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Nord-Nordwest mit halber Kraft

Arnold Alexander Benjamin: Nord-Nordwest mit halber Kraft - Kapitel 24
Quellenangabe
authorArnold Alexander Benjamin
titleNord-Nordwest mit halber Kraft
publisherErich Zander Druck- und Verlagshaus
year1936
firstpub1936
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170711
projectid0b3d9bf3
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23.

Bis unmittelbar vor die Funkkabine konnten Diersch und Scott den Offizier führen. Durch das Fenster des Funkraums schimmerte Licht. Zwar war es durch einen weißen Vorhang abgeblendet, aber wer an diesem Fenster vorüberging, konnte doch gesehen werden.

Murphy blieb stehen. Jetzt galt es! Würde er imstande sein, die wenigen Schritte bis zur Tür allein zurückzulegen? Er stand aufrecht da, mit der einen Hand das Seil umklammernd, und faßte mit der anderen grüßend an den Mützenrand. Diersch und Scott drückten ihm wortlos die Hand.

Jetzt ging er. Das Seil war zu Ende, und er faßte nach dem Geländer, das sich rings um die Kabine zog. Das Schiff wurde heftig bald nach rechts, bald nach links geworfen, und wer Murphy jetzt sah, konnte glauben, daß nur das Schwanken des Schiffes an seinem mühsamen Vorwärtskommen schuld war.

»Halt!« rief eine Stimme aus dem Dunkel. »Wer da?«

»Ich bin's – Murphy«, antwortete der Offizier, so laut er konnte. »Muß in den Funkraum.« Er erkannte jetzt deutlich drei dunkle Gestalten, die den Eingang versperrten.

»Sie sind es?« rief eine Stimme, an der er unschwer Toole erkannte. »Dachte, Sie seien schwer verletzt.«

»Streifschuß«, schrie Murphy. »Na, macht Platz!«

»Was wollen Sie denn hier?« schrie Toole. »Funken? Gibt's nicht.«

Nur mit äußerster Anstrengung hielt sich Murphy noch auf den Beinen. Jeden Augenblick konnte er zusammenbrechen.

»Die Anlage muß zerstört werden«, rief er, und seine Stimme klang heiser. »Die Matrosen haben Angst gekriegt, wollen funken.«

Eine Weile antwortete niemand. Plötzlich wurde die Tür zum Funkraum aufgestoßen, und Murphy sah, wie Toole eintrat und ihm winkte. Er überschritt die Schwelle und zog die Tür hinter sich zu.

Toole stand, die Hände in den Taschen, am Tisch mit den Geräten und musterte Murphy mit offenbarem Mißtrauen.

»Wir dachten auch schon daran«, sagte er sinnend. »Nur ist eben zu befürchten, daß auch die restlichen Boote abgerissen werden, und dann könnten wir gezwungen sein, zu funken. Verstehen Sie?«

»Ja, aber die Matrosen sind erregt und wollen den Raum mit Gewalt besetzen. Die Anlage muß daher sofort unbrauchbar gemacht werden – auf die Gefahr hin, daß nachher die Boote weggerissen werden.«

Diese Worte Murphys schienen auf Toole einen guten Eindruck zu machen. Sein Mißtrauen schwand.

»Gut«, sagte er und wandte sich um, dem Tisch zu. »Ich werde die Anlage nicht etwa zerstören, aber für andere unbrauchbar machen. Wenn's dann doch zum Schlimmsten kommt, können wir ja immer noch – .«

Während der Funker sprach, hatte Murphy den Riegel vor die Tür geschoben. Jetzt nahm er den entsicherten Revolver aus der Tasche und hob die Hand. Die Hand zitterte heftig, aber schuld daran war Murphys Schwäche. Er blieb dabei völlig ruhig, denn er war sich darüber klar, daß er den Funker sofort und ohne Warnung erschießen mußte. Sein Finger berührte den Drücker, der Revolver knackte, aber der Schuß ging nicht los.

Murphys Schweigen hatte den Funker unruhig gemacht, und er blickte sich im selben Augenblick um. Das Knacken des versagenden Revolvers konnte er bei dem herrschenden Lärm nicht gehört haben. Was er sah, war ein Mann, der mit einem Revolver nach ihm zielte. Und mechanisch, ohne zu überlegen, hob der Funker die Arme.

Es war das letzte, was Murphy klar sah. Er spürte plötzlich, wie sich an seiner Stirn kalter Schweiß bildete, und vor seinen Augen tanzten schwarze Kreise. Das Zimmer, Toole, der Tisch mit den Funkgeräten, – alles wirbelte in einem tollen Tanz durcheinander. Seine Zähne schlugen im Frostschauer aufeinander, und die Hand, die den Revolver hielt, schwankte hin und her. Es war, als würden der Revolver und diese Hand von Sekunde zu Sekunde schwerer, als zöge es die Hand mit unwiderstehlicher Gewalt zu Boden, und doch hatte Murphy die ganze Zeit über den deutlichen Gedanken, daß alles verloren sei, wenn er die Hand sinken ließe. Drei, vier, fünf furchtbare Sekunden vergingen, und keiner der beiden Männer änderte seine Haltung.

Murphy hatte sich gegen die Tür gelehnt und wartete. Verging der jähe Schwächeanfall nicht, so war er nicht imstande, die zwei Schritte bis zum Tisch zu machen und den Funker zu zwingen, sich davon zu entfernen. Doch jetzt war es, als zerteilten sich die Kreise. Er sah wieder das Gesicht Tooles, immer noch unruhig tanzend, aber doch schon klarer.

»Weg dort!« würgte er hervor und machte einen Schritt auf Toole zu.

Der Funker sprang entsetzt beiseite. Der starre Ausdruck der Augen Murphys, der heisere, gurgelnde Ton seiner Stimme und die tödliche Blässe seines Gesichts – alles das erschreckte ihn und raubte ihm den Rest der Besinnung. Er kam gar nicht auf den Gedanken, daß da vor ihm ein Mensch seine letzten Kräfte anspannte, um einen Ton zu sagen, einen Schritt zu gehen und eine nutzlose Waffe schußbereit zu halten.

Mit einem dumpfen Stöhnen fiel Murphy in den Sessel. Er nahm den Revolver in die Linke, und die Rechte tastete nach dem Sender. Er saß seitlich am Tisch und hielt mit dem Blick den Funker fest.

»Tun Sie es nicht, Murphy«, sagte Toole plötzlich. »Sie können mich nicht ewig bedrohen, und ehe ein Dampfer da ist, haben die Leute Sie in Stücke gerissen.«

Tick – tick tack – tick – machte der Sender. Das war Murphys Antwort.

»Ich warne Sie, Murphy!« rief Toole. »Ich warne Sie!«

Nur der Finger Murphys antwortete. Ohne hinzusehen, rief der Offizier es hinaus in die Welt, was hier geschehen war, und in welcher Gefahr sich der Dampfer befand. Sogar eine annähernde Angabe des Standortes konnte er machen, da er den Standort des Schiffes bei Eintritt der Katastrophe kannte und sich ausrechnen konnte, wo es sich jetzt befinden mußte, wenn es mit halber Kraft Kurs Nord-Nordwest eingehalten hatte.

Plötzlich spürte er, wie ihn die Mattigkeit aufs neue übermannte. Er versuchte, noch einmal alle Kraft anzuspannen. Er starrte den Revolver an, und alle seine Gedanken waren darauf gerichtet, daß die Hand mit dem Revolver nicht sinken dürfe, nicht um einen Zentimeter sinken dürfe. Und dann sah er mit steigendem Entsetzen, wie die Hand sich doch senkte, langsam, Ruck für Ruck.

Da vernahm er ein Geräusch. Hatte Toole geschossen? Nein, aber er war nicht mehr da. Die Stelle, auf der er gestanden hatte, war leer. Er war also weggelaufen.

Wenn ich jetzt aufstehen und die Tür abriegeln könnte, wären viele kostbare Minuten zum Funken gewonnen, dachte Murphy. Er versuchte, sich zu erheben, aber seine Glieder gehorchten nicht mehr. Der Revolver war ihm aus der Hand gefallen, und nur der eine Finger tat noch seine Pflicht – er meldete der Welt, daß hier das Leben vieler unschuldiger Menschen auf dem Spiele stand.

Jetzt hörte Murphy deutlich das Knallen von Schüssen.

Ein heftiger Schmerz im Rücken ließ ihn zusammenfahren. Gleich ist es vorbei, dachte er, aber noch tickte der Morseapparat. Plötzlich, einer jähen Eingebung folgend, fuhr seine Linke in die Brusttasche. Die Hand umklammerte einen weißen Umschlag. Murphy versuchte, den Umschlag auf den Tisch zu legen, doch die Hand sank kraftlos herab, und der Umschlag fiel auf den Boden.

»Macht nichts«, dachte Murphy. »Man wird ihn finden, und dann ist alles gut, alles.«

Wieder ein Schuß und wieder in den Rücken. Noch und noch. Murphys Kopf fiel plötzlich hart auf die Tischplatte. Sein Finger lag noch auf dem Taster des Senders, aber der Morseapparat war verstummt.

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