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Fredrika Bremer: Nina - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleNina
authorFredrika Bremer
translatorG. Fink
year1843
firstpub1835
publisherFranckh'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleNina
pages520
created20171205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Nina.

Blicke in eine reine Quelle in dem Augenblick, da der Tag sich von der Nacht scheidet; sieh bei der magischen Dämmerung des Morgens den Himmel mit seinen klaren Sternen sich darin spiegeln, und du hast ein Bild von Ninas Seele. So rein war sie, so schimmerten in der Tiefe ihres Wesens alle ewigen Wahrheiten, aber sie strahlten durch eine Dämmerung. Es war eine Ahnung vom Lichte, noch nicht das Licht selbst. Sie war der ursprüngliche Mensch, der Mensch in seiner Unschuld, in seiner ersten heiligen Schönheit. Ihre Seele schien eins zu sein mit dem schönen Körper, sie stimmten so freundlich zusammen, sie schienen in einander gegossen zu sein. Ihr Wesen war voll von der ruhigen Innerlichkeit, die von keinem äußern Auftreten weiß. Unbefangen, aber 48 schüchtern war sie, still, in sich selbst gefaßt. Ihr Anblick that der Seele und dem Auge wohl. Wie schön und harmonisch waren nicht die Bewegungen des weichen Arms, der wohlgebildeten weißen Hände? Ihr Gang, wie schwebend, ihre Haltung, wie einfach und edel? Es würde mir schwer werden, euch einen Begriff von der Schönheit und Anmuth ihres Gesichts beizubringen, aber wenn ihr die leichte Wölbung der reinen Stirne unter dem glänzenden, seideweichen Haare, den Blick des Auges unter den langen dunkeln Wimpern, das feine griechische Näschen, den bezaubernden Mund, das schöne Oval des Gesichtes und bei dem Allem noch eine Haut wie Schnee gesehen hättet, da hättet ihr mit Fräulein Margarethe behauptet, daß sie das Schönste sei, was Gott geschaffen. Ihre Augen hatten denselben Schnitt, wie die Adelaidens, aber einen weniger lebhaften Glanz; über Ninas dunkelblauen Augen lag gleichsam ein Schleier, eine gewisse feuchte Dämmerung, deren Zauber über alle Beschreibung erhaben ist. Etwas Wehmüthiges, etwas Träumendes lag in diesem Blick; es war nicht der lichte Tag, nicht das klare Leben, sondern etwas Ahnungsvolles, etwas ungemein Rührendes. Wenn sie den Worten Anderer lauschte, so bewies sie dabei die vollste Theilnahme, und wenn über ihre Rosenlippen die Worte floßen, Etwas langsam, aber so edel, so anmuthig und von einer Stimme, die wirkliche Musik war, da lernte man eine der schönsten und im Allgemeinen vielleicht am Meisten vernachlässigten Zierden des Menschen schätzen.

Jedermann spricht heutzutage über die Erziehung, warum nicht auch ich? nämlich über die Ninas. Sie war Kind gewesen, sie war zur Jungfrau herangeblüht und hatte wenige sogenannte Kinderbücher und beinahe gar keine Romane gelesen, keine Madame Genlis, keinen Lafontaine. Sie lebte daher auch nicht in dem Irrwahn, daß äußeres Glück nothwendig auf innere Tugend und Güte folgen müsse; sie hatte nicht gelernt, daran zu denken, daß bei der gewöhnlichsten Handlung christlicher 49 Mildthätigkeit ein Liebhaber durch die Thürritze oder das Schlüsselloch hereinlauschen und in Entzücken gerathen müsse. Sie fragte wenig nach dem »qu'en dira-t-on?« denn sie war weder in der Roman-, noch in der Alltagswelt daran gewöhnt worden, für die Gedanken und Neigungen anderer Menschen zu leben. Sie hatte die Menschen nicht auf dem kleinen Theater des Gesellschaftslebens studirt, dagegen sah sie dieselben zeitig auf der großen Weltbühne. Frühzeitig machte Edla sie mit den schönen und großen Characteren der Geschichte, mit den reinen Lehren der Weisen bekannt. Sie scheute sich nicht, sie die Wirklichkeiten des Erdenlebens sehen zu lassen – allein sie zeigte ihr dieselben beim Scheine eines höheren Lichtes. Sie ließ sie die Tugend leidend, den Weisen verkannt, verachtet sehen; – sie lehrte sie das Leben in aller seiner Größe und in aller seiner Bitterkeit kennen, sie wollte sie darauf hinleiten, die Tugend ohne Bestechung zu lieben. Und Nina gewann wirklich die Schönheit der Tugend im Innersten ihrer Seele lieb und durch ihr beständiges Hinschauen auf Vortrefflichkeit und Wahrheit wurde sie selbst vortrefflich und wahr, ohne es auch nur zu wissen. Sie war wie ihre Liebe. Edla dachte: »Ich will sie heimisch machen auf den Höhen der Menschheit und ihren Blick an der Klarheit der Gottheit stärken, damit, wenn sie in das Alltagsleben herabsteigt, ihr Auge nicht verblendet wird vom Glanze der Welt, ihre Seele nicht gefesselt von der Kleinlichkeit des Lebens. Wie ein höheres und besseres Wesen soll sie in der Welt dastehen, sie soll nicht zu ihr hinabsinken, sondern sie zu sich emporheben, soll Alles um sich her veredeln. Sie soll des Glückes theilhaftig werden, das den edleren Menschen zukommt, nämlich sich selbst zu besitzen, erhaben über alle irdischen Wechsel, ihren Frieden und ihre Freiheit zu bewahren und die Kraft, im Leben, wie im Tode, nur für das ewig Gute allein zu wirken.«

Nach derselben Ansicht bildete Edla auch Ninas Schönheitssinn. Sie machte ihr Ohr frühzeitig mit dem Reinen 50 und Harmonischen in den Tönen und ihr Auge mit dem Schönen in den Formen vertraut, und das Schöne und Herrliche, was Nina schaute, drückte nach und nach sein Bild in ihrem Leben ab. Edla suchte die Neigung der Schwester mehr auf die bildende Kunst, als auf die Musik hinzulenken, deren Töne gar zu erschütternd in ihre Seele griffen, und Nina beschäftigte sich oft mit der Abzeichnung einer griechischen Muse oder eines Jupiterkopfes, oder war sie in die Betrachtung einer heiligen Maria, eines dornengekrönten, leidenden Christus versunken. Keine Ariadne in Thränen, kein Herkules auf dem Scheiterhaufen wurde ein Gegenstand für Ninas Pinsel. Alles Schwächliche, alles Leidenschaftliche, Alles, was auf eine Verwirrung der Seele, auf die innere Unbeständigkeit des Menschen hindeutete, beseitigte Edla als unwürdige Gegenstände. Sie wollte – der gewöhnlichen Regel schnurstracks zuwider – in Nina die Vernunft vor der Phantasie entwickeln; sie wollte die Kraft hervorrufen und befestigen, ehe ihr noch die Erschütterungen des Gefühls bekannt waren. Deßwegen verbannte sie auch aus ihrer Nähe alle Spuren von Unruhe und heftigen Leidenschaften. Sie gebot ihrer eigenen Stirne Ruhe, und um die unendliche Weichheit und Empfindsamkeit zu beseitigen, die einen ausgezeichneten Zug in Ninas Character bildeten, zwang sie sich, ihr die Zärtlichkeit, die sie für sie empfand, nicht zu beweisen, ja sie lehnte sogar die unschuldigen Liebkosungen des Kindes ab, und erwiederte sie beinahe nie. Vielleicht hatte Edla dazu auch noch einen andern Grund. Folgende Anekdote mag uns hierüber Aufschluß geben:

Edla hatte eines Tags Besuch von ihrem Freund, dem Professor A. Die damals neunjährige Nina schmiegte sich an sie an und streckte ihr ihr bezauberndes Mündchen hin. Edla lehnte die Liebkosung stille ab, zur sichtbaren Betrübniß der Kleinen. »Wie?« sagte der Professor leise, »können Sie sich wirklich enthalten, diese Rose zu küssen?« – »Soll ich sie verwelken machen?« antwortete 51 Edla und zeigte auf ihre beständig aufgesprungenen und wunden Lippen.

Hätte Edla doch vollenden dürfen, was sie begann! Hätte nicht die Schwachheit, die Bosheit Anderer . . . Doch wir wollen nicht voreilig sein. Haben wir jetzt genug von Nina gesagt? Haben wir gesagt, wie sie durch Edla Kraft bekam, ihre natürliche Trägheit zu überwinden, wie sie an Edlas Beispiel Fleiß lernte und wie sie trotz dem Allem so oft in eine träumende, wehmüthige Stimmung versank, wie dieser Hang, verbunden mit ihrer körperlichen Schwachheit, ein Quell bitterer Unruhe für Edla war, dann haben wir für jetzt genug gesagt. Ninas Seele glich einem Tempel, in welchem jedoch noch kein Gottesdienst gehalten wurde; sie war eine Welt, über welcher noch keine Sonne aufgegangen war. Die Wärme, das höhere Leben fehlte noch.

Aber, was wird man denken, sagte wohl der Präsident dazu, daß eines seiner lieben Kleinen das erhielt, was er eine gelehrte Erziehung nannte?

 


 

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