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Fredrika Bremer: Nina - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleNina
authorFredrika Bremer
translatorG. Fink
year1843
firstpub1835
publisherFranckh'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleNina
pages520
created20171205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Noch mehr Briefe.

Es ruhet in des Menschen Herzen
Ein wundersames Saitenspiel.
                                  Geijer.

Etwa um dieselbe Zeit, da die beiden jungen Freundinnen mit einander correspondirten, erhielt auch Graf Ludwig von einem Freunde einen Brief, aus welchem wir folgende Zeilen entnehmen:

»Ich möchte dich nicht gern unruhig machen; allein eine Warnung muß ich dir geben. Suche so schnell als möglich nach Hause zu kommen. Deine Braut dürfte sonst für dich verloren gehen. Ein gewisser Eduard Hervey, der, ehe er ein gewisses Verbrechen beging, Eduard D. hieß, droht deine Ansprüche streitig zu machen. Ich erkannte ihn wieder, obgleich er sich sehr verändert hat. Doch du weißt, daß mein Blick ziemlich sicher ist. Ueberdieß bekam ich durch einen Zufall eine Narbe auf seiner Brust zu sehen, an deren Entstehung du dich gewiß eben so gut erinnerst, als ich. Dieser Eduard D. ist gegenwärtig Pfarrer in der Gemeinde, in welcher Gräfin G. wohnt. Er lebt hier – unbegreiflich genug – als ein Geheimniß für Alle, und Niemand weiß, was auf seinem früheren Leben lastet. Er ist allgemein geliebt und hat großen Einfluß im Orte. Man sagt, er habe Fräulein Nina G's. Herz zu gewinnen gesucht und – es sei ihm geglückt! Da ich Etwas entfernt von der Gräfin G. wohne, so habe ich bloß ein einzigesmal Gelegenheit gehabt, Fräulein Nina und den genannten Mann beisammen zu sehen. Ich sah Nichts, was zu gewissen Gerichten Anlaß geben könnte, aber gleichwohl genug, um dir zur Beschleunigung der Rückkehr zu rathen. Es herrscht zwar keine Vertraulichkeit zwischen ihnen, aber ein gewisses Etwas, das wirklicher Liebe sehr ähnlich sieht. Fräulein Nina ist schön, wie die Göttin der 451 Liebe, und dieser Eduard Hervey ist wirklich ein ungewöhnlich interessanter Mann.«

Wir wissen jetzt genug von dem Funken, der in eine bereits fertige Mine fiel.

Edlas Briefe meldeten seit einiger Zeit nur von den abnehmenden Kräften ihres Vaters. »Sein Zustand ist schmerzenfrei,« schrieb sie; »seine Laune milder und freundlicher als je; allein er wird täglich matter, sein Gedächtniß ist verworren und sein Bewußtsein von der Gegenwart oft äußerst schwach. Ich habe eine hübsche, kleine Villa in der Nähe der Stadt gemiethet. Mein Vater kann hier die frische Luft genießen und der Arzt kann ihn alle Tage besuchen. Er ist auch, Gott sei Dank! noch nicht ohne Genußfähigkeit. Sein Leben ist ruhig und freundlich. Er geht an meinem Arm in den Garten, pflückt Orangen von den Bäumen und freut sich über die schöne Frucht; er raucht im Schatten der Bäume seine Pfeife und erquickt sich an der Lieblichkeit der Luft. Er ist glücklich. Oft nennt er Ninas Namen, glaubt sie mit Graf Ludwig vermählt und freut sich darüber.«

»Man macht mir keine Hoffnung auf seine Wiederherstellung, allein ich kann sie immer noch nicht aufgeben. Dieses göttliche Klima hat schon auf manchen, der so krank und schwach war, wie mein Vater, wiederbelebend gewirkt. Wie es Gott gefällt! Seine Tage angenehm zu machen, mögen ihrer nun noch viele oder wenige sein, ist meine liebe, meine theure Pflicht.«

Der Gedanke an das wahrscheinliche Hinscheiden ihres Vaters verbreitete eine stille Traurigkeit über Ninas Seele. Aber Herveys Gegenwart, sein Leben, seine Fürsorge verhinderten sie, sich niederschlagenden Gedanken hinzugeben; – mehr als je war er ihr Alles – Gesetz und Evangelium.

Mittlerweile war es Sommer geworden, die Natur war herrlich, die Aerndten reiften, das Leben stand in der Blüthe und unsre Liebenden sahen einander alle Tage. Ich sehe meine Leserin, was du erwartest, ich sehe, 452 worauf du hoffst – Liebesqual und Kämpfe, Schmerz, Wahnsinn, Versöhnung, Entzücken, Sturm, Leidenschaft, zu guter Letzt einen kleinen Mord oder eine heimliche Vermählung . . . . . Ehre sei der Tugend und der wahren Kraft. Ich habe nichts Derartiges zu berichten. Hervey wollte Nina nicht durch List gewinnen; er wollte sie durch offenes Handeln von denen gewinnen, die das Recht hatten, über sie zu verfügen. Er kannte ihr Herz, er hatte ihre Bitte gehört, deßhalb fesselte er sie durch kein Versprechen, durch keine Ausbrüche der Liebe und des Schmerzes, den er empfand. Er wollte, daß sie klaren Geistes und ohne Reue ihrem Schicksal entgegen gehen sollte. Deßhalb wachte er über sich mit der Strenge eines Anachoreten; über sie mit der himmlischen Liebe eines Engels. Entschlossen, das Aeußerste für ihren Besitz zu wagen, erwartete er mit tiefer Ungeduld den Augenblick, wo er handeln dürfte, die Rückkehr Edlas und des Grafen Ludwig. Inzwischen war Nina glücklicher und das war Alles, was Hervey verlangte. Er breitete einen unaufhörlichen Frühling um sie her und nie verfinsterte das kleinste Wölkchen zwischen ihnen die Tage der Seligkeit. Durch seine Liebe, durch seine Lehren stärkte und erhob er ihre Seele und wenn seine feurigen Gefühle die Bande sprengen wollten, die er ihnen angelegt, dann verließ er sie und suchte Arbeit und Mühe, um wieder Kraft und Gemüthsruhe zu gewinnen. Dann kam er wieder zu ihr, gleich einem Segen des Himmels. Vermochte er zuweilen den Kampf oder die Düsterkeit in seiner Seele nicht zu verbergen und ihr zärtlicher, fragender Blick suchte in den seinigen zu lesen, dann sagte er: »Nina, du weißt, warum.« Sie wußte es, sie reichte ihm die Hand und sie verstanden einander.

Die Gräfin war außerordentlich viel mit dem Obersten beschäftigt, und drückte zu diesem Verhältniß zwischen Hervey und Nina, das sie nothwendig bemerken mußte, absichtlich ein Auge zu. Sie wollte sich damit 453 Nachsicht für ihre eigene Leidenschaft erwerben, auch sah sie vielleicht nicht ungern eine Klippe in Edlas Wege sich bilden. Eine gewisse Kälte und Entfremdung, die sie stets gegen Edla empfunden hatte, war allmälig in wirklichen Haß ausgeartet. Wir wollen sehen, wie dieß zuging.

Die Gräfin war sich bewußt, daß Edla seit den Scenen in Ramlösa keine Achtung vor ihr hatte. Edla hatte, ohne ihren Rath einzuholen, die Verlobung mit Graf Ludwig veranstaltet, und sie seit der Krankheit des Präsidenten sowohl mündlich als schriftlich mit Kälte behandelt. Die Gräfin wußte wohl, daß sie es nicht besser verdiente, allein dieß hinderte sie nicht, einen heimlichen Groll auf Edla zu fassen. Er wurde noch durch Folgendes gesteigert:

Die Welt ist wie ein Mensch, sie geräth über eine Sache in Entzücken, erhebt, preist sie, wird ihrer dann überdrüssig, dreht ihr den Rücken, wendet sich sogar feindlich gegen sie, und zieht oft in den Staub, was sie früher zum Himmel erhoben hat. So entstehen, so fallen zuweilen große Namen, sowohl im Staate, als in der Gesellschaft. Oft ist der Fall verdient, oft auch nicht. Wohl dem, der sich im klaren Auge eines treuen Freundes sieht! Er ist stark und hat genug von Gott. Die Gräfin war früher der erklärte Abgott jener großen Coterie gewesen, die in Schweden fast aus allen gebildeten Menschen sowohl vom Norden, als vom Süden des Landes besteht. Um diese Zeit wurde von Edla nicht gesprochen, außer wenn man das Häßlichste und Widerwärtigste von der Welt bezeichnen wollte. Jetzt war der Stern der Gräfin untergegangen, der Edlas hatte schon längst angefangen emporzusteigen, und stand bald in seinem Zenith. Reisende Schweden, die den Präsidenten in Nizza besucht hatten, fanden kaum Worte, um Edlas aufopfernde Zärtlichkeit zu rühmen und die Klugheit zu preisen, die sie in der Verpflegung des schwachen und reizbaren Vaters an den Tag legte. Ihr 454 Benehmen fing an, allmählig Gegenstand des allgemeinen Gesprächs und namentlich gegenüber von dem der Gräfin sehr hervorgehoben zu werden. Man gab Edla den Beinamen Antigone und pries neben ihren kindlichen Tugenden ihre hohe Bildung, ihre Bescheidenheit, ihren vortrefflichen und reinen Charakter. Die Gräfin wurde von ihren zahlreichen Correspondenten mit unaufhörlichen Lobpreisungen der Edla-Antigone ermüdet, wobei häufig nicht undeutliche Stiche auf die Rolle mitunterliefen, welche die Gräfin als Gattin des Präsidenten im Vergleich mit ihrer Tochter gegenwärtig spielte. Einige in Umlauf kommende Gerüchte über den schönen Herkules von einem Obersten gaben diesen Stichen ein gewisses Salz, das die Gräfin in seiner ganzen Schärfe fühlte. Sie rächte sich dadurch, daß sie Edla verabscheute und vor ihren eigenen Augen als ein stolzes und herrschsüchtiges Wesen darstellte, das über sie zu triumphiren suche.

Der Oberst reiste auf kurze Zeit fort. Während seiner Abwesenheit schien die Gräfin wieder Etwas von ihrer früheren Zärtlichkeit gegen Nina zu gewinnen. Allein selbst in ihrer Zärtlichkeit lag Egoismus. Sie wollte mit dem Gegenstande derselben gleichsam sich selbst schmücken. Sie war schon lange neidisch gewesen auf die Bewunderung, welche Nina für Edla hegte und jetzt, da sie Edlas baldige Rückkehr ahnte, fing sie an darauf hinzuarbeiten, ihr ein Herz abzulocken, das ihr so theuer war. Sie sprach oft mit Nina von Edla und lobte sie auf eine Art, die heimlich darauf hinzielte, Ninas Herz gegen sie zu erkälten.

»Sie ist ein höchst ungewöhnliches Wesen,« sagte sie zu ihr; – »so stark, so ruhig, so sicher! Glücklich diejenige, die nicht mit einem schwachen und weichen Herzen zu kämpfen hat!«

Und ein andermal: »Edla gehört mehr dem Himmel als der Erde an. Sie bedarf Nichts von dem, 455 was das Glück anderer Menschen ausmacht. Sie ist sich selbst genug.«

Dann wieder: »Edla liebt die Menschheit; ein einziger Mensch gilt ihr Nichts. Sie wäre jederzeit bereit, das Wohl des Individuums dem zu opfern, was sie als das Wohl des großen Ganzen betrachtet.«

»Edla hätte sollen König oder Minister werden,« sagte sie mitunter, »denn sie besitzt einen starken und bestimmten Willen; sie fragt bei Ausführung eines großen Planes nicht nach den Opfern, die er kostet. Es steckt Etwas von Karl XI. in ihr.«

Nach und nach fing die Gräfin an, von ihrem eigenen Widerwillen gegen den Grafen Ludwig zu sprechen und ihre Verwunderung über Edlas große Neigung zu ihm auszudrücken, auch ließ sie eine Ahnung durchschimmern, daß vielleicht Gefühle zarterer Natur sie für seine Gebrechen blind machen. Dabei warf sie einen zärtlich beklagenden Blick auf Nina.

In Ninas gegenwärtiger Stellung und in dem Zustand zwischen Furcht und Hoffnung, worin ihre Seele schwebte, konnten die Worte der Gräfin nicht alle Wirkung verfehlen. Sie kamen überdieß der Wahrheit oft nahe und leiteten auf diese Art langsam einen vergiftenden Saft in Ninas Gefühle. Ach es ist schwer, dem beständig wiederkehrenden, beständig fallenden Tropfen zu widerstehen – er dringt unvermerkt, aber sicher selbst durch die stärkste Mauer. Ninas Gefühle für Edla bekamen immermehr eine Beimischung von Furcht. Edlas Bild verschmolz gleichsam mit dem des Grafen Ludwig; ihre Seele wurde durch eine unwiderstehliche Macht von ihr abgewandt und schloß sich immer inniger, immer kräftiger an Hervey an, den Milden, Starken und Liebevollen. An Edlas und Graf Ludwigs Seite erschien ihr das Leben so kalt, so freudlos, so bleich! Bei Hervey – ach! da war das Leben selbst, das warme, sonnenbeglänzte, liebliche Leben voll Liebe und Freude. Ohne daß Nina es merkte, kam ihr Wille 456 in Widerspruch gegen den Edlas. Sie glaubte sich ihr unterwürfig, während sie es in der That bereits nicht mehr war.

Die Sonne war ungewöhnlich heiß und trocken. Man befand sich im Anfang des Monats August. Die Gräfin, die sich auf jede Art populär zu machen suchte und als eine freudespendende Gottheit vermißt und betrauert zu werden wünschte, wenn sie auf den Herbst die Gegend verließ, hatte beschlossen, den Leuten auf ihrem Gute und allen Nachbarn in der Runde ein höchst originelles Erndtefest zu geben. Sie beabsichtigte zugleich, Sonntagstänze für die Bauern einzuführen und hatte zu dem Ende auf der Ebene nicht weit vom Umefluß eine schöne Rotunde erbauen lassen, deren oberes Stockwerk aus einem großen Tanzsaal und das Parterre aus einigen hübschen Wohnzimmern bestand. Dieses leichte und angenehme Gebäude war von jungen Birken umgeben, die ihm Schatten verliehen. Die Gräfin bezog es kurz vor Abhaltung des Festes mit Nina, theils wie sie sagte, um Alles vorzubereiten, theils weil man hier eine Kühlung fand, die man auf der kahlen Höhe, wo das Hauptgebäude lag, vergebens suchte. Die Gräfin dürfte wohl noch einen andern Plan in Petto gehabt haben, den wir indeß nicht lange ausplaudern wollen.


Alles war bereit zum ländlichen Feste, Alles versprach es glänzend zu machen, als eine Trauerpost es vereitelte. Zwei Briefe von Edla trafen zugleich ein; schon seit einem Monate hatte man keine Nachrichten von ihr erhalten; – der eine und älteste meldete den Tod des Präsidenten. »Er ist sanft eingeschlummert,« schrieb Edla, »ohne Schmerz, ohne bitteren Vorgeschmack von seiner Auflösung. Ich glaube nicht, daß man leichter sterben kann und ich danke Gott für dieses sein ruhiges Hinscheiden. Wenige Stunden vor seinem Tod 457 aß er noch mit Vergnügen Obst. Er war bis zum letzten Augenblick gut und freundlich gegen Alle und kurz vor dem Tode kam er wieder zum völligen Bewußtsein. Er hat mir freundliche Grüße an alle aufgegeben, die ihm lieb waren. Für Nina bringe ich einen ganz besondern mit. Ich habe den unbeschreiblichen Trost gehabt, in den letzten Tagen die Pflege meines Vaters mit Graf Ludwig zu theilen. Für seine wirklich kindliche Sorgfalt hat ihm mein Vater mit den Worten gedankt: »Nina wird dir für mich danken: möge sie dir Alles werden, was ich wünsche.«

Der andere Brief war vierzehn Tage später geschrieben. Edla sprach darin von der Beerdigung ihres Vaters und ihrer baldigen eigenen Rückkehr ins Vaterland. »Es verlangt mich,« schrieb sie, »die alten theuern Gebirge wieder zu sehen; es verlangt mich, Nina wieder zu sehen, und sie mit einem ihr würdigen Manne vereinigt zu erblicken. Ich komme nicht allein zurück. Graf Ludwig folgt mir auf dem Fuße nach.«

In einer Nachschrift sprach Edla einige Worte von sich:

»Ich habe,« schrieb sie, »während der langen Nächte, die ich am Krankenlager meines Vaters durchwacht, den Plan zu einem kleinen Werke entworfen, wozu die Materialien schon lange in meiner Seele gesammelt waren. Es betrifft die intellectuelle Bildung meines Geschlechts. Die darin enthaltenen Lehren sind Kinder meiner eigenen Erfahrung, meiner eigenen Leiden und nur deßwegen wage ich es zu hoffen, daß unter so vielen Büchern über diesen Gegenstand auch das meinige noch einigen Werth haben wird. Ich habe einen Prospect davon dem Professor A. geschickt. Er wird mir sagen, ob meine Arbeit ihren Zweck erreichen kann.«

Aus einigen am Schlusse dieses Postscripts nachläßig hingeworfenen Reflexionen, die aus der Tiefe des Herzens entsprungen zu seyn scheinen, wollen wir nur folgende Stellen ausziehen: 458

»Der Fehler ist jetzt nicht, daß wir nicht denken; sondern es handelt sich darum, daß wir aus dem grübelnden und unklaren Denken zu dem einfachen und klaren gelangen . . .«

»Tausend Unannehmlichkeiten, tausend peinliche Kleinigkeiten zernagen und beunruhigen das Gemüth, wenn man in der Welt dahingeht, wie einer, der im Finstern tappt . . .«

»Ein Gefühl unbeschreiblichen Wohlbehagens, großer und wonniger Ruhe zieht in die Seele ein, wenn man in und außer sich klar sieht. Rechtthun! Was ist göttlicher? Jede Kraft, jede Gabe zu erkennen und zu würdigen – welch ein mannigfaltiges Interesse, welchen Reichthum reiner Genüsse verleiht dieß nicht unsrem Leben? Welch ein mächtiges Mittel zur Veredlung des Erdendaseins unserer Mitmenschen? Aber eben deßhalb muß man verstehen lernen und zwar nicht oberflächlich, sondern innig – und im Zusammenhange. Man muß das Einzelne im Allgemeinen, das Allgemeine im Einzelnen sehen. Dann ordnet sich die Welt, dann füllt sich die Seele mit würdigen Gedanken. Dann wird das Leben bereichert und veredelt.«


»Die Reichen mögen immerhin für ihre Vergnügungen leben – nur sollen die Vergnügungen eine solche Richtung haben, daß sie auch zum allgemeinen Besten dienen. Laß sie in Liebe zur Wissenschaft, Kunst und Literatur emporblühen; laß frühe und wahre Kenntnisse ächte Kenner, ächte Kunstliebhaber bilden und bald wird eine Ader höheren Lebens alle Kreise der Gesellschaft durchlaufen. Des Forschers Blick würde dann, nicht länger von irdischen Kümmernissen verhüllt, frei sich erheben dürfen zur ewigen Vernunft und ihre Gesetze den Menschen verdolmetschen. Die Arbeiten der industriellen Klassen würden sich in größerer Masse das Ziel setzen, die intellectuellen Kapitalisten, die ihre Welt beleuchten und veredeln, mit den Behaglichkeiten des Lebens zu 459 versehen. Ein eitler Luxus würde verschwinden, sobald eine größere Menge wirklicher Bedürfnisse Befriedigung finden könnte. Mir ist, als fühle ich das Wesen einer immer reineren Humanität, eines freieren Gedankens, eines frischeren Lebens und zunehmenden Wohlbehagens, das sich dann durch die ganze Gesellschaft ziehen würde – und woher? Von den Vergnügungen, von dem Gelde der Reichen! Und wer genösse dabei reicheren Segen, als eben diese sogenannten Glücklichen der Erde – die oft ihre ärmsten Kinder sind! Gütiger Gott! durch solche veredelte Vergnügungen könnten sie selbst so reich werden und so unendlich viel Gutes wirken. Sie möchten es wohl – und sie geben Schmäuse und Allmosen.«


»Es gibt Geschöpfe im Leben, die ich ihres eigenen Glücks wegen mehr als alle Andern veranlassen möchte, sich die Kenntniß vom Leben und den Dingen zu verschaffen, welche gut und klar macht. Ich will hier von den Einsamen reden.«

»Ich bin selbst einige Zeit die Einsame gewesen; ich habe Ruhe gefunden auf dem Wege, auf den ich Andre weise; ja mehr als Ruhe – die reinste Freude und ein Interesse im Leben, das jeden Augenblick reich macht. Einsam auf meinem engen Stübchen, allein mit meinen Büchern habe ich Stunden des Genusses und Reichthumes gehabt, die von keiner Glückseligkeit überwogen werden können – und ich bin kein Genie. Ich sage das mit Vergnügen, denn ich weiß jetzt, daß keine besondere und ungewöhnliche Gabe mein Glück begründet. Die meisten Menschen können, wenn sie nur wollen, glücklich und reich sein, wie ich. Meine Jugend ist dahin – und jetzt erst ist mein Herz recht jung, das Leben ist mir unendlich reich und ich spreche aus dem Innersten meiner Seele: »Es ist schön zu leben!«

Still und zärtlich beweinte Nina ihren Vater. Aber dieser lang vorhergesehene Kummer war nicht 460 bitter. Eine tiefere mit Furcht vermischte Qual bemächtigte sich nach diesen Briefen ihrer Seele.

Edla reiste zurück voll Gedanken und Planen, die dem Glücke Ninas theils fremd, theils entgegen waren. Nina so voll von Liebe, von Verlangen nach einem Glück, wovon Edla keinen Begriff hatte, empfand in diesem Augenblick blos Furcht vor Edlas Himmel. Sie wünschte ihre Rückkehr und bebte davor, denn Edla besaß eine Macht über Ninas Seele, die keine Furcht und kein Zweifel an Edlas Zärtlichkeit verringern konnte.

 


 

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