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Nostromo

Joseph Conrad: Nostromo - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph Conrad
titleNostromo
translatorErnst Wolfgang Freisler 1884-1938
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XI

Der Stadt Sulaco fehlte Nostromos Klugheit; sie bereicherte sich sehr schnell an den verborgenen Schätzen der Erde, über denen die eifersüchtigen Geister des Bösen und des Guten lauern und die dem Berge durch die Arbeit des Volks entrissen wurden. Es war wie eine zweite Jugend, wie ein neues Leben, voller Verheißung, Unrast und Arbeit; der neue Reichtum ergoß sich verschwenderisch bis nach den vier Winkeln der erregten Mitwelt. Im Gefolge der materiellen Interessen stellten sich äußerliche Veränderungen ein. Und andere, feinere Veränderungen, von außen nicht zu merken, gingen in Sinn und Herz der Werkleute vor. Kapitän Mitchell war in die Heimat zurückgekehrt, um von seinen Ersparnissen zu leben, die er in der San Tomé-Mine angelegt hatte. Und Doktor Monygham war älter geworden, mit eisgrauem Kopf, doch unverändertem Gesichtsausdruck. Er lebte von dem unerschöpflichen Schatz seiner Hingabe, den er im tiefsten Herzen aufgehäuft hatte wie ein unrechtes Gut.

Der Gerieralinspektor der staatlichen Krankenhäuser (deren Unterhaltung der Gould-Konzession obliegt), städtischer Sanitätsrat, Oberarzt der Vereinigten San Tomé-Minen (deren Grundbesitz sich meilenweit längs der Vorberge der Kordillere erstreckt und Gold, Silber, Kupfer, Blei und Kobalt enthält), Doktor Monygham also hatte sich elend verloren und verlassen gefühlt während des zweiten langen Besuchs der Goulds in Europa und den Vereinigten Staaten. Als vertrauter, erprobter Freund des Hauses und als Junggeselle ohne Bindung und festen Wohnsitz (außer der Dienstwohnung) war er gebeten worden, in das Haus der Goulds zu übersiedeln. Während der elfmonatigen Abwesenheit der Besitzer waren ihm die vertrauten Räume unerträglich geworden, da sie ihn bei jedem Blick an die Frau gemahnten, der er seine Treue geweiht hatte. Als sich der Ankunftstag des Postbootes Jiermes näherte (das als letztes in die stattliche Flotte der O. S. N. Gesellschaft eingereiht worden war), da hinkte der Doktor etwas lebhafter herum und schnappte aus reiner Überreizung noch bissiger als sonst nach hoch und nieder.

Er packte hastig, schwärmerisch begeistert, seinen bescheidenen Koffer und sah entzückt, berauscht zu, wie er an dem alten Pförtner der Casa Gould vorbeigetragen wurde. Dann stieg er, als die Stunde gekommen war, allein in den großen Landauer mit den weißen Maultieren, saß ein wenig schief da, das verbissene Gesicht geradezu giftig vor krampfhafter Selbstbeherrschung, und fuhr, ein neues Paar Handschuhe in der Linken, zum Hafen hinunter. Als er die Goulds auf dem Oberdeck der Hermes erkannte, da weitete sich ihm das Herz so sehr, daß er zur Begrüßung nur ein unverständliches Stammeln hervorbrachte. Während der Rückfahrt in die Stadt verhielten sich alle drei schweigsam. Und im Innenhof meinte der Doktor, etwas gefaßter:

»Ich will Sie nun sich selbst überlassen. Darf ich morgen vorsprechen?«

»Kommen Sie zum Mittagessen, lieber Doktor Monygham, recht früh«, sagte Frau Gould und wandte sich, in Reisekleid und Schleier, vom Fuß der Treppe nach ihm um; von der oberen Nische her schien sie die Madonna im blauen Gewand und mit dem Kind auf dem Arm in zärtlichem Mitleid zu begrüßen.

»Erwarten Sie nicht, mich zu Hause zu finden«, warf Charles Gould ein. »Ich werde früh weg müssen, in die Mine.«

Nach dem Mittagessen schritten Doña Emilia und der Señor Doctor langsam durch das Gartentor des Innenhofes. Die weiten Gärten der Casa Gould, von hohen Mauern und den steilen Ziegeldächern der benachbarten Häuser umgeben, lagen offen vor ihnen mit reichem Schatten unter den Bäumen und grellen Sonneninseln auf den ebenen Rasenflächen. Eine dreifache Reihe von alten Orangenbäumen umgab das Ganze. Barfüßige braune Gärtner in schneeweißen Hemden und weiten Calzoneras jäteten gebückt die Blumenbeete, gingen zwischen den Bäumen hin und zogen dünne Gummischläuche über den Kies der Wege; und die feinen Wasserstrahlen kreuzten sich in anmutigen Bögen, plätscherten glitzernd im Sonnenlicht auf die Büsche nieder und fielen wie verstreute Diamanten ins Gras.

Doña Emilia, die Schleppe ihres lichten Kleides über dem Arm, ging neben Doktor Monygham hin, der einen langen schwarzen Rock und einen ernsten schwarzen Selbstbinder zu makelloser weißer Hemdbrust trug. Unter einer schattigen Baumgruppe standen kleine Tische und bequeme Rohrstühle, und Frau Gould setzte sich.

»Gehen Sie noch nicht«, sagte sie zu Doktor Monygham, der wie auf den Fleck gebannt dastand. Er wetzte das Kinn an den Spitzen seines Kragens und verschlang dabei die Frau mit seinen Blicken; zum Glück waren seine Augen rund und hart wie Marmeln und unfähig, seine Gefühle zu verraten. Ein wütendes Mitleid ergriff ihn, fast bis zu Tränen, als er die Zeichen der Zeit auf dem Antlitz dieser Frau erkannte, den Ausdruck von müder Schwäche, der sich um die Augen und Schläfen der »nimmermüden Señora« (wie Don Pépé sie vor Jahren bewundernd genannt) eingenistet hatte. »Gehen Sie noch nicht. Dieser Tag gehört ganz mir«, drängte Frau Gould freundlich. »Offiziell sind wir noch nicht zurück. Es wird niemand kommen. Morgen erst sollen die Fenster der Casa Gould zu einem Empfang erleuchtet sein.«

Der Doktor ließ sich in einen Stuhl fallen.

»Sie geben eine Tertulia?« meinte er leichthin.

»Einen einfachen Begrüßungsabend für alle die lieben Freunde, die kommen wollen.«

»Und erst morgen?«

»Ja. Charles wird ja todmüde sein nach einem ganzen Tag in der Mine, und so will ich …. Es wäre auch schön, den ersten Abend nach unserer Rückkehr in dieses Haus, das ich so liebe, ganz für mich zu haben. Das Haus hat mein ganzes Leben gesehen.«

»O ja!« brummte der Doktor plötzlich. »Die Zeitrechnung der Frau beginnt ja erst bei der Hochzeit. Haben Sie nicht auch vorher ein wenig gelebt?«

»Ja; aber was ist dabei zu erinnern? Damals gab es keine Sorgen.«

Frau Gould seufzte. Und wie zwei Freunde nach langer Trennung sich gerne dem bewegtesten Abschnitt ihres Lebens zuwenden, so begannen auch sie von der Sulaco-Revolution zu sprechen. Frau Gould fand es merkwürdig, daß Leute, die daran teilgenommen hatten, die Tatsache und die Lehre daraus vergessen zu haben schienen.

»Und doch«, warf der Doktor ein, »haben wir, die wir unsere Rolle dabei gespielt haben, unseren Lohn empfangen. Don Pépé, wenn auch im Ruhestand, kann immer noch zu Pferd sitzen. Barrios trinkt sich in lustiger Gesellschaft zu Tode, auf seiner Fundacion dort jenseits des Bolson de Tonoro. Und der heldenhafte Vater Romàn – ich kann mir den alten Padre gut vorstellen, wie er planmäßig die San Tomé-Mine sprengt, bei jedem Krach einen Heiligen anruft und zwischendurch mit vollen Händen schnupft –, der heldenhafte Padre Romàn sagt, er fürchte den Schaden nicht, den Holroyds Missionare seiner Herde tun könnten, solange er am Leben ist.«

Frau Gould schauderte ein wenig, als er die Zerstörung erwähnte, die der San Tomé-Mine so unmittelbar gedroht hatte.

»Oh, und Sie, lieber Freund?«

»Ich habe die Arbeit getan, zu der ich taugte.«

»Sie waren der grausamsten Gefahr ausgesetzt. Mehr als dem Tod.«

»Nein, Frau Gould! Nur dem Tod – durch Erhängen. Und ich bin über Verdienst belohnt.«

Da er Frau Goulds Blick auf sich gerichtet fühlte, schlug er die Augen nieder.

»Ich habe meinen Weg gemacht, wie Sie sehen«, sagte der Generalinspektor der staatlichen Krankenhäuser und nahm die Schöße seines überfeinen schwarzen Rocks ein wenig hoch. Des Doktors Selbstachtung, innerlich merkbar durch das fast völlige Verschwinden seiner Träume von Vater Beron, zeigte sich äußerlich in einer im Vergleich zu seiner früheren Achtlosigkeit fast übertriebenen Pflege seiner persönlichen Erscheinung. Dieser Wechsel in seiner Kleidung hielt sich nach Form, Farbe und peinlicher Sauberkeit in strengen Grenzen und gab Doktor Monygham ein zugleich berufliches und feiertägliches Aussehen; sein hinkender Gang und die unveränderte Griesgrämigkeit seines Gesichts standen dazu in erstaunlichem Gegensatz.

»Ja«, fuhr er fort, »wir alle haben unseren Lohn gehabt – der Chefingenieur, Kapitän Mitchell ….«

»Wir haben ihn gesehen«, unterbrach Frau Gould mit ihrer lieben Stimme. »Der liebe alte Mann kam eigens vom Land herein, um uns in unserm Hotel in London zu besuchen. Er benahm sich ungemein würdig. Aber er vermißt Sulaco, glaube ich. Er schwatzte ein wenig von ›historischen Ereignissen‹, bis ich dem Weinen nahe war.«

»Hm«, knurrte der Doktor. »Wird alt, vermute ich. Sogar Nostromo wird älter – obwohl er sich nicht verändert hat. Und da wir gerade von ihm reden, möchte ich Ihnen etwas sagen ….«

Schon seit einiger Zeit hatte erregtes Murmeln aus dem Hause geklungen. Plötzlich fielen die beiden Gärtner auf die Knie und beugten die Köpfe, während Antonia Avellanos an der Seite ihres Onkels vorüberging.

Nach einem kurzen Besuch in Rom, wohin er von der Missionsgesellschaft berufen worden war, mit dem roten Hut bekleidet, kam Vater Corbelàn, Missionar unter den wilden Indianern, Verschwörer, Freund und Gönner Hernandez' des Räubers, mit großen langsamen Schritten daher, wuchtig, vorgebeugt, die mächtigen Hände hinter dem Rücken verschränkt. Der erste Kardinalerzbischof von Sulaco hatte sein fanatisches, finsteres Aussehen bewahrt; das Aussehen eines Kaplans von Banditen. Der allgemeinen Ansicht nach war die unerwartete Verleihung des Purpurs ein Gegenzug gegen den Einbruch der Protestanten in Sulaco, der von der Holroyd-Missionsstiftung ausgegangen war. Die Schönheit von Antonias Gesicht schien leicht verblüht, ihre Gestalt ein wenig voller; sie näherte sich in ihrem leichten Gang, in hoheitsvoller Gelassenheit, und lächelte Frau Gould von weitem zu. Sie hatte ihren Onkel herübergebracht, um die liebe Emilia zu sehen, ohne Umstände, nur für einen Augenblick, vor der Siesta.

Als alle wieder saßen, hielt sich Doktor Monygham (in dem sich eine herzliche Abneigung gegen alle entwickelt hatte, die Frau Gould mit einiger Vertraulichkeit begegneten) etwas abseits und stellte sich, als wäre er in tiefes Nachdenken versunken. Bei einem lauter gesprochenen Satz Antonias hob er den Kopf.

»Wie können wir die verlassen, die vor wenigen Jahren noch unsere Landsleute waren, auch jetzt noch unsere Landsleute sind und unter der Bedrückung stöhnen?« sagte Fräulein Avellanos. »Wie können wir blind bleiben und taub und ohne Mitgefühl vor dem harten Unrecht, das unsere Brüder erleiden müssen? Es gibt eine Abhilfe.«

»Den Rest von Costaguana der Ordnung und Wohlfahrt von Sulaco angliedern«, fuhr der Doktor dazwischen. »Eine andere Abhilfe gibt es nicht.«

»Ich bin überzeugt, Señor Doctor«, sagte Antonia mit der ernsten Ruhe eines unbesieglichen Entschlusses, »daß dies von allem Anfang an des armen Martin Absicht war ….«

»Ja, aber die materiellen Interessen werden es nicht leiden, daß ihre Entwicklung einfach nur dem Mitleid und der Gerechtigkeit aufgeopfert werde«, meinte der Doktor brummig. »Und vielleicht ist es auch ganz recht so.«

Der Kardinalerzbischof richtete seine wuchtige, knochige Gestalt auf.

»Wir haben für sie gearbeitet, wir haben sie geschaffen, diese materiellen Interessen der Ausländer«, sagte der Letzte der Corbelàns in tiefem, anklagendem Ton.

»Und ohne sie seid ihr gar nichts«, rief der Doktor hinüber. »Sie werden es euch nicht tun lassen.«

»Dann mögen sie auf ihrer Hut sein, daß nicht das Volk, in seiner Entwicklung gehemmt, sich erhebe und seinen Anteil an Reichtum und Macht verlange«, gab der volkstümliche Kardinalerzbischof von Sulaco mit offener Drohung zurück.

Ein Schweigen folgte, während dessen die Eminenz finster zu Boden blickte und Antonia, ruhig atmend in der Kraft ihrer Überzeugung, anmutig und aufrecht dasaß. Dann wandte sich die Unterhaltung gesellschaftlichen Fragen zu und der Europareise der Goulds. Der Kardinalerzbischof hatte während seines Aufenthalts in Rom unaufhörlich an Kopfneuralgien gelitten. Das Klima wohl – die schlechte Luft.

Als Onkel und Nichte gegangen waren – wieder waren die Diener auf die Knie gefallen, und der alte Pförtner, der noch Henry Gould gekannt hatte, war, jetzt fast völlig blind und gebrechlich, herbeigekrochen, um Seiner Eminenz die ausgestreckte Hand zu küssen –, sah ihnen Doktor Monygham nach und sprach das eine Wort:

»Unverbesserlich!«

Frau Gould ließ mit einem Aufblick müde ihre weißen Hände in den Schoß sinken, die von dem Gold und den Steinen vieler Ringe blitzten.

»Verschwörer. Jawohl!« sagte der Doktor. »Die Letzte der Avellanos und der Letzte der Corbelàns verschwören sich mit den Flüchtlingen aus Sta. Marta, die nach jeder Revolution hier hereinschneien. Das Café Lambroso an der Ecke der Plaza ist voll von ihnen; man kann ihr Schwatzen über die ganze Straße weg hören, wie den Lärm aus einem Papageienkäfig. Sie planen die Besetzung von Costaguana. Und wissen Sie, wo sie sich die Kraft holen, den nötigen Rückhalt? Bei den Geheimbünden unter den neuen Einwanderern und Eingeborenen, wo Nostromo – ich sollte sagen: Kapitän Fidanza – die erste Geige spielt. Was verhilft ihm zu dieser Stellung? Wer kann es sagen? Genie? Er hat einen Funken davon. Er steht vor dem Volke heute größer da als je zuvor. Es ist, als hätte er eine geheime Macht, ein geheimnisvolles Mittel, seinen Einfluß zu stützen. Er trifft sich mit dem Erzbischof, wie in den alten Tagen, an die Sie und ich uns noch erinnern. Barrios ist nutzlos. Aber als militärisches Oberhaupt haben sie den frommen Hernandez, und vielleicht können sie das Land mit dem neuen Ruf aufrühren: ›Reichtum für das Volk!‹«

»Wird denn nie Frieden sein? Wird es nie Ruhe geben?« flüsterte Frau Gould. »Ich dachte, wir...«

»Nein«, unterbrach der Doktor. »Es gibt keinen Frieden und keine Ruhe in der Entwicklung der materiellen Interessen. Sie haben ihr eigenes Gesetz und ihre Gerechtigkeit. Aber die ist auf Zweckmäßigkeit gegründet und ist unmenschlich, ohne Redlichkeit, ohne die Beständigkeit und die innere Kraft, die nur in einem sittlichen Grundsatz zu finden sind. Frau Gould, die Zeit ist nahe, wo die Gould-Konzession mit allem, was sie bedeutet, so schwer auf dem Volke lasten wird wie die Barbarei, die Grausamkeit und Mißwirtschaft früherer Jahre.«

»Wie können Sie das sagen, Doktor Monygham?« rief sie, an der empfindlichsten Stelle getroffen.

»Ich kann sagen, was wahr ist«, beharrte der Doktor eigensinnig. »Die Gould-Konzession wird genauso schwer lasten und Haß hervorrufen, Blutvergießen und Rache, weil die Menschen anders geworden sind. Glauben Sie, daß jetzt die Bergleute in die Stadt marschieren würden, um ihren Señor Administrador zu retten? Glauben Sie das?«

Sie preßte sich die Handrücken gegen die Augen und murmelte hoffnungslos:

»Das also ist es, wofür wir gearbeitet haben?«

Der Doktor senkte den Kopf. Er konnte ihrem stummen Gedankengang folgen. War deswegen ihr Leben all des heimlichen Glücks täglicher Zuneigung beraubt worden, die ihre Zärtlichkeit brauchte, so, wie der Mensch Luft zum Atmen braucht? Und der Doktor, empört über Charles Goulds Blindheit, beeilte sich, das Gespräch zu wechseln.

»Ich wollte über Nostromo mit Ihnen sprechen. O ja! Der Mensch hat Beständigkeit und Kraft. Nichts kann ihm beikommen. Doch lassen wir das. Es geht etwas Unerklärliches vor – oder vielleicht ist es nur zu leicht zu erklären. Sie wissen doch, Linda ist tatsächlich die Wärterin des Leuchtturms auf der Großen Isabelle. Der Garibaldiner ist jetzt zu alt. Seine Arbeit besteht darin, die Lampen zu putzen und die Küche zu besorgen; aber er kann nicht mehr die Treppen steigen. Die schwarzäugige Linda schläft den ganzen Tag und wartet die ganze Nacht das Licht. Nicht den ganzen Tag übrigens. Sie steht gegen fünf Uhr nachmittags auf, und dann kommt unser Nostromo, sooft er mit seinem Schoner im Hafen ist, in einem kleinen Ruderboot zum Besuch hinaus.«

»Sind sie noch nicht verheiratet?« fragte Frau Gould. »Die Mutter wünschte es, soviel ich weiß, als Linda noch fast ein Kind war. Als ich die Mädchen während des Separationskrieges etwa ein Jahr lang bei mir hatte, da pflegte diese erstaunliche Linda ganz einfach zu erklären, sie würde Giambattistas Frau werden.«

»Sie sind noch nicht verheiratet«, erwiderte der Doktor kurz. »Ich habe mich ein wenig nach ihnen umgesehen.«

»Ich danke Ihnen, lieber Doktor Monygham«, sagte Frau Gould; im Schatten der großen Bäume blitzten ihre kleinen, gleichmäßigen Zähne in einem jugendlichen Lächeln harmlosen Spottes auf. »Die Leute wissen nicht, wie herzensgut Sie sind. Sie wollen es sie nicht wissen lassen, als wollten Sie mich absichtlich damit ärgern, da ich doch seit langem an Ihr gutes Herz glaube.«

Der Doktor zog die Oberlippe hoch, als wollte er beißen, und machte im Sitzen eine steife Verbeugung. Die Liebe war spät über ihn gekommen, nicht als der schönste aller Träume, sondern wie ein erleuchtendes, doch unschätzbares Mißgeschick; nun weckte in seiner Verranntheit der Anblick dieser Frau (den er fast ein Jahr lang entbehrt hatte) den Wunsch in ihm, sie anzubeten, den Saum ihres Kleides zu küssen. Und dieses Übermaß an Gefühl setzte sich natürlich in noch bissigere Redeweise um.

»Ich fürchte, von zu viel Dankbarkeit erdrückt zu werden. Immerhin, diese Leute interessieren mich. Ich bin mehrmals zum Leuchtturm auf der Großen Isabelle hinausgefahren, um nach dem alten Giorgio zu sehen.«

Er sagte Frau Gould nicht, daß er es aus dem Grunde getan hatte, weil er dort in ihrer Abwesenheit die Wohltat gleichgestimmten Gefühls gefunden hatte: in des alten Giorgio tiefer Bewunderung für die »Englische Signora – die Wohltäterin«; in der schwarzäugigen Linda wortreicher, feuriger, leidenschaftlicher Zuneigung zu »unserer Dona Emilia – dem Engel«; in der weißhalsigen, blonden Giselle anbetendem Augenaufschlag, der mit einem halb ehrfürchtigen, halb unschuldigen Seitenblick endete und Doktor Monygham zu dem innerlichen Ausruf veranlaßte: »Wäre ich nicht, was ich bin, alt und häßlich, so könnte ich glauben, die Hexe mache mir Augen. Und vielleicht tut sie es auch. Sie tut es wohl bei jedem Mann!« Doktor Monygham sagte Frau Gould, der Vorsehung der Familie Viola, nichts davon, sondern wandte sich wieder »unserem Großen Nostromo« zu, wie er ihn nannte.

»Was ich Ihnen sagen wollte, ist dies: Unser Großer Nostromo hat sich um den alten Mann und die Kinder einige Jahre lang nicht viel gekümmert. Allerdings war er ja auf seinen Küstenfahrten zehn Monate im Jahre fort. Er hat sich sein Vermögen gemacht, wie er dem Kapitän Mitchell einmal sagte. Es scheint ihm ungewöhnlich gut gegangen zu sein. Das war ja nicht anders zu erwarten. Er ist sehr findig, voller Selbstvertrauen, bereit zu allerlei Wagnissen und Gefahren. Ich erinnere mich, daß ich einmal in Mitchells Kontor war, als er mit dem ruhigen, ernsten Gehaben hereinkam, das er immer zur Schau trägt. Er sei in Geschäften im Golf von Kalifornien gewesen, sagte er und sah dabei nach seiner Art an uns vorbei an die Wand; nun freue es ihn, bei seiner Rückkehr zu sehen, daß auf der Klippe der Großen Isabelle ein Leuchtturm gebaut werde. Es freue ihn sehr, wiederholte er. Mitchell erklärte ihm, der Leuchtturm werde von der O. S. N. Gesellschaft gebaut, auf seinen eigenen Rat, mit Rücksicht auf den Paketdienst. Kapitän Fidanza war liebenswürdig genug, zu bestätigen, der Rat sei ausgezeichnet gewesen. Ich erinnere mich noch, wie er seinen Schnurrbart drehte und den Blick rings um die Wandleiste wandern ließ, bevor er den Vorschlag machte, der alte Giorgio sollte zum Leuchtturmwärter ernannt werden.«

»Ich hörte davon. Ich wurde seinerzeit um Rat gefragt«, sagte Frau Gould. »Ich war nicht sicher, ob es für die beiden Mädchen gut sein würde, auf der Insel förmlich wie in einem Gefängnis eingeschlossen zu sein.«

»Der Vorschlag stimmte mit den Neigungen des alten Garibaldiners überein. Für Linda war ja jeder Ort nett und gut genug, wenn nur Nostromo dazu geraten hatte. Sie konnte dort so gut wie anderswo auf ihres Giambattista Belieben warten. Meiner Meinung nach war sie von jeher in den unbestechlichen Capataz verliebt. Überdies lag sowohl Vater wie Schwester daran, Giselle den Aufmerksamkeiten eines gewissen Ramirez zu entziehen.«

»Oh!« meinte Frau Gould gespannt, »Ramirez? Was für ein Mensch ist das?«

»Ein Mozo aus der Stadt. Sein Vater war Cargador. Als Junge lief er in Lumpen auf dem Kai herum, bis Nostromo ihn aufnahm und einen Mann aus ihm machte. Als er ein wenig älter geworden, teilte er ihn einem Leichter zu und übergab ihm sehr bald das Boot Nummer drei – das Boot, in dem dann das Silber fortgeschafft wurde, Frau Gould. Nostromo wählte gerade jenes Boot für die Arbeit aus, weil es am besten segelte und das stärkste in der ganzen Flotte der Kompagnie war. Der junge Ramirez war einer der fünf Cargadores, die in jener berühmten Nacht mit der Wegschaffung des Silbers aus den Räumen des Zollamts betraut waren. Da das Boot, das er geführt hatte, gesunken war, so empfahl ihn Nostromo, als er selbst die Dienste der Gesellschaft verließ, Kapitän Mitchell als seinen Nachfolger. Er hatte ihn gut in die Arbeit eingeführt, und so wurde also Herr Ramirez aus einem verhungerten Landstreicher zu einem Mann und zum Capataz der Cargadores von Sulaco.«

»Dank Nostromo«, sagte Frau Gould mit warmer Anerkennung.

»Dank Nostromo«, wiederholte Doktor Monygham. »Auf mein Wort, die Macht dieses Menschen erschreckt mich, sooft ich daran denke. Daß unser armer alter Mitchell nur zu froh war, den Posten einem eingearbeiteten Mann übertragen zu können, der ihm Aufregungen ersparte, ist ja nicht überraschend. Wunderbar aber ist die Tatsache, daß die Cargadores von Sulaco Ramirez als ihren Anführer anerkannten, einfach, weil es Nostromo so beliebte. Natürlich ist er kein zweiter Nostromo, wie er selbst es sich eingebildet hatte. Aber seine Stellung war immerhin noch glänzend genug. Sie gab ihm den Mut, sich um Giselle Viola zu bewerben, die, wie Sie ja wissen, die anerkannte Schönheit der Stadt ist. Der alte Garibaldiner aber faßte eine heftige Abneigung gegen ihn. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht weil er kein Muster an Vollendung war, wie sein Giambattista, die Verkörperung des Muts, der Treue, der Ehrenhaftigkeit ›des Volkes‹. Signor Viola hat keine hohe Meinung von den Eingeborenen von Sulaco. Sie beide, der alte Spartaner und diese blasse Linda mit ihrem roten Mund und den kohlschwarzen Augen, paßten scharf auf die Blonde auf. Ramirez wurde das Wiederkommen verboten. Vater Viola bedrohte ihn einmal, wie man mir sagte, mit dem Gewehr.«

»Aber wie ist es mit Giselle selbst?« fragte Frau Gould.

»Sie ist ein wenig kokett, fürchte ich«, sagte der Doktor. »Aber ich glaube nicht, daß ihr wirklich etwas an dem einen oder dem andern lag. Natürlich hat sie es gerne, wenn Männer ihr Aufmerksamkeiten erweisen. Ramirez war nicht der einzige, will ich Ihnen nur sagen, Frau Gould. Daneben gab es noch zumindest einen Bahningenieur, der auch mit dem Gewehr bedroht und fortgewiesen wurde. Der alte Viola erlaubt keine Scherze mit seiner Ehre. Er ist mürrisch und mißtrauisch geworden, seit seine Frau gestorben ist. Es war ihm sehr recht, seine jüngste Tochter aus der Stadt fortbringen zu können. Aber sehen Sie doch, was geschieht, Frau Gould: Ramirez, dem ehrenhaften Bewerber, wird die Insel verboten. Gut. Er achtet das Verbot, wendet aber natürlich oft die Blicke nach der Großen Isabelle. Er scheint es sich zur Gewohnheit gemacht zu haben, spät nachts noch nach dem Leuchtturm hinaus zu blicken, und während dieser sentimentalen Nachtwachen entdeckt er, daß Nostromo, das heißt Kapitän Fidanza, sehr spät von seinen Besuchen bei den Violas zurückkehrt. Manchmal erst um Mitternacht.«

Der Doktor unterbrach sich und sah Frau Gould bedeutungsvoll an.

»Ja. Aber ich verstehe nicht...«, meinte sie verwirrt.

»Nun kommt das Seltsame«, fuhr Doktor Monygham fort. »Viola, der auf der Insel König ist, duldet keine Besucher nach Anbruch der Dunkelheit. Sogar Kapitän Fidanza muß nach Sonnenuntergang abfahren, wenn Linda hinaufgegangen ist, um die Lampen zu versehen. Und Nostromo fährt gehorsam ab. Was aber geschieht nachher? Was tut er im Golf zwischen halbsieben Uhr und Mitternacht? Man hat ihn öfter als einmal zu so später Stunde ruhig hereinrudern sehen. Ramirez ist rasend vor Eifersucht. Dem alten Viola wagte er sich nicht in die Nähe, aber er faßte sich ein Herz und hielt Linda deswegen an, als sie an einem Sonntagmorgen herüberkam, um die Messe zu hören und das Grab ihrer Mutter zu besuchen. Es gab einen Auftritt auf dem Kai, den ich übrigens mit angesehen habe. Es war früh am Morgen. Er muß sie eigens abgepaßt haben. Ich war durch reinen Zufall dort, da ich von dem Schiffsarzt des deutschen Kanonenboots im Hafen zu einer dringenden Konsultation berufen worden war. Sie überschüttete Ramirez mit Wut, Verachtung, Feuer und Flammen; er schien völlig von Sinnen. Es war ein merkwürdiges Bild, Frau Gould. Der lange Kai, und an dessen Ende der rasende Cargador mit seiner roten Schärpe und das Mädchen, ganz in Schwarz; der Hafen sonntäglich morgenstill im Schatten des Gebirges. Nur ein oder zwei Ruderboote waren unterwegs, zwischen den Schiffen vor Anker, und das Gig des deutschen Kanonenbootes, das mich holen kam. Linda ging hart an mir vorbei. Ihr wilder Blick fiel mir auf. Ich rief sie an. Sie hörte mich nicht. Sie sah mich nicht. Aber ich sah ihr Gesicht: es war furchtbar in seinem Zorn und Kummer.«

Frau Gould setzte sich aufrecht und schlug die Augen weit auf.

»Was meinen Sie, Doktor Monygham? Wollen Sie etwa sagen, daß Sie die jüngere Schwester im Verdacht haben?«

»Quien sabe? Wer kann es sagen?« meinte der Doktor und zuckte die Achseln, wie ein geborener Costaguanero. »Ramirez kam auf dem Kai auf mich zu. Er keuchte – er sah irr aus. Er preßte die Hände an den Kopf. Er mußte – mußte einfach mit jemand sprechen. Natürlich erkannte er mich, trotz aller Verrücktheit. Die Leute hier kennen mich gut. Ich habe lange genug unter ihnen gelebt und bin jetzt einfach der Doktor mit dem bösen Blick, der alle Übel des Leibes heilen und mit einem Blick Unglück bringen kann. Er kam auf mich zu. Er versuchte, sich zur Ruhe zu zwingen. Er versuchte, mir begreiflich zu machen, daß er mich nur vor Nostromo warnen wollte. Es scheint, daß Kapitän Fidanza bei einer der geheimen Zusammenkünfte mich als den schlimmsten Feind der Armen – des Volkes – hingestellt hat. Das ist sehr möglich. Er beehrt mich mit seiner unauslöschlichen Abneigung, und ein Wort des Großen Fidanza kann natürlich hinreichen, das Messer irgendeines Narren in meinen Rücken zu bringen. Die Sanitätskommission, der ich vorstehe, ist beim Volke nicht beliebt. ›Hüten Sie sich vor ihm, Señor Doctor! Vernichten Sie ihn, Señor Doctor!‹ zischte mir Ramirez gerade ins Gesicht. Und dann brach es aus ihm hervor: ›Dieser Mann‹, stammelte er, ›hat einen Zauber auf beide Mädchen geworfen.‹ Er selbst habe nun schon zuviel gesagt. Er müsse nun weglaufen und sich irgendwo verbergen. Er jammerte zärtlich um Giselle und gab ihr dann Namen, die nicht zu wiederholen sind. Dächte er, daß sie durch irgendein Mittel dazu gebracht werden könnte, ihn zu lieben, dann wollte er sie von der Insel entführen. Fort, in die Wälder. Aber es nütze nichts... Er ging davon und schwenkte die Arme über dem Kopf. Dann bemerkte ich einen alten Neger, der hinter einem Stoß Kisten gesessen und vom Kai aus gefischt hatte. Er zog seine Schnur ein und schlich sich davon. Aber er muß wohl etwas gehört und es auch weitererzählt haben, denn ein paar Freunde des alten Garibaldiners, Leute von der Bahn, nehme ich an, warnten ihn vor Ramirez. Jedenfalls ist der Vater gewarnt worden. Ramirez aber ist aus der Stadt verschwunden.«

»Ich fühle, daß ich eine Pflicht gegen diese Mädchen habe«, meinte Frau Gould verlegen. »Ist Nostromo jetzt in Sulaco?«

»Ja. Seit letztem Sonntag.«

»Man müßte mit ihm sprechen – sofort.«

»Wer wird es wagen, mit ihm zu sprechen? Sogar der liebestolle Ramirez rennt vor dem bloßen Schatten des Kapitäns Fidanza davon.«

»Ich kann es. Ich will es«, erklärte Frau Gould. »Ein Wort wird genügen, bei einem Mann wie Nostromo.«

Der Doktor lächelte grämlich.

»Er muß einer Sachlage ein Ende machen, die die Vermutung rechtfertigt …. Ich kann es von dem Kinde nicht glauben«, fuhr Frau Gould fort.

»Er ist scheinbar unwiderstehlich«, murmelte der Doktor finster.

»Er wird es einsehen, ganz sicher. Er muß allem ein Ende machen, indem er Linda sofort heiratet«, erklärte die erste Dame von Sulaco mit größter Entschlossenheit.

Im Gartentor tauchte Basilio auf, fett und behäbig geworden, das Gesicht alt und bartlos, Runzeln um die Augenwinkel, das tiefschwarze, strähnige Haar glatt heruntergebürstet. Hinter einer Gruppe von Ziersträuchern beugte er sich vorsichtig nieder und setzte behutsam ein kleines Kind zu Boden, das er auf der Schulter getragen hatte. Seinen und Leonardas Jüngsten. Die schmollende, verwöhnte Camerista und der erste Mozo der Casa Gould waren nun seit einigen Jahren verheiratet. Er blieb eine Zeitlang auf den Fersen hocken und sah zärtlich seinen Sprößling an, der den Blick mit unbeirrbarem Ernst erwiderte; dann erhob er sich und schritt feierlich und achtbar den Weg entlang.

»Was gibt es, Basilio?« fragte Frau Gould.

»Es ist von der Mine telephoniert worden. Der Herr bleibt heute über Nacht im Gebirge.«

Doktor Monygham war aufgestanden und hatte sich abgewandt. Im Schatten der größten Bäume in dem herrlichen Garten der Casa Gould herrschte eine Zeitlang tiefes Schweigen.

»Es ist gut, Basilio«, sagte Frau Gould. Sie sah ihn den Weg wieder zurückgehen, hinter der Buschgruppe niederkauern und mit dem Kind auf der Schulter wieder auftauchen. Er durchschritt den Torweg zwischen den Gärten und dem Innenhof mit gemessenen Schritten, sorgsam auf seine leichte Bürde bedacht.

Der Doktor kehrte Frau Gould den Rücken und betrachtete ein Blumenbeet, weit weg im Sonnenschein. Die Leute hielten ihn für gehässig und verbittert. Seine wahre Natur waren Leidenschaftlichkeit und Feingefühl. Was ihm fehlte, war die geschliffene Abstumpfung, die den Menschen gegen sich und andere so duldsam macht; diese Duldsamkeit, die himmelweit von echter Zuneigung und menschlichem Gefühl entfernt ist. Der Mangel an solcher Abstumpfung war die Ursache für die spöttische Gemütsart des Doktors und seine bissigen Reden.

In tiefem Schweigen, den Blick geflissentlich auf das farbenprächtige Blumenbeet gerichtet, betete Doktor Monygham inbrünstig Verwünschungen auf Charles Goulds Kopf herab. Die Unbeweglichkeit von Frau Gould hinter ihm fügte der Anmut ihrer sitzenden Gestalt den Reiz der Kunst hinzu, einer einmal erfaßten und für immer festgehaltenen Stellung. Der Doktor wandte sich unvermittelt um und verabschiedete sich.

Frau Gould lehnte sich zurück, im Schatten der großen Bäume, die im Kreise gepflanzt waren. Sie lehnte sich zurück, die Augen geschlossen und die weißen Hände müßig auf der Armlehne ihres Stuhls ausgestreckt. Das Dämmerlicht unter dem dichten Laubwerk brachte die jugendliche Anmut ihrer Züge zur Geltung, ließ das helle Muster und die weißen Spitzen ihres Kleides aufleuchten. Klein und zart, in eigenem Lichte strahlend, im tiefen Schatten des verschlungenen Laubwerks, glich sie einer guten Fee, die müde ist von vielem Wohltun und gequält von dem leisen Zweifel, ihr Werk könnte unnütz, ihr Zauber machtlos gewesen sein.

Hätte man sie gefragt, woran sie dachte – so allein im Garten der Casa, ihr Gatte im Bergwerk draußen und das Haus nach der Straße zu wie unbewohnt geschlossen –, dann hätte ihr Freimut der Frage auszuweichen gehabt. Es war ihr zum Bewußtsein gekommen, daß das Leben, um groß und erfüllt zu sein, in jedem flüchtigen Augenblick der Gegenwart die Sorge um die Vergangenheit und um die Zukunft einschließen muß. Unser Tagewerk muß zum Ruhm der Toten und zum Nutzen derer getan werden, die nachher kommen. Daran dachte sie und seufzte, ohne die Augen aufzuschlagen – ohne ein Glied zu rühren. Frau Goulds Gesicht straffte sich hart, sekundenlang, als wollte sie ohne Zucken einer mächtigen Woge von Einsamkeit standhalten, die über ihr Haupt wegschlug. Es kam ihr auch zum Bewußtsein, daß nie jemand sie zärtlich besorgt fragen würde, woran sie dächte. Niemand. Niemand, außer vielleicht der Mann, der eben fortgegangen war. Nein; niemand, dem sie hätte mit der rückhaltlosen Offenheit antworten können, wie vollendetes Vertrauen sie schafft.

Das Wort »unverbesserlich« – das Doktor Monygham eben vorhin gebraucht hatte – drängte sich ihr in ihrer trüben Unbeweglichkeit auf. Unverbesserlich in seiner Hingabe an die große Silbermine, der Señor Administrador! Unverbesserlich in seinem harten Entschluß, den materiellen Interessen zu dienen, in die er seinen Glauben an den Sieg von Ordnung und Gerechtigkeit gesetzt hatte. Armer Junge! Sie sah deutlich die grauen Haare an seinen Schläfen vor sich. Er war vollkommen – vollkommen. Was hätte sie mehr erwarten dürfen? Es war ein ungeheurer, nachhaltiger Erfolg. Und die Liebe war nur ein kurzer Augenblick des Selbstvergessens, ein kurzer Rausch, an dessen Freuden man mit Wehmut zurückdachte, wie an einen tief durchlebten Schmerz. Das nötige Beiwerk erfolgreicher Tat brachte die Entwürdigung der ursprünglichen Idee mit sich. Sie sah den Berg von San Tomé über dem Campo lasten, über dem ganzen Lande, ehrfürchtig, gehaßt, reich; seelenloser als jeden Tyrannen, unbarmherziger und herrschsüchtiger als die schlimmste Regierung; bereit, ungezählte Leben zu zermalmen, wenn es die Vergrößerung der eigenen Macht galt. Er sah es nicht. Er konnte es nicht sehen. Es war nicht sein Fehler. Er war vollkommen, vollkommen; aber sie würde ihn nie für sich haben. Niemals; nicht für eine kurze Stunde ganz für sich, in diesem alten spanischen Hause, das sie so sehr liebte. Unverbesserlich hatte der Doktor den Letzten der Corbelàns genannt, die Letzte der Avellanos; aber sie sah deutlich, wie die San Tomé-Mine das Leben des Letzten der Costaguaner Goulds beherrschte, verbrauchte, verbrannte, die Entschlußkraft des Sohnes in gleicher Weise unterjochte wie die beklagenswerte Schwäche des Vaters. Ein furchtbarer Erfolg für den Letzten der Goulds! Den Letzten! Sie hatte lange, lange Zeit gehofft, daß vielleicht ... Aber nein! Es sollten keine mehr nachkommen. Eine ungeheure Trostlosigkeit, das Grauen vor dem eigenen Leben senkten sich auf die erste Dame von Sulaco. In einem prophetischen Gesicht sah sie sich selbst, allein, die Entwürdigung ihres jungen Lebensideals überdauern, den Glauben an Liebe, an Arbeit – ganz allein im Schatzhaus der Welt. Der Ausdruck tiefen, blinden Leidens, wie der eines bösen Traumes, prägte sich in ihrem Gesicht mit den geschlossenen Augen aus. Mit der undeutlichen Stimme eines gequälten Schläfers, der machtlos im Bann eines unbarmherzigen Alpdrucks liegt, stammelte sie ziellos die Worte:

»Materielle Interessen.«

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