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Hjalmar Hjorth Boyesen: Novellen - Kapitel 3
Quellenangabe
authorHjalmar Hjorth Boyesen
titleNovellen
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1885
translatorFriedrich Spielhagen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180521
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Glitzer-Brita.

Zwischen den beiden Familien bestand eine alte Fehde und Bjarne Blakstad war nicht der Mann, die Sache ruhen zu lassen, und ebensowenig Hedie Ullern. So blickten sie denn einander grollend an, so oft sie sich auf der Landstraße begegneten, und sorgten dafür, daß sich ihre Pfade möglich selten kreuzten. Aber wenn Sonntags die Glocken die Gemeinde zusammenriefen, konnten sie es nicht vermeiden, sich auf dem Kirchhof zu treffen; und da einmal – aber es war schon lange her – als die Predigt Bjarnes Herz etwas erweicht, hatte er Hedie zugenickt und gesagt: »Ein schöner Tag heute!« und Hedie hatte zurückgenickt und geantwortet: »Das ist wahr.«

»Nun habe ich meine Pflicht gethan vor Gott und Menschen,« dachte Bjarne; »es ist seine Schuldigkeit, den nächsten Schritt zu thun.« – »Der Kerl ist stolz,« sprach Hedie zu sich selbst, »er will sich mit seinem Edelmut vor den Leuten aufspielen; aber den Wolf erkennt man am Fell, wenn er auch wie ein Lämmchen zu bläken gelernt hat.«

Um was sich der Streit eigentlich drehte, hatten beide so ziemlich vergessen. Sie wußten noch ungefähr, daß es vor einigen dreißig Jahren zwischen dem Pastor und der Gemeinde über das Recht, bewaffnet in der Kirche zu erscheinen, zum Konflikt gekommen war. Damals war Bjarnes Vater der Sprecher der Gemeinde gewesen und Hedies Großvater hatte fest zum Pastor gehalten. Es ging auch die Sage, die beiden Gegner hätten sich irgendwo in den Wäldern getroffen, die Messer wären gezogen worden und der eine hätte eine Wunde nach Haus gebracht. Aber ob die Sache sich wirklich so verhalten, wußte keiner zu sagen.

Bjarne war lang und finster wie die sturmgepeitschten Fichten in seinem Hochwald. Er hatte ein großes, glattrasiertes Gesicht, schmale Lippen und kleine, strenge Augen. Er lachte selten, und wenn er's that, schien sein Lachen strenger als sein Stirnrunzeln. Das Haar trug er lang, wie es seine Väter gethan, und er kleidete sich, wie's vor Jahrhunderten Mode gewesen: die Hosen waren mit großen silbernen Schnallen an den Knieen befestigt und sein rotes Wamms um den Leib mit einem Ledergürtel zusammengehalten. Er liebte alles Alte, in den Sitten wie in der Kleidung, nahm nie ein Zeitungsblatt in die Hand und sah in Eisenbahnen und Dampfschiffen Erfindungen des Teufels. So hatte er auch erst in späteren Jahren geheiratet; der Ehe waren zwei Töchter entsprossen: Brita und Grimhild.

Hedie Ullern galt für einen Emporkömmling. Er konnte nur drei Generationen zurückrechnen, und er selbst wußte kaum, auf welche Weise der Großvater zu dem Gelde gekommen, mit dem er ein Gut kaufen und sich in dem Thale ansiedeln konnte. Er hatte viel gelesen und war in der Tagespolitik wohlbewandert; sein Name hatte sogar einmal auf der Kandidatenliste für den »Storthing« gestanden, und es war die allgemeine Meinung, daß er gewählt worden wäre, da er der einzige »gelehrte« Bauer im ganzen Distrikt, hätte Bjarne Blakstad nicht das schwere Gewicht seines Einflusses in die Gegenschale geworfen. Hedie war auf den Sitzen der Edelleute ein gern gesehener Gast; der Richter und der Pastor luden ihn oft zu ihren L'hombrepartien. Für das alles haßte ihn Bjarne nur um so gründlicher. Hedies Frau, Thorgerda, war rothaarig, groß und stark; auch war sie es, welche die Wirtschaft führte, während ihr Mann seine Bücher las und aus den Zeitungen Politik studierte; dafür erfreute sie sich einer scharfen Zunge und des Respekts ihrer Nachbarn. Sie hatte einen Sohn, Namens Halvard.

Brita Blakstad, Bjarnes älteste Tochter, war ein Mädchen, das anzusehen jedem zur Lust gereichte. Sie liebte Ringe und Broschen und alles, was glänzte. Einst, als sie noch ein Kind war, nahm sie aus dem Wandschrank die in der Familie erbliche alte Brautkrone und trug sie stolz auf dem Köpfchen durch Haus und Hof. »Hüte dich vor der Krone,« hatte der Vater zu ihr gesagt, »und trage sie nicht vor der Zeit. Es haftet nicht immer Segen an dem Brautsilber.« Und sie hatte verwundert aufgeblickt zu den strengen Augen und geantwortet: » Aber es glitzert, Vater!« und von der Zeit an hatten sie sie » Glitzer-Brita« genannt.

Und Glitzer-Brita wuchs auf zu einem schönen, minnelichen Mädchen, und wo sie ging und stand, scharten sich um sie die Freier. Bjarne schüttelte oft den Kopf über sie und hatte harte Worte auf den Lippen, wenn er sah, wie sie leuchtende Feldblumen in ihre Zöpfe flocht und glänzende Spangen an ihr Mieder hakte; aber ein Blick oder ein Lächeln von ihr entwaffneten ihn völlig. Sie hatte eine fröhliche Weise, die Dinge zu thun, daß alles wie Spiel erschien; aber die Arbeit flog ihr nur so von der Hand, während ihr helles Lachen das Haus durchschallte und ihre sonnige Gegenwart das Dunkel der altertümlichen Räume lichtete. In ihrer Küche schimmerten die langen Reihen der Kupfertöpfe und Kessel von den Wänden, auf den Regalen oben standen die blankgescheuerten Milcheimer wie Soldaten auf der Parade. Bjarne konnte stundenlang sitzen und ihr zusehen, und dann kam's wie Frühlingsahnen über sein altes Herz. Ihr stattlicher Wuchs und ihre prächtige Frauenschöne erfüllten ihn mit Vaterstolz. »Ah,« sprach er wohl bei sich, »sie hat in ihren Adern das echte Bjarneblut, und so wahr ich lebe, sie soll das Gut haben.«

Und dann verstattete er sich, ganz gegen seine Gewohnheit, ein wenig zu träumen und sich die Zeit auszumalen, da er als ein alter Mann ihr das Gut übergeben und sie, eine würdige Hausfrau, bei Tisch den Vorsitz hatte, und er ihre Kinder aus den Knieen schaukelte. So war es denn selbstverständlich, daß er die jungen Burschen, die nun ins Haus zu schwärmen begannen, scharf aufs Korn nahm, und am schärfsten die, welche Sonnabend Abend zu Besuch kamen. In den ländlichen Distrikten Norwegens wird der Sonnabend Abend für den »Freier-Abend« gehalten. Anm. des Verf.

Mittlerweile war Brita zwanzig Jahre alt geworden, und der Vater meinte, daß es nun Zeit für sie sei, eine Wahl zu treffen. Es gab viele schmucke, brave Burschen im Thal und, meinte der Vater, Brita ist klug und wird sich den schmucksten und bravsten wählen.

So that er denn, als der Winter kam, die Thüren weit auf für die Jugend des Kirchspiels und gab große Gesellschaften mit Bier und Met in der gastfreien Weise der guten alten Zeit. Er ließ sich sogar manchmal mit den jungen Leuten in ein Gespräch ein, forderte sie auf, wacker zu trinken und sich im Springtanz rüstig zu schwingen. Und Brita lachte und tanzte, daß die langen Flechten um sie flogen, und die silbernen Spangen an ihrem Busen klangen. Aber wenn die Lustbarkeit vorüber und einer von den Burschen zurückgeblieben war, ihr einen Antrag zu machen, wurde sie plötzlich ernst, sagte, daß sie noch zu jung sei, daß sie ihr Herz noch nicht befragt und keine Zeit gehabt habe, eine so schwierige Angelegenheit gehörig zu überlegen. So ging der Winter hin und der Sommer stand vor der Thür.

In der Mitte des Juni ging Brita mit der Herde auf den Saeter; Der Saeter ist ein Platz auf den Bergen, wo die norwegischen Bauern während des Sommers das Vieh hegen. Jedes größere Gut hat seinen eigenen Saeter mit einer oder mehreren von Planken oder Steinmauern umgebenen Sennhütten.
Anm. d. Verf.
ihre Schwester Grimhild blieb unten für die Hauswirtschaft. Brita liebte das Leben auf den Bergen; die tiefe Einsamkeit machte sie wohl manchmal melancholisch, aber es war keine schlimme Melancholie, eher ein sanftes Abtönen der allzu lebhaften Empfindungen. Da oben im Herzen des Urwaldes war ihr's, als ob ihr ganzes Wesen zu einem Zusammenklang all der melodischen Töne wurde, die um sie her atmeten und flüsterten und rauschten. Und die Stille, die Welteinsamkeit deuteten ihr den Sinn der alten Märchen, und das Geheimnis der Natur, als deren Kind sie sich fühlte, viel, viel mehr als an irgend einem anderen Ort.

Eines Abends, als die Sonne schon tief stand und ein bläulicher Purpurduft wie ein dünner Schleier über den Wipfeln des Waldes hing, hatte Brita ihr Strickzeug genommen und sich auf einen großen moosbewachsenen Stein der Halde gesetzt. Ihre Blicke wanderten, wie so oft, über das Thal, das sich ja in der Tiefe unter ihr breitete; sie konnte das Dach ihres Vaterhauses erkennen, wie es rötlich zwischen den Fichtenwipfeln hervorschaute. Was schafften sie in diesem Augenblick da unten? War Grimhild mit dem Melken fertig? War der Vater von der Schwemme zurück, wohin er um diese Stunde selbst mit den Knechten die Pferde zu reiten pflegte?

Während sie also sann, knackte es in dem trockenen Gezweig neben ihr. Sie hob die Augen auf und erblickte einen großen, etwas plump gebauten jungen Menschen, der eben aus den Büschen trat. Er hatte eine breite, aber niedrige Stirn, das Flachshaar hing ihm über ein Paar stumpfer Augen, die Brita sofort an die ihrer Kühe mahnten; sein großer, halb offenstehender Mund zeigte zwei Reihen starker, blendend weißer Zähne. Die rote Spitzmütze hing ihm im Nacken, und obgleich es Sommer war, hatte er die dicke, wattierte Weste bis an den Hals zugeknöpft; über den rechten Arm hatte er die Jacke geworfen, in der Hand trug er einen Pferdezaum.

»Guten Abend,« sagte Brita, »und Dank für die letzte Begegnung,« Der landläufige norwegische Bauerngruß. Anm. d. Vers. obgleich sie keineswegs sicher war, den jungen Mann jemals vorher gesehen zu haben.

»Es ist wegen der rotbraunen Mähre,« erwiderte er in halb entschuldigendem Ton und schüttelte zu weiterer Erklärung den Zaum.

»Ach, du hast ein Pferd verloren,« sagte das Mädchen, ohne sich eines Lächelns über seine Hilflosigkeit und Ungeschicktheit erwehren zu können.

»Ja, es war die rotbraune,« antwortete er in derselben zaghaften Weise; und dann, durch ihr Lächeln ermutigt, streckte er sich ein wenig und fuhr etwas fließender fort: »Es war nicht richtig mit ihr im Kopf, seit die Wölfe hinter ihr her waren; und seitdem wir ihr das Füllen genommen, quält sie sich mit der Milch und ist wie ausgetauscht.«

»Ich habe sie hier nirgends gesehen,« sagte Brita; »du magst noch weit zu laufen haben, bevor du auf ihre Spur kommst.«

»Ja, das wird wohl richtig sein,« erwiderte er, »und ich bin schon so müde.«

»Willst du dich nicht setzen und dich ausruhen?«

Er nahm vorsichtig auf dem Rasen Platz und gewann allmählich so viel Mut, ihr gerade ins Gesicht zu blicken. Zuletzt blieben seine stumpfen Augen an ihr haften; und sie sah wohl, wie voll von Ueberraschung und Bewunderung diese Augen waren. Allmählich zog sich sein Mund zu einem Lächeln auseinander. Es war ein trübes Lächeln.

Brita hatte vom ersten Moment die seltsame Empfindung gehabt, daß sie ihm ihren Schutz angedeihen lassen müsse wie einem Mädchen oder einem Mann, der nicht ihresgleichen war. So machte er denn auch trotz seines gewaltigen Körpers keineswegs den Eindruck der Stärke auf sie; aber die Offenheit und die Freundlichkeit, welche aus seinem trüben Lächeln und seinen großen ehrlichen Augen sprachen, gefielen ihr wohl. Dabei kamen ihr die Augen immer mehr wie Kuhaugen vor.

So saßen sie eine gute Weile und sprachen über das Wetter, das Vieh und die Ernteaussichten.

»Wie heißt du?« fragte sie endlich.

»Halvard Hedison Ullern.«

Bei dem Klange dieses Namens fuhr sie zusammen, und im nächsten Moment glühten ihre Wangen.

»Und mein Name,« sagte sie langsam, »ist Brita, Bjarne Blakstads Tochter.«

Sie hatte die Augen fest auf ihn geheftet; sie wollte wissen, welchen Eindruck das auf ihn machen würde. Aber seine Züge behielten den traurig friedlichen Ausdruck; nicht die leiseste Miene verriet Ueberraschung oder Feindseligkeit. Und da steigerte sich ihr Beschützerinnengefühl zu Teilnahme und Mitleid. »Er ist entweder ein Schwachkopf oder er ist sehr unglücklich,« dachte sie bei sich; »und welches Recht hätte ich dann, ihn schlecht zu behandeln.«

So fuhr sie denn fort, sich in der einfachen, geraden Weise, in der sie begonnen, mit ihm zu unterhalten, bis auch er ordentlich gesprächig wurde und sein trübes Lächeln einem Ausdruck Platz machte, der fast nach Wohlgefühl aussah. Sie bemerkte die Veränderung und freute sich darüber. Endlich, als die Sonne hinter den westlichen Bergspitzen versunken war, stand sie auf und bot ihm gute Nacht. Im nächsten Augenblick schloß sich schon die Thür der Saeterhütte hinter ihr, und er hörte den Riegel vorschieben. Aber noch lange saß er auf dem Rasen, und sonderbare Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Die rotbraune Mähre hatte er ganz vergessen.

Am nächsten Abend, als das Melken beendet und das Vieh in die Koppel getrieben war, saß Brita wiederum auf dem Stein, und schaute ins Thal. Wenn sie den Rauch aus den Schornsteinen steigen sah und sie ohne Schwierigkeit erriet, was sie zu Abend haben würden, war's ihr immer, als sei sie unten. Und während sie so dasaß, hörte sie wieder das Knacken in den Büschen, und Halvard Ullern stand vor ihr, die Jacke über den Arm und den Zaum in der Hand.

»Du hast deine braune Mähre noch immer nicht gefunden,« rief sie lachend, »und denkst, sie ist hier irgendwo in der Nähe.«

»Ich weiß es nicht,« antwortete er; »ich kümmere mich nicht darum, wenn sie es nicht ist.«

Er breitete seine Jacke auf den Boden, genau da, wo er gestern gesessen. Brita blickte ihn erstaunt und schweigend an; sie wußte nicht, wie sie sich diesen zweiten Besuch deuten sollte.

»Du bist sehr schön,« sagte er plötzlich mit einem Ernst, der keinen Zweifel an seiner Ehrlichkeit aufkommen ließ.

»Meinst du?« sagte sie, lustig lachend. Der Mann war ja wie ein Kind; wie sollte sie sich beleidigt fühlen? Im Gegenteil: es hatte doch eigentlich recht hübsch geklungen.

»Ich habe seit gestern ohn' Unterlaß an dich gedacht,« fuhr er in derselben unerschütterlichen Ruhe fort, »und ich dachte, wenn du nicht ärgerlich würdest, dann dürfte ich noch einmal kommen und dich ansehen. Ich thu's gern. Du siehst gar nicht so aus, wie die anderen.«

»Gott verzeih' dir das dumme Zeug, das du redest,« rief Brita und brach von neuem in ein lustiges Gelächter aus. »Nein, ärgerlich bin ich nicht auf dich; ich könnte ebensogut auf – das Kalb da ärgerlich sein,« fügte sie hinzu; es fiel ihr just kein anderer Vergleich ein.

»Du denkst, ich bin dumm,« sagte er; »und ich bin's auch.«

Er hatte es ganz ruhig gesagt, aber das traurige Lächeln war doch noch trauriger geworden.

Brita pochte das Herz. Sie hatte ihm unrecht gethan; er besaß offenbar mehr Verstand, oder doch ein feineres Gefühl, als sie ihm zugetraut hatte.

»Halvard,« stammelte sie, »ich habe dich beleidigt: ich versichere dich, ich hab's nicht gewollt; ich bitte dich tausendmal um Verzeihung.«

Halvard wurde rot wie ein Mädchen und sagte eifrig: »Du hast mich nicht beleidigt, Brita; du bist die erste, die mich nicht merken läßt, daß ich nicht so klug bin wie andere.«

Sie fühlte, daß es ihre Pflicht war, nun auch ihrerseits offen und zutraulich gegen ihn zu sein, vor allem, ihn nicht mehr so von oben herab zu behandeln, wie sie es bisher gethan. So erzählte sie ihm von ihrem Thun und Treiben, den lustigen Gesellschaften in ihres Vaters Hause, von den munteren Burschen, die sich da versammelten und in dem großen Flur den Halling tanzten und den Springtanz. Er horchte aufmerksam zu und blickte ihr dabei immer ernsthaft ins Gesicht, unterbrach sie aber nie mit einem Wort. Dafür, wenn sie geendet, schilderte er ihr in seiner langsam bedächtigen Weise, wie ihn sein Vater beständig schelte, weil er dumm sei und sich nicht um Politik und Zeitungen kümmere; und wie die Mutter mit ihrer scharfen Zunge ihn verletze und, selbst in Gegenwart der Knechte und fremder Leute, sich über ihn lustig mache.

Das und mehr dergleichen sagte er, ohne, dem Anschein nach, zu empfinden, daß er's besser verschwiegen hätte, und das Licht, das er auf sich fallen ließ, gerade kein schmeichelhaftes war. Was er vorbrachte und wie er's vorbrachte – es war alles so einfach und geradezu – Brita fand bei ihm ganz natürlich, was ihr vermutlich bei anderen sehr auffallend gewesen wäre.

Mitternacht war fast herangekommen, als sie sich trennten. Brita schlief kaum während der Nacht und war sehr zornig auf sich, daß sie an diesem einfachen jungen Mann ein solches Interesse nahm.

Am nächsten Morgen kam ihr Vater, sie zu besuchen und zu sehen, ob es mit dem Vieh guten Fortgang hatte. Sie wußte sehr wohl, es war ein gefährlich Ding, mit ihm von Halvard zu sprechen. Kannte sie doch seine Sinnesart, und sah sie doch schon seinen Jähzorn auflodern, wenn er je ihr Geheimnis entdeckte! So wich sie denn jeder Gelegenheit aus, mit ihm in ein längeres Gespräch zu kommen, indem sie sich fortwährend mit dem Vieh und dem Kochen zu schaffen machte. Dem Vater entging ihre Zerstreutheit nicht; aber er war weit davon entfernt, die Ursache zu ahnen; fragte vielmehr, als er wieder fort mußte, ob sie es nicht zu einsam fände hier oben auf dem Saeter? Und ob er ihr nicht eine der Mägde zur Gesellschaft heraufschicken solle? Sie versicherte, das sei völlig unnötig; sie brauche keine andere Gesellschaft als die des Hirtenbuben. Bjarne Blakstad erwiderte nichts, lud die mit Käse und Butter gefüllten Butten auf die Pferde und trieb zu Thal.

Lange stand Brita und blickte ihm nach, wie er den steilen Hang hinabstieg, und als endlich der Wald ihn aufnahm, konnte sie sich nicht verhehlen, daß ihr eine Last von der Seele fiel – die Last, die sie den ganzen Tag getragen. Was war das? Was hatte sich zwischen sie und den Vater gedrängt? Hatte sein Anblick sie je erschreckt? Hatte sie sich je gefreut, wenn er sie verließ? Es war um Halvards, einzig und allein um Halvards willen! Um ihn, den sie just zwei Tage kannte, daß sie sich nun so schuldig fühlte, so jämmerlich schuldig und elend!

Sie warf sich auf den Rasen nieder und brach in leidenschaftliches Weinen aus. Er sollte nur in diesem Augenblicke kommen! Sie wollte ihm sagen, was er an ihr gethan!

Und ihr Wunsch mußte erhört sein, denn als sie die Augen aufschlug, stand er da neben ihr, um den Mund den alten traurigen Zug und in den großen ehrlichen Augen Verwunderung über das, was er sah. Sie fühlte, wie sie in ihrem Vorsatz wankend wurde; er sah so gut aus und so unglücklich; dann aber gedachte sie ihres Vaters und des eigenen Unrechtes, und die Bitterkeit wallte wieder auf.

»Geh fort!« rief sie mit einer Stimme, durch deren Drohen ihre Zärtlichkeit sehr gegen ihren Willen hindurchklang; »geh fort, sage ich dir! Ich will dich nie wiedersehen.«

»Ich will bis an das Ende der Welt gehen, wenn du es wünschest,« antwortete er.

Er nahm seine Jacke, welche er hatte fallen lassen, auf, wandte sich langsam, blickte noch einmal nach ihr – traurig, hoffnungslos – und ging. Ihr Busen hob sich gewaltsam; Reue, Liebe, Kindespflicht kämpften in ihrem Herzen einen furchtbaren Kampf.

»Nein, nein,« rief sie, »weshalb gehst du? Ich habe es nicht so gemeint. Ich wollte nur –«

Er blieb stehen und kam zu ihr zurück, gehorsam, wie er gegangen war.

Und die Sommertage kamen und gingen, und immer ruheloser wurde ihr Herz. Des Nachts fuhr sie aus dem Schlafe auf und sah die großen blauen Augen traurig auf sie blicken. Dann zürnte sie ihm und sich, und daß er sie abspenstig mache von denen, welche ihr bis dahin die Nächsten und Teuersten gewesen. Und indem sie fühlte, wie sie innerlich dem Vater entfremdet wurde, klammerte sie sich nur um so verzweiflungsvoller an den Geliebten. Sie wußte, daß sie dem Vater schweres Unrecht that, daß sie ein Unrecht an sich selbst beging, daß ihre Liebe Wahnsinn sei, und daß sie sich in ein Labyrinth verlor, aus dem es keinen Ausweg gab.

Seine Besuche waren so regelmäßig, wie der Sonne Lauf. Sie wußte, daß es nur eines Wortes von ihr bedurfte, ihn auf immer von ihr zu entfernen. Wie oft, wie oft war sie entschlossen, das Wort zu sprechen; aber gesprochen wurde es nicht. Manchmal kam eine Gesellschaft junger Burschen aus dem Thal, einen lustigen Abend auf dem Saeter zuzubringen. Sie achtete ihrer nicht, und die Bursche erschienen nicht wieder. Sie wußte längst, daß er sie liebte, und als er endlich, endlich seine Liebe bekannte, wurde dadurch ihr Glück nicht größer, nur ihre Furcht vor der Zukunft. Sie planten und planten, und darüber brach der Winter herein – urplötzlich für sie beide – die Herde wurde zu Thal getrieben, und sie waren getrennt.

Bjarne Blakstad hatte lange und nachdrücklich seine Tochter angeblickt, als er gekommen war, sie heimwärts zu holen. Sie hatte keine Ringe und Spangen mehr getragen, und das hatte seinen Verdacht erregt, es müsse ihr dies oder das begegnet sein. Früher war er unzufrieden gewesen, daß sie zu viel Schmuck trug, jetzt murrte er, weil sie keinen trug.

*

Der Winter war halb vorüber, und in der ganzen Zeit hatte Brita Halvard kaum gesehen. Nur ein einzigmal – am Weihnachtstage – hatte sie in der Kirche gewagt, nach dem Platz hinüberzublicken, wo er an seines Vaters Seite saß und in den leeren Raum starrte; aber als sein Blick den ihren traf, war er rot geworden und hatte eifrig angefangen, die Seiten seines Gesangbuches umzuschlagen. Es beunruhigte sie, daß er keinen Versuch machte, ihr zu begegnen; manchen, manchen Abend war sie vergeblich allein an dem Fluß entlang thalwärts gegangen. Unzweifelhaft hatte der Vater Verdacht geschöpft, und Halvard wurde bewacht.

Und während all dieser Zeit nagte ein furchtbares Geheimnis an ihren Herzwurzeln. O, der schlimmen, schlimmen Zeit heimlichen Leides des Körpers und der Seele, weinend durchwachter Nächte, aufdämmernder Hoffnung, welche die Verzweiflung alsbald erstickt, wie die schwarze Gewitterwolke wächst und wächst und den letzten Schimmer des Tages auslöscht! O, tausendmal besser die wildeste Wut der entfesselten Elemente, als die herzzermalmende Furcht vor dem, was kommen wird und muß!

Eines Sonntags, früh im April, kehrte Bjarne nicht zur gewohnten Stunde von der Kirche heim. Seine Töchter warteten mit dem Mittagessen und fingen zuletzt an unruhig zu werden. Er hielt seine Stunden sonst so regelmäßig inne.

Nun herrschte gerade damals eine große Aufregung im Thal. Das Amerikafieber war ausgebrochen. Ein großes Schiff lag im Fjord, Auswanderer einzunehmen; und da war kaum eine Familie, die nicht den Verlust eines wackeren Sohnes, einer geliebten Tochter zu beklagen hatte. Die alten Leute natürlich, die konnten nicht mit fort; und wenn die Kinder in die Fremde gezogen waren, was blieb ihnen, als sich hinzulegen und zu sterben? Denn für sie war Amerika damals so fern, als ob es auf einem anderen Planeten gewesen wäre; und das Familiengefühl erfüllte von jeher des Norwegers Herz: Er lebt für seine Kinder und lebt in ihnen sein Leben noch einmal. Es ist sein größter Stolz, seinen Stammbaum auf die Tage von Sverre und dem heiligen Olaf zurückzuführen, und mit derselben Zuversicht hofft er, es werde in die fernste Zukunft sein Geschlecht wachsen und gedeihen auf demselben Boden, in welchem jener Baum einst Wurzel faßte. Dann kommt der Sturm vom Westen, ringt mit dem alten Stamm und bricht ihn nieder, die zerstreuten Zweige werden in alle vier Himmelsrichtungen geweht, und der morsche, gebrochene Stamm mag an der Erde verrotten.

Bjarne Blakstad, der alte unbeugsame Patriot, war von Anfang an ein unerbittlicher Gegner der Auswanderungswut gewesen; und auch heute hofften die Töchter, er werde vielleicht zurückgeblieben sein, ein paar tollköpfige Burschen an ihre Pflichten gegen das Vaterland zu mahnen oder einem allzu lauten Agenten das Handwerk zu legen. Aber es schlug acht Uhr, und der Vater kam nicht. Die Nacht war dunkel und stürmisch; ein mit Schnee untermischter Regen klatschte gegen die Scheiben, in den Schloten heulte der Wind. Grimhild, die jüngere Schwester, lief ruhelos aus und ein und schlug mit den Thüren. Brita saß in der dunkelsten Ecke des Gemaches, an die Wand gedrückt. Wenn der Sturm das Haus allzu arg schüttelte, fuhr sie wohl einmal empor, setzte sich aber alsbald zusammenschaudernd, wieder nieder. Bangste Ahnungen erfüllten gänzlich ihre verstörte Seele.

Endlich – die Uhr hatte eben zehn geschlagen – hörten sie ein Geräusch in dem Hausflur. Grimhild lief und öffnete. Eine hohe, tief gebeugte Gestalt trat herein, in der sie nur an der Kleidung den Vater erkannte.

»Großer Gott!« schrie das Mädchen und stürzte an ihn heran.

»Fort, Kind!« murmelte er. Die Stimme klang gar nicht wie des Vaters Stimme, und er hatte das arme Mädchen rauh von sich gestoßen. Er stand einen Augenblick regungslos, ging dann an den Tisch und ließ sich in einen Stuhl fallen, daß es einen lauten Krach gab. Da blieb er sitzen, die Ellbogen auf die Kniee gestemmt, den starren Blick auf den Boden geheftet. Das lange Haar hing in nassen Strähnen über sein Gesicht; die Falten um den Mund waren zu drohenden Furchen vertieft. Ein paarmal seufzte und stöhnte er wie ein Schwerverwundeter. Nach einer Weile fingen seine Blicke an unruhig in dem weiten, halb dunklen Gemach umherzufahren; plötzlich sprang er in die Höhe, als hätte ihn eine Natter gebissen, ergriff einen Feuerbrand vom Herde und stürzte auf die dunkle Ecke los, wo Brita saß, packte sie am Arm und schrie in heiseren Tönen, während er ihr die Fackel dicht ans Gesicht hielt: »Sag's, daß ich's nicht gesehen habe! Sag's, daß es eine Lüge ist, eine schwarze, teuflische Lüge!«

Sie hob die Augen langsam und blickte ihn fest an. »Ah!« schrie er in demselben gräßlichen Ton, »es war eine verdammte Lüge! Ich hab's ihnen gesagt da unten an der Kirche. Ich hab's dem Verleumder gegeben – Blut, Blut – es war ein lustiges Raufen!«

Die Farbe kam und ging auf Britas Wangen; und dabei blieb es tief im Herzen seltsam still. Sie wunderte sich selbst darüber; sie wußte nicht, daß es die Stille eines Herzens war, welches die Hoffnung verloren hat.

»Kind!« sagte Bjarne, und seine Stimme klang doch nicht mehr ganz so fremd, »warum sprichst du nicht? Sie haben dich verleumdet, weil du schön bist und sie dich beneiden.« Dann, in fast flehendem Ton: »Sprich, Brita, sprich! Sage deinem Vater, daß du rein bist – rein, wie der Bergschnee – Kind, mein Kind, mein schönes, geliebtes Kind!«

Eine lange, fürchterliche Pause, in welcher Brita nur das schwere Atmen des alten Mannes und das Knistern der Fackel vor ihrem Gesicht hörte. Bleich wie ein Marmorbild stand sie da; kein Wort der Entschuldigung, keine Bitte um Verzeihung kam über ihre Lippen, deren Zucken einzig verriet, daß noch Leben in ihr war. Mit jedem Moment schwand die Hoffnung in Bjarnes Herzen. Sein Gesicht nahm einen schrecklichen Ausdruck an. Die starren Züge wurden von Zorn und unbezähmbarem Haß zur Grimasse verzerrt; unter den buschigen Brauen glühten die Augen wie feurige Kohlen.

»Metze!« schrie er, »Metze!«

Ein kalter Windstrom fuhr durch das Gemach; die Fenster klirrten, die Thüren sprangen auf, wie berührt von einer unsichtbaren Hand – und der alte Mann stand allein in dem Gemach und hielt die erlöschende Fackel in der Hand.

Es war nach Mitternacht; der Wind hatte nachgelassen, aber der Schnee fiel dicht und dichter und begrub die Stege und die Hecken unter seinem weißen Mantel. Weiter floh sie, weiter, weiter. Wohin, wußte sie nicht. Ihre Sinne waren wie eingefroren, aber die Füße trugen sie noch immer, weiter, weiter. Ihr Körper schien ihr so leicht wie die Luft. Dann vernahm sie leiser, lauter, das Donnern der See. Das Eis in ihren Gliedern schmolz in lauer Luft; Wolken, goldene, sonnebestrahlte Wolken hoben sie, trugen sie weit, weit über Land und Meer.

Als sie erwachte, fand sie sich in einem bequemen Bett liegen; eine junge Frau mit einem freundlichen mütterlichen Ausdruck saß neben dem Bett. Sie träumte wohl; sie hatte keine Kraft, sich darüber klar zu werden.

Erst mehrere Tage später erfuhr sie, wie's gekommen war. Ein Fischer hatte sie am Strande gefunden, als die Schneewelle sie eben begraben wollte, und hatte sie in sein Häuschen getragen und der Sorge seiner Frau übergeben. Sie wußten wohl, wer sie war; aber sie hatten die Thüren verschlossen gehalten und den Mund.

Sie vernahm die Geschichte von der guten Frau ohne Erregung; sie konnte nicht denken.

Aber als das Kind geboren war, schüttelte ihre Seele mit einem Ruck die Dumpfheit ab. Ruhig überlegte sie, was sie nun zu thun habe, denn sie wollte leben um ihres Kindes willen. An demselben Abend kam ein kleiner Knabe, der ein Bündel für sie brachte. Als sie dasselbe öffnete, fand sie Kleider und Wäsche und – ihre Schmucksachen. Sie wußte, es war ihre Schwester, die das gesandt hatte; so gab's doch noch ein Wesen, das ihrer liebend gedachte. Dennoch war ihre erste Regung, alles zurückzuschicken; aber sie blickte auf ihr Kind und bändigte ihren Stolz.

So verging eine Woche. Von Halvard hörte sie nichts. In einer Nacht, als sie im Halbschlummer lag, war es ihr, als ob sie ein bleiches, ängstliches Gesicht gesehen hätte, das sich gegen die Scheibe drückte und starr auf sie und ihr Kind blickte. Aber es konnte auch ein Traum gewesen sein, wie die Fieberphantasie während dieser Tage ihr so manchen vorgegaukelt. Sie dachte oft an ihn, aber seltsamerweise nicht mehr mit Bitterkeit. Ja, wenn er stark genug gewesen wäre, ganz schlecht zu sein! Aber so war er eben nur ein Schwächling – sie konnte ihn nicht hassen.

Und eines Abends – sie hatte gehört, daß der Amerikaner am nächsten Tage in der ersten Frühe unter Segel gehen würde – nahm sie ihren Knaben, hüllte ihn sorgsam in ihre eigenen Kleider, sagte den guten Schiffersleuten Lebewohl und ging allein nach dem Strande. Ungeheure Wolken in den abenteuerlichsten Formen jagten in wahnsinniger Hast über den Himmel, aus den schwarzblauen Tiefen, die sich zwischendurch aufthaten, blickte von Zeit zu Zeit die Sichel des neuen Mondes. Sie nahm von den Booten, die da lagen, irgend eines und war eben im Begriff, es von der Kette zu lösen, als sie einen Mann sah, der über die Steine vorsichtigen Schrittes herankam.

»Brita!« rief's in leisem Tone.

»Wer ist's?«

»Ich. Vater weiß alles und hat mich fast totgeschlagen. Und Mutter auch.«

»Wolltest du mir weiter nichts sagen?«

»Ja, ich möchte dir gern helfen. Ich habe alle diese Tage versucht, dich zu sehen.«

Er war ganz nahe an das Boot herangetreten.

»Dank', ich brauche keine Hilfe.«

»Aber Brita,« bat er, »ich habe meine Flinte und meinen Hund verkauft und alles, was ich hatte; und das habe ich dafür bekommen.«

Er reckte den Arm aus und reichte ihr ein rotes Taschentuch, in dessen einen Zipfel etwas Schweres eingebunden war. Sie nahm es mechanisch, hielt es einen Moment in der Hand und schleuderte es weit hinaus ins Wasser. Ein Lächeln tiefster Verachtung zuckte über ihr Gesicht.

»Leb wohl, Halvard,« sagte sie ruhig und stieß das Boot ins Wasser.

»Aber, Brita,« rief er, »was willst du, daß ich thun soll?«

Sie hob das Kind in den Armen empor und deutete dann auf den leeren Sitz an ihrer Seite. Er wußte wohl, was sie meinte, und stand für einen Moment schwankend. Dann bedeckte er sein Gesicht mit den Händen und brach in Thränen aus.

Eine halbe Stunde später war Brita mit ihrem Kinde an Bord des Schiffes; und mit dem ersten roten Streifen der Dämmerung am östlichen Himmel füllte der Wind die Segel und nach Westen glitt das Schiff, dem Lande zu, wo die, welche die Liebe oder das Unglück in die Verbannung getrieben, eine neue Heimat finden können.

Es war eine lange, mühselige Fahrt. Unter den Passagieren befand sich ein alter englischer Geistlicher, der Kuriositäten sammelte. An ihn verkaufte sie ihre Ringe und Spangen und gelangte dadurch in Besitz von mehr Geld als nötig war, ihre Ueberfahrt zu bezahlen. Sie sprach kaum mit jemand außer ihrem Kinde. Diejenigen unter ihren Landsleuten, die sie kannten und auch wohl ihre Geschichte, hielten sich fern von ihr, und sie war ihnen dafür dankbar. Den ganzen Tag saß sie in einer Ecke zwischen einem großen Haufen Deckgut und der Küchenkabuse und blickte auf das Knäblein in ihrem Schoß. All ihr Hoffen, ihre Zukunftspläne, ihr Leben waren in ihm abgeschlossen. Für sich hoffte sie nichts mehr.

»Ich kann dir kein Vaterland geben, mein Kind,« sagte sie zu ihm. »Du sollst den Namen dessen nie erfahren, der dir das Leben gab. Du und ich, wir wollen zusammen ringen, und so wahr da oben ein Gott lebt, der uns sieht, er wird dich und mich nicht verlassen. Aber fragen darfst du mich nicht. Was geschehen ist, ist geschehen. Du mußt wachsen und stark werden, und deine Mutter muß es mit dir.«

Während der dritten Woche der Reise taufte der alte Geistliche das Kind und nannte es Georg nach dem Kalendertag, an welchem es geboren. Da ihr Sohn niemals erfahren sollte, daß Norwegen seiner Mutter Heimat, durfte er keinen Namen erhalten, der seine Abstammung verraten hätte.

Eines Morgens im Juni kam das Land in Sicht, und vor der armen Ausgestoßenen lag die Neue Welt.

*

Monate vergingen – für Brita Monate der rastlosen Sorge, des Leidens, der härtesten Arbeit, des verzweifelten Kampfes ums Dasein, wie ihn jeder kämpfen muß, der mit mutigem Herzen und leerer Börse drüben ankommt. Endlich gelang es ihr, bei einem Pachter in der Nähe von New-York als Milchmagd sich zu verdingen. Mit dem ihrem Volksstamm eigentümlichen Sprachtalent hatte sie das Englische bald gelernt und sprach es gut. Ihren Landsleuten ging sie aus dem Wege, und die malerische norwegische Tracht hatte sie längst mit der landesüblichen vertauscht. Sie nannte sich Mrs. Brita, was in der englischen Aussprache ungefähr wie Mrs. Bright klingt, und unter diesem Namen kannte man sie in der Nachbarschaft.

Als nach fünf Jahren der ferne West die Auswanderer mächtig lockte, brach sie mit einer der zahllosen Scharen auf und kam bis Chicago. Dort mietete sie sich bei einer irischen Witwe ein in einer kleinen Hütte an dem äußersten Ende der Stadt. Wenn da ein Landsmann des Weges gekommen wäre, er würde in dem ernsten, schweigsamen Weibe, das auf den Holzplätzen wie ein Mann arbeitete, schwerlich die Glitzer-Brita erkannt haben, die einst beim Hellen Schein der Fackeln in den Hallen des Vaterhauses sich so lustig im Springtanz schwang. Glitzer-Brita! Großer Gott! Das schöne Gesicht war so scharf geworden, die ewig beweglichen süßen Lippen um den holden Mund in finsterer Strenge erstarrt; die schwimmenden blauen Augen so weit und so wachsam nach allen Seiten spähend! Nur ihr gelbes Haar hatte der Zeit und dem Kummer widerstanden und fiel in reichen, weichen Wellen über die weiße, hohe Stirn. Sie aber schämte sich dessen und zwang es in einen nüchternen matronenhaften Wulst. Nur des Nachts, wenn sie im einsamen Kämmerlein saß und zu ihrem Knaben sprach, ließ sie es aus den Banden; und der Knabe lachte und spielte mit dem Haar und wunderte sich in seiner kindischen Weise, warum die Mutter ein so ernstes Gesicht hatte und schönere Haare als die jungen Mädchen.

Es war ein eigenes Kind, dieser ihr Sohn. Er hatte ganz des Norwegers Lust am Fabulieren, und obgleich er nie etwas von Necken und Hulder Necken, der Geist der Wasser; er lebt in den wildesten Katarakten, wo er seine Violine, nach anderen die Harfe spielt; man braucht nur recht aufmerksam zu lauschen, so vernimmt man die süße Musik durch das Brüllen des Wassers. – Hulder ist die Personifikation des Waldes; sie wird beschrieben als ein wunderbar schönes Mädchen, das sich nur durch einen Kuhschweif, der ihrem schönen Leibe anhaftet, von ihren sterblichen Schwestern unterscheidet. Sie sehnt sich stets nach der Gesellschaft der Menschen, verlockt oft junge Männer durch ihre Schönheit, aber immer verrät schließlich der Schweif ihre wahre Natur. Sie ist der Schutzgeist der Herden.
Anm. d. Verf.
gehört, erschreckte er doch oft seine Mutter durch die phantastischen Erzählungen von Ereignissen, die er erlebt haben wollte, und in denen alles noch wunderbarer zuging wie in den wunderbarsten Märchen des Nordlands. Sie aber litt das nicht, und er fürchtete sich zuletzt vor den Träumen seiner Einbildungskraft als vor etwas, das schlecht und sündvoll war. So duldete sie auch die Ausbrüche seiner Reue nicht, wenn er ihr durch wilde Heftigkeit oder unbeugsamen Trotz Thränen ausgepreßt; denn sie sah darin ein Zeichen von Schwäche. »Und er muß stark sein,« sprach sie bei sich selbst, »stärker als aller Widerstand, auf daß er sich einen großen Namen mache und seine Mutter segnen könne, die ihn namenlos ins Leben führte.«

Dann blickte sie in heimlichem Stolz auf den schönen Knaben, der ihrem Vater immer ähnlicher wurde und von der Rasse seines Vaters nichts hatte als das blonde Haar und die breiten Schultern.

Sonderbar! Wie unendlich sie den Knaben liebte, und wie stolz sie auf ihn war, sie liebkoste ihn selten oder nie. Das war die Buße, die sie sich auferlegt für ihre Schuld. Aber in tiefer Nacht, wenn sie noch saß und arbeitete, hob sie die heißen Augen nach dem Kissen, auf dem das liebe Gesichtchen lag, eingehüllt in den Schleier süßen Jugendschlafs. Dann erhob sie sich leise, und sank leise an dem Bettchen in die Kniee und flüsterte dem Schlummernden die köstlichsten Liebesworte ins Ohr, und ihre Thränen fielen heiß und dicht auf das blonde Haar und die rosigen Wangen. Und der Knabe lächelte. Träumte ihm, er schwebe hoch über sonnenbeglänzten Fichtenwäldern des Nordlands und vor ihm her seine Mutter – nicht wie sie jetzt, sondern wie sie einst war, als man sie Glitzer-Brita nannte, strahlend in Jugend und Schönheit – und aus ihren Händen fiel ein Blumenregen immer vor ihm her in den sonnigen Pfad, bis aus den Wäldern unter ihnen ein Haus auftauchte – ein altes hochgegiebeltes Haus mit mächtigem Ziegeldach?

Träume, süßeste Träume, denen bitterste Reue auf dem Fuße folgte. War ihr das Kind nicht gegeben zur Strafe ihrer Sünde? Durfte sie Gottes Geißel in Segen verwandeln? Gab sie Gott, was Gottes war, solange all ihr Hoffen, Sehnen, all ihr Sinnen, Denken sich nur um diesen irdischen Schatz drehte, ihren Sohn, des Kummers Kind? Nun denn: Auch dieser furchtbare Zweifel kam von Gott, und sie mußte mit ihm ringen und rang mit ihm, wie nur ein Heiliger je mit der Versuchung gerungen hat.

Unterdessen rollten die Jahre dahin, und um die Einsame wirbelte und strudelte der rastlose Strom des amerikanischen Lebens und trug sie nach oben. Die Stadt war gewachsen, wie ein Riese wächst, und streckte die ungeheuren Arme nach allen Seiten, auch nach dem kleinen Stückchen Land, das sie sich in den ersten Jahren ihres Aufenthaltes aus ihren Ersparnissen gekauft. Man bot ihr das Tausendfache des ursprünglichen Wertes. Sie nahm es und dankte Gott um ihres Knaben willen. Sie durfte nun, wie der stolze Knabe längst gewünscht, die harte Arbeit in den Holzplätzen aufgeben, konnte zu Hause bleiben, nähen und lesen und ihrem Knaben entgegengehen, wenn er aus der Schule kam, und ihn an der Hand heimgeleiten. Des spotteten wohl anfangs die anderen Knaben, aber sie ließen es bald; »Georg Bright« hatte trotz seines englischen Namens nordische Reckenkraft und seine Faust schlug wie der Hammer Thors.

Und aus dem schönen starken Knaben wurde ein schöner hochgewachsener Jüngling mit breiter Brust und großen, blauen Augen, die ihren Glanz nicht verloren über den langen Zahlenreihen und trockenen Geschäftsbriefen, die den jungen Kaufmann tags an seinem Comptoirpult gefesselt hielten, und die ganz gewiß wieder aufleuchteten, wenn er am Abend bei dem Mütterlein saß und mit dem Mütterlein diskutierte über Dinge und Bücher, von denen Glitzer-Brita keine Ahnung gehabt, und über die sie jetzt eifrig dachte und die sie eifrig studierte um ihres Sohnes willen.

Aber als er eines Abends nach Hause kam, trug sein offenes Gesicht, das ihr immer schon von weitem entgegenlächelte, einen seltsam ernsten Ausdruck. Sie wagte nicht zu fragen, was es sei; sie brauchte nicht zu fragen, ihr klopfendes Herz sagte es ihr: Es mußte ja einmal kommen!

Er schritt hin und wieder durch das Gemach, plötzlich blieb er stehen und fragte mit dumpfer Stimme – und dabei blickte er an ihr vorüber in die dunkelste Ecke: »Mutter, wer ist mein Vater? Lebt er oder ist er tot?«

»Gott ist dein Vater,« antwortete sie – und es klang wie das ferne Echo seiner eigenen Stimme; »wenn du mich liebst, frage mich nichts mehr.«

Er wandte den Blick auf sie – ach! sie sah wohl, wie Liebe und Vorwurf in dem Blick zusammengedrängt waren – und sagte – aber jetzt war die Stimme wieder fest: »Ich liebe dich, Mutter, und dein Wille geschehe.«

So hatte sie auch noch das Bitterste erfahren sollen: erröten zu müssen vor ihrem Sohn!

Ach, der langen, bösen Nacht, die dem Abend folgte! Wie ruhelos sie die schmerzenden Schläfen hierhin und dorthin auf dem bethränten Kissen wandte! Hatte sie ihm verhehlen dürfen, was zu wissen er ein Recht hatte? War ihr Verhalten zu ihm nicht ein Fehler gewesen von Anfang an? Weshalb hatte sie ihn in Unwissenheit gelassen über seine Herkunft und das Land seiner Geburt? Daß er, reines Gewissens wie reines Herzens, erhobenen Hauptes, klaren Auges, das sich vor niemand zu senken brauchte, zum Mann heranreifen möge? Aber war er nicht jetzt ein Mann trotz seiner zwanzig Jahre? So mußte sie ihm jetzt die Wahrheit sagen, und wenn sie darüber seine Liebe verlieren, wenn sie – ach! wie konnte das anders sein? nun aufhören sollte, vor seinen Augen makellos dazustehen und vollkommen, wie bis zu dieser Stunde! Ja, morgen mußte, morgen wollte sie es ihm sagen – morgen!

Der Morgen kam – sie sagte es nicht. Als er am Abend wiederkehrte, war sein Auge so klar und liebevoll wie je, und jetzt sollte sie sagen: »Du bist ein Bastard, ein Kind der Schuld, und deine Mutter eine Ausgestoßene auf dieser Erde!« – Sie stürzte aus dem Zimmer, warf sich auf ihr Bett und weinte und kämpfte den grausigen Kampf der letzten Nacht von neuem durch.

Und noch manche Nacht und manchen Tag während der folgenden Monde und Jahre rang sie in heißem Gebet mit dem, was sie ihren sündigen Stolz nannte, bis sie meinte, Gott habe sie verlassen. Und darüber wurde sie bleich und bleicher; die einst so Starke, Starkgemute konnte ein fallendes Blatt erschrecken. Ihr Nervenübel mochte denn auch das veränderte Betragen gegen den Sohn erklären, der seinerseits wie sie sich in Schweigen hüllte, so gern er auch gesprochen hätte und sich schweren Herzens gefallen lassen mußte, daß sie für ihn sorgte und ihm diente, nicht als ob er ihr Sohn, sondern ihr Herr gewesen wäre.

Die Aerzte sagten: sie muß reisen. Ein Jahr in fremden Ländern, ein längerer Aufenthalt – vielleicht in Italien – kann ihr möglicherweise die Gesundheit wiedergeben.

Der Ausführung dieses Projekts stand nichts im Wege. Seit seinem zweiundzwanzigsten Jahre schon war Georg Partner der Firma und jetzt ein reicher Mann. Er hatte die Mutter mit Komfort und Luxus jeder Art umgeben; sie hätte Perlen und Diamanten haben können – was fragte sie nach Perlen und Diamanten, die kranke, klösterlich einfache Frau, die man einst die Glitzer-Brita hieß?

Eines schönen Maienmorgens brachen sie nach New-York auf, und drei Tage später schwammen sie auf dem Atlantic. Es war unbestimmt gelassen, welche Länder Europas besucht werden sollten. Vorerst ging die Reise nach England, von England nach Norwegen.

*

Warm und mild, wie der Juni in Norwegen ist, kommt er doch oft zu den Fjordthälern mit der Stärke und der Stimme eines Riesen. Die Gletscher schwanken und stöhnen wie im Zorn über ihre Schwäche und senden mächtige Lawinen von Steinen und Eis ins Thal. Die Flüsse schwellen und rauschen lärmend und tobend die Berghänge herab, und tausend winzige Bächlein mischen ihre Stimme in den allgemeinen Lärm und tanzen laut geschwätzig thalwärts über die moosbewachsenen Wurzeln der Birken. Aber später, wenn der Kampf vorüber und der Juni sich triumphierend auf den Thron gesetzt hat, wird seine rauhe Stimme weich und melodisch und lullt das Ohr und wiegt das Herz zur Ruhe.

Der Monat war in dieser seiner gnädigen königlichen Stimmung, als Brita und ihr Sohn in das Thal kamen, aus dem die Mutter mit dem Neugeborenen vor fünfundzwanzig Jahren geflohen war. Wie übervoll war ihr Herz, als sie die himmelragenden Berge wiedersah mit den Schneehäuptern und in ihrer mächtigen Umarmung das stille, grüne Thal, wo ihre Wiege gestanden. Selbst des Sohnes Brust wurde von seltsamen Schauern durchrieselt, als diese wunderbare Scenerie sich vor seinen staunenden Augen ausbreitete. Auf der Mutter Wunsch beschlossen sie, den Sommer in diesem sonnigstillen Winkel zu verbringen, und es gelang ihnen bald, ein Pächterhaus zu mieten. Zwar hatten die Leute sie einstmals gut gekannt, aber wer sollte in der fremden Dame die Glitzer-Brita entdecken? Und sie ihrerseits verriet sich mit keinem Wort, keinem Blick, wie sehr es sie auch verlangte, den guten Menschen zu sagen: »Ich bin's, kennt ihr mich denn nicht mehr?«

Am zweiten Sonntag nach ihrer Ankunft erhob sie sich früh und bat Georg, sie heute eine Strecke thalaufwärts zu führen.

Es war Sabbath in der Luft; der süße, von dem Duft frischer Blätter und Feldblumen durchwürzte Atem des Sommers hauchte ihnen entgegen. In dem tauigen Grase glitzerte die Sonne; die Grillen zirpten wie in geheimem Staunen über all die Wunder, und die Luft schien sichtbar zu werden und in zitternden Wellen vor ihnen auf dem Pfade herzutanzen.

Auf ihres Sohnes Arm gestützt, schritt Brita langsam aufwärts durch die blühenden Wiesen; sie wußte kaum, wohin ihre Füße sie trugen, aber ihr Herz schlug gewaltsam, und oft mußte sie stillstehen und die Hände gegen den Busen drücken, die schmerzliche Bewegung zu überkommen.

»Du fühlst dich krank, Mutter,« sagte der Sohn; »es war nicht recht von mir, daß ich dir dies erlaubte.«

»Laß uns auf diesem Stein sitzen,« erwiderte sie, »es wird bald besser sein. Sieh mich nicht so ängstlich an; wirklich, ich bin nicht kränker.«

Er breitete den leichten Sommerüberzieher auf den Stein und half ihr mit zärtlicher Sorgfalt. Sie lüftete den Schleier und hob die Augen zu dem mächtigen Hause mit dem roten Dach, dessen schwarze Umrisse sich eben noch von dem dunklen Hintergrunde des Fichtenwaldes absetzten. Lebte er noch, dessen Leben sie gebrochen, und der sie dafür in die Nacht hinausgetrieben mit einem Fluch auf den Lippen? Wie würde er sie empfangen, wenn sie zurückkehrte? Ach, sie kannte ihn ja und zitterte bei dem Gedanken des Wiedersehens! Aber ihr war ja die Schuld. Sie konnte nicht aus diesem Thale scheiden, konnte nicht in Frieden sterben, ohne sich ihm zu Füßen geworfen und seine Verzeihung erfleht zu haben.

Und da an der anderen Seite des Thales lag sein Heim, der all ihres Unglücks Urheber war. Was war sein Schicksal gewesen? Und dachte er noch der duftigen Sommertage oben auf dem Saeter vor so langer, langer Zeit? Sie hatte die guten Leute, bei denen sie wohnten, nicht zu fragen gewagt; aber heute, wo sie sich so seltsam schwach fühlte, mußte es sich entscheiden: sie konnte die Qual der Ungewißheit nicht länger ertragen.

Georg war an ihrer Seite stehen geblieben und beobachtete sie voll Sorge und Mitleid; aber fragen wollte er, konnte er nicht. Er wußte nicht, welche Bedenken ihr die Lippen versiegelten; er wußte nur, daß er die Mutter nie so geliebt hatte, wie in diesem Augenblick. Und die Zärtlichkeit wallte über in seinem Herzen; er bog sich plötzlich herab, nahm ihr blasses, abgemagertes Gesicht in seine beiden Hände und küßte sie. Da brach die so lange zurückgehaltene Bewegung auch aus ihr; sie barg ihr Haupt an seiner Brust und weinte bitterlich.

Und horch! in dem Thale unten begannen die Kirchenglocken zu läuten; langsam, feierlich schwebten die machtvollen Töne herauf zu ihnen.

Sie hatte sich seinen Armen entzogen und saß da, lauschend. Ein wunderbares Lächeln spielte über die bleichen Züge. Ja, das waren dieselben Glocken, die das Kind gerufen hatten; dieselben Glocken, bei deren Klange Glitzer-Brita dieses Weges gewandelt war, die fröhliche Glitzer-Brita, den Busen mit gleißenden Spangen geschmückt, inmitten all der lustig geputzten Mädchen und Burschen.

Und da kamen sie wie ehemals, die Kirchengänger, in kleinen und größeren Trupps. Brita hob das Haupt und zog den Schleier über ihr Gesicht; aber der Schatten der weißstämmigen Birken über ihnen war doch so dicht nicht, und das üppige Gras an ihrer Seite nicht so hoch – es ging keiner vorüber, der die Fremden nicht gesehen und nach der Sitte des Landes, stehen bleibend, gegrüßt hätte.

Zuletzt kam ein alter, weißhaariger Mann, der sich schwer auf den Arm einer Frau in den mittleren Jahren stützte. Dennoch blieb er oft stehen und holte mühsam Atem; die Gestalt, die einst hoch und stattlich genug gewesen sein mochte, war ganz gebeugt.

»Ja, ja,« sagte er in einer heiseren gebrochenen Stimme, gerade da er an ihnen vorüberschritt, »es geht schwer, schwer. Aber zur Kirche muß ich heute, mein Kind. Ich habe bitteres Unrecht gethan und muß Gott bitten, daß er's mir vergebe.«

»Du solltest ein wenig ausruhen, Vater,« sagte die Frau. »Da ist ein Stein; die vornehme Dame wird gewiß einem alten Manne erlauben, sich neben sie zu setzen.«

Georg war bereits aufgestanden und bot dem alten Manne durch eine Gebärde seinen Platz an.

»Ja, ja,« fuhr der Alte, wie mit sich selbst redend, fort, »wer viel gesündigt hat, dem muß viel vergeben werden. Gott helfe uns armen Sündern allen! Du sollst Vater und Mutter ehren – aber wenn dich dein Kind um Brot bittet und du gibst ihm einen Stein – ja, ja, Gott hat viel zu vergeben, viel! Hilf mir auf, Grimhild; ich denke, ich kann jetzt wieder weiter.«

Georg hatte natürlich kein. Wort verstanden; aber als er sah, daß der alte Mann sich erheben wollte, sprang er hinzu, nahm ihn unter den Arm und richtete ihn empor.

»Dank dir, junger Mann,« sagte der Alte, »Gott wird's dir vergelten.«

Und die beiden, Vater und Tochter, bewegten sich von dannen, langsam, mühsam, wie sie gekommen waren. Georg folgte ihnen mit den Blicken, bis ein leises, unterdrücktes Stöhnen ihn an der Mutter Seite rief. Ihr ganzer Leib bebte und zitterte.

»Mutter, Mutter,« bat er, sich zu ihr niederbeugend, »was ist geschehen? So sah ich dich noch nie.«

Er hatte sich zu ihr gesetzt und sie in seine Arme genommen. Nur der Heimchen lautes Schwirren durchtönte die Stille unter den wehenden Birken.

»Mein Sohn,« begann sie endlich, ohne das Haupt von seiner Brust zu heben; »ich kann's nicht länger tragen – du sollst alles wissen, und Gott mag mir vergeben. Mein Sohn, mein geliebter Sohn: Du bist ein Kind der Schuld.«

»Das ist kein Geheimnis für mich gewesen,« erwiderte er ernst und liebevoll, »seit ich weiß, was Schuld ist.«

Sie hob den Kopf, und ein Blick der Verwunderung, der freudigen Ueberraschung schien durch den Thränenschleier, der ihre Augen verhüllte. In den ernsten, männlichen Zügen ihres Richters las sie nichts als kindliche Liebe und Ehrfurcht, und daß ihr Zweifel, ihre Verzweiflung grundlos gewesen, ihr langer, schmerzensreicher Kampf um nichts gekämpft war!

»Ich brachte dich in diese Welt ohne Heimat, ohne Namen,« flüsterte sie, »und du hast kein Wort des Vorwurfs für mich?«

»Mit Gottes Hilfe, Mutter, bin ich stark genug, mir selbst einen Namen und eine Heimat zu schaffen,« war seine Antwort.

Das war das Gebet ihres Lebens gewesen; und als es jetzt von des Sohnes Lippen kam – in denselben Ausdrücken, in die sie es so oft gekleidet – da klang es ihr wie eine Verheißung, die schon Erfüllung ist.

»Und dies,« fuhr sie in mutigerem Tone fort, »ist dein Heimatland, und der alte Mann, der eben hier saß, war – mein Vater.«

Und in dem Schatten der Birken, in der Sommerstille dieser Stunde erzählte sie ihm die Geschichte ihrer Liebe, ihrer Flucht – die Geschichte des Elends dieser langen, thränenvollen fünfundzwanzig Jahre.

Spät am Nachmittage kehrten sie zu dem Pachterhause zurück. Von der Mutter Antlitz leuchtete ein stilles, unaussprechliches Glück. Sie war ausgesöhnt mit der Welt und sich selbst; ihr Herz war so leicht wie in den Tagen, da man sie die Glitzer-Brita nannte. Aber ihre physische Kraft war erschöpft; ihre Glieder trugen sie kaum. Jetzt, da der Druck von ihr genommen, den sie mit schier übermenschlicher Kraft so lange getragen, forderte die erschöpfte Natur ihr Recht. Am nächsten Tage konnte sie das Bett nicht verlassen, mit jeder Stunde nahm ihre Kraft ab. Ein Arzt wurde herbeigeholt; er schüttelte bedenklich den Kopf, als er ging. Georg wußte, was der Arzt nicht sagen wollte.

Am Abend sandte er Bjarne Blakstad eine Botschaft, die den alten Mann herbeirief, so schnell ihn seine Füße trugen. Georg verließ das Zimmer, als der alte Mann eintrat; und was vorging zu dieser Stunde zwischen Vater und Tochter, weiß Gott allein. Als Georg wieder einzutreten wagte, strahlten ihm der Mutter Augen entgegen in überirdischem Glanz, und der alte Mann lag auf den Knieen vor dem Bett und drückte und küßte ihre weiße Hand.

»Dies ist mein Sohn, Vater,« sagte sie in einer Sprache, die der Sohn nicht verstand, und ein Lächeln mütterlichen Stolzes glitt über die bleichen Züge; »ich wollte, ich könnte ihn dir geben als Entgelt für das, was du durch mich verloren; aber Gott hat seine Zukunft in ein anderes Land gelegt.«

Bjarne richtete sich mühsam auf, ergriff seines Enkels Hand, während schwere Thränen über die gefurchten Wangen rannen. »Daß wir uns so treffen müssen,« murmelte er, »so treffen müssen!«

Da standen sie Hand in Hand, Großvater und Enkel, verbunden durch des Blutes engste Bande, und einer kannte des anderen Sprache nicht, und zwischen ihnen lag eine Welt.

Und so sprachen sie kein Wort einer zum anderen, während sie zusammen an dem Bett der Sterbenden saßen die kurze – lange Sommernacht.

Als der Morgen heraufdämmerte und sein erster, schwacher Schein in das Dunkel des Zimmers fiel, richtete sie sich aus kurzem, unruhigem Schlummer auf und nannte laut ihre Namen.

»Gott sei gepriesen! Ich habe euch beide gefunden – meinen Vater – meinen Sohn!«

Und die Dämmerung schwebte empor über den Rand der Berge und streute ihre Rosen auf das bleiche Antlitz einer Toten.

*

In der nächsten Stunde sollte ihr Leib der Heimaterde übergeben werden.

Georg war allein bei der geliebten Toten. Durch die mit weißen Vorhängen geschlossenen Fenster fiel ein gedämpftes Licht auf das stille Antlitz. Der Tod hatte sie nicht mit rauher Hand berührt. Sie schien jünger als zuvor, und das blonde Haar floß in weichen Wellen über die reine Stirn.

Da kam ein Mann herein in mittleren Jahren, mit stumpfen Augen und breiter Stirn, und näherte sich furchtsam dem einsam Trauernden. Er ging auf den Zehen, und seine plumpe Gestalt war tief gebeugt. Lange Zeit blickte er auf die Tote; dann kniete er hin am Fuße des Sarges und fing an bitterlich zu weinen. Endlich erhob er sich, that zwei Schritte auf den jungen Mann zu, blieb wieder stehen und verließ das Gemach schweigend, wie er gekommen.

Dicht an der Mauer der kleinen rotangestrichenen Kirche gruben sie ihr das Grab; und eine Woche später legten sie den Vater zur Ruhe an der Tochter Seite.

Aber die frischen Winde bliesen über den Atlantischen Ocean und riefen den Sohn in das große Land der Zukunft zu neuer Arbeit.

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