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Nord-Nordwest mit halber Kraft

Arnold Alexander Benjamin: Nord-Nordwest mit halber Kraft - Kapitel 19
Quellenangabe
authorArnold Alexander Benjamin
titleNord-Nordwest mit halber Kraft
publisherErich Zander Druck- und Verlagshaus
year1936
firstpub1936
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170711
projectid0b3d9bf3
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18.

Wie erstarrt standen die Matrosen da, nur die Hände mit den Revolvern senkten sich langsam; auch die Passagiere waren im ersten Augenblick wie gelähmt, dann schluchzten einige Frauen auf. Es waren förmliche Weinkrämpfe – eine Folge der plötzlichen Erlösung von der unerträglichen Spannung. Eben noch hatten sie geglaubt, Zeugen einer wüsten Schießerei zu werden, und jetzt war aller Schrecken vorbei, und nur einem von ihnen drohte Gefahr – einem, den niemand kannte, der keinem von ihnen nahestand.

Mit einem Leuchten in den Augen trat Toole zu dem Professor heran.

»Sie?« flüsterte er. »Sie?« Er fand keine anderen Worte.

»Sie durften sich nicht melden«, sagte Maud Kassala laut.

»Schweigen Sie!« fauchte Toole. »Sie können froh sein, daß der Mann es tat! Gehn Sie zu den übrigen Passagieren. Und alle anderen auch: an die Plätze, dorthin, in eure Ecke!«

»Was wünschen Sie denn von mir?« fragte Berwick.

»Was ich wünsche? Ha, ha!« Toole überlegte ein wenig. Er wünschte die Kennworte zu erfahren, deren sich Berwick bei seinen Telegrammen nach London zu bedienen hatte. Der Funker begriff aber, daß Berwick ihm auch falsche Kennworte angeben konnte, so daß sein Telegramm dann in London grade das Gegenteil von dem, was Toole wollte, erreichen würde. Nein, es war sicherer, nach London im Namen des ehemaligen Kapitäns zu melden, der Passagier Professor Berwick sei ernstlich erkrankt, sonst aber sei alles auf dem Dampfer wohlauf. Dann würde man in London annehmen, Berwick wolle sich niemand anvertrauen und könne keine Nachrichten geben.

»Nichts wünsche ich von Ihnen«, fuhr Toole fort. Er lehnte mit verschränkten Armen an dem kleinen Tisch, an dem er vorher gesessen hatte, und musterte Berwick aus seinen kleinen listigen Augen. »Nur einige Fragen möchte ich stellen. Sind Sie eigentlich Professor Berwick, und ist der Name Leith ein Deckname oder ...«

»Nein, ich heiße Leith und bin Inspektor von Scotland Yard. Professor Berwick ist drei Tage vor Antritt dieser Fahrt in Alexandria gestorben. Da ich ihm ähnlich bin, gab man mir seine Papiere.«

»Hm ... Ja, sehr gut.« Toole flüsterte mit Smith und Tain, dann blickte er wieder auf. »Das genügt. Sie werden begreifen, daß ich Sie einsperren muß. Da Sie sich selbst gemeldet haben, will ich für Ihr Leben garantieren, aber einsperren muß ich Sie natürlich.«

»Tun Sie es lieber nicht«, antwortete der Inspektor ruhig. Im Ton der Worte lauerte eine Drohung.

Toole runzelte die Stirn und machte in der Richtung der Matrosen eine befehlende Kopfbewegung.

»Los! Festnehmen!« sagte er.

»Halt, ihr Leute!« rief Leith. »Wer Hand an mich legt, wird in London dafür unnachsichtlich gehängt werden. Das wißt ihr. Also bitte! Es sind genug Zeugen da, die nachher sagen werden, wer es war.«

Die Matrosen standen da und rührten sich nicht.

»Festnehmen!« schrie Toole. »Gonor und Dassar, ich befehle es euch!«

Die beiden Malaien machten einen Schritt auf Leith zu, dann blieben sie stehen.

»Genug jetzt«, sagte der Inspektor. »Ich sehe, ihr seid noch nicht alle verrückt. Und nun hört zu: Wer von euch jetzt den da« – er deutete auf Toole – »festnimmt und in Ketten legt, dem sichere ich Straffreiheit zu. Wer von euch von diesem Augenblick an wieder dem Kapitän gehorcht, dem sichere ich Straffreiheit zu. Wer aber anders handelt, wird gehängt werden, so wahr ich Inspektor von Scotland Yard bin.«

Das war es, was Toole befürchtet hatte. Das war die Gefahr, die von Anbeginn den Meuterern drohte. Fast genau so hatte es der Inspektor auf der »Aberdeen« gemacht; nur wagte es dieser hier, offen einzuschreiten. Und das sollte sein Verderben sein.

»Ihr habt es gehört!« sagte Toole, an die Matrosen gewandt, die sich immer noch nicht rührten, und deren gefurchte Stirnen nichts von ihren Gedanken verrieten. Ein leises Zittern war jetzt in der Stimme des Funkers, aber er schrie und tobte nicht mehr, denn er wußte, daß von den nächsten Augenblicken sein Leben abhing. »Solange dieser Mann lebt, sind wir vor Verrätern nicht sicher. Er muß beseitigt werden. Er muß tot sein. Dann kann keiner von uns mehr zurück, und mit vereinten Kräften werden wir unser Ziel erreichen und als reiche Männer in Mauretanien dieses Schiff verlassen.« Jetzt war nichts Geziertes mehr in der Sprache des Funkers. Er redete um sein Leben, und die Angst gab ihm die rechten Worte ein. »Glaubt ihm nicht. Ein Inspektor von Scotland Yard ist nicht allmächtig. Er verspricht euch Straffreiheit, aber nachher wird man sich in London nicht an dies Versprechen halten, sondern ein Exempel sta – statuieren und euch alle aufknüpfen. Tut, was ihr wollt, aber ich warne euch! Es gibt kein Zurück für uns, es gibt nur ein Vorwärts und Hindurch. Darum –«

»Nehmt den Kerl fest!« unterbrach ihn Leith, aber die Matrosen und Heizer blieben untätig, und ihre Gesichter spiegelten Mißtrauen wider.

In den Augen Tooles leuchtete es auf.

»Und jetzt sage ich: Genug!« rief er triumphierend. »Packt den Mann! Packt ihn! Nun, was ist denn – –?«

Bestürzt wandelten die Blicke des Funkers von einem Matrosen zum anderen. Die Leute gehorchten nicht! Hatte er sich verrechnet? Hatte er zu früh triumphiert? Saß die Angst vor Scotland Yard den Leuten schon im Nacken? Da – einer der Matrosen trat vor. Es war ein Weißer.

»Mr. Toole«, sagte er betreten. »Wir wollen Ihnen folgen, und wir werden Sie nicht verraten. Ja, wir wollen nach Mauretanien und dort reiche Männer sein. Aber – dem Inspektor Leith wollen wir nichts tun. Er ist ein anständiger Kerl, und wenn die Sache schief geht, wird er für uns ein gutes Wort einlegen. Er ist ein anständiger Kerl – ja.«

Die übrigen murmelten Beifall, und plötzlich begriff Toole, daß es nicht die Angst allein war, was die Leute abhielt, diesen Mann unschädlich zu machen. Durch sein Vorgehen gegen Prochorow hatte dieser Mann die Herzen der Meuterer gewonnen.

»Das – das stimmt«, sagte Toole und lächelte schief. Jetzt gebot die Klugheit, nachzugeben. Es gab ja auch andere Mittel, mit diesem gefährlichen Mann fertig zu werden. Nur keine Kraftproben mehr! Der Funker fühlte, daß er hier den kürzeren ziehen würde. »Ich will Mr. Leith auf euren Wunsch begnadigen. Aber wehe ihm, wenn er nochmals solche Reden hält. Ich warne ihn. Kommt mit!« befahl er Smith und Tain. Er raffte seine Papiere vom Tisch und hastete hinaus. Das Telegramm nach London mußte sofort aufgegeben werden.

»Hammel seid ihr!« brummte Leith böse. »Große, dumme Hammel!« Er stapfte quer durch den Raum und setzte sich ans Klavier. Mit seinen großen Händen, die wie Pranken eines mächtigen Raubtiers wirkten, hieb er in die Tasten. Mit zorniger Stimme, in seinem Baß, sang er dazu.

Als das Lied verklungen war und Leith sich umwandte, stand Diersch hinter ihm.

»Ich möchte mit Ihnen etwas besprechen, Inspektor Leith«, sagte er.

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