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Nostromo

Joseph Conrad: Nostromo - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph Conrad
titleNostromo
translatorErnst Wolfgang Freisler 1884-1938
senderwww.gaga.net
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projectid3a78a601
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II

Nachdem der Reihe der Bürgerkriege noch ein neuer Waffengang angefügt worden war, den Monteros Sieg bei Rio Seco entschieden hatte, konnten die »ehrlichen Leute«, wie Don José sie nannte, zum erstenmal seit einem halben Jahrhundert frei aufatmen. Das Gesetz über die fünfjährige Diktatur bildete die Grundlage dieser Wiedergeburt, die Don José Avellanos so leidenschaftlich ersehnt und erhofft hatte, daß es für ihn wie ein Jugendelixier gewesen war.

Als dieser Zustand nun – nicht ganz unerwartet – durch dieses »Vieh von Montero« gefährdet wurde, da war es leidenschaftliche Entrüstung, die Don Josés Leben neuen Ansporn gab. Schon als der Präsident-Diktator Sulaco besucht, hatte Morago aus Sta. Marta eine Warnung wegen des Kriegsministers ergehen lassen. Montero und sein Bruder bildeten den Gegenstand eines ernsten Gesprächs zwischen dem Diktator und dem Nestor und Berater der Partei. Don Vincente, Doktor der Philosophie der Universität Cordova, schien übertriebene Achtung vor militärischer Tüchtigkeit zu haben, deren Geheimnis – da sie ja vom Verstand völlig unabhängig schien – seine Einbildungskraft anzog. Der Sieger von Rio Seco war ein volkstümlicher Held. Seine Verdienste waren so frisch, daß der Präsident-Diktator vor dem naheliegenden Vorwurf politischer Undankbarkeit zurückschreckte. Große Aufbaubestrebungen waren im Gange – die neue Anleihe, eine neue Bahnlinie, ein großzügiger Siedlungsplan. Alles, was die öffentliche Meinung erregen konnte, mußte vermieden werden. Don José beugte sich vor diesen Gründen und versuchte, das goldumschnürte, bestiefelte Götzenbild samt dem großen Säbel zu vergessen, weil letzterer ja nun in der neuen Ordnung der Dinge, hoffentlich, überflüssig geworden war.

Kaum sechs Monate nach dem Besuch des Präsidenten-Diktators erfuhr Sulaco verblüfft von der Militärrevolte im Namen der nationalen Ehre. Der Kriegsminister hatte in einer Rede auf dem Kasernenhof, vor den Offizieren des Artillerieregiments, das zu besichtigen er gekommen war, erklärt, die nationale Ehre sei an Ausländer verkauft worden. Der Diktator habe sich durch seine schwächliche Nachgiebigkeit gegenüber den Ansprüchen der europäischen Mächte – die Regelung langausstehender Geldforderungen betreffend – zur Herrschaft unfähig gezeigt. Ein Brief von Morago erklärte später, daß die Anregung und sogar der Text der Brandrede »in Wahrheit« von dem andern Montero stammten, dem früheren Guerillero, dem Comandante de Plaza. Die tatkräftige Behandlung Dr. Monyghams, nach dem eilig »in die Berge« geschickt worden und der drei Meilen weit durch die Nacht heruntergaloppiert war, rettete Don José von einem gefährlichen Anfall von Gelbsucht.

Nachdem er den ersten Schlag verwunden hatte, wies Don José allen Kleinmut von sich. Tatsächlich folgten zunächst auch bessere Nachrichten. Der Aufruhr in der Hauptstadt war nach einem nächtlichen Straßenkampf unterdrückt worden. Unglückseligerweise hatten beide Monteros nach dem Süden fliehen können, in ihre Heimatprovinz, Entre-Montes. Der Held des Urwaldmarsches, der Sieger von Rio Seco, war in Nicoya, der Provinzhauptstadt, mit wilder Begeisterung empfangen worden. Die Truppen der Garnison waren geschlossen zu ihm übergegangen. Die beiden Brüder stellten ein Heer auf, sammelten Unzufriedene, schickten Sendboten mit patriotischen Lügen unter das Volk, und mit der Zusage strafloser Plünderung zu den wilden Lianeros; sogar eine Monteristenpresse war entstanden und orakelte über den Beistand, den »unsere große Schwesterrepublik im Norden« gegen den elenden Landraub der europäischen Mächte insgeheim zugesagt haben sollte. In jeder Nummer wurde der »niederträchtige Ribiera« verflucht, der verräterisch eingewilligt hatte, sein Land gefesselt, als wehrlose Beute, den fremden Spekulanten auszuliefern.

Sulaco, ländlich und schläfrig, mit seinem üppigen Campo und der reichen Silbermine, vernahm in seiner glücklichen Abgeschiedenheit den Waffenlärm nur ab und zu. Zwar steuerte es zur Gegenwehr in reichstem Maße Geld und Truppen bei; aber die Gerüchte kamen ihm nur auf Umwegen zu, von auswärts sogar, so sehr war es vom Rest der Republik abgeschnitten; nicht nur durch natürliche Hindernisse, sondern auch durch die Wechselfälle des Krieges. Die Monteristos belagerten Cayta – eine wichtige Poststation. Die Überlandkuriere kamen nicht mehr über das Gebirge, und schließlich wollte sich auch kein Maultiertreiber mehr herbeilassen, die Reise zu wagen; sogar Bonifacio kam eines Tages nicht mehr von Sta. Marta zurück. Entweder, weil er die Rückreise nicht gewagt hatte, oder vielleicht, weil er von feindlichen Trupps abgefangen worden war, die zwischen der Kordillere und der Hauptstadt streiften. Aufrufe der Monteristen aber fanden, geheimnisvoll genug, den Weg in die Provinz. Desgleichen monteristische Sendboten, die in den Dörfern und Städten des Campos »Tod den Aristokraten« predigten. Ganz zu Beginn des Aufstandes hatte Hernandez, der Bandit (durch Vermittlung eines alten Priesters aus einem Urwalddorfe), sich erboten, zwei solche Sendboten den ribieristischen Behörden in Tonoro auszuliefern. Sie seien zu ihm gekommen, um ihm von Seiten des Generals Montero unbedingte Begnadigung und den Oberstenrang anzubieten, wenn er mit seiner berittenen Bande zum Rebellenheer stoßen wollte. Dieser Vorschlag wurde damals nicht zur Kenntnis genommen, sondern, als ein Beweis guter Gesinnung, zu einem andern Gesuch gelegt, in dem Hernandez den Landtag von Sulaco um die Erlaubnis gebeten hatte, mit all seinen Leuten in die Truppe eintreten zu können, die damals in Sulaco zum Schutz des Gesetzes über die fünfjährige Diktatur ausgehoben wurde. Dieses Gesuch war, wie alles übrige, schließlich in Don Joses Hände gelangt. Er hatte Frau Gould die schmutziggrauen, rauhen Blätter gezeigt (die vielleicht bei einem Dorfkrämer gestohlen sein mochten), bedeckt mit der kritzeligen, schülerhaften Handschrift des alten Priesters, der aus seiner Hütte neben den Lehmmauern seiner Kirche entführt worden war, um dem gefürchteten Salteador als Sekretär zu dienen. Im Salon des Hauses Gould hatten sie beide sich bei Lampenschein über das Schriftstück gebeugt, das die stolze und dabei doch demütige Anklage eines Mannes gegen die blinde, sinnlose Barbarei enthielt, womit ein ehrlicher Ranchero zum Banditen gemacht worden war. Eine Nachschrift des Priesters bestätigte, daß er zwar zehn Tage seiner Freiheit beraubt, im übrigen aber menschlich und mit aller seinem heiligen Gewande gebührenden Ehrfurcht behandelt worden war. Er hatte, wie es schien, dem Oberhaupt und fast der ganzen Bande die Beichte abgenommen und die Absolution erteilt und verbürgte sich nun für die Aufrichtigkeit ihres Anerbietens. Er hatte schwere Bußen verhängt, wohl in Form von Litaneien und Fasten; doch bemerkte er weltkundig, daß es für die Leute recht schwer sein würde, einen dauerhaften Frieden mit Gott zu machen, bevor sie ihren Frieden mit den Menschen gemacht hätten.

Vielleicht nie zuvor war Hernandez' Kopf weniger in Gefahr als damals, da er demütig um die Erlaubnis bat, für sich und seine Bande von Deserteuren durch Heeresdienst Begnadigung zu erkaufen. Er konnte sich weitab halten, jenseits des wüsten Landstrichs, der sein Heerlager schützte, unbehelligt, weil in der ganzen Provinz keine Truppen übrig waren. Die gewöhnliche Garnison von Sulaco war in den Krieg gezogen; die Regimentsmusik hatte auf der Brücke eines der O. S. N. Dampfer den Bolivar-Marsch gespielt. Die großen Familienkutschen, die längs des Hafendammes aufgefahren waren, hatten in ihren Lederbändern geschaukelt von der Begeisterung der Señoras und Señoritas, die stehend mit Spitzentüchlein winkten, während ein Leichter nach dem andern, gedrängt voll mit Truppen, von der Landungsbrücke abstieß.

Nostromo leitete die Einschiffung, unter der Oberaufsicht von Kapitän Mitchell, der mit sonnrotem Gesicht und makellos weißer Weste die inbrünstigen guten Wünsche der materiellen Interessen der Zivilisation vertrat. General Barrios, der die Truppen befehligte, versicherte Don José beim Abschied, daß er innerhalb dreier Wochen Montero in einem hölzernen Käfig haben wolle, von drei Paar Ochsen gezogen, fertig zu einer Rundreise durch alle Städte der Republik.

»Und dann, Senora«, fuhr er fort und entblößte seinen eisgrauen Krauskopf vor Frau Gould in ihrem Landauer, »und dann, Senora, wollen wir alle unsere Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und reich werden. Ich selbst sogar will, sobald diese kleine Sache in Ordnung gebracht ist, auf einem Stück Land in den Llanos, das mir gehört, zu wirtschaften anfangen und versuchen, in Ruhe und Frieden ein wenig Geld zu machen. Señora, Sie wissen es, ganz Costaguana weiß es – was sage ich? –, ganz Südamerika weiß es, daß Pablo Barrios sein reiches Maß an Kriegsruhm gehabt hat.«

Charles Gould war bei diesem Abschied, den so ängstliche und innige Wünsche begleiteten, nicht zugegen. Es war nicht seine Aufgabe, der Einschiffung der Soldaten zuzusehen. Es war weder seine Aufgabe, noch sein Wunsch, noch seine Taktik. Seine Aufgabe, sein Wunsch und seine Taktik vereinigten sich in dem Bestreben, den Silberstrom, den er allein aus der wiedereröffneten Wunde in der Bergflanke zum Fließen gebracht hatte, ungehemmt in Fluß zu halten. Zugleich mit der wachsenden Entwicklung der Mine hatte er sich eingeborene Helfer herangezogen. Es gab Werkmeister, Handwerker und Schreiber, mit Don Pepe als Gobernador der gesamten Minenbevölkerung; im übrigen aber lastete auf seinen Schultern allein das ganze Gewicht des »Imperium in Imperio« – die große Gould-Konzession, deren bloßer Schatten genügt hatte, um seines Vaters Leben zu zermalmen.

Frau Gould hatte nach keiner Silbermine zu sehen. Im Alltagsbetrieb der Gould-Konzession war sie von ihren zwei Leutnants vertreten, dem Doktor und dem Priester; doch sättigte sich ihre weibliche Vorliebe für Anregung an Ereignissen, deren Bedeutung sie im Feuer ihres hohen Vorhabens läuterte. An jenem Tage hatte sie die Avellanos, Vater und Tochter, mit zum Hafen hinuntergenommen.

Zu all seinen sonstigen Obliegenheiten in jener unruhigen Zeit hatte Don José auch noch den Vorsitz in einer patriotischen Vereinigung übernommen, die einen großen Teil der Truppen des Bezirks von Sulaco mit einem verbesserten Militärgewehr ausgerüstet hatte. Das Modell war gerade von einer der europäischen Mächte gegen ein anderes, noch tödlicheres ausgetauscht worden. Wieviel von dem Marktpreis für abgelegte Waffen aus den freiwilligen Beiträgen der großen Familien und wieviel aus den Geldmitteln bestritten wurde, über die Don José, wie man wußte, im Ausland verfügte, das blieb ein Geheimnis, das er allein hätte enthüllen können; aber die Ricos, wie das Volk sie nannte, hatten unter dem Druck der Beredsamkeit ihres Nestors beigesteuert. Einige der begeisterten Damen hatten sich hinreißen lassen, Juwelenspenden in die Hände des Mannes zu legen, der das Leben und die Seele der Partei war.

Es gab Augenblicke, wo sein Leben wie seine Seele überbürdet schienen durch so viele Jahre unentwegten Glaubens an die Wiedergeburt. Er sah fast leblos aus, wie er starr neben Frau Gould im Landauer saß, das feine, alte, glattrasierte Gesicht (ganz einfarbig, wie aus gelbem Wachs geformt) von einem weichen Filzhut beschattet, die dunklen Augen geradeaus gerichtet. Antonia, die wunderschöne Antonia, wie Fräulein Avellanos genannt wurde, lehnte ihnen gegenüber auf dem Rücksitz; und ihre volle Gestalt, das ernste Oval ihres Gesichts, mit den vollen, roten Lippen, ließen sie reifer erscheinen als Frau Gould mit ihrem wechselnden Ausdruck und dem kleinen, geraden Figürchen unter dem leise schwankenden Schirm.

Antonia begleitete ihren Vater, sooft es nur möglich war: ihre anerkannte Hingabe milderte die peinliche Wirkung ihrer Mißachtung für die starren Gebräuche, die das Leben der spanisch-amerikanischen Mädchen regeln. Und tatsächlich war sie ja nicht mehr mädchenhaft. Man erzählte sich, daß sie nach ihres Vaters Diktat Regierungserlasse schrieb und alle Bücher seiner Bibliothek lesen durfte. Bei den Empfängen – wobei die Form durch die Gegenwart einer ganz hinfälligen alten Dame gewahrt wurde, einer Verwandten der Corbelàns, die taubstumm und reglos in einem Lehnstuhl kauerte –, bei den Empfängen vermochte es Antonia im Wortgefecht mit zwei oder drei Männern zugleich aufzunehmen. Ganz offenbar war sie nicht das Mädchen, das sich damit zufrieden gab, durch ein vergittertes Fenster nach der verhüllten Gestalt eines Liebhabers in einem gegenüberliegenden Torweg zu sehen – was in Costaguana die allein zulässige Form von Bewerbung darstellt. Die allgemeine Ansicht ging dahin, daß die gelehrte und stolze Antonia mit ihrer ausländischen Erziehung und ihren ausländischen Ideen nie heiraten würde, außer vielleicht einen Ausländer, aus Europa oder Nordamerika, da ja nun Sulaco im Begriffe schien, von Leuten aus aller Herren Ländern überlaufen zu werden.

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