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Norika

August Hagen: Norika - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorAugust Hagen
titleNorika
publisherAdrian an M. van den Broucke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071216
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Die Bildner Vischer, Krafft und Lindenast.

Das Wort jenes Kirchners, daß niemand, der für die Herrlichkeit der Kunst nicht unempfindlich sei, Vischers Gießhütte zu besuchen versäume, klang mir wie ein Evangelium in den Ohren wieder. Ich faßte den Entschluß, mich nach Vischers Wohnung hinzufragen, um den Mann, der mir alle in Nürnberg weit zu überstrahlen schien, von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Auf diese Weise meinte ich den Sebaldustag, dessen rauschende Freuden mich lang genug ergötzt hatten, gut zu beschließen. Freilich kam es mir sonderbar vor, daß ich als ein Fremder ihn, der mir als ein achtbarer Familienvater geschildert war, in seiner Ruhe stören wollte spät am Abend, zumal an einem Heiligentage, an dem die Lieben des Hauses, gewöhnlich zu einem traulichen Mahl versammelt, durch die Dazwischenkunft eines Ungebetenen unangenehm überrascht werden. All diese Rücksichten aber überwand bei mir die Sehnsucht nach der Bekanntschaft des kunstreichen Rotschmieds. Ein Knabe war bald gefunden, der mich zu Vischers kleiner Wohnung führte. Die Türe fand ich offen und trat in eine kleine dunkle Hausflur, in der ich vergeblich horchte, ob es sich nicht irgendwo regte, und wo ich erst, nachdem mein Auge sich allmählich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, eine eichene Stübentüre mit Messingbeschlägen bemerkte. Ich klopfte an, aber alles war mäuschenstill und nur der Schlüssel, der in der Türe steckte, gab mir die Hoffnung, daß jemand zu Hause wäre. Den Hausherrn selbst zu sprechen, gab ich auf und hegte nur den bescheidenen Wunsch, zu erfahren, wann ich des andern Tags ihn wohl besuchen dürfte. Da auf mein wiederholtes Anklopfen kein Laut sich vernehmen ließ, so öffnete ich leise die Türe und trat in das Zimmer. Drei Leute saßen hier in Hemdärmeln an einem Tisch und zeichneten so eifrig, daß weder mein Pochen, noch meine Tritte gehört wurden. Verlegen stand ich da und scheute mich, die feierliche Stille zu unterbrechen. Endlich faßte ich mir ein Herz und stammelte einen Gruß. Einer von den dreien guckte sich um und schob ein wenig sein schwarzes Käppchen. Es war ein Mann von etwa fünf und fünfzig Jahren mit einer etwas gedrückten Nase und braunen, schön gekräuseltem Bart. Was beliebt? fragte er kurz. Ich trug, nachdem ich meinen Namen und Stand genannt, ihm das Anliegen vor, den Herrn Meister Vischer zu sprechen und seine Gießhütte zusehen, wenn es ohne Störung geschehen könnte. Ihr stört mich immer, denn geschäftslos bin ich nie. An meiner Gießhütte ist nichts zu sehen, da keine Arbeit ist. Wer weiß, wann wieder einmal ein Gußwerk bestellt wird? Das Geld ist knapp und die Kunst wenig geschätzt. So sagte der Alte und ich darauf: Heute fürchte ich Euch noch mehr als sonst zu stören, da Ihr, wie ich sehe, Zeichenunterricht erteilt. Jener lachte und ich erkannte meinen Irrtum, da die beiden andern, die so lange über den Tisch hingebeugt saßen, endlich aufsahen. Der eine von ihnen war nur wenig jünger und der andere mit schneeweißem Bart und einer Glatze wohl zwölf Jahre älter. Arbeitet man in Nürnberg noch so spät und selbst am Heiligentage? fragte ich, um ein Gespräch einzuleiten, und Vischer erzählte, daß es wenigstens seine Sitte wäre und der Meister, die ich vor mir sähe, sich an den Feiertagen Abends im Zeichnen zu üben, denn welcher Meister über die Lehrjungenjahre hinaus zu sein glaubte, der finge an zu verlernen. Das junge Volk, er meinte seine Kinder, die könnten keinen Heiligentag, namentlich das Sebaldusfest, daheim verbringen und daher wäre es nötig, daß er das Haus bewachte. Die Sitteneinfalt, die sich in Vischers Rede kund gab, versöhnte mich sogleich mit ihm, wie barsch er auch meinen Gruß erwiderte. Er stand aus, ein langer, aber stämmiger Mann mit einem waren Herkulesnacken, und drückte mir die Hand, denn da ich mehrere vorgelegte Fragen ihm beantwortete, so nahm es ihn für mich ein, daß ich bei meinem kurzen Aufenthalt in Nürnberg schon so viel gesehen hatte. Mit ungeheuchelter Begeisterung pries ich das Sebaldusgrab, das ich die Krone der edelsten Kunst nannte. Weniger mein Lob, als manche Bemerkung, die ich darüber hinwarf, war für ihn Grund, mich vor der gewöhnlichen Art von Reisenden auszuzeichnen. Er wurde jetzt unruhig, schob unmutig das Käppchen hin und her und brach dann in Klagen darüber aus, daß er mir nichts vorsetzen könnte, daß niemand zu Hause und Speisekammer und Keller verschlossen wäre. Ich beschwichtigte ihn dadurch, daß ich mir eben den Abendimbiß hätte wohl schmecken lassen, und bat ihn nur, mit den andern Meistern mich bekannt machen zu wollen. Der eine von ihnen war der geschickte Sebastian Lindenast, der Meister des herrlichen Uhrwerks auf der Frauenkirche. Dieses war ein ernster, stiller Mann mit langem gelben Haar und glattem Kinn. Ich rühmte sein Werk als unvergleichbar, er aber wies mein Lob zurück mit den Worten: Ich habe, werter Herr, nur die kupfernen Figuren gemacht, nur die Körper vom Kaiser und den Kurfürsten, aber mein Freund Hans Heuß hat ihnen die Seele gegeben. So hieß nämlich der berühmte Schlossermeister, der Kirchenuhren verfertigte, wie keiner sonst. Der dritte Meister, ein Siebzigjähriger, sah mich mit schwarzem Auge, dessen Jugendfeuer gar sehr von dem Silberbart abstach, so freundlich und zutraulich an, als wenn wir uns schon oft begrüßt hätten. Und wirklich hatte ich ihn schon gesehen in der Lorenzkirche am Sakramentshäuschen, nicht ihn selbst, aber ein treues Abbild. Es war Adam Krafft, der erste Steinmetz, nicht in Nürnberg, sondern in der Welt. Der alte Herr stand rüstig auf, setzte mir einen Schemel neben sich zurecht und vernahm es mit Freude, daß ich seine Werke mit Bewunderung schon betrachtet hätte und noch oft betrachten wollte. Auf meine Frage, was sie zeichneten, nahm Meister Lindenast das Wort. Wir zeichnen immer alle ein Ding, jeder nach seiner Erfindung. Heute war an mir die Reihe, aufzugeben, und weil mir schon lange ein Bildwerk am Rathause mit dem heil. Martinus zu Pferde mißfallen, so schlug ich vor, ihn abzubilden, wie er mit einem Bettler seinen Mantel teilt. Dort hält der Heilige in einer Art den Degen, daß man meint, er wolle sich oder den Bettler erstechen, und am wenigsten, er wolle ein Stück des Mantels abschneiden. Da er so sprach, dachte ich darüber nach und äußerte das Bedenkliche, ihn genügend und deutlich darzustellen. Der Bettler fleht und, anstatt ein Almosen vorzuziehen, zieht Martin den Degen. Das Roß muß die streitbare Natur des Reiters zeigen und dennoch, von keinem Zügel gehalten, stille stehen, während er mit beiden Händen den Mantel zerschneidet. Nicht schicklich wäre es, den Bettler nackt darzustellen, und dennoch soll man erkennen, daß ihm des Mantels Hälfte zugedacht sei. Meine Rede fand Beifall und sonderlich bei Vischer, der auf einmal ausrief: sonst ist es unser Brauch, uns freundlich und brüderlich zu besuchen und voneinander zu scheiden, ohne etwas zu essen und zu trinken, heute aber muß eine Ausnahme stattfinden. Unser Gast, der so klug spricht, muß, sei es, wie es sei, bewirtet werden. Drum schlage ich euch, Freunde, vor, daß wir von ihm unsre Zeichnungen beurteilen lassen (er ist uns allen gleich fremde und nimmt daher keinen Part) und daß derjenige von uns, den er den Preis zuerkennt, die Zeche bezahle. Wir gehen daneben in die Schenke, und wer die Ehre hat, der habe die Qual. Deß waren alle zufrieden. Ich betrachtete lange die Zeichnungen, von denen jede, allein betrachtet, unübertrefflich schien. Am saubersten und zartesten war die von Lindenast ausgeführt und die von Vischer am derbsten. Die Dürftigkeit des Mitleid erregenden Bettlers war auf allen drei Blättern gleich schön, der Kopf des Ritters überall gleich edel und das Roß gleich kriegesmutig. Bei Lindenast sah man Martin deutlich den Mantel zerschneiden, indem er darauf hinblickte, um wirklich als Christ zu teilen. Bei Krafft dagegen war der unverwandte Blick des Ritters auf den Armen gerichtet und mit dem Degen durchfuhr er den Mantel, unbekümmert, wieviel ihm selbst noch zur Hülle übrig bliebe. Bei Lindenast schien sich der Ritter doch noch zu bedenken, während er den Bettler bedachte, hier aber war volle Freigebigkeit ausgedrückt. Daß das Roß hier und dort wie gebunden stand, gefiel mir nicht. Bei Vischer war dies nicht der Fall. Das Roß schien sich vielmehr vor dem Anblick des Bettlers am Wege zu entsetzen und blickte zornig seitwärts, aber mit den Zügeln, die er mit dem Ellbogen an die Brust preßte, lehrte der Ritter es stille stehen. Er blickte nicht allein zum Flehenden hin, sondern mit einer Hand schneidend, reichte er ihm schon mit der andern den Mantel dar. Hier war die größte Wahrheit und die größte Entschiedenheit. Ich lobte alle drei Zeichnungen, aber freimütig machte ich auf alle Mängel aufmerksam und wunderbar! erzürnte niemand. Ja, sagte Vater Krafft mit dem Kopf nickend, Meister Vischer hat es heute am besten gemacht. Recht so! rief Vischer, ihr stimmt ihm bei und laßt mich zahlen. Ihr versteht es. Aber dem fremden Herrn danke ich doppelt, denn eine Schande wäre es, wenn sich der Hausherr von den Gästen frei halten ließ. Da ich die Zeichnungen noch immer bewunderte, so fragte mich Krafft, ob er mir mit der seinigen ein Geschenk machen könnte. Ich war hoch vergnügt darüber und hub an: Wie seid ihr Meister alle doch begünstigt vor andern Menschen. Auch ich habe eine rechte Hand, die Hand hat Finger und dennoch könnte ich keinen geraden Strich ziehen. Nicht allein die rechte, sagte Krafft darauf lächelnd, auch meine linke Hand ist zu brauchen. Er ergriff mit ihr den Rötel und verbesserte die Zeichnungen in einer Art, so daß es viele Meister mit der rechten ihm nicht nachgemacht hätten. Krafft arbeitete mit der linken und der rechten Hand gleich geschickt. Auch Lindenast und Vischer schenkten mir ihre Zeichnungen. Ich dankte innigst gerührt für die Gaben und versicherte, es sollten sich ihrer noch Kind und Kindeskind freuen. Ich bat die freundlichen Geber, das Andenken mir noch durch die Unterschrift ihrer Namen zu erhöhen. Da sahen mich alle befremdet an und sagten beinahe einstimmig: Wir sind Werkmeister, aber keine Schreibmeister. Das Schreiben verstehen wir nicht. Sie unterzeichneten sich darauf auf ihre Weise. Der eine zeichnete darunter ein Paar Fischlein, der andere einen Blütenast, den Bienen umschwärmten, und der dritte einen Herkules, der des Atlas Kugel trägt. Wohlgemut begaben wir uns alle darauf in die Weinschenke und plauderten bei einem perlenden Gläschen, als wenn wir von Kindesbeinen an zusammen gelebt hätten. Ich konnte mir fast nicht denken, was ich sah, daß ich, ohne alle Empfehlung, als fremder Kaufherr neben drei der ersten Künstler, von denen der jüngste mein Vater hätte sein können, hier in so traulichem Vereine die heitersten Stunden verlebte. Das ist die ewige Jugend der Kunst. Wie Kinder nach dem ersten Bewillkommnen sogleich miteinander bekannt sind, so lieben sich auch alle, die die Kunst lieben, und voll Kindeseinfalt vergessen sie Alter und Rang. Vater Krafft scherzte viel und sprach allerlei Dinge, und da er hörte, daß Herr Hans Imhoff unser gemeinschaftlicher Freund wäre, so umhalste und küßte er mich. Meister Vischer verglich unsre Zusammenkunft in der Schenke mit einer ähnlichen in Rom, woselbst er länger, als die beiden andern Kunstgenossen, verweilt hatte, und nahm Anlaß, viel von italienischen Sitten und Lustbarkeiten zu erzählen. Eine ernste Wendung gab dem Gespräche Lindenast, der über die Künste, die dort wetteifernd um den Kranz rängen, manches Beachtenswerte vorbrachte und mich endlich aufforderte, da ich verständig zu sprechen wisse, über den Vorzug der einen Kunst vor der andern ein freimütiges Geständnis abzulegen, namentlich ob die Malerei oder Bildhauerei erhabener wäre. Die andern Meister stimmten ihm bei und drangen in mich, über das viel Besprochene zu entscheiden. Ich wich lange dem Antrage aus, denn ich verstünde es nicht. Bevor ich nach Nürnberg gekommen, hatte ich nur an Gemälden meine Freude, hier hatte ich die ersten schönen Bildwerke von Stein und Erz gesehen und der Eindruck, den sie auf mich zurückgelassen, war so mächtig, daß ich ganz so urteilte, als sie die Pfleger der Bildnerei es gern hörten. Vischer, der mir gegenüber saß, stützte sich mit beiden Händen auf und sah gespannt mich an, als ich so begann: Wohl kann das Gedicht täuschen, ihr glaubt es zu sehen, was es schildert, aber nur der Geschichte, die alle Schönmalerei verschmäht, könnt ihr vertrauen. Jenes gibt einen holden Schein, diese dagegen Wahrheit, kalt und ernst, wie sie. Jenes ist voll einschmeichelnden Zaubers, der flüchtigen Jugend Augenweide, diese ist des reiferen Alters nie versagender Trost. Der Vergleich zwischen dem Gedichte und der Geschichte ist der Vergleich zwischen der hold lächelnden Malerei und der ehrwürdigen Bildhauerkunst. Dies sagte ich nicht, um ihnen zu schmeicheln, sondern, weil es mir wirklich so ums Herz war. Ein lebhaftes heiteres Gespräch ließ uns die Stunden der Nacht vergessen, bis das Nachtwächterhorn uns an die Trennung mahnte.

Wir brachen zusammen auf. Zuerst wurde Freund Vischer von allen nach Hause begleitet, dann trennte sich Lindenast und nur der Vater Krafft wich nicht eher von mir, als bis ich die heimische Schwelle erreicht hatte, denn er wollte ein verdrießliches Umherirren mir ersparen. Mir tat es um den Alten leid. Er redete mir ein, daneben zu wohnen, dem aber war nicht so, wie ich nachher erfuhr. Von Krafft ward mir der Abschied schwer. Wie bewegend er mir seine Freundschaft versicherte! Wie er als ein feierliches Gelübde mir das Versprechen abnahm, ihn nächstens zu besuchen! Es war schon spät, als ich mich in meinem Zimmer befand, aber was ich am Sebaldustage gesehen und erfahren, hatte mich dermaßen aufgeregt, daß mich lange die Schlaflust miet. Ich breitete vor mir die empfangenen Zeichnungen aus und konnte mein Auge nicht von Vischers Erfindung trennen. Wie müßte sich dieser Ritter von Erz erhaben und prächtig ausnehmen! So überlegte ich und ein Gedanke stieg in mir auf, der später erst zur Reife kommen sollte.

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