Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Arnold Alexander Benjamin >

Nord-Nordwest mit halber Kraft

Arnold Alexander Benjamin: Nord-Nordwest mit halber Kraft - Kapitel 12
Quellenangabe
authorArnold Alexander Benjamin
titleNord-Nordwest mit halber Kraft
publisherErich Zander Druck- und Verlagshaus
year1936
firstpub1936
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170711
projectid0b3d9bf3
Schließen

Navigation:

11.

Als Erika die schmale, steile Treppe hinaufkletterte und wie gejagt über das Deck zum Speisesaal lief, bemerkte sie einige schattenhafte Gestalten, die neben der kleinen Tür standen, durch die sie an Deck gelaufen war. Zu jeder anderen Zeit wäre ihr das sonderbar Starre, die steinerne Unbeweglichkeit dieser Gestalten aufgefallen, und sie hätte ihre Beobachtung Diersch oder gar dem Kapitän gemeldet. Jetzt aber achtete sie kaum darauf. Alle ihre Gedanken waren noch bei Murphy. Sie fürchtete, er könne ihr folgen; sie fürchtete sich vor seinem heiseren Auflachen, und ihr graute vor dem blechernen Ton seiner Stimme.

Sie beruhigte sich erst etwas, als sie die Tür zum Speisesaal aufstieß und ihr die heiße Luft und der Rauch ungezählter Zigaretten, durchsetzt von dem Duft eines Gemisches billigen und teueren Parfüms, entgegenschlug. Heftig atmend, die Hände an die Brust gepreßt, stand sie in der Tür. Das unveränderte Bild dieser frohen Menschen, ihr unbekümmertes Lachen, das grollende Klavierspiel Berwicks, begleitet von einem durch das sanfte Schaukeln des Dampfers verursachten summenden Klirren der Gläser – alles das wirkte beruhigend auf sie. Die letzten Minuten bei Murphy verloren ihre Schrecknisse, und schon war sie geneigt, über ihre Angst zu lächeln. Und als Diersch jetzt hastig auf sie zutrat und sie an ihren Platz führte, lächelte sie wirklich. Ihr Gesicht war bleich, bis auf zwei hektische rote Flecke auf den Wangen; aber die Lippen lächelten wieder.

»Was ist dir?« fragte Diersch besorgt. Wenn die anderen es nicht sahen, er sah und spürte ihre Erregung.

»Nichts, nichts«, wehrte sie ab und griff nach dem Sektglas. »Nicht davon sprechen, bitte ...«

Er strich ihr über die weiße, etwas zitternde Hand.

»Ich möchte dir doch helfen, Erika«, sagte er enttäuscht. »Warum willst du es nicht ...«

»Was ist das?« unterbrach sie ihn und lauschte.

Es war ein langgezogener Schrei. Er kam von draußen, vom Deck. Im allgemeinen Lärm war er kaum zu hören, aber er mußte sehr laut gewesen sein, wenn er trotz allem durch Türen und Fenster gedrungen war.

Plötzlich verstummte das fröhliche Lachen. Mitten im Satz brachen die Gespräche ab. Nur die Gläser summten ihren zitternden Ton weiter, und Professor Berwick, der einzige, der den Schrei nicht gehört hatte, sang mit tiefer Stimme sein Lied weiter.

Jäh brach er ab, da ihm die Stille auffiel, fuhr auf seinem Drehschemel, der laut aufkreischte, herum und blickte verwundert in die ratlosen Gesichter.

Stille. Nur die Gläser summten noch, und die Maschine arbeitete mit dem gewohnten gleichmäßigen Dröhnen. Stille.

Kapitän Grady lag weit zurückgelehnt in seinem Sessel und mühte sich mit fahrigen, aufgeregten Hand- und Beinbewegungen ab, um schnell hochzukommen. Es war ein lächerlicher Anblick, und der Vergleich mit einem Käfer, der auf dem Rücken liegt und sich vergeblich bemüht auf die Beine zu kommen, drängte sich auf. Aber niemand lachte, niemand lächelte.

Und jetzt – kurz abgerissen, wie Peitschenknallen – zwei, drei, vier Schüsse ...

Eine Frauenstimme schrie. Grady war jetzt auf den Beinen. Seine Hand fuhr in die Tasche. Auch Diersch umklammerte in der Tasche das kühle Eisen des Revolvers. Und dort, an der Säule, stand auch Scott, beide Hände in den Taschen vergraben. Ein Klirren: Maud Kassala hatte ein Glas umgeworfen, als sie hastig nach ihrer Handtasche griff, in der sie jetzt krampfhaft nach etwas suchte.

»Ich bitte dringend um Ruhe ...« befahl Grady und machte zwei Schritte auf die Tür zu.

Da sprang die Tür auf. Matrosen und Heizer drangen ein. Man konnte nicht sehen, wie viele es waren, aber man hatte den Eindruck, als quetsche, als presse sich da durch die viel zu enge Tür eine unübersehbare Menge dieser Matrosen und Heizer herein. Es waren Malaien, Araber, ein Nubier und drei, vier Weiße. Die Gesichter der Männer waren verzerrt. Sie erinnerten nicht im mindesten an die gewohnten sorglosen Mienen der Matrosen, wie man sie gestern und auch heute noch an Deck gesehen hatte. Die dunklen Augen der Männer glühten. Nicht Haß und nicht Wut standen darin, sondern stumme Entschlossenheit und Erwartung – die Erwartung des Todes oder des Sieges.

»Nicht schießen!« schrie der Nubier, ein wahrer Riese an Gestalt. Es war nicht klar, wem der Zuruf galt: seinen Genossen, die Revolver im Anschlag dastanden, oder den wenigen besonnenen Männern, die bereit waren, diesen kopflosen Haufen Passagiere zu schützen. »Kapitän, befehlen Sie, alle Waffen abzuliefern ... Sonst – wir schießen alles zusammen.«

Grady schwankte. Er mußte den Dampfer halten, er mußte kämpfen; aber er trug die Verantwortung für das Leben dieser Menschen hier. Sie waren ihm anvertraut worden ... Durfte er das Zeichen zu dem entsetzlichen Kampf geben? Sein Blick suchte die Augen Scotts und Dierschs, aber beide Männer beantworteten seine stumme Frage nicht. Sie standen da, bereit, zu gehorchen. Sie würden tun, was er befahl: die Waffen abliefern oder kämpfen.

Das alles geschah in wenigen Sekunden. Noch saßen die Passagiere regungslos, wie gebannt da, unfähig zur kleinsten Bewegung. Aber in der nächsten Sekunde schon konnte der Bann brechen. Dann würden sie aufspringen, schreien, kreischen, jammern und laufen, im Kreise herum, wie gefangene Tiere, denn den einzigen Ausweg versperrten die Männer mit den finsteren Gesichtern.

Nein, nur das nicht! Grady zog die Hand aus der Tasche – leer!

»Ich denke, wir ...« begann er zögernd.

Da geschah etwas Unerwartetes. Weder Diersch noch Scott hatten ihre Waffen aus den Taschen genommen. Nur Maud Kassala hielt einen kleinen, silbern blitzenden Revolver in der Hand; aber auch sie wartete auf den Befehl. Einer aber, an den in diesem Augenblick niemand dachte, wartete nicht. Mit einem schrillen, durchdringenden Schrei war Professor Kaufmann aufgesprungen. Das Gesicht gelb vor Angst, lief der kleine, schmächtige Gelehrte geradeswegs auf die Matrosen und Heizer zu. Er erweckte den Eindruck eines Menschen, der die Nerven verloren hat, eines Verrückten, eines Besessenen, der etwas tut, nicht weil er will, sondern weil er muß. Der grelle Schrei, der nicht abreißen wollte, der schlenkernde, taumelnde Lauf dieses Mannes und die mit dünnen Spinnenfingern krampfhaft festgehaltene Weinflasche – eine angesichts der drohenden Revolvermündungen lächerlich armselige Waffe –, das wirkte auf alle lähmend. Und so geschah es, daß der kleine Professor plötzlich vor den eindrucksvollen Gestalten seiner Widersacher stand und daß seine Flasche, mit der Sicherheit des Irrsinnigen geschleudert, auf dem Schädel des riesigen Nubiers zerbarst. Der Nubier schwankte, griff in die Luft und brach zusammen. Und im selben Augenblick knallten schon die Schüsse.

Was Grady hatte verhindern wollen, trat nun ein. Die Meuterer, durch den Sturz eines der ihren erbittert, schossen mehrmals planlos in die bunte Menge der Passagiere; der Kapitän, Scott, Diersch und die Kassala schossen zurück, mußten aber damit sofort wieder aufhören, da die entsetzten Menschen sich zwischen sie und die Meuterer warfen. Grady sah sich eingekeilt zwischen schreienden und tobenden Passagieren, und so sehr er sich bemühte, nach vorn zu kommen, er wurde immer mehr abgedrängt. Scott hatte mehr Erfolg: er war nach vorn gestürzt und kam gerade zurecht, um mit dem Revolverkolben einen Araber niederzuschlagen, der eben seine Schußwaffe gegen Diersch richtete. Der junge Deutsche bot in diesem Augenblick eine prachtvolle Zielscheibe. Ohne sich zunächst um die anderen zu kümmern, hatte er das mit buntem Papier verklebte Fenster eingeschlagen und hob Erika hinaus, aufs Deck. Er selbst wollte kämpfen, wollte zurück, aber schon war es zu spät. Kaum hatten einige der schreienden Menschen das zerbrochene Fenster bemerkt, als sie sich Diersch entgegenwarfen, um ebenfalls durchs Fenster zu entkommen. Und diesen Ersten folgten andere. Diersch schrie verzweifelt, es seien ja überall Fenster. Niemand achtete auf ihn. Alles drängte, schrie, schlug um sich ...

Plötzlich erhielt Diersch einen Stoß gegen die Brust. Er taumelte. Und jählings kam ihm zum Bewußtsein, daß der, der jetzt stürzte, einfach niedergetrampelt würde. Da sprang er mit einem Satz auf das Plüschsofa, und gleich darauf befand er sich draußen in der kühlen Nachtluft.

»Schnell, komm ...!« sagte eine Stimme neben ihm. Es war Erika. Sie hatte auf ihn gewartet.

»Nein!« preßte er mühsam hervor. »Ich muß ... ich muß ...«

Jetzt sah Erika, was er mußte, und sie begriff, daß ihn nichts von dieser Stelle wegbringen konnte. Dort hingen sie, hilflos, schreiend vor Entsetzen – die Passagiere, die gleich ihm durch das Fenster hinaus wollten. Als er hinauskletterte, hatte er noch gerade genug Platz gehabt; daher war es ihm auch geglückt. Die nach ihm kamen, wurden von hinten gestoßen, von den Seiten gequetscht, wurden förmlich hinausgepreßt. Der eine hatte einen Fuß draußen und konnte nicht weiter, ein anderer hatte den Oberkörper hindurchgezwängt, aber seine Beine waren eingeklemmt.

»Schlag die Fenster ein!« schrie Diersch Erika zu. »Nimm irgend etwas, aber schlag sie ein ...«

Er selbst packte den Hinaushängenden bei den zerschnittenen Händen und zerrte ihn vollends heraus.

»Halt! Hiergeblieben!« brüllte er, als der Gerettete Anstalten machte, davonzulaufen. »Anpacken! Helfen! Hier ...«

Zwei, drei entsetzliche Minuten lang arbeiteten die beiden, bis sie den nächsten befreit hatten. Der blieb gleich bewußtlos am Boden liegen.

»Weiter! Weiter!« befahl Diersch. Doch da merkte er, daß der furchtbare Druck plötzlich nachließ. Anscheinend hatte Erika einige andere Fenster eingeschlagen, und jetzt drängten sich nicht mehr alle hierher.

»Halt! Was tun Sie hier?«

Diersch wandte sich hastig um. Wer war das, der in diesem tollen Durcheinander noch so kaltblütig sprach? Ah, Murphy war es ...! Und neben ihm standen einige malaiische Matrosen. Es war also noch nicht alles verloren ...!

»Helfen Sie, Murphy!« rief Diersch erleichtert. »Die Leute ... Sie werden ja erdrückt ... So ... den hätten wir ... Nun diese Frau ...«

»Niemand darf mehr hier raus!« rief Murphy den Malaien zu. Er schien Diersch kaum zu beachten. »Sie und Sie passen hier auf. Die andern gehen mit mir! Los!«

Diersch packte den Offizier am Rock.

»Sind Sie denn wahnsinnig, Murphy?« schrie er auf. »Sehen Sie denn nicht, was sich dort abspielt?«

»Keine Zeit ...« sagte Murphy. Und dann geschah etwas Merkwürdiges. Murphy hob den Revolver und versetzte Diersch mit dem Kolben einen furchtbaren Schlag auf den Kopf.

Diersch brach zusammen. Es war ihm noch, als höre er eine Frau laut aufschreien, dann wußte er von nichts mehr.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.