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Fredrika Bremer: Nina - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleNina
authorFredrika Bremer
translatorG. Fink
year1843
firstpub1835
publisherFranckh'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleNina
pages520
created20171205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Nina.

Zweiter Theil.

Heut zu Tage reist alle Welt. Der Weg des Lebens ist zur Hälfte eine Landstraße. Die Individuen springen um einander herum »zum Nachbar,« die Nationen spielen das große Spiel: »Feuer leihen.« – Es ist zur Modesache geworden. Die Personen in meiner Geschichte sind zum größern Theil Leute von gutem Ton; man wundere sich daher nicht, daß sie unaufhörlich reisen. Mancher wird, hoffe ich, nicht ungern dahin folgen, wohin ich ihn jetzt führe, nämlich ostwärts, nach dem

Paradies.

Und des Landes Gold war köstlich.
                                1. Buch Mose.

Sind sie nicht göttlich diese Wiesen?
O göttlich, göttlich!
                                    Bellmann.

Paradies hieß das kleine Gut, das Baron H. von seinen Vätern ererbt hatte. Es liegt in dem sonnebeglänzten, gastfreundlichen Schonen. 264

»Kennst du das Land? . . . . .«

Es ist ein herrliches Land! Reiche Erndten wiegen sich auf seinen Ebenen. Das Herz wird dort warm, warm von der südlichen Sonne, warm von der Güte und Freude, welche die Brust der Einwohner belebt. Unter ihnen fließt das Leben leicht dahin. Der Fremdling bewahrt ewig in dankbarer Erinnerung die Güte und Gastfreundschaft, die ihm in ihren Kreisen zu Theil geworden. In solchem Lande liegt Paradies. Baron H. reiste dahin ab, nachdem er sich in aller Stille mit Fräulein Margarethe hatte trauen lassen. Ihnen folgte die gute und glückliche Klara. In Kurzem sollten zur Feier der Nachhochzeit auch Gräfin Natalie, Nina und eine Menge andere Bekannte und Freunde dort eintreffen.

Fräulein Margar . . . . . ich wollte sagen, die Baronin H., war unterwegs äußerst neugierig auf Paradies, welchen Namen sie sich angelegen sein ließ mit der Idee von Schweinen, Hühnern und andern unparadiesischen Thieren zusammenzustellen – wenigstens nehme ich mir, mit gütiger Erlaubniß der Gelehrten, die Freiheit, dieß zu vermuthenBischof Spegel nennt zwar in seinem großen Werk: »von den Werken und der Ruhe Gottes« unter den Thieren im Paradies auch das unsaubere Schwein; da indeß gelehrte Alterthumsforscher uns von der Unzulänglichkeit der Tradition überhaupt und der Unzuverläßigkeit aller Bestimmungen über diesen wichtigen Punkt insbesondere überzeugt haben, so sind wir so frei, diesen Ausspruch des Bischofs Spegel als eine poetische Licenz zu betrachten. – und worüber sie häufig scherzte, ohne indeß das mindeste Wölkchen auf der Stirne ihres Gemahls heraufbeschwören zu können.

So viel ist wahr, daß der Name Paradies und besagte vierfüßige Thiere, die so deutlich an Schinken erinnern, in seiner Seele keine ganz entgegengesetzten Vorstellungen erweckten.

Laß dir jetzt auch sagen, mein Leser, daß eine vergnügtere Nachhochzeit, als auf Paradies gefeiert wurde, 265 wohl selten auf der grünen Erde stattgefunden hat. Es ist rein unmöglich, sich köstlichere Festschmäuse, einen besseren und glücklicheren Mann, eine aufgeräumtere und zuvorkommendere Frau, eine theilnehmendere, geliebtere und liebenswürdigere Freundin zu denken. In letzterer Beziehung siehe Klara.

Wir dürfen auch nicht anzuführen vergessen, wie Filius während dieser ganzen wichtigen Periode sich höchst anständig benahm, und verschiedene Skizzen zu Familienscenen entwarf, in welchem sein Pflegvater und seine neue Pflegmutter immer die Hauptrollen hatten.

Nachdem man eine Zeit lang zusammen geschmaust, gelacht, und alle Schönheiten von Paradies – zu denen die Baronin hauptsächlich auch den Viehhof rechnete – gehörig ins Auge gefaßt, nachdem man getanzt und sich amüsirt, zuletzt auch ein Bischen mit einander gegähnt hatte, fingen die Gäste an aufzubrechen. Gräfin Natalie begab sich mit Nina nach dem Norden, allwo Baron H. mit seiner Familie sie auf den Winter zu besuchen und die Weihnachten in Norrland bei ihr zu feiern versprochen hatte.

Wie der Baron und seine Frau jetzt ihr Paradies cultivirten, wie sie daselbst – mit Gottes Hülfe gleich jedem jungen Paare – auf ihre eigene Weise die liebliche, goldene Sage von der Liebe und Glückseligkeit des ersten Paradieses erneuten; wie die Baronin im Gegensatz zu der seligen Eva ihren Mann und seinen geliebten Filius fleißig vor dem Aepfelessen warnte, und wie sie sich unter unzähligen, lustigen Scherzen in ihrer Welt orientirte, wie Menschen und Thiere sie angafften, und wie sie in Alles Ordnung und Heiterkeit brachte, dieß gäbe gewiß eine erbauliche und lehrreiche Geschichte zu erzählen und zu lesen; besonders gerne möchte ich berichten, wie glücklich Klara war, wie thätig und wie geliebt von ihren Freunden; welchen Genuß sie an den Wiesen und tiefen Wäldern des Paradieses fand, so daß man wohl hätte sagen können, Engel leisten hier, wie in den 266 ersten Tagen der Welt, den Menschenkindern Gesellschaft; – Alles dieß möchte ich gerne erzählen, aber . . . . die Glücklichen sorgen selbst so vortrefflich für sich, und es verlangt mich, nach der bleichen Nina zu sehen und zu forschen, ob nicht das Leben ein Elixir besitzt, um ihr Leben zu stärken und zu verschönen, das – wir bekennen es – bisher wenig dem einer Heldin geglichen, und mehr ein Interesse des Mitleids, als der Liebe verdient hat. Ich eile daher unter einem tiefen und ehrfurchtsvollen Bückling vor allen guten Hausfrauen und Hauswirthinnen – die Baronin H. mit inbegriffen – über die arbeitsame Periode der Nüsse, des Einmachens, Einpöckelns und Eintrocknens hinweg. Schon heult der Novembersturm vor den Fenstern; der Himmel ist grau, die Erde ist grau, die Luft ist grau; die Vögel verstummen, die Blätter verwelken. Jetzt färbt sich die Nase des Nordländers blau, jetzt erhenkt sich der Engländer, jetzt bleibt man auf den Straßen stecken; jetzt erfriert die Seele des Dichters und das letzte Vergißmeinnicht der Bergkluft. Jetzt bedarf es eines warmen Hauses und freundlicher Seelen. Feuer! überall Feuer! November, du bist ein garstiger, alter Griesgram, voll Grobheiten und Frost. Aber du gehst, und noch finsterer und strenger kommt der Dezember. Jetzt sammeln sich des Himmels Nebelschaaren, und um die Häßlichkeit der Erde zu verbergen und die Hoffnungen des Sommers zu schützen, fällt der »leichte, flockige Schnee« und breitet seine weiße Decke aus über See und Land. Jetzt spanne ich Baron H.s bedeckten Schlitten an und führen ihn nebst seiner Familie mit Postpferden und klingenden Schellen nach Norrland, um dort zu betrachten 267

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