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Fredrika Bremer: Nina - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleNina
authorFredrika Bremer
translatorG. Fink
year1843
firstpub1835
publisherFranckh'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleNina
pages520
created20171205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Unglückliche.

Au einem schönen Morgen zu Anfang Juni fand ich mich draußen auf dem Felde. Ich fand mich wirklich, denn ich hatte mich verloren, hatte Gefühl, Gedanken, Bewußtsein, Alles verloren. Von unaussprechlicher Unruhe, von dem Bedürfniß, einer unbeschreiblichen Qual zu entfliehen, umhergejagt, hatte ich den Abend zuvor mein Haus in der Stadt verlassen und war die ganze Nacht herumgeirrt, bis jetzt ein frischer Morgenwind – ein Blumenduft – ein Herzstich – ich weiß selbst nicht was, mich wieder zur Besinnung weckte. Ich blickte auf, sah um mich und begriff, was ich sah. Ach es war herrlich um mich her! Die Wiese glänzte von Blumen und Thautropfen, und in diesen glänzte die Sonne. Der Wald, noch in seine Schatten eingehüllt, säuselte sachte und ermunterte sich gleichsam aus dem Schlafe. Auf zitternden Schwingen zu den Purpurwolken emporschwebend sang die Lerche in jubelnden Trillern die unendliche Lust des Lebens, das Alles in der Natur zu empfinden schien. Ja Alles – nur ich nicht. Finster und unglücklich stand ich allein in der fröhlichen Lichtwelt. Und mein Unglück? Wohl dir, wenn du es nicht verstehst! Wohl dir, wenn du sagen kannst: ich kenne es nicht! Denn du hast nie gefühlt, was es heißt, sein 301 Auge niemals aufschlagen und getrost in eines Freundes Antlitz sehen zu dürfen – was es heißt, den Freund sein Antlitz von dir wegwenden zu sehen. Du weißt nicht, wie es thut, wenn dein Herz sich zusammenzieht, wenn Blei sich auf deine Zunge und deine Augenlieder legt, sobald Menschen freundlich und theilnehmend dir entgegenkommen, und wenn du deßhalb die Menschen allmählig scheu aus deinem Wege gehen siehst. Du weißt nicht, wie es thut, wenn man liebt, glühend liebt, und keine Worte findet, um seine Liebe auszudrücken; wenn man sich zittern fühlt, wo man mit männlicher Entschlossenheit handeln und siegen sollte. Du weißt nicht, was es heißt, die Geliebte für dich erröthen, sie von dem verschlossenen Himmelreich deiner Liebe sich abwenden und ihr Herz, ihre Hand einem Kühneren geben zu sehen, der nicht lieben kann, wie du, aber sprechen. Du weißt nicht, wie es thut, wenn man mit seinen Leiden bloß Gelächter oder Widerwillen erregt, wenn man mit einem reinen Willen nur Verachtung gewinnt. Wohl dir, wenn du dieß nicht verstehst!

Ich liebte die Menschen, und ich floh sie, denn der Umgang mit ihnen war mir eine Plage. Nie konnte ich die Theilnahme, die ich empfand, äußern, oder an den Freuden, die sie hatten, Theil nehmen. Nie, wenn ich sie weinen sah, nie kam eine Thräne, um meine brennenden gesenkten Augenlieder zu erfrischen, nie fand meine Zunge ein Wort des Trostes. Mit einer Welt von Gefühlen in meiner Brust war ich zu stummem Schweigen verurtheilt. Wie Prometheus lag ich an den Felsen geschmiedet, indeß der Geier mein Herz zerfleischte. Das Gelächter, das mein Wesen unwillkürlich erweckte, zischte gleich Schlangen um meine Ohren. Ich wußte, daß ich es verdiente, und doch, o mein Gott! war ich unschuldig, war ein guter Mensch. Kein niedriges Gefühl fand sich in meiner Brust. Ich wäre mit Freuden für die Menschheit am Kreuze gestorben, und war verurtheilt, als Märtyrer des Gesellschaftslebens zu leben. 302

Glücklich, dreifach glücklich bist du, wenn du nicht weißt, was Verlegenheit heißt, dieser Alp der Seele, der sich auf die Brust des Menschen setzt, und durch krampfhaftes Erfassen das freie Spiel ihrer Nerven verhindert; der mit scharfen Klauen beständig darin reißt und wühlt, und alle Ruhe, alle Besinnung verscheucht. Wohl dir! Es gibt ohne Zweifel Wenige, die nicht einmal in ihrem Leben einen Flügelschlag von dieser Nachteule der Hölle bekommen haben, aber es sind auch Wenige – Gott sei Dank, unendlich Wenige, in deren Brust sie beständig ihre Klauen einhackt.

Ich war indeß nicht immer so gewesen. Als ich ein Kind war, war ich freimüthig, wie ein Kind, und mein Blick erhob sich frei und klar gegen Andere. Ich erinnere mich dessen mit Entzücken und beinahe mit Verwunderung.

Bei meinem ersten Eintritte in die große Welt begegnete mir etwas an sich Unbedeutendes. Ich beging in einer großen Gesellschaft eine Ungeschicklichkeit – eine von denen, die bei Neulingen in der Welt oft vorkommen, worüber man lacht und sie dann vergißt. Aber der Spott, den ich auf mich zog, das Gelächter, das um mich herum erschallte, erweckte ein mir bisher ganz unbekanntes Gefühl in meiner Brust. Ich habe diese Stunde nie vergessen, und dieses Gefühl wich nicht mehr von mir. Es verzauberte gleichsam mein Wesen und meine Handlungen. Meine Tage wurden eine Reihenfolge der lächerlichsten Auftritte und des bittersten Leidens. Alle Versuche, diesen Dämon zu überwinden und zu entfernen, dienten bloß dazu, mich tiefer unter seine Gewalt zu beugen. Ich raste gegen ihn, ich verfluchte ihn, und er umschloß mich nur um so fester. Je größer mein Entsetzen, je heftiger mein Kampf gegen diesen unsichtbaren Feind wurde, um so mehr Gewalt bekam er über mich. O wie habe ich nicht in stillen, schlaflosen Nächten mit den Waffen des Gebets und der Philosophie gegen dieses gräßliche Gespenst gekämpft und es überwunden zu haben 303 geglaubt, aber wenn der Tag kam, und das Licht und die Menschen, so lag ich mehr als je in seinen eisigen Armen gefangen. Es beherrschte nicht bloß meine Bewegungen, meine Glieder, sondern auch meine Gefühle und Gedanken. Jahre um Jahre brachte ich in diesem unseligen und fruchtlosen Kampfe zu. Immer finsterer, immer unheimlicher wurde mein Inneres. Ich sagte zur Freude: »Was willst du?« und zum Lachen: »Du bist Narrheit!« Ich wünschte mir blind zu sein. Glücklich die Blinden! Ihr Unglück neigt ihnen das Herz des Menschen zu. Ihre Verlegenheit, ihre kleinen Mißgeschicke werden nicht verhöhnt. Ihre Augen werden nie von den strahlenden Augen Anderer verletzt. O wenn die ewige Nacht die meinigen versiegelt, und auf immer ihren unsichern, wilden Blick ausgelöscht hätte, dann – dann hätte ich gewiß Frieden gefunden.

Es gibt die sonderbarsten Leiden auf Erden, aber eines allein ist unleidlich, ja beinahe ganz unausstehlich, denn es frißt das Mark der Menschenkraft; ich meine jene innere Zerrissenheit, die den Menschen zu einer lebendigen Unbehaglichkeit für sich selbst und die Andern macht. Aussatz bei Seelenstärke ist kaum ein Unglück zu nennen. Ja, ich könnte mich von einem stinkenden Krebse zernagt, von den Tröstern Hiobs umgeben denken, oder einsam in der Wildniß, umschwirrt von Raubvögeln, die auf meine Leiche warten, und ich könnte doch nicht unglücklich sein, wenn ich dabei nur meine Nerven und meinen Blick in der Macht meines Willens behielte. Aber gebt mir Gesundheit, Reichthum, Schönheit, und diese Schwachheit dazu, diese nervöse Unruhe, diese Verwirrung, diesen Hasen in der Herzgrube, und ihr macht mich beispiellos, ja unrettbar unglücklich. Unrettbar, wofern nicht . . . – doch hievon später.

Ich hatte von einer Person gehört, die immer ein Menschenskelett vor sich sah, und von diesem Anblick verzehrt langsam ins Grab sank. Dieses Gesicht schien mir eine angenehme Täuschung gegen die Wirklichkeit, die 304 wie ein Fluch über mir lag. Ein großes Unglück wäre mir eine Erquickung gewesen. Mitunter dachte ich, ein Verbrechen, ein Mord würde mir wohlthun: Blut und gräßliches Geschrei würde mich aus meinem Traume wecken. Entsetzlich! Entsetzlich!

Hätte ich in Zeiten des Kampfes gelebt, wo Opfer und Märtyrer nöthig waren – ich hätte mich dazu hergegeben, hätte im Ringen um diese Kronen den Dämon meines Lebens getödtet und mich selbst wieder gefunden. Aber Alles war Friede, Alles war Freude um mich her. Ich sah höchstens dann und wann ein Leiden glanzlos und verachtet, wie das meinige, hervordämmern.

Eine Lichtgestalt trat in meinen Weg. Ein schönes und gutes Wesen sprach mit Engelszunge zu mir. Der Himmelsfriede in ihrem Auge lockte das meinige in die Höhe. Ich vermochte sie anzusehen. Ich konnte mich in dem Blicke eines Menschen sonnen. Gott, welche Wollust! Ich verlor die Geliebte durch meinen eigenen Fehler, oder vielmehr durch den Einfluß der unseligen Macht, die mich beherrschte, und wie von Furien gejagt verließ ich meine, verließ ihre Heimath.

Jetzt in der frischen Morgenstunde, frei von den Blicken der Menschen, ungestört von ihren Worten, warf ich einen langen, einen tiefen Blick in mein Herz hinab und auf mein verflossenes Leben. Einige meiner Freunde hatten mir gesagt, Hochmuth, oder allzugroße und leicht verletzte Eigenliebe sei die Ursache des Zustandes, in dem ich mich befand.

War ich denn hochmüthig? War meine Eigenliebe so groß? Ach mein Gott! Die kleine Veronika zu meinen Füßen, die ihr blaues Auge mit dem Tag aufschloß, die sich in unbewußtem Behagen so zwanglos und frei auf ihrem Stengel im Winde schaukelte – schien mir mehr zu sein, als ich. Ich beneidete ihr Leben. Und der Baum, der sich majestätisch über mich erhob, so stolz, so ruhig, als wäre er sich der Kraft bewußt, womit er den Wintern und Stürmen getrotzt, und der jetzt 305 Millionen Blätter trieb, um dem Wanderer und den Vögeln Schutz zu verleihen, dieser herrliche Baum! O welch ein vom Wetter herumgetriebenes Wrack fühlte ich mich neben ihm! Ich ging weiter und eine Menge oft unterdrückte, aber immer mit erneuerter Kraft wiederkehrende Gedanken stiegen in meiner Seele auf. Ich hatte viele Menschen gesehen, deren Leben von Lastern und Verbrechen befleckt und deren Blick dennoch klar und fest, so wie ihr ganzes Wesen voll Sicherheit war. Sie erfreuten sich des Wohlwollens der Menschen und ach! sie genossen die himmlischen Freuden der Liebe! Sie wurden geliebt, ja angebetet von holden, engelreinen Wesen. Ich hatte Andere gesehen – und zu diesen gehörte ich selbst – die rein von Herzen und Wandel waren und gleichwohl auch nicht eine einzige Brosame von diesem Himmelsbrod sich erwerben konnten, das die Glücklichen des Lebens in reichlichem Maße verschlangen. Warum das – dachte ich – in einer Welt, wo Gott regiert? Gott, der doch in seinem Wort die Guten zu seiner Rechten und die Schlechten zu seiner Linken gesetzt hat? Die Widersprüche des Lebens, seine widerstreitenden Erscheinungen, seine unbeantworteten Warum stiegen in einem wimmelnden Chaos vor meinen Blicken auf. Meine Seele schwindelte.

In diesem Augenblick stand ich auf einem Felsen. Unter mir rauschte ein Wasserfall. Ungeheuere Wassermassen stürzten unaufhörlich hinter einander in die Tiefe hinab, wo sie sich wild tummelten und wie in sinnloser Raserei schäumten.

Ich sah den Naturriesen wüthen. Ich lauschte diesem betäubenden wilden Getöse. Es wurde mir wunderlich zu Muth – meine Brust erweiterte sich: eine wilde Kampflust regte sich darin. Ein wunderbarer Zug, eine unbeschreibliche Sehnsucht nach der Tiefe ergriff mich. Es war nicht der Tod, was ich wollte; ich hatte ein dunkles, aber heftiges Verlangen, in dieser Taufe gleichsam den 306 Geist des Abgrundes, der mich beherrschte, zu ertränken, mich seiner auf Ewig zu entledigen und zu einem neuen Leben geboren zu werden. Hier in dieser stürmenden Tiefe wollte ich mit ihm ringen, ihn umarmen, ihn zerdrücken, wieder zur Besinnung und zu Athem kommen. Ha, wie tief, wie herrlich wollte ich athmen! Ich empfand Raserei, ich empfand Freude, Wahnsinn! unter einem verzweifelten Jubelgeschrei stürzte ich mich mit ausgestreckten Armen hinab. Es zischte um mich her. Ich schwindelte. Der Naturriese erfaßte mich, ich erfaßte ihn. Es wirbelte um mich, in mir, es donnerte, es raste; Alles war Chaos – dann wurde Alles Eis und – Stille.

Als ich wieder zum Bewußtsein kam, lag ich am Eingang einer Grotte auf dem Boden. Ein wunderlicher kleiner Greis in grauen Kleidern stand über mich gebeugt. Er war beinahe eben so breit als lang, und hatte einen ungewöhnlich großen Kopf. Seine großen, grauen Augen stierten mich fast unverwandt an. Der hohe Scheitel war kahl und von den Streifen schneeweißen Haares, die um den Kopf hiengen, troff Wasser. Diese eigenthümliche Gestalt, der Platz, wo ich lag und das Getöse des Wasserfalls, das ich ganz nahe hörte, brachten mich auf wunderliche Gedanken, wie im Traume. Ich meinte dunkel, ein Flußgott habe mich ergriffen, und ich befinde mich in seiner Gewalt. Während ich meine Gedanken zu ordnen suchte, verbreitete sich ein sarkastisches Lächeln über die groben Gesichtszüge des Alten und er brüllte mich mit tiefer Baßstimme an: »So, so! Er fängt an, wieder zu Sich zu kommen! eine schöne Geschichte! Ein schöner Spectakel das, alte Leute zum Baden zu zwingen! Ja, ja, uf!« und er fing an, seinen Rockschoß auszuwinden.

Ich wollte eine Entschuldigung stammeln, denn ich sah jetzt deutlich, daß ich es nicht mit einem Flußgott, sondern mit einem Menschen zu thun hatte, der vielleicht 307 sein Leben für mich gewagt; allein er unterbrach mich, indem er wie vorhin mit grober Baßstimme brüllte:

»He da, will Er schweigen! Wir werden schon darauf zu sprechen kommen! Es ist jetzt wichtiger, das Wasser, als Worte aus deinem Munde zu bekommen! Uf!« und ohne weitere Umstände nahm er mich mit Herkulesstärke am Bein und schaukelte mich auf und ab. Unfähig, irgend einen Widerstand zu leisten, fiel ich unter der medicinischen Behandlung des Alten abermals in Ohnmacht und glaubte einen Augenblick, der Dämon, der meine Seele so lange geplagt, habe jetzt Fleisch und Blut angenommen und werde diesen Versuch, mich von ihm zu befreien, handgreiflich rächen wollen.

Auf andere Gedanken jedoch kam ich in den paar Tagen, die ich in einem Zustand großer Entkräftung auf einer Streu in der Grotte zubrachte, wo der Alte mich verpflegte. Zwar war seine Stimme grob und seine Worte oft nicht die sanftesten, aber in seinen Handlungen und der ganzen Art, wie er sich meiner annahm, lag eben so viel Güte, als Weisheit. Der Alte schien sich häuslich in der Grotte niedergelassen zu haben, welche trocken und bequem eingerichtet war. Unsere einfachen Mahle bereitete er selbst. Abends las er mir aus den klassischen Schriftstellern der Vorzeit vor und wählte hauptsächlich solche, die dazu beitragen konnten, einer schwachen Seele Kraft einzuflößen – Beispiele von Standhaftigkeit und stoischer Resignation. Noch öfter erquickte er meine Seele mit dem Evangelium.

Er sprach viel mit mir vom Erlöser der Welt. Mein Herz war ihm bereits zugeneigt. Ich war unglücklich und der Tröster aller Leidenden konnte mir also nicht unbekannt sein; aber sein Bild war mir noch nicht klar geworden. Jetzt bekam ich eine deutlichere Anschauung. Ich lernte ihn begreifen, ich lernte ihn lieben. Mein höchster Wunsch war, in der Zeit gelebt zu haben, wo er auf Erden wandelte. Ich dachte unaufhörlich daran, wie ich mich auf dem Weg, den er 308 kam, unter die Blinden, die Lahmen, die Aussätzigen gedrängt und selbst unglücklicher, als Alle diese, mit durchdringender Stimme ihn angerufen haben würde. »Jesu, Gottes Sohn, erbarme dich meiner! Herr, so du willst, kannst du mich wohl befreien!« Ich hörte mich rufen, ich sah ihn stehen bleiben und sich zu mir wenden. Ich sah seinen Blick! Liebesstark, mild, majestätisch ruhte er auf mir; er drang mir durchs Herz: ich fühlte, wie er die Bande löste, in die mein Blick und meine Seele geschlagen war. Schauer durchrieselten mich. Mein Gott und mein Heiland! Es war kein eitles Spiel der Einbildungskraft; so, so hast du geblickt, so, so wurde es empfunden in der Seele des Erlösten, als du den Geist austriebst, der ihn gequält, als er geheilt und glückselig zu deinen Füßen sank! Aber ach, diese Befreiung schon auf Erden sollte mir nicht zu Theil werden. Ich war 2000 Jahre zu spät auf die Welt gekommen, in einer seltsamen Zeit, wo kein Wunder geschah, außer mechanische. Diese hälfen mir nicht.

Ich war genesen. Der Alte bat mich, einige Zeit bei ihm zu bleiben. Ich willigte gern ein. Das Leben, das ich mit ihm führte, und noch mehr seine Person fing an mir sehr zu gefallen. Ich sandte meinen Eltern einen Brief, der sie über mein plötzliches Verschwinden beruhigte, und worin eine Jagdpartie, ein Aufenthalt bei Bekannten u. s. w. als Grund für mein fortgesetztes Ausbleiben angegeben war.

Meine gefährliche Taufe hatte eine Art Revolution in mir hervorgebracht. Mein verflossenes Leben lag wie ein Traum voll quälender, unklarer Bilder hinter mir. Der Dämon, der die Plage meines Lebens ausmachte, lebte zwar noch in mir, aber abgeschieden von den Menschen und dem Gesellschaftsleben empfand ich seine Macht weniger, und es war mir ein inniger Genuß, keine Menschen mehr zu sehen, und nicht mehr von ihnen gesehen zu werden.

Der Alte war mir ein eigentliches Räthsel. Sein 309 Aussehen und ganzes Wesen ließ eher an einen Berggeist, als an einen Menschen denken, und seine Zuversichtlichkeit, seine wirkliche Zärtlichkeit, so wie die überlegene Weisheit, die ich jeden Augenblick bei ihm wahrnahm, gaben ihm eine Macht über mich, die wohlthätig auf mich wirkte.

Das neue Leben, das ich führte, erfrischte mir Leib und Seele. Ich half dem Alten bei seiner Fischerei, begleitete ihn auf seinen langen Wanderungen durch die Gegend und war beständig beschäftigt.

Ich war ungemein neugierig, Näheres über ihn zu erfahren, allein er sprach nie von sich selbst und so wagte ichs nicht, ihn zu fragen. Ich nannte ihn »Alter,« er sagte zu mir »Junge,« und unser Verhältniß gestaltete sich von Tag zu Tag mehr, wie ein Verhältniß zwischen Vater und Sohn. Ich hatte mir schon lange vorgenommen, mit ihm über meine Seelenkrankheit und die Ursache meiner gewaltsamen Handlung gegen mein eigenes Leben zu sprechen. Eines Tags faßte ich wirklich Muth, meinen Vorsatz auszuführen; allein gleich Anfangs in der Beschreibung meines Zustandes unterbrach mich der Alte mit den Worten: »Ja, ja, ich weiß das, ich habe es bereits gemerkt!«

Hierauf fing er an selbst zu fragen und forschte nach den kleinsten Theilen meines Lebens, nach allen meinen Gedanken und Gefühlen. Ich stand Märtyrerqual aus während dieser Unterredung, allein ich unterwarf mich geduldig dem anatomischen Messer, welches das Innerste meines Wesens zerlegte. Ich ahnte, daß es zu meinem Besten diene, und bekämpfte glücklich mein falsches Schamgefühl.

»Junge,« sagte der Alte endlich, nachdem er lange gefragt und ich geantwortet, »du schilderst mit der Wahrheit einer tiefen Erfahrung einen Zustand, dem ich selbst nicht fremd bin. Etwas Aehnliches hat auch mich zu dem Leben getrieben, das ich jetzt . . . . doch es ist überflüssig, davon zu schwatzen. Es ist ein wunderlich und 310 sonderbar Ding um diese Krankheit!« fuhr er fort, indem er mit seiner groben Hand seine Augen bedeckte – »es ist wunderlich zu sehen, aus wie ungleichen Ursachen sie entstehen kann und bei wie ungleichen Individuen sie Wurzel schlägt. Addison und Cooper, die schönsten Geister ihrer Zeit, leiden unter diesem Alp so gut wie mancher Dummrian; mächtige Monarchen so gut als arme Stümper, wie du und ich! Ja, wie Manche gibt es nicht in diesem alltäglichen Gesellschaftsleben, die heimlich an dieser Krankheit leiden! Wie Manches erscheint nicht als Hochmuth, was im Grunde bloß Blödigkeit ist; wie Manches als Dummdreistigkeit und Unbedachtsamkeit, was bloß eine Maske ist, um den Mangel an Ruhe und Fassung zu verbergen! Wie oft sollte man bemitleiden, wo man sich ärgert!«

Der Alte schwieg und fuhr nach einer kleinen Weile fort: »Ich will nicht, wie vielleicht Manche, zu dir sagen, durch einen festen Willen lasse sich Alles überwinden, man müsse nur Muth fassen u. s. w. Allerdings gibt es viele Seelenkrankheiten, welche fester Wille und Klugheit zu heben vermag. Allein es gibt auch Gemüthskrankheiten, die allen unsern Bemühungen trotzen und uns bis ins Grab folgen. Gleichwohl darf uns dieß nicht zur Verzweiflung bringen, oder uns die schöne Gottesgabe, das Leben verleiden. Wenn wir unsere Krankheit auch nicht überwinden können, so gibt es doch Mittel, die ihr allen ihren Schmerz benehmen und uns in den Stand setzen, die mannigfachen Freuden der Erde so gut und so vollständig zu genießen, wie diejenigen, welche Natur und Glück mit ihren Gaben überschüttet haben. Diese Mittel wollen wir in Betracht ziehen. Doch halt, Junge, wir wollen jetzt lieber ans Abendbrod denken. Nachher, wenn wir die Weltkörper über unsre Häupter hinziehen sehen, wollen wir weiter von unsern Bekümmernissen sprechen.«

Als die Sterne ihre Lichter angezündet hatten und auch das letzte Vogelgezwitscher verhallt war, setzten wir 311 uns auf den moosigen Fels vor der Grotte. Das Feuer, das noch immer brannte, warf einen ungewissen Schein auf das Haidekraut und das Tannengebüsch um uns her. Die Grillen sangen Discant zu dem groben Baß des Wasserfalls, aber höher und gebietend übertönten die tiefe Stimme und die kräftig ausgesprochenen Worte des Alten das Ganze. Neben ihm saß auf dem Haidekraut eine hungrige Seele, die begierig jedes Wort von seinen Lippen einsog.

»In früheren Zeiten,« sagte der Alte, »war es Modesache, Eremit zu werden und die Menschen zu fliehen, um sich dadurch zum Himmel vorzubereiten. Heutzutage scheint man keinen Weg zum Glücke zu kennen, als den durch das Gesellschaftsleben. Namentlich wenn man einiges Vermögen hat, wenn man aus einer sogenannten guten Familie stammt, so ist man zur Sclaverei des Umgangs mit den Menschen so gut als verurtheilt. Und doch wie Manchen gibt es nicht, der, man mag mit Ja anfangen, was man will, niemals dazu taugt? Und warum die Sphäre für menschliche Nützlichkeit und menschliche Genüsse so eng begränzen? Auch hier auf Erden gibt es viele Wohnungen, viele verschiedenen Arten von Leben und Wirksamkeit für verschiedene Menschennaturen.

»Philoctet mit seiner eckelerregenden Wunde am Bein fand auf den einsamen Klippen von Lemnos, umgeben von Thieren, die ihn liebten, und sein Brod im Schweiße seines Angesichtes gewinnend, einen Lebensgenuß, der ihm unter den Menschen versagt war. Allein mit sich selbst und mit der Natur, vor Allem aber mit dem großen Weltgeist, dessen Leben Alles durchströmt, fühlte er aufs Neue die frische Fluth des Lebens für sich fließen und er liebte das Leben. Und wer möchte wohl läugnen, daß es für den, der eine unheilbare Wunde hat, – diese mag nun am Herzen oder am Leibe sein – daß es für ihn gut ist, den Blicken und Tröstungen der Menschen auszuweichen und seinen Trost in der Natur und den ewigen Sonnen dort oben zu suchen?« 312

Der Alte sah mit stiller Rührung zu den strahlenden, wandernden Welten über uns empor und faltete seine Hände.

»Es liegt,« sagte er nach einer kurzen Pause, »in diesem Sternenhimmel über uns, in dieser unermeßlichen Aussicht, den uns seine Unendlichkeit eröffnet, ein gewisses Etwas, das uns unsere Sorgen und Bekümmernisse als sehr klein, sehr unbedeutend erscheinen läßt, und das ist gut. Es ist sehr gut,« wiederholte er, indem er mit feuchten Augen zu den Himmelslichtern hinaufblickte.

»Lebe mit der Natur, lebe in ihrer lebensvollen Einsamkeit,« fuhr der Greis fort. »Das ist ein Balsam für Seele und Leib, das ist ein glückliches Leben. Deßhalb braucht man für Andere nicht unnütz zu sein. Sammle wie Philoctet Thiere um dich, die dich lieben, und die du glücklich machst. Bist du reich an Gold oder Geist, so werde ein unbekannter Wohlthäter der Menschen. Und hast du auf Erden auch bloß dein eigen Herz geläutert und veredelt, so hast du sicherlich nicht ohne Nutzen für den Himmel und seine Gäste gelebt.«

»Kannst du die Gesellschaft von deinesgleichen nicht ertragen, so lebe dennoch mit ihnen und lerne sie lieben in ihren Dolmetschern, den Büchern. Es ist eine herrliche Sache, mit den erhabensten Geistern der Erde leben und denken, ihnen auf ihrer Wanderung durch die verschlossensten Tiefen des Lebens und hinauf zu den ewigen Himmeln des Lichtes folgen zu können. Es ist schön, in der Nacht des Lebens von ihren Blitzen beleuchtet zu werden, an denselben unser eigenes Licht anzünden zu können, und die Welt und uns selbst in einer höheren Klarheit zu sehen; schon hier im Leben das Bewußtsein zu haben, daß man in der Morgenröthe einer bessern Welt steht.«

»Was unsrem möglichen Glück meistens im Wege steht, ist der Eigensinn, womit wir es in dem für uns Unmöglichen suchen. Hat unsre Neigung, unsre 313 Begierde sich einmal in Etwas fest gerannt, und wäre es so unerreichbar, als das Nordlicht für meine Hand ist, so wollen wir es, so streben wir darnach und erblicken in der ganzen Welt nichts Schätzens- und Suchenswerthes, außer dieß allein. Wir lecken gegen den Stachel, bis er uns durchbohrt hat. Die kühne, die glückliche Kraft, die trotzen und siegen kann, mag den Kampf wagen; aber Mancher würde wohl daran thun, bei Zeiten zu resigniren und sein Ziel – Freiheit und Glück auf einem andren Wege zu erstreben. Wir müssen wohl bedenken, daß es kein neidischer Feind, sondern sehr oft Gottes weiser Wille ist, den wir bekämpfen, wenn wir hartnäckig darauf bestehen, unser Glück in Etwas zu suchen, was uns einmal vermöge unsrer Stellung in der Welt oder unsrer natürlichen Anlagen unerreichbar ist. Es wäre weit klüger, in solchen Hindernissen Winke der väterlichen Hand der Vorsehung zu erblicken und zu folgen, wohin sie uns leitet, sollte es auch vom ersten Gegenstand unsres Sehnens weit abliegen. Es gibt einen Hafen, einen schönen und sturmfreien Hafen, dorthin . . . . Wie? Was? Will Er Weib und Kinder haben? Ei Junge, man lasse es unentwegt an eine Frau zu denken, wenn man nicht freien kann. Ohne Entsagung, mein Junge, gibt es keinen höheren Genuß. Und hat man nicht den Muth zu entsagen, nun so ist und bleibt man ein armer, unglücklicher Mensch.«

Ich verbarg mein Gesicht mit den Händen und der Alte fuhr in einem weichern Ton fort: »Ich gebe zu, es ist nicht leicht, ja, es ist sogar ein großes Opfer. Es erfordert Stärke und Festigkeit. Es ist etwas Schönes um ein Weib . . . . ein Weib, das sich an meine Brust lehnt . . . . mit rosigen Wangen, mit lieblicher Stimme – ein Weib mit einem Kinde auf dem Arme; . . . . Meine Frau, mein Kind!«

Der Alte hatte, hingerissen von Gefühl und bittersüßer Erinnerung, diese letzten Worte gleichsam für sich selbst gesprochen, raffte sich aber schnell auf mit einem: 314 »He! He! ich glaube gar, du weinst, Junge, pfui! Komm, lege dich jetzt! Es ist spät. Komm!« Und er ging brummend in die Grotte zurück.

Nach diesem Gespräche war der Alte ein paar Tage lang ungewöhnlich schweigsam und ernst. Das Ende vom August nahte heran und brachte kühle Nächte und kürzere Tage mit sich.

»Es wird für mich Zeit zu wandern,« sagte er eines Tags; »wohin? das mußt du mich nicht fragen, Junge. Aber komm und suche mich nächsten Sommer hier auf – doch nicht so, daß ich wieder meinen grauen Rock auswinden muß. Das verbitte ich mir! Komm vielmehr und besuche mich, wie ein vernünftiger Mensch. Wenn ich noch auf Erden lebe, so wirst du mich hier finden.«

Wir saßen auf einer Klippe über dem Wasserfall. Die untergehende Sonne verwandelte seine schäumenden Wogen in glitzerndes Silber. Ich hatte mich zu den Füßen des Alten niedergelassen. Es war mir diesen Abend leicht und frei zu Muth, und ich betrachtete mit Vergnügen und Verehrung das breite, kraftvolle Gesicht des Alten und seine hohe, von Silberhaar umkränzte Stirne, während er mit frommem Ausdruck nach der Seite hinsah, wo die Sonne unterging. Er legte seine große braune Hand auf meinen Kopf und sagte mit einer Mischung von Lustigkeit und Rührung: »He! Junge, obgleich du ein Landstreicher bist, so sollst du mich doch morgen verlassen und hübsch ordentlich wieder nach Hause gehen. Aber ich sage Ihm, Junge, halte Er Sein Maul über den Alten, und Alles, was ihn betrifft, sonst soll Ihn der Teufel holen!« Der Alte sprach diese Worte mit so donnernder Stimme und so wildstierenden Augen, daß ich ihn voll Verwunderung ansah. »Nun, nun!« fuhr er milder und mit seinem komischen Lächeln fort, »so gefährlich ist die Sache denn doch nicht; wenn Er nur schweigt, so wird Ihm nichts Böses widerfahren.«

Und nun begann er mir seinen väterlichen Rath für meine Zukunft zu ertheilen. Er meinte, ich sollte auf längere Zeit die Städte und das Gesellschaftsleben 315 meiden, meinen Aufenthalt auf dem Lande nehmen, mir starke Bewegung machen, mich unaufhörlich beschäftigen u. s. w. »Die beste Art,« fuhr er fort, »diese Dämonen: Verlegenheit und falsche Scham, zu ersticken, ist die, wenn man sie mit der äußersten Verachtung behandelt und ihnen um keinen Preis gestattet, unsre Seelenruhe zu stören. Es gibt – glaube das einem geprüften Freunde – manche Gespenster, die den Despoten gegen uns spielen und unsre Plaggeister sind, bis wir sie scharf und entschlossen ins Auge fassen, mit Gottes Licht in unsern Herzen und der Vernunft beleuchten und fragen: Was seid ihr? Dann werden wir sie bald als seelenlose Dunstbilder erkennen, als Phantome ohne allen Bestand, die nur eine kleine Zeit mit unsrem Leben Spott treiben dürfen, als Dissonanzen, welche aufhören, so bald der Mensch aufhört ein Sclave der Natur zu sein, so bald er einmal die Macht erhält, auch außer sich das zu erschaffen, was er in seiner eigenen Brust gebildet hat. Der Erlöser hat uns gezeigt, wie und wodurch. Wenn du ihm folgen willst, Junge, so wisse, es ist kein illusorischer Glaube, es ist der Wiederschein einer ewigen Wahrheit, der dir Freiheit verspricht, der dir Glück verheißt und dir sagt, daß dein Auge dereinst strahlen, deine Zunge Alles aussprechen wird, was dein Herz gut und warm empfindet. Und wenn dieß eine ewige Gewißheit ist – Wahrheit von Gottes Wahrheit, Wahrheit, wie seine Offenbarung in Jesu, so können wir die augenblicklichen Hemmnisse geduldig ertragen, welche die Fesseln unsres Organismus den Aeußerungen unsres Lebens anlegen. Wenn die drückenden Bande sich empfindlich machen, so werden wir zu uns sagen: Was thut dieß? Welches wirkliche Böse liegt darin? Bin ich deßwegen weniger gut, weniger Gott angenehm? Und wenn ich mir alle diese Fragen mit Nein beantworten, wenn ich mir sagen muß, daß es nichts wirklich Böses gibt, als die Sünde gegen Gott und seinen heiligen Willen, so werde ich stille mein Haupt unter das Joch beugen, werde es 316 weniger schwer empfinden und deßhalb auch weniger in seiner Gewalt sein. Ich weiß ja, daß die Stunde der Befreiung kommen wird! Glaube an Jesum!«

Dieß waren die letzten Ermahnungen des Alten. Tags darauf trennten wir uns. Ein Jahr nachher suchte ich ihn. Schlangen krochen in der Grotte: ihr freundlicher Genius war nicht da.

Ich hatte mich nach meiner Trennung von dem Alten zu meiner Familie zurückbegeben, ohne irgend einen festen Plan für die Zukunft entworfen zu haben. Ich kam mir besser vor: ich glaubte mich wieder stark. Ich liebte das Familienleben, ich liebte die Menschen. Ich war den Meinigen allen von ganzem Herzen zugethan; nur ungern hätte ich mich von ihnen getrennt; ich wollte noch einen Versuch machen. Aber kaum befand ich mich in meinen früheren Umgebungen, als meine ganze Krankheit, meine ganze Plage sich wieder einstellte. Ich wurde aufs Neue mir selbst und meiner Umgebung zur Last. Meine Nächte waren schlaflos und mein kurzer Schlummer von qualvollen Träumen beunruhigt. Meine Körperkraft schwand dahin. Schauerliche Gestalten schwebten mir vor und jagten mich gleichsam durch Feuer und Wasser. Sie concentrirten sich endlich in eine einzige fixe Idee. Wachend oder schlafend, arbeitend oder ruhend sah ich unaufhörlich ein Paar unheimlich flammende, höllisch durchdringende Augen vor mir, die mich unausgesetzt fixirten mit dem Blick und der Kraft, welche man der Schlange der Wüste gegenüber von einem Menschen zuschreibt, den sie sich zum Raube ausersehen hat. Ich fürchtete ein Narr zu werden. Furcht ist jedoch nicht das rechte Wort. Ich war zu unglücklich, um Etwas zu fürchten, am Allerwenigsten die Bewußtlosigkeit.

Ich erinnerte mich zwar der Worte des Alten und seiner Vorschriften, allein es fehlte mir an Kraft, um darnach zu handeln. Bei jeder Schrift glaubte ich, es eröffnen sich Abgründe zu meinen Seiten. Ich hatte 317 einen jungen Bruder, gut und schön, wie ein Engel. Er liebte mich. Ich war sein Lehrer gewesen. Ich konnte es nicht mehr sein, aber er suchte mich dennoch. Ich steckte ihn an. Er sah auf mich und sein Wesen sog allmälig die Unsicherheit des meinigen ein. Ich sah dieß. Ich wollte sterben, aber ich konnte nicht! Ich wollte gehen, aber ich konnte nicht! Jener Dämon war über mich gekommen, den Göthe im zweiten Theil seines Faust also sprechen läßt:

    Wen ich einmal mir besitze,
Dem ist alle Welt nichts nütze,
Ewiges Düster steigt herunter,
Sonne geht nicht auf noch unter;
Bei vollkommnen äußern Sinnen
Wohnen Finsternisse drinnen.
Und er weiß von allen Schätzen
Sich nicht in Besitz zu setzen,
Glück und Unglück wird zur Grille,
Er verhungert in der Fülle;
Sei es Wonne, sei es Plage,
Schiebt er's zu dem andern Tage,
Ist der Zukunft nur gewärtig,
Und so wird er niemals fertig.
Soll er gehen, soll er kommen?
Der Entschluß ist ihm genommen;
Auf gebahnten Weges Mitte,
Wankt er tastend halbe Schritte.
Er verliert sich immer tiefer,
Siehet alle Dinge schiefer.
Sich und Andre lästig drückend,
Athem holend und erstickend;
Nicht erstickt und ohne Leben,
Nicht verzweifelnd, nicht ergeben.
So ein unaufhaltsam Rollen,
Schmerzlich Lassen, widrig Sollen, 318
Bald Befreien, bald Erdrücken,
Halber Schlaf und schlecht Erquicken
Heftet ihn an seine Stelle
Und bereitet ihn zur Hölle.«

»Unselige Gespenster!« konnte ich mit Faust ausrufen. Wehe, daß ich nicht, wie er in dem Augenblick da er durch den Anhauch des Dämons erblindet sagen konnte:

Die Nacht scheint tiefer tief hereinzudringen,
Allein im Innern leuchtet helles Licht;
Was ich gedacht, ich eil' es zu vollbringen . . . .«

Eines Abends, als ich in die tiefste Düsterkeit versunken da saß, fiel mir, ich weiß nicht mehr wie, eine Legende vom St. Rochus in die Hände. Ich will ihren Inhalt mit wenig Worten berichten.

Der heilige Rochus wurde in Montpellier geboren und zeichnete sich früh durch Gottesfurcht, reine Sitten und fleißiges Studium aus. Nach dem Tode seiner Eltern schenkte er sein bedeutendes Vermögen einem armen Verwandten, nahm den Wanderstab in die Hand und begab sich nach Florenz, wo die Pest wüthete. Hier verrichtete er Wunder und machte durch Gebet und Händeauflegung Viele gesund. Endlich wurde er selbst von der Seuche ergriffen und litt so grausame Schmerzen, daß er sich nicht enthalten konnte laut zu schreien. Als er aber merkte, daß er dadurch die Kranken im Hospital störte, schlich er sich unbemerkt hinaus und setzte sich vor das Thor. Die Vorübergehenden hielten ihn für wahnsinnig und er wurde aus der Stadt getrieben. Ermattet und elend fiel er unter einem Buchsbaum zusammen. Hier sprang eine Quelle aus der Erde, an der er seinen Durst löschte. Auf einem Landgut nicht weit davon bemerkten eines Tags die Leute im Haus, daß der Hofhund mit einem großen Stück Brod fort sprang. Bestraft wegen seines Diebstahls beging er ihn 319 gleichwohl in den folgenden Tagen wieder. Man fand die Sache auffallend und setzte den Gutsbesitzer davon in Kenntniß. Dieser beschloß sie zu untersuchen und verfolgte eines Tags mit mehreren Leuten die Spur des Hundes. So kamen sie an den Baum, unter welchem Rochus lag. Als dieser sie kommen sah, rief er ihnen laut zu, sie sollen fern von ihm bleiben, denn er habe die Pest und werde sie sicherlich anstecken. Der Gutsherr, Gianozzo mit Namen, ließ sich hievon nicht abschrecken. Er ließ Rochus in sein Haus tragen und verpflegte ihn, bis er vollkommen wieder hergestellt war. Hierauf begaben sich Beide nach Florenz, wo Rochus nach wie vor die Kranken heilte. Dort weihte er auch Gianozzo in die Strenge des Eremitenlebens ein.

Nach vieljähriger Entsagung und Uebung der Barmherzigkeit wandelte ihn die Sehnsucht an, seinen Geburtsort wieder zu sehen. Er kehrte dahin zurück, während Krieg im Lande war. Man hielt ihn für einen Spion; er wurde festgenommen und in ein hartes Gefängniß geworfen. Aber Rochus pries Gott für sein Leiden und blieb ruhig und freudig in Ihm. Nachdem er fünf Jahre in einem finstern, abscheulichen unterirdischen Loch zugebracht, fühlte er, daß sein Tod nahte, und verlangte mit einem Priester sprechen zu dürfen. Als dieser in sein Gefängniß trat, sah er es von einem hellen Schein erleuchtet und über Rochus Gesicht lag ein göttlicher Glanz, der den Priester so bestürzt machte, daß er sogleich zur Erde fiel. Sodann eilte er fort, um dem Regenten von dem heiligen Mann zu berichten, den er so grausam mißhandelte. Bald verbreitete sich das Gerücht unter dem Volke und eine zahllose Menschenmenge strömte nach dem Thurm, wo Rochus lag. Aber er hatte bereits seinen Geist aufgegeben.

Was an dieser einfachen Erzählung den größten Eindruck auf mich machte, war das Benehmen des heiligen Mannes während seiner Krankheit. Er verließ sein Lager, die Bequemlichkeiten, die Pflege, die er genoß, 320 und ging aus dem Hause, um Andere nicht durch sein Leiden zu stören. Allein und von vielfachen Schmerzen heimgesucht, suchte er dennoch diejenigen, die ihm zu Hülfe kommen wollten, von sich zurückzuhalten, weil er fürchtete, ihnen zu schaden. Ich las diese Stelle zu wiederholten Malen und wie? – War ich nicht selbst gleich ihm von einer unglückseligen Krankheit ergriffen? Wirkte ich nicht peinlich auf diejenigen, die mich zunächst umgaben? Störte ich nicht die Ruhe derer, die mir wohl wollten? Er ging aus dem Hause, er litt Noth, um Andere zu schonen, er machte sich aus dem Wege, um ihnen Ruhe zu verschaffen. Warum sollte ich nicht das Gleiche thun? Wie handelten in früheren Zeiten die Aussätzigen? Mußten sie nicht auch die Menschen fliehen und waren doch bloß krank, bloß unglücklich? Auch ich war unrettbar krank – ich steckte Andere an – ich mußte fliehen. Ja ich wollte es! Das Bewußtsein, meinen Lieben eine Wohlthat zu erweisen stärkte mich zu einem Entschluß, wozu bloße Klugheit mich niemals vermocht hätte. Ich wollte gehen – ach es geschah ja um mein Haus zu segnen! Ich wollte meine Lieben befreien – mochte aus mir werden, was Gott gefiel.

Ich schrieb meinen Eltern, setzte ihnen meinen Zustand und meinen Entschluß auseinander und versprach, einstens zu ihnen zurückzukehren. Ehe sie meinen Brief erhielten, war ich schon weit weg. Ich nahm einen andern Namen an und verheimlichte meinen Weg. Ich kam in diese Gegend. Sie gefiel mir, denn sie war einsam und wild. Ich baute mir hier mit geringen Mitteln eine Wohnung. Was ich besitze, was ich angepflanzt, haben Sie gesehen. Alles ist meine eigene und Beckasin's Arbeit. Er war mein einziger Freund und Diener. Ich lebte von meiner Hände Arbeit. Sie stärkte mich und zwang meine Gedanken, aus ihrem finstern Versteck hervorzukommen. Mein Leben, meine Einsamkeit wurden mir lieb. Ich hörte die Stimme der Wüste, den gewaltigen Sturm – einen bewußtlosen Ton aus der Brust des Allmächtigen. 321 Sein Gesang machte meine Brust sich erweitern. Ich sah über mir das blaue Auge des Himmels so groß, so schön – es forschte nicht, er spionirte nicht, wie das des Menschen. Ich las Gottes Wort in den Blumen, in den Gräslein; – sie fragten nicht, sie beleidigten nicht! Die Felsen standen so hoch und ruhig um mich her. Ich wanderte in den tiefen Wäldern und ihr Sausen wiegte meine Seele zur Ruhe. Alles war groß, frisch und unbekümmert um mich her; Alles lebte sein eigenes, stilles, ungestörtes, kräftiges Leben. Es durchdrang mich mit seiner Frische. Meine Seele richtete sich auf und athmete. Ich ging in die Kirche, um den vortrefflichen Hervey zu hören. Ein Zufall ließ mich seine persönliche Bekanntschaft machen. Er hat sehr wohlthuend auf mich gewirkt. An seiner Seite befand ich mich wohl und alle Unsicherheit verschwand. Ich empfand das Bedürfniß zu lieben und geliebt zu werden. Ich sammelte Thiere um mich her. Ihre Blicke störten mich nicht und sie wurden von den meinigen nicht gestört. Sie empfingen ihr Futter aus meiner Hand und leckten sie dankbar. Sie freuten sich, wenn sie meine Stimme hörten. Meine Seele wurde von ihren Spielen erquickt. Ich lehrte sie Verträglichkeit, machte ihr Leben glücklich und ihren Tod kurz und sanft. Ich theilte meine Zeit zwischen die Verpflegung dieser Geschöpfe und meine Arbeit; bald gewann ich auch wieder Seelenruhe genug, um mich mit Lectüre beschäftigen zu können. Allmälig fühlte ich – o welche Wonne! – daß der Dämon, der meine Plage gewesen war, von mir wich, und an seiner Stelle besuchte mich ein holder, ein freundlicher Geist, der die Schönheit der Natur für mich erhöhte, und meine Einsamkeit mit seinem Reichthum erfüllte. In Gesellschaft mit der Natur, ihre frischen Quellen trinkend, von ihrem mächtigen Leben erwärmt, fühlte ich mich Dichter. Mit dem Sturm, mit dem Gesange der Vögel und dem Gesumme der Insekten stiegen Gefühle, Gedanken und 322 Bilder in mir auf; sie kleideten sich in Worte und aus der Tiefe der Wüste erhob sich die Stimme eines vor Kurzem noch so Unglückseligen, um in seinem und der Natur Namen in Lobgesängen den Schöpfer für die Gabe des Lebens zu preisen. Nie habe ich Gott so geliebt, so angebetet, wie in dieser Einsamkeit.


Sieben Winter und sieben Sommer waren verflossen, seit ich in meine geliebte Einsiedelei eingezogen. Meine Seele war gestärkt, mein Verstand hatte sich in dieser Zeit mit einigen Kenntnissen bereichert. Eine liebliche Ruhe war über mich gekommen. Mitunter empfand ich eine Sehnsucht nach der Gesellschaft gebildeter Menschen. Ich ahnte, daß ich eines Tags würde unter sie zurückkehren können, ohne ein störender Geist zu sein. Es schimmerte mir eine freundliche Hoffnung vor, daß auch ich eines Tags eine Gattin und Freunde besitzen könnte. Ein Zufall führte vor kurzer Zeit ein Weib in meine Hütte; – seit diesem Augenblick kann ich nur noch an sie denken. Nicht sie war es, die göttlich Schöne, die man wie eine Unsterbliche anbeten möchte: die Andre war es mit dem Frieden auf ihrem Gesichte und in ihrem ganzen Wesen, die ohne Schönheit gleichwohl alle Sinne entzückte, die das Herz so ruhig und sanft schlagen machte, die Alles zu heiligen schien, was sie berührte! deren Blick so mild, deren Worte so gut waren; die freundlich war gegen mich; die mir beim Abendessen half; die es nicht verschmähte, auf der Matte zu ruhen, welche ich ausbreitete. Sie ist es! Mein Herz geräth in Unruhe bei dem Gedanken an sie. Ich empfinde eine unaussprechliche Zärtlichkeit für sie. O könnte, o wollte sie meine Gattin werden! An ihrer Hand würde ich mich nicht fürchten, wieder in die Welt zu treten – sie würde mein guter Engel sein. Mit ihr würde es mir darin nicht mehr sein, als befände ich mich in einer Wüste. Mit ihr, bei ihr, überall an ihrer Seite würde 323 ich mich heimisch und glücklich fühlen. Ich habe Ruhe in ihr – eine Ruhe, die da macht, daß ich fern von ihr nur Unruhe habe; daß meine Hütte mir arm und leer erscheint, und die Thiere um mich her beinahe wie gewöhnliches Vieh. Wie schön, wie liebenswürdig ist nicht neben ihnen der Mensch! Ich bin nicht arm. Ich kann meiner Gattin eine behagliche Stellung im Leben anbieten. Ich weiß, was ich thun will. Morgen verlasse ich meine Hütte, ich will zu meiner Familie zurückkehren, will mich wieder unter den Menschen versuchen, will meine Kraft prüfen. Sollte ich mich wieder unglücklich fühlen, wie früher, dann will ich in meine Einsamkeit zurückkehren, meine Thiere pflegen, Gott preisen und dort sterben. Fühle ich aber, daß ich meine Krankheit überwunden habe, oder daß ich die Macht besitze, sie zu beherrschen, o dann will ich zu ihr, die ich liebe, gehen und sagen: »Klara!« Ich habe dich so nennen gehört und wie gut paßt nicht dieser Name für dich! Holde, gute Klara, werde meine Gattin. Ich werde mein Leben dazu weihen, dich glücklich zu machen.«


Wie tief errötheten nicht Klaras Wangen, als sie diesen Schluß las, der sie eben so überraschte, als rührte! Hervey hatte das Manuscript der Familie aus Umenäs übergeben und nächst Klara las es Niemand mit so viel Interesse, als wie Baronin H. »Nun Klara,« sagte sie, als sie es wieder zusammen gelegt; »was hältst du von diesem letzten Einfall?« Klara schwieg einen Augenblick und sagte dann lächelnd: »Wir wollen die Sache mit einander in Berathung ziehen, wenn er wieder kommt. Einen guten Menschen glücklich zu machen, ist wirklich eine Sache, über die man sich wohl besinnen darf.«

»Doch wollen wir uns lange, recht lang auf diese Handlung der Wohlthätigkeit besinnen«, versetzte die Baronin, die ganz andere Pläne mit Klara hatte und an der Liebeserklärung des Kolonisten kein besonderes 324 Wohlgefallen fand. Etwas gereizt fuhr sie fort: »Was ist auf einmal aus deiner Angst vor der Ehe geworden, Klara? Hast du sie im Walde droben gelassen?«

»Nein, aber du hast sie mir genommen. Warum hast du mich seit einem Jahre das Erdenleben so schön und gut finden lassen, daß ich keine so große Furcht mehr habe, mich darin häuslich niederzulassen?«

»Klara, meine gute, liebe Klara! Heirathe, wen du willst, aber versprich mir nur, daß deine Niederlassung in meiner Nähe sein wird, sonst laufe ich meinem Manne davon; das sage ich dir und das will ich auch ihm sagen.«

 


 

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