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Nord-Nordwest mit halber Kraft

Arnold Alexander Benjamin: Nord-Nordwest mit halber Kraft - Kapitel 13
Quellenangabe
authorArnold Alexander Benjamin
titleNord-Nordwest mit halber Kraft
publisherErich Zander Druck- und Verlagshaus
year1936
firstpub1936
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170711
projectid0b3d9bf3
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12.

Grau und trübe brach der nächste Morgen an.

Wie immer erwachte Diersch um sieben Uhr früh, und sein erster Blick galt dem Bullauge. Was er erblickte, war bleicher, dichter Nebel.

Trostloses Wetter, dachte er. Und dann plötzlich fiel ihm ein, was gestern geschehen war. Mit einem Satz richtete er sich in seinem Bett auf. Die Federn kreischten leise auf, und sein Kopf stieß gegen die Decke. Ein heftiger Schmerz durchfuhr ihn. Als er unwillkürlich nach der schmerzenden Stelle faßte, merkte er, daß sein Kopf verbunden war.

Richtig, ja ...! Er hatte doch einen ordentlichen Schlag weggekriegt. Dieser Murphy! ... Merkwürdig! Er wußte ja, daß Murphy ihm nicht wohlgesinnt war; dennoch blieb es unerklärlich, daß ein Offizier eine für sein Schiff so gefährliche Lage benutzte, um private Händel auszutragen ... Nun, das würde er zu verantworten haben ...

Hastig fuhr Diersch in seine Kleider. Wie wohl die Sache ausgegangen sein mochte? Das Bett unter ihm, das Professor Berwick einnahm, war schon leer, so daß Diersch niemanden fragen konnte. Beim Waschen hielt er einen Augenblick inne und lauschte. Der gewohnte dumpfe Ton der arbeitenden Maschinen wirkte beruhigend auf ihn. Der Dampfer fuhr also weiter! Sicherlich war die Meuterei schließlich doch mißlungen, sicherlich war jetzt alles wieder in Ordnung ...

Als Diersch nach einer Weile das Deck betrat, wurde er noch ruhiger. Mit der gewohnten Geschäftigkeit sah er einige Matrosen arbeiten, in kurzen Abständen hörte er das dumpfe Heulen des Nebelhorns. Die Matrosen sahen kaum von ihrer Arbeit auf; von irgendwoher, im Nebel nicht erkennbar, schallten scharfe Kommandorufe ... Nein, es gab keinen Zweifel mehr; die Meuterei war mißglückt.

Vor der Tür zum Speisesaal begegnete Diersch dem Steward.

»Das Frühstück wird heute im Rauchzimmer eingenommen«, sagte dieser hastig und eilte weiter.

Diersch wollte ihn zurückhalten und nach dem Grund dieser Änderung fragen; dann fiel ihm aber ein, daß die meisten Scheiben im Speisesaal wohl zertrümmert sein mochten. Es war also nur vernünftig, wenn man heute im Rauchzimmer frühstückte.

Etwa fünfzehn Menschen waren es, die Diersch am Frühstückstisch antraf. Ihre Mienen waren irgendwie feierlich, aber das sah Diersch auf den ersten Blick nicht. Was ihm zuerst auffiel, war der Umstand, daß fast alle diese Menschen einen Verband trugen. Die einen hatten, wie er selbst, einen verbundenen Kopf, die anderen trugen einen Arm in einer Binde, die meisten aber hatten kreuz und quer im Gesicht rosafarbene Pflaster.

»Guten Morgen!« rief Diersch und trat näher. Jetzt gewahrte er auch den Kapitän. Den Hals mit weißen Binden dick umwickelt, saß er am Ende der Tafel, rührte in seiner Tasse und rauchte.

»Das ging ja noch gut, Kapitän«, sagte Diersch und streckte die Hand aus.

»Wieso gut?« gab Grady zur Antwort und drückte fest die Hand Dierschs.

»Nun, ich meine ...« begann der junge Mann. Er stockte. Jetzt erst bemerkte er, daß Grady keinen Uniformrock trug, sondern ein ihm offenbar viel zu enges, graues Jackett.

»Ja, ja ...« knurrte Grady, als hätten die Augen Dierschs alles das ausgesprochen, was sich ihm plötzlich aufdrängte. »Ich bin nicht mehr Kapitän ... bin Privatperson ... wie Sie und jeder andere hier ...«

Diersch setzte sich langsam auf einen der freien Stühle.

»Dann ... dann ist die Meuterei also ...«

»Erfolgreich gewesen ... ja ...« ergänzte Grady düster. »Na ... aber jetzt frühstücken Sie erst mal ... Stärken Sie sich ... hm ... Wir wissen nicht, was uns noch bevorsteht.«

Aber Diersch dachte gar nicht mehr ans Frühstücken. Ratlos gingen seine Blicke von einem der Gäste zum anderen. Da saß Mr. Scott, und seine Miene war so ruhig wie gestern. Dort, am anderen Ende der Tafel, saß Professor Berwick und blätterte in seinem dicken Buch. Maud Kassala saß neben Professor Kaufmann und strich ihm Butter aufs Brot. Beide Hände Kaufmanns steckten in Verbandsstoff, seine Augen aber blitzten so siegessicher wie noch nie. Auch Dr. Pembroke war anwesend. Sonderbar, er hatte ebenfalls seinen Uniformrock abgelegt.

»Also, trinken Sie schon ...« sagte Mr. Scott und goß Dierschs Tasse voll. Der Kaffee verbreitete einen angenehmen Duft, und nachdem Diersch einen Schluck genommen hatte, spürte er, daß er Hunger hatte.

»Was ist mit Frau Meißner?« fragte er plötzlich.

»Sie schläft noch«, antwortete Dr. Pembroke. »Sie ist eine der wenigen, die nicht verletzt sind.«

Diersch atmete erleichtert auf, und jetzt schmeckte ihm das Essen noch einmal so gut.

»Und ...«, er kaute tapfer, »wohin geht eigentlich die Fahrt? Und ...«

»Da müssen Sie schon den Mr. Murphy fragen«, erklärte Mr. Scott.

»Murphy?« rief Diersch. »Er macht doch diesen Wahnsinn nicht mit?«

»Wenn Murphy nicht gewesen wäre, hätten wir gesiegt«, sagte Grady trocken. »Es hing alles an einem Faden, wie man so sagt. Die Leute waren ganz kopflos ... Ja, und da kommt einer, dem wir vertrauen, greift kühl und besonnen im entscheidenden Augenblick ein ... Kurz und gut, das gab eben den Ausschlag ...«

»Und nun? Ich begreife nicht, daß dann alles so ordentlich zugeht, daß wir alle in Freiheit sind ...«

»Ich bin auf Ehrenwort in Freiheit«, sagte Grady. »Und Ordnung? Hm ... Solange Murphy genügend Autorität bei der Bande hat, wird Ordnung sein ... natürlich ... Wenn nicht, dann ist der Teufel los ...«

Die Tür ging auf, und die massige Gestalt Prochorows schob sich herein.

»Guten Morgen!« grüßte er freundlich.

Alle sahen ihn an, aber niemand beantwortete den Gruß. Noch wußten diese Menschen nicht, was für eine Rolle Prochorow bei der Meuterei gespielt hatte; doch allein sein rosiges, vergnügtes Gesicht und seine behaglich zwinkernden kleinen Augen genügten, um in allen ein unklares Gefühl der Feindseligkeit zu erwecken.

»Ist noch ein Plätzchen frei für mich?« erkundigte er sich höflich. Obwohl ihm auch jetzt niemand antwortete, setzte er sich doch an den Tisch. »Sind ja tolle Sachen passiert, wie ich höre ... Habe geschlafen, alles verschlafen ... Wache am Morgen auf und finde auf dem Schiff ganz neue Sachlage ... völlig veränderte Machtverhältnisse, neuer Kurs ...«

»Wieso neuen Kurs?« warf Berwick träge ein.

»Das wissen Sie nicht?« rief Prochorow überrascht. »Wir fahren doch nicht nach Bremen ... Hat mir eben Kapitän Murphy gesagt ...«

»Kapitän?« fragte Dr. Pembroke verächtlich.

»Natürlich Kapitän! Der Mann, der ein Schiff befehligt, ist immer Kapitän.«

»Der Mann, der ein Meutererschiff befehligt, ist immer Verbrecher!« rief Mr. Scott.

»Das sind Spitzfindigkeiten, Mr. Scott!« widersprach Prochorow und legte sich dabei drei Stück Zucker in seine Tasse. »Ich für meinen Teil sehe keinen wesentlichen Unterschied darin, ob unser Schiff von Kapitän Grady oder Kapitän Murphy gelenkt wird.«

»Der Unterschied wird recht auffällig in Erscheinung treten, sobald wir einem englischen Kriegsschiff begegnen«, meinte Berwick böse.

»Ist ja lächerlich!« Prochorow lächelte wirklich. »Wir sind längst aus dem Mittelmeer heraus ... Kapitän Murphy müßte schon sehr unachtsam sein, um einem englischen Kriegsschiff in den Weg zu laufen.«

»Wohin geht denn nun die Fahrt?« erkundigte sich Professor Kaufmann.

»Das wird Ihnen Kapitän Murphy mitteilen, sobald er es für zweckmäßig hält ... Nanu?«

Die Tür war jäh aufgesprungen, und herein kamen der Funker Toole und zwei weiße Matrosen. Toole hatte eine verbundene Hand, einer der Matrosen zog das Bein nach, der andere schien unverletzt. Alle drei murmelten flüchtig einen Gruß und setzten sich an den Tisch.

»Noch Kaffee da?« erkundigte sich Toole.

Niemand antwortete.

»Ich habe gefragt, ob noch Kaffee für uns da ist?« schrie Toole. Sein Gesicht war plötzlich rot angelaufen.

»Natürlich, natürlich«, sagte Prochorow und griff nach der Kanne.

»Lassen Sie das!« befahl Toole. »Mr. Grady wird mir einschenken.«

»Sie sind ja größenwahnsinnig«, sagte Grady wegwerfend und stand auf.

»Was bin ich?« schrie Toole auf. »Sie scheinen nicht zu wissen, wen Sie vor sich haben? He?«

Grady war ans Fenster getreten und trommelte mit den Fingern gegen die Scheibe.

»Ich werde mit Ihnen schon fertig werden!« schrie Toole und sprang auf.

Dr. Pembroke vertrat ihm den Weg.

»Noch einen Schritt, du Lump, und du kannst deine heilen Knochen zählen ...«

Toole gab den Matrosen einen Wink. Langsam standen die beiden auf. Aber auch Diersch und Scott waren aufgestanden, und jetzt erhob sich auch Berwick ...

»Ach so!« rief Toole wütend. »Eine Verschwörung! Na, das soll euch teuer zu stehen kommen!« Plötzlich drehte er sich auf dem Absatz um und lief hinaus.

»Ich bitte die Herren, sich nicht einzumischen«, sagte Grady leise. »Es hat keinen Zweck. Die Übermacht ist erdrückend ...«

»Ich weiß nicht, wie die übrigen handeln wollen«, sagte Dr. Pembroke. »Aber ich stehe zu meinem Kapitän. Basta. Was passiert, ist egal.«

»Sehr unvernünftig, lieber Pembroke ...« Grady unterbrach sich und blickte nach der Tür, durch die Toole in Begleitung Murphys eintrat.

Der ehemalige Offizier sah bleich und ernst aus. Er grüßte wie immer, indem er die Hand an die Mütze hielt. Und er grüßte offensichtlich vor allen anderen seinen gewesenen Kapitän.

»Was geht hier vor, Snyder?« wandte er sich gleich darauf kühl an einen der Matrosen.

»Mr. Toole und wir zwei wollten hier frühstücken«, berichtete Snyder, wobei er sich sehr grade hielt. »Mr. Toole befahl dem Kapitän ...«

»Dem gewesenen Kapitän!« bellte Toole.

»Bitte, unterbrechen Sie nicht«, sagte Murphy. »Weiter, Snyder ...!«

»... befahl dem Kapitän, für ihn Kaffee einzuschenken. Der Kapitän wollte nicht ...«

»Er nannte mich größenwahnsinnig!« rief Toole.

»Jawohl, das tat er«, bestätigte Snyder.

»Und dann?« forschte Murphy.

»Da wollte Mr. Toole den Kapitän zwingen, und wir sollten helfen. Aber Dr. Pembroke und diese Herren wollten dem Kapitän beistehen und ...«

»Genug«, sagte Murphy ruhig. »Toole, machen Sie, daß Sie von hier rauskommen. Aber sofort! Und wehe Ihnen, wenn Sie diesen Raum noch einmal betreten. Und ihr beiden«, wandte er sich an die Matrosen, »habt nur meinen Befehlen und den Befehlen der von mir eingesetzten Offiziere zu folgen. Was Toole befiehlt, geht euch nichts an ...«

»Sie sind ja verrückt geworden!« kreischte Toole auf. »Wer hat die Meuterei gemacht? Ich! Ich ganz allein ... Und jetzt kommen Sie und ...«

»Hinaus, oder ich lasse Sie in Ketten legen!« unterbrach ihn Murphy.

»Das wird Ihnen noch leid tun!« schrie Toole. Dann aber hielt er es für ratsam, zu gehen. Die Matrosen folgten ihm wortlos.

Rasch trat Murphy auf Grady zu.

»Kapitän«, sagte er ernst und reichte ihm die Hand. »Sie können unbedingt auf mich zählen. Es wird Ihnen nichts geschehen. Hier, meine Hand darauf.«

»Danke«, sagte Grady trocken. »Meine Auffassung der Offiziersehre verbietet mir, einem Meuterer die Hand zu geben.«

Murphy stand da wie erstarrt. Langsam wandte er sich um und sah der Reihe nach in die Gesichter der Anwesenden. Doch mit Ausnahme Prochorows las er in allen Gesichtern kalte Abwehr. Und dann sah Murphy zur Tür, wo Erika stand. Sie mußte eben erst eingetreten sein, aber doch früh genug, um die verletzenden Worte des Kapitäns zu hören.

»Kapitän, ich glaube, das war recht unklug von Ihnen«, sagte Murphy. Seine Lippen preßten sich fest aufeinander, die Hand fuhr militärisch grüßend an den Mützenrand, und dann ging er, ohne Erika anzusehen, an ihr vorbei, zur Tür hinaus.

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