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Nostromo

Joseph Conrad: Nostromo - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph Conrad
titleNostromo
translatorErnst Wolfgang Freisler 1884-1938
senderwww.gaga.net
created20050809
projectid3a78a601
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VII

Frau Gould war zu vernünftig in ihrer Zuneigung, um dieses Gefühl nicht zu teilen. Es gab dem Leben einen prickelnden Reiz, und sie war viel zu sehr Frau, um daran nicht Gefallen zu finden. Aber es erschreckte sie auch ein wenig. Und wenn Don José Avellanos, während er sich im Schaukelstuhl wiegte, sich etwa gelegentlich zu der Behauptung verstieg: »Sogar wenn Sie keinen Erfolg gehabt hätten, mein lieber Carlos; sogar wenn heute noch ein unvorhergesehener Zwischenfall Ihr Werk zerstören würde – was Gott verhüten möge –, so hätten Sie sich doch um Ihr Land verdient gemacht« – dann schickte wohl Frau Gould vom Teetisch her einen tiefen Blick zu ihrem unbewegten Gatten hinüber, der mit dem Löffel in der Tasse rührte, als hätte er nicht ein Wort gehört.

Nicht als ob Don Jose irgend etwas der Art hätte vorhersagen wollen. Er konnte des lieben Carlos Takt und Mut nicht hoch genug rühmen. Seine englische, felsenstarke Charakteranlage sei sein bester Schutz, versicherte Don José; und dann zu Frau Gould gewandt: »Sie nun, Emilia, meine Seele« – er erlaubte sich die Anrede kraft seiner Jahre und der alten Freundschaft –, »Sie sind eine so echte Patriotin, als wären Sie in unserer Mitte geboren.«

Dies konnte weniger oder mehr als die Wahrheit sein. Frau Gould hatte, während sie ihren Gatten auf der Suche nach Arbeitskräften durch das ganze Land, durch die ganze Provinz begleitete, das Land mit schärferem Blick erfaßt, als es einer echtbürtigen Costaguanera möglich gewesen wäre. In ihrem von der langen Reise stark mitgenommenen Reitkleid, das Gesicht weiß verstaubt wie eine Gipsmaske und mit noch einer kleinen Seidenmaske davor, zum Schutz gegen die ärgste Tageshitze, ritt sie inmitten einer kleinen Kavalkade ein wohlgeformtes, leichtfüßiges Pony. Zwei Mozos de campo, malerisch in ihren großen Hüten, in weißen, gestickten Calzoneras, Lederjacken und gestreiften Ponchos, Anschnallsporen an den nackten Fersen, ritten voraus, die Karabiner quer über die Schultern gehängt, und federten gleichmäßig im Trab ihrer Pferde. Eine Tropilla von Packmulis bildete die Nachhut unter dem Befehl eines mageren braunen Treibers, der seinem langohrigen Tier weit hinten auf der Kruppe saß, die Beine lang vorgestreckt, den breitrandigen Hut in den Nacken zurückgeschoben, daß ihm die Krempe wie ein Heiligenschein um den Kopf stand. Ein alter Costaguana-Offizier, ein verabschiedeter Major niederer Herkunft, doch von den ersten Familien wegen seiner Treue zur Blancopartei begönnert, war von Don José als Führer und Reisemarschall für das Unternehmen empfohlen worden. Die Spitzen seines grauen Schnurrbarts hingen ihm bis unter das Kinn, und während er an Frau Goulds linker Seite ritt, blickte er mit kindlichen Augen in die Runde, wies auf die Einzelheiten der Landschaft hin, nannte die Namen der kleinen Pueblos, der Güter und der Haziendas, die mit glatten Wänden, wie langgestreckte Festungen, die Hügel oberhalb des Tales von Sulaco krönten. Das Tal breitete sich mit junggrünen Saaten, ebenen Flächen, Büschen und Wasserläufen parkartig von dem blauen Dunst der fernen Sierra bis zu der ungeheuren Weite des Horizontes aus Gras und Himmel, wo große weiße Wolken langsam in das Dunkel ihres eigenen Schattens zu fallen schienen.

Männer ackerten mit Ochsen, die im Joch vor hölzernen Pflügen gingen, klein in der grenzenlosen Ebene, als wollten sie die Unendlichkeit selbst angreifen. Weit weg sah man berittene Vaqueros dahingaloppieren und die großen Herden weiden, alle die gehörnten Köpfe in eine Richtung gekehrt, in einer einzigen webenden Linie, so weit das Auge über die weiten Potreros reichte. Ein weitästiger Wollbaum warf seinen Schatten über einen gedeckten Viehschuppen an der Straße; die in langen Reihen hintereinander trottenden, schwerbeladenen Indianer lüfteten ihre Hüte und hoben traurig-stumme Augen zu der Kavalkade auf, die den Staub auf dem holprigen Camino real aufwirbelte, der gleichen Straße, an der ihre versklavten Vorväter gearbeitet hatten. Und Frau Gould meinte mit jeder Tagesreise der Seele des Landes näherzukommen: sie erschloß sich ihr hier im Innern, das von der leichten europäischen Tünche der Küstenstädte frei war. Ein großes Land mit Ebenen und Bergen und einem Volk, das stumm litt und in ergreifender, geduldiger Unbewegtheit seine Zukunft erwartete.

Frau Gould sah das Gesicht des Landes und lernte die mit schläfriger Würde gebotene Gastfreundschaft in den weiten Gebäuden kennen, die den windgepeitschten Viehweiden lange, fensterlose Wände und schwere Tore zukehrten. Man wies ihr den Ehrenplatz am Kopfende der langen Tische, wo Herren und Diener in altväterlicher Schlichtheit zusammensaßen. Die Damen des Hauses führten im Mondlicht unter den Orangenbäumen des Innenhofes sanfte Gespräche und hinterließen in Frau Gould den Eindruck von der Süße ihrer Stimmen und dem etwas geheimnisvollen Gleichmaß ihres Lebens. Am Morgen gaben dann die Herren, gut beritten, in bortenbesetzten Sombreros und gestickten Reitanzügen, den scheidenden Gästen das Geleite und empfahlen sie an den Grenzpfählen ihrer Besitzungen mit ernstem Lebewohl der Obhut Gottes. In all diesen Häusern konnte Frau Gould Geschichten von politischer Unbill hören; Freunde, Verwandte zugrunde gerichtet, eingekerkert, in den Schlachten der sinnlosen Bürgerkriege gefallen, barbarisch hingerichtet während wütender Verfolgungen, als hätte die Regierung in einem willkürlichen Gegeneinander dummer Teufel bestanden, die mit Säbeln, Uniformen und geschwollenen Reden auf das Land losgelassen wären. Und von allen Lippen hörte Frau Gould ein müdes Sehnen nach Frieden und die Angst vor Behörden, mit ihrem gespenstischen Zerrbild von Verwaltung, ohne Gesetz, Sicherheit und Recht.

Sie ertrug die vollen zwei Monate der Reise sehr gut; sie hatte die Widerstandskraft gegen Müdigkeit, die man dann und wann überrascht an manchen sehr zart aussehenden Frauen entdeckt – als wären sie von besonders hartnäckigem Geiste besessen. Don Pépé, der alte Costaguana-Major, hatte sich erst in besorgten Aufmerksamkeiten für die zarte Dame erschöpft und ihr schließlich den Ehrennamen der »nimmermüden Señora« verliehen. Frau Gould wurde tatsächlich zur Costaguanera. Da sie in Südeuropa wahres Bauerntum kennengelernt hatte, war sie wohl imstande, die großen Vorzüge des Volkes zu würdigen. Sie sah den Mann unter dem schweigsamen, trübblickenden Lasttier. Sie sah die Lastträger auf den Straßen, einsame Gestalten auf der Ebene, unter großen Strohhüten hinkeuchen, in weißen Gewändern, die im Wind um ihre Glieder flatterten. Eine Gruppe von Indianern, die sich dem Gedächtnis eingeprägt hatte, das Gesicht eines jungen Indianermädchens mit wehmütigem, sinnlichem Ausdruck, das ein irdenes Wassergefäß an der Tür einer dunklen Hütte zwischen den rohen Pfosten des Vorbaus niedersetzte: dies alles rief ihr das Bild von Dörfern wach. Die hölzernen Scheibenräder eines Ochsenkarrens, der bis zur Achse im Straßenstaub steckte, wiesen noch die Spuren der Axthiebe auf; und eine Gruppe von Holzkohlenträgern schlief, in einer Reihe hingestreckt, in dem schmalen Schatten einer niedrigen Lehmmauer, auf der jedes Mannes Last über dem Kopf des Trägers abgesetzt stand.

Das wuchtige Quaderwerk von Brücken und Kirchen aus der Zeit der Eroberer erzählte von der Mißachtung menschlicher Arbeit, der Fron untergegangener Völker. Die Macht von Königtum und Kirche war dahin, doch beim Anblick eines wuchtigen, halbverfallenen Pfeilers, der von einer Hügelkante her die niedrige Lehmmauer eines Dorfes überragte, unterbrach sich Don Pepé wohl in der Schilderung seiner Feldzüge und rief aus:

»Armes Costaguana! Früher einmal war alles für die Priester, nichts für das Volk; und jetzt ist alles für die großen Politicos in Sta. Marta, für Negros und Diebe.«

Charles sprach mit den Alkalden, Fiskalen, mit den wichtigsten Leuten in den Städten und mit den Caballeros auf den Gütern. Die Kommandanten der Bezirke boten ihm Eskorten an, denn er konnte eine Beglaubigung von dem augenblicklichen politischen Oberbeamten in Sulaco vorweisen. Wieviel ihm das Schriftstück in goldenen Zwanzigdollarstücken gekostet hatte, war ein Geheimnis zwischen ihm selbst, dem Großen Mann in den Vereinigten Staaten (der sich herabließ, die Post aus Sulaco eigenhändig zu beantworten) und einem Großen Mann von andrem Schlag, mit dunkelolivfarbener Haut und unsteten Augen, der damals den Palast der Intendancia in Sulaco bewohnte und sich auf seine europäische Bildung und Kultur (ausgesprochen französischen Stils) viel zugute tat, weil er in Europa einige Jahre gelebt hatte – in der Verbannung, wie er sagte. Es war übrigens ziemlich allgemein bekannt, daß er unmittelbar vor dieser Verbannung etwas unvorsichtig den ganzen Kassenbestand des Zollamtes in einer kleinen Hafenstadt verspielt hatte, an dem er durch die Gunst eines Freundes als Untereinnehmer angestellt war. Diese jugendliche Verirrung hatte, neben anderen Unannehmlichkeiten, auch die Folge, daß er eine Zeitlang sein Leben als Cafékellner in Madrid fristen mußte; doch schien letzten Endes seine Begabung doch ungewöhnlich zu sein, da sie ihn befähigt hatte, sein politisches Mißgeschick so gründlich wieder auszugleichen. Charles Gould setzte ihm sein Anliegen mit unbeirrbarer Gemütsruhe auseinander und redete ihn dabei mit Exzellenz an.

Die Provinz-Exzellenz zeigte sofort einen Ausdruck müder Überlegenheit und kippte nach echter Costaguanamanier mit dem Stuhl neben dem offenen Fenster weit zurück. Zufällig versuchte sich gerade die Militärmusik auf der Plaza an einer Auswahl aus Opernmusik, und zweimal gebot der hohe Herr durch Heben der Hand Schweigen, um einer Lieblingsstelle lauschen zu können.

»Exquisit, köstlich!« murmelte er. Charles Gould stand dabei und wartete mit unerschütterlicher Geduld. »Lucia, Lucia di Lammermoor! Ich schwärme für Musik. Sie reißt mich fort. Ah! der Göttliche – ah! – Mozart. Si! Göttlich... Was sagten Sie doch?«

Natürlich hatten ihn schon Gerüchte über die Absichten des Neukömmlings erreicht. Überdies hatte er auch eine amtliche Warnung aus Sta. Marta erhalten. Sein Gehaben war einfach darauf berechnet, seine Neugierde zu verbergen und seinem Besucher Eindruck zu machen. Nachdem er aber etwas Kostbares in der Schublade eines großen Schreibtisches in einem entlegenen Teil des Raumes verschlossen hatte, wurde er sehr umgänglich und kam lebhaft zu seinem Stuhl zurück.

»Wenn Sie die Absicht haben, Dörfer zu bauen und nächst der Mine eine Bevölkerung anzusiedeln, so werden Sie dazu einen Erlaß des Innenministers nötig haben«, riet er in geschäftlichem Ton.

»Ich habe bereits eine Denkschrift eingesandt«, sagte Charles Gould ruhig, »und rechne nun vertrauensvoll auf Ew. Exzellenz gütige Befürwortung.«

Der Exzellenzherr war ein Mann von wechselnder Stimmung. Mit dem Empfang des Geldes hatte sich eine honigsüße Stimmung seiner einfachen Seele bemächtigt. Unerwartet seufzte er tief auf.

»Ah, Don Carlos! Was wir hier in der Provinz brauchen, das sind fortgeschrittene Männer wie Sie. Die stumpfe Gleichgültigkeit – die Gleichgültigkeit dieser Aristokraten! Der Mangel an Bürgergeist! Das Fehlen jeglicher Unternehmungslust! Ich, mit meinen eingehenden Studien in Europa, Sie verstehen...«

Eine Hand in die Tiefen des gehobenen Busens versenkt, wippte er auf den Zehenspitzen und rannte durch volle zehn Minuten, fast ohne Atem zu schöpfen, wie im geistigen Sturmlauf gegen Charles Goulds höfliches Schweigen an; und als er plötzlich abbrach und sich in seinen Stuhl zurückfallen ließ, da schien es, als wäre er von einer Festung abgeschlagen worden. Um seine Würde zu retten, beeilte er sich, den schweigsamen Mann mit einem feierlichen Kopfnicken und den Worten zu verabschieden, die er mit kühler, müder Herablassung sprach:

»Sie können mit meinem aufgeklärten Beistand rechnen, solange Ihre Haltung als guter Bürger es verdient.«

Er nahm einen Papierfächer auf und begann sich mit hochmütiger Geste zu fächeln, während Charles Gould sich mit einer Verbeugung zurückzog. Dann warf er den Fächer sofort hin und starrte mit dem Ausdruck verblüfften Staunens eine ganze Zeitlang die geschlossene Türe an. Schließlich zuckte er die Schultern, als wollte er vor sich selbst seine Mißachtung bestätigen. Kalt, dumm. Keinen Verstand, rotes Haar. Richtiger Engländer – er verachtete ihn.

Sein Gesicht verdunkelte sich. Was sollte dieses unbeteiligte, kühle Benehmen? Er war der erste in der Reihe der aus der Hauptstadt zur Regierung der Westlichen Provinz herübergesandten Politiker, der das Benehmen Charles Goulds in amtlichen Unterredungen als beleidigend unabhängig empfand.

Charles Gould war zu dem Entschluß gekommen, daß, wenn schon das scheinbare Anhören trostlosen Gewäsches einen Teil des Preises bilden mußte, den er zu zahlen hatte, um unbelästigt zu bleiben – daß doch die Verpflichtung, selbst Unsinn zu reden, keineswegs in den Handel eingeschlossen war. Hier zog er den Trennungsstrich. Diesen Provinzautokraten, vor denen zu zittern die friedliche Bevölkerung gewöhnt worden war, verursachte die Zurückhaltung dieses englischen Ingenieurs ein Unbehagen, das zwischen Kriecherei und Roheit schwankte. Nach und nach kamen sie alle dahinter, daß der Mann ohne Rücksicht darauf, welche Partei gerade am Ruder war, in sehr nachhaltiger Berührung mit den höheren Behörden in Sta. Marta blieb.

Dies war eine Tatsache, und sie bildete die ausreichende Erklärung für die andere, daß die Goulds bei weitem nicht so reich waren, wie der Chefingenieur der neuen Bahnstrecke mit Recht annehmen zu können meinte. Dem Rat Don José Avellanos' folgend, der ein verständiger Mann war (wenn auch etwas verschüchtert durch seine furchtbaren Erfahrungen zur Zeit Guzman Bentos), hatte sich Charles Gould von der Hauptstadt ferngehalten; doch war er im Lokalklatsch unter den ansässigen Ausländern (mit einem gut Teil Ernst unter dem Spott) unter dem Spitznamen des »Königs von Sulaco« bekannt. Ein Anwalt am Gerichtshof von Costaguana, bekannt für seine Geschicklichkeit und seinen anständigen Charakter, ein Mitglied der vornehmen Moragofamilie, die ausgedehnte Ländereien im Tale von Sulaco besaß, wurde mit einer Mischung von Geheimnistuerei und Hochachtung den Fremden gezeigt, als der Agent der San-Tomé-Mine – »politisch, Sie verstehen«. Er war hochgewachsen, schwarzbärtig und verschwiegen. Es war bekannt, daß er leichten Zutritt zu Ministern hatte und daß die zahlreichen Costaguana-Generäle immer mit Vergnügen dabei waren, in seinem Hause zu speisen. Die Präsidenten gewährten ihm mit Leichtigkeit Audienz. Er stand in regem Briefverkehr mit seinem Oheim Don José Avellanos; seine Briefe aber – mit Ausnahme derer, die nur die Zusicherung unwandelbarer Zuneigung enthielten – wurden selten dem Postamt von Costaguana anvertraut, denn dort wurden die Umschläge geöffnet, unterschiedslos, mit all der unverhohlenen, kindischen Unverschämtheit, die so viele spanisch-amerikanische Regierungen kennzeichnet. Doch muß bemerkt werden, daß ungefähr zur Zeit der Wiedereröffnung der San-Tomé-Mine der Maultiertreiber, den Charles Gould bei seinen vorhergehenden Reisen im Campo beschäftigt hatte, sich mit seinen Tieren dem schwachen Handelsverkehr anschloß, der zwischen dem Hochland von Sta. Marta und dem Tale von Sulaco über die Bergpässe weg bestand. Auf dieser unwegsamen, gefährlichen Straße gibt es keine Reisenden, außer unter sehr ungewöhnlichen Umständen, und der Stand des inländischen Handels schien ein Anwachsen der Verkehrsmittel nicht zu rechtfertigen. Und doch schien der Mann dabei auf seine Rechnung zu kommen; immer fanden sich ein paar Packladungen für ihn, sooft er sich auf den Weg machte. Dunkelbraun und hölzern, in Ziegenfellhosen mit dem Haar nach außen, saß er nahe beim Schwanz seines Lieblingsmaultiers, den großen Hut der Sonne zugekehrt, einen Ausdruck zufriedener Verträumtheit auf dem langen Gesicht, und summte Tag um Tag ein schmachtendes Liebeslied vor sich hin oder schickte, ohne den Ausdruck zu wechseln, den Tieren vor ihm einen gellenden Schrei zu. Eine runde kleine Gitarre hing ihm hoch auf dem Rücken, und im Holz eines der Packsättel war künstlich ein kleines Loch ausgehöhlt, in das ein kleines Papierröllchen geschoben werden konnte; dann wurde der hölzerne Stöpsel wieder eingesetzt und die rauhe Packleinwand darüber genagelt. Wenn er in Sulaco war, so pflegte er den ganzen lieben Tag (als hätte er keine Sorge in der Welt) auf einer Steinbank vor dem Torweg der Casa Gould, den Fenstern des Hauses der Avellanos gegenüber, zu ruhen und zu faulenzen. Vor vielen Jahren war seine Mutter die erste Wäscherin in jener Familie gewesen – sehr tüchtig im Glanzbügeln. Er selbst war auf einer der Haziendas der Avellanos geboren. Er hieß Bonifacio, und Don José versäumte es nie, wenn er zu seinem Besuch bei Doña Emilia gegen fünf Uhr nachmittags die Straße überquerte, für den demütigen Gruß des Mannes durch eine Bewegung des Kopfes oder der Hand zu danken. Die Pförtner beider Häuser führten mit ihm eine träge Unterhaltung, im Ton ernster Vertraulichkeit. Seine Abende benutzte er zum Würfelspiel, in besonders festlicher Stimmung zu Besuchen bei den »Peyne d'oro«-Mädchen, in den entlegenen Seitengassen der Stadt. Doch war auch er ein verschwiegener Mann.

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