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Fredrika Bremer: Nina - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
booktitleNina
authorFredrika Bremer
translatorG. Fink
year1843
firstpub1835
publisherFranckh'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleNina
pages520
created20171205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein Christ.

Der du durchschaust die Tiefen meines Herzens,
    Nimm meines Willens Opfer gnädig hin,
Aus Liebe reichst du mir den Kelch des Schmerzens,
    Ich trink ihn aus mit liebevollem Sinn.
                                                Vitalis.

Wenn ein Herz unter der Last tiefer Sorgen bricht, wenn Krankheit in der Wunde, die der Schmerz geöffnet, Wurzel schlägt und am Leben zehrt, bis es stirbt – dann wird Niemand von uns sagen, das sorgenbeladene Herz hätte nicht brechen sollen, die Kraft hätte sich frisch erhalten können, das Leiden hätte getragen werden müssen; nein, wir wollen kein Wort des Tadels aussprechen über die Hinsinkenden, die sich nicht aufrichten – außer in der Auferstehung jenseits des Grabes.

Aber schön, aber stärkend, aber herrlich ist der Anblick des Mannes, der den Giftpfeilen des Lebens eine muthige und geduldige Brust entgegenhält, der ohne Trotz und ohne Schwachheit unerschütterlich seinen Weg weiter geht, der leidet und nicht klagt, dessen liebste Hoffnungen das Schicksal geraubt, und der doch Freude um sich verbreitet, der nur lebt, um glücklich zu machen. Ach wie schön ist der Anblick dessen, der seine Dornenkrone trägt und sie zur Verklärung trägt!

Ich habe mehr als einen so königlich Leidenden gesehen, und dabei immer innig empfunden: »O ich 517 möchte lieber dieser sein, als irgend ein bloß weltlich Glücklicher.«

Ich muß jedoch einen Unterschied machen. Es gibt Unglücksfälle, in welchen wir eine höhere Hand, eine unabwendbare Schickung erblicken; sie sind wie der Donnerschlag aus den Wolken. Es gibt auch Leiden anderer Art, die mit der Tortur unausgesetzter Nadelstiche verglichen werden können. Sie werden von Menschen verursacht und kommen am häufigsten in Familien vor, wo Gatten, Aeltern und Kinder mit und für einander gleichsam nur leben, um sich im Hause die schlimmste aller Höllen zu schaffen; – da gibt es Plagegeister und Geplagte, von denen schwer zu sagen ist, welche am Meisten zu beklagen sind. – Die Unglückseligen! Die erste Art von Unglück ist am Leichtesten zu ertragen. Es ist viel, viel leichter, unter Gottes, als unter der Menschen Hand zu leiden. Der Blitz aus der Höhe gibt entweder den Tod, oder ein Licht, eine Kraft. Die Stiche von Menschenhand verzehren die Kraft, wie ein langsamer Krebs. So wird das Herz verbittert, und Bitterkeit ist der Samum des Lebens; – wo er weht, da entsteht eine Wüste. Doch gibt es auch hier Rettungsmittel. Es gibt eine Engelsgeduld, die jede verwundende Spitze abstumpft, die den Leidenden unter der Qual sich selbst und zuletzt auch die Andern heiligen läßt. Es gibt einen sokratischen Muth, der alle Sturzbäder Xanthippes in stärkenden Regen verwandelt; – es gibt auch einen Heldenmuth, der die Ketten bricht, die ihm zu schwer zu tragen sind. Jeder so Gequälte prüfe sich selbst – allein er prüfe sich vor einem höhern Auge – er wähle und lasse sein Herz nicht verwittern oder verbittern, denn dieß thut Niemanden gut.

Betrachte diese Gegend, wo man sonst nur unfruchtbare Sümpfe und endlose Wälder und Haiden sah. Sie ist nicht mehr dieselbe. Behagliche Bauernhöfe sind in Menge darüber zerstreut im Thale und auf den Höhen. Das Himalayakorn wiegt seine langen Aehren über 518 ausgedehnte Felder. Zahlreiche Heerden bedecken die fetten Waiden. Alles zeugt von einem angebauten Lande, wo man sein gutes Auskommen hat, von einem Volke, das Ordnung und milde Sitten liebt. Wer hat dieß Alles bewirkt? Ein Mann, dessen Lebensfreuden das Schicksal zertrümmert hat, der kein Glück in der Welt kannte, außer das er Andern bereitete; Eduard Hervey hat dieß bewirkt. Aus dem Gram, der in sein Leben griff, rettete er sich nur durch die angestrengteste Thätigkeit des Leibes und der Seele. So überwand er, und von dem Augenblick an, da er Nina todt wußte, wurde es ihm leichter.

Glänzend gerechtfertigt vor den Augen der Welt, wurde Hervey bald der Gegenstand allgemeiner und ehrender Auszeichnung. Ehre und Ansehen suchten ihn; allein er lehnte sie schweigend ab. Sie hatten jetzt alle Macht über seine Seele verloren. Er blieb in dem Kreise, wo er bereits gekannt und geliebt war, und vollendete darin sein begonnenes Werk. Er kultivirte die Gegend und ordnete die Gesellschaft, die sich unter seinen Augen bildete. Er gab ihr die Wurzel in Ordnung und Fleiß, er gab ihr die Krone im Lichte Gottes. Sein freundlicher Blick, sein weiser Rath, seine kräftige Hand war für Alle da. Heiter war er selten, aber ruhig und klar immer; er liebte die Menschen, er verehrte alles Gute und sah mit Liebe auf das Schöne, was die Erde besitzt. Sein Alter war wie seine Jugend. Sein Leben war ein Gottesdienst.

Und könnten wir, meine leidenden Freunde, das Leben nicht besser ertragen, wenn wir mit kräftigem Vorsatz den Gedanken von dem, was uns quält, ablenkten und auf etwas Liebliches oder etwas Hohes richteten? Fehlt es etwa daran auf Erden? Ach es gibt so viel Gutes, so viel Edles bei den Menschen, so viel Frisches in der Natur, so viel Ruhe bei den Büchern, so viele Hoffnung über den Sternen, und vor Allem so viel erneuende Kraft in allem Schöpferischen, in allem 519 Schaffenden. Wer impft einen Fruchtbaum, ohne daß er sich für die wachsenden Zweige interessirt, ohne daß er gerne seine Frucht kosten möchte? Der Leser wird mich hier erinnern, daß ich die tiefste, die größte, ja die einzige Quelle des Trostes und der Freude vergessen habe . . . . aber warum wiederholen, was wir Alle wohl wissen? Ueberdieß – wäre diese Quelle nicht – was lohnte es sich dann, überhaupt von irgend einer zu sprechen? Was ihnen allen Leben gibt, ist ein Tropfen vom Ewigen. Aber die Zeit eilt. Der Tag unserer Geschichte neigt sich seinem Ende zu. Es ist Abend.

Nebel steigen um Tärnas Hügel auf. Sie steigen auf, wie winkende, fliehende Geister. Sie fahren hin und sinken und steigen wieder. Sie hauchen kühl und feucht über die Erde. Leise breiten sie den Leichenschleier über die Wiese; sie soll darunter schlafen. Wo sie hingehen, gibt es Thränen. Der Wind seufzt sterbend in den Bäumen. Es ist Abend.

Nebel steigen um Herveys Wohnung auf; sie ziehen sich dämmernd um seine Fenster und verhüllen vor ihm die freundliche Erde. Sie scheinen ihn abholen zu wollen und rollen mit leichten, luftigen Dunstwagen dahin. Sie scheinen zu ahnen, daß seine letzte Stunde gekommen, daß er fertig ist abzureisen.

Werdet ihr euch wundern, meine freundliche Leser, wenn diejenige, die ihrer Feder die Bestimmung gegeben hat, euch Vergnügen zu machen, euch jetzt von Sterbebett zu Sterbebett führt, wenn das Alltagsleben gleichsam eine Leichenprocession geworden ist? Aber fürchtet euch nicht und folgt mir willig noch diesen kurzen Weg, ihr sollt keinem düsteren Bild mehr begegnen. Fröhliches, junges Mädchen, fürchte dich nicht! Was ich dir zeigen will ist nur Freude, klare, hinreißende Freude. Laß dich nicht stören von dem Gedanken, daß diese Skizze nur Fiktion sei; ich versichere dich, sie ist reine Wahrheit.

Am Fenster im bequemen Lehnstuhl saß der redliche 520 Dulder, von dem unsre Geschichte erzählt hat. An die weißen Kissen lehnt er sein Haupt so kraftlos, aber so stille. Auf dem abgezehrten Gesichte ruht eine wunderbare Klarheit; über die himmelklare hohe Stirne fallen einige dunkle, aber grauende Locken herab. Er ist nicht einsam. Die Mutter ruht in der stillen Erde, aber Marie steht treu an seiner Seite. Nur sie will er in dieser Stunde um sich haben. Wie die Flamme des Lebens noch flackert, bevor sie erlischt! Sie sinkt und steigt, wird trübe und wieder klar und will die Hütte nicht verlassen, in der sie lange gewohnt. Hervey versinkt zuweilen in einen Schlummer, der einer Todesbetäubung gleicht; aber er erwacht wieder, um seine Hände zusammenzulegen, und mit einer Freude, die keinem irdischen Entzücken gleicht, zu rufen:

»Ach, welche Wonne! Ists möglich, daß ich noch auf der Erde lebe? Kann so viele Seligkeit hier Platz haben? Gott, mein Gott! Welche Himmelslust! Bin ich noch derselbe? Ists möglich, daß Eduard Hervey auf Erden diese Freude empfinden kann? Jesus! Liebreicher! Dieß ist dein Leben. Ewige Liebe! Ja das Maaß, das du gibst, ist gerüttelt voll! . . . .«

Die Nacht geht hin, der Morgen graut. Noch weilt Hervey auf Erden umschmeichelt von Seligkeitslüften. Da brach ein Strahl der aufgehenden Sonne durch die Nebel und lag auf dem Gesichte des Sterbenden. Ein verklärtes Leben färbte Herveys Wange. Seine Augen strahlten. Er richtete sich schnell auf, streckte die Arme aus und rief mit einem noch nie gehörten Tone von Liebe und überirdischer Freude:

»Nina!«

Er sank zurück – eine Leiche. Sein Geist war entschwunden. Sie hatte ihn abgeholt.

 

Ende.

 

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