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Fredrika Bremer: Nina - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleNina
authorFredrika Bremer
translatorG. Fink
year1843
firstpub1835
publisherFranckh'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleNina
pages520
created20171205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Büffets u. s. w.

Ach mehr! Ach mehr!
                            Liebhaber.

Gebet doch den kleinen Mamsellen
Zwetschgen, Wein und Karamellen.
                            Bellmann.

Auf Umenäs pustete man nach einer schwerfälligen Polonaise. Die Baronin H. bat die Gräfin, die Pein abzukürzen und das Souper auftragen zu lassen. Sie rieth ihr auch, das kleine Mahl mit einigem guten Champagner zu krönen. Die Gräfin willigte ein, obgleich es nicht mehr als 11 Uhr war, denn sie hoffte, nachher würde es um so munterer zugehen. Die Baronin hoffte es auch. Die Gräfin gab Befehl zu serviren. Nach und nach verschwanden sämmtliche Herren aus dem Salon. Die Damen saßen schweigend und geduldig da, in Erwartung dessen, was kommen sollte. Aber lange schien Nichts zu kommen. Die Gräfin wurde unruhig. Endlich ging sie selbst hinaus, um die Herrn aufzufordern, gleich Schmetterlingen mit allerhand Leckerbissen die Damen zu umflattern. Aber o Jupiter! – oder vielmehr o Saturn und Minotaurus! – Denn diese waren, wie Jedermänniglich weiß, Gourmands – welches Bild zeigte sich ihren Blicken! Die Herren stürmten das Büffet – junge Hühner und Butterschnitten, Salate und Backwerk verschwanden, wie eine Wolke, in ihren weit geöffneten Mäulern. Eine betrübte Aussicht für die Bewirthung der Damen! In voller Verzweiflung eilte sie, den Baron H. aufzusuchen, dem das Geschäft zugewiesen worden war, die Herren in den Leichtigkeiten und Artigkeiten, welche die Gräfin im Umgang einführen wollte, einzuleiten und dabei selbst mit gutem Beispiel voranzugehen. Er war nicht im Salon. Der Sünder! Wo war er denn? Die Gräfin stürzte beinahe 393 athemlos in das Zimmer der Baronin und dort traf sie ihn ängstlich und zärtlich um seine Frau beschäftigt, die von der Hitze und Arbeit in der Conversation unwohl geworden war. Die schreckliche Neuigkeit, welche die Gräfin mitbrachte, hatte die Wirkung, die Kranke in einen Paroxismus eines so unmäßigen Gelächters zu versetzen, daß die Gräfin es beinahe übel nahm, und der Baron zwischen der Lust, seiner Frau Gesellschaft zu leisten und der Angst schwebte, sie möchte sich durch diese übertriebene Lustigkeit schaden. Indeß machte er sich, gerührt von der Angst der Gräfin und von seiner Frau beinahe mit Gewalt hinausgetrieben, doch auf den Weg, um zu retten, was noch zu retten war. Baron H. dachte bei sich, es sei doch keineswegs eine leichte Sache, in den Büffets und alten Gewohnheiten eine Revolution zu veranstalten, beschloß aber sein Bestes zu thun, um wieder gut zu machen, was seine Versäumniß verschuldet hatte. Er verschaffte sich schnell Gehör im Büffet und trug auf eine ganz gute und muntere Art den Vorschlag der Gräfin vor, wobei er sich nur zusammennehmen mußte, um nicht über die gränzenlose Verwunderung und sogar Bestürzung, welche diese Kunde sichtlich hervorbrachte, laut aufzulachen. Einige von den Herrn schienen geneigt, gegen diese Neuerung als etwas ganz Constitutionswidriges zu protestiren. Andere nahmen die Sache lustiger auf. Was war zu machen? Es handelte sich hier nicht bloß um Artigkeit, sondern um wirkliche Menschenliebe, und obgleich Eva dem Adam durch ihre freigebige Theilung des Apfels einen schlechten Dienst erwies, so hat man doch nie gehört, daß er sie zur Strafe dafür habe verhungern lassen. Die Herren beschlossen also, den Damen unter allen Umständen Etwas unter die Zähne zu verschaffen. Man kam überein, mit den Resten im Büffet eine Auswanderung zu veranstalten. Baron H. führte mit einem Teller voll Butterschnitten den Zug an; der Gutsbesitzer P. P. folgte mit einem Schüsselchen Citronencrême, der Doctor von U. 394 hatte sich des Salats angenommen, der königliche Steuereinnehmer hatte ein Hühnchen, der Distriktsrichter trug die Sauce dazu. Es ging auf alle Arten zu, nur nicht leicht und nett; Madame R. machte den Anfang mit der Citronencrême, Madame P. bekam gar Nichts davon zu schmecken: die Fräulein Y. aßen an einem fort nur Salat; die Gräfin wollte verzweifeln; die Damen, die das Souper ganz und gar verkehrt bekamen, waren schlecht zufrieden, die nomadisirenden Herrn wollten am Liebsten selbst weiden und benahmen sich Nichts weniger als zephyrisch; die Verwirrung nahm zu; Püffe und Aerger, verschüttete Saucen, zerbrochene Gläser, großes Durcheinander und allgemeine Erbitterung! Aber Puff! Paff! Puff! Die Champagnerpfröpfe fliegen. Die Baronin H. kommt mit dem Glas in der Hand herein und bringt die Gesundheit des Königs aus. Die Lebensgeister der Gesellschaft fangen an wieder munter zu werden und in der Tiefe der Gläser schöpft man wieder frischen Muth und gute Laune. Man trinkt, man bringt Toaste aus, man lächelt, man wird zuvorkommend gegen einander, es wird aufgespielt und hei! wie der Mühlentanz wieder beginnt, aber jetzt con amore.

Schade, daß er unterbrochen wird; – doch nein, nicht Schade, denn die Unterbrechung ist pikant. Reisende kommen mitten in der Nacht in Umenäs an und die Gesellschaft sieht sich mit einem Franzosen, einem Deutschen und einem englischen Lord nebst seiner Lady verstärkt, die sämmtlich nach Torneä hinaufreisen, um die Mitternachtssonne zu sehen. Sie hatten Empfehlungen an Gräfin Natalie, die auf ihren Reisen im Ausland mit ihren Eltern, Onkeln oder Tanten Bekanntschaft gemacht hat. Die Gräfin liebte es, Fremde zu empfangen, um ihre Jugenderinnerungen wieder auffrischen zu können. Auch die übrige Gesellschaft aus Umenäs fand sich recht gut in die Ankunft der neuen Gäste, theils weil sie ihnen ein Extraschauspiel gaben, besonders Lady Louisa, deren Kleidung und Wesen nicht genug 395 betrachtet und begafft werden konnte, theils auch, weil zwei von den Herren bald am Tanze Theil nahmen.

Obgleich nun der Franzose »la charmante danse nationale vaivá vallmàr tout-à-fait piquante!« fand Lady Louisa ihn für »a very pretty danse« und der Deutsche für herrlich erklärte, so ging man doch bald zu Anglaisen und Walzern über, in denen die Bewohner Norrlands eben so zu Hause waren, wie die Ausländer, sowie zu den Françaises, deren Schwingungen und Windungen der Franzose mit unglaublicher Mühe einer schwerfälligen Schönheit aus Pitea beizubringen suchte.

Der Oberst Kugel allein war unglücklich. Er war eifersüchtig auf Lord Cummin, der gleich vom ersten Augenblick an die Aufmerksamkeit seiner schönen Wirthin in ausgezeichnetem Grade für sich in Anspruch genommen hatte, und er schoß auf den eleganten Lord alle Bomben und Granaten des Regiments Westmanland los, die unter seinen dunkeln, buschigen Augenbraunen hervorblitzten. Lord Cummin fand ihn »a very amusing fellow!«

Man war theils vom Souper, theils vom Tanz, theils auch von den Fremden dermaßen in Anspruch genommen, daß man Ninas Abwesenheit kaum bemerkte, und als Klara eine kleine Unpäßlichkeit als Ursache derselben vorschüzte, wurde es ihr erlassen, sich wieder in der Gesellschaft zu zeigen. Gräfin Natalie hatte den Trost, ihr Fest ganz munter schließen zu sehen, als aber Alle fort waren, sagte die Baronin H. sehr ernsthaft zu ihr:

»Liebe Natalie, stelle doch nie mehr auf diese Art das Leichte und das Schwerfällige zusammen. Das heißt Gott versuchen. Alles hat seine Zeit, sagt Salomo, und deßhalb jetzt gute Nacht.«

Gräfin Natalie wurde nicht sowohl durch das verunglückte leichte Fest, als vielmehr durch neue Pläne in ihrem Schlafe gestört. Sie hatte schon lange gewünscht, während ihrer Verbannung in den Norden auch eines seiner Prachtbilder und zwar die 396 Mitternachtssonne zu sehen. Sie beschloß daher den fremden Reisenden Gesellschaft zu leisten und sie bis Torneä zu begleiten, auch sämmtlichen Mitgliedern der Familie freizustellen, ob sie den kleinen Ausflug mitmachen wollen, oder nicht. Am Morgen nach dem »leichten Fest,« wie die Baronin H. es immer nannte, machte sie beim Frühstück ihren Vorschlag in dieser Richtung und siehe da, er fand allgemeinen Beifall. Auch die Baronin wollte die Mitternachtssonne sehen. Die Fremden, besonders Lord Cummin, waren äußerst vergnügt über diesen Zuwachs zu ihrer Reisegesellschaft. Der Aufbruch wurde auf den dritten Tag festgesetzt. Oberst Kugel nahm sämmtliche ökonomische Geschäfte der Reise, als Post, Postillone, Trinkgelder u. s. w. auf sich. Die Gräfin und die Baronin, welche wußten, daß Hervey diese Gegenden sehr gut kannte und selbst schon so weit in den Norden hinauf gereist war, als es sich auf dieser Seite überhaupt thun ließ, wünschten beide sehr, ihn bei der Partie zu sehen und die ganze Reise unter seine Leitung zu stellen. Man schickte daher einen Boten zu ihm, allein dieser brachte die Antwort zurück, Pastor Hervey sei heute früh abgereist und man wisse nicht, wann er zurück kommen werde. Dieser Umstand war unangenehm, indeß konnte die Reise nicht aufgeschoben werden und man mußte sich zum ganz besondern Leidwesen der Baronin H. entschließen, sie ohne Hervey zu unternehmen.

In der kurzen Zeit, die man noch vor der Abreise hatte, war die Gräfin zu sehr von tausenderlei Sorgen und namentlich von ihrem eifersüchtigen Obersten beschäftigt, um Ninas ungewöhnliche Blässe und tiefe Niedergeschlagenheit zu bemerken, die sie mehr einer Marmorstatue, als einem lebendigen Wesen ähnlich machte. Der Franzose war im höchsten Grade erstaunt über ihre Schönheit und immobilité und fand eine schlagende Aehnlichkeit zwischen ihr und dem Schnee des Nordens. Er wiederholte dieß oft, und da die schelmische Baronin ihm mittheilte, statue de glace heiße 397 Schneemann, so nannte er sie beständig la belle Schneemann. Ninas verändertes Wesen entging dem scharfen Blick der Baronin nicht und sie fragte Klara, was ihr fehle. »Mir,« sagte sie zu ihr, »mußt du nicht weiß machen wollen, daß es Erkältung oder Fieber oder Gott weiß was sonst sei, was Natalie vielleicht glaubt; – diese Gesichtsfarbe und diese Miene kommt von einer ganz andern Krankheit, als einer körperlichen her.« Allein Klara vermochte ihrer Freundin keinen Aufschluß zu geben. Vielleicht ahnte sie selbst Etwas von dem, was in Nina vorging und sie näherte sich ihr mit stiller Theilnahme, Nichts fragend und nicht belehrend, sondern bloß Alles zu entfernen suchend, was für Nina störend oder unangenehm sein könnte. Gute Klara!

Nina war still und verschloß sich schweigend in ihre wolkenumhüllte Welt. Mitunter schienen brennende Abgründe aus derselben hervorzugaffen; aber Nina wandte entsetzt ihre Blicke ab und träumte wieder. Mitunter stand auch Edlas stille, hohe Gestalt vor ihr und schien ihr die Hand zu reichen, allein dieses Bild verschwand. Dann wurde es so kalt, so eisig um sie herum und in ihr; Nebel kamen, wie in der Nacht, da sie Hervey zum letztenmal gesehen, nahmen sie in ihre feuchten Arme und kühlten ihr Leben aus; – dann brach ein Lichtstrahl dazwischen und Herveys letzter Blick stand vor ihrer Seele; es wurde wieder warm in ihrer Brust und sie fand Ruhe. Für Alles um sie herum war sie in diesem Zeitpunkte vollkommen gleichgültig. Ohne Willen und beinahe ohne einen Wunsch ließ sie sich von Andern führen, that freundlich, was sie wollten, ging mit, wohin man sie bat und sang auch auf den Wunsch der Gäste. Allein Alles war leblos und beinahe unheimlich. Klara glaubte, die Reise würde Ninas betäubte Sinne wieder beleben; sie bat sie daher mitzugehen und Nina ging.

Die Reise wurde bei einem herrlichen Mittsommerwetter begonnen und der größere Theil der Gesellschaft befand sich in der allerheitersten Laune. Mylord und 398 Mylady Cummin waren der Ansicht, die Mitternachtssonne solle ihrer Sammlung von Erinnerungen nordischer Denkwürdigkeiten die Krone aufsetzen. Sie hatten in Stockholm die königliche Familie und das königliche Schloß gesehen. In Upsala hatten sie die Bibliothek, die Domkirche, die Statue Linnés beaugenscheinigt, ein Stück aus dem Baume geschnitten, »den er selbst gepflanzt« und in einiger Entfernung »the hillocks of Old Upsala« gesehen. Jetzt blieb ihnen nur noch übrig »Lapponia« und »the midnight sun« zu beschauen, auf ihrer Rückreise nach England einen Blick auf Polhems Schleußen zu werfen, sich vom Trollhátta bespritzen zu lassen, und sie hatten dann genug von Scandinavien. Mylord Cummin hätte zwar noch einen Wunsch für sich allein gehabt, einen lebhaften und warmen Wunsch, nämlich Bären zu sehen und – so Gott wollte – ein Paar zu schießen. Der Franzose benützte jede Gelegenheit, welche die Raststunden während der Reise gewährten, um mit der Lorgnette am Auge in den Wald hineinzublinzeln und bedenklich gegen Lord Cummin zu äußern: »Es ist mir, als sähe ich da drinnen etwas Graues.« Manchmal rief er auch mit mehr Lebhaftigkeit: »Parbleu! dort spaziert wahrhaftig eine Bärin mit einem halben Dutzend Jungen!« Oder sagte er mit unheimlicher Stimme: »Ich höre ein ganz sonderbares Gebrülle!« Mehr bedurfte es nicht, um den Engländer in Feuer und Flammen zu versetzen, so daß er, trotz alles Achselzuckens und der wiederholten: »my dear;« von Lady Louisa aus dem Wagen sprang und nach seinem Bedienten, seiner Büchse u. s. w. rief. Der Franzose seinerseits spähte eifrig nach den Originalen zu Viktor Hugos Nordmännern: Han d'Islande, Oglypiglap, Culbusulsum, Spiagudry u. s. w. und verwunderte sich über die Maßen, die Leute auch hier ebenso zu finden, wie sie fast überall sind und zwar mit Namen, die nicht die mindeste Verwandtschaft mit denen von Victor Hugos Helden hatten. Nur der Oberst Kugel entsprach einigermaßen seiner Vorstellung von 399 einem Sohne Nordlands und er nannte ihn »Derstrombides,« hätte sich aber beinahe dadurch ein Duell mit dem Obersten zugezogen, der sich auf Namen à la Victor Hugo nicht verstand.

Der Deutsche, der im Begriff war, eine Reise durch »Schweden und Norwegen« voll Romantik und Nordlichtglanz herauszugeben, war entzückt über die Natur, wie über die Menschen und fand Alles »herrlich! groß! erhaben! außerordentlich!«

Bei Matiaränghe, im Kirchspiel Tortula, unweit Tornea, hatten die Reisenden Zimmer für sich bestellt. Dort wollten sie von einem Berge herab das feierliche Schauspiel genießen. Die Gegend um das Wirthshaus herum war mit Zelten überdeckt. Schaaren von lappländischen Familien, halbwilde Horden aus Finnmarken strömen jeden Mittsommer hieher, um bei der nie untergehenden Sonne drei Tage lang zu schmausen, zu baden, sich zu schmücken, in die Kirche zu gehen, zu spielen und zu tanzen. Hier sah der Franzose mit Entzücken zwar keine Originale zu Victor Hugos Nordmännern, aber doch originelle Gestalten, wild, geputzt, eigenthümlich, mit kleinen blitzenden Augen und breiter, bloßer Brust, eigenwillige Kinder der Mühe und Grütze, deren Kulturgrad und inneres Leben noch kein Romanschreiber mit Wahrheit geschildert hat, vermuthlich deßwegen, weil der Roman mager würde, wenn er seine Nahrung aus der Wirklichkeit in diesem Kreise schöpfte, weil die Liebe – dieser Kern des Romans – hier kein edleres Streben, keine schönere Sprache kennt, als diejenige, welche Helvetius vergebens zur eigentlichen dieser Leidenschaft machen wollte: »Moi vouloir coucher avec vous!« und weil das Leben der Ehegatten hier sich vollkommen mit den Worten beschreiben läßt:

»Und so lebten sie zusammen
Und brieten Würste an den Flammen.«

Der Erdgeist hält diese Leute gefesselt und gleich 400 Maulwürfen arbeiten sie nur im Boden um die Wurzeln des Lebensbaumes herum. Manchmal jedoch in ihren klaren Winternächten, beim unbegreiflichen, wunderbaren Glanz des Schnees und der Sterne, wenn sie auf Schlittschuhen laufend dem Bären und Rennthiere nachjagen, da erwacht das höhere Saitenspiel des Lebens in ihrer Brust, da athmen sie tiefe, liebliche Gefühle in wehmüthigen Melodien, in einfachen, schönen Liebesgesängen aus. Aber bald versinken sie wieder in die Nacht der Lappenhütte.

Inzwischen war der Deutsche im dritten Himmel über diesen Anblick und diesen grellen Abstich gegen die civilisirte Welt. Lady Louisa fand alles dieses »rather curious« und machte Bemerkungen in ihr Tagbuch.

Das Wetter begünstigte – was selten genug ist – sämmtliche Plane der Gesellschaft. Der Himmel war klar und eine ruhige Mitternacht sah unsre Reisenden im fröhlichen Sonnenlicht auf der grünen Höhe versammelt. Langsam sank die Sonne den Horizont hinab, Strahl um Strahl löschend. Aller Blicke folgten ihr. Noch sank sie, noch . . . . noch . . . . noch . . . . jetzt! stand sie stille, wie von einer unsichtbaren Hand aufgehalten. Die Reisenden hielten ihren Athem an sich. Die Natur schien, wie sie, in gespannter Erwartung zu sein; kein Insekt rührte seine schwirrenden Flügel; Alles war still, eine Grabesruhe herrschte, während die Sonne glühendroth einen düstern, wunderlichen Schein über die Gegend warf. O Allmacht! O Wunderbarer! Jetzt fing sie wieder an langsam zu steigen, ihre Strahlen wieder zu sich nehmend, gleich einem neuerwachten Genius, gleich einem geläuterten und versöhnten Geiste. Ein Hauch! und die Natur athmete und die Vögel jubelten wieder.

»O!« sagte Lord Cummin lakonisch und nahm eine Prise aus seiner goldenen Dose. Lady Louisa zeichnete eifrig die Sonne, die Gegend und die Gruppe auf der Höhe auf ein Blatt in ihrem Album. Der Franzos versicherte mehreremale, es sei 401 »très imposant, très majestueux!« einige Schritte hinter den Andern lag der Deutsche in einem Wachholderbusch auf den Knieen. Gräfin Natalie genoß das eigenthümliche Schauspiel mit feuchtem Auge und wirklichem Gefühl. Der Oberst stand da, wie der Gott Thor, und den Arm in die Seite gestemmt sah er der Sonne ins Angesicht, als wäre sie eine feindliche Batterie. Baron H. hatte unwillkürlich und mit frommem Ernst die Hände über den Stock gefaltet, auf welchen er sich stützte. Klara lehnte sich an Nina, deren Arm im ihrigen ruhte und sagte leise: »Siehst du! Die Sonne sinkt nicht unter! Sie steigt wieder herauf. Es wird nicht Nacht – es drohte bloß . . . .«

Nina dankte ihr mit einem Blick, antwortete aber nicht. Die Baronin sah mit einem Ausdruck innigen Vergnügens bald die Sonne, bald ihren Mann und die jungen Mädchen an.

Als die Sonne immer höher stieg und die Wärme zunahm, begab sich die Gesellschaft ins Wirthshaus, um daselbst einige Ruhe zu genießen. Die Horden von Finnen und Lappen waren in voller Bewegung auf dem Felde. Sie kochten, sie kleideten sich an und putzten sich: Brust und Kopf schmückten sie mit goldnen und silbernen Zierrathen. Ein kleiner, wunderlicher, alter Lappe näherte sich mit absonderlichem Gebärdenspiel der Gesellschaft. Er trug eine spitzige, mit klingelnden Schellen umhangene Mütze von Rennthierfell und bunte Zierrathen waren da und dort ohne Geschmack an Brust und Schultern angebracht. Das rabenschwarze Haar hing in nackten Streifen um seinen Kopf. Aus seinen Zeichen merkte man leicht, daß er ein Wahrsager war und den Fremden ihre künftigen Schicksale prophezeien wolle. Man ging gern darauf ein und er sagte in ziemlich radegebrochenem Schwedisch jedem, der ihm seine Hand zum Beschauen hinhielt, einige Worte im Verstact. Die Baronin fand es durchaus nicht sonderbar und nahm es auch nicht übel auf, daß er ihr einen Sohn verkündigte, der ein 402 großer Mann werden solle. Die Gräfin konnte sich bei der Prophezeiung, die ihr zu Theil wurde, einer verlegenen Röthe nicht erwehren; sie war indeß so leise gesprochen, daß Niemand außer ihr sie hören konnte. Auf einmal wehrte der Greis die Hände, die ihm noch entgegengestreckt waren, ab, brach sich durch die Umstehenden Bahn und ging gerade auf Nina zu, die in einiger Entfernung von den Uebrigen stand. Mit seinen kleinen, schwarzen, klugen Augen sah er sie lange voll Verwunderung an, ergriff sofort beinahe mit Gewalt ihre widerstrebende Hand, betrachtete sie und sprach mit vielem Nachdruck Worte, die alles Dunkle und Wunderliche eines Orakelspruches hatten und ungefähr also lauteten:

Wenn du ins Todtenreich wirst steigen,
Wird des Lebens Räthsel klar sich zeigen;
Wenn schwer dich drückt des Lebens Plage,
So nahen sich deine bessern Tage,
Die Kälte wird dir Wärme bringen,
Die Wüste wird dir Antwort singen.

Nach dieser Prophezeiung, in welcher er seine ganze Wahrsagerkraft erschöpft zu haben schien, wollte der Alte keinen Spruch mehr thun; er streckte zwar die Hand noch aus, aber bloß um Geld einzusammeln. Unter Gesprächen über die Sonne und den Propheten gingen die Reisenden in das Wirthshaus zurück und begaben sich auf ihre verschiedenen Zimmer.

Die Worte des Alten machten einen wunderlichen Eindruck auf Nina und erweckten eine dunkle Unruhe in ihrer Brust. Aber über dieselben und über Alles in ihr legte sich jetzt ein Schleier von Bewußtlosigkeit und ein tiefer Schlaf – bei Nina der gewöhnliche Begleiter dieses Zustandes von moralischer Mattigkeit – führte sie bald zu dem stillen Lethe, in dessen Wogen es sich so angenehm ausruht, träumt und vergißt. 403

Auf den Schlaf der übrigen Gesellschaft wirkte das klare Tageslicht etwas störend. Lady Louisa erwachte mit einer kühnen Idee und theilte sie alsbald ihrem Manne mit, dem sie gleichfalls als: »a very good idea! a famous idea!« einleuchtete.

Sie seien hier so nahe am Nordpol, meinte Lady Louisa, warum nicht vollends bis zur Schneegränze gehen? Sie haben Alles gehört und gesehen, was die Welt Reiches, Prachtvolles und Anziehendes besitze. Paris, London, die Sprünge der Taglioni, Talmas Spiel, den Gesang der Malibran und der Pasta, Paganini, Allmacks u. s. w.; aber wie? Wenn sie nun auch das Reich des Todes, den ewigen Schnee am Nordpol besuchten! Dann könnten sie erst sagen, daß die Erde nichts Neues mehr für sie besitze und sie mehr gesehen haben, als die Meisten ihrer vielgereisten Landsleute. In Lady Cummins schönem Kopfe lag eine dunkle Vorstellung, daß die Schneegebirge in Norrland die Gränze der lebendigen Welt ausmachen und jenseits derselben die ewigen Eise des Nordpols beginnen. Obgleich nun Lord Cummin Myladys schmeichelnde Hoffnung, so schnell ans Ende der Welt zu gelangen, nicht theilen konnte, so war er doch höchst entzückt über den Gedanken, mitten im Sommer im Schnee herumzustampfen und die unermeßlichen, ewigen Eisflächen zu sehen, in denen der Nordstern seinen stillen Strahl spiegelt.

Voll Vergnügen über diese Aussicht eilten Mylord und Mylady Cummin, der Gräfin Natalie ihren Plan mitzutheilen. Die Seltenheit des Unternehmens schmeichelte auch ihrer Phantasie, und sie erklärte, mit Vergnügen bei der Partie zu sein. Auch die Baronin bezeugte Lust mitzugehen, gab indeß den Vorstellungen ihres Mannes und Klaras nach und versprach, in ihres Gesellschaft zu Tornea die Rückkehr der Gebirgsreisenden abzuwarten. Sie wollte auch Nina zurückhalten, allein diese, von einer geheimen Unruhe getrieben, fing an die 404 Ruhe zu fürchten und verlangte fort . . . . fort . . . . wohin, wußte sie selbst nicht.

»Dann mußt du auch mitgehen, meine gute Klara,« sagte die Baronin; »du mußt Kopf und Hand für Nina sein, die nicht recht zu wissen scheint, was sie thut. Ich kann es vor Edla nicht auf mein Gewissen nehmen, ihr Täubchen so schlecht beschützt und in die Wildniß hinaus fliegen zu lassen. Natalie ist jetzt von ihren eigenen Ideen in Anspruch genommen; die Cummin ist – mit Verlaub – ein Gänschen, und die Herrn sind sammt und sonders ein Bischen verrückt. Du, Klara, bist die einzige Vernünftige in der ganzen Gesellschaft. Du allein kannst Nina unter deine Flügel nehmen und bei Kraft erhalten. Willst du, meine Klara? Ich ginge am liebsten selbst mit, um nach dir zu sehen, wenn mich nicht mein Mann, dieser Tyrann, festhielte.«

Klara hatte ihrer Freundin ungefähr dasselbe über die Gesellschaft sagen und sich zur Beschützerin Ninas anerbieten wollen. Die Sache war also schnell abgemacht. Die fremden Herrn hatten keinen höhern Wunsch, als in guter Gesellschaft bis ans Ende der Welt reisen zu können. In Tornea fanden sich zwei Männer, die es auf sich nahmen, die Wegweiser zu machen und die Gesellschaft bis an die Schneegränze zu führen. Man versah sich hier mit Kleidungsstücken, Eßwaaren und Allem, was auf der Reise nöthig werden konnte. Die Gräfin ließ für sich und Nina höchst malerische und reich mit Biberfellen besetzte Anzüge machen. Sie verbannte die Hüte und ersetzte sie mit phantastischen, aber geschmackvollen Mützen. In diesem Anzuge, auf dem schönen, blonden Kopfe eine Mütze von dunkelrothem Sammt, mit goldenen Tressen und Hermelin verziert, erinnerte Nina an das Entzückendste, was die Sagenwelt hervorgezaubert. Der Deutsche nannte sie die Göttin Freia. Nina aber verblieb stumm und war gleichgültig, sowohl gegen ihre eigene Schönheit, als gegen das Lob der Andern. Die Gräfin und Lady Louisa dagegen 405 genossen ihre erhöhten Reize und die erhöhte Bewunderung ihrer Bewunderer in vollem Maaße. Es wurden auch feine Masken angeschafft, welche die Damen vor den Mücken und der Schärfe der Luft schützen sollten.

Außer den Wegweisern gingen noch mehrere Bauern mit Stöcken und Stricken mit, die dazu beitragen sollten, den Reisenden ihren Weg so bequem als möglich zu machen. Einer ging ein gutes Stück vor den Andern voraus, um den Weg aufs Sicherste zu bestimmen; die Gesellschaft folgte auf kleinen, lebhaften, aber zahmen Pferden nach, die daran gewöhnt waren, sich zwischen den Bergen und Morästen Bahn zu brechen. Die Reisenden waren zum großen Theile bei ungewöhnlich heitern Lebensgeistern, und der Franzose that l'impossible. um la belle Schneemann aufzumuntern.

Aber schon der erste Morgen drohte der Reise ein tragisches Ende zu machen. Man hatte gerastet, um zu frühstücken. Während die Damen mit weißen Händen halbe Birkhühner und Käse austheilten, fing der Franzose an, wieder nach etwas Grauem in den Wald hinein zu lorgnettiren, was, wie er betheuerte, unmöglich etwas Anderes sein könne, als ein leibhaftiger Bär. Der etwas kurzsichtige Lord sah nun auch »the fellow«, und eilte mit geladener Flinte seiner Spur nach. Der Franzose folgte ihm heimlich lachend. Der Lord verlor sich schnell in den Wald. Der Franzose suchte ihn etwas unruhig, als er auf einmal einen Schuß und bald darauf einen gellenden Nothschrei hörte. Er eilte nach der Stelle, von wo derselbe kam, und sah mit Entsetzen seinen Freund rücklings auf dem Boden liegen, während ein blutiger Bär die Tatzen auf seiner Brust hielt und seinen wilden Rachen über sein todtenbleiches Gesicht aufsperrte. Lord Cummins Ende schien unvermeidlich, als auf einmal ein Schuß von der Seite her den Bären in die Schläfe traf und unter gräulichem Geheul zu Boden streckte. Beinahe in demselben Augenblicke sprang ein Mann aus dem Tannenwalde heraus, warf seine Flinte 406 von sich, eilte auf den unglücklichen Lord zu, und zog ihn mit Hilfe des Franzosen unter dem sterbenden Bären hervor, der mit dem halben Leibe über ihm lag. Lord Cummin schien selbst in keinem besseren Zustande zu sein; er war mit Blut bedeckt und leichenblaß. In der Nähe befand sich eine Grube mit Wasser. Der Fremde schöpfte seine Mütze voll und goß sie über den Lord aus, den dieses Douchebad wieder zur Besinnung brachte. Bald gewahrte man, daß das Blut, das ihn bedeckte, bloß dem von ihm verwundeten Bären angehört hatte. Als Lord Cummin sich davon überzeugt hatte, und seinen Feind todt sah, kam er schnell wieder zu Kräften, und es zeigte sich, daß er außer einem ziemlich starken Druck auf der Brust nicht den mindesten Schaden genommen hatte. Er umarmte seinen Retter und war äußerst glücklich über seine Beute, auf welche ihm dieser sogleich alle seine Ansprüche abtrat. Der Unbekannte, der zur Verwunderung der Reisenden ihre eigene Sprache mit Leichtigkeit sprach, erfragte und erfuhr nun bald das Ziel ihrer Expedition, sowie die Namen der Gesellschaft. Bei einigen davon zeigte er Etwas wie Bestürzung und schüttelte zu dem Unternehmen selbst den Kopf. Nach einem augenblicklichen Bedenken sagte er: »Ich bin ein Freund der Gräfin G., und wünsche die Partie mitzumachen, um sie vor den Ungelegenheiten und auch Gefahren zu schützen, denen sie auf dieser Reise ausgesetzt ist. Allein ich wünsche, ohne ihr Wissen mitzugehen. Wollten Sie vielleicht einen Augenblick auf mich warten?« Sie willigten gern ein, und sahen verwundert ihrem neuen Reisegesellschafter nach, der etwa fünfzig Schritte von ihnen in eine kleine Lappenhütte ging. Nach einer Weile kam er in Lappländertracht und so verändert heraus, daß sie ihn erst an der Stimme wieder erkannten, als er zu ihnen sagte: »Versprechen Sie mir, Niemanden von der Gesellschaft Etwas von dem zu entdecken, was Sie gesehen oder gehört haben. Sagen Sie bloß, Sie haben einen Waldlappen gefunden, der die Reise mitmachen 407 wolle, und sie früher schon einmal gemacht habe. Ich verspreche Ihnen dagegen, die Geschichte von der Bärenjagd zu verschweigen, die ohnehin die Damen beunruhigen könnte.« Lord Cummin streckte beide Hände aus zu diesem Vertrage. Der Franzose war entzückt von dem Romantischen der Reise. Alle drei halfen jetzt den ungewöhnlich großen Bären an den Platz schleppen, wo gefrühstückt wurde. Die Damen waren wirklich sehr unruhig, und empfingen jetzt Lord Cummin als einen wirklichen Helden. Der Bär wurde wie ein geachteter aber überwundener Feind gefeiert. Von dem Lappen nahm man wenig Notiz, ungeachtet der Franzose ihn vorzustellen versuchte, wobei er sich taubstumm stellte. Bald jedoch wurde seine Rolle bedeutender und Niemand wußte, wie es kam, aber unwillkürlich stellte sich die ganze Karavane unter seine Leitung. Er sprach indeß beinahe Nichts, und bloß einsilbige Worte kamen unter seinem Halstuche heraus, das ihm bis über den Mund reichte; aber seine Winke, seine Handgriffe gaben einen Impuls, dem Alle folgten, weil sie Kenntnisse und Sicherheit verriethen. Mit dem Wegweiser sprach er zuweilen leise, und hatte im Uebrigen seinen Posten zwischen der Gräfin und Nina eingenommen, deren Pferde er oft am Zügel nahm und vorsichtig über die schwierigsten Stellen führte.

Die Erlegung des Bären hatte der guten Laune der Gesellschaft ein erhöhtes Leben gegeben. Sehr merklich war indeß, daß von Seite des Franzosen die »Erscheinungen von etwas Grauem« und damit auch Lord Cummins Bärenjagdlust ganz und gar aufgehört hatte. Er sprach jetzt nur noch davon, Hasel- und Schneehühner zu schießen. Lady Louisa schrieb die Namen aller Orte, die sie nennen hörte, in ihr Tagebuch, und war entzückt über den Wohlklang der Worte: »Walli, Almajalos, Laian, Silbojock, Kamajocks-dal, Karvek, Tjorris, Kasdajvo, Sulitelma u. s. w.«

Die Reise wurde immer beschwerlicher und 408 gefahrvoller – man mußte bald auf Booten übersetzen, bald . . . . doch wir geben hier keine Reisebeschreibung und fühlen uns überdieß, wie auch die Reisenden selbst, sicher unter der Leitung und wirksamen Vorsorge des geheimnißvollen Lappländers. Auch war die gute Laune der Gesellschaft der Art, daß sie sogar den Mühseligkeiten eine ergötzliche Seite abzugewinnen wußte. Nach und nach wurde sie jedoch weniger laut und endlich ganz und gar herabgestimmt. Je weiter die Reisenden gegen die Fjällen vorschritten, um so mehr wurden sie von einem gewissen drückenden Gefühl ergriffen. Sie schwiegen und jeder hielt nur mit seinen eigenen Betrachtungen Zwiesprach. Aus Gräfin Nataliens, aus Lady Louisas und besonders aus des Deutschen Reiseerinnerungen könnte ich die Ursache dieser Aenderung leicht entnehmen und mittheilen, allein ich ziehe es vor, sie aus den Blättern nachzuweisen, worauf eine weit kraftvollere und in Schweden wohlbekannte Feder mit folgenden Worten die Geschichte des Thierlebens und der Vegetation während ihrer letzten Seufzer und ihres Kampfes mit den Geistern der Kälte und Stürme verzeichnet hat.

»Wenn man sich so nördlich als möglich den Fjällen nähert, erreicht man zuerst die Linie, wo die Tanne aufhört zu wachsen. Sie hat schon vorher ein ungewöhnliches Aussehen angenommen; vom Boden an mit schwärzlichen Aesten besetzt und mit gleichsam verbranntem Gipfel gewährt sie ein trübseliges Schauspiel in den öden Wäldern. Auch die Ackerbeere hat aufgehört zu reifen; die letzten Biberhäuschen erscheinen an den Bächen; der Hecht und die Barsche verschwindet aus den Seen; die Gränzlinie der Tannen liegt in den Lappenmarken, 3200 Fuß unter der Gränze des ewigen Schnees. Nun ist noch Fichtenwald übrig, aber nicht riesig, wie gewöhnlich, sondern mit niederem Stamme und groben, weit ausgestreckten Aesten, die Jahrhunderte erfordern, um auch nur eine mittelmäßige Höhe zu erreichen; die Sümpfe haben ein höchst ödes Aussehen; Schwegel und Aesche 409 finden sich nicht mehr in den Wassern. Die Heidelbeeren kommen nicht wohl fort. Höher geht der Bär nicht. Das Korn hat aufgehört zu reifen, aber kleine Höfe, deren Bewohner vom Fischfang und Viehzucht leben, finden sich noch bis 2600 F. diesseits der Schneegränze. Die Fichte hört 2800 F. unterhalb dieser Gränze auf, und die Birke bildet nunmehr allein den niedrigen Wald. Mit kurzem, knorrigem Stamme und starren, knotigen Aesten scheint sie sich gegen den heftigen Fjällenwind zur Wehr zu setzen. Ihre hellgrüne, lebhafte Farbe thut zwar noch dem Auge wohl, ist aber zugleich ein Beweis von der Unmacht der Vegetation. Bald wird dieser Wald so niedrig, daß man ihn von der kleinsten Anhöhe ganz und gar überschauen kann. Er wird immer dünner und dünner, und da somit die Sonnenwärme ungehindert auf die Seiten der Fjällen wirken kann, so findet man auf denselben häufig einen großen Reichthum von Felsenpflanzen. Die trockenen Felder bedeckt das Rennthiermoos. Bei 200 Fuß unterhalb der Schneegränze hört auch der niedere Birkenwald auf, und weiter hinauf gibt es in keinem Wasser mehr Fische. Der Lachs ist der letzte. Fjällen nennt man eigentlich alle Berge, welche über die Gränze hinausreichen, wo kein Baum mehr wächst. Noch 400 F. weiter hinauf gibt es Gesträuche, schwärzliche Reiser der Zwergbirken: die Moltebeere reift noch; höher aber nicht. Diese hohen Gegenden besucht noch der Vielfraß. Dann hören aber auch alle Gebüsche auf; die Hügel sind von mehr braunen, als grünen Fjällgewächsen bedeckt: die einzige Beere, die noch reift, ist die Felsenstrauchbeere. Höher als 800 F. unterhalb der Schneelinie schlägt der Lappe, der wandernde Bewohner dieser Wildniß nicht gerne sein Zelt auf, denn nun fehlt es auch für das Rennthier an Waide. – Jetzt beginnt der ewige Schnee, den Boden zuerst in Flecken bedeckend, zwischen welchen aus der braunen, schwammartigen Erde noch spärliche Fjällgewächse emporschießen. Nun aber hört alle Vegetation auf. Der Schneefink ist das einzige 410 lebendige Wesen, das sich so hoch hinauf verliert. Endlich wird dieser Schnee niemals von einem Regentropfen befeuchtet und nie von den Strahlen der Sonne erwärmt . . . . .«

So arm, so öde, so düster breitet sich hier die Natur aus; – einförmig – aber groß! – groß, denn sie ist ewig, ohne Wechsel, ohne Unruhe. Stolz und unbeweglich in ihrer Armuth verwirft sie allen Fleiß des Menschen, alle Schätze der Kultur; weist alle Freude, aber auch alle Fesseln von sich. Sie wendet ihr Antlitz vom Leben ab, zieht die Schleier des Leichentuches um sich und scheint genug zu haben im Schooße der ewigen Ruhe.

Immer grauenhafter wurde es den Reisenden zu Muthe, mancher Seufzer nach dem Leben entstieg ihrer Brust. Aengstliche Ahnungen – die einzigen Gäste auf diesem wüsten Feld – umschwebten sie, wie vormals die Schatten des Hades die Lebendigen umschwebten, die in das Reich des Todes einzudringen wagten. Der Abend nahte und mit ihm das Ziel der Reise.

 


 

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