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Novalis

Franz Blei: Novalis - Kapitel 4
Quellenangabe
typebiography
authorFranz Blei
titleNovalis
publisherBard Marquardt u. Co
editorGeorg Brandes
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150714
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. Mit dem juristischen Studium konnte Hardenberg wie sein Bruder Erasmus und Freund Schlegel auch in Leipzig nicht zurecht kommen. So geht er mit den besten Vorsätzen nach Wittenberg und studiert hier bis zum Frühjahr 1794 mit solchem Eifer das kurhessische Recht, daß er seinen Vater mit einem glänzenden Zeugnis erfreuen kann. – Wie Hardenberg sich von dieser Zeit an sein Leben einzurichten strebt, hat nichts von der Art, die seine jugendlichen Genossen, die man die Romantiker nennt, dem ihren gaben. Wie diese sich in die Welt werfen, ihre Unruhe bald da- bald dorthin tragen, mit Absicht alles meiden, das wie bürgerliche Tätigkeit aussieht, so ist Hardenberg nun daran, »sich in die anspruchslose Einförmigkeit des bürgerlichen Lebens zurückzuziehen«, er, »der ohne Zweifel eine brillante Rolle auf dem tummelvollen Schauplatz dieser Welt gespielt haben würde«, wie ihm der Bruder Erasmus vorwurfsvoll schreibt. Er geht nach Tennstedt, um unter der Leitung des biederen Kreisamtmannes Just den Geschäftsgang des sächsischen Salinenwesens zu lernen. Und er tut dies zwanglos, ohne irgendetwas zu opfern, das er sonst etwa gewollt hätte. Er, dem der ein Jahr darauf erschienene ›Wilhelm Meister‹ das Buch der Bücher wird, er lebte, ohne daß es ihm vielleicht je im Leben deutlich zum Bewußtsein kam, nach dem Symbole dieses Romans: das Leben tätig zu genießen, wie immer auch es einem vom Schicksal gegeben sei. Der Neunzehnjährige schrieb an Reinhart: »Gewissenhafte Enthaltsamkeit von allem Zweckwidrigen habe ich mir zum strengsten Gesetz gemacht,« und drei Jahre später: »Alles muß Lebensmittel werden. Kunst aus allem Leben zu ziehen: alles zu beleben ist der Zweck des Lebens. Lust ist Leben.« – Jedes Tun gab seinem Inneren neuen Reichtum; Glück und Unglück hing ihm ja nicht mehr von äußeren Umständen ab: »Der wahre glückliche oder unglückliche Zustand ist schlechthin unbestimmbar und ganz individuell.«

»Schicksal und Gemüt sind Namen eines Begriffes« – mit diesem Satz im ›Heinrich von Ofterdingen‹ hat Hardenberg das Wesen seines eigentümlichen Lebens ausgesprochen. Sein Gemüt war sein Schicksal und sein Schicksal sein Gemüt. Was sich auch um ihn vollzieht, was auch in sein Leben von außen eingreift – »alles führt ihn nur in sich selbst zurück« wie seinen Lehrling von Saï's, nichts bringt ihn aus seinem Wege, nichts stellt sich ein, das Überraschung wäre und einen Unvorbereiteten träfe.

Am 17. November 1794 kam Hardenberg in Geschäften seines Berufes nach Grüningen; neunviertel Stunden ritt der Verliebte später den Weg von Tennstedt dahin. In Grüningen sah er sein Schicksal, eine erste Offenbarung seines Gemüts: die kaum dreizehnjährige Sophie von Kühn, die Stieftochter des Herrn von Rockenthien, eines alten lustigen Landedelmannes. »Der erste Anblick,« schreibt Tieck,»dieser schönen und wunderbar lieblichen Gestalt entschied für sein Leben, ja man kann sagen, daß die Empfindung, die ihn durchdrang und beseelte, der Inhalt seines ganzen Lebens ward ... Alle diejenigen, welche diese wunderbare Geliebte unseres Freundes gekannt haben, kommen darin überein, daß es keine Beschreibung ausdrücken könne, in welcher Grazie und himmlischer Anmut sich dieses überirdische Wesen bewegt, und welche Schönheit sie umglänzt, welche Rührung und Majestät sie umkleidet habe. Novalis ward zum Dichter, so oft er nur von ihr sprach.« Hardenberg hat Sophiens Bild auf Blätter seines Tagebuchs gezeichnet – das Bild eines kleinen Pensionsmädchens voll graziöser Laune und reizvoller Sinnlichkeit. »Sie fürchtet sich vor Mäusen und Spinnen. Sie kann zu grosse Aufmerksamkeit nicht leiden und nimmt doch Vernachlässigung übel. Sie ißt am liebsten Kräutersuppe, Rindfleisch und Bohnen. Sie fürchtet sich vor der Ehe. Sie raucht Tabak und fürchtet sich vor Gespenstern. Sie ist irritabel und sensibel. Sie liebt mit Sorgfalt und Passion das Schickliche. Sie ist eine gute Wirtin. Sie kann sich außerordentlich verstellen.« Und allgemein: »Die Frauen sind vollendeter als wir. Sie erkennen besser als wir. Ihre Natur scheint unsere Kunst, unsere Natur ihre Kunst zu sein. Sie individualisieren, wir universalisieren.« Doch Hardenberg, der alle die Züge des Backfisches aufzeichnet, sah auch die Augen dieses Mädchens leuchten und fühlte den Druck ihrer Hand. Was sagen alle aufgeschriebenen Züge und Gedanken einer Frau, wenn wir sie selbst nicht gesehen, das Unbekannte nicht empfunden haben? Hardenberg ward zum Dichter, so oft er nur von ihr sprach – und so muss Sophie voller Wunder gewesen sein. Aus Sophie von Kühn's Tagebuch und Briefen möge einiges hier stehen. Sie schreibt in ihren Kalender unter dem Januar 1795: »3. diesen Morgen schrieb ich an die Tahnten. Es war keine Schule, weil Herr Graf heusig (heiser) war. 4. waren wir allein. Den Abend wollden wir bey Magister gehn aber es wurde nichts draus. 5. heute früh fuhr der Vater und Georg nach Sagafstet. George verdarb mir durch seinen Abschied den ganzen Tag. 7. Heute früh ritt Hardenb. noch wieder ford es Bassirde heude weider nichts ...« Ein Brief von ihr an Hardenberg: »Ja, ja so mein ich auch es wäre auch der Rede noch einmal werd wenn wir den Angenehmen Besuch einer andern Ursache zu schreiben könden. Nu wie sind Sie denn nach Hauss gekommen lieber Hardenberg doch recht wohl und fitehl? Nun muß ich Sie nur mein Anliegen klagen stelln Sie sich nur mahl vor wie Sie mier die Hare gaben so wickelde ich sie sauber in ein Papiergen ein und legde sie auf Hanßen seinen Tisch. Den andern Tag wolde ich sie weg nehmen da waren weder Hare noch Papiergen zu sehn nun bittet nochmahls Sich schären zu lassen nähmlich den Kopf – Sophie von Kühn.« Man wird nicht viel vom Geiste des Mädchens halten – aber wäre sie wie immer gewesen, dumm und häßlich auch, so wäre das ganz gleich. Novalis hatte die Liebe in seinem Herzen, das Mädchen war der Zufall, der diese Liebe bewegte, der Zufall, von dem er sagt, daß ihn »die Dichter anbeten.« – Er verlebte den glücklichen Sommer des Jahres 1798. Das Haus des alten Rockenthien war voll Fröhlichkeit und stand Freunden immer offen. Hier sah Hardenberg erst, was ein Fest sei. Die Musik verscheuchte die Zurückhaltung und reizte alle Neigungen zu einem munteren Spiel. Blumenkörbe dufteten in voller Pracht auf dem Tische und der Wein schlich zwischen den Schüsseln und Blumen umher, schüttelte seine goldenen Flügel und stellte bunte Tapeten zwischen die Welt und die Gäste. Heinrich begriff erst jetzt, was ein Fest sei. Jede freie Stunde reitet der Verliebte nach Grüningen hinüber, wo er oft Tage verweilt. Da zeigen gegen den Herbst hin die Briefe Friedrichs an Erasmus, der manchmal ein Gast in Grüningen war, eine diesem auffallende Verstimmung. Erasmus fragt ihn endlich, ob er krank sei. Friedrich war nicht krank, aber er empfand einen leisen Überdruss. Die Monate seines Liebeslebens mit Sophie nahmen dem Gefühle die Intensität der ersten Tage. Die Phantasie, die exaltierte schöne Täuscherin verliebter Jugend, wurde ein bißchen müde. Es steht da in einem Briefe Hardenbergs: »Die Leute (in Grüningen) liebe ich wie mich und euch, aber es sind Menschen, und bei einem so langen Aufenthalte daselbst, wie ich ihn gemacht habe, würde dir der schmutzige Revers gewiss nicht entgehen.« Da erkrankte, im November des Jahres, Sophie schwer, und am Lager der geduldig Leidenden brennt seine Liebe wieder hoch auf. »Es ist die Möglichkeit eines unendlich reizenden Schmerzes da,« liest man in den Fragmenten. Wieder kam es hervor, wie sein Gemüt sein Schicksal war, dem er sich mit freudiger Sehnsucht nach Leiden, nach Mitleiden hingab. Wohl ist dies ein Eigentum der sentimentalischen Jugend, daß ihre Gefühle an dem Interessanten wachsen. Doch dieses Wachsen der Liebe Hardenbergs, da er leiden sah, hat mehr Gründe als den sentimentalischen allein; denn es ist fast das, was man einen pathologischen Zustand nennt, mit welchem Worte nur etwas beschrieben und nicht kritisiert werden will. In den ›Fragmenten‹ stehen viele Sätze davon, und hat auch Hardenberg davor gewarnt, sie pedantisch-wörtlich zu nehmen – man weiß, daß was sich auch als bloßes Spiel des Geistes ausgibt, diesem Geiste kein fremdes sein kann; und gar erst diese Sätze in Hardenbergs ›Fragmenten‹, die in der Zeit, da sie entstanden, von unerhörten Dingen sprachen. Da heißt es: »Krankheit gehört zu den menschlichen Vergnügen wie Tod.« Und im Tagebuch: »Ich habe zu Sophie Religion, nicht Liebe,« und anderswo bestimmter als »religiöse Aufgabe: Mitleid mit der Gottheit zu haben. Sollen wir Gott lieben, so muss er hilfsbedürftig sein.« Nie ist das Paradoxe der christlichen Gottverehrung bestimmter gesagt worden. Und dann: »Es ist sonderbar, daß nicht längst die Association von Wollust, Religion und Grausamkeit die Menschen aufmerksam auf ihre innige Verwandtschaft und ihre gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat«. An Friedrich Schlegel über seine Liebe: »Ich liebe mehr als die spannenlange Gestalt im Raum und liebe länger als die Schwingung der Lebenssaite währt.« Man spricht den Schwindsüchtigen eine Sinnlichkeit zu, die in keinem Verhältnis zu ihrem körperlichen Vermögen steht. Ist das so, dann formt sich solches Begehren bei Hardenberg in eine sublime Metaerotik: vom Irdisch-Sinnlichen, das die Augen und Hände ahnen, redet er fast abstrakt, das Übersinnliche, das die Seele sieht, greift er mit Wollustorganen und ›vivificiert‹ es; von der Musik spricht er wie von Zahlen, von den Zahlen wie von Sphärenharmonien; die Umrißlinien der Frauen seines Romanes sind voll zarter Keuschheit, die davor erschrickt, daß die Linien sich zu Körperformen schließen; und mit den Gedanken verkehrt er, als ob sie brünstige Weiber wären.


Sophiens Krankheit geht vorüber, kommt stärker wieder. Im Juli 1797 bringt man das Mädchen nach Jena – nach einer vergeblichen Operation kommt sie nach Grüningen zurück. Aus den Hoffnungslosigkeiten baut sich Hardenberg seine Welt in eine andere. Er schreibt im Februar 1797: »Zufrieden, das Nötigste getan zu haben, versenke ich mich so tief als möglich in die Fluten des menschlichen Wissens, um, solange ich in diesen heiligen Wellen bin, die Traumwelt des Schicksals zu vergessen. Dort blühen mir allein die Hoffnungen auf, die ich hier verliere; die hiesigen Rückschritte sind dort Fortschritte, das verwundende Schwert wird dort zum beseelenden Zauberstab; die Asche der irdischen Rosen ist das Mutterland der himmlischen; meine Phantasie wächst, wie meine Hoffnung sinkt. Frühzeitig habe ich meine prekäre Existenz fühlen gelernt und vielleicht ist dies Gefühl das erste Lebensgefühl der zukünftigen Welt.« –

Sophie starb am 19. März 1797; zwei Tage vorher war sie fünfzehn Jahre alt geworden. Kaum vier Wochen später stirbt Friedrichs Bruder und Freund Erasmus. Auf den Gräbern sprosste ein Kelch auf: die Blaue Blume, und der Dichter Novalis tritt seine Todesfahrt an.

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