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Nord-Nordwest mit halber Kraft

Arnold Alexander Benjamin: Nord-Nordwest mit halber Kraft - Kapitel 8
Quellenangabe
authorArnold Alexander Benjamin
titleNord-Nordwest mit halber Kraft
publisherErich Zander Druck- und Verlagshaus
year1936
firstpub1936
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170711
projectid0b3d9bf3
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7.

Toole saß gähnend an seinem Tisch, vor sich ein Blatt Papier, auf dem er etwa zehnmal den Versuch unternommen hatte, eine fliegende Möwe zu zeichnen. Daneben stand eine halbgeleerte Flasche Whisky. Der Mann, der für die ganze Mannschaft das strenge Trinkverbot erlassen hatte, war nicht imstande, selbst Enthaltsamkeit zu üben. Toole war einer von den Gewohnheitstrinkern, die in nüchternem Zustand zu nichts mehr zu gebrauchen sind.

Beim Eintritt des Offiziers sprang der Funker hastig auf.

»Räumen Sie die Flasche weg«, sagte Murphy ruhig und setzte sich auf Tooles Platz. Er wischte mit dem Finger über einige Stellen des Telegraphenapparates. »Staub!« sagte er. »Staub, Schmutz, Liederlichkeit ... Wie war der letzte Standort der ›Brixham‹?«

Toole stammelte etwas Unverständliches.

»Wie?« fragte Murphy stirnrunzelnd.

Etwas deutlicher murmelte der Funker den Längen- und Breitengrad. Murphy sah auf die Karte über dem Tisch. Ja, ein Fähnchen markierte die von Toole angegebene Stelle.

»Wollen mal den jetzigen Standort feststellen«, bestimmte Murphy und setzte sich besser zurecht.

»Ich werde sofort ... Gestatten Sie ... werde sofort ...« stotterte der Funker ratlos.

»Nein, ich werde selbst«, widersprach Murphy und winkte ab.

Toole stand hinter ihm. Seine Gedanken wirbelten in einem tollen Tanz durcheinander. Jetzt gibt er das Telegramm auf, das die ganze Meuterei unmöglich machen wird, durchfuhr es ihn. Ich muß etwas tun! ... Schnell, sofort ... Der Funkraum muß augenblicklich in unsere Gewalt kommen, und wir müssen gleich losschlagen – gleich – nicht erst um zehn!

Murphy war fertig. In Erwartung der Antwort lehnte er sich bequem im Sessel zurück. Seine Finger spielten mit einem schön gespitzten Bleistift.

»Kommen Sie mal her«, sagte er. »Eine fliegende Möwe, schräg von der Seite gesehen, zeichnet man so ... Sehen Sie? Die Hauptsache sind die Flügel ... Ihre Möwen sehen wie kranke Hühner mit Fischflossen aus. So, so ... Ganz einfach ... Versuchen Sie mal ...«

Toole nahm gehorsam den Bleistift, den Murphy ihm reichte. Er beugte sich über das Blatt, starrte es an, aber er sah keine Möwe, nicht eine einzige ... Nur schwarze Kreise sah er, die sich drehten, tanzten und sprangen. Sein Bleistift zeichnete ein paar irre Striche, fuhr mit einem knirschenden Geräusch quer über das Papier, und dann brach die Spitze. Knacks. Aus.

»Aber hören Sie mal ...«, begann Murphy verwundert. Dann hob er lauschend die Hand und rückte mit der anderen den Kopfhörer zurecht. Sein Blick wandte sich wieder der Karte mit den Fähnchen zu. Wie? Hatte er sich verhört? Die »Brixham« gab ja einen ganz anderen Standort an. Verblüfft sah er auf, dorthin, wo Toole eben noch gestanden hatte. Aber dort stand kein Funker mehr. Hinter ihm mußte er jetzt sein, hinter ihm ...

Plötzlich begriff Murphy. Er begriff, daß der Funker die Standortsangabe der »Brixham« bewußt gefälscht hatte, und er begriff, daß sich der strategisch wichtigste Punkt des Dampfers – der Funkraum – tatsächlich schon in den Händen der Meuterer befand. Ganz kühl und klar waren seine Gedanken – auch dann noch, als er sich sagte, daß dieser Toole jetzt jedenfalls mit erhobenem Revolver hinter ihm stand und daß er nicht die leiseste Aussicht hatte, lebendig von hier zu entkommen. Der Funker mußte schießen! Tat er es nicht, so würde man ihn selbst fünf Minuten darauf in Eisen legen und später sicherlich als gefährlichsten der Meuterer zum Tode verurteilen.

Murphy wandte sich nicht um. Tat er es, so kam der Tod sofort. Tat er es nicht, so ... Vielleicht hatte er dann doch noch eine Chance!

»Die ›Brixham‹ meldet sich nicht«, sagte er mit hohler Stimme. Seine Hand fuhr in die linke Rocktasche nach dem Zigarettenetui. Die Bewegung war rein mechanisch. Er wollte rauchen, und er machte diese verhängnisvolle Bewegung. Ebenso gut hätte er in die rechte Rocktasche greifen können, wo sein Revolver steckte.

»Halt!« kreischte Toole auf. Seine Stimme überschlug sich. »Legen Sie die Hände auf den Tisch ...!«

Murphy legte die Hände auf den Tisch. In der Linken hielt er seine silberne Zigarettendose. Dieser Idiot hatte nicht geschossen! Worauf wartete er? Murphy knipste die Dose auf: sie war leer.

»Haben Sie eine Zigarette für mich?« fragte er beherrscht. Er hütete sich, eine verdächtige Bewegung zu machen.

»Da!« Eine Zigarette flog über seinen Kopf hinweg auf den Tisch. Streichhölzer folgten. Dann fühlte Murphy, wie sich eine Hand in seine rechte Tasche senkte. Jetzt hatte er also keinen Revolver mehr.

Wenn doch jemand käme! Wenn doch jemand käme! Aber wer sollte jetzt hierher kommen? Höchstens der Zweite Funker. Und der war bestimmt mit im Komplott ...

»Ich muß Sie töten ...«, sagte Tooles tonlose Stimme hinter ihm.

Murphy hatte ein Gefühl, als kröchen Tausende kleiner Ameisen über seine Haut. Überall dort, wo in der nächsten Sekunde die Kugel eindringen konnte, hatte er dieses Gefühl. Es war nicht Angst. Murphy wunderte sich, daß er sich gar nicht fürchtete. Er war dem Tode nie so nahe gewesen wie jetzt, und doch fürchtete er sich nicht. Es war eher ein Gefühl schauriger Gespanntheit, das ihn beherrschte. Er empfand auch gar keinen Zorn gegen Toole. Eher sogar etwas wie Verachtung. Er selbst hätte an Tooles Stelle schon längst geschossen und dann sofort das Zeichen zum allgemeinen Aufstand gegeben. Aber der Mann war feige. Und dumm. Feige und dumm. Und das war vielleicht doch eine kleine Chance.

»Wenn Sie mich umbringen, mißlingt die Meuterei«, sagte Murphy gefaßt. Er war vom Gegenteil überzeugt. »Die zwei Matrosen, die ich vor der Tür postiert habe, werden den Schuß hören, und dann ist es eben aus ...« Er wartete ein, zwei Sekunden lang, aber es kam keine Antwort. »Warum habt Ihr eigentlich die ganze Meuterei angezettelt?« fragte er plötzlich.

»Das geht Sie nichts an!«

»Du kannst es mir doch ruhig sagen«, meinte Murphy gelassen. »Nachher erschießt du mich doch ...«

»Wegen der ... der Steine«, kam es gepreßt zurück. »Prochorow hat eine Unmenge kostbarer Steine bei sich ...«

»Und wann sollte die Geschichte losgehen?«

»Heute, um zehn Uhr abends.«

Murphy wunderte sich immer mehr. Wie ein ertappter Verbrecher gab dieser Mann Auskunft. Und dabei hielt er einen Revolver in der Hand und mußte schießen. Sofort schießen! Erst auf ihn und dann auf die zwei Matrosen, die sofort hereinstürzen würden!

»Und wer sollte dann den Dampfer führen?« fragte Murphy weiter.

»Wir dachten, der Zweite Offizier ... Er ist noch sehr jung, und da dachten wir ... wir wollten ihn zwingen ...«

»So? Na, vielleicht tut er's, vielleicht fährt er den Kahn auch zum nächsten englischen Kriegsschiff ... Wo wollt ihr denn überhaupt landen?«

»Irgendwo an der Küste eines neutralen Landes ...«

»Also an der portugiesischen Küste ...« Murphy schüttelte tadelnd den Kopf. »Dort erwischt euch doch unweigerlich die Polizei. So hübsch einen nach dem andern. Die liefert euch dann aus, und in England gibt's Zuchthaus – und nicht zu knapp.«

»Ja, das ist gefährlich, aber ... Ja, wohin sollen wir denn sonst? In Spanien ist es dasselbe, überall ist es dasselbe ...!«

»Ich werde euch nach Mauretanien bringen«, sagte Murphy und stand auf. Er durfte jetzt aufstehen, und er durfte sich umwenden. Toole stand – genau wie Murphy es erwartet hatte – fassungslos da und hatte die Hand mit dem Revolver gesenkt.

»Sie ... Sie wollen ... Aber warum denn? Sie, als Offizier ...«

»Ich kann Steine ebenfalls gut gebrauchen«, sagte Murphy nachlässig lächelnd.

Die Augen Tooles flackerten unruhig und mißtrauisch.

»Sie wollen mich nur betrügen, damit ich nicht auf Sie schieße ...«

Also hat er es endlich doch begriffen, dachte Murphy. Dann sprach er ruhig und leidenschaftslos weiter, er wußte, daß er jetzt um sein Leben sprach.

»Du hast die Wahl, Toole! Schieß mich nieder, und alles ist verloren! Oder glaube mir, und ich bringe das Schiff unbehelligt nach Mauretanien. Dort können wir alle verschwinden. Dort – ja. Du fürchtest Verrat? Gut, dann will ich dir sagen, warum ich mitmache: Nicht allein der Steine wegen. Auf dem Schiff ist eine Frau, verstehst du ...«

»Die deutsche Frau?« rief Toole aus.

»Ja, und diese Frau muß mir gehören ... und da es anders nicht geht, muß sie eben mit mir nach Mauretanien ...«

Toole dachte eine Weile angestrengt nach. Dann senkte sich die Hand mit dem Revolver.

»Mr. Murphy«, sagte er langsam. »Ich habe Sie vorhin nicht erschossen, weil ... nun, wahrscheinlich, weil ich eben kein richtiger Mörder bin. Aber ich schwöre Ihnen: Wenn Sie uns verraten, schieße ich Sie wie einen Hund über den Haufen ...«

»Ich bin davon überzeugt, Toole«, antwortete der Offizier. »Jetzt muß ich gehen, sonst fällt mein langes Ausbleiben auf. In einer Stunde komme ich wieder. Dann sprechen wir den Plan in allen Einzelheiten durch. Vorläufig nur eins: Nicht um zehn, sondern um ein Uhr nachts muß es geschehen. Verstanden?«

»Aber warum denn ...?«

»Um zehn Uhr werden die Leute noch nüchtern sein. Um eins – da kannst du die Nüchternen zählen.«

Das leuchtete Toole ein. Er ahnte nicht, daß noch ein anderer Grund Murphy zu dieser Verschiebung bewog: Um zwölf Uhr holte er sich eine Antwort. Sagte Erika ja, so lag für ihn nicht die geringste Veranlassung vor, als Meuterer nach Mauretanien zu fahren. Dann konnte er ein ehrlicher Mensch bleiben und nach wie vor seine Pflicht erfüllen. Und die Pflicht, diesen feigen, idiotischen Kerl einzusperren, würde er sogar mit besonderer Freude erfüllen ... Sagte Erika aber nein, so war der Zeitpunkt nach Mitternacht für die Meuterei tatsächlich der günstigste. Als Murphy die Tür des Funkraums hinter sich geschlossen hatte und mit dem gewohnten festen Schritt über das Deck ging, spürte er plötzlich ein heftiges Zittern in den Knien. Es war so stark, daß er sich gegen die Reling lehnen mußte. Murphy schämte sich unsäglich vor sich selber: Er hatte Angst, körperliche, tierische Angst vor dem Revolver des feigen Toole. Jetzt, da alles vorbei und überstanden war, packte ihn das Grauen.

Als Kapitän Grady auf ihn zukam, riß er sich gewaltsam zusammen und stand so gerade wie sonst da.

»Nun, haben Sie die Stichprobe gemacht?« fragte Grady. Aus dem Ton der Frage ging deutlich hervor, daß der Kapitän an seinem Funker nicht zweifelte.

»Ja«, sagte Murphy. Jetzt, da er vor dem Kapitän stand, erschien ihm alles wie ein wüster Traum. Was hatte er Toole zugesagt? War es nicht Wahnsinn? Und er selbst hatte wirklich daran geglaubt, daß er plötzlich die Waffe gegen seinen Kapitän richten würde ... Unsinn! Der Funker mußte sofort festgenommen werden und dann ...

»Nun, und?« forschte Grady ungeduldig, da Murphy schwieg.

»Ja, und ich möchte melden ...« Murphy unterbrach sich. Er hörte ein helles, frohes Frauenlachen. Er kannte dieses Lachen. Das war sie, Erika! ... Richtig, da kam sie ... Sie schritt neben Diersch einher, der munter auf sie einsprach ... Sie lachte ihn an, und ihre Augen verrieten viel ... Jetzt streifte ihr Blick Murphy. Die Stirn zog sich in krause Falten. Unwillig sah sie weg.

»Ich möchte melden, daß alles in Ordnung ist«, sagte Murphy mit fester Stimme. »Die ›Brixham‹ hatte südlicheren Kurs genommen, und daher haben wir sie verfehlt.«

»Na, also!« Grady lachte. »Und Sie sahen schon Gespenster!«

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