Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Fredrika Bremer: Nina - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleNina
authorFredrika Bremer
translatorG. Fink
year1843
firstpub1835
publisherFranckh'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleNina
pages520
created20171205
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Das Verbrechen.

»Ich habe tief bereut und Viel gelitten in dieser Reue! Möge das Sie erweichen.«

Unsere Leser werden fragen: »Wie und woher kamen Baron Hs. so auf einmal in die Ueberschwemmungsnacht? Zur Erklärung dieses Umstandes wollen wir ihnen berichten, daß sie auf einem Ausflug vom Paradies unvermuthet mit Graf Ludwig zusammentrafen, der auf seiner Reise nach Norrland begriffen war, und sogleich den Entschluß faßten, zu gleicher Zeit mit ihm dort zu sein: in welcher Absicht und auf wessen Wunsch, wird der Leser leicht errathen. Sie führten ihren Plan aus und kamen um zu retten, um zu trösten, aber ohne die Schläge des Unglücks abwehren zu können, die mehr als Eine Brust zermalmten.

Auf Ninas Bitte schrieb jetzt die Baronin an 501 Hervey. Mit treuer Genauigkeit erzählte sie Alles, was vorgefallen war, und schloß ihren Brief mit folgenden Worten:

»Sie sehen so gut als ich, was jetzt zu thun ist. Es scheint mir für Ninas Ruhe wichtig, mit Ihnen nicht mehr zusammenzutreffen; es ist auch ihr eigener Wunsch, ihre Bitte an sie. Eine Begegnung mit Ihnen könnte ihr nur die grausamsten Qualen verursachen. Der letzte Wille der dahingegangenen Edla, das ihr gegebene Versprechen soll und muß ihr heilig sein. Gott der Allmächtige stärke sie! Und möge Ihre Kraft zu entsagen eine Stütze und ein Vorbild für sie sein! Seit Edlas Tod liegt sie in einem beständigen Schlummer und ich danke Gott dafür, denn sie bedarf der Ruhe nach dem, was vorgefallen ist; sie muß Kräfte sammeln für das, was ihr bevorsteht. Ich kenne Sie und ich verlasse mich auf Sie. Noch einmal! Nina darf Sie nicht wieder sehen! Glauben Sie mir, daß ich mit Ihnen fühle. Ich hätte gewünscht, durch die That beweisen zu können, wie sehr ich von ganzer Seele bin,

Ihre aufrichtige Freundin!

M. H.«

Am Schluß den Briefs stand von Ninas zitternder Hand geschrieben:

»O Eduard! Lebewohl! Verzeih! . . . Leb wohl auf immer!«

Ehe jedoch dieser Brief in Herveys Hände gelangt, müssen wir ihn besuchen und uns daher um einige Tage zurückversetzen.

Ein Gesicht wie dasjenige, das ihn beim Abschied von Nina zerriß, hatte Eduard Hervey noch nie gehabt. Es wäre ihm leichter gewesen, vom Leben zu scheiden und sein sanguinisches Temperament, sowie sein tief religiöses Gemüth waren dießmal nicht mächtig genug, eine unbegreifliche Qual, die während der ganzen Reise wie eine Unglücksahnung auf seiner Seele 502 lag, zu entfernen. Endlich erreichte Eduard das Ziel seiner Reise. Ein hübsches Häuschen am Ufer des Wenersees, von Laubgehölz umgeben, zeigte sich vor seinem Blicke. Es sieht freundlich aus, als ob Tugend und Wohlbehagen darinnen wohnten. Eduard wird von seinem Führer in ein Zimmer gewiesen, dessen zugezogene Gardinen nur ein spärliches Licht hereinlassen. Ein Mann mit der Feder in der Hand sitzt an einem mit Papieren bedeckten Tische; neben ihm steht ein Geistlicher.

»Nun? ist es fertig?« fragte eine hohle Stimme, die auf einem Bett mit zurückgezogenen Gardinen kam.

»Ja,« antwortete der Schreibende mit strengem Ernst. – »Es fehlt blos noch Ihre Unterschrift.«

»Ist noch Niemand gekommen?« fragte die Stimme mit Unruhe und Ungeduld. In diesem Augenblick trat Eduard Hervey hervor. Im Bette wurde eine convulsivische Bewegung gemacht. Ein bleichgelbes, unheimliches, mehr von Leidenschaften als von Leiden entstelltes Gesicht starrte aus den Gardinen hervor und die wilden, weit geöffneten Augen sahen spähend in Eduards Gesicht. »Er ists, ja er ists!« sagte der Kranke, wie für sich; »er der mein Kind rettete! Ihr Name ist Eduard Hervey?«

»Ja,« antwortete Eduard.

»Haben Sie immer so geheißen?«

»Wozu diese Frage?« sagte Eduard, der seinerseits den Kranken aufmerksam betrachtete.

»Erkennen Sie mich?«

»Sie sind es, dessen Knabe auf der Tärnaer Haide in den Strom fiel . . .«

»Und den Sie mit eigener Lebensgefahr retteten . . . . Ja, aber Sie haben mich früher gesehen, früher . . . .«

Eduard betrachtete ihn lange. »Es scheint mir auch,« sagte er, »aber ich kann mich nicht erinnern, wann und wo.«

»Herr Eduard D! Ich war Schreiber beim 503 Grafen R. zur selben Zeit, als Sie dort waren. Mein Name ist Christian Malm.«

Eduard machte eine heftige Bewegung, allein der Kranke winkte mit der Hand und sagte: »Warten Sie! Sie sollen Alles hören! Lesen Sie, mein Herr, lesen Sie laut!«

Der Districtsrichter las mit lauter Stimme:

»Auf meinem Sterbebette und im Begriff, vor den Richterstuhl des Allmächtigen zu treten, bezeuge und betheure ich vor Gott dem Allerhöchsten und vor den Menschen auf Erden, daß Herr Eduard D. unschuldig ist an den Verbrechen, deren man ihn gegen den Grafen Rudolph R. angeklagt hat, und daß ich allein der Schuldige bin. Ich war es, der an jenem Abend am Ufer auf den Grafen schoß; ich war es, der sein Geld stahl. Ich war es auch, der den Verdacht wegen dieser Verbrechen auf Eduard D. lenkte, indem ich allerhand Gerüchte über ihn und sein Benehmen ausstreute; nicht aus Haß gegen ihn, sondern um die Aufmerksamkeit von mir abzuleiten. Was Fräulein Elfridas Entführung betrifft, so bin ich überzeugt, daß Eduard D. hiebei mit guten Absichten handelte, daß er als ein ehrlicher Mann die Tochter nur von den niedrigen und hinterlistigen Nachstellungen des Vaters retten wollte; Alles, was ich selbst sah und hörte, läßt mich dieses glauben, und man bedenke wohl, daß dieß die Worte und Versicherungen eines Sterbenden sind. Noch größere Gewißheit darüber kann vermuthlich aus Herrn D's eigenhändigem Brief an Graf R. gewonnen werden, den ich nach seiner Flucht versiegelt auf seinem Tische fand und für mich behielt. Er liegt hier unerbrochen bei. Daß dieß Wahrheit und aus vollem Bewußtsein und freiem Willen von mir bekannt worden ist, betheure ich vor Gott, vor dessen Richterstuhl ich bald stehen werde, und will es mit eigener Hand unterschreiben.«

»So ist es recht,« sagte der Kranke mit schwacher Stimme, »geben Sie her.« Man gab ihm das Papier 504 und eine Feder, und mit sichtbarer Anstrengung unterzeichnete er seinen Namen. Dann sank er ermattet auf seine Kissen zurück.

Eduard trat näher ans Bett. Aus seinem schönen männlichen Gesichte las man eine tiefe Gemüthsbewegung. »Christian Malm!« sagte er: »was habe ich dir gethan, daß du so gegen mich handeln konntest?«

»Nichts, auf der Welt Nichts! Allein sehen Sie, ich fürchtete mich vor dem Tode und der Teufel flüsterte mir zu, alle Schuld auf Sie zu schieben – da es sich so leicht machen ließ.«

»Und was veranlaßte Sie zum Mordversuch auf den Grafen R?«

»Rache, Herr! Rache! Er hatte mich mißhandelt, mit den Füßen getreten, mich einen Schurken genannt – und das vor den Augen der ganzen Dienerschaft! Und ich wurde, was er mich schalt – ein Schurke! wurde es, weil er mich entehrt hatte, weil es mir Bedürfniß war, mich zu rächen. Aber ich verbarg mich unter einer demüthigen Maske, bis die Gelegenheit kam; ich wurde glatt und weich, wie eine Schlange, bis der Augenblick kam, wo ich stechen konnte. Er kam; begünstigt durch das Dunkel und die Verwirrung konnte ich ohne Gefahr, entdeckt zu werden, auf ihn schießen und ihn dann berauben. Ich bereue nicht, was ich damals that. Er verdiente es, der Grausame, der Niederträchtige.«

»Still!« unterbrach ihn Hervey mit Strenge. »Unglücklicher, denk an dich selbst und an das, was dich erwartet. Denke ans Verzeihen, nicht ans Fluchen.«

»Die Zeit des Heuchelns ist vorbei, Herr,« antwortete der Sterbende mit schwacher, röchelnder Stimme. »Ich habe Viel gelogen. Jetzt will ich wahr sein. Was ich gegen Graf R. that, kann ich nicht bereuen. Gott verzeihe es mir – wenn er kann. Aber, was ich gegen Sie beging, das habe ich bereut, so daß ich von meinen unrechtmäßigen Gütern keinen Genuß haben konnte, 505 so daß ich an Leib und Seele vergilbt und verwelkt bin. Seit Sie mit Gefahr Ihres Lebens mein Kind retteten, von diesem Augenblicke an hat die Hölle in meiner Brust gewohnt und ich beschloß, Ihnen vor meinem Tode Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen. Ich habe tief bereut und Viel gelitten bei dieser Reue, möge das Sie erweichen. Wenn Sie können, schenken Sie mir Ihre Verzeihung! Sie würden meinen Tod weniger bitter machen. Ach, Sie sehen gut aus, Herr! Gut und ernst, wie ein Engel des Herrn . . . . verzeihen Sie mir.«

»Ich verzeihe dir!« sprach Hervey und legte seine Hand auf das Haupt des Sterbenden.

»Danke, danke! . . .« sagte dieser mit erlöschender Stimme. »Beten Sie für mich! Mein Kind lebt in Ihrer Nähe . . . sehen Sie nach dem Kinde! Retter meines Kindes . . . . beten Sie . . . . für . . . . mich . . . .«

Er führte Eduards Hand an seine Lippen; seine Augen waren gebrochen. Betend beugte Hervey das Knie am Bette des Sterbendem Der Geistliche, der zugegen war, folgte seinem Beispiel. Es schien finster zu werden im Zimmer, die Schatten des Todes schwebten darin. Ein Vierter stand in der Nähe und betrachtete die Scene aufmerksam. Er sah auf des Sterbenden unheimliches Gesicht, er sah Herveys starken, tiefen Ausdruck der innigsten Andacht, er lauschte seinem begeisterten, halblaut gesprochenen Gebete und er dachte bei sich:

»Nein, es ist keine leere Form, keine bloße Ceremonie. Hier geht wirklich etwas Schönes, etwas Wichtiges vor. Und wie – wenn die kämpfende unglückliche Seele ihre Hütte verläßt und Alles in und außer ihr finster ist, sollten wohl in einem solchen Augenblicke die Gebete der Guten nicht von Gewicht sein? Ja sie umgeben den Kämpfenden als gute Engel, sie finden den Weg zu seinem Herzen und bereiten es zur Versöhnung vor, sie folgen ihm auf dem Wege in das unbekannte Land, sie beugen mit ihm die Kniee vor dem Throne 506 des Königs und helfen ihm beten . . . . nein, es ist kein eitles Thun . . . .« Und als der strenge weltliche Richter den Schwerbeleidigten so glühend an der Seite seines Feindes beten, für sein Wohl beten sah, da führte er die Hand an seine Augen und wischte einen Fremdling darin – eine Thräne weg.


Einige Stunden später stand Hervey reisefertig da; das Entsetzen des so eben erlebten Auftrittes hatte in seiner Seele dem übermächtigen Eindruck der Glückseligkeit weichen müssen, sich vor der Welt gerechtfertigt und das wesentlichste Hinderniß seiner Verbindung mit Nina gehoben zu sehen. Sein Herz glühte von Dankbarkeit gegen die Vorsehung und von unbeschreiblicher Sehnsucht, Nina wiederzusehen, über sie zu wachen, sie zu gewinnen. Er reiste Tag und Nacht. Das Vorgefallene, das noch Bevorstehende, Hoffnung, Liebe, ungeduldige Erwartung, Alles trug dazu bei, ihn in eine Art Fieber zu versetzen, und rastlos jagte er vorwärts, vorwärts. Und er kam in die bekannten Gegenden; da vernahm er schreckliche Gerüchte. Er eilte nach Hause und dort empfing er den Brief der Baronin H. 507

 


 

 << Kapitel 40  Kapitel 42 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.