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Nord-Nordwest mit halber Kraft

Arnold Alexander Benjamin: Nord-Nordwest mit halber Kraft - Kapitel 22
Quellenangabe
authorArnold Alexander Benjamin
titleNord-Nordwest mit halber Kraft
publisherErich Zander Druck- und Verlagshaus
year1936
firstpub1936
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170711
projectid0b3d9bf3
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21.

Durchnäßt und vor Kälte zitternd kamen die beiden im Rauchzimmer an. Ununterbrochen fegten jetzt gewaltige Sturzseen über das Deck, alles mit sich reißend, was nicht niet- und nagelfest war. Überall waren jetzt in etwa Meterhöhe über dem Deck Taue gespannt, an die sich die Matrosen, die oben Dienst taten, festklammerten, um nicht über Bord gespült zu werden. Der Wind heulte, und dieses Heulen schien von Minute zu Minute drohender zu klingen. Dazwischen erscholl immer wieder – einem unregelmäßigen Gewehrfeuer ähnlich – das laute Klatschen der nassen Schutzleinwand an der Reling. Ab und zu rief dumpf und heiser die Dampfpfeife ihr warnendes »Hütet euch!« etwaigen anderen Schiffen zu, denn bei dem Regen und diesem Unwetter konnte es geschehen, daß man die Lichter zu spät bemerkte.

Keuchend standen Diersch und Leith neben der Tür im Rauchzimmer und wischten sich das Wasser aus den Gesichtern. Sie spürten, wie die wohlige Wärme des überheizten Raumes ihre erstarrten Glieder durchdrang, und im ersten Augenblick fiel keinem von den beiden die Stille auf, die jetzt in diesem Zimmer herrschte. Doch dann sahen sie sich verwundert um. Beiden war es so, als wäre es hier bei ihrem Eintritt sehr lärmend zugegangen, und als sei dann – wie auf Verabredung – im Bruchteil einer Sekunde diese unheimliche Stille eingetreten.

Mitten im Raum stand eine Gruppe von Männern – Matrosen und Heizer –, auch der Funker war da; und neben dem Funker stand der Sekretär Ignatjew. Etwas abseits, in einem Sessel, lehnte, kalkweiß im Gesicht, Prochorow.

»Da ist er!« kreischte Ignatjew plötzlich auf, und sein dürrer Finger wies auf Diersch.

Im nächsten Augenblick waren Diersch und Leith umringt und eingekeilt zwischen aufgeregten Matrosen und Heizern, deren Augen wild flackerten. Diersch fühlte, wie sich die Hände dieser Männer auf seine Schultern und Arme legten, wie sie sich an seinem Rock festhielten. Und dann fühlte er, wie zwei Hände seinen Hals umklammerten und sah dicht vor sich das entstellte Gesicht Prochorows.

»Wo sind meine Steine?« keuchte der Händler. »Wo – wo hast du sie?«

»Platz da!« schrie Toole und drängte sich durch die Reihen der Männer. »Ruhig! Ruhig, ihr Leute!« beschwichtigte er. »Also Sie, Mr. Diersch! Sagen Sie sofort, wo die Steine sind! Ich will Ihr Leben schonen, aber sagen Sie es! Sofort!«

Diersch rang verzweifelt nach Atem. Der Griff Prochorows schnürte ihm die Kehle zusammen. Jemand schien das begriffen zu haben, denn unversehens erhielt Prochorow einen derben Stoß, und mit einem Aufschrei ließ er los.

»Im ... im Boot«, ächzte Diersch. Er taumelte, aber die Matrosen hielten ihn fest.

»Im Boot?« schrie Toole auf. »Zwei Boote von den sechs sind abgerissen, sind weg! In welches Boot hast du sie getan? Steuerbord oder backbord?«

Plötzlich hatte Diersch das klare Empfinden, daß an seiner Antwort jetzt sein Leben hing. Noch nie hatte er in den Augen eines Menschen eine solche Mordbereitschaft gelesen wie in den Augen dieser Männer. Auf einmal wurde er ruhig. Es war ja schon alles entschieden. Befand sich sein Boot unter den zwei abgeschwemmten, so war es mit ihm zu Ende. Dann aber waren auch die unseligen Steine endgültig verschwunden, und dieselben Matrosen, die ihn jetzt töteten, würden nachher zur Besinnung kommen, und das Schiff war vor dem Untergang gerettet.

»Laßt mich los!« sagte er kalt und versuchte, die derben Hände der Männer abzuschütteln. »Ich will's euch sagen.«

Auf ein Zeichen des Funkers ließen die Matrosen Diersch los. Er sah sich um mit dem Blick eines Menschen, der mit seinem Leben abgeschlossen hat. Zwischen den Köpfen der Matrosen hindurch sah er die entsetzten Gesichter der Passagiere, er sah die weit aufgerissenen Augen Erikas, und der Wunsch, zu leben und diesen einen Menschen glücklich zu machen, stieg noch einmal heiß in ihm auf. Hastig wandte er den Kopf ab.

»Steuerbord, das mittlere Boot war es«, sagte er gepreßt.

Kein Laut kam über die Lippen der Matrosen. Dann aber fielen sie über ihn her, schweigend, in verbissener Wut. Diersch hatte das Gefühl, als zöge ihm jemand den Boden unter den Füßen weg, er hörte den keuchenden Atem der Männer, sah plötzlich dicht neben sich Leith kämpfen, und dann vernahm er einen durchdringenden Schrei. Das war Erika!

Sie war aufgesprungen und lief zur Tür. Scott, schon auf dem Wege zur kämpfenden Männergruppe, wandte sich schnell um und packte Erika beim Arm.

»Was tun Sie?« schrie er. »Sie werden einfach von Deck gespült.«

»Murphy!« stöhnte sie und versuchte sich freizumachen.

Scott begriff.

»Ich gehe mit!« rief er und stieß die Tür auf.

Es wird zu spät sein, dachte er, während er sich mit der einen Hand am Tau festhielt und mit der anderen Erikas Arm umklammert hielt. Aber sie hat recht! Nur Murphy kann hier helfen.

»Halten Sie sich doch fest!« brüllte er, im betäubenden Lärm des heulenden Windes und der anprallenden Wogen kaum zu hören.

Aber Erika dachte nicht daran. Sie lief vorwärts, so schnell ihre Füße sie tragen wollten, und wäre Scott nicht gewesen, die erste Sturzsee hätte sie über Bord gefegt.

Wie ein weißes Gespenst tauchte sie plötzlich neben Murphy auf der Kommandobrücke auf. Nicht einmal ihren Mantel hatte sie in der Eile angezogen, und ihr weißes Kleid schimmerte matt in dem schwachen Licht der Taschenlampe, die Murphy angebrannt hatte.

»Sind Sie wahnsinnig?« rief er fassungslos.

»Schnell, kommen Sie!« schrie sie, »sie morden ihn!«

»Wen? Diersch?«

»Ja.«

»Ich kann nicht weg von hier«, sagte Murphy. »Es ist zu gefährlich für das Schiff.«

»Ich flehe Sie an! Sie müssen doch! Verlangen Sie von mir, was Sie wollen!«

»Sie wissen, was ich will!« rief er.

»Ja.«

»Sie versprechen es mir?«

»Ja, ja, ich schwöre es! Aber kommen Sie doch!«

»Ich komme!« rief er. Er beugte sich zu dem Matrosen vor, der neben ihm stand, und brüllte ihm etwas zu. Dann faßte er Erika beim Arm, bemerkte jetzt erst Scott, ließ Erika wieder los und stürzte allein voraus.

Erika wollte ihm nach, machte zwei, drei unsichere Schritte, schwankte plötzlich und wäre gestürzt, wenn Scott sie nicht aufgefangen hätte. Er faßte sie um die Hüften und zerrte die fast Ohnmächtige weiter. Sie müßte sofort die nassen Kleider wechseln, durchfuhr es ihn. Aber das war unmöglich. Der Weg zu den Kabinen war viel weiter als zum Rauchzimmer. Vorwärts, vorwärts, am Tau entlang! ... Immer wieder mußte er stehen bleiben und sich mit beiden Händen an dieses rettende Tau klammern. In ununterbrochener Folge kamen jetzt die Sturzseen. Es war ein Wunder, wenn er überhaupt noch das Rauchzimmer erreichte. Hatte der Sturm in den letzten Minuten so an Gewalt zugenommen, oder lag es daran, daß oben auf der Brücke kein Kommandant mehr war? Da, endlich, waren die Fenster des Rauchzimmers! Nur noch wenige Schritte. Erika schien wieder zur Besinnung zu kommen – sie hielt sich jetzt selbst am Geländer fest. Da war die Tür! Scott stieß sie auf, stürzte ins Zimmer. Eine dunkle Wasserwoge folgte ihm, breitete sich schnell über den ganzen Boden des Raumes und verschwand, vom Teppich aufgesogen.

Murphy stand in seinem triefenden Ölmantel dicht neben der Tür. In der Hand hielt er einen Revolver. War Murphy noch zurechtgekommen? Zwei, drei Schritte entfernt von ihm standen in drohender Haltung die Matrosen und Heizer. Aber dort, hinter ihnen, lag Diersch. Sein Gesicht war blutig, der Kopfverband rotgefärbt. Neben ihm kniete Dr. Pembroke.

Erika lief hin, fiel neben dem Arzt in die Knie und blickte flehend bald Diersch an, der mit geschlossenen Augen dalag, bald Dr. Pembroke.

»Zwei Messerstiche und wahrscheinlich eine kleine Gehirnerschütterung«, flüsterte der Arzt. »War höchste Zeit. Nein, nein, nicht lebensgefährlich, gar nicht lebensgefährlich.«

»Geben Sie den Revolver her!« schrie in diesem Augenblick Toole. »Sie können einen von uns erschießen, auch zwei, aber dann gnade Ihnen Gott. Geben Sie lieber den Revolver her!«

Murphy steckte die Waffe in die Tasche. Die Hände auf der Brust verschränkt, stand er da, aber sein Blick warnte.

»Ich brauche die Waffe nicht«, sagte er ruhig. »Hört mich mal an und seid vernünftig, ehe es zu spät ist. Ihr seid alle erfahrene Seeleute und wißt, was dieses Wetter bedeutet. Wenn die Mannschaft nicht gehorcht, ist der Dampfer verloren. Und wenn auf der Brücke kein Kommandant steht, ist er erst recht verloren. Schießt mich also nieder und stellt euren Toole auf die Brücke. Und dann, Leute, fahrt zur Hölle!«

Die Worte verfehlten ihren Eindruck nicht. Die Matrosen warfen einander unsichere Blicke zu. Wie um den Worten des Offiziers mehr Nachdruck zu verleihen, legte sich der Dampfer plötzlich auf die Seite, und ein, zwei schreckliche Sekunden lang schien es, als wolle er sich nicht wieder aufrichten.

»Sofort gehen Sie auf die Brücke zurück!« schrie Toole. »Dort befehlen Sie, hier ich! Und dieser verdammte Deutsche soll ...«

»Wenn Diersch auch nur noch ein Haar gekrümmt wird, rühre ich keinen Finger mehr für euch«, unterbrach Murphy den Funker. »Unweit von hier befindet sich ein deutsches Kriegsschiff. Wenn ihr dem in die Hände fällt und ihr habt einen Deutschen umgebracht, dann könnt ihr euch auf was gefaßt machen.«

»Aber er hat die Steine gestohlen«, knurrte einer der Heizer. »Unsere Steine. Im Boot hat er sie versteckt, und das Boot ist weggerissen. Was sollen wir denn jetzt noch in Mauretanien ... als arme Teufel.«

Murphy stand sinnend da. Plötzlich hob er entschlossen den Kopf.

»Recht habt ihr, Leute!« sagte er mit lauter, klarer Stimme. »Viel besser, ihr seid jetzt endlich vernünftig und bittet euren alten Kapitän, er möge doch wieder ...«

Weiter kam Murphy nicht. Ein wütender Aufschrei unterbrach ihn, und in der gleichen Sekunde war Toole vorgestürzt und schoß zweimal auf Murphy. Der hatte im letzten Augenblick wie zur Abwehr eine Hand erhoben, jetzt stürzte er hin und blieb regungslos liegen.

Erstarrt standen die Matrosen und Heizer da. Die Blicke, mit denen sie ihren niedergeschossenen Kommandanten betrachteten, waren düster. Noch düsterer aber wurden diese Blicke, als sie sich jetzt Toole zuwandten.

»Wir werden Kapitän Grady zwingen, das Schiff zu steuern!« schrie er auf. »Er muß ja. So versteht doch: er muß einfach!«

Keiner von den Männern sprach ein Wort, aber der Kreis, den sie um Toole gebildet hatten, wurde immer enger.

»Laßt mich doch!« schrie der Funker entsetzt. »Was wollt ihr denn? Ich werde den Kapitän zwingen! Ich verspreche ... ich verspreche, doch ... Hilfe! Hilfe!«

Der Kreis um Toole war so eng geworden, daß der Mann kaum noch atmen konnte. Jetzt, gleich, im nächsten Augenblick, würde das Furchtbare geschehen. Toole schloß die Augen. Da geschah etwas, was die Männer nicht erwartet hatten: sie hörten Murphys Stimme.

Der Mann, den alle für tot gehalten hatten, richtete sich mühsam auf. Das Haar hing ihm ins Gesicht, seine Mütze war beim Fallen weggerollt.

»Kapitän«, stöhnte er. »Kapitän! Sie ... Sie müssen!«

»Nein!« antwortete Grady laut und heftig. »Erst dann, wenn die Meuterer die Waffen abgeben.«

»Kapitän!« röchelte der Offizier. »Nehmen Sie ... Kurs ... Kurs Nord-Nordwest!«

Im selben Augenblick hörte man ein gewaltiges Krachen, und alle diese Menschen, ob sie saßen oder standen, Mannschaft, Offiziere, Passagiere, fielen übereinander, durcheinander. Dem Krachen folgte ein lautes Knirschen, wie wenn jemand Eisen gegen Eisen reibt; dann vernahm man das Helle Klirren von splitterndem Glas, und dann war es, als hebe eine gigantische Faust die Tür aus den Angeln und drücke die Wände zusammen. Man sah noch, wie durch die Türöffnung und durch die zerbrochenen Fenster eine mächtige Wasserwoge hereinbrach, dann begann das Licht unruhig zu flackern, erlosch, flammte wieder auf und erlosch aufs neue.

In völliger Finsternis klammerten sich schreiend und fluchend Passagiere und Matrosen an irgendeinen Gegenstand, rollten ineinander verkrampft am Boden, im glucksenden Wasser, das keinen Abzug fand. Jemand schrie kreischend nach Rettungsringen, ein anderer brüllte in einem fort verzweifelt: »Ruhe, Ruhe, Ruhe!« Ein paar Taschenlampen flammten auf, aber was sie zeigten, war ein Bild des Verderbens und des Grauens.

Plötzlich verstummte das Geräusch der Maschine. Es war, als hätten alle sofort begriffen, was das bedeutete, denn wie mit einem Schlage trat Stille ein. Niemand schrie, klagte oder jammerte mehr. Und in die jähe Stille drangen klar und gefaßt die Befehle Kapitän Gradys:

»Alle Mann an Deck! Schotten schließen! Wache zwei und drei an die Handpumpen! Passagiere in die Kabinen, Rettungsringe anlegen. Wache vier die Boote klarmachen! Jeden, der ohne meinen Befehl ein Boot besteigt, sofort erschießen!«

Kapitän Grady war wieder auf seinem Posten. Aber wer in diesem Augenblick denken konnte, wußte: es war ein verlorener Posten.

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