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Fredrika Bremer: Nina - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleNina
authorFredrika Bremer
translatorG. Fink
year1843
firstpub1835
publisherFranckh'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleNina
pages520
created20171205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Maitage.

Der Herr des Himmels schritt mit der Schöpfung der Dinge vorwärts und offenbarte sich im vollen Frühling.
                        Konfuzius.

Und der Winter ging und der Frühling kam – vielleicht bemerkt Jemand, daß dieses absonderliche Ereigniß in jedem Büchlein aus dem Alltagsleben wiederkehrt. Aber darf man sich darüber wundern? Es ist etwas so Liebenswürdiges um den Frühling. Die Erde wird seines Besuches nicht überdrüssig; werde es der Leser auch meiner Beschreibung nicht.

In der Tiefe der Erde gähren die Säfte. Die Elementargeister fahren darüber hin, locken, winken und mahnen. Es verlangt sie, in irdischer Gestalt zu blühen und jeder in seiner Art ihr schönes Leben auszusprechen. Die Sonne, die Ewige, lächelt über den Spielen des Erdenlebens und segnet und begießt jedes Wesen mit ihrer Fluth von Licht und Wärme. Und die Säfte steigen liebeswarm gegen das Licht auf, im sich von den Geistern bilden zu lassen, und weben stille ihre herrlichen 325 Gestalten – stille, ohne Mühe, ohne Unruhe: – so webt, so bildet auch das Genie seine schönsten Erzeugnisse. Der Augenblick ist da und die Natur schlägt ihren Kranz von stillen Wundern aus. Da sprießt das Laub hervor, vollendet bis in seine kleinsten Theile, ein Kunstwerk so gut, als die größte der Welten. Aus dem Schooß des harten Felsen schwellen Moose auf und machen ihn weich. Das Blümchen öffnet seinen Kelch; ein Mysterium von Schönheit, unergründlich für den Blick des Menschen, wie sein Schöpfer. Summend breiten die Insekten ihre Purpurschwingen aus in dem freien Raum – sie sind die Freigeborenen der Natur und darum singen sie. Alles so groß, so schön im Allerkleinsten. Jeder einzelne Theil so vollendet und das Ganze . . . . der Reichthum, die Mannigfaltigkeit, die Harmonie, die Herrlichkeit des Lebens – wer kann sie fassen? Wer kann sie verstehen? Unsterblicher Thorild, lehre mich wenigstens sie preisen!

»Herrlicher Glanz der Natur! O Gottes Seligkeit! O das Ewig sich ergießende Leben! Heilige! in dir
Wimmeln Geschöpfe, Begierden, und unergründlich lebt Alles,
Lebet der Ewige! Ach, ergieße, Quelle der Schönheit,
Ueber die Welt deinen Glanz, deines Wesens leuchtenden Ausdruck!
Allbelebender Geist! Hauch Gottes, in mir und um mich!
Hauch des Herrn, und Leben der Ros' und Freude des Lichtes,
Und des Staubes belebende Kraft! Allherrlicher, Guter!
—   —   —   —   —   —   —   —   —   —   —   —
Jedes Geschöpf hat den eigenen Kreis von Güte und Schönheit,
Ist im Staube selbst Gott! So zieht es Alles zu sich hin,
Schafft eine Welt um sich, eine eigene Ordnung der Dinge, 326
Eigene Ordnung des Guten, Vollkommenen, steigender Schönheit
Für sein schimmerndes, flüchtiges Wesen. Wirket und schaffet
Nach seiner Fassungskraft sein Selbst, seines fühlenden Sinnes
Leben, Genuß und Wohl! O Harmonien ohn Ende!
Eine ist ewig und wahr, die: Gottes, des Großen, des Ganzen!«

Das sind gotttrunkene Worte. Verdolmetschen sie das Leben, verdolmetschen sie das Gefühl vollkommen? Ach!

Der Frühling im Norden ist nicht, wie in südlicheren Ländern, ein langsames Erwachen aus einem tiefen Schlaf. Er bricht auf einmal aus wie ein jugendliches, frisches Lachen. Gestern lag noch die Schneedecke über dem Boden, heute ist sie verschwunden, und das Gras steht grün und die Bäume belaubt. Wie die Schneehühner lachen in den dampfenden Wäldern, wie die Auerhähne spielen, wie die Drosseln singen, wie die Birken duften! Die Thäler füllen sich mit einfachen Rosen und Linneen, die Berge kleiden sich mit Bergveilchen, weiße Wasserrosen schaukeln sich auf den Wogen, die Goldweide schmückt sich mit goldgelben Blumenknöpfen. Der Himmel schwimmt in einem Meer von Licht. Die Sonne will nicht untergehen, die Nacht zeigt ihr Antlitz nur auf einen Augenblick und verschwindet. In diesen Dämmerungsstunden flammen die Spitzen der Schneeberge und beglänzen die Thäler mit wunderbarer Klarheit.Siehe die Einleitung in die Geschichte des schwedischen Reichs.

Ein inneres Entzücken durchbebt die Natur. Es ist ein sprühendes Leben von Licht, Wärme und Wohlgeruch, worin alle Wesen, vom Menschen bis zum Insekte, mit wollustvoller Freude athmen.

In dieser düftereichen Welt, in dieser Luft voll Gesang, unter diesem Himmel von Licht stand Nina. 327 Nina, die Sonnentochter, die Licht und Wärme Begehrende, stand verwundert und entzückt da über dieses starke, wunderbare Leben, und ihr Wesen öffnete sich blumenähnlich, um es entgegenzunehmen. Zu ihrer Seite stand Hervey. O wie dieser Augenblick des Lebens für Beide schön war! Sie liebten so tief, so innig, und schweigend und warm liebte und lebte mit ihnen die Natur. Alles war ein hoher, harmonischer Akkord. Sie sprachen nicht von dem, was sie für einander fühlten – sie gaben sich selbst keine Rechenschaft davon. Ein Wort hätte ihre himmelreine Seligkeit vielleicht gelöscht. Sie waren einander nahe, sie waren beisammen, das war ihnen genug. Oft ging sie still und trunken von der lieblichen Fülle ihrer Gefühle dahin; oft ließ aber auch Hervey seiner natürlichen Beredtsamkeit, die seine Liebe zu Nina noch reicher machte, freien Lauf. Wie warm, wie voll umfaßte nicht Hervey Alles! Wie bedeutungsvoll wurden nicht die Gegenstände, die er berührte! Der Fels erschloß seine Schätze, das Brausen des Meeres erhielt Bedeutung, die Bahnen der Sterne, die Wege der Menschen und das stille Leben der Korallen, Alles kam geordnet, hell und sinnvoll aus seiner klaren Seele. Sein Blick lag wie ein Sonnenschein über dem Leben. Und jenes tiefe, ewige Thema zu allen Variationen der Schöpfung – Gott! Ihn sah Hervey sie Alle durchdringen; von ihm gingen sie aus, zu ihm gingen sie zurück, reiche und liebevolle Offenbarungen vom Leben des Ewigen. An Ninas Seite, von ihr begeistert wurde Hervey der Skalde, der Verherrlicher der Natur.

Und sie? Entzückt und selig ging sie an seiner Seite und lauschte seiner Stimme, seinen Worten. Wie schön zerstreute nicht das Licht in seinem Blick die Nebel in ihrer Welt! Wie klar, wie freundlich wurde sie nicht! Es ward ihr so warm, so lieblich, so unendlich wohl um das junge Herz. Es schlug hoch in bisher ungekannter Wonne und Lebenslust. In solchen Augenblicken entwickelte Ninas ganzes Wesen seine Blüthe. Die 328 Farben der Rose schlugen auf ihren Wangen aus; ihr Auge vertauschte seinen dunkeln Blick gegen eine Klarheit, wie die des Frühlingshimmels über ihr; ihr Wuchs, ihre Formen bekamen eine schöne Fülle. Eine entzückende Heiterkeit belebte ihre Bewegungen und Worte. Sie war ein lebendiges Bild der Glückseligkeit. Ebenso Hervey an ihrer Seite.

Und wenn diese Blüthenzeit des Lebens auch nur einen Morgen währte, so ist es doch schön, sie genossen, seine Brust in Frühling und Liebe gebadet, die Herrlichkeit des Lebens verstanden zu haben. Diese strahlende Morgenröthe wirft einen Zauber auf das ganze übrige Leben. Man erträgt seinen erdenschweren Tag besser, wenn man die Fülle einer Stunde gehabt hat, wenn das Herz sich ein einziges Mal mit Freuden gesättigt, wenn es ein einziges Mal genug gehabt hat. Vielleicht denkst du nicht so, du, der du nach einem Leben der Entsagung beim stillen Sternenlicht eines Abendhimmels dahinziehst und einem Morgen entgegengehst, dessen Klarheit nicht erbleichen wird. Und du hast vielleicht Recht. Ich bin geneigt, es zu glauben.

In einem südlicheren Lande wäre eine Liebe, wie die Herveys und Ninas, bald in Flammen ausgebrochen. Sie hätte mit vulkanischer Kraft alle Fesseln, vielleicht auch heilige Bande gesprengt und die Hochzeitsfackel oder den Scheiterhaufen angezündet. In dem stillen, ernsten Norden, wo sie entstand und sich entwickelte, nahm sie eine andere Gestaltung an. Hast du zuweilen Bäume ungleicher Art gesehen, die aus verschiedenen Wurzeln emporgesprossen, gleichsam von einer unwiderstehlichen Anziehungskraft getrieben, ihre Stämme an einander drücken, immer dichter und inniger, bis Eine Rinde beide umschließt, und man kaum mehr die Stelle erkennt, wo sie zusammen gewachsen sind? Die zwei sind Eins und keine menschliche Macht kann sie mehr trennen, ohne zugleich auch ihr Leben zu zerstören. Mit einander saugen sie die Säfte der Erde ein, ihre Zweige sind zu einer 329 gemeinschaftlichen Krone verflochten, dieselbe Schneedecke bedeckt sie in der Nacht des Winters, dieselbe Sonne befreit sie wieder davon, derselbe Wind schüttelt ihre Wipfel und dieselben Sänger suchen Schutz unter ihrem Laubwerk.

Erkennen sich glückliche Eheleute wieder in dieser Schilderung? Mögen ihrer Viele sein! Mögen sie lange leben auf Erden! Sie gewahren eine Anblick, welcher lieblich ist in den Augen Gottes und der Menschen.

So tief, so still, so innig war das Gefühl, das Hervey und Nina vereinigte. Und eben, weil es so tief war, blieb es lange Beiden ein Geheimniß. Es kam nicht über sie, wie ein fremdartiges Gefühl, es stieg auf, wie die Wirklichkeit und Verklärung ihres Lebens, wie die innerste Wahrheit ihres Wesens.

Nina gab sich blind einem Gefühle hin, welches ihr das Leben selbst war und den Himmel öffnete. Die Erinnerung an frühere Verbindungen erlosch gleichsam in ihrer Seele; sie wußte Nichts davon, sie dachte nicht daran. Hervey war ihre Welt, ihr Leben, ihr Schicksal, ihr Alles. Aber sie dachte das Wort Liebe nicht. Und als Hervey es dachte, als es ihm klar wurde, welches Gefühl sein Herz erfüllte, da faßte er bloß den festen Entschluß, ihren Frieden nie zu stören. Er fühlte Kraft genug in sich, um die Leidenschaft in seiner eigenen Brust zu besiegen, wenn er ihr nur nahe sein, sie stützen und ihre Welt erleuchten durfte. Er konnte für die Macht, die er über sie ausübte, nicht blind sein, aber er nannte ihr Gefühl nicht Liebe. Auch war es nicht Liebe, was er bei ihr zu erwecken wünschte; er konnte nicht wünschen, ihr Leben mit dem seinigen zu vereinigen, an welches sich ein düsterer Schatten angehängt hatte, ein unabweislicher, undurchdringlicher Schatten, der fürchterlich hervortreten würde in dem Augenblick, da er Nina und mit ihr die Seligkeit suchte. Er wies diesen Gedanken weit, weit von sich. Aber er fühlte das Bedürfniß, ihr wohlzuthun, sie mit dem Besten, was er besaß, 330 zu segnen, mit seinen Kenntnissen, mit seinem Herzen. Er wollte ihr Alles geben, und begehrte Nichts dagegen. Ihre Neigung war ihm angenehm, angenehmer und nothwendiger vielleicht, als er sich selbst gestand. Es lag in Herveys Seele ein so tiefes Bedürfniß, glücklich zu machen, daß schon die Befriedigung dieses seinem Herzen genug war. Deßhalb dachte er so wenig an das, was man ihm zurückgab, deßhalb las er das Wort Liebe nicht, das dreifach geschrieben stand in dem himmlischen Lächeln, welches Ninas Lippen bei seiner Ankunft theilte, in ihrem strahlenden Blick, in dem Glanz der Wonne und Seligkeit, der sich dann über ihr ganzes Wesen ergoß.

Aber er kam jeden Abend, um diesen Anblick zu genießen, wie der Hirsch nach der Hitze des Tages nach der frischen Quelle verlangt, wie der Erdenpilger sich nach seinem Himmel sehnt, wenn sein Arbeitstag sich zu Ende neigt. Mit freundlicher Ungeduld mahnte er seine Schwester Marie, sich fertig zu machen, und legte dann eilenden Schrittes den Weg von Tärna nach Umenäs zurück. Bei Ninas Anblick wurde er ruhig. Klara und sie waren meistens schon bereit zu einer Wanderung in die wilde, aber romantisch schöne Gegend, wo Hervey jeden Weg und Steg kannte. Sie gingen also zusammen. Bald theilte sich die kleine Gesellschaft. Ninas Arm ruhte in dem Herveys. Sie gingen voraus, während irgend etwas Besonderes Klaras Schritte lähmte. Sie blieb mit Marie zurück und lauschte mit einem milden melancholischen Lächeln dem Thema, das beständig mit so inniger Liebe über Mariens Lippen kam – ihren Gesprächen über den geliebten Bruder, seine Worte, seine Handlungen, seine Zärtlichkeit, seine Besorgtheit, so wie die Liebe und das Vertrauen, das ihm Jedermann schenkte.

Nina liebte es, mit Hervey von Edla zu sprechen. Sie schilderte dieselbe als ein höheres Wesen, unerreichbar für die Freuden und Leiden der Erde; streng und doch mild; tief aber klar; ihre guten Handlungen 331 verbergend, wie Andere ihre schlechten; einfach aber ungewöhnlich, mit Niemand vergleichbar, als mit sich selbst. Sie sprach von ihrer frühesten fröhlichen Kindheit an der Seite der geliebten kleinen Schwester, von ihrem langjährigen geschwächten Zustande nach dem Tode derselben, von Edlas Einfluß auf sie. Ihre Lippen weigerten sich jedoch das auszusprechen, was ihre Seele mit tausend Stimmen wiederholte, daß sie jetzt erst des Lebens Schönheit verstehe, jetzt erst jung und glücklich sey, jetzt erst von ganzem Herzen den allgütigen Geber des Lebens liebe und das Gute, die Tugend, die ihm gefiel. Hervey hörte ihr mit stillem Vergnügen zu und freute sich über ihre schöne Seele, die offen vor ihm da lag, wie ein klarer Spiegel. Er lauschte mit Entzücken dieser melodischen Stimme, dieser reinen und doch so einfachen Sprache. O wie seine Seele sie liebte!

Oft führte er Nina in die neuen Anlagen, die er machte, oder zu deren Aufführung er Andere aufmunterte. Es war ihm, als bedürfte das neugepflügte Land, die neuangelegten Waideplätze und Blumenpflanzungen der segnenden Blicke Ninas so nothwendig zu ihrem Gedeihen, wie der Sonne des Himmels. Mancher erblickt die Größe des Lebens und Gottes Kraft nur in den großen Auftritten der Geschichte, die Herrlichkeit der Natur nur in festlichen Scenen, in ihren blendenden Erscheinungen. Hervey sah nichts Höheres im menschlichen Leben, als was auch die Hütte aufweisen kann; er erblickte auch in der Entwicklung der Insectenlarve, in dem keimenden und reifenden Saatkorn die ganze Kraft und Ordnung der Natur, ihr tiefes, ihr göttliches Leben. Er machte Nina aufmerksam darauf, und lehrte sie einsehen, wie groß der Schöpfer auch im Allerkleinsten ist, wie klar und doch wie unergründlich.

Er theilte ihr seine Plane für die Kultivirung der Gegend und ihrer Bewohner mit; er fragte um ihre Ansichten, und wollte ihren Rath hören. Ninas Blick für das praktische Leben ward mit jedem Tage 332 umfassender und sicherer. Sie wurde belebt von Herveys Leben, und interessirte sich für seine Unternehmungen, so wie für alle Diejenigen, welche die Grundeigenthümer der Gegend nach seinem Beispiele ausführten. Gott sei Dank! Tugend und Fleiß sind noch ansteckender, als die Pest und das Laster. Das Leben eines edlen Baumes kann hundert wilden eingeimpft werden, und veredelt sie alle. Durch Hervey bekam Nina dieses lebendige Interesse für Menschenwohl, das der edelste Charakterzug des Menschen ist.

Oft machten sich die jungen Freundinnen das Vergnügen, bei den neuen Anlagen zum Schmuck der wilden Umgegend von Umenäs mitzuarbeiten. Es wurde ein Fußsteig in ein schönes Thal hinab gemacht und dort am Fuß eines Felsen, nicht weit vom Hafen, eine Rasenbank angelegt. Eine hohe Goldweide verlieh ihr Schatten, eine klare Quelle rieselte in ihrer Nähe und üppige Hecken von wilden Rosen zogen sich auf beiden Seiten an den Felsenwänden hin. Dieses Plätzchen, das Nina besonders liebte, wurde Ninasruh genannt.

Hie und da bemerkte Nina, daß eine scheinbar unbedeutende Frage oder Bemerkung Herveys Ruhe störte. Ein Ausdruck des Schmerzes breitete sich dann über sein Gesicht. Er schwieg lange und schien nur mühsam seine frühere Stimmung wieder zu erringen. Nina nahm sich vor, mit ihren Worten recht behutsam zu sein; da sie aber diesen leidenden Ausdruck, der sie so tief schmerzte, hervorrief, wenn sie es am wenigsten ahnte, so beschloß sie, offen mit ihm darüber zu sprechen.

»Es begegnet mir oft,« sagte sie ihm eines Tages, »daß ich Etwas sage, was Ihnen wehe thut und eine schmerzliche Erinnerung bei Ihnen zu erwecken scheint. Ich bitte Sie, lehren Sie mich dieß vermeiden.«

Er sah sie liebevoll an und sagte dann: »Das können Sie nicht, und kann überhaupt Niemand. Ich muß diese Worte oft hören und unter ihrem Eindrucke leiden. Nur Eine Bitte gestatten Sie mir,« – und er blickte 333 sie mit tiefem Ernste an – »reden Sie nie mit mir von meinem früheren Leben, fragen Sie nie Etwas über meine Person. Sie rufen sonst leicht einen Schatten herauf, der auch Gottes herrlichen Tag vor meinen Blicken verdunkelt.«

»Gütiger Gott!« rief Nina mit erbleichenden Wangen, indem sie unwillkürlich ihre gefalteten Hände zu ihm emporhob.

»Seien Sie ruhig,« sagte Hervey wieder mit seiner klaren Freundlichkeit: »es ist ein Schmerz, aber kein bitterer, und ich weiß, mit welchen Worten dieser Schatten sich beschwören läßt. Indessen erfüllen Sie meine Bitte.«

»Das verspreche ich Ihnen,« antwortete Nina ergeben; aber ihr Herz fragte: »Welcher finstere Schatten kann wohl seinen Tag verdunkeln? O daß ich ihn verjagen, daß ich mich zwischen ihn und Hervey stellen könnte! Ich wollte mein Leben für sein Glück dahingeben.«

Und was sagten wohl die Gräfin Natalie und die Baronin H. zu allen diesen Spaziergängen und Unterredungen? Gräfin Natalie hatte zwei große Zerstreuungen: erstens ihre großen Parkanlagen, und zweitens den Obersten Kugel, der ihr dieselben ausführen half, und Steine aus der Erde und Seufzer aus seinem Herzen wälzte, Alles der schönen Besitzerin zu Liebe. Der Oberst war ein großer, schöner Mann, kräftig wie ein Löwe, naiv, böse und gut, wie die Natur, ohne zu raisonniren und ohne Raison anzunehmen, eine Art Herkules, der, nachdem er in sehnigen Armen den nemeischen Löwen erdrückt, wohl zu den Füßen eines schönen Weibes sitzen und spinnen konnte. Die Gräfin betrachtete ihn zuerst mit artistischem Sinn, als eine Art Titan, dann aber mit wärmerem Interesse. »Diese großen Kinder,« sagte sie, »sind so erfrischend! In unserer erkünstelten und übercivilisirten Welt stehen sie gleichsam als etwas Ursprüngliches und Unverfälschtes da.« 334

Die Gräfin ließ den Obersten merken, daß sie ihn erfrischend fand; er wurde dadurch ganz belebt und aus lauter Entzücken über ihren guten Geschmack verliebte er sich am Ende ernstlich in sie. Sie nahm sich vor, ihn zu bilden. Sie überzeugte ihn, daß er große Anlagen zum Philosophen besitze, und ermahnte ihn, verschiedene Bücher zu studiren, die sie ihm lieferte. Der Oberst stand alle Morgen um halb vier Uhr auf, studirte und schrieb unter vielem Schnaufen, und spann lange Ideenfäden aus. Herkules hatte leichtere Arbeit bei seinem weichen Flachs. Die Gräfin verstand es aber auch, den Obersten für seine Mühe zu belohnen. Sie gehörte zu denjenigen Frauen, die eine wirkliche Ausschweifung scheuen, aber sich Viel erlauben, was daran gränzt. Geschmeichelt, in ihrem Alter noch eine Leidenschaft einzuflößen, ließ sie sich die Belebung und Unterhaltung derselben mit einem Eifer angelegen sein, der bald ihr Herz mit ins Spiel zog. Der Oberst wurde ihr interessanter, als alle Werke von der Welt; allein sie besaß Weltlist, der Oberst war nicht ohne Kriegslist, auch im Umgang mit den Damen: Jedes wollte sich des Andern versichern, ohne gleichwohl sich selbst preiszugeben, und so brachten sie die Tage damit zu, Kreuz- und Querwege in doppelter Beziehung anzulegen. Bei so bewandten Umständen war es der Gräfin lieb, alle Zeugen entfernen zu können, und sie schenkte daher den Wanderungen ihren lebhaften Beifall.

Nun müssen wir zu dem Bekenntniß schreiten, daß auch die Baronin H. ihre Zerstreuungen hatte. Sie waren indeß anderer Natur als die der Gräfin. Die erste war ihr Mann. Ich frage, wer Etwas dagegen einzuwenden oder daran zu tadeln findet, daß die beiden Eheleute jetzt noch weit mehr in einander verliebt waren, als vor der Hochzeit? Die zweite war ein noch ungeborenes Wesen, ein künftiger Erbe von Paradies, dessen Voraussichtlichkeit den Baron in wirkliches Entzücken versetzte und unsere weiland Fräulein Margarethe mit 335 Rührung die tiefen Freuden des Muttergefühls ahnen ließ. »Aber diese Zerstreuungen werden wohl ihr Herz von Klara, von ihrer Freundin abwenden!« höre ich eine Leserin mißvergnügt rufen. Nein, du Gute; gewiß nicht. Sie hinderten sie bloß, Klara wie früher zu begleiten, und zogen ihre Aufmerksamkeit ein wenig von dem ab, was um sie herum vorging. Ueberdieß war Klara ruhiger und zärtlicher, als je, und dachte an das Kind ihrer Freundin, als wäre es ein eigenes. Klara befand sich in Herveys Gesellschaft auf Entdeckungsreisen in der Umgegend. Die Baronin glaubte, Alles stehe ganz gut und sei in der Ordnung. Mit der Gräfin und ihren Anlagen war sie weniger zufrieden und ließ es nicht an recht ernsten Andeutungen darüber fehlen, die aber sämmtlich auf steiniges Land fielen.

Obgleich indeß die Gesellschaft auf Umenäs meistens zerstreut ist, so folgt daraus nicht, daß sie niemals zusammen eine Promenade gemacht hätte, und wir wollen sie jetzt begleiten auf einen

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