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Nostromo

Joseph Conrad: Nostromo - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph Conrad
titleNostromo
translatorErnst Wolfgang Freisler 1884-1938
senderwww.gaga.net
created20050809
projectid3a78a601
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Zweiter Teil

Die Isabellen

I

Während all der Wechselfälle des Kampfes, den Don José mit den Worten gekennzeichnet hatte: »Das Los der nationalen Ehre schwankt in der Waagschale«, hatte die Gould-Konzession, »Imperium in Imperio«, nicht zu arbeiten aufgehört; der Bergblock hatte weiterhin seine Schätze über die hölzerne Schüttrinne dem rastlosen Pochwerk unten zugeführt; Nacht um Nacht hatten die Lichter von San Tomé weit über die grenzenlosen Schatten des Campo geglänzt; alle drei Monate war der Silbertransport zur See hinuntergegangen, als hätten weder der Krieg noch seine Folgen dem alten Westlichen Staat etwas anhaben können, der hinter dem hohen Grenzwall seiner Kordillere geborgen lag. Alle die Kämpfe fanden jenseits der mächtigen Gipfelkette statt, die von dem weißen Haupt des Higuerota überragt und noch nicht von der Eisenbahn entweiht war; von dieser war erst die leichte Teilstrecke, von Sulaco weg über das ebene Campo bis zum Ivietal am Fuß des Gebirges gelegt. Auch die Telegraphenlinie überquerte das Gebirge noch nicht; ihre Pfähle, Baken im Meere der Ebene, verloren sich in dem Waldgürtel am Fuß der Berge, in den der breite Durchhieb der Trasse einschnitt; die Drähte endeten unvermittelt im Lager der Bauabteilung, auf einem weißen Fichtentisch mit einem Morseapparat, in einer langgestreckten Bretterhütte mit Wellblechdach, im Schatten riesiger Zedern – dem Hauptquartier des leitenden Oberingenieurs.

Auch im Hafen herrschte starker Verkehr, wegen des ankommenden Bahnbaumaterials und wegen der Truppenverschiebungen längs der Küste. Die O. S. N. Kompagnie hatte für ihre Flotte reichlich Arbeit. Costaguana besaß keine Flotte, und außer einigen Kuttern der Küstenwache gab es an staatlichen Fahrzeugen nur ein paar alte Handelsdampfer, die als Transportschiffe benutzt wurden.

Kapitän Mitchell fühlte sich mehr und mehr im Strom geschichtlichen Geschehens, fand aber doch gelegentlich an einem Nachmittag ein Stündchen Zeit zu einem Besuch im Salon der Casa Gould; dort gestand er dann, in merkwürdiger Unkenntnis der wirklichen Kräfte, die rings um ihn am Werke waren, seine Freude darüber, der Last der Geschäfte kurz entronnen zu sein. Er wisse nicht, was er ohne seinen unschätzbaren Nostromo hätte anfangen sollen, erklärte er. Diese verwünschten Costaguana-Politiker machten ihm, wie er Frau Gould anvertraute, mehr zu schaffen, als er vertragsmäßig erwarten durfte.

Don José Avellanos hatte im Dienste der gefährdeten Ribiera-Regierung eine Organisationskraft und Beredsamkeit entfaltet, deren Echo sogar bis nach Europa gedrungen war; denn nach den neuen Darlehen an die Ribiera-Regierung hatte sich in Europa eine Anteilnahme für Costaguana gezeigt. Die Sala der Provinzversammlung (im Rathaus von Sulaco), mit den Bildnissen aller der Befreier an den Wänden und einer alten Flagge des Cortez in einem Glaskasten oberhalb des Präsidentenstuhls, hatte alle diese Reden gehört: – eine der ersten mit der leidenschaftlichen Erklärung: »Der Militarismus ist der Feind«; die berühmte mit der »schwankenden Waagschale«, die bei Gelegenheit der Abstimmung über die Aushebung eines zweiten Sulaco-Regiments zum Schutze der Reform-Regierung gehalten wurde; und als die Provinz wieder ihre alten Flaggen entfaltete (die zu Guzman Bentos Zeiten geächtet gewesen waren), da grüßte Don José in noch einer großen Rede diese alten Sinnbilder des Unabhängigkeitskrieges, die im Namen neuer Ideale nochmals ans Licht gekommen waren. Der alte Gedanke des Föderalismus sei verschwunden. Er für seinen Teil wünschte nicht, alte politische Lehrsätze wiederzubeleben. Die seien vergänglich; sie stürben. Die Lehre von der politischen Makellosigkeit aber sei unsterblich. Das zweite Sulaco-Regiment, dem er seine Fahne überreichte, sollte seine Tapferkeit in einem Kampfe für Ordnung, Frieden und Fortschritt erweisen, für die Wiederherstellung nationaler Selbstachtung, ohne die wir, erklärte Don José mit Nachdruck – »ein Abschaum sind und ein Spott unter den Mächten der Welt«.

Don José Avellanos liebte seine Heimat. Er hatte ihr während seiner diplomatischen Laufbahn in reichem Maße mit seinem Vermögen gedient, und die spätere Geschichte seiner Gefangenschaft und barbarischen Mißhandlung unter Guzman Bento war seinen Zuhörern gut bekannt. Es war ein Wunder, daß er nicht den unbarmherzigen und raschen Hinrichtungen zum Opfer gefallen war, die den Verlauf jener Zwingherrschaft kennzeichneten; denn Guzman hatte das Land mit der finsteren Verbohrtheit des politischen Fanatismus regiert. Die Höchste Regierungsgewalt war in seinem beschränkten Kopf zu einem Gegenstand der Verehrung geworden, zu einer Art grausamer Gottheit. Sie verkörperte sich in ihm selbst, und seine Gegner, die Föderalisten, waren verworfene Sünder, Gegenstand des Hasses, des Absehens und der Angst, wie es Ketzer einem überzeugten Inquisitor sein mögen. Durch lange Jahre hatte er in der Nachhut seines Friedensheeres durch das ganze Land einen Trupp gefangener Verbrecher mitgeschleppt, die es selbst als Unglück empfanden, daß man sie nicht ohne weiteres erschossen hatte. Es war ein stetig schwindender Trupp halbnackter Gerippe, mit Eisen beladen, bedeckt mit Schmutz, Ausschlag, eitrigen Wunden; durchaus Leute von Stand, Erziehung und Vermögen, die es gelernt hatten, untereinander um ein Stück fauliges Ochsenfleisch zu kämpfen, das ihnen von den Soldaten zugeworfen wurde, oder einen schwarzen Koch demütig um einen Trunk schlammigen Wassers zu bitten. Don José Avellanos rasselte mit seinen Ketten in den Reihen der anderen und schien einfach nur dem Beweis dafür zu leben, wieviel Hunger, Schmerz, Entwürdigung, Grausamkeit und Qualen ein Menschenkörper zu ertragen vermag, ohne den letzten Lebensfunken fahren zu lassen. Gelegentlich wurden die Gefangenen Verhören unterworfen, vor einem Ausschuß von Offizieren, die eilig in irgendeiner notdürftigen Hütte aus Ästen und Laubwerk zusammentraten und, durch die Angst um das eigene Leben erbarmungslos gemacht, auch vor roher Folterung nicht zurückschreckten. Ein oder zwei Glückliche aus der gespenstischen Schar von Gefangenen wurden vielleicht schwankend hinter einen Busch geführt, um von einer Gruppe von Soldaten erschossen zu werden. Dabei ging immer ein Armeekaplan mit – irgendein unrasierter, schmutziger Mensch, der einen Säbel umgegürtet und auf der linken Brust seiner Leutnantsuniform mit weißer Wolle ein kleines Kreuz eingestickt trug –, die Zigarette im Mundwinkel, einen Holzstuhl in der Hand, um die Beichte der Leute zu hören und ihnen Absolution zu erteilen. Denn der Bürger-Landesretter (so wurde Guzman Bento amtlich genannt, in Bittschriften) war der Milde in vernünftigen Grenzen nicht abgeneigt. Man hörte die unregelmäßige Salve des Pelotons, manchmal von einem einzelnen Gnadenschuß gefolgt; eine kleine bläuliche Rauchwolke flatterte über den grünen Büschen auf, und das Friedensheer zog weiter über die Savannen, durch die Wälder, über Ströme weg, drang in ländliche Pueblos, verwüstete die Haziendas der verruchten Aristokraten, besetzte die Städte des Innern, in Erfüllung seiner patriotischen Mission, und ließ ein geeintes Land hinter sich, in dem im Rauch brennender Häuser und dem Geruch vergossenen Bluts die bösen Spuren der Föderation nicht länger zu erkennen waren.

Don José Avellanos hatte jene Zeit überlebt.

Als er ihm verächtlich seine Freiheit verkündete, da hatte vielleicht der Bürger-Landesretter diesen verbohrten Aristokraten für zu sehr gebrochen an Leib, Seele und Vermögen gehalten, als daß er noch länger gefährlich erschienen wäre. Oder vielleicht war es auch nur eine bloße Laune. Guzman Bento, gemeinhin voll unbestimmter Angst und finsteren Verdachts, hatte auch plötzliche Anfälle unvernünftigen Selbstvertrauens, wo er sich selbst auf einem Turm der Macht und Sicherheit erhaben dünkte über die Anschläge gemeiner Sterblicher. Bei solchen Gelegenheiten pflegte er unvermittelt die Abhaltung einer feierlichen Dankmesse zu befehlen, die dann mit großem Pomp in der Kathedrale von Sta. Marta von dem zitternd unterwürfigen Erzbischof seiner Schöpfung gesungen wurde. Guzman Bento saß dabei in einem vergoldeten Armstuhl vor dem Hochaltar, von den zivilen und militärischen Spitzen seiner Regierung umgeben. Auch die nichtamtlichen Kreise von Sta. Marta drängten sich in die Kathedrale, denn es schien für niemand von einiger Bedeutung ratsam, diesen Betätigungen der präsidentiellen Frömmigkeit fernzubleiben. Nachdem er so der einzigen Macht seine Ehrfurcht gezollt hatte, die er über sich anzuerkennen geneigt war, pflegte er willkürlich Begnadigungen auszuteilen, denen aber in geradezu teuflischer Weise die Milde fehlte. Es war ihm keine andere Möglichkeit mehr geblieben, seine Macht zu genießen, als die eine, seine zermalmten Gegner ohnmächtig aus den dunklen Kerkerzellen des Collegio an das Tageslicht kriechen zu sehen. Ihre Ohnmacht reizte seine unersättliche Eitelkeit, und überdies konnte man ja jeden Augenblick wieder die Hand auf sie legen. Alle Frauen aus den Familien der Begnadigten hatten die unweigerliche Pflicht, nachher in einer Sonderaudienz ihren Dank abzustatten. Die Verkörperung der fremdartigen Gottheit: die Höchste Regierungsgewalt, empfing sie stehend, Dreispitz auf dem Kopf, und ermahnte sie in drohendem Gemurmel, ihre Dankbarkeit zu beweisen, indem sie ihre Kinder in der Treue zur demokratischen Regierungsform erzögen, »die ich zum Glück unseres Landes begründet habe«. Da ihm bei einem Zwischenfall während seines früheren Lebens als Viehhirte die Vorderzähne ausgeschlagen worden waren, so war seine Aussprache blubberig und undeutlich. Er habe für Costaguana gearbeitet, ganz allein, inmitten von Verrätereien und Widerständen. Möge es nun genug sein damit, sonst könnte er der Vergebung müde werden.

Don José Avellanos hatte diese Vergebung kennengelernt.

Er war an Gesundheit und Vermögen niedergebrochen genug, um dem demokratischen Staatsoberhaupt ein wahrhaft erfreuliches Schauspiel bieten zu können. Er zog sich nach Sulaco zurück. Seine Gattin besaß ein Gut in jener Provinz, und sie pflegte ihn aus dem Hause des Todes ins Leben zurück. Als sie starb, war ihre Tochter, das einzige Kind, alt genug, um sich dem »armen Papa« zu weihen.

Fräulein Avellanos war in Europa geboren und zum Teil in England erzogen; sie war ein hochgewachsenes, ernstes Mädchen, mit breiter, weißer Stirne, reichem braunem Haar, braunen Augen und beherrschtem Benehmen.

Die anderen jungen Damen von Sulaco standen ihrem Charakter und ihren Fähigkeiten ehrfürchtig gegenüber – sie galt für unerhört gelehrt und ernst. Was den Stolz angeht, so waren ja alle die Corbelàns dafür bekannt, und ihre Mutter war eine Corbelàn. Don José Avellanos nahm die Hingabe seiner geliebten Antonia recht weitgehend in Anspruch. Er tat es in der merkwürdig besessenen Art der Männer, die, obwohl nach Gottes Bild geformt, gewissen Rauchopfern gegenüber doch gefühllos sind wie Steingötzen. Er war in jeder Hinsicht zugrunde gerichtet, doch ein Mann mit Leidenschaft ist ja noch kein Schiffbrüchiger im Leben. Don José Avellanos ersehnte leidenschaftlich für sein Land: Frieden, Wohlfahrt und (wie es am Schluß der Vorrede zu »Fünfzig Jahre Mißwirtschaft« heißt) »einen ehrenwerten Platz in der Reihe der gesitteten Nationen«. In diesem Satz spricht aus dem Patrioten der ehemalige Bevollmächtigte Minister, der durch den Mangel an Treu und Glauben seiner eigenen Regierung den ausländischen Besitzern der Staatsanleihe gegenüber so grausam gedemütigt worden war.

Das wüste Durcheinander gieriger Parteikämpfe, das auf Guzman Bentos Gewaltherrschaft folgte, schien Don Josés Sehnsucht der Erfüllung ganz nahe zu bringen. Er war zu alt, um persönlich in die Arena dieser Kämpfe in Sta. Marta hinabzusteigen. Die Männer aber, die dort handelten, suchten bei jedem Schritt seinen Rat. Er selbst glaubte, am meisten aus der Entfernung nützen zu können, in Sulaco. Sein Name, seine Verbindungen, seine frühere Stellung, seine Erfahrung sicherten ihm die Achtung seiner Gleichgestellten. Die Entdeckung, daß dieser Mann, der in würdiger Armut im Stadthaus der Corbelàns lebte (der Casa Gould gegenüber), über Geldmittel zur Unterstützung der guten Sache verfügen konnte, verstärkte seinen Einfluß noch. Sein offener Bittbrief war es, der die Kandidatur des Don Vincente Ribiera für die Präsidentschaft bewirkte. Ein weiteres Schriftstück aus Don Josés Feder (diesmal in Form einer Sammelbittschrift aus der Provinz) bewog den gewissenhaft verfassungstreuen Don Ribiera, die außerordentliche Befugnis anzunehmen, die ihm vom Kongreß in Sta. Marta mit überwältigender Stimmenmehrheit übertragen wurde. Es war eine bis ins einzelne gehende Vollmacht, die Volkswohlfahrt durch Sicherung des Innenfriedens und den Staatskredit durch Befriedigung aller gerechten ausländischen Forderungen wiederherzustellen.

Eines Nachmittags hatte die Nachricht von dieser Abstimmung Sulaco auf dem üblichen Postumweg erreicht, über Cayta und mit dem Dampfer die Küste herauf. Don José, der im Salon der Goulds auf die Post gewartet hatte, stand aus dem Schaukelstuhl auf und ließ seinen Hut von den Knien fallen. Er rieb sich mit beiden Händen sein silbergraues, kurzgeschorenes Haar, sprachlos von dem Übermaß der Freude.

»Emilia, meine Seele« jubelte er, »lassen Sie sich küssen! Lassen Sie ...«

Kapitän Mitchell hätte, wäre er zugegen gewesen, zweifellos eine treffende Bemerkung über das Dämmern einer neuen Ära gemacht; wenn aber Don José etwas Derartiges dachte, so ließ ihn doch seine Beredsamkeit bei dieser Gelegenheit im Stich. Er, die wahre Seele der wiedererwachenden Blanco-Partei, taumelte, so daß Frau Gould rasch auf ihn zutrat und, während sie ihrem alten Freund lächelnd die Wange darbot, es zugleich auch sehr geschickt fertigbrachte, ihn mit ihrem Arm zu stützen, was recht nötig war.

Don José hatte sich rasch wieder erholt, konnte aber zunächst nur murmeln: »Oh, ihr beiden Patrioten! Oh, ihr beiden Patrioten!« – und sah dabei von einem zum andern. In seinem Kopfe jagten sich unbestimmte Pläne zu einem andern Geschichtswerk, das zur andächtigen Verehrung durch die Nachwelt alle die aufopfernden Dienste für die Wiedergeburt der geliebten Heimat aufzeichnen sollte. Der Historiker, der großmütig genug war, von Guzman Bento zu schreiben: »Und doch darf dies Ungeheuer, besudelt mit dem Blute seiner Mitbürger, nicht durchaus dem Abscheu kommender Geschlechter preisgegeben werden. Es scheint wahr zu sein, daß auch er sein Land liebte. Er hat ihm zwölf Jahre Frieden geschenkt; und obwohl Alleinherrscher über Leben und Eigentum, ist er arm gestorben. Sein schlimmster Fehler war vielleicht nicht seine Grausamkeit, sondern seine Unbildung ...«, der Mann, der so von einem andern schreiben konnte, der ihn grausam verfolgt hatte (die Stelle findet sich in der »Geschichte der Mißwirtschaft«) – er fühlte beim ersten Anzeichen des Erfolgs eine fast grenzenlose Zuneigung zu seinen beiden Helfern, den beiden jungen Menschen von jenseits der See.

Genauso wie vor Jahren Henry Gould in aller Ruhe und in der Überzeugung von der Zweckdienlichkeit, die stärker wirkt als jeder politische Lehrsatz, das Schwert gezogen, so hatte nun Charles Gould, unter anderen Verhältnissen, das Silber der Mine in die Waagschale geworfen. Der Inglez von Sulaco, der »Costaguana-Engländer« aus der dritten Generation, war gleichweit vom politischen Ränkeschmied entfernt wie sein Onkel vom revolutionären Klopffechter. Ihr aufrechter Sinn bestimmte ihrer beiden Handlungsweise. Sie erkannten eine Möglichkeit und benutzten die nächstgelegene Waffe.

Charles Goulds Stellung war völlig klar – eine leitende Stellung im Hintergrund dieses Versuchs, den Frieden und den Kredit der Republik wiederherzustellen. Zu Beginn hatte er sich der landläufigen Bestechlichkeit anzupassen gehabt, die so kindisch unverschämt war, daß sie auch den Haß eines Mannes entwaffnen konnte, mutig genug, die unverantwortlichen Auswüchse ebendieser Bestechlichkeit nicht zu fürchten. Sie erschien ihm zu verächtlich sogar für heißen Zorn. Er machte davon Gebrauch mit einer kalten, furchtlosen Verachtung, eher geoffenbart als verborgen unter der steinernen Höflichkeit, die den Umständen den schmählichen Beigeschmack nahm. Im Grunde litt er vielleicht darunter, denn er war nicht der Mann, sich einer Selbsttäuschung hinzugeben; aber er lehnte es ab, den ethischen Gesichtspunkt mit seiner Frau zu erörtern. Er traute ihr bei aller Enttäuschung doch die kluge Einsicht zu, daß sein Charakter ebensosehr oder mehr noch als seine Politik das Unternehmen ihres Lebens gewährleistete. Der außerordentliche Aufschwung der Mine hatte eine große Macht in seine Hände gelegt. Er war es müde geworden, diesen Aufschwung jeden Augenblick von sinnloser Gier abhängig zu wissen. Für Frau Gould war es demütigend. In jedem Falle war es gefährlich. In dem vertraulichen Briefwechsel zwischen Charles Gould, »dem König von Sulaco«, und dem Oberhaupt der Silber- und Stahlinteressen, weit weg in Kalifornien, sprach sich immer deutlicher die Überzeugung aus, daß jeder Versuch von seiten gebildeter und makelloser Männer geschickt unterstützt werden müßte. »Sie können Ihrem Freund Avellanos sagen, daß dies meine Ansicht ist«, hatte Herr Holroyd im rechten Augenblick geschrieben, von seinem unverletzlichen Heiligtum in dem elfstöckigen Geschäftspalast aus; und kurz nachher trat auf Grund eines von der dritten Südbank (Tür an Tür mit dem Holroyd-Haus) eröffneten Kredits die Ribiera-Partei in Costaguana ins Leben, unter den Augen des Administrators der San Tomé-Mine; und Don José, der väterliche Freund des Hauses Gould, konnte sagen: »Vielleicht, mein lieber Carlos, habe ich nicht umsonst gehofft.«

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