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Nord-Nordwest mit halber Kraft

Arnold Alexander Benjamin: Nord-Nordwest mit halber Kraft - Kapitel 21
Quellenangabe
authorArnold Alexander Benjamin
titleNord-Nordwest mit halber Kraft
publisherErich Zander Druck- und Verlagshaus
year1936
firstpub1936
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170711
projectid0b3d9bf3
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20.

Leith war an der Tür angelangt, die nach unten zu den Kabinen führte. Ein, zwei Sekunden lang sah Diersch im spärlichen Licht, das dem Inspektor entgegenleuchtete, Leiths kräftige Gestalt – dann schloß sich die Tür hinter dem Mann, und es war wieder dunkel.

Diersch stand vor der Tür, aber er wartete. In Gedanken verfolgte er den Weg, den der andere nahm. Jetzt konnte er die Treppe hinuntergestiegen sein, jetzt mochte er bis zur Biegung gekommen sein, und jetzt würde er nach rechts abgebogen sein. Schnell, denn nun war jede Sekunde wichtig, öffnete Diersch die Tür und kletterte die Treppe hinunter. Im Dunkeln hätte er diesen Weg gehen können, so genau kannte er ihn. Die siebente Stufe knarrte und durfte daher nicht betreten werden. Ganz ohne Lärm ging es aber doch nicht ab, und erst als Diersch unten war und den abgetretenen Läufer unter seinen Füßen spürte, konnte er so leise vorwärtskommen, wie er wollte.

Er hatte richtig gerechnet. Gerade als er an der Biegung war und vorsichtig, durch den Wandvorsprung gedeckt, nach rechts spähte, sah er Leith in der Kabine verschwinden. Helles Licht flammte auf, dann erlosch es, da Leith die Tür hinter sich zugezogen hatte.

Jetzt geschieht es, dachte Diersch und wollte vorwärtsstürzen. Doch er blieb stehen. Er hatte etwas gesehen, dessen Bedeutung er nicht sofort begriff.

Gleich hinter der Kabinentür Leiths machte der Gang eine zweite Wendung, diesmal nach links. Und von dort waren plötzlich zwei bärtige Männergestalten in karierten Strickwesten aufgetaucht. Ohne einen Laut zu verlieren, rissen sie Leiths Tür auf und verschwanden in der Kabine. Das Licht, das beim Öffnen der Tür wieder den Gang erhellt hatte, erlosch; doch die Tür war nicht geschlossen worden. Diersch hörte einen dumpfen Fall und ein ersticktes Röcheln, und plötzlich wußte er, daß dort ein Mensch kaltblütig ermordet wurde.

So schnell ihn seine Beine trugen, jagte er durch den Gang. Im matten Licht, das von dorther durch die offene Tür in die Kabine drang, erblickte er drei Gestalten, die sich auf dem unteren Bett wälzten. Der Atem der Männer ging pfeifend, und einer von ihnen ächzte verzweifelt.

Diersch nahm sich nicht die Zeit, das Licht anzudrehen. Mit einem Satz war er einem der Männer auf den Rücken gesprungen, und mit beiden Händen, so fest er konnte, umklammerte er dessen Hals. Der Mann keuchte und versuchte, seinen unvermuteten Angreifer abzuschütteln. Doch Diersch hielt fest. Da warf sich der Mann auf die Seite und stürzte mit Diersch zusammen auf den Boden.

Beim jähen Sturz hatte Diersch den Hals des Mannes losgelassen. In der nächsten Sekunde bekam er ihn aber wieder zu fassen, doch diesmal von vorn. Der Mann wehrte sich. Er schlug Diersch mit den Fäusten ins Gesicht, aber die Schläge waren infolge seiner Kurzatmigkeit ungenau und von mäßiger Kraft. Da packte er die Hände Dierschs und riß sie auseinander.

Plötzlich stand der zweite Mann auch da. Jetzt ist es aus, durchfuhr es Diersch. Doch da bemerkte er, daß der zweite Mann taumelte.

»Schnell! Hinaus!« stöhnte er.

Sein Genosse ließ von Diersch ab und packte den Taumelnden beim Arm. Fast schien es, als würden die beiden stürzen, aber dann hatte Dierschs Gegner seinen Gefährten hinausgezerrt und schlug mit einem kräftigen Fluch die Tür hinter sich zu.

Langsam richtete sich Diersch auf. Seine Hand suchte den Lichtschalter, und er spürte, wie diese Hand zitterte. Jetzt hatte der den Schalter endlich gefunden, und grelles Licht durchflutete den Raum.

Schräg auf dem zerwühlten Bett lag Leith. Sein Kopf lehnte an der Wand, das Kinn preßte sich auf die Brust. Kragen und Hemd waren zerknittert und zerrissen, das Haar stand ihm wild zu Berge, und aus dem einen Mundwinkel zum Kinn zog sich ein dünner roter Streifen. Er röchelte und rang nach Atem, und seine Augen blickten stier.

»Mein Gott«, ächzte er. »Mein Gott, mein Gott.« Plötzlich richtete er sich ein wenig auf, in seine Augen kam etwas Glanz, doch dann sank er in seine bisherige Lage zurück. »Sie?« flüsterte er.

Einen üblen Geschmack auf der Zunge, schwankte Diersch zur Wasserkaraffe, goß ein Glas voll, trank gierig ein paar Schluck und beugte sich dann über Leith.

»Trinken Sie«, sagte er, und seine Stimme klang rauh. Mit dem angefeuchteten Taschentuch wischte er Leith das Blut aus dem Gesicht. »Sind Sie verwundet?«

Leith schüttelte mühsam den Kopf.

»Nein, danke, danke Ihnen. Wäre ohne Sie jetzt fertig. Erwürgen wollten sie mich. Die Bande! Diese Bande!«

Diersch hatte einen der offenen Koffer geschlossen und sich schwerfällig daraufgesetzt. Langsam, im Rhythmus der Wellen, schwankten der Koffer und Diersch, das Bett und Leith und der ganze Raum hin und her. Ab und zu gab es eine heftigere Neigung, dann ging es wieder im gleichmäßigen, ewigen Auf und Nieder weiter.

Dierschs Gesicht hatte jetzt einen verzweifelten Ausdruck. Er hatte geglaubt, fähig zu sein, diesen Mann umzubringen, und dann hatte er sein Leben aufs Spiel gesetzt, um ihn zu retten. Wäre er nur imstande gewesen, ruhig dazustehen, so wäre jetzt ohne sein Zutun alles vorbei, und Erika konnte im nächsten Hafen, den das Schiff anlief, unbehelligt vom Dampfer gehen. Was hatte er getan? Plötzlich aber belebte ihn eine neue Hoffnung: wenn dieser Mann nicht ganz verderbt war, so würde er jetzt Erika nichts mehr zuleide tun! Sicherlich! Vielleicht hatte er gerade durch diese Tat Erika gerettet!

»Sie lieben diese Frau sehr?« fragte Leith. Er mochte die Gedanken Dierschs erraten haben.

»Sehr«, antwortete Diersch.

Leith ächzte ein wenig und setzte sich, etwas vorgeneigt, auf den Bettrand. Seine Hände zupften an der verschobenen Krawatte.

»Es wundert mich eigentlich, daß Sie mir zutrauen, einen Menschen laufen zu lassen, nach dem Scotland Yard seine Hand ausstreckt«, sagte er sinnend. »Mein übler Ruf ... Hm. Haben Sie denn nie etwas vom berüchtigten Inspektor Leith gehört, von Leith, dem Bluthund, von dem Mann mit den Fangprämien?«

»Doch, ja«, antwortete Diersch zögernd. »Aber in dem Augenblick, als ich erfuhr, daß Sie dieser Inspektor sind, wußte ich, daß alle üble Nachrede nur Verleumdung war und ...«

»Keineswegs, junger Mann, keineswegs«, widersprach Leith. »Die üble Nachrede ist nicht so unangebracht, wie Sie denken. Fangprämien! Wissen Sie, was das ist, wie es damit zugeht? Das sind Kopfprämien für die gefährlichsten Verbrecher. Irgendein Beamter von Scotland Yard hat den Auftrag, den Mann zu fassen – lebendig oder tot. Der muß ihn jagen. Allen anderen Beamten aber steht es frei, auf eigene Faust Jagd zu machen. Die Sache ist ja meist lebensgefährlich, und wenn ein Beamter ein- oder zweimal so eine Jagd mitmachte und dann noch am Leben ist, so läßt er die Finger davon. Der Bluthund Leith aber hat in fünfzehn Jahren einundzwanzig Kopfprämien erjagt. Nur zwölf von den einundzwanzig Verbrechern lieferte er lebendig ab, und nur zwei davon unverwundet. Nein, der üble Ruf dieses Fängers ist schon berechtigt.«

Er hatte die ganze Zeit zu Boden geblickt; jetzt hob er den Kopf und sah Diersch fest an.

»Dieser Bluthund sitzt vor Ihnen, von diesem rücksichtslosen Menschenfänger erwarten Sie Hilfe. Nein, unterbrechen Sie mich nicht – ich weiß, was Sie sagen wollen. Aber lassen Sie mich erst erzählen, wie das so kam. Man wird doch schließlich nicht als Bluthund geboren, was? Man war doch mal Kind, hatte wie andere Menschen eine Mutter. Na ja, das war vor fünfzehn Jahren. Ich war damals noch nicht Inspektor, war erst im dritten Dienstjahr bei der Polizei. Hatte geheiratet, auch ein Kind war schon da. Meine Frau – ein Prachtkerl im Charakter – hatte ein kleines Gut in die Ehe mitgebracht. War alles in bester Ordnung, und ich war ein lebenslustiger junger Mann wie andere auch. Da werde ich eines Tages von London nach Liverpool geschickt, um unterwegs einen Verdächtigen zu beobachten und, wenn nötig, festzunehmen. Alles geht wunderbar. Kurz vor Liverpool bin ich zur Überzeugung gelangt, daß der Verdächtige den gestohlenen Schmuck – darum handelte es sich – bei sich hat. Ich nehme den Mann fest, finde den Schmuck, der Mann wehrt sich, reißt sich los und springt – den Schmuck zurücklassend – aus dem Zuge. Ich ziehe die Notbremse, aber von dem Mann ist nichts mehr zu sehen. Nun gut, den Schmuck habe ich ja. In Liverpool komme ich spät abends an, gebe sofort nach London Nachricht und beschließe, den Erfolg zu feiern. Eine Flasche Wein, noch eine! Auf die Wiederbeschaffung des Schmuckes waren fünfzig Pfund Belohnung ausgesetzt. Bald hatte ich lustige Gesellschaft, auch Weiber. Kurz und gut, ich weiß nicht mehr, wie ich ins Bett kam. Am anderen Morgen, als ich erwachte, war der Schmuck weg. Einem Beamten von Scotland Yard gestohlen!

Herr Diersch, wissen Sie, wie einem zumute ist, wenn man in einer Auslage die hübschen kleinen Revolver betrachtet und dabei an seine junge Frau und sein Kind denkt? Ich weiß es! Ja – am Abend war ich beim Juwelier. Der Mann wollte seinen Schmuck haben. Viereinhalbtausend Pfund oder seinen Schmuck. Ich hatte nie geahnt, daß ein Schmuckgegenstand – eine einzige Halskette! – viereinhalbtausend Pfund wert sein kann. Noch mehr, viel mehr: ein ganzes Menschenleben!

Der Juwelier hat die Sache schließlich nicht zur Anzeige gebracht. Er gab mir für den fehlenden Schmuck eine Empfangsbestätigung, und ich gab ihm dafür die Bestätigung, daß mein Haus und Grund – Haus und Grund meiner Frau – nun ihm gehörte und mir erst wieder gehören würde, wenn ich zwanzig Jahre lang vierhundert Pfund jährlich an den Mann gezahlt hatte!«

Leith schwieg einige Sekunden und blickte, in Erinnerung verloren, zum Bullauge, gegen das in ununterbrochener Folge die Meereswogen prasselten.

»Da ist nun irgendwo in der Nähe von London ein kleines Gut, auf dem eine stille, bescheidene Frau wirtschaftet und drei gesunde, muntere Kinder erzieht. Das Gut gehört ihr nicht – seit fünfzehn Jahren nicht – aber sie weiß es nicht. Die Kinder können von heute auf morgen Kinder eines Bettlers sein, aber sie wissen es nicht und sind glücklich und froh. Und ab und zu taucht ein schweigsamer Gast dort auf. Einige Wochen verbringt er auf dem Gute, arbeitet im Garten, der ihm nicht gehört, und blickt in die hellen Augen seiner Frau, die er seit fünfzehn Jahren belügt und betrügt. Nach einigen Wochen fährt er wieder weg. Vater hat Dienst, sagt die Frau zu den Kindern und ahnt nicht, daß ihr Mann wieder hinter einem der Männer her ist, die entschlossen sind, ihr Leben teuer zu verkaufen. Sehen Sie, Herr Diersch, so ist es gekommen, daß Inspektor Leith der berüchtigte Bluthund wurde, und jetzt werden Sie mir glauben, wenn ich Ihnen sage, daß der gefährliche Menschenfänger nur eine Sehnsucht hat: noch die letzten zweitausend Pfund zu verdienen, sich pensionieren zu lassen und dann – Gemüse oder sonst was zu pflanzen.«

Der Inspektor fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als wolle er die quälenden Gedanken verscheuchen, dann fragte er in verändertem Ton, knapp und sachlich:

»Sie wollen, daß ich Ihnen helfe? Ich soll die Frau freigeben?«

Diersch raffte sich aus der dumpfen Traurigkeit auf, die ihn befallen hatte.

»Ja«, sagte er gepreßt.

Leith stand auf, ging zur Tür, wieder zurück und wieder zur Tür. Gegen den Türpfosten gelehnt, blieb er stehen und sah über Diersch hinweg, mit einem abwesenden Blick.

»Natürlich werde ich Ihnen helfen, wenn Sie es – wenn Sie es verlangen«, sagte er leise. »Es ist nur, weil ...« Er unterbrach sich. »Sie sind sich doch im klaren darüber, daß dank dem Waschweib Prochorow jetzt jeder auf dem Dampfer um diese Sache weiß?«

»Es – kann sein«, versetzte Diersch stockend und blickte gespannt zu Leith auf.

»Sind Sie auch über die Folgen dessen unterrichtet, wenn nun einer von diesen vielen Menschen meine Pflichtvergessenheit nachher in London meldet?«

»Man wird Sie zur Rede stellen.«

»Pensionieren, Herr Diersch. Und es fehlen noch zweitausend Pfund!«

»Einen Inspektor, der so viel geleistet hat wie Sie, wird man nicht gleich pensionieren.«

»Für eine eindeutige Pflichtverletzung? Ganz gewiß sogar, Herr Diersch. Man wird es bedauern, aber man muß es tun – schon um anderen kein schlechtes Beispiel zu geben.«

Diersch war aufgestanden und wandte sich zur Tür.

»Sie können mir also gar nicht helfen?« fragte er mutlos.

»Doch. Ich kann. Sie haben mir das Leben gerettet, und dieses Leben gehört Ihnen. Wenn Sie es verlangen, lasse ich Erika Meißner unbehelligt.«

»Verlangen?« Diersch hob die Schultern mit einer Bewegung, als fröstelte es ihn. »Nein«, sagte er dann fest. »Ich verlange es nicht. Und jetzt wollen wir nicht mehr davon sprechen. Kommen Sie mit nach oben. Hier droht Ihnen Gefahr.«

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