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Fredrika Bremer: Nina - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleNina
authorFredrika Bremer
translatorG. Fink
year1843
firstpub1835
publisherFranckh'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleNina
pages520
created20171205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Und Angelika?

So fragten Viele, als Gräfin M. nach zweijährigem Aufenthalte in Rom ohne sie zurückkehrte. Und die Plomgren? fragte Fräulein Margarethe.

Glückselig sind diejenigen, die ihr Leben auf Erden voll ausleben, die ihre Kraft gänzlich ausbilden und in immer schöneren Schöpfungen den reichen Schatz offenbaren, welcher in der Tiefe ihrer Seele liegt. Sie sind die Helden des Lebensdramas, die herrlichen Genien der Erde.

Das Erdenleben hat auch stumme Genies. Sie denken das Tiefste, sie fühlen das Feurigste, allein sie finden keine Worte, um das Göttliche auszusprechen, was ihre Ohren vernehmen. Sie gehen unverstanden dahin; sie gehen dahin wie schweigende Schatten. Laßt uns ihnen mit Ehrfurcht nahen. Von den Kindern der Erde 54 sind diese oft die Unglücklichsten. Aber wir wissen, daß ihnen dereinst ein Engel die Zunge lösen wird.

Es gibt auch Wesen, die zwar nur einen Augenblick leben, denen es aber gegeben ist, ein Wort auszusprechen, welches ins Unendliche forttönt. Auch sie sind glücklich auf Erden! Ihr Leben war voll, obschon kurz – eine Dithyrambe, gesungen im Tempel der Unsterblichkeit.

Angelika gehörte unter diese letzteren. Ihre feurige Seele verzehrte die Hülle, worin sie wohnte, und der angestrengte Fleiß, womit sie in Rom arbeitete, erschöpfte ihre Kräfte vor der Zeit. Sie starb mit dem Pinsel in der Hand, während sie die letzte Feile an das Bild des Engels legen wollte, welcher Maria mit den Worten begrüßt: »Heil dir o Gnadenreiche!« Sie ging dahin, um die Bilder der Schönheit näher zu sehen, welche sie auf Erden geahnt, und mit ihnen zu beten.

Ihr letztes Gemälde, ihr letztes Wort an die Welt ist noch im Besitz der Gräfin M. Niemand kann es ohne die innigste Rührung betrachten. Keine Frau besonders kann Maria und das in ihrem ganzen Wesen ausgesprochene: »Siehe ich bin des Herrn Magd,« sehen, ohne in diesem Wort auch ihre Lebensaufgabe zu erkennen. Jedermann, wer dieses Bild anschaut, muß unwillkürlich an eine höhere Reinheit und Heiligkeit glauben. Es gibt einen Schein vom Himmel und lockt die Seele zu ihm hinauf. Angelika hat nicht vergebens gelebt.

Und wer hat dieß, wenn er warm gewollt, wenn er redlich gearbeitet hat, wäre es auch nur eine Morgenstunde? Er hat nichts Ganzes vollbracht, aber er hat einen Funken ausgeworfen, welcher erwärmend in der Nacht Vieler fortglühen wird; er hat Andern das Werk bereitet; auch dieß ist gut und erfreulich!

Unser kleines Leben, wie schnell es dahin geht! Laßt uns dasselbe mit dem der Menschheit verbinden – und es wird unsterblich auch auf Erden! 55

Und der gute Otto und die garstige Gräfin Auguste und die muntere Baronin und Se. Excellenz ihr Mann? Sie sind allesamt gestorben an der Cholera.

 


 

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