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Nostromo

Joseph Conrad: Nostromo - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph Conrad
titleNostromo
translatorErnst Wolfgang Freisler 1884-1938
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III

Sobald sie allein waren, änderte der Oberst sein streng amtliches Benehmen. Er erhob sich und kam auf den Doktor zu. Habgier und Hoffnung glitzerten in seinen Augen. Er wurde vertraulich. »Das Silber mag ja wirklich in dem Leichter verstaut worden sein, aber es ist nicht vorstellbar, daß es in See gegangen sein sollte.« Der Doktor belauerte jedes Wort, nickte leise und rauchte mit offensichtlichem Vergnügen die Zigarre, die ihm Sotillo, zum Beweis seiner freundlichen Absichten, angeboten hatte. Des Doktors scheinbare Abkehr von den übrigen Europäern in Sulaco verleitete Sotillo von einer Vermutung zur anderen; schließlich deutete er an, es handelte sich seiner Meinung nach um ein Manöver Carlos Goulds, der sich so den ungeheuren Schatz für sich allein sichern wollte. Der Doktor, scharf auf seiner Hut, murmelte dazu: »Dessen ist er sehr wohl fähig.«

Hier rief Kapitän Mitchell verblüfft, belustigt und empört aus: »Das haben Sie von Carlos Gould gesagt!«, und Widerwillen und sogar etwas Mißtrauen klangen in seinem Ton mit, denn auch für ihn, wie für die anderen Europäer, war die Persönlichkeit des Doktors ein wenig zweifelhaft.

»Was in aller Welt hat Sie dazu gebracht, diesem schuftigen Uhrendieb so etwas zu sagen?« fragte er. »Was soll eine so höllische Lüge? Der verdammte Taschendieb ist doch, bei Gott! imstande, Ihnen zu glauben.«

Er knurrte. Der Doktor verhielt sich eine Zeitlang schweigend im Dunkel.

»Ja, gerade das habe ich gesagt«, äußerte er schließlich in einem Ton, der es einem Dritten klar genug gemacht hätte, daß die Pause nicht durch Widerstreben, sondern durch Nachdenken entstanden war. Kapitän Mitchell meinte, in seinem ganzen Leben nie eine so maßlose Unverschämtheit gehört zu haben.

»Nun, nun«, murrte er in sich hinein, hatte aber nicht das Herz, seine Gedanken auszusprechen. Sie wurden durch Erstaunen und Bedauern verdrängt. Das Gefühl eines schweren Unglücks bedrückte ihn: der Verlust des Silbers und Nostromos Tod, der für ihn ja wirklich einen schweren Schlag bedeutete, denn er hatte den Capataz liebgewonnen, so wie manche Leute ihre Untergebenen liebgewinnen, aus Rücksicht auf die eigene Bequemlichkeit und aus einer fast unbewußten Dankbarkeit. Der Gedanke, daß auch Decoud ertrunken war, ein so elendes Ende gefunden hatte, übermannte ihn fast. Welch ein Schlag für die arme junge Dame! Kapitän Mitchell gehörte nicht zu den eingefleischten alten Junggesellen. Im Gegenteil, er liebte es, wenn junge Leute jungen Damen Aufmerksamkeiten erwiesen. Es erschien ihm natürlich und passend. Passend vor allem. Bei Seeleuten war es ja eine andere Sache; denen stand es nicht zu, sich zu verheiraten, behauptete er; doch waren es moralische Rücksichten und Selbstverleugnung, die er dabei im Auge hatte; denn das Leben an Bord paßte nicht einmal für die beste Frau, meinte er; lasse man sie an Land, so sei das vor allem einmal nicht anständig; und dann leide sie entweder darunter, oder sie kümmere sich nicht darum, was beides gleich unerfreulich sei. Er hätte nicht sagen können, was ihm am nächsten ging, Carlos Goulds ungeheurer Vermögensverlust, Nostromos Tod, der für ihn selbst einen schweren Verlust bedeutete, oder der Gedanke an die wunderschöne und vollendete junge Dame, die nun in Trauer gestürzt war.

»Ja, ja«, hob der Doktor wieder an, nachdem er offenbar nochmals nachgedacht hatte, »er hat mir gründlich genug geglaubt. Es sah aus, als wollte er mich in die Arme schließen. ›Si, si‹, sagte er, ›er wird seinem Partner da, dem reichen Americano in San Franzisko, schreiben, daß das ganze Silber verloren ist. Warum nicht? Er hat mit genügend viel Leuten zu teilen.‹«

»Aber das ist ja vollkommen blödsinnig!« rief Kapitän Mitchell.

Der Doktor bemerkte, daß Sotillo wirklich blödsinnig sei, so sehr, daß er sich dadurch völlig in die Irre führen lasse. Er selbst habe nur wenig dazu zu helfen brauchen.

»Ich erwähnte«, sagte der Doktor, »wie zufällig, daß Schätze gemeinhin in der Erde vergraben und nicht auf See hinausgeschickt würden. Daraufhin schlug sich mein Sotillo an die Stirn. ›Por Dios, ja‹, meinte er. ›Sie müssen es irgendwo an der Küste dieses Hafens vergraben haben, bevor sie hinausgesegelt sind.‹«

»Himmel und Erde!« murrte Kapitän Mitchell, »ich hätte nie gedacht, daß jemand trottelig genug sein könnte ….« Er unterbrach sich und fuhr dann bekümmert fort: »Doch was soll das alles! Die Lüge wäre pfiffig genug gewesen, wäre der Leichter noch flott. Man hätte damit diesen unsagbaren Trottel vielleicht verhindern können, den Dampfer auf eine Kreuzerfahrt im Golf auszuschicken. Das war ja die Gefahr, die mich endlos beschäftigt hat.« Kapitän Mitchell seufzte tief.

»Ich hatte einen Zweck«, sagte der Doktor langsam.

»Hatten Sie einen?« murmelte Kapitän Mitchell. »Nun, das ist ein Glück, denn sonst hätte ich gedacht, daß Sie ihn einfach nur so zum Spaß zum Narren hielten. Und vielleicht war das ja wirklich Ihr Zweck. Nun, ich muß sagen, ich persönlich würde mich zu so was nicht herbeilassen. Es ist nicht mein Geschmack. Nein, nein, einen Freund anzuschwärzen, entspricht meinem Begriff von Spaß nicht, und sollte ich damit auch den größten Schuft auf Erden zum besten halten.«

Ohne Kapitän Mitchells Niedergeschlagenheit infolge der traurigen Nachrichten hätte sein Widerwille gegen Doktor Monygham sich wohl deutlicher geäußert; nun aber bedachte er, daß es wirklich nichts mehr zur Sache tue, was dieser Mann, den er nie gemocht hatte, sagte oder täte.

»Ich möchte wissen«, brummte er, »warum man uns zusammen eingeschlossen hat oder warum Sotillo Sie überhaupt eingeschlossen hat, da Sie ja dort oben recht gemütlich beisammen gewesen zu sein scheinen?«

»Ja, warum wohl?« meinte der Doktor grimmig.

Kapitän Mitchells Herz war so schwer, daß er für den Augenblick völlige Einsamkeit auch der besten Gesellschaft vorgezogen hätte. Jede Gesellschaft aber wäre der des Doktors vorzuziehen gewesen, den er immer etwas scheel angesehen hatte, als einen, allerdings sehr klugen, Schiffbrüchigen, der sich aus seiner tiefen Erniedrigung nur zum Teil heraufgearbeitet hatte. Dieses Gefühl veranlaßte ihn zu der Frage:

»Was hat der Schuft mit den anderen beiden gemacht?«

»Den Chefingenieur hätte er ja wohl auf alle Fälle freigelassen«, meinte der Doktor. »Er möchte sich wohl nicht gerne einen Streit mit der Eisenbahn auf den Hals ziehen. Jedenfalls nicht gerade jetzt. Ich glaube nicht, Kapitän Mitchell, daß Sie sich ein Bild davon machen, was Sotillos augenblickliche Lage ist ….«

»Ich sehe nicht ein, warum ich mir den Kopf darüber zerbrechen sollte«, knurrte Kapitän Mitchell.

»Nein«, stimmte der Doktor zu, im gleichen grimmigen Ton. »Ich sehe nicht ein, warum Sie das sollten. Es würde keiner Menschenseele in der Welt etwas helfen, wenn Sie auch noch so hart über was immer nachdenken wollten.«

»Nein«, sagte Kapitän Mitchell, einfach, offenbar sehr niedergeschlagen. »Ein Mann, der in einem verdammten finstern Loch eingesperrt sitzt, kann niemand viel nützen.«

»Den alten Viola nun«, fuhr der Doktor fort, als hätte er nichts gehört, »hat Sotillo aus dem gleichen Grunde freigelassen, aus dem er jetzt gleich auch Sie freilassen wird.«

»He? was?« rief Kapitän Mitchell und starrte wie eine Eule durch das Dunkel. »Was habe ich mit dem alten Viola gemeinsam? Wohl eher, weil der alte Bursche keine Uhr und keine Kette hat, die der Taschendieb stehlen könnte! Und ich will Ihnen was sagen, Doktor Monygham«, fuhr er mit aufsteigendem Ärger fort, »er wird es schwerer finden, als er glaubt, mich loszuwerden! Er wird sich dabei noch die Finger verbrennen, kann ich Ihnen sagen. Vor allem einmal werde ich nicht ohne meine Uhr gehen, und im übrigen – wollen wir sehen! Ich kann wohl sagen, daß es für Sie nicht viel bedeutet, eingesperrt zu sein. Aber Joe Mitchell ist ein anderer Mann, Herr! Ich denke nicht daran, Beschimpfung und Beraubung ohne weiteres hinzunehmen. Ich bin ein öffentlicher Beamter, Herr!«

Und dann merkte Kapitän Mitchell, daß die Eisenstangen vor der Fensteröffnung sichtbar wurden, ein schwarzes Gegitter in einem grauen Viereck. Der Tagesanbruch brachte Kapitän Mitchell zum Schweigen, gleichsam durch die Erwägung, daß er nun für alle kommenden Tage der unschätzbaren Dienste seines Capataz beraubt sein würde. Er lehnte sich an die Mauer, die Arme über der Brust gekreuzt, und der Doktor schritt die ganze Länge des Raumes auf und nieder mit seinem eigenartig hinkenden Gang, als humpelte er auf verstümmelten Füßen einher. An dem der Fensteröffnung entgegengesetzten Ende verlor er sich in der Dunkelheit. Nur der leicht hinkende Schritt war zu hören. Dieses unaufhörliche Auf und Nieder erweckte den Eindruck trüben Losgelöstseins. Als die Türe des Gefängnisses plötzlich aufflog und sein Name gerufen wurde, zeigte er keine Überraschung. Er ging mit einer scharfen Wendung sofort hinaus, als hinge viel von seiner Eile ab; Kapitän Mitchell aber blieb mit den Schultern an die Mauer gelehnt, unentschlossen vor großer Bitterkeit, ob es nicht besser sein würde, sich, als einzige Gegenwehr, zu weigern, ein Glied zu rühren. Er dachte halb und halb daran, sich hinaustragen zu lassen; nachdem aber der Offizier an der Türe drei- oder viermal, vorwurfsvoll und überrascht, seinen Namen gerufen hatte, ließ er sich herbei, hinauszugehen.

Sotillo hatte sein Benehmen geändert. Des Obersten nachlässige Höflichkeit schien etwas unsicher, als wäre er im Zweifel, ob Höflichkeit in diesem Falle das Angezeigte sei. Er beobachtete Kapitän Mitchell aufmerksam, bevor er aus dem großen Armstuhl hinter dem Tisch herablassend sagte:

»Ich habe beschlossen, Sie nicht hierzubehalten, Señor Mitchell. Ich bin von verzeihender Gemütsart. Ich mache Zugeständnisse. Lassen Sie sich dies aber eine Lehre sein.«

Die eigenartige Dämmerung von Sulaco, die weit im Westen anzubrechen und sich gegen den Schatten des Gebirges vorzuschieben scheint, mengte sich mit dem rötlichen Kerzenlicht. Kapitän Mitchell ließ, zum Zeichen der Verachtung und Gleichgültigkeit, seine Augen durch den ganzen Raum wandern und sah scharf den Doktor an, der schon auf der Brüstung eines der Fenster saß, mit gesenkten Augenlidern, achtlos und nachdenklich – oder vielleicht beschämt.

Sotillo, in dem großen Armstuhl zurückgelehnt, bemerkte: »Ich hätte gedacht, daß die Denkweise eines Caballeros Sie zu einer geziemenden Antwort bestimmen würde!«

Er wartete darauf; da aber Kapitän Mitchell stumm blieb, mehr aus wütendem Ärger als aus Überlegung, so zögerte Sotillo, sah nach dem Doktor, der ihm zunickte, und fuhr dann mit leichter Anstrengung fort:

»Hier, Señor Mitchell, ist Ihre Uhr. Ersehen Sie daraus, wie übereilt und ungerecht Ihr Urteil über meine tapferen Soldaten gewesen ist!«

In seinem Stuhl zurückgelehnt, streckte er den Arm über den Tisch aus und schob die Uhr nachlässig von sich weg. Kapitän Mitchell trat mit unverhohlenem Eifer näher, hielt sie ans Ohr und ließ sie dann in die Tasche gleiten.

Sotillo schien ungeheures Bedauern zu fühlen. Wieder sah er zum Doktor hin, der ihn unverwandt anstarrte.

Als aber Kapitän Mitchell ohne ein Nicken oder einen Blick sich zum Gehen wandte, da meinte er hastig:

»Sie können gehen und unten auf den Señor Doctor warten, den ich gleichfalls freilassen will. Ihr Ausländer seid für mich nicht wichtig.«

Er zwang sich zu einem kurzen, mißtönigen Lachen, während ihn Kapitän Mitchell zum erstenmal mit einiger Spannung ansah.

»Das Gesetz wird sich später mit Ihren Übertretungen befassen«, redete Sotillo hastig weiter. »Von mir aus aber können Sie frei leben, unbewacht und unbeobachtet. Hören Sie, Señor Mitchell? Sie können an Ihre Geschäfte gehen. Sie sind meine Aufmerksamkeit nicht wert. Die ist von Angelegenheiten höchster Wichtigkeit in Anspruch genommen.«

Kapitän Mitchell fühlte sich hart zu einer Antwort versucht. Es mißfiel ihm, unter Schmähungen freigelassen zu werden; doch die Schlaflosigkeit, langwährender Kummer, eine tiefe Enttäuschung wegen des schlimmen Ausgangs des Versuchs zur Rettung des Silbers lasteten auf ihm. Er brachte es gerade noch fertig, seine Ratlosigkeit – nicht wegen seiner selbst, sondern wegen der Lage im allgemeinen – zu verbergen. Er hatte das bestimmte Gefühl, daß etwas hinter den Kulissen vorging. Beim Hinausgehen schnitt er den Doktor unverkennbar.

»Ein Flegel!« sagte Sotillo, als sich die Tür schloß. Doktor Monygham glitt von der Fensterbrüstung herunter, versenkte die Hände in die Taschen des langen grauen Staubmantels, den er trug, und machte ein paar Schritte ins Zimmer.

Auch Sotillo stand auf, trat ihm in den Weg und musterte ihn von Kopf bis zu Fuß.

»Ihre Landsleute haben also nicht viel Vertrauen zu Ihnen, Señor Doctor! Sie lieben Sie nicht, wie? Warum wohl, möchte ich wissen?«

Der Doktor hob den Kopf und antwortete mit einem langen, toten Blick und den Worten: »Vielleicht, weil ich zu lange in Costaguana gelebt habe.«

Unter Sotillos schwarzem Schnurrbart blitzten die weißen Zähne auf.

»Aha! Aber Sie lieben sich selbst«, meinte er ermutigend.

»Wenn Sie sie sich selbst überlassen«, sagte der Doktor und sah immer noch mit dem gleichen toten Blick in Sotillos hübsches Gesicht, »dann werden sie sich sehr bald verraten. Soll ich unterdessen versuchen, Don Carlos zum Reden zu bringen?«

»Ah! Señor Doctor«, sagte Sotillo und wiegte den Kopf, »Sie sind ein Mann von rascher Auffassung. Wir sind gemacht, um einander zu verstehen.« Er wandte sich ab. Er konnte nicht länger den ausdruckslosen, starren Blick ertragen, der unergründlich leer schien, wie die dunklen Tiefen eines Abgrundes.

Selbst ein allen sittlichen Gefühls barer Mensch behält doch noch einen Maßstab für Schurkerei, der, weil herkömmlich, durchaus klar ist. Sotillo meinte, Doktor Monygham, so verschieden von allen Europäern, sei bereit, seine Landsleute und Carlos Gould, seinen Arbeitgeber, für einen Anteil an dem San Tomé-Silber zu verkaufen. Sotillo verachtete ihn deswegen nicht. Des Obersten Mangel an sittlichem Gefühl war gründlich und einfältig. Er grenzte an Dummheit, an moralische Dummheit. Nichts, was seinen Zwecken diente, vermochte ihm in Wahrheit verwerflich zu erscheinen. Trotzdem verachtete er den Doktor Monygham. Er empfand für ihn eine ungeheure, selbstgefällige Verachtung. Er verachtete ihn von ganzem Herzen, denn er gedachte dem Doktor überhaupt keinen Lohn zukommen zu lassen. Er verachtete ihn nicht als Mann ohne Treue und Ehre, sondern als Narren. Doktor Monygham hatte Sotillos Charakter erfaßt und ihn damit völlig getäuscht. Darum hielt dieser nun den Doktor für einen Narren.

Seit seiner Ankunft in Sulaco hatten die Pläne des Obersten eine gewisse Einschränkung erfahren.

Er hatte keine Sehnsucht mehr nach einer politischen Laufbahn in Monteros Diensten. Er hatte immer seine Zweifel über die Sicherheit dieses Kurses gehabt. Seitdem er von dem Chefingenieur erfahren hatte, daß er bei Tagesanbruch höchstwahrscheinlich Pedro Montero gegenüberstehen würde, waren seine Befürchtungen über diesen Punkt erheblich gewachsen. Der Bruder des Generals, der Guerillero – Pedrito, im Volksmunde –-, hatte einen eigenen Ruf. Es war nicht gut, mit ihm zu tun zu haben. Sotillo hatte den unklaren Plan gehabt, sich nicht nur des Schatzes, sondern auch der Stadt selbst zu bemächtigen und dann in aller Muße zu unterhandeln. Angesichts der Tatsachen aber, die er von dem Chefingenieur erfahren (und die ihm die ganze Sachlage erschlossen hatten), war an Stelle seiner – übrigens nie recht nennenswerten – Kühnheit ein sehr vorsichtiges Zaudern getreten.

»Eine Armee – eine Armee unter Pedrito hat schon das Gebirge überquert!« wiederholte er, unfähig, seine Verblüffung zu verbergen. »Hätte ich die Nachricht nicht von einem Mann in Ihrer Stellung erfahren, so hätte ich sie nie geglaubt. Erstaunlich.«

»Eine bewaffnete Abteilung«, verbesserte der Ingenieur mild.

Sein Ziel war erreicht. Er wollte Sulaco noch einige Stunden länger vor einer Besetzung durch Truppen bewahren, um denen, die die Furcht dazu trieb, Zeit zum Verlassen der Stadt zu geben. In der allgemeinen Bestürzung gab es Familien, die noch hoffnungsvoll genug waren, auf der Straße nach Los Hatos zu fliehen; die war offen, weil der bewaffnete Pöbel unter den Señores Fuentes und Gamacho nach Rincon gezogen war, um Pedrito Montero begeistert willkommen zu heißen. Es war ein überstürzter, gefährlicher Auszug, und man sagte, daß Hernandez, der mit seiner Bande die Wälder rings um Los Hatos hielt, die Flüchtlinge aufnehme. Daß eine beträchtliche Anzahl seiner Bekannten eine solche Flucht erwogen, war dem Chefingenieur wohl bekannt gewesen.

Vater Corbelàns Bemühungen um die Sache dieses sehr frommen Räubers waren nicht durchaus fruchtlos geblieben. Der politische Oberbeamte von Sulaco hatte im letzten Augenblick den dringenden Vorstellungen des Priesters nachgegeben und die vorläufige Ernennung Hernandez' zum General unterzeichnet, da er die Lage als verzweifelt ansah und sich nicht mehr darum kümmerte, was er unterschrieb. Es war das letzte amtliche Schriftstück, das er unterfertigte, bevor er den Palast der Intendancia verließ, um im O. S. N. Gebäude Zuflucht zu suchen. Doch hätte er selbst die Absicht zu wirksamer Tat gehabt, so war es doch zu spät. Der Aufruhr, den er befürchtet hatte, brach kaum eine Stunde später aus, nachdem Vater Corbelàn ihn verlassen. Tatsächlich brachte es Vater Corbelàn, der mit Nostromo ein Zusammentreffen im Dominikanerkloster verabredet hatte, nicht mehr fertig, seine Wohnung in einer der Zellen zu erreichen. Von der Intendancia aus war er geradewegs zum Haus der Avellanos gegangen, um seinem Schwager Bericht zu erstatten, und obwohl er sich dort nur eine knappe halbe Stunde aufgehalten, hatte er sich doch von seiner Einsiedelei abgeschnitten gesehen. Dort hatte Nostromo eine Zeitlang gewartet, mit Unbehagen den anwachsenden Aufruhr in den Straßen beobachtet, hatte sich endlich zur Redaktion des »Porvenir« durchgeschlagen und war dort bis zu Tagesanbruch geblieben, wie Decoud im Briefe an seine Schwester erwähnt hatte. So war also der Capataz, anstatt mit Hernandez' Ernennung in die Wälder von Los Hatos zu reiten, in der Stadt geblieben, um das Leben des Präsidenten-Diktators zu retten, bei der Unterdrückung des Pöbelaufstands mitzuhelfen und schließlich mit dem Silber der Mine hinauszasegeln.

Vater Corbelàn aber trug auf seiner Flucht zu Hernandez das Dokument in der Tasche, ein amtliches Schriftstück, das, als letzte amtliche Handlung eines Vertreters der Ribieristen-Regierung (mit dem Wahlspruch: Ehrlichkeit, Friede und Fortschritt), einen Banditen zum General machte. Wahrscheinlich erfaßten weder der Priester noch der Bandit die Ironie hierin. Vater Corbelàn mußte wohl einen Boten nach der Stadt gefunden haben, denn früh am zweiten Tag des Aufstands lief das Gerücht um, Hernandez halte auf der Straße nach Los Hatos und sei bereit, alle aufzunehmen, die sich unter seinen Schutz begeben wollten. Ein fremdartig aussehender Reiter, ältlich und kühn, war in langsamem Schritt in der Stadt erschienen und hatte die Blicke über die Häuserfronten wandern lassen, als hätte er nie zuvor so hohe Gebäude gesehen. Vor der Kathedrale war er abgestiegen und in der Mitte der Plaza niedergekniet; die Zügel über den Arm gehängt, den Hut vor sich auf den Boden gelegt, hatte er sich eine Zeitlang mit gesenktem Kopf bekreuzigt und an die Brust geschlagen. Dann war er wieder aufgesessen, mit einem furchtlosen, aber nicht unfreundlichen Blick über die kleine Menschenmenge, die sich vor seiner öffentlichen Andacht gesammelt, und hatte nach der Casa Avellanos gefragt. Viele Hände hatten sich als Antwort deutend erhoben, mit Fingern, die die Calle de la Constitucion hinaufwiesen.

Der Reiter hatte sich auf den Weg gemacht und nur einen Blick flüchtiger Neugierde zu den Fenstern des Amarilla-Klubs an der Ecke hinaufgeworfen. Von Zeit zu Zeit dröhnte seine Stentorstimme durch die leere Straße: »Welches ist die Casa Avellanos?«, bis von dem erschreckten Pförtner eine Antwort kam und er unter dem Torweg verschwand. Der Brief, den er brachte, von Vater Corbelàn mit Bleistift am Lagerfeuer Hernandez' geschrieben, war an Don José gerichtet, von dessen verzweifeltem Zustand der Priester nichts wußte. Antonia las ihn, beriet sich deswegen mit Carlos Gould und schickte ihn dann zur Einsichtnahme an die Herren, die den Amarilla-Klub besetzt hielten. Sie für ihre Person hatte ihren Entschluß gefaßt; sie wollte zu ihrem Onkel gehen; sie wollte den letzten Tag – die letzten Stunden vielleicht – von ihres Vaters Leben der Obhut des Banditen anvertrauen, dessen Dasein ein glühender Widerspruch gegen die unverantwortliche Gewaltherrschaft sämtlicher Parteien war, gegen die sittliche Finsternis des Landes. Das Düster der Wälder von Los Hatos war vorzuziehen; ein hartes Leben im Gefolge einer Räuberbande weniger erniedrigend. Antonia machte sich aus voller Seele ihres Onkels hartnäckigen Schicksalstrotz zu eigen. Er gründete sich auf ihren Glauben an den Mann, den sie liebte.

In seiner Botschaft verbürgte sich der Generalvikar mit seinem Kopf für Hernandez' Treue. Was dessen Macht angehe, so hob er hervor, daß er während so langer Jahre nicht unterworfen worden sei. In jenem Briefe wurde Decouds Idee von dem neuen Westlichen Staate (dessen blühender und gefestigter Bestand heute allgemein bekannt ist) zum erstenmal öffentlich als Beweisgrund angeführt. Hernandez, der Exbandit und letzte General ribieristischer Schöpfung, war sicher, den Landstrich zwischen den Wäldern von Los Hatos und der Küste halten zu können, bis der aufopfernde Patriot, Don Martin Decoud, den General Barrios zur Wiedereroberung der Stadt nach Sulaco zurückbringen würde.

»Der Himmel selbst will es. Die Vorsehung ist auf unserer Seite«, schrieb Vater Corbelàn; es war keine Zeit, seine Behauptung zu prüfen oder zu widerlegen; und wenn die Auseinandersetzung, die sich beim Lesen dieses Briefes im Amarilla-Klub erhob, auch heftig war, so war sie doch kurz. In der allgemeinen Verwirrung des Zusammenbruchs griffen einige freudig erstaunt die Idee auf, wie die verblüffende Entdeckung einer neuen Hoffnung. Andere fühlten sich durch die Aussicht auf unmittelbare persönliche Sicherheit für ihre Frauen und Kinder verlockt. Die Mehrzahl griff danach, wie ein Ertrinkender nach einem Strohhalm. Vater Corbelàn bot ihnen unerwartet eine Zuflucht vor Pedrito Montero mit seinen Lianeros und seinen Verbündeten, den Señiores Fuentes und Gamacho, mit ihrem bewaffneten Pöbelhaufen.

Der Rest des Nachmittags verging mit angeregten Gesprächen in den großen Räumen des Amarilla-Klubs. Sogar die Mitglieder, die mit Gewehren und Karabinern an den Fenstern standen, um das Straßenende für den Fall einer nochmaligen Rückkehr des Pöbels im Auge zu behalten, sogar sie schrien über die Schultern Meinungen und Beweisgründe zurück. Bei Anbruch der Dämmerung lud Don Juste Lopez die Caballeros, die seiner Meinung wären, ein, ihm zu folgen, und zog sich in den Korridor zurück; dort machte er sich an einem kleinen Tisch beim Licht zweier Kerzen daran, eine Bittschrift oder vielmehr eine feierliche Erklärung aufzusetzen; sie sollte Pedrito Montero von einer Abordnung der Mitglieder übergeben werden, die in der Stadt zu bleiben beschlossen hatten. Don Lopez' Gedanke war, Pedrito günstig zu stimmen, um wenigstens den Anschein parlamentarischer Einrichtungen zu wahren. Vor einem leeren Aktenbogen sitzend, einen Gänsekiel in der Hand und von allen Seiten bedrängt, wandte er sich nach rechts und links und wiederholte mit feierlichem Nachdruck:

»Caballeros, einen Augenblick Ruhe! Einen Augenblick Ruhe! Wir müssen es klarstellen, daß wir uns im besten Glauben vor den vollendeten Tatsachen beugen.«

Das Aussprechen dieses Satzes schien ihm eine trübe Genugtuung zu gewähren; das Stimmengewirr rings um ihn wurde matt und heiser. Während der plötzlichen Pausen erstarrten die verzerrten Gesichter mit einmal in tiefer Niedergeschlagenheit.

Inzwischen hatte der Auszug begonnen. Carretas voll mit Damen und Kindern rollten schwankend über die Plaza; Männer ritten oder gingen daneben her; berittene Abteilungen folgten, auf Maultieren oder Pferden; die Ärmsten zogen zu Fuß aus; Männer und Frauen trugen Bündel, hielten Kinder in den Armen, führten alte Leute oder zogen größere Kinder nach. Als Carlos Gould, nachdem er den Doktor und den Ingenieur in der Casa Viola verlassen hatte, durch das Hafentor in die Stadt einritt, da waren alle, die es im Sinn gehabt hatten, schon fort, und die anderen hatten sich in ihren Häusern verschanzt. In der ganzen dunklen Straße gab es nur einen einzigen von Gestalten belebten Lichtfleck, und der Señor Administrador erkannte den Wagen seiner Frau, der vor dem Torweg der Casa Avellanos wartete. Er ritt hin, fast unbemerkt, und sah wortlos zu, während einige seiner eigenen Diener aus dem Tore Don José Avellanos heraustrugen, der mit geschlossenen Augen und unbewegten Zügen ganz leblos schien. Frau Gould und Antonia schritten zu beiden Seiten der eilig zurechtgemachten Bahre, die gleich in den Wagen gehoben wurde. Die beiden Frauen umarmten einander; von der andern Seite des Landauers sah Vater Corbelàns Sendbote, kerzengerade im Sattel sitzend, starr herüber, mit seinem zerrauften, graugesprenkelten Bart und den vorstehenden, bronzefarbenen Backenknochen. Dann stieg Antonia mit trockenen Augen zu der Bahre ein, schlug ein Kreuz und ließ einen dichten Schleier über ihr Gesicht fallen. Die Diener und drei oder vier Nachbarn, die geholfen hatten, traten zurück und entblößten die Köpfe. Ignacio auf dem Bock hatte sich damit abgefunden, die ganze Nacht zu fahren (und sich vielleicht noch vor Tagesanbruch die Kehle abschneiden zu lassen), und sah griesgrämig über die Schultern zurück.

»Fahre vorsichtig!« rief Frau Gould mit zitternder Stimme.

»Si, vorsichtig, si, niña«, murmelte Ignacio und biß sich auf die Lippen, während seine runden, lederfarbenen Wangen zitterten. Und der Landauer rollte langsam aus dem Lichtkreis hinaus.

»Ich will sie bis zur Furt begleiten«, sagte Carlos Gould zu seiner Frau. Sie stand mit leicht gefalteten Händen am Rand des Bürgersteiges und nickte ihm zu, während er dem Wagen nachritt. Nun waren die Fenster des Amarilla-Klubs dunkel. Der letzte Funke des Widerstands war erloschen. Während er an der Ecke den Kopf wandte, sah Carlos Gould seine Frau in dem Lichtschein die Straße nach ihrem eigenen Hause zu überqueren. Einer der Nachbarn, ein bekannter Kaufmann und Grundbesitzer in der Provinz, ging knapp hinter ihr her und sprach mit heftigen Gebärden auf sie ein. Sobald sie im Hause war, erloschen alle Lichter, und die Straße lag dunkel und leer von einem Ende zum anderen da.

Die Häuser der breiten Plaza verloren sich in der Nacht. Hoch oben, wie ein Stern, glänzte ein kleiner Lichtschein in einem der Türme der Kathedrale, und das Reiterstandbild hob sich leuchtend von den schwarzen Bäumen der Alameda ab, wie ein Gespenst des Königtums, das durch die Bilder der Revolution spukte. Die wenigen Menschen, die noch unterwegs waren, drückten sich an die Mauern. Hinter den letzten Häusern rollte der Wagen lautlos in der weichen Staubschicht, und zugleich mit tieferem Dunkel schien aus dem Blattwerk der Bäume längs der Straße kühlere Frische niederzusinken. Der Sendbote aus Hernandez' Lager brachte sein Pferd an Carlos Goulds Seite.

»Caballero«, fragte er eifrig, »sind Sie es, den sie den König von Sulaco nennen, den Herrn der Mine? Ist es nicht so?«

»Ja, ich bin der Herr der Mine«, antwortete Carlos Gould. Der Mann kanterte eine Weile schweigend hin und sagte dann: »Ich habe einen Bruder, einen Sereno in Ihren Diensten, im Tale der San Tomé-Mine. Sie haben sich als gerechter Mann gezeigt. Niemand ist Unrecht geschehen, seitdem Sie die Leute gerufen haben, um im Gebirge zu arbeiten. Mein Bruder sagt mir, daß kein Regierungsbeamter, kein Unterdrücker aus dem Campo auf Ihrer Seite des Stromes gesehen worden ist. Ihre eigenen Beamten bedrücken das Volk in der Schlucht nicht. Zweifellos fürchten sie Ihre Strenge. Sie sind ein gerechter Mann, und ein mächtiger«, fügte er hinzu.

Er sprach abgerissen, selbstbewußt, verfolgte aber mit seinen Reden offenbar einen Zweck. Er sagte Carlos Gould, er sei in einem der unteren Täler, weit im Süden, Ranchero gewesen, Hernandez' Nachbar in den alten Tagen und Pate von dessen ältestem Sohn; einer der Männer, die ihm bei seinem Widerstand gegen die Werbeabteilung, dem Beginn all ihres Mißgeschicks, Hilfe geleistet hätten. Er sei es gewesen, der, nach der Fortführung seines Gevatters, dessen Weib und Kinder begraben habe, die von den Soldaten ermordet worden waren.

»Si, Señor«, murmelte er heiser. »Ich mit zwei oder drei anderen, die glücklich in Freiheit geblieben waren, haben sie alle in einem Grab nahe bei den Aschenresten des Ranchos begraben, unter dem Baum, der das Dach beschattet hatte.«

Er sei es auch gewesen, zu dem Hernandez drei Tage später gekommen war, nachdem er desertiert hatte. Er habe noch die Uniform mit den Sergeantenborten auf dem Ärmel getragen und Spuren von dem Blut seines Obersten an Brust und Händen gehabt. Drei Soldaten waren mit ihm, die zu seiner Verfolgung ausgeschickt, doch in die Freiheit weitergeritten waren. Der Mann erzählte Carlos Gould, wie er sich mit ein paar Freunden, beim Anblick dieser Soldaten, hinter einige Felsen gelegt habe, mit schußfertigen Gewehren, dann aber seinen Gevatter erkannt habe, aus der Deckung gesprungen sei und seinen Namen gerufen habe, denn er habe gewußt, daß Hernandez unmöglich mit unbilliger oder gewalttätiger Absicht zurückkommen konnte. Diese drei Soldaten, zusammen mit den Leuten, die hinter dem Felsen gelegen, hatten den ersten Kern zu der berühmten Bande gebildet. Und er, der Erzähler, sei durch viele Jahre Hernandez' bevorzugter Leutnant gewesen. Er erwähnte stolz, daß die Behörden auch auf seinen Kopf einen Preis gesetzt hatten; das habe aber diesen Kopf nicht gehindert, auf seinen eigenen Schultern grau zu werden. Und nun habe er es also erlebt, seinen Gevatter zum General gemacht zu sehen.

Er lachte dumpf auf. »Und nun sind wir aus Räubern Soldaten geworden. Aber sehen Sie doch, Caballero, die, die uns zu Soldaten und ihn zum General gemacht haben! Sehen Sie die Leute an!«

Ignacio rief. Das Licht der Wagenlaternen, das über die Kaktushecken längs der Wegränder getanzt war, beschien die erschreckten Gesichter von Menschen an der Straße, die, wie ein englischer Landweg, tief in den weichen Boden des Campos einschnitt. Die Leute drängten sich zur Seite. Ihre Augen blitzten einen Augenblick lang groß auf, und dann fiel das Licht im Weitergleiten auf die halbnackten Wurzeln eines großen Baumes, wieder auf einen Streifen Kaktushecke und auf eine Gruppe erschreckt starrender Gesichter. Drei Frauen – deren eine ein Kind trug – und ein paar Männer in Zivil – einer davon mit einem Säbel, der andere mit einem Gewehr bewaffnet – standen um einen Esel herum, der zwei in Tücher geknotete Bündel trug. Bald nachher rief Ignacio nochmals, um einer Carreta vorfahren zu können, einer langen Holzkiste (mit einer offenstehenden Tür hinten) auf zwei hohen Rädern. Einige Damen darin mußten wohl die weißen Maultiere erkannt haben, denn sie riefen heraus: »Sind Sie es, Doña Emilia?« An der Biegung der Straße erfüllte der Schein eines mächtigen Feuers die ganze Strecke unter dem Gewölbe verwachsener Zweige. Nahe bei der Furt eines seichten Stromes war durch Zufall eine Ranch an der Straße, aus Zweigen geflochten, mit einem großen Dach darüber, in Brand geraten; die heftig lodernden Flammen erleuchteten einen freien Platz, der mit Pferden, Maultieren und einer aufgeregt schreienden Menschenmenge erfüllt war. Als Ignacio anhielt, drängten sich mehrere Damen zu Fuß an den Wagen heran und baten Antonia um einen Platz. Sie antwortete auf das Geschrei, indem sie schweigend auf ihren Vater deutete.

»Ich muß Sie hier verlassen«, sagte Carlos Gould in dem Getöse. Die Flammen loderten himmelhoch, der Menschenstrom wich vor der sengenden Hitze zurück und drängte gegen den Wagen. Eine ältliche Dame in schwarzem Seidenkleid, doch mit einer groben Manta über dem Kopf und einem ungefügen Baumast als Stock in der Hand, taumelte gegen das Vorderrad. Zwei junge Mädchen, stumm vor Schreck, hingen an ihren Armen. Carlos Gould kannte sie gut.

»Misericordia! Wir werden in diesem Gedränge schrecklich herumgestoßen!« rief sie und lächelte mutig zu ihm hinauf. »Wir sind zu Fuß losgezogen. Alle unsere Diener sind gestern davongelaufen, zu den Demokraten. Wir wollen uns unter die Obhut des Vaters Corbelàn begeben, Ihres heiligen Onkels, Antonia. Er hat ein Wunder bewirkt, im Herzen eines ganz erbarmungslosen Räubers. Ein Wunder!«

Sie hob die Stimme allmählich bis zum Schreien, im Maße, wie sie vom Druck der Menge weggedrängt wurde, um einigen Wagen aus dem Wege zu gehen, die im Galopp, unter lautem Geschrei und Peitschenknall, aus der Furt herauskamen. Ein Funkenregen, mit schwarzen Rauchwolken gemengt, fegte über die Straße, die Bambusrohre der Wände platzten im Brande mit einem Geräusch wie von unregelmäßigem Schützenfeuer. Dann sank die helle Glut plötzlich zusammen und ließ nur ein rötliches Dämmern hinter sich, in dem sich dunkle Gestalten ziellos nach allen Richtungen durcheinanderschoben. Der Stimmenlärm schien zugleich mit der Flamme zu ersterben, und das Gewirr von Köpfen und Armen, von Zank und Flüchen verlor sich in der Nacht.

»Ich muß Sie nun verlassen«, wiederholte Carlos Gould, zu Antonia gewandt. Sie wendete langsam den Kopf und enthüllte ihr Gesicht. Hernandez' Sendbote und Gevatter spornte sein Pferd ganz nahe hinzu.

»Hat nicht der Herr der Mine eine Botschaft zu senden an Hernandez, den Herrn des Campos?«

Die Wahrheit des Vergleichs traf Carlos Gould mit Wucht. Durch die Kraft seines Vorsatzes hielt er die Mine, und der unbezwingliche Bandit hielt das Campo auf gleich anfechtbarer Grundlage. Sie waren einander gleichgestellt vor der Gesetzlosigkeit des Landes. Es war unmöglich, die eigene Tätigkeit in der Berührung mit soviel Niedertracht sauber zu erhalten. Ein engmaschiges Netz von Verbrechen und Verworfenheit lag über dem ganzen Land. Ein Gefühl tiefer, müder Entmutigung schloß Carlos Gould für eine Weile die Lippen.

»Sie sind ein gerechter Mann«, drängte der Sendbote des Hernandez. »Sehen Sie die Leute an, die meinen Gevatter zum General und uns alle zu Soldaten gemacht haben! Sehen Sie doch diese Oligarchen, wie sie ums liebe Leben fliehen, mit nichts als den Kleidern am Leibe. Mein Gevatter denkt daran nicht, unsere Gefolgsleute aber könnten sich arg wundern, und ich möchte Ihnen in ihrem Namen sagen: Hören Sie, Señor! Durch lange Monate ist nun der Campo unser. Wir brauchen niemand um etwas zu fragen; aber Soldaten müssen ihren Sold haben, um ehrlich leben zu können, wenn der Krieg vorbei ist. Man glaubt, Ihre Seele sei so gerecht, daß eines Ihrer Gebete das Übel jedes Geschöpfs heilen könne, wie ein Wort des höchsten Richters. Geben Sie mir ein paar Worte von Ihren Lippen mit, und die werden wie ein Zauberspruch gegen die Zweifel unserer Partida wirken, die aus lauter Männern besteht.«

»Hören Sie, was er sagt?« wandte sich Carlos Gould auf englisch Antonia zu.

»Vergeben Sie uns unser Elend!« rief sie hastig. »Ihr Charakter ist der unerschöpfliche Schatz, der uns vielleicht noch alle retten wird; Ihr Charakter, Carlos, nicht Ihr Reichtum. Ich beschwöre Sie, geben Sie diesem Mann Ihr Wort, daß Sie jedes Abkommen anerkennen wollen, das mein Onkel mit seinem Hauptmann treffen wird. Ein Wort! Er verlangt nicht mehr.«

Von dem Schuppen an der Straße war nur ein ungeheurer Aschenhaufen nachgeblieben, dessen weithin leuchtende Glut dunkler wurde und Antonias vor Erregung tieferrötetes Gesicht zeigte. Carlos Gould gab nach kurzem Zögern die gewünschte Zusage. Er kam sich vor, als hätte er sich auf einen schmalen, abschüssigen Pfad gewagt, auf dem es kein Umkehren gab und die einzige Rettung im harten Vorwärts lag. Er verstand es in diesem Augenblick, während er auf Don José hinunterblickte, der kaum noch atmend neben der aufrechtsitzenden Antonia ausgestreckt lag, besiegt nach einem lebenslangen Kampf gegen die Mächte der moralischen Finsternis, die aus ihren sumpfigen Abgründen ungeheure Verbrechen und ungeheuerliche Wahnvorstellungen gebiert. In wenigen Worten drückte der Sendbote des Hernandez seine völlige Zufriedenheit aus. Antonia ließ unbewegt ihren Schleier nieder und widerstand dem innigen Wunsch, nach Decouds Flucht zu fragen. Ignacio aber grinste grämlich über die Schulter zurück.

»Sieh dir die Maultiere gut an, mi amo«, knurrte er. »Du wirst sie nie wiedersehen!«

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