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Nostromo

Joseph Conrad: Nostromo - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph Conrad
titleNostromo
translatorErnst Wolfgang Freisler 1884-1938
senderwww.gaga.net
created20050809
projectid3a78a601
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II

Als einziges Anzeichen geschäftlicher Betriebsamkeit innerhalb des Hafens ist von der Großen Isabelle aus der wuchtige Kopf der hölzernen Landungsbrücke zu erkennen, den die Oceanic Steam Navigation Company (die O. S. N., wie sie genannt wird) über den seichten Teil der Bucht hat schlagen lassen, bald nachdem sie sich entschlossen hatte, aus Sulaco einen ihrer Anlegehäfen in der Republik Costaguana zu machen. Der Staat weist an seiner langen Küste mehrere Häfen auf, die aber alle – Cayta, einen bedeutenden Platz, ausgenommen – entweder nur kleine, unzugängliche Einlasse in einem Eisenwall darstellen – wie Esmeralda zum Beispiel, sechzig Meilen südlich – oder nur offene Reeden, den Winden ausgesetzt und von der Brandung gepeitscht.

Vielleicht hatten die atmosphärischen Bedingungen, die die Kauffahrer vergangener Zeiten fernhielten, die O. S. N. Kompagnie bewogen, in den heiligen Frieden einzubrechen, in dem Sulaco sein geborgenes Dasein führte. Die umspringenden Brisen, die auf dem weiten Halbkreis der Gewässer innerhalb der Spitze von Azuera ihr Spiel trieben, konnten der Dampfkraft der ausgezeichneten Flotte der Gesellschaft nichts anhaben. Jahr um Jahr waren die schwarzen Leiber ihrer Schiffe die Küste hinauf und hinunter gezogen, hinein und heraus, über Azuera hinaus, über die Isabellen, über die Punta Mala, ohne Rücksicht auf irgend etwas, außer auf die Tyrannei der Zeit. Ihre Namen, alle aus der Mythologie entlehnt, wurden vertraute Worte längs einer Küste, die nie von den Göttern des Olymps beherrscht worden war. Die Juno war lediglich wegen ihrer bequemen Mitschiffksajüten bekannt, der Saturn wegen der guten Laune seines Kapitäns und der prächtigen Vergoldung und Malerei des Salons, während der Ganymed hauptsächlich für Viehtransport eingerichtet war und von Küstenpassagieren besser gemieden wurde. Noch dem letzten Indianer im verlassensten Küstendorf war der Zerberus vertraut, ein kleiner schwarzer Ratterkasten ohne nennenswerte Einrichtung für Passagiere, dessen Aufgabe darin bestand, längs der waldigen Küste unter den schauerlichen Felsen hinzukriechen und verbindlich vor jeder kleinsten Gruppe von Hütten anzuhalten, um Landesprodukte einzunehmen, bis hinunter zu Dreipfundpaketen von Rohgummi, in dürre Blätter verpackt.

Und da sie selten auch nur das kleinste Paket in Verlust gehen ließ, äußerst selten etwa einen Ochsen einbüßte und nie einen einzigen Passagier ertränkt hatte, so stand der Name der O. S. N. in mächtigem Ansehen. Die Leute erkannten an, daß unter der Obhut der Gesellschaft ihr Leben und ihr Eigentum auf dem Wasser sicherer wären als in ihren eigenen Häusern an Land.

Der Inspektor der O. S. N. in Sulaco für den gesamten Dienstzweig Costaguana war überaus stolz auf die Stellung seiner Gesellschaft. Er faßte das in einen Ausspruch zusammen, den er oft im Munde führte: »Wir machen niemals Fehler.« Den Offizieren der Gesellschaft gegenüber wurde es zur eindringlichen Mahnung: »Wir dürfen keine Fehler machen. Ich will hier keine Fehler haben, ganz gleich, was Smith dort drüben auf seiner Seite tut!«

Smith, den er zeit seines Lebens nie mit Augen gesehen hatte, war der andere Inspektor der Gesellschaft, mit dem Dienstsitz etwa fünfzehnhundert Meilen weg von Sulaco. »Reden Sie mir nicht von Ihrem Smith.«

Dann pflegte er sich plötzlich zu beruhigen und den Gegenstand mit gespielter Nachlässigkeit fallen zu lassen.

»Smith weiß von diesem Land nicht mehr als ein Säugling.«

»Unser ausgezeichneter Señor Mitchell« für die Handels- und Beamtenwelt von Sulaco; »der geschwätzige Joe« für die Kapitäne der Gesellschaft, brüstete sich Kapitän Joseph Mitchell mit seiner tiefen Kenntnis von Menschen und Dingen im Lande – den »cosas de Costaguana«. Unter diesen letzteren hob er als äußerst ungünstig für den geordneten Dienst seiner Gesellschaft die häufigen Regierungswechsel hervor, die durch Militärrevolten immer wieder herbeigeführt wurden.

Die politische Atmosphäre der Republik war in jenen Tagen durchaus stürmisch. Die flüchtigen Patrioten der unterlegenen Partei hatten die üble Gewohnheit, immer wieder längs der Küste aufzurauchen, mit einer halben Schiffsladung von Handfeuerwaffen und Munition. Diese Betriebsamkeit erschien Kapitän Mitchell geradezu wunderbar, im Hinblick auf den Zustand völliger Entblößung, in dem die Leute geflohen waren. Er hatte beobachtet, daß sie »niemals genug Kleingeld bei sich zu haben schienen, um die Fahrkarte aus dem Lande hinaus zahlen zu können«, und er konnte aus Erfahrung sprechen; denn bei einer denkwürdigen Gelegenheit war er berufen gewesen, dem Diktator zugleich mit ein paar hohen Beamten von Sulaco (dem Regierungspräsidenten, dem Direktor des Zollamts und dem Polizeichef) das Leben zu retten; die Herren hatten sämtlich einer gestürzten Regierung angehört. Der arme Senñor Ribiera (dies der Name des Diktators) war armselig achtzig Meilen weit über Bergpfade gekommen, nach der verlorenen Schlacht von Socorro, in der Hoffnung, der üblen Kunde den Weg abzulaufen – was er natürlich auf einem lahmen Maultier nicht fertiggebracht hatte, überdies verendete das Tier unter ihm, gerade am Ausgang der Alameda, wo an den Abenden zwischen den Revolutionen mitunter die Militärmusik spielte. »Herr«, pflegte Kapitän Mitchell mit würdigem Ernst fortzufahren, »das unzeitige Ende des Mulos lenkte die Aufmerksamkeit auf den unglücklichen Reiter. Seine Züge wurden von einigen Deserteuren erkannt, die von der Armee des Diktators entflöhen und mit der Pöbelmenge eben dabei waren, die Fensterscheiben der Intendancia einzuschlagen.«

Am frühen Morgen jenes Tages hatten die Lokalbehörden von Sulaco in den Amtsräumen der O. S. N. Zuflucht gesucht, einem wuchtigen Bau nächst dem Beginn der Landungsbrücke, und hatten die Stadt auf Gnade oder Ungnade den Aufrührern überlassen; und da der Diktator beim Volke verhaßt war, wegen der strengen Aushebungen, zu der seine Notlage ihn gezwungen hatte, so hatte er die beste Aussicht, in Stücke gerissen zu werden. Durch eine Fügung war Nostromo – unschätzbarer Bursche – mit ein paar italienischen Arbeitern von der Nationalen Zentralbahn zur Hand und brachte es fertig, ihn herauszuhauen, für den Augenblick wenigstens. Schließlich gelang es Kapitän Mitchell, die ganze Gesellschaft in seinem eigenen Gig auf einen der Dampfer der Gesellschaft zu bringen – es war die ›Minerva‹–, der zu gutem Glück eben in den Hafen einlief.

Er hatte die Herren an einem Tau durch ein Loch in der Rückwand hinunterlassen müssen, während der Pöbel, der aus der Stadt heruntergeflutet war, sich längs des ganzen Ufers sammelte und vor der Hauptfront des Gebäudes heulte und tobte. Danach mußte Kapitän Mitchell mit den Herren im Sturmschritt die Landungsbrücke hinunterrennen – ein verzweifeltes Rennen ums liebe Leben; und wieder war es Nostromo, ein Bursche unter tausend, der, diesmal an der Spitze der Ladearbeiter der Gesellschaft, die Landungsbrücke gegen den Ansturm des Pöbels hielt und so den Flüchtlingen Zeit gab, das Gig zu erreichen, das am andern Ende bereit lag, die Flagge der Gesellschaft im Stern. Stöcke, Steine, Schüsse schwirrten, auch Messer wurden geworfen. Kapitän Mitchell zeigte gern die lange Schnittnarbe von seinem linken Ohr zur Schläfe, die von einer an einen Stock gebundenen Rasierklinge herrührte – einer Waffe, »bei dem übelsten schwarzen Gesindel hier draußen sehr beliebt«, wie er erklärte.

Kapitän Mitchell war ein starker, ältlicher Mann, der hohe, spitze Kragen und kurzen Backenbart trug, eine Vorliebe für weiße Westen hatte und trotz dem Anschein würdiger Zurückhaltung äußerst mitteilsam war.

»Diese Herren«, pflegte er zu sagen und sah dabei ungemein feierlich drein, »diese Herren mußten rennen wie die Kaninchen. Auch ich selbst bin wie ein Kaninchen gerannt. Gewisse Todesarten sind – äh – widerwärtig für einen – äh – achtbaren Mann. Sie hätten mich auch zu Boden getrampelt; ein wilder Pöbelhaufe, Herr, kennt keinen Unterschied. Nebst der Vorsehung dankten wir unser Leben meinem Capataz de Cargadores, wie sie ihn in der Stadt nannten. Einem Mann, der, als ich seinen Wert erkannte, einfacher Bootsmann auf einem Genueser Schiff war, einem der wenigen Schiffe, das mit Stückgut nach Sulaco kam, bevor der Ausbau der Zentralbahn begonnen war. Der Mann verließ sein Schiff, einigen durchaus achtbaren Freunden zuliebe, die er sich hier gemacht hatte, seinen eigenen Landsleuten, doch wohl auch, um sich zu verbessern, nehme ich an. Herr, ich bin ein ziemlich guter Menschenkenner. Ich stellte ihn als Vormann der Ladearbeiter und Aufseher über die Landungsbrücke an, das war alles. Doch ohne ihn wäre Señor Ribiera ein toter Mann gewesen. Dieser Nostromo, Herr, ein Mann, der über jeden Vorwurf erhaben ist, wurde zum Schrecken aller Diebe in der Stadt. Wir waren damals überlaufen, Herr, jawohl, verpestet geradezu von Ladrones und Matreros, Dieben und Mördern aus der ganzen Provinz. Bei jener Gelegenheit waren sie vorher eine Woche durch nach Sulaco hereingeschneit. Sie hatten das Ende gewittert, Herr; fünfzig Prozent des wilden Pöbelhaufens waren Berufsbanditen aus dem Campo, aber nicht einer war darunter, der nicht von Nostromo gehört gehabt hätte. Was nun die Leperos aus der Stadt angeht, Herr, so war der bloße Anblick seines schwarzen Backenbartes und der weißen Zähne genug für sie. Sie verkrochen sich vor ihm, Herr. Soviel vermag die Charakterstärke.«

Man konnte sehr wohl sagen, daß Nostromo allein es war, der den Herren das Leben rettete. Kapitän Mitchell seinerseits verließ sie nicht eher, als bis er sie keuchend, entsetzt und verzweifelt, doch in Sicherheit, auf den üppigen Samtsofas im Salon erster Klasse der Minerva zusammenklappen gesehen hatte. Bis zuletzt hatte er es sich angelegen sein lassen, den Ex-Diktator mit »Ew. Exzellenz« anzureden.

»Herr, ich konnte nicht anders. Der Mann war ganz herunter – grausig, totenbleich, über und über zerschunden.«

Die Minerva warf damals gar nicht Anker. Der Inspektor beorderte sie unverzüglich aus dem Hafen hinaus. Es konnte keine Ladung gelöscht werden, und die Fahrgäste für Sulaco lehnten es natürlich ab, an Land zu gehen. Sie konnten das Schießen hören und deutlich genug das Gefecht sehen, das am Ufer im Gange war. Der zurückgeschlagene Pöbelhaufe wandte seine Energie an einen Angriff auf das Zollamt, ein düsteres, unfertig aussehendes Gebäude mit vielen Fenstern, zweihundert Meter weit von den Amtsräumen der O. S. N. und das einzige sonstige Gebäude am Hafen. Nachdem Kapitän Mitchell dem Kommandanten der Minerva Auftrag gegeben hatte, »diese Herren« im ersten Anlegehafen außerhalb Costaguanas an Land zu setzen, fuhr er in seinem Gig zurück, um zu sehen, was zum Schutze des Eigentums der Gesellschaft zu tun wäre. Dieses, wie auch das Eigentum der Bahn, wurde von den ansässigen Europäern verteidigt; das heißt, von Kapitän Mitchell selbst und dem Stab von Ingenieuren, die die Bahn bauten, unter Beihilfe der italienischen und baskischen Arbeiter, die sich treu um ihre englischen Führer scharten. Auch die Ladearbeiter der Gesellschaft, durchweg Einheimische, hielten sich unter ihrem Capataz sehr gut. Ein zusammengewürfelter Haufen von sehr gemischtem Blut, hauptsächlich Neger, in ewiger Fehde mit anderen Stammgästen der niedern Schnapsschenken in der Stadt, nützten sie mit Freuden die Gelegenheit, unter so vorteilhaften Bedingungen ihre persönlichen Rechnungen auszugleichen. Nicht einer war unter ihnen, der nicht dann und wann entsetzt in die Mündung von Nostromos Revolver gestiert hätte, die ihm unter die Nase gehalten wurde, oder sonstwie durch Nostromos Entschlossenheit gebändigt worden wäre. Er hatte »viel von einem Mann«, ihr Capataz, jawohl, so sagten sie; war zu sehr von Verachtung durchdrungen, als daß er nur hätte schimpfen mögen. Ein unerbittlicher Aufseher, doppelt zu fürchten wegen seiner Entschlossenheit. Und bedenkt! da war er an diesem Tage unter ihnen, an ihrer Spitze, und ließ sich zu Scherzworten an den oder jenen Mann herbei.

Eine solche Führerschaft war begeisternd, und tatsächlich beschränkte sich der ganze Schade, den der Pöbel anzurichten vermochte, darauf, daß an einen Stoß Eisenbahnschwellen Feuer gelegt wurde; die Schwellen waren mit Kreosot getränkt und brannten gut. Der Hauptangriff auf den Lagerhof der Eisenbahn, auf das Gebäude der O. S. N. und besonders auf das Zollamt, in dessen Kassenräumen, wie man wohl wußte, ein reicher Schatz an Silber lag, mißlang völlig. Sogar das kleine Gasthaus des alten Giorgio, das einsam auf halbem Wege zwischen dem Hafen und der Stadt stand, entging der Plünderung und Zerstörung, nicht durch ein Wunder, sondern weil es der Pöbel wegen der näherliegenden Kassenschränke zuerst nicht beachtet hatte und nachher keine Muße mehr fand, sich damit aufzuhalten. Nostromo mit seinen Cargadores war damals schon zu scharf hinter der Menge her.

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