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Fredrika Bremer: Nina - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleNina
authorFredrika Bremer
translatorG. Fink
year1843
firstpub1835
publisherFranckh'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleNina
pages520
created20171205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Klara.

»Amor mio non più del mondo.«
                          St. Catharina.

Ihr Vater war ein Gelehrter, aber ein Stockgelehrter, eine vollständige Encyclopädie, in welcher das Herz zu einem bloßen Artikel zusammengetrocknet war. Ihre Mutter war eine schöne Frau voll Herz und Geistesfunken, dabei von guter Geburt, Etwas stolz und überdieß mit einem blinden Enthusiasmus behaftet. Es gibt prosaische Unbiegsamkeiten und es gibt poetische Unmöglichkeiten; – gebt sie zusammen, so habt ihr die unglückseligste Haushaltung von der Welt. Das Tiefe und das Schöne können sich vereinigen, wie die Wurzel und die Blume – dieß ist der schönste Bund des Lebens; allein die versteinerte Form und ein ungebundener Geist stoßen einander ab, wie Wasser und Feuer. So gestaltete sich das Verhältniß zwischen Klaras Vater und Mutter. Im Anfang liebte er sie, weil sie schön war und seine Kenntnisse bewunderte. Sie heirathete ihn im blinden Enthusiasmus für die Wissenschaft und weil er sie verehrte. Sie hoffte jeden Tag eine Himmelfahrt anzustellen, er jeden Tag eine gute Mahlzeit zu bekommen. Beide täuschten sich. Nun verachtete er ihre Unwissenheit, sie seine pedantischen Formen.

»Das verstehst du nicht, du hast gar keine Idee, gar keinen Begriff davon;« waren die Worte, womit er sie begrüßte. »Du bist ein abgeschmackter, unerträglicher Mensch,« lautete ihr Dank. Ihr energischer Wille kämpfte mit seinem motivirten Despotismus. Keines gab nach, keines wollte sich mit dem andern vertragen, 114 und so wurden ihre Tage den Zwistigkeiten und ihre Wohnung bitterer Unbehaglichkeit zum Raube. Er demüthigte sie mit der doppelten Kraft seiner Mannesgewalt und seines Gelehrtenstolzes; sie, die eine vornehme Erziehung genossen hatte, in ihrer ganzen Jugend umschmeichelt, geliebkost und verzärtelt worden war und den Kopf immer noch hoch trug, erhob sich gegen diese Bedrückung mit der Kraft der getretenen Schlange. Er trat sie nieder, sie stach ihn mit giftigem Stachel. Gleichwie bei liebenden Eheleuten das einzige Dichten und Trachten darauf gerichtet ist, einander glücklich zu machen, so studirten sie bald nur darauf, wie sie einander plagen sollten. Er war zerstreut und unwissend in Allem, was das äußere Leben betraf; sie führte keine Ordnung im Hause. Fünf kleine Kinder schrieen nach Brod und Pflege. Bald setzte sich die Armuth zu ihnen an den Tisch, und Frost, Mangel und Hunger waren das trockene Reisig, womit die Zwietracht ihr Höllenfeuer anschürte. Wie es brannte! wie es prasselte! In kurzer Zeit konnte man von diesem Hause sagen, wie es in der Sage von Hels Wohnung heißt:

»Elend heißt ihr Saal, Hunger ihre Schüssel, Darben ihr Messer, Saumselig ihr Sclave und ihre Sclavinn, Verrätherei und Fall ihre Schwelle, Schwindsucht ihr Bett, erbleichende Qual ihr Umhang.«

Gibt es wirklich Ehepaare, die sich in diesem Spiegel erkennen? O dann erbarme sich Gott über sie!

In diesem Hause wuchs Klara auf; eine Schwester mit ihr. Die Brüder wurden von Verwandten in Schulanstalten untergebracht. Die Töchter bekamen das Kreuz des Hauses allein zu tragen. Ihre Schwester nahm eine sogenannte vortheilhafte Partie an, und heirathete in der Meinung, sich und Klara zu erlösen. Sie hoffte auf einen Freund und fand einen Tyrannen. Doch sie war geduldig, sie beugte sich und trug; sie beugte sich tiefer und immer tiefer, bis sie endlich im Grabe Ruhe fand. 115

Klara war jetzt allein. Allein in diesem Hause, wo Haß und Plage herrschte, allein, nachdem die Schwester zu Tode gequält war, allein! . . . Doch nein! . . . Man hat oft gesagt, da wo Unfriede im Hause vorwalte, sei der Mann der am Wenigsten unglückliche Theil – er kann ja fortgehen, er kann sich zerstreuen, er hat die Welt, sagt man. Ich bin nicht dieser Ansicht. Ich glaube, daß die Frau wirklich besser daran ist: denn aus der häuslichen Hölle hat sie näher zu einem sichern Zufluchtsort, dem Himmel. Dorthin rettete sich Klara und mitten unter häuslichen Stürmen, mitten in einer Atmosphäre voll Bitterkeit, mitten unter beständigen Leiden des Körpers und der Seele fand Klara Frieden. Aber wenn ihr wüßtet, wie sie gebetet hat! Das Gebet ist der Schlüssel zur Himmelsthüre. Sie geht nicht leicht auf; es gehört Kraft, beständige Uebung, ein fester Wille dazu; aber wenn sie einmal geöffnet ist, siehe da gibt es keine Scheidewand mehr zwischen dir und dem Allmächtigen, und Gottes Engel steigen auf und nieder, um dem Menschen zu dienen. Du, die du unglücklich, wie Klara, Ruhe finden willst, wie sie, höre, was ich dir sage; nippe nicht ängstlich an der Welle der Andacht! Trinke tief, trinke in tiefen Zügen aus dem Quell der Erlösung! Fülle dich an mit Gottseligkeit, mit Glauben, mit Demuth – und du wirst Frieden haben.

Klara hatte ein so weiches Herz, ein so warmes Gemüth und ein so tiefes Verlangen nach Glück, wie irgend eine Frauenseele: – aber Alles ordnete, Alles überwand sie unter Gebet und Arbeit. Ihre Wangen erbleichten dabei, ihre Jugend, ihre frische Lebenslust schwand dahin, aber ihre Seele ward zu einem Heiligthum und ihre Augen bekamen diesen milden himmlischen Blick. Wie Oel die aufgeregten Wogen beruhigt, so wirkte Klaras heiliges, mildes Gemüth allmählig auf die Seelen ihrer Eltern. Nachdem sie einander zu Tode gequält, starben sie versöhnt. Aber auf dem Sterbebette entdeckte die Mutter der Tochter ein Geheimniß und 116 forderte ihr ein Gelübde ab, das später ihr ganzes Leben zu verdüstern drohte.

Nach dem Tode der Eltern wurde Klara von Gräfin Natalie aufgenommen und in eine neue Welt und eine neue Lebensluft versetzt. Aber ihre Seele hatte bereits ihre bestimmte Richtung genommen; gewisse Gestalten des Lebens hatten tiefen Eindruck auf sie gemacht. Ihr ganzes Wesen war ein Seufzer des Erbarmens über das Leiden auf Erden. Sie hätte ihr Leben wie einen Balsam auf die Wunden der Welt legen mögen. Jesus liebte sie über Alles. Er war ihr Leben, ihre Freude. Er hatte gesagt:

»Kommet zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele!« Und sie ging zu ihm und fand Ruhe für ihre Seele. Ihm wollte sie jederzeit folgen.

In dem äußeren, bewegungsvollen Leben, in Allem, was man Unternehmungen, Speculationen, Einrichtungen nennt, mit einem Wort in Allem, was man gewöhnlich unter Leben versteht, erblickte Klara meistens nur eine schreckliche Beschwerde, ein unnöthiges Abmühen. Keine Mühsal fürchtete sie indeß so sehr, als die der Ehe. Klara hatte sie so unglücklich gesehen, hatte die Hölle darin erkennen gelernt und dieses Leben schien ihr so voll Sorgen und Ungemach, daß sie nicht begriff, wie man es noch getrosten Muthes mit neuen vermehren mochte. Einen geringen Trost für die bereits in Ueberzahl vorhandenen Qualen des Lebens abzugeben, ohne sie auf irgend eine Weise zu vermehren, das schien Klara ein Ziel zu sein, reich genug für ihr Leben. Und in Wahrheit, wenn man all die Unruhe, all den Streit, all das Elend, das auf der Welt vorkommt, bedenkt, wenn man die Menschen sich drängen, sich abquälen, abängstigen und bankerott machen sieht, da ist es kein Wunder, wenn das Herz sich zusammenschnürt, wenn man die größte Lust empfindet, sich so klein, als möglich zu machen, um recht unbemerkt durch das Leben schleichen, und den Strebenden, Aechzenden und Hungrigen nach besten Kräften beistehen zu können. 117

Wie unendlich eitel mußte nicht unserer Klara bei solchen Gefühlen und Ansichten das Weltleben erscheinen? Nur die himmlische Milde in ihrer Seele hielt sie ab, es zu verachten, sammt allen Denjenigen, die Theil daran nahmen, als wäre es das einzige Wirkliche im Leben.

Klara begriff noch wenig oder gar nicht, wie alle Sphären des Lebens darauf berechnet sind, einander zu verschönern und zu veredeln. – Das heitere Spiel des Gesellschaftslebens war ihr ein Räthsel; der Tempel der Kunst war ihr verschlossen und die Herrlichkeit der Natur hatte sie noch nie gesehen. Klara kannte mit siebenundzwanzig Jahren noch Nichts, als das Leiden und den Himmel.

Einsam, wie im väterlichen Hause, stand sie jetzt in der neuen Welt: einsam mit ihrer Welt in der eigenen Brust. Sie fühlte, daß es ihr an all den Vorzügen, an all den Gaben fehlte, die von den Menschen so hoch geschätzt werden, und sie wußte, daß Niemand in ihrer Umgebung das, was sie fühlte, verstand; deßwegen blieb sie so stille und eine Rinde von Zurückhaltung schloß sich um ihre Seele.

Wenn sich je einmal ein bitteres Gefühl in Klaras frommes Herz einschlich, so war es, wenn sie große Summen für Leckerbissen oder Modetand verschwenden sah. Sie dachte dann an die Armen, an die Hungernden, und Klara wußte aus Erfahrung, was Hunger war.

Sie hatte wohl von den Principien des Staatshaushaltes, von zweckmäßiger Aufmunterung der Gewerbe und von der Schädlichkeit der Almosen gehört, allein sie war überzeugt, daß eine vernünftige Rückhaltung nur wohlthätig wirken, eine verständige Hülfe aber nie schaden könne, und sie fühlte gar zu lebhaft die einmal vorhandene wirkliche Thatsache, daß es Menschen gibt, welche durch Krankheit und Noth leiden, oder sich unter Thränen um ein nothdürftiges Brod abmühen. Diesen Unglücklichen gehörten Klaras Gedanken, ihre Liebe und ihre Plane für die Zukunft. Noch eine kurze Zeit mußte sie 118 sich dem Leben, das sie führte, unterwerfen, mußte fortfahren, das Brod der Gnade zu essen, das ihr herber schmeckte, als der härteste Dienst. Um ein theures Gelübde zu erfüllen, mußte sie noch Schmucksachen verfertigen, die ihr so unnütz erschienen, mußte Geld verdienen, um damit eine fremde Sünde, eine fremde Schuld zu sühnen. Dann aber wollte Klara in ein Hospital gehen, um dort für ihre Liebe zu leben, eine Liebe, so wahr, so warm, so rein, wie je einmal in einer Menschenbrust für Wissenschaft, Freiheit oder Ehre gebrannt hat. Hier sollte ihr Leben unbemerkt dahinfließen – zwar freilich unter Mühen, aber diese Mühen sollten Schmerzen lindern. Sie wollte keinen Tag vergebens leben.

Reise nach deinem Rom, feuriger Künstler! Baue ein Haus, wackerer Bürgersmann! Errichte dir Ehrensäulen, du Held! Höre das Flehen deines Liebhabers, du gutes und schönes Mädchen; Männer und Weiber, vermählet euch – im eignen Haus, da ruht sichs aus – aber gönnet Klara ihren Weg, gönnet ihr ihren Platz! Pax vobiscum!

 


 

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