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Fredrika Bremer: Nina - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleNina
authorFredrika Bremer
translatorG. Fink
year1843
firstpub1835
publisherFranckh'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleNina
pages520
created20171205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der ewige Schnee.

Hu!
    Reisender.

Ha, ha, ha!
Amor in Gestalt eines Schneehuhns.

Die Reisenden waren dem Gipfel der Fjällen nahe. Der Himmel lag klar und kalt darüber. Eisesluft lag über dem Felde und bedrückte die Brust der Wanderer. Man rastete eine Weile, ehe man weiter hinaufstieg. Unbemerkt von den Uebrigen verschwindet Nina und eilt allein vorwärts. Wie die Wolke, gejagt von Winden, die man auf der Erde nicht kennt, wie der Mensch, wenn er seinem Schicksal entgegen gehen will, 411 rennt Nina blind vorwärts! Nur der Unbekannte bemerkte ihre gefährliche Fahrt und wie ein Blitz ist er an ihrer Seite. Treu und still wie der Schatten, wachsam, wie der Engel über seinem Schützling, folgt er ihren Schritten. Bald haben sie die Andern weit hinter sich gelassen. Höhen und Vertiefungen liegen zwischen ihnen. Man sieht einander nicht mehr. Eine übernatürliche Kraft scheint Nina zu führen und zu tragen. Mit des Rennthiers Sicherheit und Schnelligkeit klettert sie zwischen den Felsen und weist schweigend die bald zurückhaltende, bald leitende Hand des Unbekannten ab. Auf einmal bleibt sie stehen: – eine unermeßliche Aussicht eröffnet sich; – vor ihr liegt der ewige Schnee. Nicht ein Fleck, nicht ein Berggipfel, schön anzusehen gegen den blauen Himmel, sondern ein Schneemeer, im Anfang noch von einzelnen grauen Felsspitzen durchbrochen, dann aber sich immer gleichmäßiger, immer weißer, immer unermeßlicher, immer schauerlicher ausdehnend! – Es umfaßt den ganzen Horizont, es schließt sich dem dunkeln kalten Himmel an. Kein Wind athmet, kein Vogel, kein Insekt rührt seine Flügel. Man kann mit Alfieri sagen: »Eine gewisse unnennbare Stille herrscht in dieser Atmosphäre, in welcher man sich gleichsam dem Erdkreise entrückt glaubt.« Nur von dem hohen Sulitelma, der nicht weit davon seine schneebedeckten Gipfel gegen die Wolken emporstreckt, hört man gleich den Donnern des Allmächtigen ein dumpfes Krachen und Tosen; denn die Eispiramiden der Gletscher stürzen beständig über die tiefen Wölbungen herab, welche Oeffnungen in die Unterwelt zu sein scheinen.

Nina betrachtete dieses unheimliche Gemälde von Kälte und Tod; – diese Erde im ewigen Leichenkleid, diesen Himmel ohne Wärme, diese Stille, diese Leere – und das auf ewig so. Tief, tief in ihrer Brust fühlte sie die Wirklichkeit des Lebens, fühlte, daß es im Herzen des Menschen Etwas gebe, was diesem Gemälde 412 entsprechen könne – eine Kälte, einen Tod, der doch lebe und fühle – und dieß auf ewig so. Sie nahm ihre Maske ab, sie bedurfte frischer Luft. Es war ihr, als müsse sie ersticken. Ein unendliches Leidensgefühl, ein unnennbares Weh erfaßte sie. Es war ihr zu Muthe, als hätte sie hier das Loosungswort, die Prophezeiung ihres Lebens geschaut: einen ewigen Schnee! Mit tiefer Angst faltete sie ihre Hände, unverwandt den wüsten Raum betrachtend, und ihre Thränen flossen, ohne daß sie selbst wußte, warum. Ein stilles, ergebungsvolles, aber hoffnungsloses Elend lag in ihrem schönen bleichen Gesichte ausgedrückt. »Siehe da,« sagte sie laut vor sich hin, »siehe da, das Bild meines Lebens auf Erden – kalt, leer, todt, ohne Freude, ohne Liebe . . . .«

»Ohne Liebe?« wiederholte neben ihr eine Stimme, deren geliebter Klang ihr durchs Herz ging. Sie wandte sich um. Der Unbekannte hatte seine entstellende Kopfbedeckung abgeworfen und mit flammenden Blicken und hochrothen Wangen stand Eduard Hervey anbetend vor ihr. O war es wohl zu verwundern, wenn er im Angesichte des ewigen Todes dieses ewige Liebesleben in seiner Brust übermächtig gefühlt, wenn er das geliebte Wesen, das feindliche Mächte erfassen wollten, damit umschloß? War es wohl zu verwundern, wenn er hier zu ihr sagte, daß er sie liebe, daß er sein Leben ihr widmen wolle? war es zu verwundern, wenn er all die unendliche Liebe, die er für sie trug, wie einen Lichtstrom über sie ergoß?

Die Worte, welche er sprach, gab sie zurück. Er schloß sie an sein Herz. Ihre Seelen flossen in einander, unter Thränen der Seligkeit sagten sie sich Worte wahnsinniger, göttlicher Liebe. Sie wiederholten sie tausend und aber tausendmal, gleichsam dem Tode und der Kälte um sie her zum Trotze.

Eine der ältesten Mythen sagt, als es im Chaos 413 getagt, sei die Erde mit der Liebe einsam daraus hervorgestiegen. Wie lieblich!

Hier war die Dichtung zur Wirklichkeit geworden. Die Erde war wüst und leer, aber der Geist Gottes schwebte darüber und nie hat göttlichere, glückseligere Liebe zwei Wesen vereinigt, als hier Nina und Hervey. Laßt mich aufhören! . . . Worte sind arm – das Lieblichste, was die Musik, das Entzückendste, was die Blume, das Reinste, was der Aether hat, Melodie, Duft, Farbe, Licht – kann die selige Liebe eher ahnen lassen, als Worte. Die Worte nehmen den Glanzstaub von den Flügeln der Gottheit. Einstens vielleicht, in einer höheren Ordnung, wenn der Romanschreiber seine Feder auf den Flügeln eines Engels ziehen darf, dann vielleicht wird der Himmel auch aus seinen Worten athmen! . . . . Dann mag er den Versuch wagen.

Aber kurz war auf Erden der Augenblick der Entzückung für die zwei Liebenden. Herannahende Tritte und Stimmen führten sie in die Welt der Wirklichkeit zurück, die sie einen Augenblick vergessen hatten. Dem ersten Wegweiser aus der Ferse nach eilte die bleiche und angstvolle Klara herbei, Ninas Namen rufend. Bei Herveys Anblick verstummte sie. Die Gräfin war kaum weniger erstaunt und zudem entzückt über den überraschenden Anblick des Freundes, der sich jetzt nicht mehr zu verbergen suchte und es Jedermann freistellte, von seinem romantischen Unternehmen zu denken, was er wollte. Während er mit einer Geistesgegenwart, welche die Baronin H. bewundert haben würde, der Gräfin in munterem Tone die Sache deutlich oder undeutlich zu machen suchte, setzte Nina ihren seligen Traum fort und wußte wenig von dem, was um sie her vorging. Diese Wiedererkennungsscene war für Mehrere von der Gesellschaft eine starke Zerstreuung nach dem Eindruck, den der ewige Schnee auf sie gemacht hatte. Indessen wandte sich die Aufmerksamkeit bald wieder ihm zu.

Beim Anblick des Schneereiches sagte Lord Cummin 414 wieder bloß sein lakonisches: »O!« Lady Louisa fand die Aussicht »frightful!« Dem Franzosen däuchte »le paysage un peu monotone!« Der Deutsche war blaß von Kälte und erhabenen Gedanken.

Die Sonne war hinter den Fjällen verschwunden. Das Schauspiel ward immer bleicher; so auch der Eindruck auf die Seelen der Zuschauer. Für Eduard und Nina war es gar nicht vorhanden. Was war ihnen das Starre und Todte? Brannten nicht die Flammen des Lebens und der Liebe hoch und himmlisch in ihrer Brust? Sie ergoßen einen verklärten Schein über die Welt.

Die übrige Gesellschaft fing an ein wenig zu frieren, und der Gedanke, daß die Verwandlung des ewigen Schnees in kochendes Theewasser etwas höchst Angenehmes sein würde, drängte sich fast Allen auf. Als der Franzose diese Idee laut äußerte, fand er allgemeinen Anklang, ganz besonders bei Lord Cummin, und man machte sich auf den Rückweg das Gebirge hinab an den Ort, wo man die Zelte für das Nachtlager aufgeschlagen hatte. Es war dieß mitten unter den Felsen. Auf einer Seite hatte man freie Aussicht über die Gegend, die Uebrigen waren durch hohe Felsenwände gegen den Gebirgswind geschützt. Da und dort wuchs Rennthiermoos und einige grüne Fjällpflanzen, und von den Felsen herab ertönte das fröhliche Gezwitscher des Schneefinken.

Gräfin Natalie lud die Gesellschaft zum Abendessen in ihr Zelt ein, und Kälte und Wildniß wurden als vortreffliche Reizmittel für Appetit, Scherze und Lachen befunden. Bald vermißte man Hervey in dem fröhlichen Kreise. Seine und Ninas Freude war in diesem Augenblick ganz anderer Art. Sein Herz war voll, er bedurfte der Einsamkeit. Er ging hinaus, und als er den freien Raum um sich her erblickte und den Nachtwind kühlend auf seinen Wangen spürte, da wurde es ihm wohl zu Muthe.

Seltsam war das Gemälde, das in diesem 415 Augenblick vor ihm lag. Gleich einem Meer im Aufruhr, das plötzlich erstarrte, breiteten sich die unendlichen Fjällen nach allen Seiten hin; ihre weißen, unregelmäßigen, gigantischen Massen erhoben sich strebend gegen den Himmel, der dunkelblau und klar, ruhig auf sie niedersah. Kein Leben regte sich in dem unermeßlichen Raume. Flügellahm fuhr der Wind über die Gegend. Noch flammten die Spitzen der Schneeberge in der blauenden Luft.

Diese Bilder ewiger Stille, unerschütterlicher Ruhe waren es, die in den Jugendtagen der Erde die Söhne des Südens so unwiderstehlich nach dem Norden zogen. Unter den Feuerstrichen des Mittags brannte die Sonne heiß, die Erde bebte unter ihren Füßen, Feuer raste in den Bergen und wilde Begierden in den Seelen der Menschen; – da oben bei den »Hyperboräern« standen selbst die Sterne stille, die Erde war kühl und die Wälder tief und schweigend. Vom Norden her glänzten in der Tiefe der Nächte wunderbare Klarheiten, welche die Heimath von Göttern, ein nie untergehendes Licht zu verkündigen schienen, und eine unendliche Sehnsucht ergriff die gequälten Leute, sie wanderten aus ihrer glühenden Heimath heraus in den Norden, um dort einen Frieden zu finden, den man vergebens auf der Erde sucht.

Eduard hatte den Schnee auf Indiens Himalaya betreten, er hatte die Sonne in den Thälern an der Linie alle Kräfte der Erde herauf locken gesehen, er hatte gesehen, wie ihre verzehrende Gluth das Leben im Sande der Wüsten verbrannte; er dachte an die wechselnden Scenen der Erde, dachte, wie sie selbst sich im Tanze der Jahrhunderte unter unzähligen Planeten und unzähligen Sonnen herumdrehte, und doch – unter diesen wechselnden Scenen, auf dieser wandernden Erde konnte ein Leben aufgehen, das keine Verwandlung fürchtete, konnten sich zwei Wesen in einem glückseligen Gefühl in einander ergießen und die Worte aussprechen: »auf ewig!« 416

Warm schlug bei diesen Gedanken Eduards Herz. Glückselig und anbetend stand er auf der schneeigen Höhe vor dem großen und gütigen Schöpfer.

Die Spitzen der Schneeberge ergrauten immer mehr; die Sterne traten strahlend aus der geheimnißvollen Tiefe, der Wind legte sich, Alles wurde stiller, dunkler:

Oestlich am Elivag kommt
Des reifkalten Riesen
Schlafthurm so mächtig,
Womit jede
Düstere Mitternacht
Schlägt das Volk alles
Im herrlichen Midgard.
Da schlafen die Thaten,
Die Hände sinken,
Schlummer befällt
Schwerdtgott, den weißen.
Schlafschwindel störet
Des Riesenweibs Freude,
Nachsinnenden Geist
Und wachsame Rache.

So singt die Edda vom Schlaf, wenn die Nacht sich zur Erde senkt. Aber in diesem Augenblick schien eine geheime Macht plötzlich den Fortschritt der Nacht aufzuhalten. Mitternacht war nicht fern, und die Gegend verdunkelte sich nicht, sondern sie hellte sich auf. Ein wunderbarer Glanz fuhr über den Himmel und spiegelte sich im Schnee der Fjällen. Es schien, als wäre der schlummernde Genius dieser Gegenden von den Stimmen und Blicken der zwei Liebenden erweckt worden und gäbe jetzt ein Echo dieses kurzen Liebesdramas – des ersten, das in seinem Reiche aufgeführt worden. Bleiche Flammen begannen in wechselnden Gestalten am Horizont zu tanzen. Bald flogen sie klar dahin, wie Lichtblicke 417 aus dem Auge des Menschen, bald wurden an dem dunkeln Himmel leuchtende mit Regenbogenfarben beschriebene Blätter aufgerollt. Strahlen schoßen unaufhörlich gegen die Mitte des Himmels empor; sie wurden immer klarer, immer dichter, erstreckten sich immer weiter umher, stiegen zuletzt von allen Seiten des Horizontes auf, und die Aurora borealis umfaßte Himmel und Erde mit ihrer Glorie.

Hervey sah sich in diesem Augenblick von der Reisegesellschaft umgeben, die sich durch die wunderbare Klarheit der Nacht aus dem Zelte gelockt unter Ausrufungen der Bewunderung über dieses schöne Schauspiel auf der Höhe um ihn sammelte. Er blickte Nina an. Wie eine Himmelsflamme klar und warm drang der Blick in ihre Seele. Sie standen jetzt neben einander und über ihnen woben die Lichtelfen der Luft eine Krone der Herrlichkeit.

Der Deutsche lag in dem ewigen Schnee auf den Knieen und glaubte, diese Scene sei eigens dazu veranstaltet worden, um seiner Reise durch Schweden und Norwegen Glanz zu verleihen. Die Gräfin wandte sich an Hervey, und riß ihn durch Fragen um die Ursache dieser Naturerscheinung aus der stillen Entzückung, in die er an Ninas Seite versunken war. Was Hervey über einen electrischen und magnetischen Luftstrom zu ihr gesagt, wagen wir nicht zu wiederholen, aus Ehrfurcht vor den Männern der Wissenschaft, die solche Notizen aus den Erinnerungen von ungelehrten Menschenkindern nicht gutheißen dürften. Lady Cummin schrieb Herveys Worte in ihr Tagebuch.

Beim Licht der tanzenden, allmälig aber wieder erblassenden Flammen kehrte die Gesellschaft in das Zelt zurück. Die Gräfin, die Unrath zu merken schien, bewachte Nina mit Argusaugen, dieß that sie auch auf der Weiterreise am andern Tag, und Hervey erhielt trotz seines brennenden Verlangens keine Gelegenheit allein mit Nina zu sprechen. Doch war er ihr nahe und 418 umgab sie mit jenen kleinen, zarten Aufmerksamkeiten, die zu erweisen und zu empfangen so wonnevoll ist, wenn man einander liebt, allein sein ganzes Wesen verrieth Unruhe und eine Art Fieber verzehrte ihn. Mit ungeduldiger Hast, die sonst nicht in seiner Art lag, trieb er zur Beschleunigung der Reise.

Am letztgenannten Tage nahm die Gesellschaft ihr Nachtlager in einem Thal am Fuße des Gardafjälls. Hier war es, wo die zwischen Qual und Seligkeit schwebende Nina Gelegenheit fand, sich von der Gesellschaft zu entfernen und auf einen Augenblick die Einsamkeit zu suchen. Sie ging tiefer in das Thal hinein, das voll von einer reichen Vegetation war. Rings um sie her erhob der Gardafjäll seine gigantischen Figuren, Kuben und Konen. Ihre schneeigen Spitzen flammten in den Strahlen der sinkenden Sonne und standen wie angezündete Fackeln um das schattige Thal herum. Die Johannisblume mit ihren prachtvollen Blüthenknöpfen, die Bergnessel, die Pantoffelblume, die Linnea und tausend andere blühende kleine Pflanzen bekleideten den Boden mit einer unbeschreiblichen Pracht; Sylphien und Buchfinken sangen in den wilden Rosenbüschen. Hier blieb Nina stehen, denn hier war es schön; sie setzte sich auf ein bemoostes Felsstück, und die Ruhe um sie her fächelte auch ihrer Seele Ruhe zu. Hier traf Hervey sie, hier sagte er mit dem ganzen Feuer und Ernst seiner tiefen und liebenden Seele zu ihr:

»Es sind Worte zwischen uns gefallen, auf welche nur noch eines folgen kann: »Auf ewig dein! Auf ewig mein!« Und er hielt ihre Hände zwischen den seinigen und sah sie mit dem starken Blick unsterblicher Liebe an, welcher die Macht hat, sich die Seele eines Andern zuzwenden. Auch antwortete Nina ohne Kampf, leise, aber mit tiefer Ueberzeugung: »Ja, dein, oder des Todes!«

Jetzt beschwor Hervey, ihm Alles zu eröffnen, was sie betreffe. Er verlangte zu wissen, mit welchen 419 Hindernissen er zu kämpfen habe; Hindernisse sollten es für ihn keine mehr sein. Er wollte Alles, was ihn von ihr trennen könnte, mit Leichtigkeit überwinden. Die Fessel, die sein eigenes Leben gehemmt, sollte zerbrechen. Sie liebte ihn, und dieß gab ihm Macht zu Allem.

Offen und einfach erzählte Nina den ganzen Stand der Dinge. Ihre Lippen hatten den Namen Graf Ludwigs ausgesprochen, und Todesblässe verbreitete sich über Herveys Züge.

»Also er! . . . . Er!« stammelte er und lehnte die Stirne an seine Hand.

»Ja, er! . . . Ach warum bist du so blaß?«

»Er war mein Freund! – Ich war der seinige. Ereignisse trennten uns auf immer! Weder er, noch ich war schuld daran. Doch diese neue Wunde von meiner Hand hätte ich ihm gerne erspart . . . indeß muß es geschehen!« fügte er mit Festigkeit hinzu, »du kannst ihm nicht angehören. Nina kann nur mir angehören. Sie ist mein, mein für die Ewigkeit!«

Ninas Hand ruhte in der seinigen, ihr Auge auf seinem Auge und schien seine Worte zu bekräftigen. Nina fuhr nun in ihrer Erzählung fort. Ihre Zunge bebte, aber ihre Worte verbargen Nichts, als sie auf Don Juan zu sprechen kam; – sie vermochte das Innere ihres Herzens vor Hervey so wenig zu verbergen, als vor Gott. Mit der Erkenntlichkeit, zu der sie sich gegen Graf Ludwig verpflichtet fühlte, erzählte sie sein Benehmen bei dieser Gelegenheit. Mit tausend gemischten Gefühlen und beinahe athemlos vor Unruhe hörte Hervey sie an, als sie aber an die Umstände kam, welche ihre Verlobung mit Graf Ludwig aufschoben, als sie ihm erzählte, daß er nach einer bloß mündlichen Uebereinkunft behufs einer künftigen Verbindung abgereist sei – da athmete er hoch auf und bedeckte ihre Hände mit Küssen und Freudethränen.

»Also nicht Braut! Also noch frei!« rief er. »Gott sei gelobt! Wie leicht, wie angenehm wird mir der 420 Kampf um dich werden! Aber höre mich, Nina. Höre mich, angebeteter Engel. Noch fesseln mich Bande, die bloß deine geliebte Hand zu lösen vermag. Sage mir, Nina, wenn mein Name befleckt wäre, wenn der Verdacht eines abscheulichen Verbrechens auf mir ruhte, wenn wunderliche Umstände mir verböten, diesen Schatten von mir abzuwälzen, wenn ich während meines Erdenlebens dem Argwohn, vielleicht sogar der Verfolgung meiner Mitmenschen ausgesetzt sein müßte, sage, Nina, würdest du mich auch dann noch lieben, würdest du auch dann noch dein Schicksal mit dem meinigen verbinden wollen?«

Herveys Gesicht war blaß, wie der Tod, aber seine Blicke flammten.

»Ich liebe dich!« antwortete Nina. Ihre ganze Seele, ihr Glaube, ihre Hoffnung, ihre Zukunft, ihr Himmel, die Loosung ihres ganzen Lebens lag in diesen Worten.

»Und wenn ich, um mich gegen etwas Unverdientes zu schützen, um einer Gesellschaft, in der ich mich nicht rechtfertigen kann, nicht Trotz bieten zu müssen, immer in diesem Winkel der Welt verborgen leben müßte, wo die Natur streng und der Vergnügungen des Lebens nur wenige sind . . . . würdest du auch hier mit mir leben wollen?«

»Ich liebe dich!« antwortete Nina.

»Und wenn mich der Haß hier aufsucht und erreicht, wenn ich gezwungen werde, in fremdem Lande eine Freistatt zu suchen – wirst du mir dann folgen?«

»Ich liebe dich!« antwortete Nina. »O Eduard! Wo immer deine Heimath sein mag, da ist auch die meinige. An deiner Seite fürchte ich Nichts!«

Innige Glückseligkeit einer vollkommenen Liebe! Vor dir fallen alle Schranken, alle Fesseln, schwindet alle Last und aller Zweifel des Lebens dahin; dir gelten die Worte: »Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?«

Das Gefühl, der Welt trotzen zu können, schwellte 421 Herveys Brust mit Götterseligkeit. Eine tiefe, unbeschreibliche Bewegung der Freude, der Dankbarkeit und flammenden Liebe bemächtigte sich seines ganzen Wesens. Er sah Nina mit anbetenden, seligen, liebetrunkenen Blicken an. »Du mein eigen!« sagte er mit einer Stimme, innig und stark, wie sein Gefühl. Er wollte sie in seine Arme nehmen, er begehrte sie an seine Brust zu schließen. Aber Nina drängte ihn sachte weg, stand auf, legte ihre Hände bittend zusammen und mit unendlicher Lieblichkeit, mit jener Art milder, heiliger Würde, die nur einem Himmelskinde angehören kann, sagte sie zu Hervey die Worte:

»Und jetzt höre meine Bitte! Du weißt meine Liebe, du kennst meine Schwäche, o Eduard, sei du mein guter Engel! Begehre kein Versprechen von mir! Binde mich nicht; . . . . laß mich frei, bis Edla kommt; – keine Wolke auf deine Stirne, Geliebter! – Du hast ja mein Herz gebunden, auf ewig gebunden! Aber höre meine Bitte! – Aus Barmherzigkeit sprich nicht mehr von deiner Liebe, bis Edla kommt! Sie allein kann das Versprechen lösen, das mich an einen Andern fesselt! sie allein kann meine Hand vergeben; – sie allein hat das Recht, über mich zu bestimmen. Gegen Edlas Willen handeln, hieße mein ganzes Leben mit Reue belasten – es wäre schreckliche Undankbarkeit! Eduard! Geliebter Eduard Hervey! Wende dich nicht ab, sieh mich an, höre mich. Ich werde dir angehören, oder sonst soll mich nur der Tod seine Braut nennen! – Aber Edla muß für mich über Leben und Tod bestimmen. Sie gab mir das Leben, Eduard! Sie gab mir mehr, sie bildete die Seele, mit der ich dich liebe. Es muß so sein; – o Eduard sage, daß du es auch einsiehst! Geliebter, Geliebter, stärke mich gegen meine eigene Schwachheit. Du weißt es – gegen deinen Willen hat der meinige keine Kraft. – Ach Eduard, erkenne deine Macht – du mußt für uns beide Rechenschaft geben! Aber entferne dich nicht! Ich könnte das nicht ertragen, Sei meine Stütze, sei meine 422 Stärkung in dieser Zeit der Erwartung, der Ungewißheit. Ach bleib mir nahe, bleib mir nahe, wie früher . . .«

»Nina, Nina! Du weißt nicht, was du begehrst!« rief Hervey heftig aufgeregt, indem er sich wegwandte, seine Hand hart gegen die brennende Stirne gedrückt.

»O ich weiß es,« sagte sie voll himmlischen Vertrauens und übermenschlicher Liebe. »Bist du nicht ein Engel? Habe ich dich nicht deßwegen so innig geliebt, weil du so hoch im Leben dastehst und nur das Rechte und Gute willst, dich selbst und Andre beherrschend. Sieh Geliebter! die Ruhe meines Lebens, den Frieden meines Gewissens, mein Alles lege ich in deine Hände. O bewahre mich frei von Reue, frei von Scham vor Edlas Blicken, vor meinem eigenen Gewissen – ach auch vor deinen Augen; – denn wie könntest du, Vortrefflicher, meine Handlungen mißbilligen und mich dennoch lieben? . . . Möge dieser Augenblick der letzte Zeuge von Liebesworten zwischen uns sein, bis unsre Liebe von Edla gesegnet wird. O dann, dann und das ganze Leben hindurch werde ich dir danken! Geliebter, ewig Geliebter, erfülle meine Bitte!«

Und die Bittende lag zu Herveys Füßen, ihre thränenvollen Augen zu ihm erhoben und die Hände ausgestreckt. Hervey trat in ihren Anblick verloren zurück. »Schönes Weib!« sprach seine glühende Lippe, aber diese Worte waren der letzte Sieg der Leidenschaft in seiner Seele. Langsam führte er die Hand über seine Augen, als wollte er einen verwirrenden Eindruck zerstreuen, und bleich, aber wieder stark, trat er auf Nina zu, hob sie auf und sagte mit gebrochener Stimme: »Sei ruhig, Nina. Deine Bitte, dein Wille werden mir heilig sein. Du sollst die Qualen nicht sehen, die sie mich kosten!«

Er beugte sich tief, er küßte den Saum ihres Kleides; – in diesem Augenblick vernahm man leichte Tritte. Klara war es, die bleich und mit zitternde Stimme sagte: »Man erwartet Euch zum Abendessen.« 423

Schweigend und gedankenvoll kehrten alle drei zusammen zurück.

In Hervey war eine große Veränderung vorgegangen. Nach dem Auftritt zwischen ihm und Nina, nachdem er ihre Liebe gesehen, war er zu Allem fähig, nur nicht ihr zu entsagen. In seiner kraftvollen Seele lag jetzt der feste Wille, sie trotz aller Hindernisse zu gewinnen. Stille in sich versunken und mit glühendem Blick entwarf er den Plan für seine Zukunft. Die Hoffnung, öffentlich gerechtfertigt und freigesprochen zu werden, lebte wieder in seiner Seele auf. Ein Brief von Philipp gab ihm Veranlassung dazu. Man glaubte dem Schuldigen auf der Spur zu sein. Ging diese Hoffnung in Erfüllung, so konnte Hervey offen um Ninas Hand ansuchen. Die Zeit der Vorurtheile war vorbei, wo man über eine solche Verbindung als eine mesalliance den Stab brechen konnte. Schlug seine Hoffnung fehl, so blieb ihm immer noch, Edla für sich gewinnen und ihre Einwilligung erlangen zu können; und dann wollte er sein Amt niederlegen und mit Nina und seiner Familie abermals – wenigstens auf einige Zeit – ein andres Vaterland suchen. Eduard hatte im Kampfe mit der Welt erfahren, wie viel einem festen Willen möglich ist. Wie früher einmal, sagte er auch jetzt im kräftigen Verlangen nach dem Leben: »Die Welt ist groß! Ich werde eine Freistatt für mich und die Meinigen finden – und Gott ist über uns.«

Die Gräfin warf einen scharfen Blick auf die Ankommenden; diese aber, von ihren eigenen Gefühlen in Anspruch genommen, bemerkten ihn nicht. Die Gesellschaft aß Erdbeeren und Milch – aber, was fragten unsere Freunde, was fragen wir selbst jetzt nach Erdbeeren und Milch? 424

 


 

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