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Fredrika Bremer: Nina - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleNina
authorFredrika Bremer
translatorG. Fink
year1843
firstpub1835
publisherFranckh'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleNina
pages520
created20171205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Wald und der Colonist.

Es rauscht und braust über Stock und Stein,
Die Hexe tanzt auf der Haide
                            Der Köhlerknabe.

Die Eisblumen schmolzen auf den Fensterscheiben. Die Sonne schien in das Wohnzimmer, wo sich die Gesellschaft zum Frühstück versammelt hatte. Der Zucker zerging in den vergoldeten Tassen, der Butter auf den gerösteten Brodschnitten. Um den Tisch herum saßen vergnügte Gäste und ließen es sich wohl schmecken. Das Kaminfeuer verkohlte. Es hatte seinen Glanz verloren und schien zu schmollen, als die Sonne hereindrang. Ach die Schwachheiten der Menschen spielen auch in den Elementen. Die drei kleinen Hunde der Gräfin fraßen Zwieback auf dem Teppiche, und von seinem Stab im hohen Käfig herab rief der Papagai ein keckes »guten Morgen!« Und gut war der Morgen, frisch und klar, wie ein Gedanke von Geijer. Nina trat ans Fenster. Am Himmel schwebten Rosen und goldfarbene Wolken, der Wald zuckte noch grün aus seiner Winterdecke hervor, das Eis glitzerte in Millionen Diamanten und die kleinen Sperlinge spielten auf dem Schnee.

»Ein schöner Tag!« rief Nina vergnügt. »Klara, wir müssen ausgehen! Wir wollen den Bergkönig und die Hexen in ihrem Morgenschlafe überraschen und die kleinen Kobolde aus ihren Betten jagen. Wir wollen uns in die Wälder vertiefen und umherirren.« Nina hatte jetzt Gedanken, wie andere junge Mädchen, schön, frisch, unverständig. Sie fing an, jung zu sein.

Klara war gerne bereit. Die älteren Freundinnen riethen ihnen bloß, nicht zu weit zu gehen. Die Baronin H. besonders warnte sie vor der List des Bergkönigs, prophezeite ihnen, ihre Vermessenheit werde bestraft 282 werden, und sie ein recht gefährliches Abenteuer erleben. Die Prophezeiung belebte nur noch den Muth der jungen Mädchen. Sie kleideten sich an und gingen fort. Der Schnee krachte unter ihren Füßen. Der Frost war scharf, aber die Luft so rein und klar, daß die Kälte ihren Bewegungen nur eine vermehrte Lebendigkeit und größere Schnellkraft verlieh. Elastisch, leicht und fröhlich, mit rosigen Wangen und strahlenden Augen eilten sie dahin. Sie wurden bald warm. Die Bewegung, die frische Luft, die prachtvolle Winterlandschaft, die im blendenden Sonnenglanz um sie herum lag, ließen sie den Genuß des Daseins empfinden. Ninas schönes Gesicht strahlte von Jugendleben und Freude. Klara betrachtete sie mit Bewunderung und mit der Freude, die das Herz eines Engels immer empfindet, wenn es das Lächeln des Glücks auf den Lippen eines Menschen wahrnimmt.

»Nun, Nina,« sagte Klara, »sind wir hier nicht glücklicher als diejenigen, die heute wahrscheinlich in großer Menge auf den Promenaden Stockholms einherwandern, um in den Augen der Leute zu glänzen, um zu gaffen, und sich begaffen zu lassen? Sie führen ihre Eitelkeit hinaus in die Sonne, und dieß hindert sie, Gottes Sonne zu sehen.«

»Ja gewiß, mein lieber kleiner Prediger,« antwortete Nina heiter; »denn überall, wo sich Ansprüche finden, läuft es auch nicht ohne Unruhe ab. Wenn sich unser Blick zu sehr auf uns selbst richtet, so hindert er uns, in die Welt hinaus zu sehen. Gleichwohl dürfen wir diese Bemerkung nicht auf den größten Theil der Spaziergänger in den Städten ausdehnen. Vielen ist es bloß um Luft und Gesundheit zu thun.«

»Allerdings,« versetzte Klara. »Du z. B. hast das Vergnügen, das befriedigte Eitelkeit gewährt, in reichlichem Maße genießen zu können. Wenn du auf der Königinstraße gingest, oder in dem prachtvollen Wagen deines Vaters daher fuhrest, mit deinem grünen Sammtpelz und dem Strohhut mit den schönen Blumen, da 283 war kein Auge, das dich nicht mit Bewunderung verfolgt hätte, und doch sahst du nie so glücklich aus, wie jetzt.«

»Ich war es auch nicht,« erwiederte Nina. »Die Aufmerksamkeit, die man mir erwies, und der eitle Beifall, den ich erwarb, machte mir mitunter Spaß, aber glücklich machte mich dieses nicht.«

»Glücklich,« fuhr Klara fort, »kann es auch nur auf Augenblicke machen. Und diese Augenblicke lassen nur Leere zurück. O ich wollte, die Menschen verständen es, glücklich zu sein. Sie würden dann die Städte verlassen und auf dem Lande in der Natur leben, sie würden sich umsehen und in der Frische derselben ihren Genuß finden lernen. Um jedoch Gott in der Natur recht zu lieben, müssen wir uns auch von unserer schwerfälligen Selbstsucht befreien. Wir müssen alles Kleinliche, alle geringfügige Eigenliebe, alle engherzigen Sorgen in uns ausgerottet haben, müssen mit klaren Augen und reinem Herzen in die Schöpfung hinaussehen. Auch hier kann es heißen: Wer sein Leben um Gotteswillen verliert, der wird es zu höherem Leben wieder empfangen.«

Nina antwortete nicht. Sie dachte an einen göttlichen Menschen. Sie sah zum Himmel auf und machte Klara auf seinen ungewöhnlichen Glanz aufmerksam. Eine Thräne der Anbetung zitterte lieblich in Klaras Augen. »Wie schön! Wie herrlich!« riefen die Mädchen. Sie merkten nicht, daß ein dunkles Gewölke immer höher am Horizont heraufzog. Sie bogen auf einem Nebenwege in den Wald ein. Der Hase sprang aus seinem Versteck hervor, blieb aber in einer kleinen Entfernung von ihnen stehen und setzte sich beinahe ohne Furcht, um die friedlichen Spaziergängerinnen zu betrachten. Der Auerhahn flatterte schwerfällig zwischen den Bäumen und warf den Schnee in schimmernden Flocken von den Wipfeln der Fichten herab. Wunderliche, ungewisse, aber angenehme Töne rauschten durch die Luft; mitunter schien selbst der Schnee auf dem Boden sich zu beleben, 284 Gestalt und Flügel anzunehmen, und – das weiße Schneehuhn flog behend auf. Die jungen Mädchen freuten sich ihres Lebens in der Einsamkeit. Es war für sie so neu, so eigenthümlich. Sie kamen von einem Fußweg auf den andern, und schritten mit einem Gefühl von Ehrfurcht in einen wilden, hohen Fichtenwald. Nina und Klara setzten sich auf eine umgefallene Fichte, um auszuruhen. Die pfeilergeraden Stämme waren mit einem leichten Schneegas bekleidet, das sich ihnen in schimmernden Falten anschmiegte. Hoch über den Köpfen der Freundinnen und rings um sie her säuselte der unermeßliche, majestätische Wald.

»Wie groß, wie feierlich!« sagte Klara, während ihr Auge gedankenvoll umherblickte, »hier glaube ich das Leben der nordischen Vorzeit zu verstehen. Der Boden war nicht angebaut; die Natur düster und geheimnißvoll. Der in ihrem Schooße großgezogene Mensch wurde düster und hoch, wie sie, gewaltsam in seinen Thaten, denn es war unklar in seinem Innern. Indeß war er groß und herrlich in seiner rohen Kraft. Ich weiß nicht, welches Gefühl unheimlichen Wohlbehagens, wunderlichen Vergnügens mich ergreift, wenn ich an diese Zeit und ihr wunderbares Wesen denke; an ihre Titanen, Zwerge und Zaubergeister, ihre Prophezeiungs- und Beschwörungskräfte. Ich gäbe viel darum, wenn ich einen Augenblick diese Sagenwelt um uns herum auftreten sehen, und mit ihren Riesen und Kobolden Bekanntschaft machen könnte.«

»Ich nicht, ich nicht!« sagte Nina mit einer abwehrenden Bewegung der Hand. »Ich empfinde bloß Furcht vor diesen unheimlichen, unbegreiflichen Gestalten. Laß uns dieselben nicht mit unsern Wünschen heraufbeschwören. Laß uns dankbar sein, daß wir in einer Zeit leben, wo menschlicher Fleiß die Erde gelichtet, wo Ordnung und Güte sie zu einer ruhigen, behaglichen Heimath umgeschaffen haben. Wir wollen die Zeit der Titanen nicht zurückwünschen; ihre Kraft war mehr grob, 285 als groß und ächt. Ach laß uns glücklich sein, daß die Stunde des Menschen geschlagen hat. Oft wenn ich die gegenwärtige Zeit im Vergleich zu den verflossenen Jahrhunderten herabsetzen hörte, fielen mir die Worte des Dichters Shelley ein, deren Sinn der ist: »Der Geist der Religion und Poesie hat sich in das allgemeine Herz ergossen und durchdringt selbst die Granitmassen; es entstehen Wesen, die weniger mächtig sind, aber milder. Auch alltägliche Handlungen werden schön durch die Liebe.« Und gewiß, Klara,« fuhr Nina fort, indem sie ihre Hand ergriff, »gewiß ist der reine liebevolle Mensch und die Welt, die er um sich her schafft, der wahre und schöne Gottesspiegel. Erinnerst du dich noch, wie Hervey dieß gestern Abend sagte?«

»Ja, ich erinnere mich wohl,« antwortete Klara, »und ich denke ganz wie du und er. Glaube mir,« fügte sie hinzu, »ich wünsche keineswegs zu den Zeiten der Gygi und StarkadderGygi, eine berühmte Riesin in der nordischen Mythologie, wohnte im Walde Jarnvida (Eisenwald) und war Mutter vieler Riesen, sämmtlich in Wolfsgestalt.
Starkadder oder Starkadur ist einer der berühmtesten Helden in den nordischen Sagen. — Anm. des Uebers.
gelebt zu haben; doch möchte ich mich einen Augenblick mit einem unserer Väter aus der Heidenzeit besprechen, um zu erfahren, was sie vom Leben dachten. Wenn sie nur Gott recht empfanden und verstanden, so glaube ich, daß sie glücklicher gewesen sind, als die meisten Menschen der jetzigen Zeit.«

»Glücklicher! und warum?« fragte Nina verwundert.

»Weil sie,« antwortete Klara, »mehr mit sich selbst und der Natur allein waren. Die Erde hatte damals mehr Wälder als Menschen. Es fehlte nicht an Raum, um sich zu bewegen, und frische Winde wehten durch das Leben. Die Gesellschaftswelt bestand noch nicht mit ihrer Kleinlichkeit, ihren kleinen Vergnügungen und kleinen 286 Plagen, welche zahlreich, verzehrend und verödend sind, wie Pharaos Heuschrecken. Der Mensch konnte nicht sehr unglücklich sein. Er starb oft eines gewaltsamen Todes, verzehrte sich aber nie langsam, wie jetzt. Er war freier, hatte mehr Raum zum Athmen . . .«

»Mehr Raum zum Athmen!« rief Nina, »aber keine Luft, keine Atmosphäre von Milde und Liebe. O Klara! Ohne Liebe, ohne eine Menschenbrust, um daran zu ruhen und in ihr zu leben, ist der ausgedehnteste Raum nur eine Leere, die Freiheit nur ein Zustand der Auflösung, nur eine Bürde. Auch die Natur, Klara, auch der Himmel kommen uns nicht nahe und werden nicht lebendig in uns, außer durch . . .«

Hier wurden sie durch ein gelles Pfeifen ganz in ihrer Nähe unterbrochen. Die Mädchen sprangen nicht ohne Schrecken auf. Das Pfeifen wiederholte sich mehrere Male scharf, eintönig und anhaltend.

»Wir haben einen Waldgeist aufgeregt,« sagte Nina scherzend.

»Oder den Geist irgend eines heidnischen Zwerges,« versetzte Klara ebenso – »der unsere vermessenen Betrachtungen über die Zeit, da er groß gewesen, auspfeift.«

»Es ist,« sagte Nina, »die Bergdrossel oder der Unglücksvogel, wie man ihn hier nennt. Ich habe sein gellendes Geschrei schon früher gehört. Sieh dort fliegt er über unsern Köpfen. Laß uns nach Hause gehen, liebe Klara. Es ist unheimlich hier im Walde. Höre, wie wunderlich es rauscht.«

Wirklich erfüllte ein heftiges Rauschen und Brausen den Wald. Es war das Getöse eines heranziehenden Sturmes. Es knackte in der hohen Fichte, und der Unglücksvogel ließ dazwischen hinein sein unheimliches Geschrei vernehmen. Beinahe in demselben Augenblick bedeckte sich der Himmel mit grauen, schnell segelnden Wolken, und es begann zu schneien. Die jungen Freundinnen machten sich eilenden Schrittes auf den Heimweg. 287 Aber die Berg- und Waldgeister waren jetzt losgelassen und trieben ihr wildes Spiel. Die Mädchen verloren den Weg im Walde. Sie sahen es und schlugen einen andern ein, dann wieder einen andern und so fort. Alle verloren sich unbemerkt und führten sie nur tiefer in das labyrinthische Gehölze hinein. Der Schnee wirbelte in Schauern um sie her und verschüttete bald jede Spur eines Wegs. Der Orkan nahm mit jedem Augenblicke zu, Bäume stürzten von seinen Stößen. Das Unwetter war vollkommen. Zuerst lachten die Freundinnen in ihrer Verlegenheit, dann aber wurden sie still, endlich kam ihnen die Angst und sie bereuten ihre Unvorsichtigkeit. Sie irrten lange umher, in der Hoffnung, irgend eine Hütte zu finden, oder durch ihr Rufen die Aufmerksamkeit irgend eines Waldbewohners anzuregen. Die schwache Nina folgte der stärkeren Klara klaglos, aber mit immer matteren Schritten. So gingen sie mehrere Stunden lang. Glücklicherweise hatte die Kälte während des Schneegestöbers nachgelassen, sonst hätten wir unsere jungen Freundinnen ohne Zweifel zum letzten Male begleitet.

Es fing an zu dunkeln, als sie an den Fuß eines hohen, kahlen Berges gelangten. Sie beschlossen, ihn zu besteigen, um von dort aus die Gegend zu übersehen, sich wo möglich zu orientiren und einen Rückweg ausfindig zu machen. Aber kaum hatten sie, umwirbelt von Sturm und Schnee, einige Schritte gemacht, als Nina beinahe ohnmächtig niedersank, und ungeachtet ihrer eigenen und Klaras Bemühungen sich nicht mehr aufrichten, geschweige denn einen Schritt weiter gehen konnte. In diesem Augenblick raste der Sturm am Wildesten. Es war eine wilde Musik von dissonirenden Tönen, ein wilder Tanz des Waldes und der Wolken, ein wildes Geheul aufgeschreckter oder fliehender Thiere. Die ganze Natur war im Aufruhr.

Nina war weder an Seele, noch an Körper stark. Eine unbeschreibliche Angst erfaßte sie. Sie lehnte ihren Kopf an Klaras Brust: »Werden wir hier umkommen?« fragte sie unter Thränen. 288

»Nein,« antwortete Klara mit festem Vertrauen. »Gott wird uns Hülfe senden.« Und sie drückte Nina in ihre Arme und suchte sie an ihrer Brust zu erwärmen.

»Es sind schon öfter Leute im Walde erfroren oder den wilden Thieren zum Raub geworden,« sagte Nina mit matter Stimme. »Warum sollte die Vorsehung für uns mehr Rücksicht haben, als für diese?«

»Nun gut,« erwiederte Klara mit ihrem himmlischen Muthe, »wenn wir hier wirklich sterben sollen, so entschlafen wir doch in Vaterarmen.«

Nina weinte. »Ich bin noch so jung . . . . .« flüsterte sie; »ich habe so wenig Freude gehabt! Edla . . . . Herv . . . .« der Name erstarb auf ihren bleichen Lippen.

»Du wirst leben, du wirst glücklich werden,« tröstete Klara eifrig, aber voll Angst. »Ich will rufen.«

»Wer kann deine Stimme hören? Der Sturm . . . der Sturm . . . . .«

In diesem Augenblick ertönte ein wunderbarer Gesang über den Köpfen der Freundinnen. Eine rauhe und starke Stimme, ohne Wohllaut, aber voll wilder Kraft sang folgende Worte, die den Sturm zu beherrschen schienen, denn seine Wuth verwandelte sich während des Gesangs in ein dumpfes, gleichsam scheltendes Gemurmel. So sang die Stimme aus dem Berge:

In ergrauender Nacht,
Im steigenden Sturm,
Auf des Schneeberges Höh'
Ein Wanderer steht;
Sieht Mastbäume fallen,
Sieht Schneeschauer wallen,
Hört der Zerstörung Lust,
Aber ruhig ist seine Brust.

Schauerlich ächzt es im Wald,
Wild heults in der Luft, 289
Jammer und Klagelaut tönt
Von Fels zu Fels.
Aber der Wandrer ist stille,
Nicht Weh, nicht irrender Wille
Trüben seinen Sinn;
Er weiß, wohin.

Hör! laut schreiend entflieht
Der Thiere geängstigt Heer,
Alles beugt sich und zagt
Vor dem wilden Orkan.
Aber der Wandrer nicht bebet,
Sein Auge er hebet
Hinauf zur höhern Macht,
Die seiner wacht.

Allgewaltigster du!
In stürmender Nacht
Will ich singen dein Lob,
Will preisen deine Macht.
Dein Wink wird gebieten,
Daß die Stürme nicht mehr wüthen,
Und das heulende Gebraus
Wird ein flüsternd Gesaus.

Kenn deinen Herrn, Titan!
Er wird zähmen deinen Muth!
Erkenn, o Menschenbrust,
Den Allberuhiger.
Er stillt alle Schmerzen;
Getrost, ihr zagenden Herzen!
Wer auf ihn nur gebaut,
In Sturmnacht nicht graut.

Beim ersten Ton des Gesanges sprang Klara auf. Ein augenblickliches Leuchten in den Wolken gestattete ihr mitten im Schneewirbel, der um die Bergspitze tanzte, 290 eine Gestalt zu erblicken, die mehr einem zottigen Kobold, als einem Menschen glich. Sie stand in Pelzwerk gekleidet auf dem Gipfel des Berges und begleitete ihren wilden Gesang mit gebieterischen Gebärden.

Klara rief laut; allein der wilde Sänger schien nicht zu hören. Jetzt bedachte sie sich keinen Augenblick länger, und nachdem sie Nina einige Worte der Aufmunterung zugeflüstert, fing sie an, rasch den Berg hinanzuklimmen. Nina hatte im Anfang, ohne zu wissen, was sie that, Klara zurückzuhalten gesucht, aber jetzt, als sie sich allein sah, wurde ihre Seele von einer unbeschreiblichen Angst ergriffen. Der Gesang verstummte; sie hörte einen Schreckensruf. Der Sturm raste aufs Neue mit vermehrter Wuth, Bäume stürzten in ihrer Nähe zu Boden; sie hörte keine menschliche Stimme mehr, sondern bloß noch das Geheul der wilden Thiere; entsetzliche Gestalten schimmerten vor ihren Blicken; bald wirbelte Alles in einem unermeßlichen Chaos: sie fühlte eine unbeschreibliche Last auf ihrer Brust und verlor die Besinnung. Schon schlug der Tod seine kühlen Schwingen über Ninas Haupt, aber ein Engel trat zwischen ihn und sie. Auf einmal begann sie zu träumen, dunkel, aber angenehm. Sie hörte melodische Töne und Worte. Sie verstand dieselben nicht, aber sie thaten ihr gut. Sie fühlte sich von der Erde erhoben, und wie von Engelsflügeln fortgetragen. Eine angenehme Wärme drang durch ihre Brust und machte ihr Herz schlagen. Sie fühlte keinen Druck, keinen Sturm, keinen Winter mehr. Paradiesische Gegenden schienen sich vor ihren Blicken eröffnen zu wollen, unbeschreibliches Wohlbehagen bemächtigte sich ihrer Seele immer mehr; – sie fürchtete nur zu erwachen.

Wir wollen einen Augenblick zu Klara zurückkehren. Die Textesworte des Gesanges, der an ihr Ohr schlug, belebten ihren Muth, und sie stieg unter lautem Hülferufen eifrig den Berg hinan. Allein der zottige Sänger war zu sehr mit seiner eigenen Stimme beschäftigt, um 291 eine andere zu hören. Erst als Klara, beinahe zu Boden sinkend vor Mattigkeit, am Gipfel des Berges angelangt war, hörte er ihr Rufen und wandte sich zu ihr um. Allein sein Aussehen wurde auf einmal so verwirrt, seine Gebärden so wild, daß Klara einen Wahnsinnigen vor sich zu haben glaubte, als er ihr entgegensprang. In diesem Augenblick stürzte ein Mann hervor, der den Zottigen kräftig zurückstieß und die niedersinkende Klara in seinen Armen auffing. Mit einem Ruf des Sehreckens, der Verwunderung und der Freude erkannte Klara – Hervey. Der Zottige wollte ihn von ihr wegreißen. Hervey setzte sich zur Gegenwehr, und nun entstand ein wilder Kampf zwischen Beiden.

Sie kämpfen wie die Bären
    Auf ihrem Berg von Schnee,
Wie Adler sie sich wehren
    Ueber hochbewegter See.

Endlich gelang es Hervey, seinen Gegner zu Boden zu werfen. Dieser sagte auf einmal ganz kurz: »Halt ein, es ist genug!« – »Knut!« rief Hervey verwundert, als er die Stimme erkannte. – »Pastor Hervey!« schrie der Zottige, »sind Sie es, der so übel mit mir verfahren ist?« Und der Kampf löste sich in einen Händedruck auf.

»Wo . . . wo ist Fräulein G.?« fragte Hervey mit sichtbarer Angst die vor Schrecken bleiche Klara, die ihm nur mit Mühe antworten konnte. »Meine Hütte ist in der Nähe,« sagte der Zottige, und wies mit der Hand nach einer Gegend, derjenigen entgegengesetzt, von welcher Klara gekommen war. »Bleiben Sie hier ruhig,« bat Hervey die ermattete Klara,. »und Sie,« sagte er zu dem Zottigen, »wachen Sie über das Fräulein. Ich bin in einem Augenblick zurück.« Und in wenigen Sekunden war er ihnen aus den Augen. Der Zottige sah ihm vergnügten Blickes nach. »Er hüpft und springt trotz einer 292 Ziege auf den Bergen herum,« sagte er zu sich selbst. Jetzt wandte er seinen Blick auf Klara. Er betrachtete sie immer ernster, immer inniger, immer ruhiger. Er faltete seine Hände und Thränen stiegen ihm in die Augen. Man hätte ihn für einen Faun halten können, der eine Hamadryade anbetet. Allein die Hamadryade wurde immer ängstlicher, und hätte Hervey gerne zu Nina begleitet, wenn nicht Müdigkeit ihre Füße gefesselt hätte.

Auf dem Schnee liegend, und so weiß und kalt, wie dieser, fand Hervey Nina. Ein Stich ging ihm durch das Herz. Er nahm sie in seine Arme und erwärmte sie an seiner Brust. Die kostbare Last an sein klopfendes Herz gedrückt, nahte er sich Klara und ihrem wunderlichen Anbeter. Hier ruhte er einen Augenblick. Hier war es, daß Nina erwachte, daß sie Eduard Herveys Augen über sie strahlen sah, daß sie sich von seinen Armen getragen fand, den Kopf an seiner Brust ruhend. Es war ihr, als sähe sie einen Engel, und kraftlos, aber glücklich schloß sie ihre Augen wieder. Warum ihre bleiche Wange sich färbte? Sah Jemand die Perle, die aus dem männlichen Auge fiel? Die Nacht verbarg sie, aber Nina fühlte auf ihren Lippen die warme Liebes- und Freudenthräne, und nie wirkte lieblicher Thau erfrischender auf eine welke Blume.

Der Weg auf der andern Seite des Berges war weniger steil. Dennoch mußte Klara, trotz aller Furcht, ihrem zottigen Anbeter erlauben, sie zu tragen, denn sie war erschöpft und konnte während der zunehmenden Dunkelheit nirgends festen Fuß fassen. Knut ging mit ihr voraus; ihnen folgte Hervey mit Nina, beide glücklich in der finstern, stürmischen Nacht.

Es währte nicht lange, so kamen sie an eine kleine Colonie. Ein freundliches, helles Feuer leuchtete durch die Fenster der Hütte zwischen den schwankenden Zweigen der Fichten. Der Zottige stieß einen Schrei aus, welcher sogleich von mehreren Thierstimmen erwiedert wurde. 293 Hunde bellten, Kühe brüllten, Schafe blöckten, Hühner gluckten, aber alle diese Laute wurden übertönt von einer gellen, beinahe pfeifenden Stimme, die man weder einem Thiere, noch einem Menschen zuschreiben konnte. Der Zottige rief: »Beckasin!« und in der Thüre der Hütte erschien mit einer brennenden Kienfackel in der Hand ein Zwerg, dessen schmaler, dünner Leib, so wie seine triefenden, eingesunkenen Augen nicht im Mindesten an einen Herrn der Schöpfung erinnerten. Mit einem albernen Ausdruck im Gesichte begaffte er die Ankommenden, aber ein Schimmer von Freude glänzte in seinen Augen, als der Zottige die Hand auf seinen Kopf legte und zu ihm sagte: »Beckasin, du mußt fliegen. Zünde die Laterne an und halte dich fertig.«

In der reinlichen und geräumigen Hütte wurde Nina auf ein Bett von Rennthierfellen gelegt, über welche der Zottige eine Decke ausbreitete. Hervey hatte inzwischen mit Beckasins Hülfe einen stärkenden Trank bereitet, den er an Ninas Lippen führte. »Er ist bitter,« sagte er, »aber wohlthuend!« Sie nahm ihn lächelnd ein. »Er ist nicht bitter,« sagte sie leise. Hervey trank den Rest an derselben Stelle des Gefässes, die ihre Lippen berührt hatten, und Amor, der Chemikus, mag erklären, wie sich der herbe Trank schnell in lieblichen Nektar verwandelte. Klara mußte ihr Lebenselixir aus des Zottigen eignen Händen entgegennehmen. Es lag in seinem Wesen ein wunderliches Gemische von Schüchternheit und Dreistigkeit, von Verworrenheit und Bestimmtheit, von kindischer Unbeholfenheit und Würde. Indeß war letztere Eigenschaft die vorschlagende. Seine Gesichtszüge waren schön, seine Gestalt kräftig. Er machte einen wunderlichen, aber durchaus nicht unbehaglichen Eindruck. Nachdem sie den stärkenden Trank eingenommen, wurde Nina in Klaras Pflege übergeben, die, wieder belebt und rüstig, ihre erstarrten Glieder mit Schnee rieb. Der Colonist hatte sein zottiges Kleid abgeworfen, und erschien jetzt in der groben Tracht der Bauern dieser Gegend. Er beschäftigte 294 sich mit Bereitung eines Abendessens, indeß Hervey hinausging und drei Schüsse abfeuerte – ein Signal, das er mit den nach allen Richtungen zur Aufsuchung der Verirrten ausgesandten Leuten verabredet hatte. Dieses Signal, das je nach zehn Minuten wiederholt wurde, führte die Suchenden bald an die Colonie. Sturm auf ihrer Stirne, eine Laterne in der Hand, erschien die Baronin H. in eigener Person an der Spitze einer Masse Volks. Allein ihr Zorn verwandelte sich, als Klara sie weinend in ihre Arme schloß, und sie fand jetzt keine Worte mehr, um zu schelten, sondern hatte ebenfalls bloß noch Thränen der Freude, so daß sie die ganze Nacht ihren gewöhnlichen Humor nicht wieder erhielt. Es wurden jetzt unter Beckasins Anführung Leute zur Gräfin geschickt, um sie vom Stande der Dinge zu unterrichten. Die Baronin wollte die Nacht bei ihren jungen Freundinnen hier zubringen, und am folgenden Tag mit Eduard Hervey die »verlorenen Schafe« nach Umenäs zurückführen. Eduard sandte einen Boten an seine Mutter, und nachdem dieß Alles besorgt war, verbreitete sich eine behagliche Ruhe in der so eben noch so unruhevollen Gesellschaft. Die Baronin setzte sich an Ninas Bett, und Klara ging hinaus, um dem Colonisten das Abendessen bereiten zu helfen. Er wurde Etwas verwirrt durch ihre Ankunft, und es war große Gefahr vorhanden, daß die Eier ganz und gar zerliefen und die Ochsenzunge eine nähere Bekanntschaft mit der Milch machte, als für beide Theile zuträglich gewesen wäre; auch die Kartoffeln wurden an alle mögliche Orte gelegt, nur nicht an den, welchen Menschenvernunft vorgezeichnet hatte. Aber Klaras ruhiges und besonnenes Wesen, sowie ihre Vertrautheit mit den Angelegenheiten der Küche brachte schnell Alles in Ordnung und in rechten Gang. Sie scherzte bald ganz unbefangen mit dem Koche über seine Verwirrung, und sie wurden immer vergnügter beisammen. Indeß kam es auch an Klara roth zu werden und eine Unordnung zu 295 machen, als sie Herveys aufmerksame und gutmüthig schalkhafte Blicke bemerkte.

Das Essen wurde aufgetragen und ausgezeichnet gefunden. Die lebhafte Aufmerksamkeit der Herren ersetzte ihre Ungeübtheit im Serviren. Ninas Augen füllten sich mit Thränen, als sie den Sturm um die Hütte rasen hörte, und drinnen beim freundlichen Feuer alte ihre Lieben in Sicherheit und zärtlich mit ihr beschäftigt sah. Ihr Herz war voll Dank. Bei einer andern Gelegenheit würde diese Mahlzeit mit allen ihren Mängeln an Messern, Gabeln u. s. w. und den daraus entstehenden lustigen Entwicklungen gewiß sehr heiter gewesen sein, allein die ausgestandene Angst hatte die Scherz- und Lachmuskeln gelähmt. Die Baronin saß stumm da, und Klara konnte sie nicht ansehen und an die Gefahr denken, der sie sich um ihretwillen ausgesetzt hatte, ohne daß ihr große Thränen in die milden Augen traten. Die Baronin hatte nämlich ganz offen zu ihr gesagt: »Du darfst nicht glauben, daß ich bloß um Ninas willen wie eine Närrin in der kohlschwarzen Nacht herumgesprungen bin. Ich bin nur froh, daß mein Mann nicht zu Hause war. Er hätte mich gewiß zurückhalten wollen, und dieß hätte unsern ersten ehelichen Streit veranlaßt.« Bald nach der Mahlzeit wurden die Damen allein gelassen, um die Ruhe zu genießen, deren sie so sehr bedurften. Für Hervey und sich bereitete der Colonist in einem Nebenzimmer ein Strohlager.

Hervey, den sein neuer Bekannter interessirte, richtete, sobald sie allein waren, einige Fragen über sein früheres und gegenwärtiges Leben an ihn. Der Colonist antwortete:

»Ich kann Ihnen hierüber mündlich keinen Aufschluß geben. Wenn Sie es übrigens wünschen, so will ich Ihnen meine schriftlichen Bekenntnisse einhändigen.«

Hervey machte ihm freundliche Vorwürfe über sein einsames und für seine Mitmenschen nutzloses Leben. Der Colonist erwiederte darauf mit einem wehmüthigen 296 Kopfschütteln bloß: »Ich habe ihnen am besten dadurch gedient, daß ich ihnen aus dem Wege ging. Ganz nutzlos ist indeß mein Leben nicht. Ich beglücke die Thiere, die mich umgeben, den armen Beckasin mit inbegriffen.«

»Ein Paradies für Thiere?« sagte Hervey und deutete fragend auf verschiedene Fragmente einst lebendiger Thiere, die appetitlich wie in einem Metzgerladen unter der Decke hingen.

»Darauf werde ich Ihnen morgen früh antworten,« sagte der Colonist. Und als der Morgen kam, führte er Hervey in seinen Viehhof. Hier fand nun der Pastor zu seiner großen Verwunderung in einem abgesonderten Raume zwei Guillotinen aufgestellt, eine für größere, die andere für kleinere Thiere.

»Die Thiere müssen sterben,« sagte der Colonist, »aber die Natur wird ihnen selten einen so milden, so schmerzlosen Tod geben,. als sie hier finden. Wenn ihr Stündlein geschlagen hat, kommen sie hieher und genießen noch einen Augenblick ihr Lieblingsfutter, dann fällt das Beil und trennt sie ohne Kampf und ohne Schmerz von einem Leben, das sie so vollkommen genossen haben, als es überhaupt Thieren möglich ist, wo ihnen Futter, Obdach, Gelegenheit zu ihren Spielen und Liebkosungen von ihres Herrn Hand zu Theil geworden sind.«

Ein wohlgefälliges Lächeln verbreitete sich über Herveys Züge. »Das ist sehr schön,« sagte er, »und ich werde hierin Ihrem Beispiel folgen. – Wir sind häufig noch roh und barbarisch in Behandlung der Thiere, die uns dienen und ernähren. Wie angelegen sollte man es sich nicht sein lassen, sie von allen Leiden zu befreien, da auf ihr irdisches Leben kein unsterbliches folgt, wenigstens nicht für die Individuen ihres Geschlechtes.«

»Sie glauben also an die Unsterblichkeit des Geschlechtes?« fragte der Colonist lebhaft.

»Ja,« antwortete Hervey; »ich glaube an einen neuen Himmel und an eine neue Erde, an ein verklärtes Menschenleben und eine verklärte Natur. Ich glaube mit 297 Paulus an die Erlösung der Kreatur. Der Mensch und die Natur sind mit einander gefallen, sie werden auch mit einander der Versöhnung theilhaftig werden.«

»Das freut mich,« sagte der Colonist und Thränen füllten seine Augen. »Ich liebe die Thiere, die Blumen, die Berge. Ich habe mich in ihrer Gesellschaft glücklicher befunden, als in der menschlichen. Ich erkenne mein Wesen in dem ihrigen, ihr Wesen in dem meinigen. Sie sind Theile meines Lebens.« Hier streckte er seine Arme aus gegen die wilde Naturscene, die ihn umgab.

Wolken und Winde schienen im Begriff, sich nach ihrem nächtlichen Kampfe zu trennen. Erstere zogen sich in schneeschweren Massen westlich; letztere seufzten und brummten noch dumpf im Walde, der immer sanfter seine Baumwipfel bewegte. Der Colonist lockte seine Thiere heraus. Sie sammelten sich um ihn, zahm, munter und schmeichelnd. Hervey betrachtete diese Scene mit dem ihm eigenen stillen Lächeln. Der Colonist sprach bald mit seinen Thieren, wie mit Kindern, bald beantwortete er Herveys Fragen über die moralische und physische Behandlung der Thiere. Hervey glich darin dem Grafen im Titan, daß er überall nach den Gräsern und Blumen der Wissenschaft botanisirte. Kein Feld war für ihn ganz öde.

Als die Sonne aus dem Thore des Ostens trat, und ihre Feuerstrahlen über die Gegend auswarf, wandte Hervey unwillkürlich seinen Blick nach der Hütte, und siehe in der Thüre derselben stand schöner als die Sonne – die schöne Nina, lieblich wie ein Maimorgen. Bald war Hervey ihr zur Seite. Sie reichte ihm ihre Hand, er drückte sie an seine Lippen und behielt sie in der seinigen, und rings um sie her war ein Gesäusel fröhlichen Lebens. Die Bäume neigten ihre feuerfarbigen Wipfel über ihnen und die blaue Decke des Himmels breitete sich sonnebeglänzt und klar aus. Hervey betrachtete zuerst Nina, dann blickte er um sich und zuletzt 298 zum Himmel empor. Ihr Blick folgte dem seinigen. Es war Beider Morgenandacht: – eine schweigende Vermählung der Seelen mit der Natur, miteinander und mit Gott.

Glücklich die Herzen, die einander in Frömmigkeit und Klarheit finden! Ihren Bund wird kein irdisches Schicksal zerreißen.

Aber wer stand an der Seite des Colonisten? Klara. Sie fütterte und streichelte die Thiere um die Wette mit ihrem Herrn, oder vielmehr an seiner Stelle, denn er vergaß jetzt Alles, nur um sie anzusehen. Hervey und Nina kamen bald zu ihnen und hatten ihre Freude an den schönen zahmen Thieren, die im Frieden des goldenen Zeitalters mit einander lebten. Nun erschien auch die Baronin mit einer Stirne, klar wie der Himmel; Beckasins Kaffee fand die Gesellschaft in der allervortrefflichsten Laune, und wurde von der Baronin nach Verdienst gepriesen und gewürdigt.

Eine Menge Leute, welche die Gräfin ausgeschickt hatte, um einen Fährweg bis zur Colonie zu schaufeln, hielten jetzt ihren geräuschvollen Einzug in diesem friedlichen Winkel zwischen Klippen und Wäldern. Die Gräfin hatte ihnen Wägen, Pelzwerk und alle nur erdenklichen Bequemlichkeiten mitgegeben. Die Gesellschaft mußte sich jetzt von ihrem gastlichen Wirthe trennen, nach vielen freundlichen Einladungen zum Gegenbesuch besonders von Herveys Seite. Der Colonist antwortete Nichts darauf und als seine Gäste sich entfernten, warf er bloß Klara einen Blick zu, welcher zu klagen schien: »Und ich bleibe allein!«

Die Abenteuer dieses Tags blieben indeß nicht ohne üble Folgen für die jungen Freundinnen; besonders Nina litt mehrere Wochen. Die Baronin H. predigte heftig gegen alle Kreuzzüge.

Ob Hervey wohl den Colonisten an sein Versprechen in Beziehung auf die schriftliche Mittheilung erinnerte? Ob der Colonist es hielt? Und ob der Leser eben so 299 begierig ist, wie Hervey, Näheres über sein Leben und seine Schicksale zu erfahren?

Wir nehmen uns die Freiheit, alle diese Fragen mit Ja zu beantworten. Protestirt vielleicht ein Leser für seine Person, so bleibt es ihm unbenommen, die nächsten Blätter zu überschlagen.

Aber in dem Augenblick, da ich die Feder ergreife, um lang verborgene Leiden ans Licht zu ziehen, Leiden, die glücklicherweise Viele gar nicht begreifen werden, in diesem Augenblick höre ich eine Geisterstimme, welche sanft warnt:

»Ein stolzer und kraftvoller Mensch wird schwerlich mitten unter dreißigjährigen Kriegen – Gerichtstagen – wandernden Völkern – zersplitterten Sonnensystemen sein Gewand aufreißen und sich selbst oder der Welt den Blutadler auf seiner Brust zeigen.«

Schatten eines großen Mannes, herrlicher Jean Paul! verzeih, wenn eines der kleinen Erdengeschöpfe es wagt, dir zu antworten:

»Der Kampf ist nicht deßwegen wild, weil er unter Massen gekämpft wird, das Unglück nicht deßwegen groß, weil es Weltsystemen gilt. Es ist möglich, daß der dreißigjährige Krieg mit allen seinen Greueln keine so schauerliche, so fortgesetzt düstere Tragödie aufzuweisen vermag, wie diejenige, die in friedlichen Zeiten, in blühenden Umgebungen in einer Menschenbrust vor sich geht. Es ist ein Gott, der in den kämpfenden Zeiten wirkt; ein Gott ist es auch, der in der Brust des leidenden Menschen blutet.

Nichts ist klein und Nichts ist groß vor des Ewigen Augen,
Denn in der Schale der Form schaun sie den Kern nur allein;
Schauen bedeutungsvoll das Kleinste sowohl, als das Größte.Mellin. 300

Deßhalb, Unglücklicher, wer du auch sein magst, tritt hin vor das Universum! Aller Sphärengesang soll deine Worte nicht übertönen. Doch erwarte ich dich nicht in der Stunde des wilden Schmerzes, nicht in der Stunde des Jammers; und solltest du auf Erden keine andere erleben, so klage nicht; dulde schweigend, preise Gott und stirb. Aber hast du Erlösung gefunden, ist aus der dunklen Stunde Licht für dich hervorgegangen – o dann tritt hervor; sage uns, was du gelitten, was du gelebt hast, damit einige Tropfen aus der Quelle, die deine Wunde geheilt, auch für uns fließen mögen.

 


 

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