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Hjalmar Hjorth Boyesen: Novellen - Kapitel 2
Quellenangabe
authorHjalmar Hjorth Boyesen
titleNovellen
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1885
translatorFriedrich Spielhagen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180521
projectidbe4b5cad
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Hjalmar Hjorth Boyesen

Der amerikanische Autor, welchen wir vorzustellen das Vergnügen haben, wurde am 23. September 1848 in Fredricksvörn, einer Flottenstation an der südlichen Küste von Norwegen, geboren. Sein Vater, ein Offizier der Armee, wirkte zu jener Zeit als Lehrer an der dortigen Marineschule. Auf dem Gymnasium in Christiania, wohin die Eltern mittlerweile übergesiedelt waren, vorgebildet, bezog der Jüngling die Universität, um Philologie zu studieren. Nachdem er im Jahre 1868 sein Examen philosophicum absolviert, folgte er dem Wunsche seines Vaters und schiffte sich im Frühling 1869 mit einem jüngeren Bruder nach New-York ein. Der Vater hatte in jungen Jahren längere Zeit in Amerika gelebt und einen glühenden Enthusiasmus für die große Republik und ihre Institutionen in die Heimat herübergenommen. Er ließ sich von allen seinen drei Söhnen das Versprechen geben, daß sie ein Jahr in den Vereinigten Staaten reisen wollten, mit der selbstverständlichen Erlaubnis der Rückkehr, falls sie dieselbe dann noch wünschten. Diese Vorliebe des Vaters für den »fernen West« hat denn nebenbei auch eine so treibende Kraft gehabt, daß mittlerweile die ganze Familie unseres Autors drüben angesiedelt ist.

Was nun diesen selbst betrifft, so ließ er sich nach mehrmonatlichem ziellosen Umherschweifen in Chicago als Unterredacteur eines norwegischen Blattes » Fremud« (Vorwärts), engagieren, dessen Chefredacteur ein höchst talentvoller, aber ebenso liederlicher junger Däne war. Das Blatt brachte die ganze Welt skandinavischer Emigranten in Aufregung; aber eine derartige, interessante und auch pekuniär vorteilhafte Beschäftigung konnte Boyesen auf die Dauer nicht fesseln. Er war von dem brennenden Ehrgeiz erfüllt, ein Schriftsteller im weiteren und, wie er meinte, höheren Sinne zu werden. Seit seiner frühesten Kindheit hatte ihm dies Ziel als einzig wünschenswert vorgeschwebt; er hatte stets in aller Heimlichkeit Gedichte gemacht, Novellen geschrieben, selbst Tragödien und letztere selbstverständlich von der blutgierigsten Sorte. Nun ging er ans Werk und hatte die Kühnheit, es gleich mit der englischen Sprache zu versuchen. Der Versuch schlug, wie es wohl nicht anders sein konnte, fehl; man kann und soll eben nicht nach seinen Idealen springen. Sein Ideal Stufe um Stufe zu erklimmen, suchte er sich eine Beschäftigung, welche ihm Gelegenheit und Muße gewährte, die englische Sprache und Litteratur aus dem Grunde zu studieren, und ging nach Ohio, wo er in einer kleinen Stadt: Urbana, die Stelle eines Lehrers des Lateinischen und Griechischen an einer Art von Kolleg bekleidete. Dort schrieb er dann seine erste Erzählung, »Gunnar«, welche – zu seiner nicht geringen Verwunderung – von dem » Atlantic Monthly« in Boston angenommen wurde, einem Journal, welches bekanntlich hinsichtlich der Autorität und des Wertes in litterarischen Dingen vielleicht unter allen amerikanischen Blättern den ersten Platz einnimmt. Das war 1873 – nur vier Jahre also, seitdem der junge Norweger amerikanischen Boden betreten! Im folgenden Jahre erschien die Erzählung als Buch und hatte einen bedeutenden Erfolg. Nun war dem Kühnen die Bahn geöffnet. Die größten amerikanischen Autoren reichten dem eingewanderten Konkurrenten kollegialisch die Hand – unter ihnen besonders warm und brüderlich der wohlbekannte William D. Howells; – die bedeutendsten amerikanischen Blätter, wie » North American Review« und » Scribners Monthly«, schätzten es sich zur Ehre, den Erfolgreichen zu ihren Mitarbeitern zu zählen. In dem letztgenannten Magazin erschienen die meisten seiner Dichtungen und Schriften. Diese sind in chronologischer Folge die Novellen und Romane: »Gunnar« (1874), »Des Normannen Pilgerfahrt« (1876), »Erzählungen aus zwei Hemisphären« (1877), »Falkenberg« (1879) und »Goethe und Schiller«, eine fleißige, auf genauem Studium der einschlägigen Litteratur basierte Darstellung des Lebens und der Werke unserer Dichterfürsten, ebenfalls 1879 erschienen.

Seit dem Jahre 1874 bekleidet Boyesen die Professur der deutschen Litteratur an der »Cornell Universität« im Staate New-York. Er hatte sich zu derselben durch einen längeren Aufenthalt in Deutschland, speciell Leipzig, wo er unter Zarnckes Leitung unsere Philologie studierte, vorbereitet. Wir verdanken die obigen Notizen dem Inhalte nach seinen persönlichen Mitteilungen.

Leider gestattet uns der beschränkte Raum nicht, der kurzen biographischen Skizze eine ausführliche Analyse der Dichtungen Boyesens hinzuzufügen. Unsere Leser werden die nähere Bekanntschaft eines Dichters machen, der, »in beiden Hemisphären« gleich zu Hause, für die Weltlitteratur, welche der greise Goethe träumte und plante, wie geboren scheint; der für diese Litteratur in verhältnismäßig jungen Jahren schon so Bedeutendes geleistet hat, unzweifelhaft in Zukunft noch Bedeutenderes leisten wird, und – dessen Name, kaum hier und da von einem und dem anderen unter uns gekannt, neu und fremd an das deutsche Ohr klingt.

Friedrich Spielhagen.

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