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Fredrika Bremer: Nina - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleNina
authorFredrika Bremer
translatorG. Fink
year1843
firstpub1835
publisherFranckh'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleNina
pages520
created20171205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Schattenspiele.

Von der Schatten banger Klage
Dumpf die Unterwelt erdröhnt,
Aeolus verschluckt sein Heulen,
Charons Pfeife schrill ertönt.
Hilfe! in des Hades Reiche
Hallt ein schreckliches Gebraus!
Finsterniß umhüllt die Räume,
Und der letzte Stern lischt aus.
                      Bellmann.

Eines Abends versammelten sich auf Umenäs die Nachbarn von nah und fern zu einem jener Feste, bei welchen gewöhnlich die Seele fastet. Die Gräfin hatte inzwischen kein solches beabsichtigt; sie wollte, daß es recht munter, ungezwungen und lustig zugehen sollte. »Die vielen Umstände und kostbaren Anstalten,« sagte sie, »sind es, die unsre Gesellschaften langweilig und eckig machen. Wir sollten es weit natürlicher, leichter und einfacher zugehen lassen, dann würde Alles besser ablaufen.« Zu dieser Natürlichkeit und Leichtigkeit nun wollte sie jetzt den Ton angeben und die Bewohner der Umgegend darin einweihen. Man sollte meistens Nationaltänze entweder nach dem Piano, oder nach der Musik der eigenen Stimmen tanzen. Dieß, dachte die Gräfin, würde Leben in die Versammlung bringen. Man sollte bloß einige wenige Lichter haben, denn die Gräfin hatte von Tänzen in einer Scheune bei zwei Talglichtern gehört, die heiterer gewesen, als je ein Hoffest. Beim Souper sollte Alles ganz ungezwungen sein. Kein großer, schwerfälliger Tisch, wo man stundenlang sitzen mußte; dagegen ein Büffet mit leichten Gerüchten; man sollte umhergehen und die Herren sollten die Damen bedienen. Die Gräfin hoffte dadurch Artigkeit im Umgang, so wie eine lebhafte und leichte Conversation zu befördern. Die Baronin H. lachte zwar und machte allerhand warnende Bemerkungen über diese Leichtigkeit bei 379 schwerfälligen Leuten und diese Dürftigkeit in einem prächtigen Salon, allein die Gräfin war einmal von ihren Einfachheitsideen entzückt und hatte ihren Kopf darauf gesetzt, sich populär zu machen. Mit einer kleinen heimlichen Schadenfreude sah die Baronin H. dem Ausgang des Festes entgegen.

Die Gäste kamen. Sie kamen, Einer um den Andern, so schwerfällig, so gleichförmig, so gleichgültig und machten das Zimmer eng und die Luft qualmig. Nina suchte mit wolkenumhüllten Augen den guten, den liebreichen Blick, der ihr Leben gab. Er zeigte sich nicht hier und Alles erschien ihr dunkel. Sie hatte Hervey mehrere Tage nicht gesehen. Sie hatte ihn jeden Abend erwartet und er war nicht gekommen. Eine ihr bisher unbekannte peinliche Unruhe bemächtigte sich ihrer Brust. Sie erinnerte sich seines ungewöhnlichen Ernstes in den letzten Augenblicken des Abends in Tärna und fragte sich angstvoll, was wohl diese Veränderung verursacht habe. O wie verlangte es sie ihn wieder ruhig und heiter zu wissen!

Die Gesellschaft tanzte, der Boden schwankte. Die Fenster überzogen sich mit Schweiß. Die Sonne war bereits in unbemerkter Herrlichkeit hinter die Berge hinabgestiegen. Im Salon war es trübe und drückend heiß. »Jetzt fängt die Leichtigkeit an,« dachte die Baronin H. Sie besah sich die ewigen Figuren, die sich mit langweiligen Gesichtern und ohne das mindeste Zeichen von Vergnügen hin und her bewegten unter einem unharmonisch hervorgemurmelten:

»So weben wir Wallmar
So schlagen wir zusammen.Dieß ist der Text zu einem sehr beliebten Nationaltanz. Wallmar heißt eigentlich ein grobes Tuch, das von den Bauern gesponnen wird.«

Die Gräfin und der Oberst, die mit hohen 380 Lebensgeistern den Tanz begonnen hatten, wurden allmählig müde und fingen an, sich still mithinzuschleppen.

Die Baronin H. wollte bei den Lustbarkeiten des Tags nicht unthätig sein und hatte überdieß der Gräfin versprochen sich der Unterhaltung anzunehmen. Sie versuchte es mit mehreren Gegenständen bei ihren Nachbarinnen; da sie aber außer Apfelsouflé nichts Leichtes fand, was recht anschlug und Interesse erregte, so fügte sie sich in die Umstände und fing an bloß von Ferkeln und Kartoffeln zu sprechen, was nebst verschiedenen Anekdoten vom Viehhof im Paradies eine sehr gute Wirkung hervorbrachte. Noch größere Sensation gelang es ihr dadurch hervorzubringen, daß sie die Fräulein Y. mit dem Doctor in Umenäs neckte.Die Verfasserin ist nie in Norrland gewesen. Sie hält es für möglich, daß die Frauenzimmer dort leicht sind wie Elfen Y. interessant wie Corinna, die Herren vollkommen wie Grandisson. Sie schildert nicht, wie es dort zugeht, sondern bloß, wie man es an manchen Orten, gleichviel wo, antrifft.

Nachdem sie ein paarmal herumgetanzt, bittet Nina ihren Kavalier um Entschuldigung und verläßt den Tanz, der sie in diesem Augenblick unbeschreiblich ermüdet. Sie stand jetzt still an ein Fenster gelehnt da und besah sich die Figuren, die an den Wänden saßen. Die trüben, gleichgültigen Blicke, die oft grämlichen Gesichter thaten ihr weh. Sie dachte an ihn, dessen Blick und Worte so wohlthuend auf Jedermann wirkten; an dieses reiche Herz, diese frische Kraft, diesen überlegenen Geist. Wunderliche und mächtige Gefühle schwellten ihre Brust. »Wann werde ich ihn wiedersehen? Werde ich ihn überhaupt je wiedersehen?« Diese Fragen stiegen heftig und unwillkürlich in ihr auf. Es schien ihr, als würde es ihr wohlthun, wenn sie nur einen Schimmer von dem Kirchthurm bei Herveys Haus sehen könnte. Sie trocknete den Schweiß vom Fenster und sah hinaus. Allein die Abenddämmerung hüllte die Wipfel der Fichten und 381 den Kirchthurm ein. Alles war dunkel in der blauenden Ferne. Auf einmal kam es Nina vor, als könnte ihr ganzes Leben schnell verdunkeln und zu Nacht werden, als sei ihr ganzes liebliches Lichtleben in der letzten Zeit bloß ein Traum. Sie sah auf die hüpfenden, schwerfälligen, schattengleichen Gestalten. Sie sprangen auf und ab, schwerfällig, einförmig, unaufhörlich; und unaufhörlich und dumpf und erlahmend tönte auch der Gesang dazu:

»So weben wir Wallmar,
So schlagen wir zusammen!
Weben Wallmar,
Schlagen zusammen
Und lassen die Kämme gehn, gehn.«

Ein unbeschreibliches Gefühl der Beklemmung erfaßte Nina. Sie verlangte hinaus von den hüpfenden Schatten, hinaus aus dem trüben, dunstigen Zimmer, sie bedurfte Lust, Leben! Es kam ein Schwindel und eine große Mattigkeit über sie. Sie erhob sich und ging schnell an den Wallmarwebern vorbei, die auf- und niederhupften und gleichsam höhnend ihr ewiges Gehn, Gehn ihr nachtönen ließen.

Klara, die sich mit Ergebenheit im Tanz abarbeitete, warf der fliehenden Nina, deren Stimmung sie zu ahnen schien, einen Blick voll zärtlicher Theilnahme nach, und selbst gut und schon lange gewöhnt, ihren Willen unterzuordnen, fuhr sie fort, ihre eigenen Gefühle zu vergessen, um zur Befriedigung fremder beizutragen.

Nina warf sich einen Tüllshawl über Kopf und Schultern, schlich mit ungewissen Schritten die Treppe hinab und befand sich schnell in der freien Luft. Ach! es war schön da draußen. Das Mondlicht, das Sternenlicht und der bepurpurte Abendglanz strömte über sie. Kristallklar und voll Wohlgerüchen floß die Luft um sie her. Des Thaues Silberwolken lagen über Bäumen und 382 Wiesen. Alles war still, voll von Ruhe, voll von Genuß; Alles so lieblich, so paradiesisch schön.

Nina athmete tief, athmete leicht, sog die Luft ein, die so voll Frische, sah zum Himmel empor, der so voll Licht war. Das Leben strömte in vollen Fluthen wieder in ihrer Brust. Die Bürde, die sie so eben niedergedrückt, war verschwunden. »O mein Gott, deine Welt ist schön!« flüsterte sie und streckte ihre Arme aus gegen das Leben und die Natur. Ein paar Thränen rollten über ihre Wangen. Sie trocknete sie mit ihrem Schleier ab. Sie dachte an Hervey und ein inniges Gefühl von Lebenslust, von wehmüthiger Freude durchbebte sie. Leicht wie eine Hindin eilte sie den Fußweg hinab ins Thal. Hier berührte ihr Kleid eine thauschwere Blume, dort weckte sie einen kleinen Vogel aus seinem Schlummer und wurde von ihm mit lieblichem Gezwitscher begrüßt. Wenn man die Tänzer im Salon mit den Schatten im Erebus vergleichen konnte, so konnte man mit noch mehr Recht Nina mit einem seligen Schatten in den elysischen Gefilden vergleichen; so weiß, so luftig und leicht, so schön schwebte sie in der von des Frühlings Fülle trunkenen Natur dahin. Bei Ninasruh machte sie Halt. Die Goldweiden hatten den Thau aufgefangen. Die Grasbank unter ihnen war trocken. Nina setzte sich darauf. Die Rosenhecken, die in buschigen Massen die Felsenwand bekleideten, standen in voller Blüthe da und athmeten die herrlichsten Gerüche aus. Die Hummeln sausten dumpf darüber hin und tranken ihren Abendrausch aus den Kelchen der Blumen. Eine kleine Quelle rieselte still spielend, so ähnlich einem fröhlichen Kindesleben, hervor, und alle Lichter des Himmels zurückspiegelnd lag in majestätischer Ruhe das unendliche Meer da, einer ruhenden Riesenkraft gleich, tief, klar, aber undurchschaubar.

O wie oft hatte nicht Nina hier an Herveys Seite gesessen, hatte seinen Worten gelauscht und dann das Leben schön und voll empfunden! Sie rief sich seine 383 Stimme, seinen Blick ins Gedächtniß zurück, und es schien ihr, als klängen melodische Töne zu diesen Erinnerungen. Es kam ihr vor, als athmeten Harmonien in den Winden der Luft. Im Anfang hielt sie es für ein Spiel ihrer Phantasie, aber bei einem lebhafteren Windzuge wurden die Töne vollkommen deutlich für ihr Ohr. Sie schienen aus den wehenden Zweigen der Goldweide zu kommen. Bald entdeckte Nina eine an denselben befestigte Aeolsharfe. Sie erinnerte sich jetzt, daß sie eines Abends gegen Hervey den Wunsch geäußert, diese ihr noch fremden Töne zu hören, und Thränen der Dankbarkeit stiegen ihr nun in die Augen. Sie dachte an ihn, an seine Freundschaft, lieblicher als Rosenduft, als der Harfe Gesang im Winde; wohlthuender, als die Frische der Wellen, als das Licht des Himmels. Auf einmal stand Graf Ludwigs Bild vor ihrer Seele. Eine eisige Kühle zog ihr Herz zusammen, sie wandte schleunig ihren Blick weg. Sie richtete ihn wieder auf Hervey, und Alles war gut. »Ach wäre er mein Bruder!« seufzte sie. In diesem Augenblicke kam es ihr vor, als würde ein Schatten über ihre Brust und über ihre Arme geworfen, die weich ruhend über einander lagen. Mit Schmerz dachte sie an den, der Herveys Leben verdunkelte. Spielend öffnete sie ihre Arme und schloß sie wieder, als wollte sie den Schatten festhalten, indem sie sagte: »Ich will dich von seinem Leben wegnehmen, ich will dich gefangen halten, du sollst seinen Tag nicht mehr verdüstern.« Aber die Gestalt, deren Schatten Nina umschloß, bog einen Zweig der Rosenhecke zurück und Eduard Hervey stand vor ihr. Sie sprang mit einem schwachen Freudenrufe auf. Er trat schnell zurück und fragte: »Störte ich vielleicht? soll ich mich entfernen?« »O nein, nein,« antwortete Nina und stand zitternd da, blickte ihn aber mit einer Freude und einem Vertrauen an, die sein Herz mit der reinsten Wollust durchdrang. Sie wußten selbst nicht, wie es sich fügte, aber unwillkürlich war er an ihrer Seite und ihr Arm 384 ruhte in dem seinigen, wie früher so oft. Sie gingen mit einander an den Meeresstrand hinab. Er sah, daß ihr Gesicht bleich war und Spuren von Leiden trug. Er empfand ein unendliches Verlangen, ihr wohlzuthun, und seine Worte erschienen ihr lieblicher, inniger, als je zuvor. Sie hörte ihn mit einem Lächeln voll Glückseligkeit an. O wie glücklich waren sie in diesem Augenblick, wie liebten ihre Herzen einander!

Bald standen sie am Meeresstrande – sie beide allein in dem unendlichen Raume. Schweigen herrschte über der Tiefe, Schweigen in dem unermeßlichen Gewölbe über ihnen. Schweigend standen auch sie da. Aber ihre Herzen schlugen. Aus der Tiefe des Waldes und des Meeres stiegen Düfte auf, wunderliche, wilde, reizende, wollustvolle, ähnlich den phantastischen Gestalten, womit die Einbildungskraft sie ehedem bevölkert. In Herveys Brust war Unruhe, aber über Ninas Seele war die liebliche Ruhe gekommen, die sie jederzeit in seiner Nähe empfand. Der Anblick, der sich ihnen jetzt eröffnete, hatte immer einen beinahe übermächtigen Eindruck auf sie gemacht; auch in diesem Augenblick war ihr Herz bedrückt, jedoch nicht schmerzlich, wie früher.

Leise und mit beinahe bebender Stimme sagte sie, indem sie gegen den Sternenraum emporblickte: »Welche Unendlichkeit! Welche Macht! Sie drückt mich nieder! Sehen Sie diese Millionen Millionen Welten über uns und jenseits derselben andere für unser bloßes Auge unsichtbaren Millionen dort, dort, wohin die Ahnung nicht dringt, wohin der Gedanke nicht reicht, dort in dem Unerschaulichen werden sie gezeugt, wandern sie aus einer Unendlichkeit in die andere. Unergründliche Schöpfung! Ihre Betrachtung verzehrt beinahe meinen Geist! Was ist der Mensch, diese Erdenmasse vor dem Herrn der Unendlichkeit! Sieht Er auf ihn? Kann Er uns bemerken?« Und Nina beugte den Kopf nieder und bedeckte mit der Hand ihre geblendeten Augen.

»Wollen Sie eine Gränze setzen seiner Schöpfung, 385 eine Gränze seiner Liebe, seiner Macht zu erheben, zu entwickeln, zu beglücken?« fragte Hervey. »Ach diese Unendlichkeit der Schöpfung ist des Herzens, der Vernunft beste Beruhigung.«

»Beruhigung?« wiederholte Nina leise fragend.

»Beruhigung in Gott!« fuhr Hervey mit tiefem Gefühle fort; nach einer Pause setzte er hinzu: »Alle diese Welten leben für einander, wirken auf einander, wenn auch in unsichtbaren Verhältnissen; still wirken sie alle an dem Gewebe von Schönheit und heiliger Glückseligkeit, das der Allgütige von Ewigkeit zu Ewigkeit vor seinen Wesen entfalten will. Groß ist der Schöpfer, anbetungswürdig, ja! Aber gerade deßhalb, weil er auch im Allerkleinsten lebt, weil das geringste seiner fühlenden und denkenden Geschöpfe ihm so viel werth ist, wie die größte der Sonnen. Ueber die Erde, wo Gott mit den Menschen liebte und litt, hat er seinen Sternenhimmel gewölbt, damit seine Kinder sehen mögen, daß er eben so mächtig ist, als reich an Liebe. Ach sehen Sie auf, sehen sie frei und ruhig auf zu diesem vollen Himmel und sagen Sie mit demüthiger Freude zu sich, daß er auch für Sie gemacht ist.«

»Ich glaube das, o ich will es glauben!« sagte Nina, indem sie ihre thränengefüllten Augen wieder gegen den strahlenden Raum aufschlug. »Edla hat mir auch Aehnliches gesagt, und doch wird es mir zuweilen schwer, diesen Anblick zu ertragen. Es hat Zeiten gegeben, wo es mir bei einem Blick gegen den Himmel war, als müßte ich in die Erde sinken. Ach! lange Zeit machten auch die Gegenstände um mich her bloß einen fremden und beängstigenden Eindruck auf mich, lange kam ich mir selbst nur wie ein irrender Schatten vor. Es war oft eine unendliche Oede außer und in mir. Jetzt ist es besser – viel besser! Das Leben ist mir leichter, klarer, seit . . .« sie hielt inne. 386

»Seit?« wiederholte Hervey, dürstend nach den Worten, die da kommen sollten.

»Sie haben mir sehr wohlgethan,« fuhr Nina mit Innigkeit, aber Ruhe fort. »Seit ich Sie kennen lernte, bin ich glücklicher, besser.«

»Gott ist gütig!« sagte Hervey mit tiefer Rührung.

»Ja, Sie haben unendlich gut auf mich gewirkt!« fuhr Nina fort, hingerissen von dem Gefühl, das uns zuweilen sprechen läßt, als wären wir bereits Bewohner der freien Säle des Himmels. »Auch in diesem Augenblick, wo ich mit Ihnen vor dem Gränzenlosen stehe, fühle ich, daß es mich nicht so erfaßt, wie früher. Ich fühle mich stärker, da Sie bei mir sind. Ich habe nie einen Bruder gehabt – ich denke, das würde mich glücklich gemacht haben! Lassen Sie mich Ihnen sagen, daß ich oft gewünscht habe, Sie wären mein Bruder! Ich möchte Ihre Schwester sein, wie Marie. Ich habe schon oft empfunden, wie ruhig ich an Ihrer Hand durchs Erdenleben und sodann durch die Unendlichkeit wandern und mich nicht mehr fürchten, nicht mehr beben würde.«O wenn Jemand glaubt, Nina spreche hier nicht aus engelreinem Herzen; wenn Jemand glaubt, sie spiele hier blos die Rolle einer gewöhnlichen Agnes . . . . den möchte ich . . . . möchte ich . . . . todtschlagen.

Er blickte sie mit unsäglicher Liebe an, und mächtige, leidenschaftliche Gefühle erhoben sich in seiner Brust. Er sah sie so schön, so lieblich, so ergebungsvoll neben sich; . . . . Jetzt glaubte er an ihre Liebe, und es war ihm, als müßte sie die seinige werden. Er brannte vor Verlangen, sie als Gattin auf ewig an seine Brust zu schließen, schützend, wachend, liebend sie durch die Unendlichkeiten hindurch auf seinen Armen zu tragen, Herz an Herz, Auge gegen Auge, von Welt zu Welt, von Entwicklung zu Entwicklung. Unaussprechliche Seligkeit! Schon öffneten sich unwillkührlich seine Arme, schon wollten seine Lippen die heilige Bitte um eine 387 ewige Vereinigung aussprechen – da erfaßte ihn mit entsetzlichem Schmerz das Gefühl dessen, was sie von einander schied – des Schattens, der über seinem verflossenen Leben lag. Mit unbeschreiblicher Qual wandte er sich ab und sagte heftig bloß:

»Mein Leben wollte ich hingeben, um zu Ihrem Glück beizutragen – wenn ich Glück geben könnte; – aber – ich bin arm – bin verurtheilt zu entsagen! . . .«

»Sie leiden!« sagte Nina, indem sie sich ihm mit schmerzlichem Ausdruck in ihrem Gesichte nahte. – »Sie, ein so guter Mann! Sagen Sie mir, kann dem nicht abgeholfen, kann es nicht gut gemacht werden? Sagen Sie, daß es möglich ist – oder sagen Sie, daß Sie nicht unglücklich sind.«

»Ich kann dieß jetzt nicht sagen! Ich empfinde jetzt bitter mein Unglück. In meiner Jugend haben sich Sachen ereignet, die mein Leben verdüstert haben, am Meisten jedoch in diesem Augenblick, wo ich fühle, daß sie mich von Ihnen trennen.«

»Warum von mir?« sagte Nina verwundert und ängstlich. »Lassen Sie das nicht geschehen! . . . Seien Sie wie bisher mein Freund, mein brüderlicher Freund! Warum sollte uns Etwas trennen?«

»Können Sie das Geschehene ungeschehen machen? Können die Todten aus dem Grabe steigen und die Wahrheit bezeugen? Können Sie, Engel, die Schlangenzunge der Lüge verhindern zu stechen, wenn ich wünsche . . . können Sie mir Ruhe geben vor . . . . nein, nein, das Glück ist nicht für mich! Und doch . . . . doch . . . .« Er schwieg, beinahe überwältigt von seinem heftigen, aufgeregten Gefühle.

Nina verstand ihn nicht, aber schmerzlich bewegt von seinen Worten, und von dem Wunsche beseelt, die heftige Spannung in seinem Gemüthe zu mildern, sagte sie mit weiblicher Feinheit:

»Vielleicht kann ich es! Wer weiß? Die 388 Vorsehung hat schon in manche schwache Hand Wunderkräfte gelegt.«

»Ist Hoffnung vorhanden? Wäre es möglich – Gibt es eine Aussicht?« sagte Hervey wie für sich. »Doch nein, Alles ist finster in der Zukunft. Nein, Engel, du sollst nicht; – ich werde es nicht begehren . . . nie! nie! . . .«

Sie gingen schweigend einen Augenblick neben einander. Eine prächtige Sternschnuppe brach mit ihrem Strahl durch die Stille des Himmels und spann ihren leuchtenden Faden über ihren Köpfen hin. Dieses kleine Ereigniß, das Nina prophetisch schien, lockte in ihr eine Regung voll übermüthigen Lebens hervor. »Weg mit den Zweifeln, hinab mit den Schatten ins Reich der Schatten! Sie sind die Feinde des Lebens!« sagte sie. »Hat nicht das Leben auch jetzt, wie früher, Orakel, welche Aufschlüsse geben über die Schicksale des Menschen und das Wort manches dunkeln Räthsels aussprechen? Ich will sie fragen in dieser stillen Nacht – ich will sie für uns beide fragen; – auch ich will einmal in meinem Leben klar sehen.«

Sie sprang schnell einige Schritte weg, nahm scherzhaft etliche Steinchen in die Hand und wandte sich gegen das Meer, phantastisch anmuthsvoll und schön, mit zurückgeworfenem Schleier und das himmlische Gesicht vom Licht der Sterne bestrahlt. Wundersam reizend ertönte in der Stille die silberklingende Stimme, die langsam und mit spielendem Ernst folgende Worte sprach:

»Unsichtbare Macht, die du deine Zeichen in den Sternen, in den Thieren, ja zuweilen in leblosen Dingen gibst! – geheimnißvolle Stimme, die du zuweilen sprichst, wenn die menschliche Weisheit verstummt! Geist, Engel oder Dämon! Du, der du den Sterblichen zuflüsterst, was du vom Rathschlusse des Ewigen vernommen – höre in dieser Stunde mein Bitten! Antworte auf die Fragen in unserer Brust! Gib Klarheit über 389 unsre künftigen Schicksale! Sage uns, was kommen wird. Gib uns ein Zeichen über . . .«

Ninas Stimme war unwillkührlich ernst und zuletzt zitternd geworden bei der Kühnheit ihrer eigenen Worte. Sie unterbrach sich schnell und warf die Steine, die sie in der Hand hielt, ins Meer. Hervey erhob in demselben Augenblick seinen Arm, als wollte er den ihrigen zurückhalten; allein es war zu spät; er ließ ihn daher wieder fallen, mit einem Ausdruck, der sagen zu wollen schien: »Ach Kindereien!« Und die Steine fielen leise plätschernd ins Wasser, das Ringe um sie schlug, und Alles wurde wieder schweigsam und die Sterne brannten stille und keine Stimme erhob sich, um Ninas Frage zu beantworten. Aber auf einmal kam hinter dem Felsen, welcher der schwarze Mann, oder der Bauer genannt wird, wie aus des Meeres Tiefe ein weißes Gespenst heraus, das einem Menschen im Leichenkleide glich. Langsam schritt es auf dem Wasser her und auf die am Ufer Stehenden zu; – kalte Winde wehten ihnen entgegen. Hervey unterdrückte den Schauder, den dieser Anblick ihm verursachte. Die Arme gekreuzt betrachtete er unverwandt die wunderliche Gestalt mit einem mehr stieren, als ruhigen Blick. Auf Nina war die Wirkung heftiger. Mit einem schwachen Ruf: »Ach, entsetzlich! Weh mir!« barg sie ihr Gesicht in ihren Händen.

»Glauben Sie mir,« sagte Hervey düster, »diese Erscheinung gilt nicht Ihnen!«

Nina hörte ihn nicht. »Ach ich weiß, ich weiß, was sie zu bedeuten hat,« sagte sie schaudernd; »sehen Sie, das ist der Nebel, die Kälte, die Finsterniß, die Feinde meines Lebens, welche kommen, um mich wieder zu ergreifen und mein Herz auszukühlen. Sie hatten dieselben aus meinem Leben verbannt – – ich habe sie wieder heraufbeschworen; – ich werde ihnen wieder angehören. O welche Antwort auf meine Frage!«

Mittlerweile hatte das Gespenst im Leichentuche seine Gestalt verändert und wieß sich als eine bloße 390 Nebelmasse aus. Es führte gleichsam im Schlepptau ein Heer von formlosen Gestalten mit sich, die immer dichter, immer hastiger hinter dem schwarzen Mann herkamen. Der Horizont war in einem Augenblick finster geworden und das Meer mit Nebelmassen überdeckt. Hervey sah unverwandt auf die bleichen Dunstmassen und wiederholte gleichsam für sich: »Also Nebel! Bloß Nebel! Ach Kinderei, Kinderei!«

»Sprechen Sie nicht so,« bat Nina mit traurigem Ernst. »Ach diese Nebel sind, fürchte ich, das Wirklichste in meinem Leben. Und diese Gestalt! . . . sie sagt mir . . . sie erinnert mich an . . .«

»An was?« fragte Hervey verwundert und unruhig, indem er näher zu ihr trat.

»An ihn . . . . an denjenigen, mit dem mein Schicksal verknüpft ist . . . ., an ihn, den ich nicht liebe und dem ich angehören werde! O dieses kalte, fürchterliche Bild!«

Hervey heftete einen Blick, starr von namenlosem Entsetzen, auf sie.

»Ich hätte es früher sagen sollen,« fuhr die zitternde Nina fort. »Ich habe auch gewollt . . . . aber es war mir nicht möglich; . . . . ach ich hätte es gerne vor mir selbst verhehlt! Aber so ist es – Edlas und meines Vaters Wunsch, so wie meine eigene Schwachheit haben über mein Schicksal bestimmt, mein Versprechen ist gegeben . . . .«

Hervey erfaßte mit convulsivischer Heftigkeit ihren Arm und wiederholte mit erstickter Stimme: »Nina verlobt? Und jetzt, jetzt erst erfahre ich es!« Und er sah sie wild und hart an.

Es war dieß das erstemal; sein strenger Blick zerschmetterte sie; sie konnte einen schwachen Ruf und die Worte: »Ach Sie thun mir weh!« nicht zurückhalten. Er ließ schnell ihren Arm los und legte die Hand über seine Augen. »Verzeihen Sie mir!« sagte er dumpf. »Ich weiß nicht, was ich thue.« 391

»Sie haben mir wehe gethan!« wiederholte sie mit einer Mischung von Schmerz und liebevoller Freude, während sie ihm die Flecke auf dem Arme zeigte, den er so hart gedrückt hatte. Sie küßte dieselben.

Sie wußte nicht was sie that; aber junges Mädchen, mach du es nicht, wie sie.

Hervey blickte sie an, indem er mit dem wilden Sturm kämpfte, der in seiner Seele raste. Plötzlich bemeisterte er ihn, warf einen Liebesblick auf sie und sagte mit einer Stimme, deren Ausdruck ich vergebens zu beschreiben suchen würde: »Lebewohl!« und hastig verschwand er zwischen den Bergen und Nebel.

Die Nebel umwirbelten Nina mit ihren Dunstgestalten und wehten leer und kühl um sie. War sie selbst etwas Wirklicheres, als diese? Sie wußte es kaum. Das ganze Leben, der Auftritt so eben, ihr eigenes Wesen, Alles war ihr finster, undeutlich, unbegreiflich. Sich an eine Felswand lehnend sah sie stille in die Nebelwelt hinaus und wiederholte leise für sich, ohne sie zu verstehen, Herveys letzte Worte:

»Lebwohl! Lebewohl!« seufzte sie stille und traurig. Jetzt hörte sie ihren Namen rufen. Sie erkannte Klaras Stimme; aber erst als die Stimme ihr nahe kam, hatte sie die Kraft zu antworten. Klara umgab sie bald mit ihrer klugen Zärtlichkeit und Fürsorge. Sie hüllte sie in einen wärmeren Shawl ein, sie richtete keine Fragen an sie, sondern sorgte für sie, wie für ein krankes Kind und führte sie schweigend nach Hause zurück. Nina ließ sie gewähren. »Lehne dich an mich! Stütze dich an mir,« bat Klara, indem sie ihren Arm um Ninas weichen Leib schlang, während diese die ihrigen sanft auf ihre Schultern legte.

»Du thust mir wohl!« sagte Nina schwach, aber herzlich. Und es gibt wirklich Wesen, deren stille Sorgfalt, deren bloße Nähe unendlich wohlthuend wirkt. 392

 


 

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