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Nord-Nordwest mit halber Kraft

Arnold Alexander Benjamin: Nord-Nordwest mit halber Kraft - Kapitel 7
Quellenangabe
authorArnold Alexander Benjamin
titleNord-Nordwest mit halber Kraft
publisherErich Zander Druck- und Verlagshaus
year1936
firstpub1936
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170711
projectid0b3d9bf3
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6.

Unten im Kesselraum in sengender Hitze schaufelten die Heizer die Kohlen in die glühenden Mäuler der Öfen. Es waren Araber, Nubier und Malaien. Nur zwei Weiße befanden sich darunter. Die Oberkörper der Männer waren entblößt und von Ruß und Öl noch schwärzer als sonst. Nur dort, wo der Schweiß herunterlief, bildeten sich kleine hellere Streifen, die aber bald wieder die grauschwarze Färbung annahmen, die alles hier bedeckte: Gesichter und Arme und jedes Kleidungsstück, sei es vorher noch so weiß gewesen.

Am Nachmittag tauchte für Sekunden ein Malaie auf. Er hatte hier nichts zu suchen, und er blieb auch nur zwei Sekunden lang im Kesselraum.

»Heute abend, um zehn Uhr«, flüsterte er dem vordersten Heizer zu.

»Heute abend, um zehn Uhr«, flüsterte dieser dem Nachbarn zu, und der Nachbar gab die Worte seinem Nebenmann zur anderen Seite weiter.

»Heute abend, um zehn Uhr«, sagte ein Matrose dem anderen. Nicht allen Matrosen wurde es gesagt; nur denen, deren man sicher war. Ganz glatt vollzog sich das Durchgeben des Befehls. Alles war vorbereitet. Es gab keine Beratungen, kein auffallendes Zusammenrotten mehr. Es gab nichts mehr zu besprechen. Es galt nur noch, zu handeln. Heute abend, um zehn Uhr!

Oben, in den gemütlichen Räumen der Passagiere, galt eine andere Losung: Heute abend, um acht Uhr – hieß es hier. Heute abend um acht Uhr ist Reunion. Murphy entfaltete eine fieberhafte Tätigkeit. Er hatte mit seinem Eifer alle angesteckt. Ein großartiges Fest sollte das werden, ein Fest, wie es der »Cardigan« noch nie erlebt hatte.

Auf einem der großen Überseedampfer wäre es ein leichtes gewesen, ein solches Fest steigen zu lassen. Da aber der »Cardigan« ein Handelsdampfer war und es an allen Requisiten fehlte, war es eine schwer zu bewältigende Aufgabe. Aber gerade diese Schwierigkeiten spornten den Eifer der Passagiere an, und eins jedenfalls hatte Murphy erreicht: Kein Mensch dachte an den Vorfall mit dem Malaien, alle hatten die Hände voll zu tun, alle lachten und scherzten und waren wie eine einmütige große Familie. Die einen waren dazu abkommandiert, jeden nur erreichbaren Fetzen bunten Papiers im Namen der Schiffsleitung und des Festkomitees zu beschlagnahmen, andere klebten eifrig farbige Lampions, wieder andere übten an dem blechern klingenden Klavier mit viel Eifer und wenig Stimme einige Lieder ein, mit denen sie die Allgemeinheit in angenehmer Weise – so dachten sie – überraschen wollten. Für das beste Tanzpaar hatte Prochorow einen kleinen Smaragd gestiftet. Er war überzeugt, daß er ihn behalten würde, denn der Tanzwettbewerb war für elf Uhr festgesetzt. Und um zehn Uhr würde wohl niemand mehr ans Tanzen denken ...

Es war vier Uhr nachmittags, als Murphy den Rauchsalon betrat, der heute wie eine Werkstatt aussah. Überall an den Tischen saßen emsig klebende, schneidende und malende Menschen, und der Boden war mit Papierschnitzeln aller Farben bedeckt. Murphy war auf dem Wege zum Funkraum, um endlich die beabsichtigte Stichprobe vorzunehmen. Erst mußte er aber noch hier nach dem Rechten sehen.

»Das soll ein Mond sein«, sagte Professor Berwick und hielt Murphy ein unförmiges Gebilde hin, das mit dem Mond insofern unzweifelhafte Ähnlichkeit hatte, als es einwandfrei gelb war.

»Er macht einen etwas ... hm ... viereckigen Eindruck«, meinte Murphy.

»Ich habe das gleich gesagt!«, rief Frau Kaufmann angriffslustig. »Aber der Herr Professor wollte nicht hören ...«

»Bitte«, widersprach Berwick beleidigt. »Erstens reichte das Papier nicht für die Rundung, und wenn ich was abgeschnitten hätte, wäre die Sache zu klein geraten. Zweitens ist es der erste Mond meines Lebens ...«

»Erstaunlich«, sagte Murphy anerkennend. Dann trat er zu Frau Kaufmann, die mit ihrem Mann gemeinsam an etwas Länglichem arbeitete. »Eine Wurst?« mutmaßte der Offizier.

Sie sah ihn zornig an.

»Haben Sie schon einmal eine silberne Wurst gesehen? Ich nicht. Das ist ein Zeppelin ...«

»Natürlich, natürlich ... Man erkennt es sofort, wenn man es weiß«, meinte Murphy und ging eilig zu dem nächsten Tisch. Hier saß ganz allein Erika und malte auf einen riesigen Bogen dicken Papiers eine japanische Landschaft.

»Das kommt an die Wand«, sagte sie und sah Murphy freundlich an. Es war das erstemal, daß ihn diese Frau so anblickte.

Er setzte sich neben sie und sah ihr eine Weile stumm zu.

»Schade, daß Sie so schlechtes Material haben«, meinte er endlich. »Dieses Bild sollte auf einem richtigen Bogen Zeichenpapier prangen. Es würde jedes Zimmer schmücken.«

Sie errötete ein wenig.

»Sie übertreiben ... Ich kann ja gar nichts. Das ist nur ... ein bißchen Schule, sonst nichts ...«

»Warum sind Sie eigentlich nicht immer so?« fragte er leise.

Sie sah rasch von ihrer Arbeit auf. Es schien, als wolle sie der Frage mit einem flüchtigen Scherzwort ausweichen. Doch dann sagte sie ganz ernst: »Das wissen Sie sehr gut, Herr Murphy.«

»Sie hoffen also immer noch ...« Er zögerte. »Übrigens habe ich heute einen wichtigen Entschluß gefaßt.«

Sie wollte ihn nach dem Entschluß fragen, aber etwas in seiner Stimme warnte sie. Da beugte sie sich still wieder über ihre Malerei.

»Sie fragen nicht, was für einen Entschluß ich faßte?« meinte er nach einer Minute Schweigen.

»Wenn Sie wollen, werden Sie es mir sagen, auch ohne daß ich frage.«

»Würden Sie mich einen Augenblick anhören?« bat er. »Von Anbeginn der Fahrt an sind Sie mir ausgewichen. Warum eigentlich? Wollen Sie mit mir an Deck gehen? Fünf Minuten, zehn Minuten ... nicht länger ... Hier hört man uns.«

Sie legte den Pinsel weg und stand auf. In diesem Augenblick trat Diersch ein.

»Ah, Frau Erika!« rief er. »Ich habe noch zwei Bogen aufgetrieben ...«

»Ich bin gleich wieder da«, sagte sie mit einem leisen Lächeln und ging an Murphys Seite hinaus. Diersch sah ihr ein wenig ratlos nach.

»Hier hört uns niemand«, sagte Murphy und blieb, gegen die Reling gelehnt, stehen. »Ich mußte Sie unbedingt sprechen, Frau ... Meißner. Sie wissen, daß Ihnen Gefahr droht ...«

»Von Ihnen?« unterbrach sie ihn, und ihr Gesicht war jetzt ernst und angespannt.

»Von mir? N ... nein ...« sagte er unschlüssig. »Das heißt ... Ich will ehrlich sein: Ich hatte die Absicht, die Geschichte zu melden, damit man Sie nicht von Bord läßt, nicht nach Deutschland läßt, wo Sie für mich verloren sind ... Aber ...«

»Nun, aber? ...« Sie hatte den Kopf gesenkt und sah in das glitzernde Meer.

»Ich habe eingesehen, daß Sie für mich auch verloren wären, wenn man Sie bei uns ins Gefängnis steckt ... Ich will nicht sagen, daß ich jetzt entschlossen bin, Sie einfach von Bord gehen zu lassen ...«

»Gut, Sie haben mich in der Hand«, unterbrach sie ihn. »Niemand aber weiß besser als Sie, daß ich völlig schuldlos bin ...«

»Ich wüßte nicht, wieso gerade ich ...«

»Gerade Sie! Der Verdacht der Polizei gegen mich stützt sich hauptsächlich auf die Tatsache, daß ein Mann in der Nacht vom vierten auf den fünften Mai auf dem Flugplatz einer blonden Frau ein Paket übergab. Das Paket enthielt Opium – das ist später nachgewiesen worden. Und diese Frau soll ich gewesen sein. Verschiedene Leute wollen mich auf Lichtbildern genau erkannt haben. Wo waren Sie in der Nacht vom vierten auf den fünften Mai?«

»Ich erinnere mich nicht ...«

»Sie wollen sich nicht erinnern, Herr Murphy. Wenn Sie sich nämlich erinnerten, brauchte ich jetzt nicht wie eine Verbrecherin zu fliehen. Die Tage vom zweiten bis sechsten Mai verbrachten Sie als Gast in unserem Haus. Sie warteten auf die Rückkehr meines Mannes. Den Abend des vierten Mai verbrachten Sie in meiner Gesellschaft. Gegen elf Uhr trennten wir uns. Die blonde Frau traf mit meinem Mann um halb zwölf Uhr zusammen. Von unserem Besitz bis zum Flughafen sind es etwa anderthalb Stunden – mit dem schnellsten Wagen. Wer sollte also besser als Sie wissen, daß ich nicht die gesuchte Frau bin?«

»Sehr schön, aber warum bezeugt denn das niemand von Ihrer Dienerschaft?«

»Weil jener Abend für meine Dienerschaft ein Abend wie jeder andere war. Ich verreiste häufig, und niemand im Hause führte über die Daten Buch.«

»Und warum sollte für mich jener Abend nicht ein Abend wie jeder andere gewesen sein?«

Ihre Augen blitzten zornig, als sie antwortete:

»Weil Sie sich an diesem Abend erkühnten, zu mir, einer verheirateten Frau, von Ihrer Liebe zu sprechen!«

»Möglich«, versetzte er kühl. »Aber ich führe über die Daten meiner Liebeserklärungen ebenfalls nicht Buch.«

»Sie müssen es aber wissen, weil drei Tage darauf Ihr Dampfer abging, den Sie – wie Sie behaupteten – meinetwegen im Stich ließen.«

Eine Weile antwortete er nicht. Er hatte die Arme auf die Reling gestützt und starrte vor sich hin ins unruhige Wasser.

»Wir wollen unser Gespräch beenden«, sagte er endlich schroff. »Ihre Aussichten, Deutschland zu erreichen, sind – sofern ich mich nicht erinnere – gleich Null. Prochorow hat nämlich geplaudert, und an Bord des Schiffes befindet sich der berüchtigte Inspektor Leith von Scotland Yard. Er wird Sie verhaften, ehe Sie von Bord gehen – es sei denn: ich erinnere mich. Ja ... so ist es. Ich könnte mich aber nur unter einer Bedingung erinnern: Wenn Sie meine Frau werden. Sie brauchen nur ja zu sagen, und ich lasse für heute abend alles vorbereiten ...« Er sah, wie sie erschrocken den Kopf hob und sprach schnell weiter, als wolle er ihr keine Zeit lassen, zu widersprechen: »Auf dem Trauschein geben wir Ihren Namen richtig an. Der Betrug ist dadurch aus der Welt geschafft: ein Schreibfehler irgendeines Beamten ist es dann, nichts weiter.«

Sie blickte weg und schwieg.

»Sie brauchen mir nicht gleich zu antworten«, sagte er wieder freundlicher. »Überlegen Sie sich alles gut. Bis heute abend haben Sie Zeit. Um zwölf Uhr hole ich mir Ihre Antwort.«

»Warum wollen Sie mich heiraten?« fragte sie leise. »Ich besitze nichts, ich liebe Sie nicht ...«

»Aber ich liebe Sie«, sagte er kalt.

Die untergehende Sonne warf ihre letzten wärmenden Strahlen auf sie, aber der Widerspruch zwischen dem Sinn und dem eisigen Ton der Worte machte Erika frösteln.

»Das ... das, was Sie für mich empfinden, ist niemals Liebe gewesen«, sagte sie traurig. »Sie wissen gar nicht, was das für ein Gefühl ist. Sie sind auch nicht imstande ...«

»So?« fragte er spöttisch, »Sie halten wohl das für Liebe, wenn zwei Menschen wie Tauben herumhüpfen, sich bei den Händen fassen, einander in die Augen blicken, feurige Worte stammeln von ewiger Liebe und Treue und dann traurig auseinandergehen, weil irgendeiner der Väter die Geldbörse mit einem hörbaren Klick zuschnappen läßt und sich weigert, in dieser Liebe sein sauer erworbenes Kapital zu investieren? Ach nein, Frau Meßner. Das ist nicht Liebe. Liebe ist, wenn einer bereit ist, für den anderen alles wegzuwerfen, was bis dahin sein Leben ausmachte: Karriere, Pflicht, meinetwegen Geld und endlich auch sogar das Leben selbst ...«

»Das sind leere Worte, Herr Murphy«, sagte sie und wandte sich zum Gehen. »In Wirklichkeit wirft man gar nichts weg, sondern man nützt geschickt die verzweifelte Lage einer Frau aus ...«

»Frau Meßner!« rief er vorwurfsvoll.

»Ich werde Ihnen heute abend um zwölf Uhr die Antwort geben. Wenn man zwischen Gefängnis und Ihnen zu wählen hat, fällt einem die Wahl schwer ...«

Er war kreideweiß geworden. Eine Weile stand er so und blickte ihr nach, dann riß er sich zusammen und ging zum Funkraum.

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