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Nord-Nordwest mit halber Kraft

Arnold Alexander Benjamin: Nord-Nordwest mit halber Kraft - Kapitel 3
Quellenangabe
authorArnold Alexander Benjamin
titleNord-Nordwest mit halber Kraft
publisherErich Zander Druck- und Verlagshaus
year1936
firstpub1936
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170711
projectid0b3d9bf3
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2.

Die Uhr war sieben. Der Steward lief eilig durch alle Räume und schlug auf seinen Gong. Einzelne Gruppen der Passagiere strebten bereits dem Speisesaal zu. Manche hatten sich zum Abendessen umgezogen, die meisten hielten dies bei der herrschenden Wärme nicht für angebracht.

Der Dritte Offizier war im Begriff, den Zweiten abzulösen, und wollte eben die Kommandobrücke erklettern, als ein Anruf des Kapitäns ihn zurückhielt:

»Mr. Murphy, auf ein Wort!«

Der Offizier griff schweigend an den Mützenrand und folgte dem Kapitän in dessen Kajüte. Grady knipste das Licht an, legte seine Mütze auf einen Stuhl und ließ sich an den kleinen, mit Karten und Büchern bedeckten Tisch nieder.

»Sie hatten einen Wortwechsel mit einem Passagier«, fragte er und sah seinen Offizier prüfend an.

»Jawohl, Kapitän.«

»Nehmen Sie doch Platz«, sagte Grady, aber der andere blieb nach wie vor stehen, als wolle er damit betonen, daß er diese Unterredung als streng dienstlich auffasse. »Der Vorfall hat peinliches Aufsehen erregt«, fuhr Grady fort. »Sie hätten das taktvoller machen müssen ... Hm ... wenn überhaupt! Es ist zwar die erste Reise, die Sie mit mir machen, und ich kenne Sie daher wenig, doch sind Sie mir als ein sehr tüchtiger Seeoffizier empfohlen worden ... ja ... Als Offizier eines Dampfers, der Passagiere mitführt, haben Sie aber auch die Pflicht, diesen Passagieren den Aufenthalt auf dem Dampfer so angenehm wie möglich zu machen ... Ich wünsche nicht, daß die Fahrgäste sich auf unserem Frachtdampfer weniger wohl fühlen als auf den regelrechten Passagierdampfern. Ich bitte Sie, in Zukunft ... Na, kurz und gut: Sie haben mich verstanden?«

»Jawohl, Kapitän«, antwortete Murphy wieder. Die Unterredung schien damit beendet zu sein, aber der Offizier stand nach wie vor in sehr aufrechter Haltung an der Tür.

»Sie können jetzt gehen«, sagte Grady und stopfte sich seine Pfeife.

»Ich habe eine Bitte«, sagte der Offizier.

Der Kapitän sah kurz auf.

»Ja?«

»Dürfte ich die Passagierliste einsehen?«

»Gewiß, sie liegt im Rauchzimmer aus«, antwortete Grady.

»Ich meine die ... andere Liste«, erläuterte der Offizier.

Der Kapitän stand mit einem Ruck auf, nahm ein blaues Aktenheft von einem Regal und reichte es Murphy. Er sprach kein Wort, aber deutlicher als jedes Wort verriet sein Gesicht heftigen Unwillen.

Murphy las im Stehen. Er las sehr aufmerksam. Sechsundzwanzig Namen las er und unter jedem dieser Namen die genauen Angaben über den Zweck der Reise, die Pläne und Vermögensverhältnisse jedes einzelnen. Bei den meisten Namen stand der Vermerk »In Ordnung«, bei einzelnen ein längerer Bericht, der mit den zwei Worten »zu beobachten« schloß. Der Offizier hatte die Liste auf den Tisch gelegt und sein Notizbuch aus der Tasche gezogen. Er schrieb nur einige Worte, dann klappte er sein Büchlein zu und gab dem Kapitän auch die Liste zurück.

»Nun?« fragte Grady unmutig. Er wanderte langsam in dem engen Raum auf und ab.

»Ich glaube nicht, daß alle Passagiere Bremen erreichen werden«, sagte Murphy kühl. »Außerdem stimmt die Liste nicht.«

»Bitte, die Liste Scotland Yards stimmt immer«, berichtigte der Kapitän.

»Lesen Sie bei Nummer 6 nach«, sagte Murphy achselzuckend.

Grady schlug das blaue Aktenheft auf und las laut:

»Erika Meißner, geb. Wundt, fünfundzwanzig Jahre alt, Tochter eines deutschen Gutsbesitzers aus dem Rheinland. Politisch unverdächtig. War verheiratet. Ihr Mann vor drei Jahren verstorben. Gesuch um Ausreise bewilligt. Reist in Begleitung von Ossip Prochorow (siehe Nr. 5). In Ordnung.« Der Kapitän sah auf. »Nun, und?«

»Sie heißt nicht Meißner, sondern Meßner. Sie ist die Frau jenes Meßner, dessen Selbstmord vor einigen Monaten in Kairo großes Aufsehen erregte. Scotland Yard war dahinter gekommen, daß sich der Mann mit Opiumschmuggel befaßte. Sein Haus war bereits von Kriminalbeamten umstellt, Flucht unmöglich – da griff er zur Waffe ...«

»Was hat das alles mit der Frau und ihrer Reise zu tun?«

»Scotland Yard sucht die Frau seit Monaten, weil sie ihrem Mann bei seinen verbotenen Geschäften geholfen haben soll ...«

»Ist das bewiesen?«

»Scotland Yard wird es beweisen.«

Der Kapitän sagte eine Zeitlang nichts. Mit erregten Schritten ging er auf und ab. Dann blieb er vor Murphy stehen.

»Woher wissen Sie das?«

»Ich kenne die Frau.«

»So!« Kapitän Grady stampfte wieder zwei, drei Schritte durch das Zimmer. »Ich fange an zu begreifen«, sagte er. »Es war doch diese Frau, mit der sich der Zwischendeckpassagier unterhielt? Sie wollten sie allein sprechen, nicht wahr? Sie wollten sie warnen? Sie wollten ihr sagen, sie möge vorsichtig sein, da auf dem Dampfer unerkannt Inspektor Leith, der gefürchtetste Geheimpolizist Scotland Yards, mitreist. Habe ich recht?«

»Nein, Kapitän«, versetzte der Offizier ruhig. »Ich habe keine Veranlassung, der Frau schon jetzt zu sagen, daß man sie in Bremen nicht von Bord lassen wird.«

»Wer wird sie nicht von Bord lassen?« rief Grady heftig.

»Sie, Kapitän. Ich werde Sie zur gegebenen Zeit offiziell darum ersuchen.«

Grady stopfte das blaue Aktenheft mit einer wütenden Bewegung unter einen Stoß Papiere.

»Ich muß jetzt zum Abendessen«, sagte er kurz. »Sie haben Dienst, Mr. Murphy?«

»Jawohl, Kapitän.« Murphy griff an den Mützenrand, drehte sich hart auf dem Absatz um und ging hinaus. Er hörte den grimmigen Fluch seines Kapitäns nicht mehr, aber er wußte genau, daß Grady jetzt fluchte.

*

Als der Kapitän den Speisesaal betrat, war man schon beim Braten angelangt. Grady wurde freudig begrüßt, und er enttäuschte auch nicht die allgemeine Erwartung. Auf seinen Wink hin brachten zwei neuangeworbene malaiische Stewards Sektflaschen und Gläser herbei, und obwohl sie aus Mangel an Übung mit diesen Dingen ziemlich ungeschickt umgingen, gelang es ihnen doch nach einer Weile, ohne ernsteren Zwischenfall vor jeden Tischgast einen gefüllten Sektkelch hinzustellen. Der Kapitän stand auf und hielt die Rede auf das Wohlgelingen der Fahrt, deren einzelne Worte er besser kannte als das Vaterunser. In nichts unterschied sich diese Rede von den vielen, die er an diesem Tisch schon gehalten hatte, als im Ton, der heute rauher war als sonst. Mehrmals sah er während der Rede Erika an, aber nicht einmal dann, als sie ihm freundlich zulächelte, kam er ins Stocken. Manchmal, bei einer scherzhaften Wendung, unterbrach ihn ein kurzes Gelächter, und die Gesichter der Gäste leuchteten beifällig freundlich, sichtlich zufrieden mit der rednerischen Leistung des Kapitäns. Hätte aber jetzt jemand Grady unterbrochen, so wäre er hilflos steckengeblieben, da er nicht wußte, bei welcher Stelle seiner schönen Rede er war. Seine Gedanken waren in Bremen. Er sah alle diese Fahrgäste mit frohen Gesichtern den Dampfer verlassen, und nur eine nicht ... Erika nicht ...

»Hoch, hoch, hoch!«, riefen die Passagiere und hoben ihre Gläser. Alle wollten mit dem Kapitän anstoßen. Auch Erika kam auf ihn zu. Für eine Sekunde kreuzten sich ihre Blicke, dann drängten sich andere Menschen dazwischen, aber Kapitän Grady hatte plötzlich vom Anstoßen genug. Er trank sein Glas auf einen Zug leer und setzte es allzu heftig auf den Tisch. Der Fuß brach ab, das Glas kippte um, und Scherben klirrten.

Frau Professor Kaufmann war es, die sofort äußerte, Scherben brächten Glück. Man nahm es ihr nicht übel, denn hätte sie die Bemerkung unterlassen, so wären zehn andere bereit gewesen, dieselbe wichtige Feststellung zu machen. Außerdem war man jetzt in bester Stimmung, und der Abend versprach wirklich hübsch zu werden.

Einzelne Damen und Herren hatten Abendkleider angelegt, und auch die anderen, die das unterlassen hatten, machten einen festlichen Eindruck. Nur Wolfgang Diersch in seinem hellgrauen Anzug paßte nicht recht zu dem Bild. Der Anzug saß schlecht, und die graue Farbe des Stoffs war nicht einheitlich, es schien fast, als hätte man an diesem Stoff neuartige Bleichversuche unternommen, die stellenweise auch durchaus gelungen waren. Mancher mitleidige Blick streifte den jungen Mann; er aber schien sich nicht im mindesten bemitleidenswert zu fühlen, denn sein Gesicht strahlte vor Glück. Die Ursache dieser Freude blieb niemandem verborgen: Wolfgang Diersch saß neben Erika, und diese Frau sah in ihrem dunkelblauen Abendkleid so verführerisch aus, daß mancher andere Mann Diersch um seinen Platz beneidete.

»Wissen Sie auch, daß ich diesen Zufall, Ihre Nachbarin zu sein, ganz entzückend finde?« wandte sich Erika an Diersch und sah sich ein wenig vorsichtig um, ob ihr Nachbar zur Rechten, Ossip Prochorow, diese Worte nicht gehört hatte.

»Das freut mich riesig«, antwortete Diersch. »Aber Zufall ...? Wer sagt denn das? Ich habe ihm nachgeholfen! Drei Schillingstücke rollten in die sehnsüchtig geöffnete Hand eines Stewards, und schon gehörte mir der Platz ... Wie konnten Sie glauben, daß ich die Verleihung dieses Platzes einfach dem Zufall überlasse?«

»Aber Sie hätten für Ihre Schillinge sicherlich eine bessere Verwendung finden können ...«

»Ganz undenkbar«, widersprach er. »Und dann – wenn Sie recht hätten: ich habe ja noch fünf Schillinge ...«

»Ist das alles, was Sie noch haben?« fragte sie erschrocken.

»Augenblicklich ja. Aber in Deutschland werde ich Arbeit bekommen und dann schnell reich werden ... Das heißt – ich will ja gar nicht reich werden, ich will nur, daß es mir gut geht ... Aber was haben Sie denn?« Er sah sie erstaunt an, denn so deutlich wie ein Spiegel verrieten ihre Züge Verwirrung.

»Ach, nichts ...«, wehrte sie ab. »Bitte, sprechen Sie weiter. Also Sie wollen, daß es Ihnen gut geht ...«

Einen Augenblick lang sah er in ihr blasses Gesicht, aber es schien ihm jetzt ganz unbefangen zu sein. Wahrscheinlich hatte er sich vorhin getäuscht. Während er lebhaft von seinen nächsten Plänen erzählte, merkte er nicht, wie sich die Frau etwas nach der anderen Seite lehnte, und er spürte auch nicht, daß sie ihm eigentlich gar nicht mehr richtig zuhörte. So sehr sie sich aber bemühte, noch etwas von dem Gespräch Prochorows mit seinem Sekretär zu erlauschen, es gelang ihr nicht, die beiden sprachen zu leise. Nur die ersten Worte Prochorows hatte sie gehört: »Dieser Deutsche gefällt mir nicht. Der ist für uns gefährlich. Unser Plan –« Mehr noch als diese Worte hatte ihr Ton sie verwirrt: es war ein herrischer, brutaler Ton gewesen, wie sie ihn an dem stets rücksichtsvollen Prochorow nicht gewöhnt war.

Ignatjew kannte diesen Ton bedeutend besser. Und auch die Worte selbst hatten ihn nicht verwundert. Im Innern gab er Prochorow recht. Eine Weile hatte er nicht geantwortet und nur nachdenklich mit dem Teelöffel in der Nachspeise herumgestochert. Dann endlich sagte er sehr leise, ohne aufzublicken:

»Sie müßten mit ihm bekannt werden.«

»Er scheint arm zu sein«, antwortete Prochorow, und auch er sprach jetzt leiser. »Vielleicht ist da mit Geld was zu erreichen; wenn nicht –«

»Versuchen Sie es«, riet Ignatjew.

Prochorow nickte. Die beiden hatten einander verstanden.

Das Abendessen war beendet, und die Stewards trugen leicht schwankend das Geschirr hinaus. Der Wellengang war mäßig, und alle Passagiere befanden sich noch wohlauf. Die Gespräche, die am Tisch geführt wurden, neigten sich aber bereits bedenklich dem Hauptthema: Seekrankheit zu. Jeder wußte von einem unfehlbaren Mittel zu berichten, aber es fanden sich stets andere, die dieses Mittel längst versucht und als nutzlos befunden hatten.

»Ich habe immer einen Kirschkern in den Mund genommen«, behauptete Frau Professor Kaufmann, »und ich bin noch nie seekrank geworden ...«

»Sie hatten wohl immer gutes Wetter?« erkundigte sich Scott mit seinem empörend gleichmütigen Gesichtsausdruck.

»Wie meinen Sie das?«, fragte sie spitz. »Soll das heißen. Sie glauben ...«

Der Kapitän wünschte keinen Streit, und er mischte sich lachend ein:

»Meine Damen und Herren, ich finde, wir sprechen viel zu früh von Seekrankheit. Von dem bißchen Schaukeln da wird kein Mensch krank ...«

»Meinen Sie wirklich?« fragte Frau Professor Kaufmann und stand plötzlich beängstigend schnell auf. Ihr Gesicht war grünlich gelb, und ihr ganzes Streben ging im Augenblick dahin, rechtzeitig den Ausgang zu erreichen.

»Verlieren Sie den Kirschkern nicht!« rief Mr. Scott freundlich. Dieser Satz trug ihm einen giftigen Blick des kleinen schmächtigen Mannes ein, der neben Frau Professor Kaufmann gesessen und bis jetzt geschwiegen hatte. Der Blick war so ausdrucksvoll, daß Mr. Scott sich höflich vorneigte und fragte: »Sagten Sie etwas?«

»Nein?«, erwiderte das Männchen böse. »Aber jetzt will ich Ihnen sagen, daß es unschön ist, wie Sie sich über diese kranke Dame lustig machen. Meine Frau ...«

»Sie sind Professor Kaufmann?« fragte Scott erstaunt. Er hatte geglaubt, dieser Professor sei sonstwo, nur nicht hier. »Der Mann, der den Vogel gefunden hat?«

»Allerdings, und ich ...«

Frau Professor Kaufmann trat wieder ein, und der kleine Mann verstummte jäh.

»Ich muß mir den Magen verdorben haben«, meinte die Frau, deren Gesicht jetzt wieder einen rötlichen Schimmer zeigte. »Seekrankheit kann es nicht sein, denn der Kirschkern hilft immer ...«

Ein älterer Herr mit einem kleinen grauen Spitzbart, der schon längst in einem offenbar wissenschaftlichen Buch las, blickte auf.

»Meine Damen und Herren«, sagte er ernst. »Dies ist vielleicht meine fünfzigste Dampferreise, und ich kann daher wohl sagen, ich spreche aus Erfahrung. Es gibt wirklich nur ein Mittel gegen die Seekrankheit, allerdings ein ganz unfehlbares ...«

»Nämlich ...?«

»Mit der Eisenbahn fahren«, sagte der Mann mit dem Spitzbart und wandte sich wieder seinem Buch zu.

Während alle Umsitzenden lachten, machte Frau Professor Kaufmann ein verärgertes Gesicht und erkundigte sich, wer denn dieser Herr sei.

Der Schiffsarzt wußte Bescheid.

»Professor Dr. Berwick, ein berühmter Gelehrter«, gab er Auskunft. »Er ist Ornithologe ...«

»Ornithologe?«, rief Professor Kaufmann. »Der weltbekannte Berwick? Oh, ich muß ihn kennenlernen ...«

Der Kapitän hob die Tafel auf, die Passagiere verstreuten sich und nahmen in einzelnen Gruppen an den verschiedenen kleinen und größeren Tischen Platz. Der Kapitän hatte das Radio lauter gestellt, bat seine Gäste zu tanzen und drückte die Hoffnung aus, sie möchten sich alle gut unterhalten.

Auch Diersch war aufgestanden. Ein wenig unschlüssig stand er neben Erika. Er war etwas traurig darüber, daß die nette Plauderstunde vorüber war. Plötzlich stand Prochorow breit und massig vor ihm.

»Prochorow«, stellte er sich vor und lächelte liebenswürdig. »Herr Diersch, nicht wahr? Ja, ich hörte schon Ihren Namen ... Ja ... Was ich sagen wollte ... Wie wäre es mit einem kleinen Kartenspielchen?«

Diersch überlegte. Es war vielleicht gar nicht dumm, wenn er mit Prochorow näher bekannt würde; dann hatte er gewiß mehr Aussichten, öfter in der Nähe dieser Frau zu sein. Aber es ging nicht.

»Ich bedaure wirklich sehr, aber leider spiele ich nicht Karten«, sagte er.

»Schade, wirklich schade ...« Prochorow sah sich um, als suche er andere Partner. »Ach, was!« rief er plötzlich. »Ich werde hier noch oft genug zum Spielen kommen. Würden Sie Frau Meißner und mir bei einer Flasche Wein Gesellschaft leisten?«

Diersch nahm die Einladung dankbar an, und auch der Kapitän, an den sich Prochorow mit der gleichen Bitte wandte, schlug nicht aus.

»Gern, sehr gern«, sagte er. »Aber die erste Flasche geht auf meine Rechnung. Das ist Bedingung. Hallo, Budal ...!«

Der malaiische Steward eilte herbei. Mit halblauter Stimme gab Grady seine Anweisungen. Gleich darauf übertrug der Rundfunk von einem deutschen Sender einen ausgezeichnet gespielten Tango, und der Kapitän wandte sich an Erika.

»Wollen Sie nicht tanzen, Frau Meißner?« fragte er. »Allerdings nicht mit mir ... Ich tanze höchstens mal mit meiner Frau – sie wird nun bald sechzig – einen richtigen Walzer ... Diese neumodischen Sachen sind nichts für mich ... Nein, Herrn Diersch meine ich ... Er sieht schon ganz sehnsüchtig aus. Und – nebenbei bemerkt, wenn Sie tanzen, machen es die übrigen genau so ...«

Diersch stand lächelnd auf und verneigte sich vor Erika. Während die Stewards Gläser und eisgekühlte Flaschen herbeischleppten, machte er die ersten vorsichtigen Schritte. Er merkte gleich, daß Erika vorzüglich tanzte, und wurde etwas mutiger. Allmählich kamen auch andere Paare auf die Tanzfläche, und der Kapitän hatte erreicht, was er wollte: er hatte seine Gäste in Stimmung gebracht.

Der Tango war zu Ende, die Musik brach ab, und die Passagiere wollten eben an ihre Plätze zurückgehen, als ein »Achtung, Achtung« des Rundfunkansagers sie aufhorchen ließ.

»Achtung, Achtung! Das Polizeipräsidium Berlin teilt mit, daß es gelungen ist, durch schlagartigen Zugriff die größte bis jetzt entdeckte Devisenschieberbande zu verhaften. Lediglich das geistige Oberhaupt der Bande konnte nicht gefaßt werden. Für seine Festnahme wird eine Belohnung von 5000 Mark ausgesetzt. Es handelt sich um den polnischen Staatsangehörigen Ossip Prochorow. Er ist sechsundfünfzig Jahre alt, wohlbeleibt, mittelgroß, hat undichtes, schwarzes, hier und dort bereits ergrautes Haar, breites, bartloses Gesicht. Zweckdienliche Meldungen werden auf jedem Polizeirevier entgegengenommen.«

Stille. Die Tanzpaare standen mit herabhängenden Armen und ratlosen Gesichtern da.

Die Faust des Kapitäns sauste auf den Tisch, daß die Gläser klirrten.

»Da soll doch gleich der Deibel ...« fluchte er. »Diese Fahrt scheint ja unter einem besonders glücklichen Stern zu stehen! ...«

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