Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph Conrad >

Nostromo

Joseph Conrad: Nostromo - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph Conrad
titleNostromo
translatorErnst Wolfgang Freisler 1884-1938
senderwww.gaga.net
created20050809
projectid3a78a601
Schließen

Navigation:

VIII

Nach langem Schwimmen war Nostromo gelandet und triefend naß in den Innenhof des alten Forts hinaufgeklettert. Dort hatte er zwischen verfallenen Wällen und fauligen Überresten von Dächern und Schuppen den ganzen Tag durchgeschlafen. Er hatte im Schatten der Berge geschlafen, in der weißen Mittagsglut, in der Stille und Einsamkeit dieses überwachsenen Landstreifens zwischen dem eiförmigen Hafenbecken und dem weiten Halbkreis des Golfs. Er lag wie tot. Ein Reyzamuro war am Himmel aufgetaucht, ein kleiner schwarzer Fleck im Blau, hatte angehalten und sich vorsichtig niedergeschraubt, in lautlosem Flug, der bei einem Vogel dieser Größe unbegreiflich schien. Der Schatten seines perlgrauen Rumpfs, seiner schwarzgeränderten Fittiche fiel nicht lautloser auf das Gras, als sich der Vogel selbst auf einen Unrathaufen niederließ, keine drei Meter von dem Menschen weg, der still wie ein Leichnam dalag. Der Geier streckte den nackten Hals und den kahlen Kopf, widerwärtig in ihrer Buntheit, mit gefräßiger Neugier nach der vielversprechenden Reglosigkeit des hingestreckten Körpers aus. Dann zog er den Kopf tief in das weiche Gefieder zurück und schickte sich zum Warten an. Das erste, worauf Nostromos Augen beim Erwachen fielen, war dieser stumme Wächter, der nach den Anzeichen von Tod und Verwesung Ausschau hielt. Als der Mann aufstand, hüpfte der Geier in langen, seitlichen, flatternden Sprüngen weg. Er zauderte noch eine Weile in mürrischem Bedauern, erhob sich dann mit niederhängendem Schnabel und Fängen und schraubte sich lautlos empor.

Lange nachdem er verschwunden war, hob Nostromo die Augen zum Himmel und murmelte: »Ich bin noch nicht tot.«

Der Capataz der Cargadores von Sulaco hatte in Glanz und Öffentlichkeit gelebt bis zu dem Augenblick, da er die Führung des Leichters mit seiner Ladung von Silberbarren übernommen hatte.

Seine letzte Tat in Sulaco war völlig im Einklang mit seiner Eitelkeit und darum durchaus echt gewesen. Er hatte seinen letzten Dollar einer alten Frau geschenkt, die unter dem Bogen des alten Tores über den Kummer und die Anstrengungen einer traurigen Suche gestöhnt hatte. Im Dunkeln und ohne Zeugen vollbracht, hatte diese Tat doch noch die Merkmale des Glanzes und der Öffentlichkeit gezeigt und gut zu seinem Ruf gepaßt. Diesem Erwachen in der Einsamkeit aber, zwischen den Ruinen des Forts, fehlten diese Merkmale, bis auf den wachsamen Geier. Nostromos erstes verworrenes Gefühl war eben dies – daß er aus seinem Rahmen geraten war. Es schien das Ende aller Dinge. Die Notwendigkeit, im Versteck zu leben, für weiß Gott wie lange, sprang ihn mit dem wiederkehrenden Bewußtsein an und ließ ihm alles, was seit langen Jahren gewesen war, nichtig und töricht erscheinen, wie einen jäh unterbrochenen, schönen Traum.

Er erklomm die seichte Böschung des Walls, bog die Büsche zur Seite und sah auf den Hafen hinunter. Er sah in der Wasserfläche, die das letzte Licht widerspiegelte, einige Schiffe vor Anker liegen und Sotillos Dampfer am Kai festgemacht. Hinter der lichten Stirnmauer des Zollamts tauchten die Umrisse der Stadt auf, wie der Saum eines Streifens Hochwald in der Ebene mit einem Torbogen darin; und die Kuppeln, Türme und Miradores ragten über die Bäume, ganz dunkel, als wären sie schon der Nacht verfallen. Der Gedanke, daß es ihm nicht mehr freistand, durch die Straßen zu reiten, von jedermann, groß und klein, erkannt, wie er es jeden Abend zu tun pflegte, wenn er in die Posada des Mexikaners Domingo hinausritt, zum Monte oder um auf dem Ehrenplatz zu sitzen, den Liedern zu lauschen und dem Tanz zuzusehen – der Gedanke ließ ihm die Stadt wesenlos erscheinen.

Lange Zeit spähte er hinunter, ließ dann die geteilten Büsche zusammenschlagen, ging zur andren Seite des Forts hinüber und sah auf die große Fläche des Golfs hinaus. Die Isabellen hoben sich wuchtig ab von dem vergehenden roten Streifen im Westen, der in den Zwischenräumen matt aufleuchtete; und der Capataz dachte an Decoud, der dort mit dem Schatz allein war. Der Mann war der einzige, dem es etwas ausmachte, ob er selbst, Nostromo, in die Hände der Monteristen fiel oder nicht, überlegte der Capataz bitter. Und auch diese Angst galt wohl mehr der eigenen Sicherheit des andern. Alle andern aber wußten weder noch kümmerten sie sich darum. Was er einst Giorgio Viola hatte sagen hören, war sehr wahr: Könige, Minister, Aristokraten, die Reichen im allgemeinen, hielten das Volk in Armut und Unterwürfigkeit; sie hielten das Volk, wie sie Hunde hielten, um sie für sich kämpfen und jagen zu lassen.

Die Dunkelheit des Himmels war bis zum Horizont niedergesunken, hatte den ganzen Golf eingehüllt, die Inseln und Antonias Liebhaber, der auf der Großen Isabelle mit dem Schatz allein war. Der Capataz wandte all diesem Unsichtbaren und doch Bestehenden den Rücken, setzte sich nieder und nahm das Gesicht zwischen die Fäuste. Zum erstenmal in seinem Leben fühlte er den Stachel der Armut. Sich nach einer Pechsträhne im Monte ohne einen Pfennig zu sehen, in der niederen ruhigen Posada Domingos, wo die Brüderschaft der Cargadores jeden Abend spielte, sang und tanzte; nach einem Ausbruch öffentlicher Freigebigkeit an irgendein Peyne d'oro-Mädel (an dem ihm nichts lag) mit leeren Taschen zurückzubleiben: darin war nichts von Demut oder Elend. Er blieb reich an Ruhm und Ehre. Da es ihm aber nicht länger mehr möglich war, in den Straßen der Stadt zu prunken und bei seinen gewohnten Vergnügungen Zurufe zu ernten, so fühlte sich dieser Seemann wahrhaft verlassen.

Sein Mund war trocken. Er war trocken von schwerem Schlaf und heftigem Nachdenken; trocken wie nie zuvor. Man kann sagen, daß Nostromo Staub und Asche schmeckte, nachdem er in seiner Gier nach Preis tief in die Frucht des Lebens gebissen hatte. Ohne die Fäuste vom Kopf zu nehmen, versuchte er vor sich hin zu spucken – »Pfui!« – und murmelte einen Fluch auf die Selbstsucht der Reichen.

Da in Sulaco alles verloren schien (dieses Gefühl hatte er beim Erwachen), so hatte sich Nostromo der Gedanke aufgedrängt, das Land ganz zu verlassen. Dabei war ihm, wie als Beginn eines neuen Traumes, ein Bild erschienen: steile Küsten ohne Flut, mit dunklen Pinien auf der Höhe und weißen Häusern nahe dem tiefblauen Meer. Er sah die Kais eines großen Hafens, wo die Küstenfeluken, ihre lateinischen Segel wie regungslose Schwingen ausgebreitet, still einliefen, zwischen langen Molen aus mächtigen Quadern, die im Winkel zueinander ins Meer hinausliefen und einen Schwarm von Schiffen an die Brust eines Hügels voll Palästen zu ziehen schienen. Bei der Erinnerung an diese Bilder meldete sich die kindliche Liebe, obwohl er als Junge auf einer dieser Feluken oft und hart gezüchtigt worden war, von dem glattrasierten Genuesen mit dickem Hals und von bedächtig mißtrauischem Gehaben, der ihn (wie Nostromo fest glaubte) um sein Waisenerbe betrogen hatte. Doch die Vorsehung hat es gnädig so eingerichtet, daß vergangenes Leid in der Erinnerung verblassen soll. Unter dem Druck der Einsamkeit, Verlassenheit und des Mißerfolgs erschien der Gedanke erträglich, zu all dem zurückzukehren. Doch wie? Zurückkehren? Bloßfüßig und barhäuptig, mit einem einzigen gewürfelten Hemd und einem Paar baumwollener Calzoneras als ganzer irdischer Habe?

Der berühmte Capataz hielt die Ellbogen auf die Knie gestützt, bohrte sich eine Faust in jede Wange und lachte in grimmiger Selbstverspottung laut in die Nacht hinaus, so wie er vorher vor Ekel ausgespien hatte. Die verworrenen, brennenden Gefühle allgemeinen Niederbruchs, wie sie Naturen von starker Eigenart immer befallen, sooft die beherrschende Leidenschaft Einbuße erleidet – diese Gefühle waren fast so bitter wie der Tod selbst. Nostromo war ein einfacher Mensch, ganz wie ein Kind bereit, sich jedem Glauben, Aberglauben oder Wunsch hinzugeben.

Seine tatsächliche Lage konnte er auf Grund seiner genauen Landeskenntnis gut beurteilen. Er überblickte sie in vollem Umfang. Er kam sich wie ernüchtert vor nach einem langen Rausch. Man hatte seine Treue ausgenützt. Er hatte die Gilde der Cargadores überredet, sich auf die Seite der Blancos, gegen das Volk zu stellen; er hatte Unterredungen mit Don José gehabt. Er war von Vater Corbelàn als Unterhändler mit Hernandez verwendet worden; es war bekannt, daß Don Martin Decoud ihn zu einer Art von Vertraulichkeit zugelassen und ihm freien Zutritt zu der Redaktion des »Porvenir« gewährt hatte. All das hatte ihm in gewohnter Weise geschmeichelt. Was kümmerte er sich um ihre Politik? Nicht das geringste. Und zum guten Ende, nach all diesem Nostromo hier und Nostromo da – wo ist Nostromo? Nostromo kann dies und das tun – den ganzen Tag arbeiten und die ganze Nacht reiten – nach alledem, sieh da! stand er nun als ausgesprochener Ribierist da, jeder Rache preisgegeben, die zum Beispiel Gamacho in den Sinn kommen konnte, nun, da die Montero-Partei sich schließlich doch der Stadt bemächtigt hatte. Die Europäer hatten aufgegeben; die Caballeros hatten aufgegeben. Don Martin hatte zwar erklärt, das alles sei nur zeitweilig – er wolle Barrios zum Entsatz herbeiführen. Was wurde nun daraus – wo doch Don Martin (dessen spöttische Sprechweise dem Capataz immer ein leises Unbehagen verursacht hatte) auf der Großen Isabelle gestrandet war? Alle, alle hatten aufgegeben. Sogar Don Carlos hatte aufgegeben. Die eilige Fortschaffung des Schatzes auf See bedeutete nichts andres. In jähem Umschlag seiner einseitigen Betrachtungsweise erschien dem Capataz in einer Verzweiflung, die an Irrsinn grenzte, seine ganze Welt von Treu und Glauben verlassen. Er war verraten worden!

Hinter ihm dehnten sich die grenzenlosen Schatten der See, vor ihm drängten sich die luftigen Umrisse der niedrigen Gipfel um den nebelhaft leuchtenden Higuerota. Aus schweigender Reglosigkeit lachte Nostromo laut auf, sprang jäh auf die Füße und stand still. Er mußte gehen. Doch wohin?

»Es gibt keinen Zweifel. Sie halten uns und hetzen uns, als wären wir Hunde, geboren, um für sie zu kämpfen und zu jagen. Der Vecchio hat recht«, sagte er langsam und verachtungsvoll. Er erinnerte sich, wie der alte Viola seine Pfeife aus dem Mund genommen und diese Worte über die Schulter weg in das Café hineingerufen hatte, das voll von Maschinenführern und Arbeitern aus den Bahnwerkstätten war. Sein inneres Schwanken klammerte sich an dieses Bild. Er wollte, wenn es möglich war, versuchen, den alten Giorgio zu finden. Gott mochte wissen, was ihm geschehen sein konnte! Er machte einige Schritte, blieb dann nochmals stehen und schüttelte den Kopf. Zur Linken und zur Rechten, vor und hinter ihm raschelten die dichten Büsche geheimnisvoll in der Dunkelheit.

»Auch Teresa hatte recht«, fügte er leise hinzu, mit einem Anflug ehrfürchtigen Schauders. Er fragte sich, ob sie wohl in ihrem Ärger gegen ihn verschieden wäre oder noch lebte. Wie zur Antwort auf diesen halb reuigen, halb hoffnungsvollen Gedanken strich mit weichem Flügelschlag, wie ein dunkles Wallen in der Nacht, eine große Eule über seinen Weg, deren greller Schrei: »Ya-acabo, Ya-acabo! Es ist vorbei, es ist vorbei«, dem Volksmunde nach Unglück und Tod verkündet. Im Niederbruch all der Tatsachen, die seine Stärke ausgemacht hatten, fühlte er sich dem Aberglauben zugänglich und erschauerte leicht. Signora Teresa mußte also gestorben sein. Es konnte nichts andres bedeuten. Der Schrei des Vogels von übler Vorbedeutung, der erste Laut, den er auf seiner Heimkehr hören sollte, schien ihm der richtige Willkomm für seine verratene Persönlichkeit. Die unsichtbaren Mächte, die er durch die Weigerung beleidigt hatte, einen Priester zu einer sterbenden Frau zu holen, erhoben nun ihre Stimme gegen ihn. Sie war tot. Mit bewundernswerter und menschlicher Beharrlichkeit bezog er alles auf sich selbst. Sie hatte immer guten Rat gewußt. Und der verwaiste alte Giorgio war wohl gerade jetzt, wo Nostromo seinen Rat so nötig gehabt hätte, von dem Verlust betäubt. Der Schlag würde dem verträumten alten Mann für eine Zeit wohl die klare Besinnung rauben.

Den Kapitän Mitchell aber hielt Nostromo, nach der Art selbständiger Untergebener, für eben (durch Erziehung) tüchtig genug, Schriftstücke in seinem Kontor zu unterzeichnen und Aufträge zu geben; im übrigen aber für nutzlos und für etwas wie einen Narren. Die Notwendigkeit, fast täglich die feierliche und eigensinnige Selbstgefälligkeit des alten Seemanns um den Finger wickeln zu müssen, war Nostromo mit der Zeit langweilig geworden. Anfangs hatte er eine innerliche Genugtuung darin gefunden. Aber die Notwendigkeit, kleine Hindernisse überwinden zu müssen, wird einem selbstsichern Menschen bald lästig, sowohl durch die Gewißheit des Erfolgs wie durch die immer gleichbleibende Anstrengung. Er mißtraute der Neigung seines Vorgesetzten zu übereiltem Vorgehen. Dieser alte Engländer kannte keine Überlegung, sagte er sich. Es war sinnlos, etwa erwarten zu wollen, daß er den wahren Sachverhalt für sich behalten würde, sobald er ihn einmal erfahren hätte. Er würde geschwätzig unsinnige Möglichkeiten erörtern. Nostromo fürchtete ihn, wie man sich davor fürchtet, sich selbst eine ewige Sorge aufzubürden. Der Mann kannte keine Verschwiegenheit. Er würde den Schatz verraten. Und Nostromo hatte es sich in den Kopf gesetzt, daß der Schatz nicht verraten werden sollte.

Dieses Wort hatte sich ihm unverrückbar eingeprägt. Seine Einbildungskraft hatte ihm die klare und einfache Erkenntnis des Verrats, das brennende Gefühl des Verlorenseins gegeben, das ihn bei näherem Nachdenken über die Tatsache befallen hatte, wie achtlos er aus seinem Leben hinausgetreten und wie wenig dabei seine eigene Persönlichkeit in Rechnung gezogen worden war. Ein verratener Mann ist ein vernichteter Mann. Signora Teresa (mochte Gott ihre Seele haben!) hatte recht gehabt. Man hatte ihn nie in Rechnung gezogen. Vernichtet! Ihre weiße Gestalt, gebeugt im Bett sitzend, mit gelöstem schwarzem Haar, das breitstirnige, leidende Gesicht zu ihm erhoben, und der Zorn in ihren Vorwürfen erschienen ihm nun als letzte Erleuchtung vor der schauerlichen Majestät des Todes. Denn nicht umsonst war der Schrei des Unglücksvogels über seinem Kopf erklungen. Sie war tot – mochte Gott ihre Seele haben!

Obwohl er die priesterfeindliche Freigeisterei der Masse teilte, gebrauchte er doch die fromme Redensart, aus oberflächlicher Gewohnheit wie aus innerstem Empfinden. Das Volksgemüt kennt keine Skepsis, und diese Unkenntnis liefert die hilflose Kraft der Menge den Lügen der Schwindler und der unbarmherzigen Begeisterung der Führer aus, die sich von Gesichten eines erhabenen Geschicks leiten lassen. Sie war tot. Doch würde Gott bereit sein, ihre Seele aufzunehmen? Sie war ohne Beichte und Absolution gestorben, weil er sich nicht hatte entschließen können, ihr noch einen Augenblick seiner Zeit zu opfern. Seine Verachtung für Priester als Priester blieb bestehen; aber schließlich war es unmöglich, zu wissen, ob das, was sie behaupteten, nicht doch wahr war. Macht, Strafe, Vergebung sind einfache und glaubwürdige Begriffe. Der prunkliebende Capataz der Cargadores, gewisser schlichter Wirklichkeiten beraubt – der Bewunderung der Frauen, der Schmeichelei der Männer, der bewunderten Öffentlichkeit seiner Lebensführung –, war nun bereit, die Bürde einer gotteslästerlichen Schuld auf seine Schultern niedersinken zu fühlen.

Während er barhäuptig, in dünnem Hemd und Hosen hinging, stieg durch die Sohlen seiner nackten Füße die Wärme auf, die der feine Sand bewahrt hatte. Der schmale Strandstreifen leuchtete weit voraus in schwacher Krümmung und zeigte die Begrenzung dieser wilden Seite des Hafens an. Nostromo flitzte längs des Ufers hin, wie ein verfolgter Schatten zwischen den dunklen Palmenhainen und der todstillen Wasserfläche zur Rechten. Er rannte unaufhaltsam durch die schweigende Einöde, als hätte er alle Vorsicht und Klugheit vergessen. Aber er wußte wohl, daß er auf dieser Seite des Hafens keine Gefahr lief, entdeckt zu werden. Der einzige Einwohner war ein einsamer, verschlossener Indianer, der Hüter der Palmenhaine, der gelegentlich eine Last Kokosnüsse zum Verkauf in die Stadt brachte. Er lebte ohne Frau in einem offenen Schuppen; neben einem alten Kanu, das kieloben auf dem Strand lag, brannte ein ständiges Feuer aus dürrem Prügelholz. Er war leicht zu vermeiden.

Das Gebell der Hunde bei der Hütte dieses Mannes ließ Nostromo in seiner Hast innehalten. Er hatte die Hunde vergessen. Er bog scharf ab und warf sich in den Palmenhain wie in eine Wildnis von Säulen in einer ungeheuren Halle, in deren dichter Dunkelheit es über seinem Kopfe leise lispelte und rauschte. Dahinter kam er an eine Schlucht, durchkletterte sie und endete auf dem Gipfel einer steilen Klippe ohne Baum oder Büsche. Von dort aus konnte er die Ebene zwischen der Stadt und dem Hafen übersehen, die im Sternenlicht offen und verschwommen dalag. Weiter oben in den Wäldern machte ein Nachtvogel einen merkwürdig trommelnden Lärm. Unterhalb, jenseits des Palmenhains am Ufer, bellten die Hunde des Indianers immer noch wütend. Nostromo fragte sich verwundert, was sie wohl gar so aufgeregt haben mochte, sah von seiner Höhe hinunter und entdeckte zu seiner Überraschung eine unerklärliche Bewegung des Bodens unten, als wären mehrere rechteckige Stücke der Ebene in Fluß geraten. Diese dunklen, gleitenden Flecke, die bald auftauchten, bald unsichtbar wurden, verschoben sich ständig vom Hafen weg, in offenbar zweckbewußter Ordnung. Nostromo dämmerte ein Licht auf: es war eine Infanteriekolonne, auf einem Nachtmarsch in die Hügel am Fuß der Vorberge. Doch war er über alles und jedes zu sehr im Dunkeln, um sich wundern oder Betrachtungen anstellen zu können.

Die Ebene war in ihre schattenhafte Unbeweglichkeit zurückgesunken. Er stieg die Klippe hinunter und stand in der offenen Einöde zwischen dem Hafen und der Stadt. Die Weite erschien durch die Dunkelheit noch grenzenloser und steigerte noch das Gefühl seiner völligen Verlassenheit. Sein Schritt wurde langsamer. Niemand erwartete ihn; niemand dachte an ihn; niemand erwartete oder wünschte seine Rückkehr. »Verraten, verraten!« murmelte er vor sich hin. Niemand kümmerte sich darum. Er hätte ebensogut ertrunken sein können. Niemand hätte sich darum gekümmert – außer den Kindern vielleicht, dachte er. Aber die waren ja bei der englischen Señora und dachten wohl nicht an ihn.

Er schwankte in seinem Vorsatz, gerade auf die Casa Viola zuzuhalten. Wozu? Was hatte er dort zu erwarten? Sein Leben schien ihm in allen Einzelheiten verpfuscht, noch über Teresas verächtliche Vorwürfe hinaus. Er war sich seines Widerwillens peinlich bewußt. War es diese Reue, die sie ihm mit ihrem (soviel er nun sah) letzten Atemhauch vorhergesagt hatte?

Inzwischen war er, von einem dunklen Instinkt geleitet, von der geraden Linie nach rechts abgebogen, gegen den Kai und den Hafen zu, den Schauplatz seiner Tätigkeit. Das lange Zollamtsgebäude ragte plötzlich wie eine Fabrikmauer vor ihm auf. Niemand rief ihn an, und während er sich vorsichtig näherte, wurde seine Neugier geweckt durch den unerwarteten Anblick zweier beleuchteter Fenster an der Vorderseite.

Diese zwei Fenster, die allein in dem weiten, verlassenen Bau über den Hafen hinausglänzten, hatten all die Lockung einer einsamen Nachtwache, die dort oben von einem geheimnisvollen Späher gehalten wurde. Die Einsamkeit war fast zu fühlen. In dünnem Rauch, den er deutlich wahrnehmen konnte, wenn er die Augen gegen den Sternenhimmel erhob, hing der starke Geruch brennenden Holzes in der Luft. Während sich Nostromo in der tiefen Dunkelheit näher schob, klang ihm das Schrillen zahlloser Zikaden im trockenen Grase geradezu betäubend in die Ohren. Langsam, Schritt um Schritt, kam er bis in die große Halle, die düster und voll scharfen Rauches dalag.

Ein Feuer, das hart am Stiegenhaus aufgeschichtet worden, war unschädlich zu einem kleinen Aschenhaufen niedergebrannt. Das Hartholz hatte nicht gefangen, nur ein paar Stufen am Fuße der Treppe glimmten: ihre Kanten zeigte eine kriechende Glut an. Quer über den oberen Stiegenabsatz fiel aus einer offenen Tür ein Lichtstreifen durch die ziehenden Rauchschwaden. Das war das Zimmer. Nostromo schlich die Treppe hinauf und hielt an, weil er drinnen den Schatten eines Mannes an der Wand gesehen hatte. Es war der formlose, hochschultrige Schatten eines Menschen, der still dastand, mit gesenktem Kopf, außerhalb Nostromos Sehlinie. Der Capataz erinnerte sich, daß er ganz unbewaffnet war, trat zur Seite, drückte sich in einen dunklen Winkel und wartete, die Augen auf die Türe gerichtet. Der ganze wüste, unfertige Bau, ohne Decken unter dem hohen First, war von den Rauchschwaden durchzogen, die im Luftzug zwischen den vielen scheunenartigen Räumen leise schwankten. Einmal schlug ein offener Fensterladen mit scharfem Krach gegen die Wand zurück, als hätte ihn eine ungeduldige Hand aufgestoßen. Von irgendwo wehte ein Blatt Papier heraus und raschelte den Flur entlang. Der Mann, wer er auch sein mochte, verdunkelte den erleuchteten Türrahmen nicht. Zweimal machte der Capataz ein paar Schritte aus seiner Ecke vor und reckte den Hals, um sehen zu können, was der andere dort drin so schweigsam trieb. Der Mensch tat offenbar gar nichts und rührte sich nicht vom Fleck, als dächte er nach – oder läse vielleicht ein Schriftstück. Und kein Laut drang aus dem Raum.

Nochmals trat der Capataz zurück. Wer mochte der andre wohl sein – ein Monterist? Doch Nostromo wagte sich nicht zu zeigen. Es mußte, so sagte er sich, den Schatz gefährden, wenn er – außer vielleicht nach vielen Tagen – die eigene Gegenwart an Land offenbarte. Da sein eigenes Wissen ihn ganz und gar ausfüllte, so schien es ihm unmöglich, daß jemand in Sulaco nicht sofort auf die rechte Vermutung kommen sollte. Nach ein paar Wochen etwa würde es ja anders sein. Wer konnte dann sagen, daß er nicht auf dem Landweg aus einem der Häfen außerhalb der Republik heimkehrte? Das Dasein des Schatzes verwirrte ihm die Gedanken durch ein merkwürdiges Angstgefühl, als wäre sein Leben damit verknüpft. Es machte ihn einen Augenblick lang furchtsam vor dieser rätselhaft erleuchteten Tür. Hol' der Teufel den Burschen! Er wünschte ihn nicht zu sehen. Es war töricht, hier die Zeit mit Warten zu vergeuden.

Weniger als fünf Minuten nach seinem Eintritt begann der Capataz den Rückzug. Er kam glücklich die Stiege hinunter, warf über die Schulter noch einen Blick nach dem Lichtschein im ersten Stock zurück und durchquerte heimlich die Halle. Im Augenblick aber, als er, nur darauf bedacht, der Aufmerksamkeit des Mannes oben zu entgehen, aus dem Tor hinauswollte, rannte ihn jemand, den er nicht hatte kommen hören, von draußen heftig an. Beide stießen einen halblauten Ruf der Überraschung aus, sprangen zurück und standen still, einer dem andern kaum erkennbar. Nostromo schwieg. Der andre Mann sprach zuerst, verblüfft und leise:

»Wer sind Sie?«

Nostromo hatte bereits Doktor Monygham zu erkennen geglaubt. Nun hatte er keinen Zweifel mehr. Er zögerte den Bruchteil einer Sekunde lang. Der Gedanke kam ihm, ohne ein Wort davonzurennen. Umsonst! Ein unerklärlicher Widerwille, den Namen auszusprechen, unter dem er bekannt war, ließ ihn noch eine Weile schweigen. Schließlich sagte er leise:

»Ein Cargador.«

Er trat auf den andern zu. Doktor Monygham hatte es einen Stoß gegeben. Er warf die Arme hoch und schrie vor Erstaunen laut auf, um jede Beherrschung gebracht durch die wunderbare Begegnung. Nostromo ermahnte ihn ärgerlich, seine Stimme zu mäßigen. Das Zollamt sei nicht so verlassen, wie es scheine. In dem erleuchteten Zimmer im ersten Stock sei jemand.

Nichts ist flüchtiger in den vollendeten Tatsachen als das Wunderbare. Unaufhörlich beschäftigt mit Erwägungen, die seine Ängste und Wünsche betreffen, wendet sich der Menschengeist naturgemäß von der wunderbaren Seite der Ereignisse ab. Und so fragte der Doktor im selbstverständlichsten Ton diesen Mann, den er keine zwei Minuten zuvor im Golf ertrunken geglaubt hatte:

»Sie haben jemand dort oben gesehen, ja?«

»Nein, ich habe ihn nicht gesehen.«

»Wie wissen Sie es dann?«

»Ich lief eben vor seinem Schatten davon, als wir uns trafen.«

»Vor seinem Schatten?«

»Ja, vor seinem Schatten in dem hellerleuchteten Raum«, sagte Nostromo verächtlich. Er lehnte sich mit gekreuzten Armen an die Grundmauer des großen Baus, ließ den Kopf sinken, biß sich leicht auf die Lippen und sah den Doktor nicht an. »Jetzt«, dachte er, »wird er mich nach dem Schatz fragen.«

Aber des Doktors Gedanken waren mit einem Vorfall beschäftigt, der nicht so wunderbar wie Nostromos Rückkehr, doch an sich ebenso unklar war. Warum war Sotillo mit seiner ganzen Truppe so schnell und plötzlich abmarschiert? Was sollte es bedeuten? Dann dämmerte es dem Doktor auf, der Mann im ersten Stock könnte ein Offizier sein, den der enttäuschte Oberst zurückgelassen hatte, um sich mit Monygham in Verbindung zu setzen.

»Ich glaube, er wartet auf mich«, sagte er.

»Es ist möglich.«

»Ich muß nachsehen. Gehen Sie noch nicht weg, Capataz!«

»Weg? Wohin?« murmelte Nostromo.

Der Doktor hatte ihn schon verlassen. Er blieb an die Mauer gelehnt und starrte auf das dunkle Wasser des Hafens hinaus; das Schrillen der Zikaden klang ihm in die Ohren. Ein Schleier legte sich unaufhaltsam über sein Denken und nahm ihm alle Entschlußkraft.

»Capataz! Capataz!« klang des Doktors Stimme eindringlich von oben.

Das Bewußtsein, verraten und zugrunde gerichtet zu sein, schwamm auf seiner düsteren Gleichgültigkeit wie auf einem Pechpfuhl. Aber er trat von der Mauer weg, sah hinauf und bemerkte Doktor Monygham, der sich aus: dem erleuchteten Fenster beugte.

»Kommen Sie herauf und sehen Sie, was Sotillo getan hat. Sie brauchen den Mann hier oben nicht zu fürchten!«

Er antwortete mit einem kurzen, bitteren Lachen. Einen Mann fürchten! Der Capataz der Cargadores von Sulaco, einen Mann fürchten! Es ärgerte ihn, daß jemand nur die bloße Möglichkeit erwähnen konnte. Es ärgerte ihn, unbewaffnet, gejagt und in Gefahr zu sein, wegen des verfluchten Schatzes, der für die Leute, die ihn ihm an den Hals gehängt hatten, so unwichtig schien. Für Nostromo vertrat der Doktor all diese Leute... und er hatte nicht einmal danach gefragt. Kein Wort der Nachfrage nach dem verzweifeltsten Unternehmen seines Lebens.

In solchen Gedanken durchschritt Nostromo abermals die höhlenartige Halle, in der der Rauch viel dünner geworden war, und ging die Stiegen hinauf, die ihm jetzt nicht mehr so warm vorkamen, auf den Lichtstreifen zu. Der Doktor erschien darin, erregt und ungeduldig.

»Kommen Sie herauf! Kommen Sie herauf!«

Im Augenblick, wo er die Schwelle überschritt, fuhr der Capataz überrascht zusammen. Der Mann hatte sich nicht gerührt. Er sah den Schatten am selben Fleck. Er stutzte und trat dann mit dem Gefühl ein, er sei daran, ein Geheimnis zu lösen.

Es war sehr einfach. Den Bruchteil einer Sekunde lang sah er gegen das Licht zweier flackernder und tropfender Kerzen durch einen bläulichen, beißenden Rauch, der ihm Tränen in die Augen trieb, den Mann so stehen, wie er es sich vorgestellt hatte, mit dem Rücken zur Tür, wobei er einen ungeheuren, verzerrten Schatten an die Wand warf. Schneller als ein Blitz folgte die Beobachtung, daß die Haltung gezwungen und verkrümmt war – die Schultern vorgebeugt, der Kopf tief auf die Brust gesenkt. Dann erkannte er die Arme hinter dem Rücken, so furchtbar verrenkt, daß die zwei geballten, zusammengeschnürten Fäuste höher als die Schulterblätter hinaufgezwängt worden waren. Von da aus erfaßte er mit einem jähen Blick den Lasso, der von den gefesselten Händen über einen schweren Deckenbalken und wieder hinunter zu einem Haken in der Wand lief. Er brauchte nicht erst auf die steifen Beine, auf die reglos niederhängenden Füße zu sehen, deren nackte Zehen handbreit vom Boden entfernt waren, um zu wissen, daß man dem Mann die Estrapade gegeben hatte, bis er ohnmächtig geworden war. Seine erste Regung war, vorzuspringen und den Lasso mit einem Schlag zu durchhauen. Er fühlte nach seinem Messer. Er hatte kein Messer – nicht einmal ein Messer. Er stand bebend da, und der Doktor sah, auf der Tischkante sitzend, das grausame, jammervolle Bild an und meinte, das Kinn in der Hand, ohne sich zu rühren:

»Gefoltert – und erschossen – durch die Brust – wird schon kalt.«

Diese Feststellung beruhigte den Capataz. Eine der Kerzen, die in ihren Leuchtern flackerten, ging aus. »Wer hat das getan?« fragte er.

»Sotillo, sage ich Ihnen. Wer sonst? Gefoltert – natürlich. Aber warum erschossen?« Der Doktor sah Nostromo fest an, der leicht mit den Schultern zuckte. »Und sehen Sie: in plötzlichem Antrieb erschossen. Das ist unverkennbar. Ich wollte das Geheimnis gerne kennen.«

Nostromo war vorgetreten und beugte sich, um besser sehen zu können.

»Ich glaube das Gesicht irgendwo gesehen zu haben«, murmelte er. »Wer ist es?«

Der Doktor richtete abermals die Augen auf ihn. »Vielleicht komme ich noch dahin, ihn um sein Schicksal zu beneiden. Wie denken Sie darüber, Capataz, he?«

Aber Nostromo hörte die Worte nicht einmal. Er faßte die übriggebliebene Kerze und hielt sie unter das gebeugte Haupt. Der Doktor saß verloren, mit leerem Blick da. Dann klirrte der schwere eiserne Leuchter auf den Boden, als hätte man ihn Nostromo aus der Hand geschlagen.

»Hallo!« rief der Doktor und sah erschreckt auf. Er konnte den Capataz gegen den Tisch taumeln und keuchen hören. Nachdem das Licht im Zimmer so plötzlich erloschen war, begann sich das tote Schwarz hinter den Fensterrahmen vor seinen Blicken mit Sternen zu beleben.

»Natürlich, natürlich«, murmelte der Doktor in englischer Sprache in sich hinein. »Schon genug, um ihn aus dem Häuschen zu bringen.«

Nostromo glaubte zu fühlen, wie ihn das Herz in der Kehle würgte. Sein Kopf wirbelte. Hirsch! Der Mann war Hirsch! Er klammerte sich haltsuchend an die Tischkante.

»Aber er hatte sich ja im Leichter verborgen«, brüllte er beinahe. Dann wurde seine Stimme leiser. »Im Leichter und – und ...«

»Und Sotillo hat ihn hereingebracht«, ergänzte der Doktor. »Er kann Sie nicht mehr erschrecken, als Sie mich erschreckt haben. Was ich wissen möchte, ist, wie er eine mitleidige Seele dazu gebracht hat, ihn zu erschießen.«

»Sotillo weiß also ...«, begann Nostromo mit festerer Stimme.

»Alles!« unterbrach ihn der Doktor.

Man hörte den Capataz mit der Faust auf den Tisch schlagen. »Alles? Was sagen Sie da? Alles? Weiß alles? Unmöglich! Alles?«

»Natürlich! Was verstehen Sie unter unmöglich? Ich sage Ihnen, ich habe zugehört, wie dieser Hirsch gestern nacht hier in ebendiesem Zimmer verhört wurde. Er wußte Ihren Namen, Decouds Namen und alles über die Verladung des Silbers ... Der Leichter wurde entzweigeschnitten. Er wand sich in wahnsinniger Angst vor Sotillo, aber soviel wußte er doch noch. Was wollen Sie mehr? Über sich selbst wußte er am wenigsten. Sie fanden ihn an den Anker geklammert. Er muß danach gegriffen haben, im Augenblick, als der Leichter unterging.«

»Unterging?« wiederholte Nostromo langsam. »Sotillo glaubt das? Bueno!«

Der Doktor, ein wenig ungeduldig, konnte sich nicht vorstellen, was jemand sonst hätte glauben sollen. Jawohl, Sotillo glaubte, daß der Leichter gesunken und der Capataz der Cargadores zugleich mit Don Martin Decoud und vielleicht noch ein oder zwei anderen politischen Flüchtlingen ertrunken sei.

»Ich sagte Ihnen wohl, Señor Doctor«, warf Nostromo dabei ein, »daß Sotillo nicht alles wisse.«

»Wie, was meinen Sie?«

»Er weiß nicht, daß ich nicht tot bin.«

»Das wußten wir auch nicht.«

»Und Sie kümmerten sich nicht darum – keiner von euch Caballeros am Kai –, als sie erst einmal einen Mann von Fleisch und Blut auf eine Narretei ausgeschickt hatten, die nicht gut enden konnte.«

»Sie vergessen, Capataz, daß ich nicht auf dem Kai war. Und ich hatte keine hohe Meinung von Ihrer Aufgabe. Also brauchen Sie mir nichts vorzuwerfen. Ich sage Ihnen eines, Mann, wir hatten wenig Muße, an die Toten zu denken. Der Tod steht nahe hinter uns allen. Und Sie waren ja weg.«

»Allerdings, ja!« fiel Nostromo ein. »Und um welcher Sache willen, sagen Sie mir das?«

»Oh! Das ist Ihre eigene Angelegenheit«, meinte der Doktor schroff. »Fragen Sie mich nicht.«

Das halblaute Gespräch im Dunkeln brach ab. Sie hockten beide mit abgewandten Gesichtern auf der Tischkante, fühlten, wie sich ihre Schultern berührten, und hielten die Augen auf eine Gestalt gerichtet, die mit der Dunkelheit im Zimmer fast verschwamm und mit vorgebeugtem Kopf und Schultern in gespenstischer Unbeweglichkeit gierig auf jedes Wort zu lauschen schien.

»Muy bien!« knurrte Nostromo schließlich. »Soll es so sein. Teresa hatte recht. Es ist meine eigene Angelegenheit.«

»Teresa ist tot«, bemerkte der Doktor zerstreut und verfolgte dabei innerlich eine neue Gedankenreihe, die durch Nostromos Wiederkehr ins Leben angeregt war. »Sie ist gestorben, die arme Frau.«

»Ohne Priester?« fragte der Capataz angstvoll.

»Was für eine Frage! Wer hätte ihr gestern nacht einen Priester holen sollen?«

»Möge Gott ihre Seele aufnehmen!« rief Nostromo mit einer düsteren, hoffnungslosen Inbrunst und nahm, ehe Doktor Monygham Zeit gehabt hatte, wegen des neuartigen Tons Überraschung zu fühlen, finster das vorhergehende Gespräch auf: »Si, Señor Doctor. Es ist meine eigene Angelegenheit, wie Sie sagten. Eine ganz verzweifelte Angelegenheit.«

»Es gibt keine zwei Männer in diesem Teil der Welt, die sich hätten durch Schwimmen retten können, wie Sie es getan haben«, sagte der Doktor bewundernd.

Und wieder herrschte Schweigen zwischen den beiden Männern. Sie dachten beide nach, und die Verschiedenheit ihrer Naturen wies ihren Gedanken über ihr Zusammentreffen ganz verschiedene Richtungen. Der Doktor, zu gefährlichem Handeln entschlossen wegen seiner Treue zu den Goulds, staunte dankbar über die Kette von Zufällen, die diesen für die Rettung der San Tomé-Mine so brauchbaren Mann im rechten Augenblick zurückgeführt hatten. Der Doktor war der Mine treu ergeben. Sie verkörperte sich vor seinen fünfzig Jahre alten Augen in der Gestalt einer kleinen Frau, in Seidenkleid mit langer Schleppe, mit schweren blonden Flechten auf dem kleinen Kopf, einer Frau, deren zarter Seelenreichtum, halb Edelstein, halb Blume, sich in jeder Gebärde offenbarte. Im Maße, wie sich die Gefahren rings um die San Tomé-Mine auftürmten, gewann dieses Bild an Deutlichkeit, Dauer und Macht. Es beherrschte ihn schließlich. Doktor Monyghams Denken, Tun und Persönlichkeit, von jeder herkömmlichen Hoffnung auf Lohn gelöst, machten ihn in hohem Maße zu einer Gefahr für sich und andere, denn alle seine Bedenken verschwanden vor dem stolzen Bewußtsein, daß einzig nur seine Ergebenheit zwischen einer bewundernswerten Frau und einem furchtbaren Unglück stand.

Es war wie ein Rausch, der ihn gegen Decouds Geschick gleichgültig machte, seinen Verstand aber ungetrübt Decouds politische Idee bewerten ließ. Es war eine gute Idee, und Barrios das einzige Werkzeug zu ihrer Verwirklichung. Des Doktors Seele, verkümmert und verschüchtert durch die Schande eines moralischen Fehlschlags, wurde unerbittlich im Übermaß seiner Zärtlichkeit. Nostromos Rückkehr war ein Wink der Vorsehung. Er betrachtete ihn nicht menschlich, wie ein Mitgeschöpf, das eben erst dem Tode entronnen war. Der Capataz war für ihn nur der einzig mögliche Bote nach Cayta. Gerade der rechte Mann. Des Doktors gehässiges Mißtrauen gegen die Menschheit (um so bitterer, da es auf eigenes Versagen gegründet war) erhob ihn nicht genügend über allgemeine Schwächen. Er stand im Bann eines festgegründeten Rufes. Von Kapitän Mitchell ausposaunt, durch Wiederholung gestärkt und durch allgemeinen Beifall gefestigt, war Nostromos Treue von Doktor Monygham nie angezweifelt worden. Nun, wo er sie selbst dringend nötig brauchte, war er noch weniger geneigt, sie zu bezweifeln. Doktor Monygham war menschlich; er nahm die volkstümliche Auffassung von der Unbestechlichkeit des Capataz einfach deswegen hin, weil kein Wort oder keine Tat diese bloße Behauptung je Lügen gestraft hatten. Diese Unbestechlichkeit schien zu dem Mann zu gehören wie sein Backenbart oder seine Zähne. Es war unmöglich, sich ihn anders vorzustellen. Die Frage war, ob er sich dazu hergeben würde, einen so gefährlichen und verzweifelten Gang zu wagen. Der Doktor war ein hinlänglich scharfer Beobachter, so daß er von Anfang an eine Besonderheit aus dem Gehaben des Mannes herausgefühlt hatte. Nostromo war zweifellos wütend über den Verlust des Silbers.

»Es wird nötig sein, ihn ganz ins Vertrauen zu ziehen«, sagte er sich, mit einer gewissen Einsicht in die Gemütsart, mit der er es zu tun hatte.

Auf Nostromos Seite war das Schweigen voll düsterer Unentschlossenheit, voll Ärger und Mißtrauen gewesen. Doch war er der erste, der es brach.

»Das Schwimmen war keine große Sache«, sagte er. »Das, was vorher kam, ist es – und das, was nachher kommt...«

Er sprach den Satz nicht zu Ende und brach kurz ab, als wäre er in Gedanken auf ein starres Hindernis gestoßen. Der Doktor verfolgte seine eigenen Gedanken mit machiavellistischem Scharfsinn. Er sagte so freundlich, wie es ihm möglich war:

»Es ist ein Unglück, Capataz. Doch niemand könnte daran denken, Sie zu tadeln. Wirklich ein Unglück. Vor allem einmal hätte der Schatz das Gebirge nie verlassen sollen. Aber es war Decoud, der …. Nun, er ist tot. Es ist unnütz, von ihm zu sprechen.«

»Nein«, stimmte Nostromo bei, als der Doktor schwieg, »es ist unnütz, von Toten zu reden. Aber ich bin noch nicht tot.«

»Sie haben ganz recht. Nur ein Mann von Ihrer Unerschrockenheit hätte sich retten können.«

Hierin war Doktor Monygham aufrichtig. Er schätzte die Unerschrockenheit dieses Mannes sehr hoch, den er im übrigen nicht sonderlich achtete; er war verbittert gegen die Menschheit im allgemeinen, wegen des einen besonderen Falles, in dem seine eigene Männlichkeit versagt hatte. Da er, immer für sich allein, während seiner Einsiedlerzeit viele Gefahren zu bestehen gehabt hatte, so war er sich des schwierigsten Umstandes wohl bewußt, der ihnen allen gemeinsam ist: des niederschmetternden, lähmenden Gefühls menschlicher Ohnmacht, wodurch ein Mann, der allein, weit weg von den Augen seiner Gefährten, gegen Naturmächte kämpft, wahrhaft entwaffnet wird. Er war sehr wohl imstande, das Bild richtig zu werten, das er sich von dem Capataz gemacht hatte: wie er, nach Stunden qualvoller Spannung, plötzlich in einen Abgrund von Wasser und Finsternis gestürzt war, ohne Erde oder Himmel, und dem nicht nur unerschrocken, sondern mit offenbarern Erfolg die Stirn geboten hatte. Natürlich, der Mann war ein unvergleichlicher Schwimmer, das war bekannt, aber der Doktor war der Meinung, daß dieser Umstand die Unerschrockenheit noch unterstrich. Es gefiel ihm, er gründete darauf die schönste Hoffnung für den Erfolg der schwierigen Aufgabe, mit der er den so wunderbar wieder aufgetauchten Capataz zu betrauen gedachte. Mit einem Anflug von Befriedigung im Ton bemerkte er:

»Es muß furchtbar finster gewesen sein!«

»Es war eine der schlimmsten Finsternisse des Golfo«, gab der Capataz kurz zu. Er fühlte sich erweicht durch die scheinbare leise Anteilnahme an seinen Erlebnissen und warf mit gespielter Gleichgültigkeit ein paar beschreibende Sätze hin. In diesem Augenblick fühlte er sich mitteilsam. Er erwartete das Fortdauern dieser Anteilnahme, die ihm, ob er sie annahm oder zurückwies, seine Persönlichkeit wiedergeben konnte – das einzige, was er bei der verzweifelten Sache verloren hatte. Der Doktor aber, hartfellig gemacht durch ein eigenes, verzweifeltes Erlebnis, war furchtbar beharrlich in der Verfolgung seiner Idee. Er stieß einen Ausruf des Bedauerns aus.

»Ich wollte beinahe, Sie hätten geschrien und ein Licht gezeigt!«

Dieser unerwartete Ausbruch verblüffte den Capataz durch seine kaltblütige Grausamkeit. Es hieß soviel wie: »Ich wollte, Sie hätten sich als Feigling gezeigt; ich wollte, Sie hätten sich zum Dank für Ihre Mühe die Kehle abschneiden lassen.« Natürlich bezog er die Worte auf sich, während sie doch nur auf das Silber gemeint und zwar leichthin, doch mit vielen inneren Vorbehalten gesprochen waren. Überraschung und Wut raubten ihm die Sprache, und der Doktor fuhr fort, ungehört von Nostromo, dem das jagende Blut in den Ohren rauschte:

»Denn ich bin überzeugt, daß Sotillo im Besitz des Silbers kurz kehrtgemacht und auf einen kleinen Hafen außerhalb der Republik zugehalten hätte. Wirtschaftlich betrachtet wäre es natürlich verderblich gewesen, aber doch nicht so verderblich wie das Sinken. Das nächstliegende und beste natürlich wäre es gewesen, das Silber an sicherem Ort zur Hand zu haben und es zu Sotillos Bestechung zu gebrauchen. Aber ich zweifle, ob Don Carlos sich je dazu entschlossen hätte. Er ist für Costaguana nicht geschaffen, das ist es, Capataz.«

Der Capataz hatte die Wut, die ihm wie ein Ungewitter in den Ohren tobte, rechtzeitig überwunden, um den Namen Don Carlos verstehen zu können. Er schien als neuer Mensch aus diesem Anfall hervorzugehen – als ein Mensch, der nachdenklich, mit sanfter, leiser Stimme sprach:

»Und wäre Don Carlos zufrieden gewesen, wenn ich seinen Schatz ausgeliefert hätte?«

»Es sollte mich nicht wundern, wenn sie nun alle dieser Meinung wären«, sagte der Doktor grimmig. »Ich wurde nicht gefragt. Decoud hatte seinen eigenen Kopf. Nun sind ihnen die Augen aufgegangen, glaube ich. Ich für meine Person weiß, daß ich das Silber, wenn es nun durch einen Zauberschlag an Land auftauchte, Sotillo übergeben würde. Und nach Lage der Dinge würde man mir dabei zustimmen.«

»Durch einen Zauberschlag auftauchte«, wiederholte der Capataz sehr leise. Dann erhob er die Stimme: »Das, Señor, wäre ein größeres Wunder, als es ein Heiliger vollbringen könnte.«

»Ich glaube es Ihnen, Capataz«, sagte der Doktor trocken.

Er fuhr fort, seine Ansicht über die Gefahr zu entwickeln, die Sotillo für die Lage bedeutete. Und der Capataz hörte wie im Traume zu und kam sich so bedeutungslos vor wie die verschwommene, regungslose Gestalt des toten Mannes, die er unter dem Deckenbalken sehen konnte und die auch zu horchen schien, mißachtet, vergessen, ein warnendes Beispiel von Vernachlässigung.

»War es also eine gedankenlose, törichte Laune, die sie zu mir geführt hat?« unterbrach er plötzlich. »Hatte ich nicht genug für sie getan, um ein wenig Rücksicht zu verdienen, por Dios? Ist es so, daß die ›hombres finos‹ – die Gentlemen – nicht nachzudenken brauchen, solange ein Mann aus dem Volke zur Hand und bereit ist, Leib und Seele für sie zu wagen? Oder haben wir vielleicht keine Seele – wie die Hunde?«

»Decoud war ja auch da, mit seinem Plan«, erinnerte ihn der Doktor.

»Si! Und der reiche Mann in San Franzisko, der etwas mit dem Schatz zu tun hatte, auch – was weiß ich? Nein! Ich habe zuviel gehört. Mir scheint es, daß den Reichen alles erlaubt ist.«

»Ich verstehe, Capataz«, begann der Doktor.

»Was, Capataz?« fiel Nostromo ungestüm und doch leise ein. »Der Capataz ist abgetan, vernichtet. Es gibt keinen Capataz. O nein! Den Capataz finden Sie nie wieder!«

»Kommen Sie, das ist kindisch!« widersprach der Doktor. Und der andere beruhigte sich plötzlich.

»Ich war wirklich wie ein kleines Kind«, brummte er.

Und als seine Augen nochmals die Gestalt des Ermordeten streiften, die in furchtbarer Reglosigkeit, wie angestrengt lauschend dahing, da fragte er mit leisem Staunen:

»Warum hat Sotillo diesem armen Teufel die Estrapade gegeben? Wissen Sie es? Keine Folter hätte schlimmer sein können als seine Angst. Das Töten kann ich verstehen. Der Anblick seiner Angst war wirklich unerträglich. Aber warum hätte er ihn so quälen sollen? Er konnte ja doch nicht mehr sagen.«

»Nein, er konnte nicht mehr sagen. Jeder vernünftige Mensch hätte das eingesehen. Er hatte alles gesagt. Aber ich will Ihnen sagen, was es ist, Capataz. Sotillo wollte nicht glauben, was ihm gesagt wurde. Nicht alles.«

»Was wollte er nicht glauben? Das kann ich nicht verstehen.«

»Ich kann es, weil ich den Mann gesehen habe. Er weigerte sich, zu glauben, daß der Schatz verloren ist.«

»Was?« schrie der Capataz außer sich.

»Das erschreckt Sie, wie?«

»Soll ich das so verstehen, Señor«, fuhr Nostromo überlegt und fast lauernd fort, »daß Sotillo meint, der Schatz sei auf irgendeine Weise gerettet worden?«

»Nein, nein! Das wäre unmöglich«, gab der Doktor mit Überzeugung zurück; und Nostromo knurrte im Dunkeln. »Das wäre unmöglich. Er glaubt, das Silber sei nicht mehr im Leichter gewesen, als dieser unterging. Er hat sich eingeredet, daß das ganze Getue mit der Fortschaffung nur eine Posse sei, darauf berechnet, Gamacho und seine Nationalen zu täuschen, Pedrito Montero, Señor Fuentes, unseren neuen Jefe Politico, und auch ihn selbst. Nur sei er kein solcher Narr, sagt er.«

»Aber er ist ja verrückt! Er ist der größte Trottel, der sich je in diesem Teufelsland Oberst genannt hat«, grollte Nostromo.

»Er ist nicht verrückter als viele verständige Leute«, meinte der Doktor. »Er hat sich eingeredet, daß der Schatz zu finden sein müsse, weil er leidenschaftlich wünscht, ihn in Besitz zu bekommen. Auch fürchtet er, seine Offiziere könnten sich gegen ihn erheben und zu Pedrito übergehen, dem er weder zu widerstehen noch zu vertrauen wagt. Verstehen Sie das, Capataz? Er braucht keine Desertion zu fürchten, solange noch ein wenig Hoffnung da ist, auf diese ungeheure Beute zu stoßen. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, diese Hoffnung wach zu erhalten.«

»Haben Sie das?« wiederholte der Capataz bedächtig. »Nun, das ist großartig. Und wie lange, glauben Sie wohl, werden Sie sie wach erhalten?«

»Solange ich kann.«

»Was soll das heißen?«

»Ich kann es Ihnen nicht genau sagen. Solange ich lebe«, gab der Doktor kalt zurück. Dann berichtete er mit wenig Worten die Geschichte seiner Verhaftung und die Umstände seiner Freilassung. »Ich war eben auf dem Rückweg zu dem dummen Schuft, als wir uns trafen«, schloß er.

Nostromo hatte gespannt zugehört. »Sie haben sich also zu einem raschen Tod entschlossen«, murmelte er durch zusammengebissene Zähne.

»Vielleicht, mein Großer Capataz«, sagte der Doktor eigensinnig. »Sie sind nicht der einzige hier, der einem scheußlichen Tod ins Auge sehen kann.«

»Ohne Zweifel«, murmelte Nostromo eben noch hörbar. »Es kann hier vielleicht auch noch mehr als zwei Narren geben. Wer weiß es?«

»Und das ist meine Angelegenheit«, sagte der Doktor kurz.

»Wie es die meine war, das Silber auf See hinauszuführen«, gab Nostromo zurück. »Ich verstehe, Bueno. Jeder von uns hat seine Gründe. Aber Sie waren der letzte, mit dem ich vor dem Aufbruch gesprochen habe, und Sie haben zu mir geredet, als wäre ich ein Narr.«

Nostromo empfand lebhaften Widerwillen gegen die bissige Art, in der der Doktor von seinem großen Ansehen sprach. Decouds leise spöttische Anerkennung hatte ihm Unbehagen verursacht, aber die Vertraulichkeiten eines Mannes wie Don Martin waren schmeichelhaft, während der Doktor ein Niemand war. Er erinnerte sich noch gut, wie er als blutarmer Schlucker, ohne einen einzigen Freund oder Bekannten, durch die Straßen von Sulaco gehinkt war, bis ihn Don Carlos in die Dienste der Mine genommen hatte.

»Sie mögen sehr klug sein«, fuhr er nachdenklich fort und starrte in das Dunkel des Raumes, das von dem schauerlichen Rätsel des gefolterten und ermordeten Hirsch erfüllt war. »Aber ich bin nicht mehr der Narr, als der ich auszog. Ich habe seither eins gelernt, und das ist, daß Sie ein gefährlicher Mensch sind.«

Doktor Monygham war zu verblüfft, um mehr als den Ausruf herauszubringen:

»Was sagen Sie da?«

»Wenn der dort oben sprechen könnte würde er dasselbe sagen«, fuhr Nostromo fort und deutete mit dem Kopfe, der sich schattenhaft vor dem sternhellen Fenster abzeichnete.

»Ich verstehe Sie nicht«, sagte Doktor Monygham schwach.

»Nicht? Hätten Sie Sotillo in seinem Irrsinn nicht bestärkt, dann hätte er es vielleicht nicht so eilig gehabt, diesem unglücklichen Hirsch die Estrapade zu geben.«

Der Doktor fuhr zusammen bei diesen Worten. Aber seine Ergebenheit hatte alle anderen Gefühle abgestumpft und sein Herz gegen Reue und Mitleid gestählt. Immerhin empfand er, um sich ganz zu beruhigen, das Bedürfnis nach einer lauten und geringschätzigen Zurückweisung:

»Pah! Das wagen Sie mir zu sagen, von einem Mann wie Sotiilo. Ich gestehe, daß ich an Hirsch überhaupt nicht gedacht habe. Hätte ich es getan, dann wäre es nutzlos gewesen. Jeder Mensch kann sehen, daß der arme Teufel dem Tod geweiht war, von dem Augenblick an, wo er sich an den Anker geklammert hatte. Sein Schicksal war besiegelt, genauso wie das meine besiegelt ist – höchstwahrscheinlich.«

Das erwiderte Doktor Monygham auf Nostromos Bemerkung, die naheliegend genug war, um an sein Gewissen zu rühren. Er war kein unempfindlicher Mensch. Aber neben der Notwendigkeit, der Bedeutung, der Erhabenheit der Aufgabe, die er auf sich genommen, waren alle nur menschlichen Erwägungen zum Nichts zusammengeschrumpft. Er hatte sich diese Aufgabe in reiner Begeisterung gestellt. Er liebte sie nicht. Es war ihm verhaßt, zu lügen, zu betrügen und zu hintergehen, wenn es sich auch um den niederträchtigsten Menschen handelte. Es war ihm nach seiner Erziehung, seinem ganzen Wesen nach verhaßt. Es widerstrebte seiner Natur und peinigte sein Gefühl, so den Verräter spielen zu sollen. Er hatte das Opfer aus einem Gefühl der Selbsterniedrigung gebracht. Er hatte sich bitter gesagt: »Ich bin der einzige, der für die schmutzige Arbeit in Betracht kommt.« Und er glaubte es. Er war nicht scharfsinnig. Seine Harmlosigkeit ging so weit, daß die wahrhaft grimmige Gefahr, der er sich aussetzte (obwohl ihm der Gedanke fernlag, heldenhaft den Tod zu suchen), ihn aufrechterhielt und tröstete. In diesem Gemütszustand erschien ihm das Schicksal des Hirsch als ein Einzelfall in der allgemeinen Grausamkeit der Dinge. Er erwog den Vorfall ganz nüchtern. Wo war der Sinn? War es ein gefährliches Anzeichen einer Sinnesänderung bei Sotillo? Daß der Mann so getötet worden war, das konnte der Doktor nicht verstehen.

»Ja, aber warum erschossen?« murmelte er vor sich hin.

Nostromo blieb ganz still.

 << Kapitel 24  Kapitel 26 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.