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Fredrika Bremer: Nina - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleNina
authorFredrika Bremer
translatorG. Fink
year1843
firstpub1835
publisherFranckh'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleNina
pages520
created20171205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ahnungen.

»Es weht ein Leichenhauch durchs Menschenleben.«
                                                Tegnér.

Man erwartete Edla, wußte aber den Tag ihrer Ankunft noch nicht. Herveys scheinbare Ruhe und die Liebe zu ihm hielt Ninas schwankende Kraft aufrecht. Sie fühlte immer tiefer, daß sie Alles wagen könne, nur nicht ihm entsagen.

Eines Abends war eine kleine Gesellschaft bei der Gräfin versammelt. Die Nachbarn lobten das schöne Festhaus, tranken Limonade, saßen auf den Bänken im Schatten der Birken, politisirten in aller Ruhe und befanden sich wohlbehaglich. Eduard Hervey allein glich sich an diesem Abend nicht. Er war schweigsam und ging unruhig auf und ab. Mit einiger Ungeduld brach er die Gespräche ab, die hin und wieder einer der Gäste mit ihm anknüpfen wollte und über seinem gewöhnlich so freundlichen und unklaren Blick lag ein Schatten von Düsterkeit. Endlich knüpfte er selbst mit einem wohlbeleibten, vergnügsamen Herrn an, indem er ihn Etwas kurz fragte: 461

»Glaubst du an Ahnungen?«

»Ich gestehe, Bruderherz, daß ich nach dem was mir oder vielmehr meiner Frau begegnet ist, nicht umhin kann, sowohl an Ahnungen, als namentlich auch an Träume zu glauben.«

»Nun, was denn?«

»Ja, im vorigen Sommer – oder halt . . . . nein, im Sommer vor zwei Jahren träumte es meiner Frau bei Nacht, drei unserer besten Kühe haben den Milzbrand bekommen und seien gestorben. Sie erzählte mir ihren Traum. Es war ein Mittwoch Morgen – nein, ein Donnerstag Morgen war es. Zwei Tage darauf, am Samstag Abend, waren die drei Kühe wirklich am Milzbrand krepirt. Was sagst du davon, Bruderherz?«

»Ich für meine Person,« sagte ein Anderer von der Gesellschaft, der Herveys Frage gehört hatte, »ich glaube, daß man zu viele Beweise von der Bedeutsamkeit der Ahnungen und Träume hat, um daran zweifeln zu können. Ein allgemein bekanntes Faktum ist, daß Heinrich IV. einige Zeit vor seinem Tode ein beständiges Grabgeläute hörte, das ihn mit eigentlicher Unruhe erfüllte. Des Brutus Geist vor der Schlacht bei Philippi, Napoleons Warner in Aegypten und mehrere Beispiele dieser Art scheinen mir zu derselben Familie der Ahnungen zu gehören, deren mystische Entstehung eben so unerklärlich, als ihre wirkliche Macht unläugbar ist.«

»Was mich betrifft,« sagte die Gräfin, »so bin ich ohne die mindeste Bekanntschaft mit Ahnungen durchs Leben gegangen. Doch habe ich sie, und zwar recht oft, traurig auf Personen in meiner Umgebung wirken gesehen. Eine nahe Verwandte von mir, eine junge, heitere, liebenswürdige Frau, die mit dem besten Manne glücklich lebte, wurde ein Jahr nach ihrer Verheirathung von einer ängstlichen Unglücksahnung ergriffen, ohne dafür einen Grund angeben zu können, oder irgend eine Veranlassung zu besitzen. Vergebens suchten sowohl sie selbst, als Andere, durch Vernunftgründe und Zerstreuungen 462 dieses traurige, unheimliche Gefühl zu überwinden, es begleitete sie überall hin. Ueber den klarsten Tag, über die schönste Natur wirft es seinen Trauerflor; in der heitersten Tanzmusik hört sie nur Klagelaute, sogar Freude und Lachen werden ihr grauenhaft. Ganz verzweifelt über diese Gemüthsstimmung, und in der Hoffnung, durch Gesellschaft von Freunden und neue Umgebungen ihre Schwermuth zu verscheuchen, machte ihr Mann eine Reise mit ihr zu Verwandten, die sie zärtlich liebte. Seine Hoffnungen scheinen in Erfüllung zu gehen; er dankt ihr dafür mit verdoppelter Zärtlichkeit. Alles bemüht sich, sie aufzuheitern und zu beleben. Mitten unter diesen guten und fröhlichen Leuten müssen am Ende die Eingebungen der Nacht fliehen. Das junge Paar hatte mehrere Wochen über Weihnachten und Neujahr in der heitersten und liebenswürdigsten Gesellschaft auf dem Lande zugebracht, und Rosinens Gemüths- und Gesundheitsumstände hatten sich sichtlich gebessert. Alle ängstliche Ahnungen schienen verschwunden zu sein. Eines Tags war Rosine mit ihrem Mann über den See zu Nachbarn gefahren, bei denen sie Mittags und Abends speisten. Der Plan war, im Mondschein wieder heimzufahren. Kurz vor der Abreise war Rosine einen Augenblick allein. Da hörte sie auf einmal eine unbeschreiblich schöne Musik vor dem Fenster. Sie lauscht und überzeugt sich, daß es ein Grablied ist. Zitternd geht sie ans Fenster und zieht das Rouleau in die Höhe. Ein schönes Kind steht draußen strahlend im Winterabend und singt lieblich, aber traurig. Bei ihrer Ankunft verschwindet es plötzlich. Der Strahl erlischt und die Töne verklingen in Seufzern. Von Schreck ergriffen und aufs Neue von einer unaussprechlichen, grauenhaften Ahnung befallen, eilt Rosine bleich zu ihrem Mann und sagt ihm ihre Erscheinung und ihre Angst; sie beschwört ihn, nicht in den finstern Winterabend hinauszufahren. Die freundlichen Nachbarn vereinigten ihre Bitten mit denen der jungen Frau, aber vergebens. Aeußerst verstimmt über diesen Rückfall ihrer 463 Gemüthskrankheit, und entschlossen, diesen gespenstischen Einflüssen auf ein Mal männlichen Ernst entgegenzusetzen, beharrt Rosinens Mann auf seinem Vorsatz, zurückzufahren. Zum ersten Mal ist er taub für ihre Bitten und Thränen. Er führt sie an den Wagen, setzt sich neben sie und drückt sie fest an seine Brust. Sie schmiegt sich ergebungsvoll an ihn an, sagt traurig zu denen, die den Wagen umstehen: Lebt wohl! lebt wohl! und in den Armen ihres Mannes ruhend, erwartet sie stille, was da kommen soll.«

»Dicke Wolken waren am Himmel und verfinsterten den eben aufgegangenen Mond. Der Kutscher war nicht nüchtern, und zum Unglück hatte dieß Niemand bemerkt. Eine mitgenommene Laterne wurde bald vom Winde ausgelöscht. In dem geschlossenen Wagen war Alles finster und still, allein die Pferde sprangen munter über die Eisfläche hin, und die Glöckchen erklangen lustig. Auf einmal verstummen sie! Das Eis kracht, die Fenster zerspringen, das Wasser strömt herein, der Wagen versinkt in eine große Oeffnung. Kurz war der Kampf, schnell der Tod unter dem Eis: denn in wenigen Minuten war Alles in die Tiefe gesunken. Man fand die beiden Gatten Arm in Arm. Der Tod schien sie bloß noch inniger vereinigt zu haben.«

Ninas Thränen floßen. »Dieser Tod war nicht bitter,« sagte sie leise, »und hätte nicht von so ängstlichen Gefühlen verkündet werden sollen.«

Hervey sah sie mit einem unaussprechlichen Blicke an.

Die Gesellschaft schwieg einen Augenblick, denn die Erzählung der Gräfin hatte eine gewisse traurige Stimmung herbeigeführt, doch fing man bald wieder an, einander noch mehrere theils eigene, theils fremde Erfahrungen mitzutheilen.

»Ich kenne,« sagte Jemand, »ganz genau eine Familie, worin ein Schein, den der Hausvater bei Nacht sieht, jedesmal den Tod irgend eines Mitgliedes bedeutet.« 464

»Aber mit dem Glauben an solche Scheine, Erscheinungen, Gesänge und Vorboten,« sagte jetzt eifrig einer von den Herrn, »haben wir dem Aberglauben aller Art und den ungereimtesten Einbildungen Thüre und Thor geöffnet. Ich bin überzeugt, daß keines Menschen Ahnungen in Beziehung auf Kraft mit der verglichen werden können, die ich als Knabe hatte, nämlich von einem Löwen zerrissen zu werden; – und jetzt stehe ich hier und habe meiner Lebtage noch keinen Löwen gesehen, außer auf Kupferstichen, hege auch die Hoffnung, ganz ruhig in meinem Bett sterben zu dürfen. Meine Schwester, welche die Romane der Miß Radecliff las, hatte ebenfalls eine starke Ahnung, sie werde von einem Räuberhauptmann entführt und zur Sultanin in der Türkei gemacht werden. Indeß ist sie fünfzig Jahre alt geworden, und es hat sich noch immer kein Liebhaber gezeigt. Ernstlich gesprochen, ich glaube, man kann mit Gewißheit sagen, daß von zwanzig merkwürdigen Ahnungen höchstens eine oder zwei von ungefähr eintreffen, und daß es auch dafür ganz natürliche und gute Gründe gibt. Z. B. die Gefühle und Gedanken haben sich lange mit einem gewissen Gegenstande beschäftigt, die Einbildungskraft wird erhitzt und spiegelt Erscheinungen vor; in unserer wechselreichen Zeit ist es schwer, kein Ereigniß zu finden, das auf die Erscheinung paßt, und die Phantasie, die sie hervorgerufen, arbeitet weiter, um sie auf die Wirklichkeit anzuwenden. Eine große Menge Ahnungen kommen auch erst nach den Ereignissen.«

»Zugegeben,« antwortete Hervey; – »und doch bleibt noch unendlich viel übrig, was sich nicht erklären läßt. Eine Erfahrung, welche sich durch die ganze Geschichte zieht, deutet darauf hin, daß es eine düstre, eine mystische Seite des Daseins gebe, die scheinbar keiner Ordnung und keinem bestimmten Gesetz folgt, aber uns erkennen läßt, daß der Mensch von einer Geisterwelt umgeben ist, die eine gewisse Macht hat, auf sein Leben einzuwirken. So unmöglich es uns ist, diese 465 Phänomene zu erklären, eben so unmöglich ist es auch, ihr Dasein zu läugnen. Wahrscheinlich bilden sie ein nothwendiges Glied in der weisen Ordnung, die wir erst jenseits dieser Welt vollkommen begreifen können. Der Allgütige würde uns die Qualen, die solche unbegreifliche Eindrücke zuweilen verursachen, erspart haben, wenn sein ewiges Ordnungsgesetz es gestattet hätte!«

In dem Ton, womit Hervey dieß sprach, lag eine solche Niedergeschlagenheit, daß Ninas Augen sich voll Zärtlichkeit und tiefer Unruhe auf ihn hefteten.

Mit vornehmer Miene und absprechendem Ton sagte Herr N.: »Ich war immer der Meinung, die Zeiten seien längst vorüber, wo man auf Geistererscheinungen und andern Aberglauben der Art Gewicht legte, und ich muß gestehen, mein lieber Pastor, ich hätte Sie für verständiger gehalten.«

Hervey lächelte. Er lächelte, wie wohl zuweilen ein Engel über unsere eingebildete Weisheit lächelt. Ninas schönes und liebevolles Auge war dem seinigen begegnet und verklärte es unwillkürlich. Er wandte sich gegen seinen Nachbar und sagte freundlich: »Es wäre allerdings thöricht, solche dunkle Eingebungen Gewalt über uns bekommen zu lassen; übrigens ist dafür gesorgt; dazu ist die Sonne am Himmel und im Auge des Menschen ein Himmel von Güte und Schönheit. Welche Schatten müßten nicht da fliehen?«

In diesem Augenblick wurde Hervey ein Brief zugesteckt, den er hastig erbrach, indem er bei Seite ging. In Gedanken versunken ging Nina an den Fluß hinab, der seine unruhigen Wogen heftiger, als gewöhnlich wälzte. Hier wurde sie von Hervey aufgesucht, auf dessen Gesicht eine starke und unruhige Spannung zu lesen stand.

»Ich muß dich verlassen,« sagte er, »ich muß eine Reise machen!« Und er übergab ihr einen Brief, 466 der folgende von zitternder Hand geschriebene Zeilen enthielt:

»Wenn Sie die Gewissensqualen eines Sterbenden zu lindern, und ein wichtiges Geheimniß aufgedeckt zu sehen wünschen, so reisen Sie sogleich nach W. Fragen Sie im Wirthshaus nach einem Mann Namens Erik B. Er wird Sie zu demjenigen führen, der diese Zeilen schreibt. Reisen Sie aber Tag und Nacht, denn ich bin schwach, und die Stunden meines Lebens sind gezählt.«

Bleich gab Nina den Brief zurück und sagte zu ihm: »Du mußt fort! Nur schnell, schnell! o der Unglückliche!«

Eine lebhafte Hoffnung, das angedeutete Geheimniß möchte ihn selbst betreffen und die Fessel von seinem Leben nehmen, blitzte in Herveys Seele; aber die Freude darüber wurde in diesem Augenblick von dem Gedanken aufgewogen, Nina verlassen zu müssen. Der Briefsteller wohnt in weiter Ferne in einer andern Provinz. Herveys Abwesenheit wird mehrere Tage währen. In dieser kurzen Zeit kann Edla zurückkommen; . . . . Graf Ludwig . . . . und Nina sind allein! Dieser Gedanke war für Hervey eine unerträgliche Qual. Er konnte seine Unruhe, seine tiefe Gemüthsbewegung nicht verbergen. Nina war jetzt die mild tröstende und aufrichtende Freundin. Aber er hörte sie lange nicht an. Er ging und kam, er schien sprechen zu wollen, schwieg aber wieder. Auf einmal ergriff er heftig ihre Hand und rief: »Versprich mir . . . . versprich mir . . . . nein!« unterbrach er sich selbst, indem er von ihr wegging – »nein! Kein Versprechen!« Er kam wieder und sah sie mit unaussprechlicher Liebe an. »Nina,« sagte er langsam und stark. »ich kann und will dich nicht verlieren!« Er nahm ihre Hände in die seinigen, beugte sein Gesicht darüber, und Nina fühlte seine brennenden Thränen.

Nina weinte auch, fand aber doch Worte, um zu trösten und zu stärken.

»Was sollte uns zu trennen vermögen?« sagte sie 467 mit einer Innigkeit, die sich prophetisch der Zukunft zu bemächtigen schien. »Kann ich nicht frei sprechen und handeln? Glaube mir, Edla kann und wird uns nicht trennen. Ach, Eduard! du bist mir mehr werth, als sie, als die ganze Welt. Seit ich dich liebe, bin ich nicht mehr schwach. Ich habe Kraft, Vielem zu widerstehen – ja ich fühle es, sogar dem Willen Edlas. Aber Edla wird einsehen, Edla wird begreifen, daß es für mich kein Leben, keine Freude auf Erden, keine Seligkeit im Himmel gibt – außer durch dich, Eduard! Ich will sie bitten, ich will sie bitten . . . . ach ich fühle es, ich werde sie erweichen. Sie wird mich nicht von dir trennen!«

So sprach Nina lange, innig und voll Holdseligkeit. Hervey hörte sie an und betrachtete sie. Ein heftiges Verlangen, sie an sein Herz zu drücken, sie Braut zu nennen, brannte in seiner Seele. Er wollte damit gleichsam die unheimlichen Ahnungen beschwören, die in seiner Brust von Trennung sprachen, und Nina für ewig an sich fesseln. Flammend von Liebe und Schmerz nahte er sich ihr; – da erblickte er Furcht in ihrem Gesichte, er wurde einen Augenblick ungerecht: »Nina?« fragte er mit flammendem Blick.

»Geliebter,« antwortete leise die bleiche, trauerumhüllte Gestalt – »es steht in deiner Macht, mich glücklich oder aber zur Verbrecherin zu machen. Siehst du die Wellen zu meinen Füssen? – Wirf mich hinab in ihre Tiefe, und ich werde still sein, werde nicht klagen – ich werde weniger davor beben, als wenn du meine Bitte und dein Versprechen vergessen solltest. Eduard, gib mir lieber den Tod! Ach von deiner geliebten Hand würde er mir süß sein.«

Bei diesen Worten, bei diesen Tönen legte sich die wilde Wallung in Herveys Brust. Er beugte seine Kniee vor dem geliebten Wesen, und drückte ihre Hand an seine brennende Stirne. »Nina, verzeihe mir!« sagte er mit bebender Stimme – »aber vergiß nicht, das 468 Wohl und Weh meines Lebens liegt in deinen Händen!« Mit diesen Worten riß er sich von ihr los und verschwand.

Zitternd sank Nina zwischen den Felsen am Ufer nieder. So aufgeregt, so heftig hatte sie Hervey noch nie gesehen. Thränen über ihn, Liebesworte an ihn, Gebete für ihn beruhigten endlich ihre Gefühle. Ihre ganze Seele war nur ein Gedanke für ihn, ein Gefühl für ihn.

Kurz nach diesem Abschied brachte Nina einen Tag bei Herveys Mutter zu. Es war ihr Bedürfniß, bei der guten und weisen Alten Stärkung und Ruhe zu holen. Es war ihr Bedürfniß, Marie von ihrem Bruder sprechen zu hören. Herveys Mutter empfing Nina mit offenen Armen und drückte sie mütterlich an ihre Brust. Zum erstenmale sprach sie mit Nina von ihres Sohnes und ihren eigenen Hoffnungen. Sie war zu stolz auf ihn, um auf seine Geliebte stolz sein zu können. Sie fand es so natürlich, so nothwendig, daß man ihn liebte und sich glücklich fühlte, ihm anzugehören; dabei bewies sie ein so inniges Verlangen, ihn glücklich zu sehen und eine so mütterliche Zärtlichkeit für Nina, daß Ninas Herz davon durchdrungen wurde und sich unwillkürlich lieblichen Gefühlen und lichten Hoffnungen öffnete. Marie war glücklich und heiter, sie setzte ihr das Beste vor, was das Hans vermochte – und dieß war, Dank ihrer Geschicklichkeit, nichts Geringes. Nina sang lieblich und entlockte ihren Zuhörerinnen Thränen. Welche warme, schöne Worte wurden nicht über Eduard Hervey gesprochen! Nina lauschte ihnen mit entzückten Gefühlen. Dieser Tag war lieblich und klar, wie es nur ein Tag zwischen guten und gebildeten Menschen sein kann, die ein gemeinsames, inniges Interesse haben.

Marie begleitete gegen Abend Nina nach Hause. Der Himmel war trübe und die Luft schwer, allein die Freundinnen merkten es nicht. Nina sang unterwegs 469 Marie einige Liedchen, die diese entzückten. Marie flocht für Nina einen Kranz von großen Vergißmeinnicht. Nina sah entzückend aus mit der himmelblauen Glorie um ihr madonnenschönes Gesicht. Bei Ninaruh nahm Marie Abschied, umarmte sie schwesterlich zärtlich und kehrte um. Nina stand am Spiegel der Quelle und sah darin ihr Gesicht. Es blickte so himmlisch aus dem blauen Kranze und zwischen dem leichten Laub der Rosenhecke hervor. Nina fand sich schön; sie fühlte es mit Freude, denn ihre Schönheit war für Hervey; mit ihr, mit Allem, was sie zu Anmuth, an Gaben des Glücks und der Bildung besaß, wollte sie zu ihm gehen, und sich wie eine Blumenranke um sein Leben schlingen. In diesem Augenblicke war Ninas Seele nur von Verheißungen des Glücks, nur vom Bilde des Geliebten erfüllt.

Aus einmal fühlte sie sich leise und zärtlich umfaßt. Sie sah sich um und war in Edlas Armen. Ein Schauder durchrieselte Nina. Sie fühlte sich von ihrem Schicksal erfaßt, und in der tiefen Trauertracht schien Edlas Gesicht mehr als gewöhnlich bleich und streng. Aber Strenge war jetzt nicht in Edlas Herzen; sie war nie zärtlicher gewesen, und bald lag Nina mit Thränen und kindlicher Ergebenheit am Hals der Schwester. Nach den Ergießungen des ersten Augenblicks trat Edla zurück und betrachtete Nina mit freudvoller Verwunderung. Ninas Schönheit hatte ihre vollständige Entwicklung erreicht und war wirklich bezaubernd. Sie war nicht mehr das blasse, weiche Mädchen, das ein Hauch tödten zu können schien. Sie war eine blühende Hebe, voll Gesundheit und Leben. Thränen der Freude feuchteten Edlas Augen und sie drückte die geliebte Schwester aufs Neue an ihre Brust. Ninas Schweigen und ihre Thränen, so wie ihre mit sichtbarer Angst gemischte Zärtlichkeit beunruhigten Edlas Seele, doch ließ sie es sich nicht anmerken; sie setzte sich still neben Nina auf die Rasenbank und sprach mit ihr von ihrem Vater und seinen 470 letzten Tagen auf eine Art, die wohl berechnet war, Ninas aufgeregte Gefühle zu beruhigen. Dieß gelang ihr auch, denn Nichts ist so geeignet, des Herzens unruhiges Pochen für irdisches Wohl oder Weh zu beschwichtigen, als der Gedanke an den Augenblick, wo Beides aufhören, wo Alles um uns her sich verwandeln wird. Auch lag in Edlas Stimme und Wesen eine ungewöhnliche Milde, die Nina wohl that. Unwillkürlich schöpfte sie Hoffnung für die Zukunft und ihre Brust athmete leichter.

»Und jetzt« – so schloß Edla – »habe ich eine Bitte an dich. Komm mit mir, begleite mich auf mein Zimmer und bleibe bei mir. Ich habe dir Viel zu sagen, und – ich erwarte heute Abend noch einen Besuch; er gilt eigentlich dir und wird dir nicht unerwartet kommen. Nina! Graf Ludwig folgt mir auf dem Fuße. Es ist ein Jahr vergangen, seit ihr euch getrennt habt. Nina, ich bringe dir deines Vaters Segen zu deiner bevorstehenden Verbindung mit. In den lichten Augenblicken, die er noch vor seinem Tode hatte, sprach er beinahe blos von deiner Vermählung mit Graf Ludwig und sandte seinem Liebling die Bitte zu, den edelsten Mann glücklich zu machen. Komm, Nina! Die Mutter wird mir in diesem Augenblick die Bitte nicht abschlagen, dich allein bei mir zu haben – komm, damit ich deine Hand in die des redlichsten Mannes lege.«

Nina war gewohnt, Edla in ihrer Seele lesen zu lassen; in diesem entscheidenden Augenblicke konnte sie ihr ihr Herz nicht verschließen, ohne falsch zu sein. Die Klugheit würde ihr zwar gerathen haben, die fürchterliche Erklärung wo möglich aufzuschieben und mit einem Bekenntnisse zu zögern. Allein die Ueberraschung des Augenblicks, die Einfachheit in Ninas Seele, ihr altgewohntes Vertrauen und ein tiefes Bedürfniß, offen gegen Edla zu sein, beschleunigten die gefährliche Erklärung. Mit bleichen Lippen und einem Zittern, das durch ihr ganzes Wesen ging, stammelte Nina: 471 »Edla! . . . . Edla! . . . . Ich kann nicht . . . . kann dir jetzt nicht folgen.«

Auch Edla erbleichte und legte die Hand auf ihre Brust, wie wenn darin ein heftiger Schmerz tobte. Doch überwand sie sich und sagte mit einer beinahe bittenden Stimme, die immer inniger wurde: »Und warum jetzt nicht? Warum jetzt nicht? Auf dieses Jetzt habe ich so lange, so ungeduldig gewartet. Ich habe mich so sehr auf dieses Jetzt gefreut, wo ich meine Nina, das Kind meines Herzens wiedersehen würde, wo sie sich willig finden ließe, mir zu folgen und die letzte Bitte ihres Vaters zu erfüllen. Warum jetzt nicht?«

»Edla, Edla! Ach! sprich nicht so!« bat die tief erschütterte Nina.

»Und warum nicht so?« fragte Edla ernsthafter. »Was sollen diese Ausrufungen, diese heftigen Thränen? Nina! Was machst du?«

»Edla, laß mich hier zu deinen Füssen liegen! Laß mich mein ganzes Herz dir öffnen!« bat Nina, indem sie der Schwester zu Füßen sank und ihr Gesicht in ihren Händen barg. »Edla, blicke mich nicht so streng an! Meine Schwester – meine Pflegmutter . . . .«

»Nun wohlan,« unterbrach sie Edla mit einer flüchtigen Bewegung der Ungeduld.

»Nun wohlan, Edla! Ich kann Graf Ludwig nicht wieder sehen, ohne ihm und dir zu erklären . . . . daß ich ihm nicht angehören kann . . . . daß ich von ganzer Seele, von ganzem Herzen einen Andern liebe.«

Edla wandte ihr Gesicht ab. Mit tiefem Schmerz sagte sie: »So ist es also wahr, was man mir gesagt hat – was ich zu glauben verweigerte . . . was Nina ihrer Schwester bisher nicht zu eröffnen wagte. Nina, Nina! Denk an Don Juan!«

Nina erhob sich. Demüthig, aber mit Selbstgefühl und glühenden Wangen sagte sie:

»Ich will an ihn denken, Edla, aber um ihn und das schwache Geschöpf, das ich damals war, zu 472 verabscheuen; ich will an ihn denken, um desto inniger Eduard Hervey zu bewundern und zu lieben.«

»Eduard Hervey!« brach Edla beinahe mit einem Schreckensrufe aus. »Eduard Hervey ist also sein Name! Also auch das ist wahr! O mein Gott! Unglückliche, betrogene Nina!«

Nina betrachtete Edla mit stiller Fassung.

»Nina!« fuhr Edla fort – »wenn ich dir sage, daß der Mann, den du liebst, es nicht verdient, daß er dich betrogen hat, daß sein einnehmendes Aeußere eine falsche Seele, seine Güte wollüstige Schwäche verbirgt, daß er seinen Freund und Wohlthäter betrogen, daß er die Schwester dieses Freundes verführt und ihren Tod verursacht hat – daß er die heiligsten Pflichten verletzt hat, wirst du ihn auch dann noch lieben, Nina?«

»Edla,« antwortete Nina ruhig, »ich weiß, daß ein düsteres Geheimniß über seinem Leben liegt, ich weiß, daß man ihn einer Sache geziehen hat, zu der er unschuldig ist. Er wird sich eines Tages rechtfertigen und sollte er es nicht können – so ist er doch unschuldig; ich weiß, daß er es ist.«

»Und wenn ich einen Zeugen für die Wahrheit herbeiführen könnte, die du mir auf mein Wort nicht glauben willst – wenn Graf Ludwig eben der Freund wäre, den er betrogen, dessen Schwester er unglücklich gemacht hat!«

»So würde ich es doch nicht glauben! Weder ihm, noch sonst einem Menschen, der Schlechtes von Eduard Hervey bezeugt. Mein Leben will ich für seine Unschuld wagen.«

Edla sah Ninas heftige Spannung. Sie gebot sich selbst Ruhe, nahm der Schwester Hand und zog sie sanft zu sich auf die Grasbank. »Höre mich ruhig an, Nina,« bat sie, »und laß dein besseres Gefühl, deinen Verstand zwischen uns urtheilen. Deine Verbindung mit Graf Ludwig ist lange mein Lieblingsgedanke gewesen, das gestehe ich gerne zu. Ich kenne ihn seit seiner 473 Jugend und habe ihn jederzeit edel, gerecht und fest in allem Guten gesehen. Ich glaube ihn dazu gemacht, deine Stütze und dein Führer zu werden; ich glaubte dich dazu geschaffen, sein Leben zu verschönern und das gar zu Strenge in seinem Wesen zu mildern. Ich sah euch tugendhaft und glücklich mit einander durch das Leben gehen. Ach ich sah noch mehr! O Nina! Ich träumte so schön; ich muß davon erzählen. Ich sah Graf Ludwig, durch dich milde gemacht und glücklich, weit um sich herum einen wohlthätigen Einfluß verbreiten. Ich sah – o es war ein herrliches Bild! – durch eure vereinte Wirksamkeit manche Kraft geweckt werden, manches Licht aufflammen, das dem Vaterlande Segen bringen konnte. Es war mir, als sähe ich durch euch die Menschenwürde gefördert, das Menschenglück gesichert. Ich glaubte, manche Segnungen über euch zu hören, glaubte, des Himmels Gnade dein geliebtes Haupt bestrahlen zu sehen; sage mir, Nina, hat ein solches Leben, eine solche Wirksamkeit keinen Werth für dich? Ist die Zeit vorbei, da dein Herz warm dafür schlug? Gilt dir dein eigenes kleines Glück mehr, als das Wohl Vieler?«

»O nein, nein!« rief Nina mit Thränen. »Aber Edla . . . .«

»Höre mich weiter,« unterbrach sie Edla; »ich habe dir noch einige Worte zu sagen. Dann will ich dich gleichfalls anhören. Nina! Mit diesen Gedanken, mit dieser lange genährten theuern Hoffnung komme ich zurück; Graf Ludwig hat sich neue Rechte auf die Erfüllung des ihm gegebenen Versprechens erworben; deines Vaters letzter Gruß ist eine Bitte an dich und zugleich ein Segen für diese Verbindung; – und du weigerst dich, Nina! Alle diese Gründe gelten dir Nichts. Du liebst einen Andern! Dein eigenes Glück oder die Befriedigung deines Wunsches ist dir das Höchste – alles Andere – Nichts! Nina! – Wenn es sich blos darum handelte, daß ich meine eigenen, meine theuersten Wünsche, meines Lebens Freude und Hoffnung – für dein Glück 474 aufgeben müßte – und dieses Glück wäre ein wirkliches, ein edles – wenn der Mann, den du liebst, es verdiente – dann wollte ich Nichts dagegen einwenden, wenn er auch arm und von geringem Stande wäre, wenn er einen beschränkten Wirkungskreis hätte, und die Blume, deren Schönheit mich so entzückte, in einer Hütte verbergen würde – denn ich könnte dann glauben, sie werde für Manchen ein Segen werden; – ja Nina, meines Herzens liebste Hoffnung, mein Leben wollte ich für dein Glück, dein wirkliches Glück opfern! Aber der Mann, den du liebst, ist unwürdig . . . .«

»Er ist es nicht!« rief die gewaltsam aufgeregte Nina. »Edla sieh ihn! Höre ihn, lerne ihn kennen, bevor du über ihn und mich urtheilst. Betrachte seine Wirksamkeit, seine Menschenliebe: höre die allgemeine Stimme über ihn in der ganzen Gegend. Du wirst dich überzeugen, daß man ihn wie einen Engel verehrt. Ach Edla! Meine Seele war so kraftlos, mein Leben so ohne Werth, als ich ihn kennen lernte. Er hat mir Stärke, Freude und Leben gegeben; durch ihn habe ich alles Gute wärmer lieben gelernt. Durch ihn habe ich Kraft erhalten, das Gute zu wollen und dafür zu wirken. Was du, Edla, mich bewundern und lieben gelehrt hast, das bewundere und liebe ich an ihm. Trenne uns nicht, Edla. Wenn unser Vater Hervey gekannt hätte, er hätte uns nicht getrennt. Lerne ihn kennen und du wirst ihn lieben und an ihn glauben lernen. Noch vereinigen uns keine heiligen Gelübde. Du allein wirst über unser Schicksal bestimmen. Ich wollte es so und er fügte sich darein. Aber trenne uns nicht, Edla, ich könnte es nicht ertragen. – Trenne nicht die Blume von ihrem Stamme, ihrer Wurzel; – Hervey ist mein Stamm, meine Wurzel; – von ihm getrennt würde mein Leben verdorren, dahinschwinden. Graf Ludwig – täusche dich nicht, Edla! – mit ihm verbunden hätte ich nie erfüllen können, was du erwartest. Ohne Liebe, ohne Glückseligkeit hätte ich nur matt, wie früher, kraft- und 475 freudlos das Leben dahingeträumt. Hervey besitzt mein Herz, meine Kraft, mein Leben! Edla, höre mich! Laß mich dich bitten! O laß dich erweichen! Trenne uns nicht; oder soll ich sagen: Warum tratst du zwischen mich und den Tod, als er mich in meinen jungen Jahren wegnehmen wollte? Ich hätte dann nie die Schwere des Daseins, hätte nicht den Himmel der Liebe und des Lebens kennen gelernt, hätte nicht gekämpft, mich nicht vergebens gesehnt, wäre nicht flehend vor dir gestanden, und hätte nicht um Glückseligkeit gebettelt. O wenn du dieses Licht der Erde, das du mir in jener Nacht aufgehen ließest, nicht für immer auslöschen, wenn du diese Brust, die du an der deinigen gewärmt, nicht auf immer von Kälte erstarren lassen willst – Edla, o so gib mir das Leben aufs Neue! Gib mir es zum zweitenmal; – verdamme meine Liebe nicht; segne den, den ich liebe – trenne uns nicht.«

»Du sagst, er habe heilige Pflichten gebrochen. Die Verläumdung mag ihn anschwärzen, Edla! Vielleicht, daß er sich nie von dem Schatten befreien kann, den ein unfreundliches Schicksal auf sein reines Leben geworfen hat. Er hat mich das selbst ahnen lassen. Mag es sein! Was thut es denn, meine Edla? Gott sieht ja auf das Herz! – und das Erdenleben ist nicht so lang. Ich will sein Schicksal theilen; ich will seine Schande tragen, wenn Schande auf ihm lasten soll. Leben und Tod, Sorge und Noth, Alles ist mir lieb an seiner Seite. Eine höhere Macht hat unsere Seelen auf immer vereinigt. Edla, trenne uns nicht!«

Edlas Thränen flossen: »So viel Liebe,« sagte sie, wie für sich, »und für einen Betrüger!«

»Er ist nicht schuldig!« betheuerte Nina mit innigster Ueberzeugung. »Wie ich an Gottes ewige Güte und Wahrheit glaube, so glaube ich auch an die Herveys, seines edelsten Werkes. Ist er ein Verbrecher in deinen Augen, Edla, so bin ich es auch. Du kannst ihn nicht verstoßen, ohne auch mich zu verstoßen. Edla, 476 bin ich in deinen Augen so gesunken, daß du keinen Glauben, kein Vertrauen mehr zu mir hast? Edla, nimm meinen Eid zum Bürgen seiner Unschuld.«

Edla wandte ihr Gesicht ab, bedeckte ihre Augen mit der Hand, und sagte mit tiefem Schmerz:

»Ich glaube dir nicht! Beklagenswerthe! Du liebst einen Unwürdigen!«

Nur Ungerechtigkeit gegen Hervey konnte in Ninas Seele einen wirklichen Aufruhr erregen. In diesem Augenblick verbitterte sich ihr Herz und wandte sich von Edla ab. Mit stiller Verzweiflung, die aber wie Ruhe aussah, sagte sie: »Also verachtest, also verwirfst du mich! Wohlan, ich werde mich an eine Brust lehnen, die es nicht thut. Edla, ich sehe jetzt – was ich geahnt – daß du mich nie geliebt hast; – und es wird mir fortan möglich werden, auch ohne deine Achtung zu leben!« Sie stand auf und wollte gehen.

Mit einer aufflammenden Heftigkeit, die Nina zum erstenmal bei ihr sah, rief Edla: »Du weißt nicht, was du sagst, was du thust! Leidenschaft verblendet dich. Ich muß dich wider deinen Willen retten. Folge mir.«

Edla faßte Ninas Hand mit dem befehlenden Blick, mit der sichern Haltung, die früher so große Macht über sie gehabt hatte. Auch jetzt fühlte sie sich unvermögend zu widerstehen. Aber ein Schauder durchzuckte sie; sie glaubte, Graf Ludwig nahen zu sehen, sie sah Edla ihre Hand in die seinige legen, und ihre Blicke verdunkelten sich, ihre Kniee schwankten, ihr Gesicht wurde todesbleich, und sie wäre zur Erde gesunken, hätte nicht die Gräfin, die in diesem Augenblick dazu kam, sie in ihre Arme aufgefangen. Nina zog ihre Hand aus der Edlas, legte sie um den Hals der Gräfin und flüsterte matt: »Verlaß mich nicht!«

Edla hörte die Worte. Es war für sie ein Augenblick unsäglicher Bitterkeit. Sie sah sich verlassen, verkannt, gefürchtet von dem Wesen, das sie am zärtlichsten 477 auf Erden liebte, und dieses geliebte Wesen selbst am Rande eines Abgrunds.

Heftiger Schmerz und Etwas, wie Neid, brannte in Edlas Seele, während sie Nina und die Gräfin betrachtete, die unter den zärtlichsten Liebkosungen und den süßesten Benennungen sie in ihren Armen hielt und zur Besinnung zurückzurufen suchte.

Edla näherte sich wieder langsam, nahm Ninas Hand, und sagte mit einer von Schmerz gebrochenen Stimme: »Nina, meine Schwester, folge mir.«

»Nein, nein!« war Ninas kurze Antwort, indem sie ihre Hand wegzog.

»Laß sie in Frieden! Laß sie heute Nacht bei mir in Ruhe bleiben,« sagte die Gräfin mit einem Protectorsausdruck. »Morgen können wir uns ja im Schloß oben treffen. Jetzt bedarf sie der Ruhe. Du siehst, daß sie selbst bei mir zu bleiben wünscht.«

»Fürchtest du mich?« fragte Edla wieder mit einem forschenden Blick auf Ninas Gesicht.

Nina antwortete nicht. Sie wandte bloß ihr bleiches Gesicht gegen die Brust der Gräfin, und vielleicht hörte sie Edlas Frage nicht einmal.

Aber Edla hörte in diesem Schweigen, in diesem weggewandten Gesichte eine Antwort. Den Tod im Herzen und stumm entfernte sie sich.

Die Gräfin führte Nina auf ihr Zimmer, half ihr ins Bett, gab ihr beruhigende Tropfen ein, und als sie sah, daß ein wohlthätiger Schlaf im Begriffe war, die halb Bewußtlose in seine Arme zu nehmen, ging sie hinaus, verschloß Ninas Thüre, ließ die zwei Mägde, die im Hause waren, zu einem Tanz ins nächste Dorf gehen, und begab sich selbst in den oberen Stock, um dort den Besuch des Obersten zu einer langversprochenen Zusammenkunft zu erwarten.

Mit langsamen Schritten wandte sich Edla nach Hause. Ihr Haupt war niedergebeugt, ihre Arme hingen kraftlos herab, ihr Gang war unsicher, ihr Wesen 478 entbehrte seiner gewöhnlich so ruhigen Haltung – es war in ihrer Brust Etwas zerrissen worden. Arme Edla!

Ein feuchter Wind sauste stoßweise in den Tannen; dazwischen hinein herrschte eine Todtenruhe. Regentropfen fielen schwer und in langen Zwischenräumen. Dumpf brauste hinter ihr das Meer. Sie ging langsam den Weg hinan zwischen den Bergen. Die Grille sang im Grase und das Johanniswürmchen schlug dort seinen kleinen klaren Ring, aber Edla bemerkte es nicht. Ihr Weg schien ihr schwer und lang.

Auf ihrem Zimmer angekommen schien ihr die Luft erstickend zu sein. Sie riß die Fenster auf, sah in den weiten Raum hinaus und athmete tief.

Alles düster rings umher. Das Meer war stürmisch und schwarz. Schwer, formlos, zerrissen, häßlich, schwarzgrau hingen die Wolken darüber und bedeckten das ganze Himmelsgewölbe. Nur am Horizont zog sich ein schmaler, blutrother Gürtel hin, aber ohne Glanz und ohne Klarheit. Allmälig verdunkelte er sich und versank in die Nacht und Alles war öde in der Gegend, aber ein unruhiger Geist schien darüber zu schweben und seine unsichtbaren, unheilwehenden Schwingen zu bewegen.

Still stand die hohe Edla da und betrachtete die nächtliche Welt, die in diesem Augenblick ein treues Bild ihres Innern war. Ein Gefühl von der Schwere des Lebens, von der Bitterkeit des Schmerzes, das Gefühl, das ihr in der Jugend so wohl bekannt gewesen und das sie schon lange von sich entfernt gehalten, kehrte in diesem Augenblick mit Bleigewicht in ihre Brust zurück. Sie dachte an die vielen Menschenleben auf Erden, die ohne Freude dahinschwinden; an die langen Abende und Nächte der Betrübten. Sie dachte an Nationen, deren Leben Jahrhunderte lang dieser Nacht geglichen; – ihr Leben eine Nachtwanderung, ihr einziges Licht ein blutiges, ihre Ruhe – Schwüle, ihr Athem – 479 Sturmesbrausen. Edla sah zum Himmel hinauf, aber keine Sterne leuchteten an demselben; Alles war finster und wolkenverhüllt. Sie dachte an Nina und ihr Herz blutete und ihre Seele war betrübt bis in den Tod. Und es schien ihr, als ob nichts Schönes und Gutes im Leben Bestand habe, als ob keine Freundschaft, keine Liebe die Probe der Zeit oder Versuchung auszuhalten vermöchte. Hatte nicht Ninas Herz sich von ihr gewandt? Wie ein bleiches Gespenst schaute das Leben aus dieser finstern Nacht hervor und der einzige lebendige Zug in seinem Gesichte war – Schmerz.

Aber nur einen Augenblick konnte Edla so fühlen, so denken. Die Ebbe der Kraft währte nicht lange in dieser Brust. Mit der Macht ihres Willens, mit ihren lichten Gedanken rief sie ihre Fluth zurück und ihre Seele richtete sich wieder auf. Wie klare Sternbilder stiegen in ihr die Erinnerungen an die Worte der Weisen, an die Thaten der Guten auf. Sie dachte an die Irrgänge des Lebens, an die ewige Liebe, an den Auferstandenen, an den Getreuen; sie prüfte ihr eigenes Herz; eine Thräne der Freude fiel auf seine Wunde – und sie wurde ruhig. Noch einmal glänzte der Blick ihrer Gedanken über die unterdrückten Völker, über die Leiden der Menschen, die am Herzen Schiffbrüchigen, die Verarmten: sie versenkte sich gleichsam in die Leiden Aller; sie verstand sie Alle und sie drückte die Hände hart an ihre Brust und sprach für Alle, wie für sich, mit tiefer und stiller Kraft die Worte aus: »Glaube! Dulde!«

Und als sie ihren ruhigen Blick wieder zum Himmel erhob, siehe da theilten sich die Wolken und die Sterne blickten freundlich und klar aus dem tiefen Blau über ihr Haupt herab. Edla fühlte sich belebt und gestärkt. Stille betrachtete sie die geliebten Himmelslichter, bis sie aufs Neue von Wolken überzogen wurden. Dann ging sie, um einige Anordnungen für Graf Ludwigs 480 Empfang zu treffen, und nie war ihr Wesen ruhiger, ihre Worte freundlicher, ihr Blick klarer gewesen.

Auf ihr stilles Zimmer zurückgekehrt lauschte sie dem wachsenden Sturm, dem Regen, der an die Fenster schlug, dem dumpfen, tiefen Brausen des Meeres; aber auf ihrem Tisch brannte das Licht klar, obgleich flackernd. Edla betrachtete es mit Vergnügen; in ihrer Brust wohnte zugleich tiefe Wehmuth und hohe Ruhe. Sie ergriff ihre Feder und schrieb an diesem Abend Folgendes unter ihre »Bemerkungen:«

»Um was handelt es sich in diesem kleinen Theile des unendlichen Lebens? Um irdisches Glück? Weg damit! Die Tugendhaftesten, die Größten haben Dornenkronen getragen.«

»Handelt es sich um Entwicklung, um Selbstvervollkommnung in einem höhern Licht, in einer höhern Kraft? Ja! Des Geistes Leben und Verklärung, das muß, muß gewonnen werden! – Sie sinkt vor dem Kampfe zurück. Ja er ist bitter, ich weiß es wohl und sie ist jung und schwach, aber mein Arm wird sie festhalten, wird für sie kämpfen. Sie darf nicht sinken; an meiner blutenden Brust will ich sie tragen, bis ihre letzte Kraft erschöpft ist. Sie soll diesem Mann nicht angehören. Nein! nie. Ihr Herz wird bluten; – was thut das? dieses Blutbad stärkt. Das meinige wird noch mehr für sie bluten. O könnte es allein leiden und Alles für sie tragen! dann würde es glücklich sein!«


»Einsam sein! . . . . Allein sein? von Niemanden geliebt, zu Niemandens Glück nothwendig, von keiner Thräne, von keinem Seufzer ins Grab begleitet werden . . . warum erscheint dieser Gedanke den meisten Menschen so schrecklich, so gespensterhaft schauerlich; – den Einsamen bangt es vor sich selbst. 481


»Einsam sein? Hätten wir nie innig geliebt, nie unser Herz fest mit einem Menschen verknüpft – dann würde es, deucht mich, nicht schwer sein, einsam zu leben und einsam durchs unendliche Leben zu wandern, den Gedanken über den Mysterien der Schöpfung schweifend und den Großen, Einzigen dort oben anbetend, den Himmel aller Sonnen, den Gedanken aller Gedanken, die Lösung aller Geheimnisse, aller Räthsel. Ja dieß ist ein Leben, wie ich es mir gewünscht. Aber von dem Augenblick, wo man ausschließend einen seiner Mitmenschen liebt, da bedarf man seiner Gegenliebe, oder man empfindet das Leben öde und leer – doch ist dieß eine traurige Schwachheit.«


»Leere und Qualen müssen ertragen werden. Sie hören auf. Dieß zu wissen, dieß zu denken ist schon eine Ruhe, eine Kraft.«

»Wenn das Gefühl der Leiden von Millionen sich mit unserem eigenen vereinigt und mit erstickender Schwere auf uns fällt, so gibt es einen tröstenden Gedanken. Durch die Masse der leidenden Geschöpfe wird die Summe des Schmerzes nicht vermehrt. In dieser Million leidet immer nur ein Individuum, ein Mensch und dieser – wie lange?«

 


 

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