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Fredrika Bremer: Nina - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleNina
authorFredrika Bremer
translatorG. Fink
year1843
firstpub1835
publisherFranckh'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleNina
pages520
created20171205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuigkeiten.

Was Neues? Was Neues?
                        Ennuyé

Der Morgen kam und mit ihm ein Brief an Edla, der sie höchlich in Verwunderung setzte, denn die Ueberschrift war von des Präsidenten Hand. Noch überraschender war ihr indeß sein Inhalt. Ihr Vater benachrichtigte sie von seiner Verlobung mit Gräfin Natalie M. Er schrieb, er werde den Tag über nicht zu Hause sein und habe ihr am liebsten schriftlich eine Neuigkeit mittheilen wollen, von der er fürchte, daß sie ihr im ersten Augenblick unangenehm sein möchte. Im Uebrigen erklärte er sich gegen seine Tochter mit einer liebenswürdigen Aufrichtigkeit über einen Schritt, den er vielleicht im Stillen nicht vollkommen übereinstimmend mit jener Konsequenz und Klugheit fand, auf die er sein ganzes Leben hindurch so großes Gewicht gelegt hatte. »Es gibt gar Mancherlei,« schrieb der Präsident, »was sich macht, man weiß kaum, wie. Aber wenn es einmal geschehen ist, so kann man nichts Klügeres thun, als man sucht ihm die beste Seite abzugewinnen. Ich kann nicht hoffen, mein bestes Kind, künftig mehr Behagen in meinem Hause zu finden, als mir bisher deine liebevolle Fürsorge bereitet hat – und ich hoffe, du wirst dich auch ferner dieses Geschäftes annehmen – allein die Talente und die Anmuth der liebenswürdigen Gräfin M. werden ihm einen größeren Glanz geben. Ihr Reichthum wird mich in den Stand setzen, meiner geliebten Nina eine würdigere Aussteuer zu geben. Gräfin M. ist entzückt von ihr und schätzt sich glücklich, sie als ihre eigene Tochter betrachten zu dürfen. Endlich, meine beste Edla, hoffe ich, daß du selbst in Gräfin M. eine Freundin finden wirst und eine Gesellschaft, die eben so aufheiternd für dich sein wird, wie deine Freundschaft für sie; und ich preise Gott, wenn 28 ich daran denke, daß Liebe und Freundschaft noch schöner als bisher meinen Familienkreis beleben und einen hellen Schein über meine alten Tage werfen wird. Solltest du meine gute Tochter, ebenfalls in den Ehestand zu treten wünschen, so siehst du, daß du meinetwegen ruhig sein kannst. Thust du es nicht, wünschest du immer um mich zu bleiben, so kann ich dir wohl sagen, daß dieß auch der Wunsch meines Herzens ist und eine wirkliche Freude für

                deinen dankbaren

Vater.«

Edla küßte mit Wärme die letzten Worte des Briefs, und so lebhaft war ihr Gefühl der Befriedigung darüber, daß es im Anfang einen großen Theil des unangenehmen Eindrucks verwischte, welchen die Nachricht von der Verlobung auf sie gemacht hatte. Derselbe kehrte jedoch bald zurück und Edla konnte dieser unerwarteten, großen Veränderung nicht ohne schmerzliche Unruhe entgegen sehen. Sie kannte die Gräfin, sie wußte, daß sie bezaubernd und herrschsüchtig sich überall ans Ruder zu stellen verstand, daß ihr aber der Geist der Ordnung, welche Behaglichkeit schafft, nicht inwohnte, und daß das Leben, welches sie verbreitete, Niemand beglückte. Edla zitterte für die Ruhe ihres Vaters und für Ninas Wohl, aber längst gewohnt, dem Unabwendbaren nur die stille Kraft der Resignation entgegen zu stellen, wurde sie auch jetzt bald wieder ruhig, und als der Präsident am Abend nach Hause kam, ging sie ihm entgegen, umarmte ihn zärtlich und wünschte ihm Glück. Der Präsident spürte eine Thräne auf seiner Wange, und dieser Beweis von warmem Gefühl rührte ihn um so mehr, je ungewöhnlicher er bei Edla war. Bewegt und verlegen zugleich, stimmte er einen halb gefühlvollen, halb muntern Ton an, scherzte und seufzte abwechselnd und wußte im Augenblick nicht recht, wie er sich anstellen sollte. Im Uebrigen wiederholte er ungefähr, was er in seinem Briefe gesagt hatte und fügte nur noch hinzu, sein hoher Stand mache es ihm zur Pflicht, mehr Gesellschaften zu geben, 29 mehr zu repräsentiren u. s. w. Dieß hätte ihm eines Theils sein eigenes, beschränktes Vermögen nicht gestattet, theils habe er Edla nicht mit einer Lebensweise beschwerlich fallen wollen, die ihren Neigungen so ganz und gar widerspreche und sie an ihren Lieblingsbeschäftigungen hindern würde und deßhalb . . . deßhalb . . . deßhalb . . . habe er es fürs Beste gehalten . . . habe er es für seine Pflicht angesehen, sich mit Gräfin M. zu vermählen, vor deren Character und Talenten er die unbegränzteste Hochachtung hege. Edla sagte Nichts, sondern verhielt sich schweigend; als aber auch der Präsident in einem gewissen verlegenen Husten stecken blieb, so hielt sie es für ihre Pflicht, ihn mit sich selbst zu versöhnen.

»Möge sie meinen Vater glücklich machen,« sagte sie, »dann wird die Gräfin uns Allen lieb und theuer sein und gewiß wird auch viel Angenehmes mit ihr in unser Haus kommen. Jetzt erhält Nina einen ganz andern Lehrer im Italienischen und im Harfenspiel, als man ihr für Geld verschaffen könnte. Die Gräfin soll eine ausgezeichnete Künstlerin sein.«

»O göttlich, göttlich!« rief der Präsident, der jetzt wieder Luft hatte, und unerhörte Vortheile für seine Tochter in dieser Parthie sah. Er breitete sich wohlgefällig darüber aus, wurde aufgeräumt und glücklich und war auf dem besten Wege, selbst zu glauben, er habe seine Ruhe für die Erziehung seiner Tochter aufgeopfert.

O ihr süßen Kleinigkeiten, die ihr mit kleinen und großen Thorheiten aussöhnt, dem Gehaltlosen Gewicht gebt, das Bittere versüßet, das Unglück selbst aufheitert, und uns in ein gutes Vernehmen mit uns selbst bringt; – ihr süßen Kleinigkeiten und angenehmen Wörtchen, wie liebenswürdig seid ihr, wenn ihr im Dienste eines wohlwollenden Herzens stehet, das euch zur rechten Zeit anwendet! Ihr seid die kleinen Pagen der Königin Güte und fröhlich und schön seid ihr, wie die Liebesgötter. Wenn du diese Zeilen liesest, gute H., so denke, daß sie dir gewidmet sind. 30

Die Nachricht von der Verlobung des Präsidenten machte großes Aufsehen und erregte viel Verwunderung in der Stadt. Man rieth hin und her, was ihn wohl in seinen alten Tagen zu dieser Verbindung vermocht habe. Einige sagten, die Gräfin M. habe selbst gefreit, und der Präsident habe aus Ueberraschung und Artigkeit Ja gesagt. Andere meinten, das alte Fräulein (Edla) mache ihm einen harten Stand, sie vergesse über ihren Büchern den Vater u. s. w. Wieder Andere behaupteten, der Präsident beabsichtige dadurch seine derangirten Angelegenheiten wieder in Stand zu setzen (ein Ausdruck, der gegenwärtig ganz gäng und gäbe ist). Wir, die wir einige Einsicht in die Sache besitzen, flüstern dem Leser den wahren Stand der Dinge ins Ohr: der Präsident hatte einen schweren Kampf gehabt mit . . . dem kleinen Kupido. Der Schelm hatte ihn verwundet.

Viele wunderten sich auch über die Gräfin, wie sie, so reich und noch so schön, einen alten Mann nehmen möge. Einige behaupteten, sie thue es nur um ihren Ehrgeiz zu kitzeln; Andere meinten, sie wolle dadurch einen allzulange unschlüssigen Freier bestrafen. Fräulein Sentimentalität versicherte, es sei eine alte Neigung, die sich bis in die zarten Kinderjahre der Gräfin und Sr. Excellenz zurückdatire und nun auf einmal in Hochzeitsflammen aufschlage. Wir glauben – wenn man uns gütigst erlauben will – daß es keiner so gewichtigen Gründe zum Heirathen bedarf; ja daß zuweilen gar keine Gründe nöthig sind; wir glauben daß man oft heirathet, weil man gerade nichts Anderes zu thun hat.

Bei gewissen Heirathsgeschichten, besonders unter Leuten comme il faut, ist so unendlich wenig von Liebe und Freierei zu sagen, daß man nicht schnell genug zur Hochzeit kommen kann. Dieser Fall trifft auch hier ein. Folgt also die 31

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