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Nord-Nordwest mit halber Kraft

Arnold Alexander Benjamin: Nord-Nordwest mit halber Kraft - Kapitel 25
Quellenangabe
authorArnold Alexander Benjamin
titleNord-Nordwest mit halber Kraft
publisherErich Zander Druck- und Verlagshaus
year1936
firstpub1936
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170711
projectid0b3d9bf3
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24.

Der Morgen graute. Das fahle Dämmerlicht beleuchtete die schreckensbleichen, müden Gesichter der wenigen Passagiere, die noch im Rauchzimmer hockten oder sich hier ausruhten nach der schweren Arbeit an den Pumpen. Professor Kaufmann war der einzige, der schlief. Die übrigen starrten trübe vor sich hin und warteten; aber worauf sie warteten, wußte keiner.

Maud Kassala wanderte unruhig durch den Raum, von einem Fenster zum anderen. Der Sturm hatte sich gelegt, und das Wasser, das den Boden des Zimmers bedeckt hatte, war irgendwo abgeflossen. Prochorow, der immer noch genau so, in seinen dicken Mantel gehüllt, in der Ecke saß, verfolgte die Schritte des Mädchens mit gereizten Blicken. Es quälte ihn, daß sie immer denselben Weg ging – hin und her; er konnte an nichts anderes denken, als nur daran, ob sie nicht endlich wenigstens einmal nach rechts oder links abweichen würde. Aber sie wich nicht von ihrem Weg ab; wie ein Uhrpendel, mit eintöniger Gleichmäßigkeit, durchschritt sie die Strecke vom Fenster zum Fenster.

Die Tür öffnete sich, und herein schwankten einige Passagiere. Die anderen blickten verwundert die Neuankömmlinge an. Immer mehr Passagiere kamen herein, und in ihren Bewegungen und Mienen erinnerten sie alle irgendwie an getriebene Strafgefangene. Es waren Passagiere darunter, die bis jetzt halbtot vor Angst in ihren Kabinen gelegen hatten; und es waren auch alle die darunter, die bis jetzt tapfer an den Pumpen mitgearbeitet hatten. Sie verteilten sich im Rauchzimmer, ließen sich mit hoffnungsloser Miene irgendwo auf ein Plüschsofa oder in einen Sessel fallen. Nur einige wenige waren stehengeblieben und unterhielten sich mit gedämpfter Stimme. Und dann sahen es alle Passagiere: Draußen vor der Tür waren vier oder fünf bewaffnete Matrosen als Wache stehengeblieben. Und plötzlich begriffen es diese Menschen: man hatte alle sechsundzwanzig Passagiere hier zusammengetrieben. Auch Inspektor Leith war darunter, und als einziger von der Mannschaft Dr. Pembroke.

Professor Kaufmann war aufgewacht und rieb sich verwundert die Augen.

»Was ist denn los?« fragte er leise, aber niemand antwortete ihm. Die Stille, die hier jetzt herrschte, war unheimlich.

»Frauen und Männer«, sagte Mr. Scott endlich laut. »Es gibt nichts mehr zu beschönigen: die Lage ist hoffnungslos. Ruhe! Ich bitte um Ruhe! Angesichts des Todes wollen wir standhaft und gefaßt bleiben. Ruhe! In längstens einer Stunde sinkt der Dampfer. Die Meuterer wollen sich in den vier noch vorhandenen Booten retten. Jeder von uns, der sich Zutritt zu einem der Boote verschaffen wollte, würde glatt niedergeknallt werden. Da keiner von uns mehr eine Waffe besitzt, hat ein Kampf keinen Zweck. Nehmt euch zusammen. Ich würde nicht so sprechen, wenn noch irgendeine Hoffnung bestände. Aber der Offizier, der um Hilfe funken wollte, ist nicht zurückgekehrt, und die Wache vor dem Funkraum steht nach wie vor da. Sein Versuch muß also mißglückt sein, und er wird ihn mit dem Leben bezahlt haben.«

Niemand schrie. Alle waren still vor Entsetzen, und nur Prochorow wimmerte wieder, aber auch er verstummte, als ihn Scott streng ansah.

»Sie geben den Leuten eine Stunde Zeit«, sagte Diersch leise. »Mr. Scott, ich fürchte Sie irren sich.«

Scott nickte.

»Ich weiß. Wir müssen jeden Augenblick darauf gefaßt sein, daß die Mannschaft die Pumpen verläßt und die Boote besteigt. Dann sinken wir sofort.«

»Sollten wir nicht doch einen Versuch wagen?«

»Kämpfen? Nein. Wenn wir nur Männer wären, sagte ich ja. Den Frauen aber möchte ich ein solch schauriges Ende ersparen.«

Diersch nickte. Dann setzte er sich zu Erika und nahm ihre Hand in die seine. Er sah ihr in die Augen und freute sich über ihren klaren, ruhigen Blick.

»Du fürchtest dich nicht sehr?« fragte er leise.

»Wir – bleiben doch zusammen«, antwortete sie und senkte den Kopf.

»Laßt uns jetzt die Bilanz unseres Lebens ziehen!« rief Mr. Scott. »Vater unser«, sprach er laut, »wir haben alle in unserem Leben gefehlt, und wir beugen uns willig deinem unerforschlichen Ratschluß. Sei unseren Seelen gnädig. Amen. – So, und wer von uns nun als Christ noch ein paar freundliche Worte für die pflichtvergessene Mannschaft einflechten möchte, der tue es im stillen. Ich für meinen Teil bin ein großer Sünder, und wenn es Hölle und Fegefeuer gibt, möchte ich die Teufel bitten, für die Kerle da recht heiß einzuheizen.«

Von draußen vernahm man jetzt lautes Trampeln, wie wenn viele, viele Menschen in höchster Eile irgendwohin rannten.

»Die Mannschaft läuft zu den Booten!« schrie Prochorow aus. »Wir sinken, wir sinken! Hilfe! Laßt mich hinaus, so laßt mich doch! Bestien! Bestien! Ich will ins Boot –«

»Rrruhe!« donnerte Scott. »Feige Memme! Wenn Sie nicht hier mit uns mutig dem Tod ins Antlitz sehen wollen, dann meinetwegen – hinaus mit Ihnen!«

Prochorow, den Leith und Diersch festgehalten hatten, riß sich los und lief strauchelnd und taumelnd quer durchs Zimmer, zur Tür, riß sie auf und blieb dann wie erstarrt an der Schwelle stehen. Die Tür stand jetzt sperrangelweit offen, und durch diese Tür sahen es jetzt auch die anderen – erst einzelne, dann immer mehr, bis sich schließlich alle hindrängten: in einer Entfernung von etwa einem Kilometer schwankte auf der immer noch sehr unruhigen See, in schwarze Rauchwolken gehüllt, ein Kreuzer.

»Ein Schiff! Ein Schiff!« schrien einzelne der Passagiere wie von Sinnen. Männer und Frauen, wo sie standen oder saßen, ob sie einander kannten oder nicht, fielen einander schluchzend in die Arme, riefen, schrien etwas, das im allgemeinen Trubel niemand verstehen konnte, auch niemand verstehen wollte.

Erikas Arme umschlossen fest, als wolle sie ihn nie wieder loslassen, Dierschs Hals.

Diersch wischte sich verzweifelt die Augen, denn er schämte sich, daß auch er in diesem Augenblick wie ein Weib weinte.

»Ein deutsches Kriegsschiff!« verkündete Scott triumphierend. »Hurrah! Jetzt kommt Ordnung! Jetzt wird hier aufgeräumt! Unser großer Vetter wird mit eisernem Besen auskehren diesen – wie sagt man auf deutsch – diesen Saustall! Hoho! Hoho!«

Scott, dieser ruhige, immer selbstbeherrschte Engländer, der war ganz aus dem Häuschen. Er sprang herum, umarmte der Reihe nach alle Frauen, gab Frau Professor Kaufmann einen schallenden Kuß und zog engumschlungen mit dem schmächtigen Professor wieder zur Tür ab, wo er den Gelehrten durch den Feldstecher sehen ließ.

»Die Deutschen signalisieren!« rief der kleine Professor. »Wer versteht was von Signalisieren?«

»Ich! Ich!« Dr. Pembroke drückte sich durch die Menschenmauer und nahm den Feldstecher. »Waffen ablegen!« rief er freudig. »Die wissen also von der Meuterei! Aha, und jetzt: Setzen Motorbarkasse aus! Bravo! So ist's richtig! Schickt uns nur recht viele von den blauen Jungs! Noch etwas: Beim geringsten Widerstand wird geschossen! Hurrah!« Und auf deutsch – sich endlich wieder seiner Sprachkenntnisse besinnend – fügte er hinzu: »Widerstand wird denen vergehen!«

Inzwischen war der Kreuzer noch viel näher gekommen, und jetzt konnte man schon mit bloßem Auge die lustig wehende deutsche Flagge erkennen. Gespannt, begleitet von begeisterten Ausrufen, beobachteten die Passagiere, wie drüben die Motorbarkasse ausgeschwenkt wurde. Mindestens zwanzig Mann waren darin. Ha, und jetzt ging's los! Die Barkasse näherte sich rasch dem »Cardigan«.

Einige Minuten später hatten die deutschen Matrosen schon das Deck des »Cardigan« erklettert und trieben, die Waffen schußbereit in der Hand, die Meuterer in die unteren Räume. Kein Schuß fiel, nirgends wurde der geringste Widerstand gezeigt. Mit verzerrten Gesichtern, die Hände über den Kopf erhoben, schritten die Meuterer rückwärts, bis sie durch die Türen verschwanden, vor denen die Deutschen sofort Posten aufstellten. Andere von den deutschen Matrosen waren in die Räume gestiegen, in denen gepumpt wurde. Einzelne legten gleich mit Hand an, während zwei oder drei das Arbeiten der Malaien überwachten. Auch oben an Deck leisteten schon deutsche Matrosen Arbeit. Kapitän Grady gab seine Befehle in deutscher Sprache.

Vor dem Rauchzimmer hatten sich, von den Passagieren stürmisch begrüßt, ebenfalls zwei deutsche Matrosen aufgestellt. Freundlich, aber mit ruhiger Bestimmtheit bedeuteten sie den Passagieren, daß vorläufig keiner von ihnen diesen Raum verlassen dürfe.

Kapitän Grady war inzwischen von der Kommandobrücke gestiegen und begrüßte jetzt den deutschen Offizier.

»Sie sind der rechtmäßige Kapitän dieses Schiffes«, erkundigte sich der Deutsche mißtrauisch.

In knappen Worten schilderte Grady, unter welchen Verhältnissen er das Kommando über das Meutererschiff übernommen hatte.

»Wenn wir nicht durch Zufall auf Ihren Kreuzer gestoßen wären, so hätte sich hier in den nächsten Minuten Furchtbares abgespielt«, schloß er seinen Bericht.

Der Deutsche sah den Kapitän überrascht an.

»Durch Zufall?« wiederholte er. »Aber Sie haben uns doch durch Funk um Hilfe gebeten und hielten die ganze Nacht durch Kurs auf uns zu?«

»Nord-Nordwest«, sagte Grady nachdenklich. »Vom Funken weiß ich nichts. Meinem Befehl, SOS zu funken, wurde nicht gehorcht.«

»Sonderbar«, murmelte der Deutsche. »Übrigens signalisierten Sie uns vorhin, daß der Dampfer sich noch etwa eine Stunde lang halten könnte. Ich muß das genau wissen.«

»Ja, wir fürchteten nur, daß die Mannschaft schon vorher die Pumpen verläßt und auf den Booten das Weite sucht. Obwohl wir aber eine Stunde Zeit haben, halte ich es für sicherer, wenn Sie Passagiere und Mannschaft gleich übernehmen.«

»Wir übernehmen die Leute nicht«, erklärte der Offizier. »Wir sind nur hierher gekommen, um bei Ihnen sofort Ordnung zu schaffen. Uns folgt ein englischer Frachter. Er muß jeden Augenblick auftauchen. Noch eins: den Rädelsführer der Meuterer möchte ich sofort von den übrigen absondern. Wie heißt der Mann?«

Grady zögerte ein wenig. Er dachte daran, daß Murphy ihm den rettenden Kurs genannt hatte, und es fiel ihm schwer, den Mann anzuzeigen.

»Murphy«, sagte er endlich mürrisch.

Wieder blickte der Deutsche sehr verwundert drein.

»Das ist doch gar nicht möglich!« rief er. »Murphy ist doch Ihr Offizier?«

»Allerdings, ja. Er war es!«

»Aber hören Sie mal – Murphy und kein anderer hat uns doch gefunkt! Oder sollte sich jemand seines Namens bedient haben? Aber warum denn das?«

»Murphy hat Ihnen gefunkt? Murphy!?« rief Grady und wurde sehr bleich. »Dann – wollen Sie mich, bitte, in die Funkkabine begleiten?«

Der Deutsche nickte, und die beiden schritten quer über das Deck auf den Funkraum zu. Die Tür der Kabine war nur angelehnt, und als Grady sie aufstieß, sah er das, was er befürchtet hatte: regungslos saß an dem Tisch eine Männergestalt. Arme und Kopf des Mannes lagen auf dem Tisch, unweit davon, auf dem Boden, lag eine Offiziersmütze, und daneben ein weißer Umschlag. Und jetzt gewahrten die beiden im Rücken des Mannes die durchschossenen Stellen des Ölmantels.

Unwillkürlich faßten beide Männer nach ihrem Mützenrand und standen einige Sekunden regungslos da. Dann hob der Kapitän den Umschlag vom Boden, las die Aufschrift: »An Inspektor Leith« und steckte den Brief in die Tasche. Er ging auf die leblose Gestalt am Tisch zu und ergriff mit beiden Händen die Hand Murphys, deren Zeigefinger noch aus dem Morsetaster gelegen hatte.

»Was tun Sie?« fragte der Deutsche erstaunt, »der Mann ist doch tot!«

»Das bin ich meinem Offizier schuldig«, antwortete Grady düster und wandte sich aufatmend um. Er dachte etwas nach, dann sprach er, den Blick starr geradeaus gerichtet, wie eine eingelernte Meldung: »Bitte, vermerken Sie in Ihrem Bericht, daß der Dritte Offizier, Murphy, die Meuterei nur zum Schein mitmachte, damit er im entscheidenden Augenblick den Dampfer und das Leben vieler Menschen retten könne. Ehre seinem Andenken!«

Der deutsche Offizier sah Grady an. Er wußte, daß der Kapitän log, aber er stellte keine Frage.

»Ehre seinem Andenken!« wiederholte er mit fester Stimme und griff noch einmal an den Mützenrand.

Zehn Minuten später wurde den Passagieren bedeutet, ihre Sachen zu packen und sich zum Ausbooten bereitzumachen. Die Nachricht, daß sie nicht von dem deutschen Kreuzer, sondern vom englischen Frachter übernommen werden sollten, hatte die überschwengliche Freude dieser Menschen etwas gedämpft. Dennoch leuchtete aber aus ihren Gesichtern noch die Freude über die Rettung vor dem sicheren Ende.

Diersch und Leith kramten in ihrer Kabine stumm ihre Habseligkeiten in die Koffer. In diesen zwei Gesichtern stand keine Freude mehr. Vor wenigen Minuten noch hatten diese beiden Männer sich, Tränen in den Augen, in den Armen gelegen; jetzt bewegten sie sich in dem engen Raum, sorgfältig darauf achtend, daß keiner den anderen berühre. Die Nachricht vom Kommen des englischen Dampfers hatte die beiden sofort zu Feinden gemacht.

Diersch bemühte sich, leise fluchend, seinen zu vollen Koffer zu schließen. Da sein Arm verwundet war, wollte ihm das nicht gelingen. Leith sah es, aber es dauerte lange, bis er sich entschloß, dem jungen Mann beizustehen. Endlich trat er schnaufend näher, drückte mit seinen Riesenfäusten auf den Kofferdeckel, und das Schloß sprang zu.

»Lassen Sie das gefälligst!« rief Diersch gereizt. »Ich wäre auch allein fertig geworden.«

Jetzt standen die beiden ganz dicht voreinander, und zum erstenmal, seit sie wußten, daß die Passagiere nicht auf einen deutschen Dampfer kommen würden, begegneten sich ihre Blicke. Es waren finstere, verzweifelte Blicke.

Plötzlich hob Leith seine Arme und ließ die Hände auf Diersch Schultern sinken.

»Ich – werde es nicht tun«, sagte er leise.

»Sie wollen Erika nicht festhalten?« rief Diersch atemlos.

»Nein, nein! Ich kann es nicht!«

»Aber dann – Sie haben mir doch selbst erklärt – .«

»Ja, ja! Aber ich kann es nicht tun. Verstehen Sie denn das nicht? Das ist doch ganz einfach: ich kann nicht, und was nachher geschehen soll, ist mir gleichgültig.«

»Aber – das Gut und das Haus? Das ist doch verloren, wenn Sie –.«

Leith ließ Dierschs Schultern los und wandte sich jäh ab.

»Wenn Sie Erika lieben und sie retten wollen, dann sprechen Sie nicht nochmal von – von – na, davon!«

»Und Sie glauben, dieses Opfer könnten wir annehmen?« rief Diersch gequält aus. »Mit dem Bewußtsein leben, daß Glück um solchen Preis erkauft zu haben? Nein, Inspektor Leith, lieber gehe ich mit Erika nach England oder Ägypten und warte dort, und sei es ewig, bis man sie freiläßt.«

»Gut«, sagte Leith. »Wie Sie wollen. Dann werde ich sie festnehmen.«

Durch die offene Kabinentür hörten sie jetzt laute Schreie, konnten aber die Worte nicht verstehen. Sie hörten polternde Schritte, und dann tauchte in der Tür ein deutscher Matrose auf.

»Alle Passagiere an Deck!« rief er hastig. »Die Engländer sind schon da! Schnell!«

»Was schreien die oben so laut?« fragte Diersch und faßte nach seinem Koffer.

»'ne Frau is über Bord gefallen«, antwortete der Matrose leichthin. »Unsere Matrosen haben sie aber gleich rausgefischt.« Er wollte davonlaufen, aber Leith packte ihn wie ein Wilder bei den Händen.

»Eine Frau?« rief er. »Eine große, blonde Frau, die deutsch spricht?«

»Ja, ja, aber Sie brauchen sich gar nicht aufzuregen. Die Frau ist schon längst in unserem Boot.«

Der Matrose war weggerannt. Diersch und Leith standen regungslos da und sahen einander in die Augen.

»Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf!« rief Leith plötzlich sehr gut gelaunt. »Sie sind ein Ochse, Herr Diersch, und ich bin ein Oberochse! Wetten, daß Frau Erika sich bereits im deutschen Boot auf deutschem Boden befindet. Aber jetzt los! Nach oben! Ich werde fluchen, wie ich noch nie geflucht habe.«

Das erste, was die beiden oben sahen, war der englische Dampfer, der bereits fünf Boote ausgesetzt hatte, die sich der »Cardigan« rasch näherten. Dann liefen Diersch und Leith an die Reling, beugten sich hinüber, und jetzt sahen sie das deutsche Boot und darin Erika – völlig durchnäßt, mit wirrem Haar, aber heiter und wohlgemut – zwischen zwei deutschen Matrosen.

»Die Frau muß sofort zurück!« schrie Leith mit gewaltigem Stimmenaufwand, aber seine Augen glänzten begeistert. »Es ist eine Verbrecherin. Ich verhafte sie! Wo ist der deutsche Offizier? Ich verlange, daß die Frau sofort – aus der Stelle – .«

»Na, was gibt es hier zu schreien?« Der deutsche Offizier stand plötzlich neben Leith. »Wer sind Sie und was wollen Sie?«

»Ich bin Inspektor von Scotland Yard und verhafte die Frau dort! Sie muß sofort – .«

»Augenblick!« unterbrach ihn der Offizier. »Die Frau befindet sich eben auf deutschem Boden. Also von Verhaften kann zunächst keine Rede sein. Sie können aber Auslieferung beantragen.«

»Was ich auch tun werde!« schrie Leith. »Das ist mir ja eine Ordnung! Nehmen die Frau einfach ins Boot, ohne zu fragen.«

»Die Frau fiel ins Wasser«, begann der Offizier, aber da mischte sich Kapitän Grady ein.

»Hier«, sagte er und reichte Leith einen Brief. »Das fanden wir bei Mr. Murphy. Für Sie, Inspektor!«

Leith griff nach dem Umschlag, riß ihn auf, las.

»Halt! Hallo, halt, halt!« schrie er plötzlich und fuchtelte mit den Armen. »Frau Erika! Nicht wegfahren! Es ist die Zeugenaussage Murphys! Sie können wieder zurückkommen! Hören Sie? Haben Sie verstanden? Kommen Sie zurück!«

Erika hatte verstanden. Ihre Augen glänzten vor Freude, aber sie schüttelte heftig den Kopf.

»Zurück, auf den Dampfer?« rief sie. »Nein, Inspektor, nein!«

»Es kann Ihnen aber doch gar nichts passieren!« Leith unterbrach sich jäh. An dem verblüfften deutschen Offizier vorbei stürzte er wie ein Stier auf Prochorow zu, der eben gemütlich über die Reling kletterte. Schon hatte ihn aber Leith beim Kragen.

»Nein, nein, mein Lieber!« schrie er. »Das könnte euch so passen: einfach über Bord fallen, und alle Sünden sind vergeben. Das gibt's nur einmal, mein Freund! Marsch, marsch! Ins Boot kommst du sowieso, aber ins englische! So!« fuhr er ruhiger fort, und im gleichen Augenblick schnappte das Schloß der Stahlfesseln zu. »Das ist der letzte Fang des Kopfjägers. Für deine Festnahme gibt's zweitausend Pfund. Das genügt, das genügt!«

»Wir verlassen jetzt den Dampfer!« rief der deutsche Offizier laut. »Leider können wir die Passagiere nicht mitnehmen. Wir sind aber bereit, auf Wunsch die von den Passagieren mitzunehmen, die die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Ich habe hier vier Pässe: Erika Meißner – .«

»Die ist schon in Deutschland!« rief Mr. Scott vergnügt.

»Ach so.« Der Offizier lächelte. »Dann Wolfgang Diersch! Das sind Sie? Wünschen Sie, mitzukommen?«

»Und ob ich's wünsche!« rief Diersch strahlend.

»Dann dalli runter! Professor Kaufmann und Frau? Wünschen Sie – .« Er unterbrach sich lachend, denn Frau Kaufmann hatte, ihren Mann nach sich ziehend, schon den Abstieg begonnen. »Es sieht fast so aus, als hätte es den Passagieren auf diesem Dampfer nicht sehr gefallen. Na, ja – Kapitän, Sie haben das Kommando. Dort kommen Ihre Landsleute!«

»Lebt wohl, lebt wohl!« rief Professor Kaufmann mit seinem dünnen Stimmchen und schwenkte lustig den Hut.

»Gute Reise! Wäre lieber bei euch!« schrie Scott hinüber.

Der Offizier stieg als letzter in die Barkasse, und der Motor sprang an. Diersch hatte seinen Mantel um Erika gelegt. Seine verletzte Hand lag in der ihren, mit der anderen winkte er eifrig den Passagieren zu, die an der Reling des »Cardigan« standen. Seine Augen suchten, und jetzt hatten sie ihn gefunden – den Inspektor Leith, der mit strahlender Miene ein Taschentuch von eindrucksvoller Größe schwenkte.

»Na, wie geht's denn der patschnassen Verbrecherin?« wandte sich der deutsche Offizier an Erika. »So ein kaltes Bad tut manchmal Wunder, was? Scheint Ihnen bekommen zu sein. Hallo, Jungs!« rief er den Matrosen zu. »Zu Ehren unserer Gäste ein kräftiges Lied!«

Und an den schweigsamen englischen Ruderbooten vorbei schoß mit frohem Sang die deutsche Barkasse. Erika lehnte sich gegen die Schulter Diersch. Ihr Blick folgte unverwandt dem Wehen der deutschen Flagge.

»Ja«, sagte Diersch, der ihren Blick bemerkt hatte, und atmete befreit auf. »Jetzt sind wir in Deutschland.«

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