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Nostromo

Joseph Conrad: Nostromo - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph Conrad
titleNostromo
translatorErnst Wolfgang Freisler 1884-1938
senderwww.gaga.net
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projectid3a78a601
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XIII

An dem Tage, an dem Frau Gould, nach Doktor Monyghams Worten, »eine Tertulia gab«, stieg Kapitän Fidanza im Hafen von Sulaco die Fallreeptreppe seines Schoners hinunter; er schien ruhig und entschlossen, setzte sich bedächtig in seinem Gig zurecht und nahm die Ruder auf. Er war später daran als gewöhnlich. Der Nachmittag war weit vorgeschritten, bevor er am Strand der Großen Isabelle anlegte und den Abhang hinanzusteigen begann.

Von weitem schon konnte er Giselle sehen, die ihren Stuhl an die Hauswand gerückt hatte, unter dem Fenster des Mädchenzimmers. Sie hatte ihre Stickerei in den Händen und hielt sie sich nahe an die Augen. Der Mann, der den Gedanken an den ewigen Kampf und Streit nicht loswerden konnte, empfand die Ruhe dieser Mädchengestalt als aufreizend. Er wurde ärgerlich. Es schien ihm, als hätte sie das Klirren seiner Fesseln von weitem hören müssen. Und an Land hatte er an ebendiesem Tage den Doktor Monygham mit dem bösen Blick getroffen, und der hatte ihn scharf angesehen.

Ihr Augenaufschlag besänftigte ihn. Diese Augen mit ihrer blumenhaften Frische leuchteten ihm bis ins Herz. Dann runzelte sie die Stirn. Es war eine Warnung zur Vorsicht. Er blieb in einiger Entfernung stehen und sagte laut und gleichgültig:

»Guten Tag, Giselle. Ist Linda schon auf?«

»Ja. Sie ist mit dem Vater im Wohnzimmer.«

Er kam nahe heran, sah durch das Fenster ins Schlafzimmer, aus Angst, Linda könnte aus irgendeinem Grunde dahin zurückkehren und ihn entdecken, und fragte, kaum die Lippen bewegend:

»Du liebst mich?«

»Mehr als mein Leben.« Sie blieb unter seinem forschenden Blick über ihre Stickerei gebeugt und sprach weiter: »Oder ich könnte nicht leben. Ich könnte es nicht, Giovanni! Denn dieses Leben ist wie der Tod. Oh, Giovanni, ich werde zugrunde gehen, wenn du mich nicht fortnimmst!«

Er lächelte unbekümmert. »Ich will zum Fenster kommen, wenn es dunkel ist«, sagte er.

»Nein, tue es nicht, Giovanni. Nicht heute abend. Linda und Vater haben heute lange zusammen gesprochen.«

»Worüber?«

»Ramirez hörte ich nennen, glaube ich. Ich weiß es nicht. Ich fürchte mich. Ich fürchte mich immer. Es ist, als stürbe ich tausendmal im Tag. Deine Liebe ist für mich, was dir dein Schatz ist. Sie ist da, aber ich kann nie genug davon bekommen.«

Er sah sie ganz still an. Sie war wunderschön. Die Sehnsucht in ihm war gewachsen. Nun hatte er zwei Herren. Doch sie war einer anhaltenden Erregung unfähig. Sie meinte ihre Worte ehrlich, bei Nacht aber schlief sie gut. Wenn sie ihn sah, flammte sie immer auf – dann ließ nur eine vertiefte Schweigsamkeit den Wechsel in ihr erkennen. Sie fürchtete, sich zu verraten. Sie fürchtete Schmerzen, Mißhandlung, böse Worte, fürchtete Zornausbrüche und Gewalttätigkeiten. Denn ihre Seele war fein und zart bei aller heidnischen Offenheit in ihren Trieben. Sie murmelte:

»Verzichte auf den Palazzo, Giovanni, und auf den Weingarten in den Hügeln, für die wir unsere Liebe Hunger leiden lassen.«

Sie brach ab, da sie Linda schweigend an der Hausecke stehen sah.

Nostromo wandte sich seiner Braut mit einem Gruß zu und war peinlich überrascht über ihre eingesunkenen Augen, die eingefallenen Wangen und die Spuren von Krankheit und Kummer in ihrem Gesicht.

»Bist du krank gewesen?« fragte er und versuchte Besorgnis in seinen Ton zu legen.

Ihre schwarzen Augen blitzten ihn an. »Bin ich mager geworden?« fragte sie,

»Ja – vielleicht – ein wenig.«

»Und älter?«

»Jeder Tag zählt – für uns alle.«

»Ich werde grau werden, fürchte ich, bevor der Ring an meinem Finger ist«, sagte sie langsam und hielt ihren Blick fest auf ihn gerichtet.

Sie wartete auf seine Antwort und strich ihre aufgerollten Ärmel herunter.

»Keine Angst deswegen!« meinte er zerstreut.

Sie wandte sich, als wäre es ein Abschluß gewesen, und beschäftigte sich mit Hausarbeiten, während Nostromo mit ihrem Vater sprach. Die Unterhaltung mit dem alten Garibaldiner war nicht leicht. Das Alter hatte seine Fähigkeiten unbeeinträchtigt gelassen, nur schienen sie sich tief in sein Innerstes zurückgezogen zu haben. Seine Antworten brauchten lange – und kamen dann mit erhabenem Ernst. An diesem Tage aber schien er etwas rascher und angeregter, als wäre mehr Leben in dem alten Löwen. Er war um die Makellosigkeit seiner Ehre besorgt. Er glaubte Sidonis Warnungen, daß Ramirez Absichten auf seine jüngere Tochter habe, und er traute ihr nicht. Sie war leichtfertig. Von diesen Sorgen sagte er dem »Sohn Giambattista« nichts. Es war eine greisenhafte Eitelkeit. Er wünschte zu beweisen, daß er noch gut imstande war, allein die Ehre seines Hauses zu wahren.

Nostromo verabschiedete sich früh. Sobald er gegen den Strand zu verschwunden war, trat Linda über die Schwelle und setzte sich mit einem verstörten Lächeln neben ihren Vater.

Schon seit jenem Sonntag, an dem der verliebte und verzweifelte Ramirez sie auf dem Kai abgepaßt hatte, waren ihr keinerlei Zweifel mehr geblieben. Das eifersüchtige Toben des Mannes hatte ihr nichts enthüllt. Es hatte ihr nur mit aller Schärfe, als würde ihr ein Nagel durch das Herz getrieben, das Gefühl von Unwirklichkeit und Enttäuschung bestätigt, das sie, statt Glück und Sicherheit, im Verkehr mit ihrem Bräutigam vorher schon empfunden hatte. Sie hatte Ramirez mit Zorn und Verachtung überschüttet und war weitergegangen; am gleichen Sonntag aber war sie fast gestorben vor Kummer und Scham, hingeworfen über den schönen Grabstein mit der gemeißelten Inschrift auf Teresas Grab; für diesen Grabstein hatten die Maschinenführer und Bahnarbeiter gesammelt, zum Zeichen ihrer Hochachtung vor dem Helden des einigen Italiens. Der alte Viola hatte seinen Wunsch, seine Frau in der See zu bestatten, nicht verwirklichen können; und Linda weinte über dem Stein.

Der unverdiente Schimpf brachte sie zur Verzweiflung. Wollte er ihr Herz brechen – schön und gut. Giambattista war alles erlaubt. Wozu aber auf den Stücken herumtrampeln – wozu ihre Seele so tief demütigen? Ah! Die konnte er nicht brechen. Sie trocknete ihre Tränen. Und Giselle! Giselle! Die Kleine, die, seitdem sie laufen konnte, immer schutzsuchend an ihren Schürzenbändern gehangen hatte! Wie falsch! Aber sie konnte wohl auch nicht anders. Wenn ein Mann ins Spiel kam, dann wußte sich das arme leichtfertige Ding nicht zu helfen.

Linda hatte ziemlich viel von dem Stoizismus der Violas. Sie beschloß, nichts zu sagen. Nach Frauenart aber mengte sie diesem Stoizismus auch Leidenschaft bei. Giselles kurze Antworten, von ängstlicher Vorsicht eingegeben, brachten sie durch ebendiese Kürze, die Verachtung schien, zur Verzweiflung. Eines Tages warf sie sich über den Stuhl, in dem ihre gleichmütige Schwester lehnte, und drückte das Mal ihrer Zähne in den weißesten Hals von Sulaco. Giselle schrie auf. Doch auch sie hatte ihr Teil von der Heldenhaftigkeit der Violas. Insgeheim fast ohnmächtig vor Entsetzen, sagte sie doch nur träge: »Madre de Dios! Willst du mich lebendig aufessen, Linda?« Und dieser Ausbruch ging vorüber, ohne nachhaltige Spuren zu hinterlassen. »Sie weiß nichts. Sie kann nichts wissen«, überlegte Giselle. – »Vielleicht ist es nicht wahr. Es kann nicht wahr sein«, versuchte sich Linda einzureden.

Als sie aber Kapitän Fidanza zum erstenmal nach dem Zusammentreffen mit dem rasenden Ramirez wiedersah, da kehrte die Gewißheit ihres Unglücks wieder. Sie sah ihm von der Türe aus nach, wie er zu seinem Boot hinunterging, und fragte sich gefaßt: »Werden sie sich heute nacht treffen?« Sie beschloß, den Turm keinen Augenblick lang zu verlassen. Als Nostromo verschwunden war, kam sie heraus und setzte sich neben ihren Vater.

Der ehrwürdige Garibaldiner fühlte sich, nach seinen eigenen Worten, noch als junger Mann. Auf die eine oder die andere Weise war ihm in letzter Zeit ziemlich viel Gerede über Ramirez zu Ohren gekommen, und seine Verachtung und Abneigung gegen diesen Mann, der ganz offenbar nicht das war, was sein Sohn gewesen wäre, hatten ihm die Ruhe geraubt. Er schlief nun sehr wenig; schon seit einigen Nächten hatte er, anstatt zu lesen oder nur, mit Frau Goulds Silberbrille auf der Nase, über die Bibel gebeugt dazusitzen, eifrig die ganze Insel abgeschritten, mit seinem alten Gewehr im Arm, um über seine Ehre zu wachen.

Linda legte ihre magere, braune Hand auf seine Knie und versuchte, seine Erregung zu besänftigen. Ramirez war nicht in Sulaco. Niemand wußte, wo er war. Er war fort. Seine Redereien über seine Absichten waren sinnlos.

»Nein«, unterbrach der alte Mann. »Aber Sohn Giambattista hat mir – ganz von sich aus – erzählt, daß der feige Esclavo mit den Schuften von Zapiga trinke und würfle, dort drüben auf der Nordseite des Golfs. Er kann ein paar der ärgsten Schufte dieser schuftigen Negerstadt dafür gewinnen, ihm bei einem Anschlag auf die Kleine beizustehen …. Aber ich bin nicht gar so alt. Nein!«

Sie versuchte ihm darzutun, wie unwahrscheinlich ein solcher Versuch wäre; und schließlich verfiel der alte Mann in Schweigen und kaute an seinem weißen Schnurrbart. Frauen hatten ihre eigenen Vorstellungen, die man hinnehmen mußte – seine arme Frau war so gewesen, und Linda ähnelte ihrer Mutter. Es ziemte einem Manne nicht, sich auf Gegenreden einzulassen. »Kann sein, kann sein«, brummte er.

Ihr war durchaus nicht leicht zumute. Sie liebte Nostromo. Sie wandte ihre Augen Giselle zu, die etwas abseits saß; mütterliche Zärtlichkeit lag in dem Blick, zugleich mit der eifersüchtigen Wut der unterlegenen Nebenbuhlerin. Dann erhob sie sich und ging zu ihr hinüber.

»Höre – du!« sagte sie rauh.

Die unwiderstehliche Unschuld der Augen, die sich wie betaute Veilchen zu ihr erhoben, weckte in ihr Zorn und Bewunderung. Sie hatte wunderbare Augen – die Chica – das elende Ding aus weißem Fleisch und schwarzer Niedertracht. Linda war nicht ganz sicher, ob sie diese Augen unter Racheschreien ausreißen oder ihre geheimnisvolle und schamlose Unschuld mit Küssen voll Mitleid und Liebe bedecken sollte. Und plötzlich wurde der starr auf sie gerichtete Blick ganz leer; nur ein klein wenig Angst lag darin, nicht tief genug mit allen anderen Gefühlen in Giselles Herzen verborgen.

Linda sagte: »Ramirez prahlt in der Stadt, daß er dich von der Insel entführen will.«

»Wie töricht!« antwortete die andere, und der lange Zwang zur Verstellung gab ihr den vermessen scherzhaften Nachsatz ein: »Er ist nicht der Mann!«

»Nein?« stieß Linda durch zusammengepreßte Zähne hervor. »Ist er's nicht? Nun, dann sieh zu, denn Vater ist nun nächtelang mit geladenem Gewehr herumgegangen.«

»Das tut ihm nicht gut. Du mußt ihm sagen, daß er es nicht tun soll, Linda. Auf mich will er nicht hören.«

»Ich werde nichts mehr sagen – nie mehr – zu niemand«, rief Linda leidenschaftlich.

Dies durfte nicht dauern, dachte Giselle. Giovanni mußte sie bald fortnehmen – gleich das nächste Mal, wenn er kam. Sie wollte diese Qualen nicht länger ertragen, für noch soviel Silber nicht. Es machte sie krank, mit ihrer Schwester reden zu müssen. Die Nachtwachen ihres Vaters machten ihr keine Sorge. Sie hatte Nostromo gebeten, in dieser Nacht nicht an das Fenster zu kommen. Er hatte versprochen, dieses eine Mal wegzubleiben. Und sie wußte nicht, konnte es weder erraten noch sich vorstellen, daß er einen anderen Grund hatte, auf die Insel zu kommen.

Linda war geradewegs zum Turm gegangen. Es war Zeit, die Lampen anzuzünden. Sie schloß die kleine Türe auf und stieg langsam die Wendeltreppe hinan; sie trug schwer an ihrer Liebe für den prachtvollen Capataz der Cargadores, wie an einer ständig wachsenden Last schmählicher Fesseln. Nein – sie wollte sie nicht abwerfen. Nein. Mochte Gott die beiden lenken. Und sie ging in dem Raum, in dem sich das Zwielicht mit dem Mondschein mengte, still herum und zündete die Lampen an. Dann ließ sie die Arme sinken.

»Und unsere Mutter sieht auf uns nieder«, murmelte sie. »Meine eigene Schwester – die Chica!«

Die großen Scheinwerfer mit ihrem Messinggerät und den mächtigen Brennlinsen glitzerten und funkelten wie ein überkuppelter Juwelenschrein, der nicht eine Lampe barg, sondern eine heilige Flamme, hoch über der See. Und Linda, die Wärterin, ganz in Schwarz, mit blassem Gesicht, ließ sich auf einen Holzstuhl sinken, allein mit ihrer Eifersucht, hoch über der Schande und den Leidenschaften der Erde. Ein eigenartig ziehender Schmerz, als risse eine rohe Hand an ihrem dunklen Haar mit dem Erzschimmer, ließ sie die Hände an die Schläfen pressen. Sie würden sich treffen. Sie würden sich treffen. Und sie wußte auch, wo. Am Fenster. Vor Seelenqual tropfte ihr der Schweiß über die Wangen, während das Mondlicht die Mündung des Golfs wie mit einer ungeheuren Silberbarre abschloß – die dunkle Höhle voll Wolken und Stille in der seegepeitschten Küste.

Linda stand plötzlich auf, den Finger an den Lippen. Er liebte weder sie noch ihre Schwester. Das Ganze schien so nebensächlich, daß sie fast erschrak und dabei doch etwas wie Hoffnung empfand. Warum entführte er die andere nicht? Was hielt ihn ab? Er war unverständlich. Worauf warteten sie? Warum fuhren die beiden fort, zu lügen und zu betrügen? Nicht um ihrer Liebe willen. Die gab es nicht. Die Hoffnung, ihn zurückzugewinnen, brachte sie dazu, gegen ihren Vorsatz den Turm zu verlassen. Sie mußte sofort mit ihrem Vater sprechen, der so weise war und sie verstehen würde. Sie rannte die Wendeltreppe hinunter. Als sie eben unten die Türe aufmachte, hörte sie den ersten Schuß, der je auf der Großen Isabelle abgefeuert worden war.

Sie empfand einen Schlag, als hätte die Kugel sie in die Brust getroffen. Sie rannte unaufhaltsam weiter. Das Haus war dunkel. Sie rief an der Türe: »Giselle! Giselle!«, rannte dann um die Ecke und schrie den Namen ihrer Schwester zu dem offenen Fenster hinauf, ohne Antwort zu bekommen; als sie aber verzweifelt um das Haus herumlief, kam Giselle aus der Türe und stürzte schweigend an ihr vorbei, das Haar gelöst, den Blick starr geradeaus gerichtet. Sie schien wie auf Zehenspitzen über den Rasen wegzufliegen und verschwand.

Linda ging langsam weiter, mit vorgestreckten Armen. Auf der Insel war alles still; sie wußte nicht, wohin sie ging. Der Baum, unter dem Martin Decoud seine letzten Tage zugebracht und das Leben als eine Aufeinanderfolge sinnloser Bilder zu betrachten gelernt hatte, der Baum warf einen großen, tiefschwarzen Schattenfleck über das Gras. Plötzlich sah sie ihren Vater, der ruhig im Mondlicht stand, ganz allein.

Der Garibaldiner – groß, aufrecht, mit seinem schneeweißen Bart und Haar – stand in statuenhafter Unbeweglichkeit da, auf sein Gewehr gelehnt. Sie legte ihm leise die Hand auf den Arm. Er rührte sich nicht.

»Was hast du getan?« fragte sie mit ihrer gewohnten Stimme.

»Ich habe Ramirez erschossen – l'infame!« gab er zurück, die Augen auf den tiefsten Schatten geheftet. »Wie ein Dieb ist er gekommen, und wie ein Dieb ist er gefallen. Das Kind mußte beschützt werden.«

Er zeigte keine Neigung, sich auch nur um einen Zoll zu rühren oder einen Schritt vorwärts zu tun. Er stand grimmig und reglos da, wie die Statue eines alten Mannes, der die Ehre seines Hauses beschützt. Linda zog ihre zitternde Hand von seinem Arm, der fest und ruhig, wie aus Stein war, und ging ohne ein weiteres Wort in den Schatten hinein. Sie sah auf dem Boden formlose Gestalten sich rühren und blieb kurz stehen. Ein tränenersticktes, verzweifeltes Flüstern drang an ihr geschärftes Ohr:

»Ich hatte dich gebeten, heute nacht nicht zu kommen. Oh! Mein Giovanni! Und du hast es versprochen! Oh! Warum – warum bist du gekommen, Giovanni?«

Es war die Stimme ihrer Schwester. Sie brach in wildem Schluchzen ab. Und die Stimme des listenreichen Capataz der Cargadores, des Herrn und Sklaven des San Tomé-Schatzes, den der alte Giorgio unversehens dabei ertappt hatte, wie er sich über den offenen Strand in die Schlucht stehlen wollte, um noch mehr Silber zu holen – Nostromos Stimme antwortete, nachlässig und kühl, klang dabei aber erschreckend schwach vom Boden auf:

»Mir war, als hätte ich die Nacht nicht überleben können, ohne dich noch einmal gesehen zu haben – mein Stern, meine kleine Blume.«

Die glänzende Tertulia war gerade vorbei, die letzten Gäste waren aufgebrochen, und der Señor Administrador war schon auf sein Zimmer gegangen, als Doktor Monygham, der abends erwartet worden, aber nicht gekommen war, über das Holzpflaster unter den Bogenlampen der leeren Calle de la Constitucion vorfuhr und den großen Torweg der Casa Gould noch offen fand. Er hinkte hinein, die Stiegen hinauf und fand den feisten Basilio eben dabei, die Lichter in der Sala zu löschen. Dem stattlichen Majordomo blieb über diesen späten Besuch der Mund offen stehen.

»Lösch' die Lichter nicht aus«, befahl der Doktor. »Ich wünsche die Señora zu sehen!«

»Die Señora ist in der Cancillaria des Señors Administrador«, bemerkte Basilio salbungsvoll. »Der Señor Administrador bricht in einer Stunde nach der Mine auf. Wie es scheint, befürchtet man Unruhen unter den Arbeitern. Ein schamloses Volk, ohne Vernunft und Anstand. Und faul, Señor. Faul.«

»Du selbst bist unverschämt faul und dumm«, sagte der Doktor, mit der leichten Erregbarkeit, die ihn so allgemein beliebt machte. »Lösch' die Lichter nicht aus!«

Basilio zog sich mit Würde zurück. Doktor Monygham wartete in der hellerleuchteten Sala und hörte am andern Ende des Hauses eine Türe schließen. Das Klirren von Sporen erstarb. Der Señor Administrador war auf dem Wege ins Gebirge.

Mit einem leisen Rauschen ihrer langen Schleppe, blitzend von Juwelen und glänzender Seide, den feinen Kopf gebeugt, wie unter der Last des blonden Haares, in dem sich die Silberfäden verloren, kam die »erste Dame von Sulaco«, wie Kapitän Mitchell sie genannt hatte, durch den erleuchteten Korridor daher. Reich über alle Träume von Reichtum hinaus, geachtet, geliebt, geschätzt, geehrt – und so einsam wie nur je ein menschliches Wesen auf dieser Erde.

Des Doktors »Frau Gould! Einen Augenblick!« ließ sie an der Türe der hellerleuchteten, leeren Sala jäh haltmachen. Die Ähnlichkeit der Stimmung und der Umstände, der Anblick des Doktors, der allein zwischen den Gruppen der Möbel stand, lenkten ihre rasche Erinnerung auf das unerwartete Zusammentreffen mit Martin Decoud zurück. Sie glaubte durch die Stille die Stimme jenes Mannes zu hören, der vor so vielen Jahren elend umgekommen war; die Worte: »Antonia hat ihren Fächer hier vergessen.« Aber es war des Doktors Stimme, die sprach, ein wenig heiser von der Erregung. Frau Gould bemerkte seine glitzernden Augen.

»Frau Gould, Sie werden gewünscht. Wissen Sie, was geschehen ist? Sie erinnern sich ja, was ich Ihnen gestern über Nostromo sagte. Nun, es zeigt sich, daß eine Lancha, ein gedecktes Boot, das mit vier Negern bemannt von Zapiga kam, hart an der Großen Isabelle vorbeifuhr und von der Klippe aus von einer Frauenstimme – Lindas Stimme übrigens – angerufen wurde, mit der Bitte, am Strand anzulegen (es ist eine Mondnacht) und einen Verwundeten in die Stadt mitzunehmen. Der Padrone (von dem ich all dies gehört habe) gehorchte natürlich sofort. Er sagte mir, daß sie, als sie zum Flachstrand der Isabelle hinüberkamen, Linda Viola schon wartend fanden. Sie folgten ihr; sie führte sie unter einen Baum, nicht weit vom Wärterhaus. Dort fanden sie Nostromo auf dem Boden liegen, den Kopf im Schoß des jüngeren Mädchens, während Vater Viola, auf sein Gewehr gelehnt, etwas abseits stand. Unter Lindas Anleitung holten sie einen Tisch aus dem Wohnhaus und machten ihn als Bahre zurecht, indem sie die Füße abbrachen. Nun sind sie in die Stadt gekommen, Frau Gould. Ich meine Nostromo und – Giselle. Die Neger brachten ihn in die Rettungsstation am Hafen. Nostromo veranlaßte den Assistenten, mich holen zu lassen. Aber nicht ich bin es, den er sehen wollte – sondern Sie, Frau Gould! Sie sind es.«

»Ich?« flüsterte Frau Gould und wich ein wenig zurück.

»Jawohl, Sie!« brach der Doktor los. »Er bat mich – seinen Feind, wie er meinte –, Sie sofort zu ihm zu bringen. Es scheint, daß er Ihnen etwas unter vier Augen anzuvertrauen hat.«

»Unmöglich!« flüsterte Frau Gould.

»Er sagte mir: ›Erinnern Sie sie, daß ich etwas dazu getan habe, ihr das Dach über dem Kopf zu erhalten!‹ ... Frau Gould«, fuhr er in größter Aufregung fort, »denken Sie noch an das Silber? Das Silber im Leichter – das verlorenging?«

Frau Gould erinnerte sich daran. Aber sie sagte nicht, daß sie die bloße Erwähnung dieses Silbers haßte. Sonst die Offenheit in Person, erinnerte sie sich mit übertriebenem Grauen, daß sie wegen dieses Silbers zum ersten und einzigen Mal in ihrem Leben ihrem Gatten die Wahrheit verborgen hatte. Sie hatte sich damals von ihrer Angst verleiten lassen und hatte es sich nie verziehen, überdies wäre das Silber – das nie in die Stadt heruntergebracht worden wäre, hätte ihr Mann die von Decoud überbrachten Nachrichten erfahren – um ein Haar die Ursache von Doktor Monyghams Tod gewesen. Und all dies erschien ihr grauenhaft.

»Ist es denn überhaupt verlorengegangen?« rief der Doktor aus. »Ich habe immer das Gefühl gehabt, daß seither ein Geheimnis um unseren Nostromo lag. Ich denke mir, daß er nun, im Angesicht des Todes ….«

»Im Angesicht des Todes«, wiederholte Frau Gould.

»Ja. Ja …. Er wünscht Ihnen vielleicht etwas wegen dieses Silbers zu sagen ….«

»O nein!« rief Frau Gould leise aus. »Ist es nicht verloren und abgetan? Gibt es nicht auch ohnedies Schätze genug, um alle Welt unglücklich zu machen?«

Der Doktor verharrte in ergebenem, enttäuschtem Schweigen. Schließlich wagte er, sehr leise, die Bemerkung:

»Und da ist noch dieses Violamädchen, Giselle. Was sollen wir tun? Es hat den Anschein, als hätten Vater und Schwester ….«

Frau Gould gab zu, daß sie die Verpflichtung fühlte, nach besten Kräften für die Mädchen zu sorgen.

»Ich habe eine Volante hier«, sagte der Doktor. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht, mit einzusteigen ….«

Er wartete voller Ungeduld, bis Frau Gould wieder erschien, nachdem sie einen grauen Radmantel mit weiter Kapuze übergeworfen hatte.

In dieser mönchischen Vermummung über ihrem Abendkleid stand diese Frau, starkherzig und voll Mitleid, neben dem Bette, auf dem der herrliche Capataz der Cargadores reglos auf dem Rücken ausgestreckt lag. Die Weiße der Laken und Kissen stach grell und unheimlich von seinem bronzefarbenen Gesicht ab und von den dunklen, nervigen Händen, die eine Ruderpinne, Zügel und Gewehrdrücker gleich gut zu handhaben wußten und nun schlaff und halbgeöffnet auf der weißen Decke lagen.

»Sie ist unschuldig«, sagte der Capataz mit einer tiefen, behutsamen Stimme, als fürchtete er, daß ein lauteres Wort den schwachen Halt lösen könnte, den sein Geist noch an seinem Körper hatte. »Sie ist unschuldig. Ich allein bin es. Doch einerlei. Wegen dieser Dinge wollte ich keinem Lebenden, Mann oder Weib, Rede stehen.«

Er unterbrach sich. Frau Goulds Gesicht, sehr blaß im Schatten der Kapuze, beugte sich unendlich bekümmert über ihn, und das leise Schluchzen Giselles, die am Fußende des Bettes kniete, ihr goldenes Haar mit dem Kupferglanz lose über des Capataz Füße gebreitet, störte kaum die Stille des Raumes.

»Ha! Alter Giorgio – Du Wächter deiner Ehre! Komisch, daß der Vecchio so leichtfüßig, so zielsicher über mich kam. Ich selbst hätte es nicht besser machen können. Aber er hätte sich das Geld für eine Pulverladung sparen können. Die Ehre war nicht in Gefahr …. Señora, sie wäre bis ans Ende der Welt gefolgt – ihrem Nostromo, dem Dieb …. Ich habe das Wort ausgesprochen. Der Zauber ist gebrochen!«

Ein leises Stöhnen des Mädchens ließ ihn den Blick senken.

»Ich kann sie nicht sehen …. Tut nichts«, fuhr er fort, mit einem Anflug seiner alten, großartigen Nachlässigkeit in der Stimme.

»Ein Kuß ist genug, wenn zu mehr nicht Zeit ist. Eine luftige Seele, Señora! Hell und warm wie der Sonnenschein – bald bewölkt und bald heiter. Die beiden dort würden sie zwischen sich erdrücken, Señora. Lassen Sie auf ihr das Auge Ihres Mitleids ruhen, das von einem Ende des Landes bis zum andern so berühmt ist wie der Wagemut des Mannes, der zu Ihnen spricht. Sie wird sich zu ihrer Zeit trösten. Und nicht einmal Ramirez ist ein übler Bursche. Ich kränke mich nicht. Nein! Nicht Ramirez ist es, der den Capataz der Cargadores von Sulaco besiegt hat.« Er hielt inne und fuhr nach einer Anstrengung etwas lauter und wilder fort:

»Ich sterbe verraten – verraten von ….«

Aber er sagte nicht, von wem oder was verraten er sterbe.

»Sie hätte mich nicht verraten«, hob er wieder an und schlug die Augen groß auf. »Sie war treu. Wir wollten weit fortgehen – sehr bald schon. Ihr zuliebe hätte ich mich von dem verfluchten Schatz losreißen können. Diesem Kind zuliebe hätte ich Kisten und Kisten davon zurückgelassen – voll. Und Decoud hat vier genommen. Vier Barren. Warum? Picardia! Um mich zu verraten? Wie hätte ich den Schatz zurückgeben können, da vier Barren fehlten? Die Leute hätten gesagt, ich hätte sie entwendet. Der Doktor hätte das gesagt. O weh! Es hält mich immer noch.«

Frau Gould beugte sich tief nieder, wie gebannt – fröstelnd vor Grauen.

»Was ist in jener Nacht aus Martin Decoud geworden, Nostromo?«

»Wer weiß es? Ich fragte mich, was aus mir selbst werden würde. Nun weiß ich es. Der Tod sollte unerwartet über mich kommen. Er ist fortgegangen. Er hat mich verraten. Und Sie denken, ich hätte ihn getötet! Ihr seid alle gleich, ihr feinen Leute. Das Silber hat mich getötet. Es hat mich festgehalten, es hält mich immer noch. Niemand weiß, wo es ist. Aber Sie sind die Gattin von Don Carlos, der es in meine Hände gelegt und dazu gesagt hat: ›Rette es, bei deinem Leben!‹ Und als ich wiederkam, und ihr alle dachtet, es wäre verloren, was hörte ich da? Nichts von Bedeutung. ›Laß es gehen. Auf, treuer Nostromo, und reite ums liebe Leben, um uns zu retten!‹«

»Nostromo!« flüsterte Frau Gould und beugte sich tief. »Auch ich habe dieses Silber aus Herzensgrund gehaßt!«

»Wunderbar! Daß einer von euch den Reichtum hassen sollte, den ihr so gut den Händen der Armen zu entwinden wißt! Die Welt steht auf den Armen, wie der alte Giorgio sagt. Sie sind immer gut zu den Armen gewesen. Aber es liegt ein Fluch auf dem Reichtum. Und, Señora, soll ich Ihnen sagen, wo der Schatz ist? Ihnen allein …. Glänzend! Unverderblich!«

Unwillkürlich schlich sich ein schmerzliches Zögern in seinen Ton, in seine Augen, gut erkennbar für die Frau mit dem feinen Zartgefühl. Sie wandte den Blick von der kläglichen Unterwerfung des sterbenden Mannes und wünschte, gequält, nichts weiter von dem Silber zu hören.

»Nein, Capataz!« sagte sie. »Niemand vermißt es jetzt. Laß es für immer verloren sein.«

Nach diesen Worten schloß Nostromo die Augen, sprach keine Silbe, regte sich nicht. Vor der Tür des Krankenzimmers kam Doktor Monygham, aufs äußerste erregt, mit glitzernden Augen den beiden Frauen entgegen.

»Nun, Frau Gould«, sagte er, fast roh in seiner Ungeduld, »sagen Sie mir, hatte ich recht? Hier gibt es ein Geheimnis. Sie haben das Schlüsselwort dazu erhalten, nicht? Er hat Ihnen gesagt ….«

»Er hat mir nichts gesagt«, erwiderte Frau Gould fest.

Der Widerschein seiner inneren Gegensätzlichkeit zu Nostromo schwand aus des Doktors Augen. Er trat unterwürfig zurück. Er glaubte Frau Gould nicht. Aber ihr Wort war Gesetz. Er nahm ihre Verneinung wie ein unerklärliches Schicksal hin, das den Sieg von Nostromos Geist über seinen eigenen bestätigte. Sogar noch vor der Frau, die er mit heimlicher Ergebenheit liebte, war er von dem großartigen Capataz de Cargadores geschlagen worden, dem Mann, der sein eigenes Leben gelebt hatte, unter der Vorspiegelung ungebrochener Treue, Redlichkeit und Tapferkeit!

»Bitte, schicken Sie sofort jemand um meinen Wagen«, sagte Frau Gould aus ihrer Kapuze heraus. Dann wandte sie sich zu Giselle Viola. »Komm näher, mein Kind; ganz nahe. Wir wollen hier warten.«

Giselle Viola, ganz kindlich in ihrem Schmerz, das Gesicht von dem gelösten Haar überflutet, schlich an Frau Goulds Seite. Frau Gould schob ihre Hand unter den Arm der unwürdigen Tochter des alten Viola, des makellosen Republikaners, des Helden ohne Fehl und Tadel. Leise und langsam, wie eine welke Blüte, senkte sich der Kopf des Mädchens, das einem Dieb bis ans Ende der Welt gefolgt wäre, auf Doña Emilias Schulter, die Schulter der ersten Dame von Sulaco, der Gattin des Señors Administrador der San Tomé-Mine. Und als Frau Gould ihr unterdrücktes Schluchzen fühlte, die nervöse Überreizung, da hatte sie den ersten und einzigen Augenblick von Verbitterung in ihrem Leben. Ihre Bitterkeit wäre Doktor Monyghams würdig gewesen.

»Tröste dich, Kind. Sehr bald hätte er dich über seinem Schatz vergessen.«

»Señora, er hat mich geliebt. Er hat mich geliebt«, flüsterte Giselle verzweifelt. »Er hat mich geliebt, wie nie zuvor jemand geliebt worden ist.«

»Auch ich bin geliebt worden«, sagte Frau Gould streng.

Giselle klammerte sich krampfhaft an sie. »Oh, Señora, aber Sie werden ja bis ans Ende Ihres Lebens angebetet werden«, schluchzte sie heraus.

Frau Gould verharrte schweigend, bis der Wagen kam. Sie half dem halb ohnmächtigen Mädchen hinein. Nachdem der Doktor den Schlag des Landauers geschlossen hatte, beugte sie sich zu ihm.

»Sie können nichts tun?« flüsterte sie.

»Nein, Frau Gould. Überdies erlaubt er uns nicht, ihn anzurühren. Aber das tut nichts. Ich konnte nur einen Blick auf ihn werfen ... nutzlos.«

Aber er versprach, noch in der gleichen Nacht den alten Viola und das andere Mädchen aufzusuchen. Er könne das Polizeiboot haben, um sich zur Insel hinausrudern zu lassen, meinte er. Er blieb in der Straße stehen und sah dem Landauer nach, der hinter den weißen Maultieren langsam davonrollte.

Das Gerücht eines Unfalls – eines Unfalls des Kapitäns Fidanza – hatte sich längs der neuen Kais verbreitet, mit ihren Lampenreihen und den wuchtigen Kranen. Eine Gruppe von Nachtbummlern – der Ärmsten unter den Armen – hielt sich vor der Türe der Rettungsstation auf und flüsterte in der mondhellen, leeren Straße.

Bei dem Verwundeten war niemand außer dem blassen Photographen, dem kleinen, schmächtigen, blutdürstigen Kapitalistenfeind, der auf dem hohen Stuhl neben dem Kopfende des Bettes hockte, die Knie hochgezogen und das Kinn in die Hand gestützt. Er war von einem Genossen geholt worden, der noch spät auf dem Kai gearbeitet und von dem Negermatrosen einer Lancha gehört hatte, daß Kapitän Fidanza tödlich verwundet an Land geschafft worden war.

»Hast du keine Verfügungen zu treffen, Genosse?« fragte er eifrig. »Vergiß nicht, daß wir Geld für unser Werk brauchen. Die Reichen müssen mit ihren eigenen Waffen bekämpft werden.«

Nostromo gab keine Antwort. Der andere drang nicht in ihn und blieb auf seinen Stuhl gekauert sitzen, wildbehaart, wie ein buckliger Affe. Dann begann er nach einem langen Schweigen von neuem:

»Genosse Fidanza, du hast jeden Beistand dieses Doktors zurückgewiesen. Ist er wirklich ein gefährlicher Feind des Volkes?«

In dem trüb erleuchteten Raum rollte Nostromo langsam den Kopf auf den Kissen, schlug die Augen auf und richtete auf die unheimliche Gestalt neben seinem Bette einen rätselhaft forschenden Blick. Dann rollte sein Kopf zurück, die Augenlider schlössen sich, und der Capataz der Cargadores starb, ohne ein Wort oder einen Laut, nach einer Stunde völliger Reglosigkeit, während deren nur fliegende Schauer von grausamen Schmerzen gezeugt hatten.

Doktor Monygham fuhr in dem Polizeiboot zu den Inseln hinaus und hatte dabei noch Blick für das Mondlicht, das auf den Wassern des Golfs tanzte, und für die hohe, schwarze Masse der Großen Isabelle, die unter der Wolkendecke hervor einen Lichtkegel in die Weite schickte.

»Rudert langsam«, befahl er und fragte sich dabei, was er dort draußen wohl finden würde. Er versuchte, sich Linda und ihren Vater vorzustellen, und entdeckte dabei in sich selbst ein merkwürdiges Widerstreben. »Rudert langsam«, wiederholte er.

Von dem Augenblick an, da er auf den Dieb seiner Ehre gefeuert, hatte sich Giorgio Viola nicht vom Fleck gerührt. Er stand auf sein altes Gewehr gestützt und umklammerte mit der Hand den Lauf nahe der Mündung. Nachdem die Lancha, die Nostromo für immer entführte, das Ufer verlassen hatte, war Linda zurückgekommen und vor ihm stehengeblieben. Er schien ihre Gegenwart nicht zu bemerken; als sie aber ihre erzwungene Ruhe verlor und aufschrie: »Weißt du, wen du erschossen hast?«, da gab er zurück: »Ramirez, den Vagabunden.«

Totenblaß, mit irrem Blick, lachte ihm Linda ins Gesicht. Dann brach sie ab, und der alte Mann meinte wie erschreckt:

»Er schrie in Sohn Giambattistas Stimme auf.«

Das Gewehr fiel aus seiner geöffneten Hand, doch der Arm blieb noch einen Augenblick ausgestreckt, als wäre er noch unterstützt. Linda faßte ihn derb.

»Du bist zu alt, um zu verstehen. Komm ins Haus.«

Er ließ sich von ihr führen. Auf der Schwelle strauchelte er schwer und wäre fast mit seiner Tochter zu Fall gekommen. Die Erregung und Tatenlust der letzten Tage waren wie das Aufblaken einer erlöschenden Lampe gewesen. Er faßte nach einer Stuhllehne.

»In Giambattistas Stimme«, wiederholte er streng. »Ich hörte ihn – Ramirez – den Elenden ….«

Linda half ihm niedersitzen, beugte sich tief und zischte ihm ins Ohr: »Du hast Giambattista erschossen.«

Der alte Mann lächelte unter seinem dicken Schnurrbart. Frauen hatten merkwürdige Einfalle.

»Wo ist das Kind?« fragte er, überrascht von der eisigen Kühle der Luft und der ungewohnten Trübe des Lampenlichtes, bei dem er die halbe Nacht lang mit der offenen Bibel vor sich zu sitzen pflegte.

Linda zögerte einen Augenblick und wandte die Augen.

»Sie schläft«, sagte sie. »Wir können morgen über sie sprechen.«

Sie konnte es nicht ertragen, ihn anzusehen. Er erfüllte sie mit Grauen und fast unerträglichem Mitleid. Sie hatte die Veränderung beobachtet, die mit ihm vorgegangen war. Er würde nie verstehen, was er getan hatte; und sogar ihr selbst war der ganze Vorfall unverständlich. Er sagte mit Anstrengung: »Gib mir das Buch.«

Linda legte das geschlossene Buch in seinem abgenützten Ledereinband auf den Tisch, die Bibel, die ihm vor Jahren ein Engländer in Palermo geschenkt hatte.

»Das Kind mußte geschützt werden«, sagte er mit fremder, trauriger Stimme.

Hinter seinem Stuhl rang Linda die Hände und weinte lautlos in sich hinein. Plötzlich ging sie auf die Türe zu. Er hörte ihre Bewegung.

»Wohin gehst du?« fragte er.

»Zu den Lampen«, antwortete sie und wandte sich mit einem Schmerzensblick um.

»Die Lampen! Si – Pflicht.«

Sehr aufrecht, weißhaarig, löwenhaft, heldenhaft in seiner losgelösten Ruhe, griff er in die Tasche seines Rothemdes, nach der Brille, die ihm Doña Emilia geschenkt hatte. Er setzte sie auf. Nach langer Unbeweglichkeit öffnete er das Buch und sah von weit weg durch die Gläser auf den zweispaltigen, kleinen Druck. Ein starrer, strenger Ausdruck kam zugleich mit einem leichten Stirnrunzeln auf sein Gesicht, wie zur Antwort auf einen düsteren Gedanken oder ein peinliches Gefühl. Aber er wandte die Augen nicht vom Buch, während er langsam und allmählich vornüber sank, bis sein schneeweißer Kopf auf den offenen Seiten ruhte. An der weißgetünchten Wand tickte emsig eine hölzerne Uhr, und langsam erkaltend lag der Garibaldiner allein da, rauh und unentstellt, wie eine alte Eiche, die ein verräterischer Windstoß entwurzelt hat.

Das Licht auf der Großen Isabelle leuchtete unentwegt über dem verlorenen Schatz der San Tomé-Mine. In dem blauen Glanz einer sternlosen Nacht sandte die Laterne einen gelben Strahl bis weit zum Horizont. Wie ein schwarzer Fleck vor den erleuchteten Scheiben stützte Linda, auf der Außengalerie niedergekauert, ihren Kopf gegen das Geländer. Der Mond, der eben im Westen niederging, sah sie leuchtend an.

Unten, am Fuß der Klippe, verstummten die Ruderschläge eines vorüberfahrenden Bootes, und Doktor Monygham stand im Heck auf.

»Linda!« rief er mit zurückgeworfenem Kopf hinauf. »Linda!«

Linda erhob sich. Sie hatte die Stimme erkannt.

»Ist er tot?« rief sie und beugte sich vor.

»Ja, mein armes Mädel. Ich komme hinüber«, antwortete der Doktor von unten. »Rudert an Land«, befahl er den Bootsleuten.

Lindas schwarze Gestalt zeichnete sich stehend vom Licht ab, mit über den Kopf erhobenen Armen, als wollte sie sich hinunterstürzen.

»Ich bin es, ich, die dich geliebt hat«, flüsterte sie, und ihr Gesicht war starr und weiß wie Marmor im Mondlicht. »Ich! Nur ich! Sie wird dich vergessen, dich, der um ihr hübsches Gesicht einen so elenden Tod gestorben ist. Ich kann es nicht verstehen. Ich kann nicht verstehen. Aber ich werde dich nie vergessen. Niemals!«

Sie stand schweigend und unbeweglich da und sammelte alle Kraft zu einem lauten Schrei, in den sie ihre Treue legte, ihre Pein, ihre Ratlosigkeit und ihre Verzweiflung:

»Niemals! Giambattista!«

Der Doktor hörte, während er im Polizeiboot unten vorbeifuhr, den Namen über seinen Kopf weg klingen. Es war noch einer von Nostromos Triumphen, der größte, der beneidenswerteste, der furchtbarste von allen. In diesem wahren Schrei einer unsterblichen Leidenschaft, der laut von der Punta Mala nach Azuera und weiter bis zur hellen Linie des Horizonts zu dringen schien, über der eine große weiße Wolke, leuchtend wie reines Silber, lagerte – in diesem Schrei beherrschte der herrliche Capataz der Cargadores den dunklen Golf, der seine Eroberungen an Schätzen und an Liebe barg.

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