Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Arnold Alexander Benjamin >

Nord-Nordwest mit halber Kraft

Arnold Alexander Benjamin: Nord-Nordwest mit halber Kraft - Kapitel 9
Quellenangabe
authorArnold Alexander Benjamin
titleNord-Nordwest mit halber Kraft
publisherErich Zander Druck- und Verlagshaus
year1936
firstpub1936
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170711
projectid0b3d9bf3
Schließen

Navigation:

8.

Kapitän Grady war wirklich zufrieden, als er um neun Uhr abends in seiner neuen Uniform, frisch rasiert und sogar leicht nach Kölnisch Wasser duftend, durch die festlich geschmückten Gesellschaftsräume ging. Überall herrschte ausgelassene, frohe Stimmung, und die Gesichter der Passagiere leuchteten im Scheine der vielen bunten Papierlaternen. Die »Cardigan« war heute nicht wiederzuerkennen. Wirklich, wenn man nicht genauer hinsah, wenn man nur das Bild als Ganzes auf sich wirken ließ, ohne sich in genaueres Betrachten der oft grotesken Formen der Lampions oder der Bilder an den Wänden einzulassen – wirklich, man hätte denken können, man sei plötzlich auf einen der großen Vergnügungsdampfer versetzt worden, bei denen derartige Feste nichts Außergewöhnliches waren. Überall, wo Grady sich blicken ließ, hörte er anerkennende Worte, und er wurde es bald müde, das Lob zurückzuweisen, daß doch nur Murphy gebührte.

Sogar draußen am Deck hingen hier und dort Papierlampen. Es wehte eine schwache Brise, und wenn ein Teil der bunten Lampen auch längst erloschen war, so blieben doch immerhin einige an geschützteren Stellen brennen und verliehen auch dem Deck etwas Festliches. Murphy war allerdings dafür gewesen, weder Lampen an Deck zu hängen noch den Passagieren zu gestatten, an Deck zu promenieren. Erst hatte ihm Grady recht gegeben, denn auch er begriff, daß ein festliches Treiben an Deck die dort beschäftigten Matrosen nur reizen würde. Nachher hatte er sich aber durch die Bitten der Passagiere umstimmen lassen, hauptsächlich aus dem Grunde, weil ihm nichts einfallen wollte, womit er die geplante Maßnahme den Ahnungslosen unter den Fahrgästen erklären sollte. Auf diese Weise war das eingetreten, was Murphy befürchtet hatte: Schattenhaft glitten an den festlich gekleideten, lachenden und lustig plaudernden Passagieren die halbnackten Gestalten der Malaien vorbei. Ihre Gesichter waren eisig, und es war, als strömten auch ihre Körper eisige Kälte aus. Alle Versuche einiger leutseliger Passagiere, den einen oder anderen der Malaien in ein Gespräch zu ziehen, blieben vergeblich. Die Leute gaben knappe, gleichsam erstaunte Antworten, bei denen im Hintergrund etwas wie Zorn lauerte. Die Passagiere gaben einer nach dem anderen diese fruchtlosen Versuche auf.

Im Speisesaal und im Rauchzimmer wurde eifrig getanzt. Gelang es nicht, durch das Radio Tanzmusik zu bekommen, so setzte sich jemand ans Klavier und spielte etwas blechern einen Walzer. In beiden Räumen war ein dauerndes Kommen und Gehen, und Murphy, der eigentlich ein regelrechtes Programm hatte durchführen wollen, gab diese Absicht bald auf, denn es schien, als unterhielten sich die Gäste ohne Programm in ungebundener Freiheit viel besser. Um so überraschter waren alle, als es um dreiviertel zehn Uhr hieß, Murphy lasse sie in den Speisesaal bitten.

Unter Lachen und frohen Ausrufen nahmen die Gäste an den weißgedeckten, mit künstlichen, selbst angefertigten Blumen geschmückten Tischen Platz und hörten vergnügt die launige Rede des Offiziers an, der jetzt plötzlich doch eine bestimmte Vortragsfolge ankündigte. Niemandem fiel es weiter auf, als Murphy die Leitung – da er im Augenblick dienstlich verhindert sei – Mr. Scott übertrug. Und als Mr. Scott in trockenem Ton mit sehr ernstem Gesicht einige Witze zum besten gab, merkte niemand, daß nicht nur Murphy plötzlich verschwand, sondern auch der Kapitän, der Schiffsarzt, der Zweite Offizier und Diersch. Unauffällig gingen die Männer zu zweien über das Deck. Nur der Zweite Offizier ging allein. Wie unbeabsichtigt blieben der Kapitän und der Arzt an der Luke stehen, die zum Maschinenraum führte. Sie waren in ein Gespräch vertieft, und es war nicht weiter verwunderlich, daß sie dabei die Hände in den Rocktaschen hielten. Der Zweite Offizier hatte inzwischen einen der alten Matrosen angesprochen, und die beiden lehnten an der Reling, und zwar so, daß ihnen jeder Malaie, der aus den Mannschaftsräumen kam, in die Arme laufen mußte. Auch sie hielten die Hände in den Taschen. Diersch und Murphy wanderten langsam vom Funkraum nach achtern und wieder zurück. Vor der Tür zum Funkraum standen außerdem wie immer zwei Matrosen, und auch der Erste Offizier war auf der Kommandobrücke nicht allein. Diersch und Murphy hatten somit nur die Aufgabe, dort einzugreifen, wo es nötig sein könnte.

Um zehn Uhr war die Meuterei, wenn sie jetzt begann, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Niemand sah es Murphy an, was für ein Stück Arbeit er hinter sich hatte. Er war es, der das Fest arrangiert hatte, und er war es, der die Bewachung des Dampfers für zehn Uhr bis in kleinste berechnet und durchgeführt hatte. Wenn es Toole etwa eingefallen sein sollte, die Meuterei doch auf zehn Uhr festzusetzen, so würde es ihm und den Seinen schlecht ergehen. Dafür hatte Murphy gesorgt.

»Fünf nach zehn«, sagte Diersch leise. »Es ist nichts. Sie müssen sich geirrt haben ...«

»Ich bin genau unterrichtet«, versetzte Murphy. Weder ihm noch Diersch war dieses Beisammensein recht, aber der Kapitän hatte die Paare so eingeteilt, und keiner von den beiden hatte dagegen Einspruch erhoben.

Drei Malaien schlenderten an ihnen vorbei. Etwas an ihrer Haltung war ungewöhnlich, irgendwie herausfordernd. Murphy bemerkte es, doch tat er, als sähe er es nicht.

»Eine herrliche Nacht ...« plauderte er unbefangen. »Wir konnten für das Fest gar kein besseres Wetter wünschen ...«

Die Matrosen waren stehengeblieben. Sie taten nichts, sie sprachen kein Wort, sie standen nur da – drei dunkle, drohende Gestalten. Murphy hätte es gern übersehen – auch das, aber es war einfach nicht möglich.

»Na, geht weiter«, sagte er freundlicher als sonst. »Ihr habt keinen Dienst, was?«

Niemand antwortete. Die finsteren Gestalten standen da und schwiegen.

»Wenn ihr dienstfrei seid, habt ihr in die Mannschaftsräume zu gehen«, fuhr Murphy fort. Er sprach an ihnen vorbei, in ein absolutes Nichts hinein. »Na, wird's bald?«

»Lassen Sie sie doch«, versuchte Diersch zu vermitteln. Er war der Ansicht, daß so niemals eine Meuterei beginnen würde. Das waren nur gereizte Matrosen, die vielleicht die ersehnte Stunde nicht abwarten konnten und Händel suchten.

Statt jeder Antwort zog Murphy seine rechte Hand aus der Tasche. In der grünen Beleuchtung einer matt brennenden Laterne erblickte Diersch darin einen Revolver. Obwohl er das Vorgehen des Offiziers für übereilt hielt, holte auch er nun seine Waffe hervor.

Die drei Gestalten standen und wichen nicht.

Murphy hob ganz ruhig seinen Revolver. Es schien, als ziele er auf die Köpfe der drei.

»Herr Murphy ...« warnte Diersch.

War es zu spät? Plötzlich knallte ein Schuß. Murphy hatte geschossen. Getroffen hatte er nicht, denn nach wie vor standen die drei Gestalten da.

Plötzlich trappelten Schritte. Zwei, drei malaiische Matrosen kamen gelaufen, und da waren auch der Arzt und der Zweite Offizier.

»Ist das nun Geschicklichkeit oder Zufall?« sprach Murphy in die Dunkelheit hinein. »Ich habe mit meinem Schuß die grüne Laterne ausgelöscht. Hm ... Glaube doch, es war Zufall ...«

Die Haltung der Matrosen hatte nach wie vor etwas Drohendes. Nur waren es jetzt nicht mehr drei, sondern sieben. Dafür standen ihnen auch nicht zwei, sondern vier Männer gegenüber.

»Tuwan«, sagte plötzlich ein Malaie leise. Man konnte nicht erkennen, ob er eben erst hinzugekommen oder einer von den drei ersten war. »Wie spät ist es?«

»Dreizehn Minuten nach zehn«, antwortete Murphy bereitwillig, nachdem er einen Blick auf das Leuchtzifferblatt seiner Uhr geworfen hatte.

»So spät, Tuwan?« kam es aus dem Dunkel verwundert zurück. »Dann es ist ... sehr Zeit ... schlafen gehen ...«

»Den Eindruck habe ich auch«, sagte Murphy und sah unwillig den davonschleichenden Gestalten nach. Die Bedeutung dieses Vorfalls war ihm ganz klar: Toole hatte tatsächlich versucht, ihm zuvorzukommen, und hatte die Meuterei doch auf zehn Uhr festgesetzt. Durch die verstärkte Bewachung war aber der weitaus größte Teil der Mannschaft in den unteren Räumen so gut wie eingeschlossen und hatte einen gewaltsamen Durchbruch nicht gewagt. Die Malaien, die schon vorher an Deck gewesen waren, hatten loslegen wollen, gaben aber ihr Vorhaben auf, als sie merkten, daß die übrigen sie im Stich ließen.

»Wir werden die verstärkte Wache beibehalten«, entschied Grady, der anscheinend ganz ähnliche Gedanken hatte. »Nur soweit es nötig ist, sich den übrigen Passagieren zu zeigen, wollen wir eine Ausnahme machen. Jetzt gehen Dr. Pembroke und ich hinein, nachher lösen wir Murphy und Mr. Diersch hier ab ...«

Murphy war es gleich. Er war allerdings überzeugt davon, daß diese Maßnahme überflüssig war, denn jetzt würde vor ein Uhr bestimmt nichts mehr geschehen. Diese Weisheit behielt er aber für sich. Ob er nun hier stand oder bei den Passagieren war, ihm war eins so recht wie das andere. Er hatte bis zwölf Uhr Zeit. Genau bis zwölf Uhr.

Diersch knipste seine Dose auf.

»Eine Zigarette, Herr Murphy?«

Der Offizier nahm dankend an und reichte Diersch Feuer.

»Das sollten wir eigentlich nicht tun«, meinte Diersch. »Unsere Gesichter, durch das Streichholz beleuchtet, geben eine wunderbare Zielscheibe ab.«

»Die Matrosen, die meutern wollen, sind alle unten«, versetzte Murphy. »Außerdem stehen wir zu dicht beieinander, nicht wahr? Ich finde, Ihr und mein Schädel sind vor einer Kugel nie so sicher wie in diesem Augenblick.«

»Ich begreife Sie nicht ...« sagte Diersch befremdet. »Das klingt ja gerade so, als vermuteten Sie, ich könnte die Waffe gegen Sie erheben, und als beabsichtigten Sie ...«

»Es klingt schon richtig«, antwortete Murphy kühl. »Lassen Sie sich eins gesagt sein, mein Herr: Diese Frau gehört mir. So! Jetzt wissen Sie's. Das wollte ich Ihnen schon lange sagen.«

Diersch schwieg eine Weile.

»Darf ich fragen, mit welchem Recht Sie von Frau Meißner – auf sie beziehen sich doch Ihre Worte? – gleichsam als von ihrem Eigentum sprechen?« erkundigte er sich endlich.

»Mit dem Recht ihres zukünftigen Mannes, mein Herr«, sagte Murphy trocken.

»Ich werde Frau Meißner fragen, warum sie die Tatsache ihrer Verlobung mit Ihnen so geheim hält.«

»Wir sind zwar noch nicht das, was Sie verlobt nennen, aber ...«

»Ich verstehe! Es ist eine einseitige Verlobung. Verzeihen Sie, daß ich den Ausdruck beibehalte, aber ich weiß nicht, wie Sie so etwas zu bezeichnen pflegen ...«

»Herr Diersch, hüten Sie sich ... Ich bin einen solchen Ton nicht gewöhnt. Ich hielt Sie für einen harmlosen, jungen Mann, der eine Frau ein wenig anschwärmt und dann vergißt ... Ihre letzten Worte geben mir zu denken. Sie sind gewarnt. Nichts und niemand auf der Welt ist imstande, mir diese Frau zu nehmen ... Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, gehen Sie ihr aus dem Wege ...«

»Ich werde ihr aus dem Wege gehen, sobald sie mir sagt, sie liebe Sie oder einen anderen«, sagte Diersch fest.

»Wie Sie meinen. Ihre Sache.« Murphy wandte sich zum Gehen. »Ich habe genug von Ihrer Unterhaltung; ich schicke Ihnen den Arzt her.«

Diersch wandte sich wortlos ab, aber da gewahrte er eine helle Gestalt, die sich ihnen rasch näherte. Es war Erika.

Etwas außer Atem stand sie jetzt vor den beiden, fächelte sich mit dem Taschentuch frische Luft zu, und wenn es nicht so dunkel gewesen wäre, hätte man sehen können, wie überrascht sie war, gerade diese beiden Männer beieinander zu finden.

»Wo stecken Sie denn?« rief sie. Und sichtlich in Hast, als wolle sie keine Pause aufkommen lassen, sprach sie weiter: »Ich suche Sie überall. Jeden Tanz habe ich tanzen müssen, und dabei können doch diese Männer gar nicht tanzen ... Es ist schrecklich, aber trotzdem sehr lustig ...« Endlich ging ihr der Atem aus.

»Wen von uns beiden haben Sie denn eigentlich gesucht?« erkundigte sich Murphy höflich.

»Herrn Diersch«, sagte sie etwas verwirrt. »Wir wollten doch ... Wir hatten doch verabredet ...«

»Frau Meißner wollte diesen Abend aus einem besonderen Anlaß mit mir feiern«, erläuterte Diersch.

»Ah, ich verstehe ... Und ... hm ... aus welchem Anlaß, wenn man fragen darf?«

»Das hat sie mir auch nicht gesagt ...«

»Bis zwölf Uhr«, sagte Erika. Ihre Stimme klang jetzt hart. »Es geht niemanden an, was ich bis zwölf Uhr tue ... Selbst wenn ich ins Wasser springe, geht es niemanden etwas an ... Ich ... ich ...« Die aufsteigenden Tränen erstickten die weiteren Worte.

»Aber, was ist denn ... Ich begreife Sie nicht ...« stammelte Diersch.

»Sie müssen die Dame unbedingt beruhigen, Herr Diersch«, erklärte Murphy ernst. »Ich bleibe hier ... Schicken Sie mir, bitte, den Dr. Pembroke her ...«

Diersch faßte Erika beim Arm. Sie stützte sich schwer darauf, als er sie wegführte.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.