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Fredrika Bremer: Nina - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleNina
authorFredrika Bremer
translatorG. Fink
year1843
firstpub1835
publisherFranckh'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleNina
pages520
created20171205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Schicksal.

Am schönsten die Dichtung,
Dieweil sie ruhet
Still in des Skalden
Glühendem Busen;
Am reinsten die Liebe,
Bevor sie redet;
Das Leiden am schönsten,
Wenn es nicht klaget,
Wenn es schweigt und stirbt.
                    Nicander.

Wind auf dem Meere, Luft aus den Bergen, Sausen in den tiefen Wäldern, frische, frische Geister der Natur, Verscheucher der Sorgen, Beleber des Lebens, euch preise ich! Wer ist je aus dem Kummer der Sorgen, aus dem Dunst des Salons, aus dem Lärm der Geschäfte, aus dem Staube der Bücher zu euch herausgegangen und hat sich nicht von euch gestärkt und erhoben gefühlt, ja gekräftigt um euretwillen zu leben! Wunderbares, starkes, sorgloses Leben, in der Luft, im Wasser, in der Erde; mächtige Naturkraft! wie liebe ich dich und möchte dir alle Herzen zuwenden! Im Streit mit dir entflieht des Lebens Schwere; im Frieden mit dir ahnt man die Ruhe Edens. Deine Stürme 352 durchrauschten Ossians und Byrons unsterbliche Harfen; in des Vikings Gesang, in der nordischen Romanze athmet dein Leben! Dir verdankt die fühlende Brust ihre frischesten, ihre besten Gedanken. Auch der Schreiberin dieser Zeilen hast du erneutes Leben geschenkt. Ihre Seele war krank zum Tod und sie warf sich in deinen Schooß. Du richtetest sie auf und sie erhielt Kraft, sich zu Gott zu erheben.

Donnernd zogen Gewitter über eine der wildesten Gegenden Norrlands; über die Scheitel der Felsen, über die Tiefe der Thäler rollten schwer ihre finstern Wolkenwagen. Zwei Wanderer sah man raschen Schritts durch die wilde Gegend streifen. Der Eine war ein Mann in seiner vollen Kraft und schön, besonders durch das frische Leben und die Vereinigung von Milde und Stärke, die sich in seinem Gesichte und ganzen Wesen ausdrückte. Es schien ihm Vergnügen zu machen, unter den drohenden Wolken durch die öde Gegend zu ziehen und den Wind in seinen dunkelbraunen, lockigen Haaren zu spüren. Ein lebensvolles Lächeln öffnete die wohlgebildeten Lippen und seine Augen blickten frisch und klar umher. Der Andere schritt schwerfällig und finster an seiner Seite. Die Gewitterluft schien ihn niederzudrücken, sein jugendlich schöner, blonder Kopf war gleichsam von schweren Gedanken darniedergebeugt.

»So düster, Philipp?« sagte Eduard zu seinem Freunde.

»So heiter, Eduard?« antwortete dieser.

»Ja,« antwortete Eduard, »ich bin heiter, ich läugne es nicht; es freut mich, daß ich den Bauernaufruhr ohne Anwendung von Gewalt dämpfen konnte. Auch ist es mir immer wohl ums Herz, wenn ich auf einer längeren Wanderung begriffen bin. Wie viel Genuß und Lebenskraft liegt nicht in der freien Luft! Sie ist der beste Labetrank für den Menschen. Ueberdieß hat diese düsterschöne Natur einen eigenthümlichen Reiz für 353 mich. Schweben nicht Ossians Geister auf diesen Wolken? War es nicht diese wüste Haide, wo Fingal sang und die Schatten der gefallenen Helden um sich sammelte?«

»Du bist poetisch, Eduard! Mir schweben melancholischere Bilder vor. Die Gegend erinnert mich an die Oede des Lebens. Wie leicht kann nicht des Menschen Brust diesem Felsenboden gleichen, wenn Liebe und Glaube daraus entfliehen und sie wüst liegen lassen. Die Gewitter sind Gottes Gerichte über dem Haupt des Verbrechers oder Donnerschläge des Schicksals über dem Haupte des Unschuldigen. Wohl dem, der weder Reue, noch Furcht kennt!«

Eduard schwieg. Sein klarer Blick verfinsterte sich. Nach einer Weile sagte Philipp: »Wir haben nicht mehr weit; ich sehe bereits unsere Berge, die Berge um Umenäs.« Dann fuhr er seufzend fort: »Meine Reise nach Stockholm ist auf morgen früh festgesetzt. Ich werde wohl ein Jahr ausbleiben. Ich muß dir heute Abend noch Lebewohl sagen . . .«

»So schnell!« sagte Eduard unangenehm überrascht und fügte dann mit großer Herzlichkeit hinzu: »Philipp, ich werde dich sehr vermissen.«

»Eduard, du weißt – ich bin reich. Ich habe einflußreiche Verwandte und Freunde; – – sag mir; kann ich dir auf irgend eine Weise dienen?«

Diese Worte wurden mit einer gewissen Kälte ausgesprochen, und mit einiger Kälte sagte auch Eduard:

»Ich danke dir. Ich brauche Nichts, außer was ich mir selbst erwerben kann.«

»In einer höheren Stellung könntest du mit deinen großen Gaben dem Vaterlande besser nützen – einen lobenswerthen Ehrgeiz befriedigen . . .«

»Ich bin hier zufrieden,« unterbrach ihn Eduard, »Wenn ich nur den Forderungen meines Berufs recht nachkommen kann!«

»Du führst aber doch ein einförmiges Leben und dein 354 Wirkungskreis ist beschränkt. Du – den die Natur so reich ausgestattet, du – den Jedermann so lieb hat, könntest mehr, könntest besser leben . . . reicher . . .«

»Lieben, arbeiten und beten, das heißt Leben: Freiheit und Friede, das ist Glückseligkeit!« antwortete Eduard warm. »Und wer – wenn er auch nur seine Pflichten als Mensch erfüllt – kann sagen, daß sein Kreis eng, daß er beschränkt sei? Jede reine Thätigkeit hat eine unberechenbare Wirkung und Ausdehnung.«

»Aber doch gibt es höhere und niedrigere Stellungen, engere und freiere Kreise in der Gesellschaft,« versetzte Philipp ungeduldig. »Was wäre aus Orenstjernas, aus Cannings weltbeglückender Wirksamkeit geworden, wenn der Eine still auf seinen Gütern gelebt, der Andere seinen Kopf darauf gesetzt hätte, ein einfacher Advokat zu bleiben? Eduard, du kannst einer edlen Ehrbegierde nicht ganz fremd sein.«

»Nein, Philipp, nein. Auch ich habe geträumt . . . auch ich habe gewünscht . . . . es gab eine Zeit . . . . laß uns jedoch nicht davon sprechen,« unterbrach er sich hastig, und fügte dann ruhiger hinzu: »Die Hand der Vorsehung leitet uns besser, als unsere eignen vermessenen Wünsche. Sie hat mir hier meinen Platz angewiesen, und hier will ich bleiben.«

Herveys bestimmter Ton schien alle weiteren Versuche in dieser Richtung abzuschneiden. Es entstand eine Pause. Endlich sagte Philipp:

»Ich kann also Nichts für dich thun?«

»Ja du kannst,« sagte Hervey, indem er lebhaft auf ihn zutrat und seinen Arm um ihn schlang, »du kannst! Gib mir meinen Freund wieder! Gib mir den offenen, heiteren, herzlichen Philipp wieder! Seit einigen Tagen erkenne ich ihn nicht mehr; und heute Abend – alle deine Anerbietungen von Protektion und dieser kalte Ton . . . . wahrhaftig, Philipp, sie haben mich schaudern gemacht! Was kommt dich an? Philipp, mein Freund! haben wir aufgehört, einander zu verstehen?« 355

»Eduard!« sagte Philipp mit einem Ausdruck, der die peinlichsten Gefühle verrieth, »ich gestehe es, seit einigen Tagen bin ich verändert, seit einigen Tagen bin ich unglücklich.«

»Philipp! und ich bin dein Freund und du hast es mir verschwiegen?«

»Ich werde es nicht länger thun, Eduard. Ich fühle, daß es mir unmöglich wäre von dir zu scheiden, ohne dir Alles gesagt, ohne dich gehört zu haben. Eduard,« fügte er weich und beinahe mit Schmerz hinzu, »du weißt, daß ich dich geliebt habe.«

»Philipp?« Eduard sah ihn fragend und mit gespannter Erwartung an.

»Ja,« fuhr Philipp sehr aufgeregt fort, »ich habe dich von meinem ganzen Herzen, mit meiner ganzen Kraft geliebt; denn ich habe nie einen vortrefflicheren, einen liebenswürdigeren . . . . hindre mich nicht, Eduard! Heute Abend will ich aussprechen. Ja – ich habe an dich geglaubt – wie an Gott! Ich war ein wilder Mensch und hatte Lust, mein Leben zu vertoben, da erhieltest du – Macht über mich. Ich lernte dich lieben und durch dich die starken stillen Tugenden, welche das Glück des Gesellschaftslebens ausmachen. Mein Glaube an dich war mehrere Jahre lang mein Gewissen, war die Kraft, durch welche ich mich selbst zügelte. Ich war glücklich in diesem Glauben; ich wäre dir mit Freuden in den Tod gefolgt, mit Freude für dich gestorben. Eduard, Eduard, es ist eine schreckliche Sache, wenn ein geliebtes Bild im Herzen des Menschen zerstört wird; – damit wird auch das Beste seines Lebens zerstört.«

Philipp bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen – und setzte sich auf den Stamm eines umgefallenen Baumes. Eduard blieb vor ihm stehen und betrachtete ihn – mit Unruhe und tiefer Theilnahme. Nach einer Weile fuhr Philipp fort: »Seit einigen Tagen scheint mir Alles um mich herum und in mir verwandelt zu sein. Es ist mir, als wanke die Welt, als bebe die Erde unter meinen 356 Füßen – aber was wirklich wankt, Eduard, ist – mein Glaube an dich.«

Philipp senkte die Augen; ein unaussprechlicher Schmerz wüthete in seiner Seele. Eduard war bleich. Er hatte sich Philipp gegenüber auf einen moosigen Stein gesetzt und sah seinen Freund mit einem klaren, durchdringenden Blicke an. »Nun?« sagte er nach einer Pause, als dieser, in qualvolle Gefühle versenkt, noch schwieg.

»Nun, Eduard! Es ist ein Mann zu mir gekommen, der behauptet, er kenne dich, der es wagt, dich zu beschuldigen, du führest nicht nur einen erdichteten Namen, sondern auch dein Charakter sei unwahr und erdichtet – er beschuldigt dich, du verbergest unter einer liebenswürdigen Maske ein lasterhaftes Herz – er wagt zu behaupten, du – du Eduard habest in deiner Jugend die gemeinsten und gröbsten Verbrechen begangen.«

»Philipp!« sagte Eduard mit schmerzlichem Ernst, »du hast mir dieses verschwiegen, du hast es also geglaubt?«

»Nicht geglaubt, Eduard! Nein, bei Gott, so unglücklich war ich nicht! Du sähest mich sonst nicht hier. Aber ein unglücklicher Zweifel hat Wurzel in meiner Seele gefaßt, Eduard; wenn meine Ruhe und mein besseres Leben dir theuer ist, so reiße diesen Zweifel aus meiner Seele. Sprich mit mir, öffne dein Herz, beweise mir, daß du unschuldig bist, beweise mir, daß dein Wandel rein ist, wie dein Blick; gib mir das Recht, mit dem Schwert in der Hand – wie ich gedroht habe – den Lügner zum Widerruf zu zwingen. Eduard, mein Freund! Du kannst es, du wirst es!«

Aber Eduards klarer Blick hatte sich zur Erde gesenkt, ein Ausdruck tiefen Leidens zog seine dunkeln Augenbraunen zusammen, während die bleichen Lippen langsam und bestimmt sagten: »Philipp, ich kann es nicht!«

Der junge S. sah seinen Himmel einstürzen. 357 Bleicher als Eduard rief er heftig: »Du kannst es nicht! Du bist also ein Verbrecher!«

Den Blick zur Erde gesenkt und mit gekreuzten Armen sagte Eduard, wie für sich:

»Es war mir ein lieber Traum, daß man um meiner selbst willen an mich glaube, daß mein gegenwärtiger Wandel die Schatten der Vergangenheit bannen werde. Es war mir ein schöner Glaube, einen Freund zu besitzen, der mich wirklich kenne, den weder Verläumdung noch Argwohn von mir abspenstig zu machen vermöge, der mir mehr glaube, als den Anklagen eines Fremden . . . Ja . . . aber es war ein Traum! – Er ist dahin! »

»Eduard! war dein früherer, dein rechter Name D.?«

»Ja,« antwortete Eduard mit fester Stimme.

»Warst du der Lehrer von Graf R's. jüngstem Sohne und der Freund des älteren?«

»Ja.«

»Eduard, hast du die Tochter aus ihres Vaters Hause geraubt?«

»Ja, das that ich.«

»Eduard, bist du ein Verbrecher?«

»Nein!«

»Um Gotteswillen beweise es mir, rechtfertige dich!«

Hervey warf einen langen und vorwurfsvollen Blick auf seinen Freund. »Vor dir!« sagte er nicht ohne Stolz. »Philipp, ich läugne das Verbrechen und du kennst mich seit sechs Jahren. Dieß muß dir genug sein.«

»Hast du mir Nichts mehr zu sagen?«

»Nein!« antwortete Eduard kalt.

»Eduard! ist dieß dein letztes Wort?«

Eduard schwieg.

»Leb wohl, Eduard! Ich glaube an keinen Menschen mehr!« Philipp stand auf und wandte sich, um zu gehen.

»Philipp!« sagte Eduard leise. 358

Philipp drehte sich um und sah seinen Freund an; Eduard stand auf und streckte ihm seine Arme entgegen. Mit angstvollen und heftigen Thränen stürzte Philipp an seine Brust, wie zum letzten Abschied. Hierauf wollte er sich losreißen, aber Eduard hielt ihn fest an sich gedrückt und sagte: »Bleibe, Philipp. Ich war übermüthig, du warst zu rasch; bleib, wir dürfen uns so nicht trennen.«

»Eduard!« sagte Philipp im höchsten Affect, »gib mir den Tod – aber gib mir meinen Glauben an dich wieder!«

»Philipp!« sagte Hervey mit wehmüthigem Ernst, »ich habe nur Wenig zu sagen. Beweisen kann ich meine Unschuld nicht. Ein wunderliches Dunkel hängt über meinem Leben, meine Geschichte ist einfach, aber – unbegreiflich. Ich sage sie nicht gern. Ich habe sie einmal erzählt und da – glaubte man mir nicht, und der mein Freund gewesen, wurde mein Feind. Und hast du meinen Worten und meinem Herzen nicht geglaubt, Philipp – warum solltest du an die Erzählung unerklärter Begebenheiten mehr glauben?«

»Sprich, Eduard! Kläre mich auf! Mein Herz sagt mir, daß aller Zweifel verschwinden, daß ich in diesem Dunkel Licht sehen und dich wieder lieben, wieder an dich glauben werde, wie früher.«

Eduard schwieg einen Augenblick, als wollte er seine Gedanken sammeln; sein Blick hatte sich indeß fest auf die Gewitterwolken geheftet, die sich jetzt in zerstreuten und dichten Massen am Horizont herabgesenkt hatten, wo sie gleichsam eine Ehrenpforte bildeten, aus deren Mitte die königliche Sonne klar und herrlich strahlte. Das Gemälde lieferte auch ein treffendes Bild vom Auge des Allsehenden. Der Ernst auf Herveys Stirne klärte sich immer mehr auf; ein schönes, mildes Lächeln öffnete seine Lippen, und nach Westen deutend sagte er zu Philipp: »Siehst du diese Wolken, die so eben gewitterschwer über unsern Häuptern rollten? jetzt haben sie sich 359 zertheilt, jetzt sind sie von der Sonne beglänzt und der Abend dieses stürmischen Tages ist schön und Klar. Dieß ist das Bild eines Glaubens, der mich durchs Leben begleitet, der meine düstersten Stunden erhellt hat. Ja, Philipp, ich glaube an eine klare Abendsonne, an ein Licht, das die Wolken zerstreuen wird, an Ruhe nach den Stürmen des Tages. Das Tragischste des Lebens ist mir nahe getreten; ich war zur Schande und zum Tod von Henkers Hand verurtheilt – und diese Sonne, diese letzte Verklärung des Lebens, hat durch die dunkle Scene geglänzt. Sie ist ein lebendes Bild in meiner Seele. Ueber dem Drama der Weltgeschichte und des Menschenlebens, so finster, so stürmisch, so wunderlich auch sein Tag dahin gehen mag, steht immer dieser ruhige, herrliche Abend vor meinen Augen. Er ist ein Segen des Christenthums, denn er ist der Glaube an den großen Meister, der in seiner liebevollen Brust die Entwicklung und Vollendung des Dramas trägt, dessen kunsterfahrne Hände es kräftig und weise ausführen. Freundliches Bild!« fuhr Hervey fort, indem sein Auge thränend und mit strahlendem Ernst auf der prachtvollen Abendscene ruhte, »weiche nie aus meiner Seele! Möge mein irdisches Leben in Schatten gehüllt sein, wenn nur diese stille Klarheit in mir strahlt!«

Hervey schwieg einen Augenblick in Gedanken vertieft, dann begann er:

»Ich war noch sehr jung und hatte eben erst meine Studien vollendet, als ich in Graf R's. Haus trat. Die Freundschaft seines ältesten Sohnes, des Grafen Ludwig, führte mich dahin. Er glaubte, ich würde dort einiges Gute stiften. Ich glaubte es ebenfalls in dem Uebermuthe, der in meinen Jahren selten fehlt. Es war ein düsteres Haus. Stürmische und finstere Leidenschaften hatten lange darin gewüthet. Das Aeußere war ein getreues Bild des Innern. Düster und verfallen lag das alte Schloß auf der äußersten Bergspitze von Schonen. Die Wogen des Sundes schlugen an seine Mauern. Ich 360 traf einen Sohn durch die wilde Härte des Vaters in der Blüthe seines Alters in Blödsinn geängstigt. Die Mutter war vor Kurzem gestorben. Die Tochter war mit vierzehn Jahren beinahe noch ein Kind, allein der Wille des Vaters keimte bereits in ihrer Brust; wie eine junge Eiche kämpfte sie gegen den Sturm und die Unterdrückung rief die Spannkraft ihres jungen Wesens nur um so kräftiger hervor. Es war ein schönes, wildes, aber warmherziges Kind – bestimmt zu großen Werken in Gutem oder Bösem. Trotz ihrer jungen Jahre war sie durch den Willen des Vaters bereits mit einem reichen, abgelebten Mann verlobt, der dieser frischen, schönen Rosenknospe in jeder Beziehung unwürdig war. Sie ließ sich verloben, weil sie gedankenlos wie ein Kind in der Ehe bloß eine lustige Hochzeit erblickte, und sich aus ihres Vaters Hause fortwünschte. Der Vater – wahrhaftig, es ist eine düstre Erscheinung um einen Menschen, der so gänzlich alles Göttliche in seiner Seele ausgerottet hat, daß nur der freche, grausame Egoismus darin zurückbleibt. Für eine solche Seele ist Nichts heilig – sie ist zu Allem fähig, um ihren Willen oder ihre Laune zu befriedigen; ja sie findet Vergnügen darin, ein Plaggeist zu sein. Um an die Wirklichkeit der Hölle zu glauben, braucht man nur einen solchen Menschen gekannt zu haben – und ein solcher war Graf Ludwigs Vater. Ich verabscheute ihn bald, blieb aber dennoch im Hause, um sein Kind zu beschützen. Elfride war bereits ausgerufen und die Hochzeit sollte vor sich gehen, als auf einmal in der Seele des jungen Mädchens ein Widerwille dagegen erwachte und mit ihm zugleich ein unerschütterlicher Widerstand. »Ich will nicht!« war ihre einzige Antwort auf Vorstellungen und Befehle. Sie weigerte sich den Baron N. zu heirathen. »Sie können mich tödten,« sagte sie entschlossen, »aber nicht zu seiner Frau machen.« Jetzt fielen einige schauderhafte Scenen vor. Ich sah eines Tags Elfride blutend von ihrem unbarmherzigen Vater an den Haaren 361 herumgeschleppt und in diesem Augenblick setzte ich Gewalt gegen Gewalt, drohte ihm und befreite sie. Graf Ludwig war weit weg in fremden Landen. Der erschreckte Emil bat die Schwester bloß, um Gotteswillen zu gehorchen; ich stand allein dem muthigen Kinde zur Seite und beschloß sie mit eigener Lebensgefahr zu schützen. Die Stunde des Kampfes kam bald. Graf R. hatte im Einverständniß mit seinem würdigen Schwiegersohn eine gewaltsame, nächtliche Vermählung beschlossen; ein Priester war gedungen; Elfride sollte geopfert werden. Am Abend vor dieser finstern That wurde der Plan Elfriden von ihrer Amme entdeckt, die, obgleich vom Grafen für ihre Mitwirkung bezahlt, dennoch ihren Gewissensbissen nicht widerstehen konnte. Elfride kam zu mir, eröffnete mir Alles und beschwor mich mit der Angst der Verzweiflung, sie zu retten. Die Gefahr war dringend und die Zeit kurz; ich mußte schleunig einen Beschluß fassen, wenn ich Elfride befreien wollte. Graf R. hatte eine Schwester, die in einem Kloster in Seeland Aebtissin war. Zu ihr beschloß ich Elfride zu führen und ihr den Schutz des unglücklichem jungen Mädchens anzuvertrauen. Um jedoch der drohenden Gefahr zu entgehen, mußte Elfride noch in dieser Nacht über den Sund gebracht werden. Ich theilte ihr meinen Plan mit und sie gab sich ganz in meinen Schutz. Ich schrieb einen Brief an den Grafen R., worin ich ihm mit wenigen Worten die Entdeckung, die ich gemacht, sowie meinen Vorsatz eröffnete, ohne jedoch den Ort zu nennen, wohin ich Elfride zu führen gedachte. Diesen Brief ließ ich versiegelt auf meinem Tische liegen, in der Ueberzeugung, er werde nach meiner Flucht bald entdeckt werden, eine Verfolgung aber während der Nacht nicht Statt finden.«

»Es war ein finsterer und stürmischer September-Abend, als ich in dem Boote, das ich mir verschafft und das an der Schloßmauer lag, Elfride erwartete. Mit dem verabredeten Glockenschlag sah ich ihre weiße Gestalt zwischen den Bäumen hervorschimmern und verschwinden 362 – denn in der Finsterniß und Eile war ihr Fuß gestrauchelt und sie mit einem matten Rufe zu Boden gefallen. Ich sprang zu ihr hin, nahm sie in meine Arme und trug sie ans Ufer. Ich war nahe daran es zu erreichen, als mich Jemand gewaltsam im Genick faßte. Ich stellte Elfride auf den Boden, um mich zu vertheidigen. Sie sprang entschlossen ins Boot. Ich warf meinen Gegner, der mich unter wilden Flüchen und Beschimpfungen festzuhalten suchte, zu Boden, sprang zu Elfride hinein und stieß ab vom Lande. Beinahe in demselben Augenblick blitzte es auf dem Ufer; es fiel ein Schuß; ein wildes Durcheinander von heftigem Geschrei und Fluchen schlug an unsre Ohren, allein bald wurde das ganze Getöse vom Rauschen des Sturmes und der Wogen übertönt. Es war eine schreckliche Nacht. Mein Plan war, sobald ich Elfride in Sicherheit gebracht hatte, zu Graf R. zurückzukehren und ihm für meine That Rede zu stehen; und so kühn das Unternehmen war, zur Nachtzeit während eines Sturmes auf einem so kleinen Boote die Ueberfahrt über den Sund zu versuchen, so wagte ich es dennoch im Vertrauen auf meine Jugendkraft und meine Kenntniß des Fahrwassers, sowie beider Ufer, einen glücklichen Ausgang zu hoffen. Allein in der Finsterniß und im Sturm wurde ich irre geführt. Eine Strömung trieb uns ins Meer hinaus; ich merkte es, kämpfte aber vergebens entgegen. Elfride, heldenmüthig und ruhig, pries in der stürmischen Nacht den Himmel für ihre Rettung. Nie werde ich diese Nacht vergessen. Um mich herum ein Meer im Aufruhr, über mir ein Himmel voll schwarzer drohender Wolken – ein Sturm, der mit schrecklichem Gedonner einherbrauste, – mitunter einige blasse Blitze, welche die nächtliche Scene und die Finsterniß nur um so grausenhafter erscheinen ließen, und vor mir in weißen Kleidern dieses Kind, dieses heldenmüthige Mädchen, dieser Engel, der nur die lieblichsten Worte des Trostes, der Hoffnung und der Dankbarkeit vernehmen ließ. Ich ruderte die 363 ganze Nacht, ohne einem Ufer zu nahen; ich wußte jetzt nicht mehr, wo wir waren, und stand die grausamste Angst um Elfride aus. Mit Tagesanbruch nahm der Sturm auf eine entsetzliche Weise zu. Ein Windstoß warf uns an einige Klippen und ich pries mich glücklich, als ich mit Elfride schwimmend und gegen die Brandung kämpfend das Ufer erreichen konnte.«

»Wir waren auf eine kleine Insel weit ins Meer hinaus verschlagen worden. Nur von einer Seite und in großer Entfernung konnten wir festes Land entdecken. Es glich beinahe einem Wunder, daß unser kleines Fahrzeug uns bis hieher getragen hatte; jetzt lag es zerschellt zwischen den Klippen und die Bretter trieben auf den Wogen.«

»Schäumende Brandungen erhoben sich hoch um uns. Meervögel flogen schreiend über unsre Häupter hin. Gelbe und weiße Blümchen wuchsen zwischen den Steinen auf dem Strand und wurden vom Winde gebeugt; es ist mir, als erblickte ich sie noch und sähe, wie Elfride sie pflückte.«

»Die Insel bestand aus einigen Felsen, die mit Tannen und niedrigen Birken bewachsen waren. Eine verfallene und verlassene Fischerhütte bewies, daß früher Menschen hier gehaust hatten.«

»Wir waren allein im weiten Meere; Gefahren mancherlei Art umgaben uns; wir litten Mangel an Allem und doch – so ist die Jugend, so ist das starke und glückliche Leben der Gefühle zur Zeit, da das Herz blüht, daß wir uns in dieser Lage beinahe glücklich priesen.«

»Elfride schien schnell aus einem Kinde Jungfrau geworden zu sein; sie kam mir größer vor, ihr Gesicht, ihr Wesen drückte eine erwachte Seele aus und ich fühlte jetzt für sie, was ich bisher nicht gefühlt hatte . . . . wir waren allein auf der Welt . . . . wir Beide waren ganz allein . . . . kurzes entzückendes, furchtbares Gedicht von Liebe und Tod!« 364

»Du liebtest sie? fragte Philipp tief aufgeregt.

»Ja . . . . wie man mit zwanzig Jahren in dieser Lage, in diesen Verhältnissen liebt. Ja, ich liebte sie. Ich machte ein Feuer auf in der Hütte. Elfride schmückte sie mit Laub und Blumen. Wir genossen etwas Brod und Wein, was ich für sie mitgenommen hatte. Die lieblichste Heiterkeit belebte Elfride. So hatte ich sie noch nie gesehen. Unter der Unruhe und dem Drucke im väterlichen Hause war ihr Frohsinn wie eine flüchtige Passionsblume gewesen. Auf einmal in ein wunderbares Element der Freiheit und Liebe versetzt, lebte sie in der reinsten, freiesten Freude auf, die zwar auf Augenblicke Etwas von der Wildheit ihrer Gemüthsart annahm. Die wilde Scene um uns her steigerte ihre Lebensgeister. Wie ein mit den Wundern der Natur vertrautes Feenkind sprang sie auf den Felsen umher, ließ sich trotzig und vergnügt vom Schaum des Meeres benetzen und vom Rasen des Sturmes liebkosen. Ich mußte sie mit Gewalt von diesen gefährlichen Spielen wegreißen und zwingen, im Schutz der Bäume und Felsen zu bleiben, wo sich das wilde Kind schnell in die holdeste Grazie verwandelte. Sie spielte mit den Blumen um sich her und schmückte den, den sie liebte, damit. Ihre Lippen sprachen melodische Verse aus. Ihr Gesicht strahlte von entzückendem Lächeln. Bald ein folgsames Kind, bald eine eigenwillige Herrscherin, immer lieblich und hinreißend, feurig und schön erschien sie wie eines jener Wesen, von denen die Fabel erzählt, die halb göttliche, halb Naturwesen, einen wunderbaren Einfluß auf Alles was sie umgibt, ausüben. Ich blieb immer um sie und war entzückt und beinahe bezaubert von ihr. Aber während ich Elfride ansah, während ich, in ihren Anblick verloren, den Becher einer reinen und überirdischen Liebe trank, den sie mir reichte, verwandelte sie sich aufs Neue. Die Farbe ihrer Wangen wurde tiefer, der Glanz ihrer Augen unnatürlich, die lieblichen, harmonischen Worte verworren, und als 365 ich ihre Hände in die meinigen drückte, fühlte ich, daß ihre Pulse von einem verzehrenden Fieber gejagt wurden.

»Der Sturm wüthete fort. Ich hatte mein Nastuch an den Wipfel einer Fichte gebunden. Aber kein Fahrzeug ließ sich sehen, weder nah, noch ferne. Das Meer war furchtbar unruhig. So vergingen drei Tage. Jetzt fing Verzweiflung an, mein Herz zu zernagen. Schweigend lag Elfride, still wie ein Lamm, unter der mächtigen Hand der Krankheit da, und still, aber unablässig raste das Fieber, das ihr junges Leben verzehrte. Sie dürstete, und ich vermochte ihre Lippen mit keinem Tropfen Wasser zu erfrischen. Das war ein Leiden. Sie klagte nicht, sondern sprach dann und wann ein Wort des Trostes, und sah mitunter mit einem Engelsblick zum Himmel auf. Sie lächelte und erbleichte, sie pries sich glücklich und die Stimme erlosch . . . .«

»Am Abend des fünften Tages hielt ich eine Leiche in meinen Armen. Ich hatte meine Brust aufgeschlitzt, und das Blut rann warm über ihre vertrockneten Lippen. Vergebens! . . . sie bewegten sich nicht mehr.«

Hervey hielt inne. Große Thränen rollten über seine bleichen Wangen hinab. Nach einer Weile fuhr er fort: »Sie litt nicht viel und sie starb glücklich, denn sie liebte und sah sich geliebt; – das war mein Trost und ist es noch jetzt.«

»Sie war nicht mehr, und die Natur schien ausgetobt zu haben. Sturm und Wogen legten sich. Ich sah ein Boot nahen; das Leben winkte mir, aber das Leben war mir in diesem Augenblick verhaßt. – Doch – der Gedanke an meine Mutter, an Marie, die Hoffnung, einen abscheulichen Verdacht von mir abwälzen zu können, ermahnten mich, zu leben. Mit Elfridens Leiche in den Armen ließ ich mich an den Strand führen, wo ich vor wenigen Tagen den geretteten Engel in Freundesschutz übergeben zu können gehofft hatte. Ich wurde jetzt mit dem Entsetzen empfangen, das man vor einem Mörder empfindet, und lernte die neuen Beschuldigungen 366 kennen, die sich gegen mich gehäuft hatten. Graf R. war blutend an dem Ufer gefallen, von dem aus ich mit Elfride floh; ein Pistolenschuß hatte ihn gefährlich verwundet. In derselben Nacht war ihm eine ansehnliche Geldsumme gestohlen worden – und auf mich fiel der Verdacht wegen dieser niedrigen, finsteren Thaten.«

»Graf Ludwig war zurückgekommen. Nicht mehr als Freund, sondern als Feind stand er jetzt vor mir. Ich sagte ihm, was ich jetzt dir sage, und er – glaubte mir nicht. Ein Keim des Argwohns war von jeher in seiner Seele gelegen. Er konnte die Sprache der Wahrheit von der des Betrugs nicht unterscheiden. Doch ich verzeihe ihm hier auf dieser Stelle – er war schmerzlich verletzt worden – denn er liebte seine Schwester. – Viel sprach gegen mich – der Engel, den ich retten wollte, hatte für immer seine Lippen geschlossen und den schwarzen Mordversuch auf seinen Vater konnte ich nicht erklären. Mit Haß wandte er sich von mir. Die ganze Welt wandte sich von mir. Ich stand allein da. Bilder von Schaffot und Henker wurden mir vor die Augen geführt – und ich war unschuldig! In diesem Gefühl und von dem Wunsche beseelt, gegen alle Welt anzukämpfen, verlangte ich laut nach einer Untersuchung.«

»Ruhig sah ich mich ins Gefängniß eingeschlossen. Mein jugendlicher Muth, mein Unschuldsbewußtsein ließ mich bloß einen glücklichen und ehrenvollen Ausgang voraussehen. Aber bald verdunkelte sich meine Hoffnung. Starke Wahrscheinlichkeiten sprachen für mein Verbrechen; Nichts sprach für meine Unschuld. Um Elfridens Entführung zu erklären, berief ich mich auf meinen Brief an Graf R., und der Brief – fand sich nicht. Der Mörder war nicht entdeckt worden. Ein Schreiber des Grafen, ein Mensch, den ich kaum gesehen hatte, trat als Ankläger gegen mich auf, und wußte durch Vermengung von Falschem und Wahrem meinem Verhältniß zu dem Grafen und seiner Tochter während meines ganzen Aufenthalts im Hause die schwärzeste Färbung zu 367 geben. Die Unmöglichkeit, mich zu rechtfertigen, wenn nicht irgend ein glücklicher Zufall die Wahrheit an den Tag bringe, wurde mir immer deutlicher.«

»Während dieser Zeit öffnete sich mancher Abgrund des Lebens vor meinen Blicken; allein auch mancher Lichtpunkt stieg wolkenfrei aus der dunkeln Welt empor. Die Hölle kam mir nahe, aber auch der Himmel. In dieser Zeit, einer Zeit von wenigen Monaten entwickelte sich mein Charakter und ich wurde damals, was ich jetzt bin. Meine Philosophie, meine Ansicht vom Menschenleben, von der Geschichte, von der ewigen Ordnung stellte sich damals fest. Ich wurde klar in meiner Seele, und sah ruhig dem Tod entgegen. Von der Zeit meiner Gefangenschaft habe ich mir beinahe bloß eine angenehme Erinnerung bewahrt – ja, denn ich wurde während derselben stark und ruhig in mir selbst. Das Bitterste, was das Leben hat, brach hier seinen Stachel an meiner Brust ab – göttliche Gnade, Dank sei dir! Wäre nicht das Bild des weißen Engels gewesen – des Heldenkindes, das in meinen Armen erbleichte! . . . . oft, oft in einsamen Abenden, in langen Nächten stand dieses Bild wie eine Geisterscheinung vor mir. Ich sah das aufgeregte stürmische Meer; ich sah die weiße, feine Gestalt auf den Wogen schweben, langsam erbleichen, langsam zusammensinken. – Elfride! holdes, unglückliches Kind! Manchmal in meinem wirksamen Leben hat dieses Bild auf Augenblicke meine wirksame Kraft gelähmt, manchmal in friedlichen Umgebungen, in der Stunde der Freude einen Schatten über alles Liebliche und Schöne im Leben geworfen.«

»Die Zeit rückte herbei, wo öffentliche Verhöre meiner Verurtheilung vorangehen sollten. Ich bereitete mich darauf vor. Ich wollte selbst allein mein Vertheidiger sein. Ich wollte den äußersten Versuch machen, mich zu rechtfertigen. Im Fall es nicht gelingen sollte, war ich vollkommen resignirt. Die Achtung oder Verachtung der Gesellschaft verliert viel von ihrem Gewicht, sobald 368 man eingesehen hat, daß sie mehr nach Schein, als nach Wirklichkeit ertheilt wird, daß das Auge des Menschen nicht bis zur Quelle der Handlungen dringen kann. Dagegen erhebt sich dann mit verdoppelter Macht die Gewißheit, unter einem höhern Auge zu stehen – die irdischen Bande lösen sich, die himmlischen knüpfen sich fest.«

»Aber theure Bande fesselten mich noch an die Erde. Meine Mutter und Marie waren zu mir geeilt und theilten mein Gefängniß. Die Geliebten hatten nicht gezweifelt. Sie erfreuten meine Seele, und der Gedanke, sie zu verlassen, war mir bitter.«

»Graf Ludwig sah ich in meinem Gefängnisse nicht: dagegen besuchten mich zwei von meinen künftigen Richtern öfter. Es war mir eine Freude, zu wissen, daß ich das Herz dieser vortrefflichen Männer gewonnen hatte, daß sie an meine Unschuld glaubten.«

»Der Tag des ersten Verhörs rückte näher. In der Nacht vorher sah ich auf einmal die Thüre meines Gefängnisses sich öffnen, und man sagte mir, ich könne fliehen. Ich weigerte mich, den Glauben an mein Verbrechen dadurch zu bekräftigen. Da erklärte mir ein Mann, den ich nicht nennen werde, der Ausgang meines Prozesses sei unzweifelhaft, ich werde zum Tode oder zu lebenslänglichem Gefängniß verurtheilt werden, allein Personen, die moralisch von meiner Unschuld überzeugt seien, haben Mittel zu meiner Flucht ausfindig gemacht und mit ihrer Hilfe könne ich ins Ausland gelangen. Meine Mutter und meine Schwester schloßen mich in ihre Arme, und beschworen mich, mich und sie zu retten. Ich überlegte mir die Sache. Der positive Werth der Achtung der Gesellschaft war in Folge der Reflexionen, wozu meine Lage mich veranlaßte, in meinen Augen bereits gesunken. Durch meinen Tod gewann ich Nichts für meine Ehre; er mußte eben so nutzlos als entehrend sein. Der Gedanke an lebenslängliches Gefängniß war mir schrecklich. Hier standen meine Mutter 369 und meine Schwester, welche mein Tod nicht nur in Schande, sondern auch in Dürftigkeit stürzen mußte. Wem und was konnte wohl meine Flucht schaden? Man bot mir Leben und Freiheit an, und Leben und Freiheit flammten entzückend auf vor meiner Seele. »Die Welt ist groß,« dachte ich; »ich werde schon ein Plätzchen für mich und die Meinigen finden, wohin Verläumdung und Haß nicht dringen werden. Ich werde schon mein Brot verdienen und über mir ist Gott!«

»Ich folgte dem Rath, den man mir ertheilte, und floh mit den Meinigen. Unerwartete Hilfsmittel, die ich unterwegs traf, erleichterten meine Flucht nach England. Bald darauf reiste ich nach Indien, wo ich Arbeit und Brod fand. Eine Schrift von mir, die bald nach meiner Flucht in Schweden herauskam, machte einen mir günstigen Eindruck. Der Glaube an mein Verbrechen begann zu wanken. Der Sturm, der sich über mich erhoben hatte, legte sich allmählig zu einem schwankenden Säuseln. Jahre verstrichen. Neue Ereignisse, neue Verbrechen nahmen die Aufmerksamkeit des Publikums in Anspruch. Man vergaß allmählig mich und meine Sache. Graf N. genas von seiner Wunde, starb aber einige Zeit nachher in Folge eines Sturzes vom Pferde. Mein armer Emil war nach der Heimath gegangen, wo keine harten Worte ihn mehr erreichen, wo nur milde Liebesstimmen seine erschreckte Seele aus ihrem Versteck hervorlocken werden. Armer Emil! Armes Kind!«

»Mittlerweile nahm mein Leben in Indien eine unerwartete Wendung. Ich war so glücklich, einen alten Herrn aus Räuberhänden zu befreien. Von dieser Stunde an behandelte er mich wie einen Sohn und vermachte mir ein nicht unbedeutendes Vermögen mit der einzigen ausdrücklichen Bedingung, daß ich seinen Familiennamen – Hervey annehmen solle. Der liebenswürdige alte Mann war mir theuer; sein Anerbieten kränkte Niemandens Rechte, denn er stand allein im 370 Leben da und war der Schöpfer seines eigenen Glücks gewesen; ich wies seine Güte nicht von mir, machte ihn aber, bevor ich sein Anerbieten annahm, mit meiner Geschichte bekannt. Der Alte glaubte mir; er der Fremdling that, was mein Jugendfreund verweigert hatte – er glaubte meinem Wort. Er wurde mein Vater und ich wurde sein Sohn. Meine Mutter und Marie pflegten und erheiterten sein Alter. Mich ergriff ein unruhiges Verlangen zu reisen, die Welt zu sehen und düstere Erinnerungen zu zerstreuen. Ich wanderte als Missionär durch mehrere Theile Asiens und drang bis ins Innerste von China. Die wissenschaftlichen Schätze des Orients öffneten ihre reichen Quellen für meine Seele, und nicht minder erquicklich war mir die immer genauere Bekanntschaft, die ich mit der Menschennatur und der Kraft der Religion machte. Es war ein Leben voll von Mühen und oft auch Gefahren, aber voll Interesse. Nach einigen Jahren solcher Wanderungen kehrte ich zu den Meinigen zurück, – ach um den letzten Seufzer meines Wohlthäters zu empfangen.«

»Ich wollte mich nun nicht mehr von meiner Mutter und Marie trennen. Es verlangte mich nach einem stilleren Leben, nach einer geordneteren Wirksamkeit. Einige wissenschaftliche Schriften hatten meinen Namen vortheilhaft bekannt gemacht, und ich hätte in einer blühenden Natur, in einem Kreis von liebenswürdigen Menschen ruhig leben können, aber nun ergriff mich ein Gefühl, das tiefer, unwiderstehlicher vielleicht ist, als alle, welche auf Erden eine Menschenbrust verzehren oder erschüttern – das Heimweh oder vielmehr die Heimkrankheit, denn das Herz erkrankt in der Sehnsucht nach der Heimath und verwelkt, wenn sein Begehren unerfüllt bleibt. Geheimnißvolles, mächtiges, wunderbares Gefühl, überwältigende Anziehungskraft! – wer kann dich beschreiben und wer dir widerstehen? Die Herzwurzeln des Menschen haften in der heimathlichen Erde; sie saugen ihr Leben ein von dem Edelsten und 371 Eigensten, was diese in Heldenthat und sittlicher Schönheit, in Geschichte und Alltagsleben, in Natur und Kunst hat – ach! die Jahre der Kindheit, der Kindheit Freuden und der Kindheit Thränen – das Ufer, wo du gespielt, der Wind, der dich geliebkost, die erste Liebe, die erste Wissenschaft, Alles fesselt, Alles bindet tief unauflöslich an dieselbe.«

»Ich hatte Viel im Leben ausgestanden, ich hatte mit Vielem sowohl in als außer mir gekämpft und gesiegt – nun aber war ich im Begriff, unter diesem Gefühl zu erliegen, das mich verzehrte wie ein brennender Durst, wie ein verödender Samum. Wir haben von einem Lappländer gehört, der nach dem Süden geführt das Heimweh bekam und unter allen Herrlichkeiten der Kunst und Natur einzig und allein nach einem Bischen Schnee begehrte, um sein Haupt darauf zu legen. Diesem glich ich. Das Wilde, das Winterige des Nordens zog mich mit Zaubermacht an sich. Ich verbarg meine Gefühle vor Mutter und Schwester; ich wollte sie nicht beunruhigen und nicht den Gefahren aussetzen, die uns im Vaterlande bedrohen würden; allein ich wurde heimlich verzehrt, meine Seele wurde schwach. Gleich dem verbannten Foscari verlangte es mich nach Hause, selbst bei der Gefahr, einem schimpflichen Tode entgegenzugehen!«

»Ich sah bald, daß ich nicht allein von dieser Sehnsucht gequält war. Marie, jung und fröhlich, lebte frisch in der Gegenwart, aber meine Mutter fiel allmählig zusammen und schien alle Lebenslust zu verlieren. Meine Zärtlichkeit, die Kunst der geschicktesten Aerzte richtete Nichts aus; schweigend und melancholisch verbarg sie sich vor ihrem Sohne. Eines Tages überraschte ich sie in Thränen. Ich schloß sie in meine Arme, ich umfaßte ihre Kniee und beschwor sie, mir ihr Herz zu öffnen; da kam langsam und schmerzlich über ihre bleichen Lippen das Wort »Schweden!« – »Schweden!« wiederholte ich mit unbeschreiblicher Liebe. Wir vermischten unsre Thränen, wir nannten wohl hundertmal 372 dieses Wort, das schon lange aus unsern Gesprächen verbannt gewesen war. Es war ein Wahnsinn, es war eine Wollust. »O mein Sohn,« sagte sie, »ich muß Schweden wieder sehen, oder ich werde sterben.«

»Wir wollen hin, meine Mutter,« antwortete ich auf einmal bestimmt und richtig, »wir wollen dort leben und sterben.« Von diesem Augenblick an war es mir, als sei jede Last von meinem Leben genommen. Ich brachte mein kleines Vermögen zusammen. Wir reisten ab. Das Glück begünstigte uns. Wir sahen die Vatererde wieder.«

Hervey schwieg. Seine Augen füllten sich mit Thränen und er beugte sich nieder auf den bemoosten Fels. Er küßte ihn. Nach einer Weile fuhr er fort: »Ich war sehr verändert, sowohl durch die Jahre, als durch meinen Aufenthalt unter Indiens Sonne; man kannte mich nicht mehr. Auch wich ich meinen früheren Bekannten aus. Aber zu einem der Männer, die mir während meiner Gefangenschaft Theilnahme bewiesen hatten, ging ich und entdeckte mich ihm. Er war noch derselbe. Ich fand in ihm einen Freund und Beschützer. Er sagte mir, es beginne sich einige Aussicht zu meiner Rechtfertigung zu zeigen. Man hatte starken Verdacht auf eben den Schreiber des Grafen N. gefaßt, der als mein Ankläger aufgetreten war. Man wollte sich seiner versichern, allein er verschwand plötzlich, und bis jetzt haben sich alle Nachforschungen fruchtlos erwiesen. Inzwischen versprach man mir, dieselben sollen jetzt mit verdoppeltem Eifer fortgesetzt werden.«

»Ich suchte mir einen Zufluchtsort, fern von der Gegend, wo ich meine Jugend zugebracht, und wählte absichtlich diesen wilden, einsamen und wenig besuchten Landstrich. Meine Mutter, die im nördlichen Finnmarken geboren ist, freute sich, die Luft ihrer Kindheit wieder zu athmen. Marie war überall glücklich, wo es uns wohl ging.«

»Ich kaufte mir ein kleines Gut in dieser Gegend, 373 die mich auch dadurch lockte, daß es viel zu thun gab; durch Arbeit und Anbau konnte diese Wildniß in urbares und glückliches Land umgeschaffen werden. Ich gab mich für einen Engländer aus, wofür mich die Leute auch hielten, und erwarb mir unter meinem neuen Namen das schwedische Staatsbürger- und Unterthanenrecht.«

»Umstände, deren Auseinandersetzung zu weitläufig wäre, machten, daß ich aus dem Privatleben bald in das öffentliche trat und das Amt annahm, das ich jetzt bekleide. Ich trug ein wahres Verlangen nach dieser Art von Wirksamkeit. Ich liebte die Menschen, ich fühlte mich auch im Besitz guter Worte, um sie ihnen zu sagen und wußte, daß es mir nicht an der Gabe fehle, sie ihnen eindringlich zu machen. Ich empfand ein inniges Verlangen, Gutes für die Gesellschaft zu wirken, die mich ausgestoßen; ich wünschte, mein gegenwärtiges Leben sollte meinen Mitbürgern die Unschuld des verflossenen beweisen, im Fall die finstere Beschuldigung noch einmal gegen mich erhoben würde, wo nicht, so wollte ich in meiner Todesstunde die Gemeinde, für die ich gelebt, um mich sammeln und zu ihr sagen: »Ich bin Eduard D . . .! Freunde, die ihr mich kennet, urtheilt, ob ich ein Verbrecher bin!«

»Ich hatte mich über das Urtheil der Gesellschaft erhoben, als es ungerecht werden mußte, aber es lag mir sehr viel daran, ihre gerechte Anerkennung zu verdienen. Außerdem konnte der stille Lehrer und Ansiedler in diesem Winkel der Welt in weitern Kreisen wenig bekannt werden. Verborgen vor der übrigen Welt und bloß in diesem Kreise wirksam und bekannt schien mir meine Stellung hier die wünschenswertheste, so lange das Geheimniß, das über meinem Leben ruhte, sich nicht vollkommen aufgeklärt haben würde. Die Nachforschungen, auf die ich große Hoffnung gegründet, blieben zwar ohne Erfolg, der verdächtige Verbrecher wurde nicht gefunden, doch konnte ich selbst sicher vor allem Argwohn und vor Verfolgungen leben. Ich wurde immer zuversichtlicher, 374 immer hoffnungsvoller, immer glücklicher; manchmal habe ich während dieses geschäftsvollen Lebens in der Gesellschaft mit den guten Menschen um mich her die ganze Heiterkeit meiner Jugend wieder aufleben gefühlt, habe die Vergangenheit vergessen und sorgenfrei in die Zukunft geblickt. Jahre vergingen: ich sah meine Mutter aufs Neue jung werden, ich sah Marie gedeihen, Freunde sammelten sich um uns; – ich fing an zu hoffen, meine Tage ungestört verleben zu können. Das Zusammentreffen mit Löfvenheim beunruhigte mich; ich hätte gewünscht ihm ausweichen zu können. Ich hatte ihn in meiner Jugend gut gekannt. Er war Graf Ludwigs Freund und ich hatte seinen scharfen, beobachtenden Blick nicht vergessen. Doch tröstete ich mich mit meinem veränderten Aeußern und dem Umstand, daß mich bis jetzt keiner von meinen früheren Bekannten wieder erkannt hatte. Daß ich mich getäuscht, hat mich dieser Abend schmerzlich empfinden lassen. Löfvenheim war nie mein Freund, ich habe von ihm Alles zu fürchten. Indeß werde ich ihm und dem Schicksal, das mich zu erwarten scheint, nicht mehr auszuweichen suchen. Ich will ruhig den drohenden Augenblick erwarten und wenn er kommt, den Kampf auskämpfen.«

»Eduard, Eduard!« rief Philipp düster, »du bist also unschuldig und kannst dich nicht rechtfertigen vor der Welt! Du bist unschuldig und mußt dem finstersten Argwohn ausgesetzt bleiben! Was soll man da von der Vorsehung denken?»

»Vorsehung?« wiederholte Hervey mit mildem Ernst. »Das Reich der Vorsehung wird von den Wirren dieser Welt nicht gestört. In ewiger Klarheit steht es über denselben und ruft früher oder später Alles zur ewigen Ordnung zurück. Widersprüche, Gewaltthätigkeiten, Verbrechen, Dunkel und Wirren wird es jederzeit auf Erden geben – aber jenseits dieser Welt ist eine andre, jenseits des Grabes – die Auferstehung! das ist die Lösung des Räthsels, das Geheimniß der Vorsehung. 375 Und wir haben es ja geoffenbart gesehen! Hat nicht das Heiligste auf Erden geblutet und ist zwischen Missethätern gestorben? Ist es nicht auferstanden und hat sich die Welt unterworfen? Mögen diejenigen, die dem Göttlichen auf dem finstern kurzen Wege nachfolgen, auf ihn sehen und nicht klagen! Und wenn des Henkers Hand ihnen die Augen verbindet, mögen sie auch dann Gott preisen; denn die Binde zerreißt und die Vorsehung lebt.«

»Eduard! ich habe an dir gezweifelt – kannst du mir verzeihen?«

Eduard reichte ihm die Hand. Philipp drückte sie feurig an seine Brust und sagte: »Dank, Eduard, Dank für deine Güte, dein Vertrauen! Was ich für dich fühle, will ich durch meine Thaten beweisen. Von heute an werde ich mir keine Ruhe mehr gönnen, bis du gerechtfertigt vor der Welt dastehst. Fürchte Nichts wegen Löfvenheims. Er wird schweigen; sowohl seine Ehre, als sein Interesse bürgen mir dafür; ich habe beides in Anspruch genommen. Löfvenheim bedarf meiner Unterstützung. Eduard, mein Herz sagt mir, daß ich den Verbrecher ausfindig machen werde; du wirst gerechtfertigt dastehen und Nichts wird deine Seligkeit hindern, du wirst dann das Schönste und Liebenswürdigste auf Erden gewinnen können . . . .«

»Was willst du damit sagen?« fragte Hervey verwundert.

»Eduard, du mußt Alles wissen! Ich habe die Vereinigung von himmlischer Schönheit und Güte nicht sehen können, ohne zu lieben, ohne anzubeten . . . aber ich verstand meine Gefühle für Nina nicht, ohne noch vorher einzusehen, daß sie dich liebt.«

»Mich? Mich!« rief Eduard heftig und beinahe entsetzt: »mich? Unglücklicher! Es ist nicht wahr, es ist nicht möglich!«

»Ich suchte sie eines Tages auf und traf sie im Schatten der Goldweide sitzend. Sie glaubte sich allein. 376 Ich näherte mich schweigend, denn ich hörte sie sprechen, aber die Worte, welche sie in Tönen, die Engel beneiden dürften, aussprach, waren, Eduard – dein Name!«

Hervey war heftig erschüttert. »Nein, nein, es ist unmöglich, unmöglich!« wiederholte er, indem er seine Augen mit der Hand bedeckte, als wären sie geblendet worden.

»Sie liebt dich, Eduard! Der himmlisch holdselige Engel liebt dich, und du kannst nicht anders, als sie wieder lieben. Du bist ihrer würdig, dir wird es beschieden sein, sie zu gewinnen.

»Sie zu gewinnen!« wiederholte Eduard. Himmel und Hölle stritten in seiner Seele. Er legte sein flammendes Gesicht in seine Hände und verblieb einen Augenblick schweigend so. Endlich sagte er mit scheinbarer Ruhe: »Ich bin überzeugt, Philipp, du hast dich geirrt. Außerdem bedeutet das zufällige Nennen meines Namens gar nichts. Es wäre lächerlich von mir, eine Hoffnung darauf bauen zu wollen. Ich bitte dich, laß uns nicht davon sprechen. Schon die Hoffnung, ein Plätzchen in ihrem Herzen zu besitzen, erweckt Tantalus-Qualen in dem meinigen. Fort mit diesen entzückenden, verwirrenden Gedanken! Sage mir, Philipp, hat Löfvenheim auch gegen Andre, als gegen dich geäußert, was er von mir zu wissen glaubte?«

»Nein und er wird es auch nicht thun. Ich habe sein Versprechen und kann mich darauf verlassen. Ueberdieß werde ich ihn auf meiner Reise noch einmal sehen und seine Zunge noch strenger binden, sowohl mit guten als bösen Worten. Wehe ihm, wenn er sie über diese Sache löst! Eduard, du kannst vollkommen ruhig sein.«

Die Sonne war untergegangen. »Laß uns nach Hause gehen!« sagte Eduard »es wird spät.« Sie gingen schweigend. Als sie an den Platz kamen, wo der Weg nach Philipps Gut einbog, blieb er stehen und sagte weich:

»Eduard, ich muß dich verlassen. Sage mir noch 377 einmal, daß du meinen unwürdigen Zweifel verzeihst, daß du mich noch deinen Freund nennen willst?«

Eduard öffnete ihm seine Arme und drückte ihn an seine Brust.

Tief gerührt sagte Philipp: »Im Leben und im Tod verlaß dich auf mich! O könnte ich diesen Augenblick zurückkaufen . . . könnte ich dich meine Schwachheit, meinen Zweifel vergessen machen!«

»Philipp,« sagte Eduard warm, »ich kenne dich! Glaube mir, wenn ich eines Freundes bedarf – so werde ich zu dir gehen.«

Noch ein herzlicher Händedruck und die beiden Freunde schieden. Hervey kam bald auf eine Anhöhe, von wo aus man Umenäs erblickte. Die Abendröthe schien auf die Fenster der Façade. Hervey blieb unwillkührlich stehen und sein Auge heftete sich auf die Fenster in Ninas Zimmer. Bittersüße Gefühle erfüllten seine Brust, sein Herz brannte von inniger Liebe zu ihr. Er war heftig erschüttert gewesen, jetzt beruhigte sich seine Seele in einer innigen Segnung über sie.

»Friede sei über dich, du angebeteter Engel!« sagte er leise; »Friede und Freude mit dir! Möge kein giftiger, kein störender Hauch deinem Herzen nahen, du schönes liebliches Wesen! Ich kann entsagen – sogar dir – um deinetwillen. Ich habe gelitten ohne zu klagen, ich kann auch lieben ohne es zu verrathen. Göttlich schön müßte es sein für dich zu leben; o wie wonnevoll auch für dich zu sterben! Bitter ist es dir zu entsagen. Das ist mein Loos; aber ich will aus der Ferne über dich wachen. Von nun an werde ich dich selten sehen. Stille, stürmendes Herz, stille!« 378

 


 

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