aufklärung. – Nun war alles in wenig Augenblicken klar; nur ihr Entschluß zur Vermählung mit mir fehlte, obgleich ihr der Oheim vorhielt, daß sie bloß wegen der Neigung, die sie zu mir gehegt, den Schleier nicht angenommen habe. Er erinnerte sie daran, wie sie mein Haus, gleich einem Schutzgeist, umgeben und täglich für mich gebetet und geweint habe. Sie aber blieb ruhig bei ihrem Sinne: ihr sei es nur Pflicht, das Band der Sünde zu trennen, das mich mit einer Gottlosen verbinde, weiter denke sie nicht. Mir war durch alles, was ich vernommen, der Schleier zerrissen, ich erkannte das Brot des Verderbens, das mich von dem Brote der Gnade zurückgehalten, ich sank bewußtlos vor Benedettens Füßen hin. Ein langer, schwerer Traum überfiel mich. Ich glaubte mich in diesem Traume vermählt mit Benedetta; sie stand göttlich-rein neben mir, und das war mein Fegfeuer. Sie war über irdische Lust erhaben, sie ragte wie ein Schneeberg über mich hinaus; keine Erfindung glaubte ich ihrer Größe wert, die Kunst schwand mit allem Reiz, Böses und Gutes blieb mir gleich fern. Mich ergriff eine Sehnsucht nach der Sünde, um die empfundene Leere zu füllen, ich glaubte mich in die Tiber zu stürzen – als ich erwachte. Ich fand, daß ich nur ein paar Stunden in dem Zustande zugebracht, der mir viele Jahre gedauert zu haben schien. Luigis stärkende Arzneien hatten mich wieder belebt, aber ich sehnte mich stärker als je nach Ghitas stärkendem Kusse, ich fürchte, daß diese Gewalt nur mit dem Leben von mir ablassen werde! – In diesem Augenblicke rief Ghita Raphaels Namen mit größer Ängstlichkeit aus dem Nebenzimmer. Ich fürchtete, daß sie uns belauscht, und zweifle nicht, daß Raphael ihren Ruf nicht mehr beachten werde. Aber in ihm schienen bei dem Rufe alle gute Vorsätze verwischt. Er sprach, daß er doch sehen müsse, warum sie so ängstlich rufe; aber ich hielt ihn fest. Sie rief zum zweiten und dritten Male. Er wollte sich losreißen, aber ich war stärker. Er wünschte mich zu allen Teufeln und sagte, es könne im Nebenzimmer ein Unglück geschehen. Da fiel mir das Bekreuzigen und Beschwören ein, wie es mein Vetter, der Kapuziner, mit seltsamen Worten zu treiben pflegte. Der Teufel verstand sie besser als ich, Raphael ergab sich und blieb. Der Teufel aber suchte mich zu stören. Es tobte ein Wirbelwind draußen und warf den Regen gegen die Scheiben; er kam wie ein langer, grauer Mann mit Wasserhosen, die er in der Tiber angezogen, mit einer roten Zunge, die er gen Himmel streckte, auf das Haus zu und schlüpfte dann, wie eine kleine Fledermaus, durch die zerbrochene Scheibe. Ich fürchte dieses Tier, daß ich davor zittre; diesmal aber behielt ich den Mut und nagelte es mit meinem Messer durch einen Flügel an die Tür fest und tauchte es dann in ein Gefäß voll Firnis, worin es den Geist aufgab. Ich kann es Euch als Beleg der Wahrheit meiner Erzählung noch jetzt vorzeigen und mir wohl den Ruhm beilegen, den Teufel aus der Welt vertilgt zu haben, so daß seitdem auch wenig mehr von ihm die Rede gewesen. Mögen die Herren Naturforscher behaupten, es sei eine gewöhnliche Fledermaus, wie es deren noch unzählige gibt, gewesen; ich weiß, was ich weiß, und wie sie sich vor mir verwandelte!

Während dieses Gefechts mit dem Teufel war Benedetta mit Luigi und einem Geistlichen eingetreten. Ich hatte sie gleich aus den Gemälden erkannt, überließ ihr den verehrten Meister und ließ mich in meinem Kriegszuge gegen den Teufel um so weniger stören.

Der Geistliche mußte sich auf Raphaels Bitte, der sich sehr schwach fühlte, nach Ghita umschauen. Er fand sie von dem zornigen Bäbe fast umgebracht, weil sie ihn, zur Strafe seiner Schwatzhaftigkeit, in den heißen Ofen hatte einsperren wollen. Nun war er glücklich durch das Fenster entkommen, obgleich er eine große Mappe voll Raphaelischer Zeichnungen mit sich fortgetragen, die ich späterhin in Deutschland mit großen Geldsummen bezahlen sah. Luigi flößte unterdessen unserm Raphael stärkende Mittel ein, während Benedetta zu seinen Füßen für ihn auf den Knien betete. Was sie weiter mit ihm vorgenommen haben, kann ich nicht berichten; denn der Geistliche, der meine Tapferkeit gegen den Teufel mit großer Verwunderung bemerkt hatte, vertraute mir Ghita an, damit ich sie ungesäumt zu den barmherzigen Schwestern bringen möchte, um ihren verwundeten Leib und ihre noch kränkere Seele zu heilen. Als ich aber wiederkam, fand ich Luigi an Raphaels Bett in großem Streite mit Meister Galeno, dem Leibarzte des Papstes, den dieser zur Erhaltung seines Raphaels gesendet hatte, ohne zu ahnen, daß es sein Verderben wäre. Ich hörte wohl, daß Galeno zu den Ärzten gehörte, die alles bis zu einem gewissen Grade versuchen und dann zum Entgegengesetzten übergehen. So hatte er die stärkende Arznei Luigis sehr gelobt, dann aber Aderlässe und schwächende Mittel verordnet. Als dies Luigi nicht dulden wollte, so hatte sich Galeno ereifert, wie Luigi die Artigkeit nicht erwidre, die er gegen seine Verordnungen zu erkennen gegeben. Benedetta war in tiefsinnigen Betrachtungen über die Torheit der Menschen versunken, die über das Heil ihres Leibes sich vielfach beraten und dem Heil der Seele kaum einige Augenblicke schenken. Raphael bat Luigi, dem gelehrten Galeno, wie er selbst, zu vertrauen. Zwar wollte erst Luigi sich nicht beschwichtigen lassen; aber was konnte er, ein armer Blinder, gegen Galeno ausrichten, der zu sehen glaubte, den große Achtung bei hohen Herrschaften gleichsam zu ihresgleichen gemacht hatte. Luigi befühlte nur noch Raphaels Kopf und sprach: »Ich will ihn mir bewahren, wenn alle ihn zerstören.« Er ging, von seinem treuen Hunde geleitet, fort, um ihn gleich zu modellieren; und sein Bild ist das ähnlichste aus Raphaels letzten Tagen geblieben.

Gegen Galenos Versicherung stieg Raphaels Fieber mit jeder Stunde. Noch einmal glaubte er sich genesen und malte an der Verklärung, dann versank seine Kraft. Er ließ sich einmal einen Spiegel von mir reichen und verwunderte sich über seine weißen Haare, zeigte auf die Kinder, die ihn umgaben, und erinnerte an die Wahrsagerin. Nachher schien er die Kunde von dem zu verlieren, was ihn umgab; aus seinen Reden schlossen wir, daß er im Geiste bei den Leiden des Herrn zu Jerusalem gegenwärtig zu sein glaubte. Er berichtete alles, was in der Bibel steht, und vieles, was sich sehr wohl damit verbinden ließ und durch seine Wahrheit uns zum Glauben verpflichtete. Endlich glaubte er, an der Seite des Herrn gleiche Strafe zu leiden, weil er den Ruhm aller Maler vor ihm in der Welt verdunkelt habe, und empfing, als es dunkelte, die trostreichen Worte des Herrn, daß er mit ihm im Paradiese sein werde.

So starb Raphael im 37. Jahre seines Lebens, 1520 nach Chr. G., an demselben Tage, der ihn geboren: am Karfreitage. Wie wir seine Leiche ausstellten, mit der Verklärung als seiner letzten Arbeit, das habt Ihr gesehen. Rom starb für einige Stunden aus, um einem Toten seine Trauer zu bezeugen, und die Künstler wanderten zu seinem Grabe, wie die Sünder zu den Gräbern der Heiligen, daß seine Kraft über sie komme. Aber nur Benedetta erreichte zuweilen in der Einsamkeit des Klosters, wonach jene im Geräusche der Welt vergebens strebten, daß sein Geist ihr in heiligen Bildern beistand, von denen jetzt, nach ihrem Hinscheiden, gar manche als Arbeiten Raphaels verkauft werden.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.