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Fredrika Bremer: Nina - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleNina
authorFredrika Bremer
translatorG. Fink
year1843
firstpub1835
publisherFranckh'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleNina
pages520
created20171205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Oelmalerei.

Mach das Bild recht schön, mein Sohn,
Trink! und hier dein Arbeitslohn.
                                         Bellman.

Filius hatte gewisse geniale, aber dunkle Eingebungen über Freskomalerei, über deren Entstehung und Gestaltung in seinem Gehirn wir keine Rechenschaft zu geben für nöthig halten; wir haben es bloß mit ihren Resultaten zu thun. Mit ungemeiner Verwunderung bemerkte Klara, als sie einen Hummersalat anmachen wollte, daß die neugefüllte Oelflasche ganz und gar geleert war, und hätten die Wände und Treppen der Hausflur Gefühls- und Sprachvermögen besessen, so hätten sich die ersteren mit Recht über Vernachlässigung beklagen können, letztere aber einen gewissen kalten Schreck empfunden, als sie sich statt der Wände zum Gegenstand für Filius Freskomalerei auserkoren und an einem schönen Abend mit einer fetten, von rothem Ocker und Baumöl ausgeführten Landschaft überzogen sahen. Die 108 größte und schlimmste Ueberraschung hatte indeß das Schicksal Fräulein Margarethe aufbewahrt, die, als sie die Treppe hinabgehen wollte, ohne es zu ahnen, den Fuß auf eine Straße von Filius Fabrik setzte, heftig ausglitt, fiel und über die unglückselige Landschaft ihrer ganzen Länge nach hinabrollte. Als sie endlich wieder auf eine feste Ebene und zur Besinnung kam, fand sie sich des Gebrauchs ihrer beiden Arme beraubt. Sie warf zunächst einen Blick auf ihr seidenes Kleid, auf ihren kostbaren Shawl und Gedanken vom rothen Meer, von der babylonischen Verwirrung gingen ihr durch den Kopf, indeß sie die Klagen zu ersticken suchte, welche ihr die beinahe unerträglichen Schmerzen auspressen wollten. Leute, die in diesem Augenblick dazu kamen, fanden sie todesblaß und still dasitzend; die Zunge versagte ihr den Dienst und Fräulein Margarethens Römerwille verbot ihrer Stimme einen Jammerruf zu erheben. Man trug sie mit großer Sorglichkeit die schlüpfrige Treppe wieder hinauf. Ich übergehe den Schreck der Familie, die Bestürzung des Barons H. und die ernstliche Zurechtweisung, die Filius zum erstenmal von seinem Pflegevater erhielt, und nach welcher er, wie man glaubt, für sein ganzes Leben die Lust zur Freskomalerei verlor.

Aerzte waren um Fräulein Margarethe zu einer schmerzhaften Operation versammelt. Ihr rechter Arm war unmittelbar über dem Ellbogen gebrochen, der linke war aus dem Gelenke und mußte schnell, wenn auch mit Gewalt, wieder eingerenkt werden. Eine Spartanerin hätte nicht entschlossener und ruhiger sein können, als Fräulein Margarethe; als sie aber Klara mit todesblassen Wangen und den stärksten Ausdrücken des Schreckens und Schmerzes in ihrer ganzen Erscheinung hereintreten sah, da vergaß sie sich selbst und ihre ganze Umgebung vor Freude über die unverhoffte, gefühlvolle Theilnahme dieses Mädchens. Sie betrachtete sie, ohne ihren Augen recht zu trauen, und ohne ein Wort sprechen zu können. Endlich rief sie: 109

»Riechen Sie an kölnischem Wasser, Klara, und geben Sie mir auch welches. Es scheint, wir bedürfen es beide.« Bald darauf sagte sie zu den Aerzten: »Meine Herrn, ich bin bereit.«

Edla und Klara waren die einzigen Frauenzimmer, die der Operation anwohnten: Fräulein Margarethe bestand sie, ohne einen Klagelaut hören zu lassen, aber als sie vorüber war, verfiel sie in ein heftiges Nervenzucken. Edla hatte die ganze Zeit über ihre ruhige Geistesgegenwart behalten und thätigen Beistand geleistet. Klara war zu heftig aufgeregt, um Etwas thun zu können, und so oft man wieder zu ziehen anfing, um den Arm einzurenken, seufzte sie mit gefalteten Händen: »Mein Gott, mein Gott!«

Als Alles vorbei war, umarmte sie die Leidende sanft unter heißen Thränen, und flüsterte: »Hat es wehe gethan, hat es sehr wehe gethan?«

Klaras Thränen wirkten wohlthuender auf Fräulein Margarethens Gemüth und beruhigender auf ihre Nervenerschütterung, als alle Tropfen und Riechwasser.

Dieser Beweis von Ergebenheit war ihr ebenso überraschend als rührend. Sie konnte in diesem Augenblick nicht sprechen, aber sie sah Klara mit einem Blick voll Herzlichkeit an, und gab ihre Zufriedenheit durch Winke zu verstehen.

Da Fräulein Margarethe vor der Hand nicht in ihre Wohnung gebracht werden konnte, so wurde Klaras Zimmer zu einer Krankenstube für sie eingerichtet, und Klara selbst ward ihr eine treue, liebenswürdige Wärterin.

Jetzt erst lernten diese beiden Seelen einander kennen, und in dem stillen Krankenzimmer ging für sie beide ein Leben von wirklicher Gesundheit und Freude auf.

Jeder Mensch ist von einer geistigen Atmosphäre umgeben, die am Besten zeigt, weß Geistes Kind er ist. Er wirkt ja nach derselben bedrückend oder belebend, heiligend oder verunreinigend, selbst den todten Dingen theilt er Etwas von seinem Leben mit, und sie werden 110 behaglich oder unbehaglich, je nach der Eigenschaft des Geistes, dem sie dienen. Im Weltleben ist zu viel Wind und zu viel Zugluft – denn es stehen ja alle Fenster und Thüren offen – als daß die Menschen ihre gegenseitigen Atmosphären kennen lernen könnten; ja die Welten oder die Planeten selbst, nämlich die Menschen, wirbeln so schnell um ihre Sonne, das Vergnügen, daß es ihnen unmöglich ist, einander wieder recht zu erkennen. Man gewahrt einander, man begrüßt sich im Vorbeifahren mit Namen: Venus! Merkur! Mars! Mond! Komet! Nebelstern! (ihre Zahl ist ja Legion), Vesta! Pallas! u. s. w.; aber das ist auch Alles. Doch auf gewissen Punkten der Gesellschaft, z. B. im Familienleben, im Schlafzimmer, in der Krankenstube – da erkennen die Seelen sich wieder, da wirken ihre Atmosphären frei und legen Zeugniß ab von ihrem Wesen.

Hätte Fräulein Margarethe diese Reflexion angehört, so hätte sie wahrscheinlich eine Menge scherzhafte Bemerkungen über die Menschenplaneten und ihre Atmosphären losgegeben, und mir vielleicht die ganze Idee verderbt; inzwischen aber bleibt gewiß, daß sie die Wahrheit derselben an sich erfuhr. Mit Verwunderung empfand sie, wie Klaras Nähe und stille Thätigkeit ganz ungewöhnlich wohlthätig auf sie einwirkten. Alle ihre Bewegungen und Anordnungen waren voll von einer Ruhe, Sanftmuth und zugleich Sicherheit, die einen wohlthätigen Einfluß auf Fräulein Margarethens Nerven ausübten. Wie sie die Kissen legte, so lagen sie am Besten, wie sie das Licht herein ließ, so war es am Angenehmsten, wie sie die Sachen stellte, so standen sie am Besten. Und dann ihr Blick voll der herzlichsten Theilnahme, ihre unmerkliche und doch nie ruhende Aufmerksamkeit für die Kranke! Dieselbe Person, die Fräulein Margarethe so schwerfällig, so träg, so unbrauchbar vorgekommen war, gönnte sich jetzt keine Ruhe, scheute keine Mühe, da es sich darum handelte, Schmerzen zu lindern. Sie wurde bald ein geschickter Wundarzt für Fräulein 111 Margarethe; sie war ihr sowohl Wärterin, als die angenehmste Gesellschafterin. In den Nächten, da die Kranke nicht schlafen konnte, verrieth Klara ein Talent, das Viele zu haben meinen, das aber in der That nur sehr Wenigen gegeben ist, und worauf Fräulein Margarethe großen Werth legte – das Talent gut vorzulesen. Ihre reine Aussprache und ihr angenehmes Organ machten, daß es eine wahre Lust war, sie zu hören, während der innige Ausdruck, den sie auf die schönen Worte legte, tief zum Herzen drang.

Fräulein Margarethe, deren ganze Seele sich jetzt mit der Betrachtung Klaras beschäftigte, entdeckte bei ihr bald ein tiefes Gefühl für Alles, was Leiden heißt, eine Liebe, welche sich darnach sehnt, jedes gequälte Wesen zu umfassen und ihm Gutes zu thun – und obgleich sie daraus erkennen mußte, daß Klaras Benehmen gegen sie wahrscheinlich weniger einer Ergebenheit gegen ihre Person, als ihrer allgemeinen Menschenliebe zuzuschreiben sei, so mußte sie doch eben deßwegen Klara um so mehr schätzen, und sie wünschte lebhaft – aber jetzt ohne alle Ansprüche – von ihr geliebt zu werden.

Während Fräulein Margarethe scharf in Klaras Seele blickte, stiegen in ihrer eigenen neue Gefühle und Gedanken auf, und auch Klaras Himmel begann sich ihr zu öffnen. Das Leben bekam für sie eine Fülle, die es noch nie gehabt hatte. Klaras reines Innere spiegelte sich auch in ihrem äußern Wesen ab. Fräulein Margarethe hatte sie früher pedantisch gefunden in der sorglichen Genauigkeit, die sie auf ihre Person und ihre Kleider verwendete. In der Krankenstube fühlte sie nur das Angenehme davon. Die köstlichsten Wohlgerüche wären ihr weniger behaglich gewesen, als der reine frische Hauch, der Klara stets umgab und gleichsam ihr Venusgürtel war. Wer so glücklich ist, in der Nähe einer Klara zu leben, der kennt die Gewalt und Lieblichkeit dieser höchsten weiblichen Schönheit. 112

Klara ihrerseits bewunderte aufrichtig Fräulein Margarethens heldenmüthige Geduld, ihre Seelenstärke, ihre unverwüstliche gute Laune, ihre stets sich gleichbleibende Freundlichkeit, trotz aller Schmerzen. Jetzt erst lernte sie auf ihre Worte recht Acht geben. Der reiche Schatz von Menschenkenntniß und Welterfahrung, der gesunde Humor, der Fräulein Margarethens Worten etwas so Reiches und Fröhliches gab, öffnete Klara eine neue Welt. Sie sah eine Seite des Lebens, die ihr bisher verschlossen gewesen; sie hörte eine Satyre ohne Bitterkeit, sie gewahrte einen Blick, welcher die Lächerlichkeiten der Welt mit eben so viel Klugheit als Güte beleuchtete, und sie wurde unwiderstehlich zur Verwunderung und Heiterkeit hingerissen, so wie auf der andern Seite Klaras Fähigkeit zu hören, zu verstehen, zu antworten und sogar zu lachen, Fräulein Margarethe noch angenehmer überraschte, als ihr Talent zum Lesen. Mitunter schien es, als ob Klara diese neuen Eindrücke fürchtete, und sich der unfreiwilligen Munterkeit, von der sie gleichsam angesteckt wurde, entziehen wollte. Dann wurde sie still, dann sah man sie fleißiger als je, und bis in die tiefe Nacht hinein nähen: dann sah Fräulein Margarethe sie oft, wenn sie sich unbemerkt glaubte, die Hände zum Gebet falten, und sie sah dann aus, als ob sie ihre ganze Seele in Gottes Schooß gelegt hätte. Dieß machte auf Fräulein Margarethe einen Eindruck, den sie sich selbst nicht erklären konnte. Mitunter kam sie auf die Vermuthung, Klara sei katholisch, und habe ein Gelübde der Keuschheit und Arbeitsamkeit abgelegt. Zuweilen kam ihr auch der Gedanke an die Spaziergänge und den tüllfressenden Liebhaber mit störender Kraft wieder, und sie plagte sich mit tausenderlei Erklärungen und Vermuthungen.

Aber während Klara nähte und Fräulein Margarethe Vermuthungen anstellte, wollen wir den Schleier über diese stille Welt lüften, die so voll von Gebet und Geduld ist. Wir wollen Klara im Hause ihrer Kindheit 113 und Jugend sehen, und den Blick auf eine Scene werfen, die oft, nur gar zu oft auf dem Theater des Alltagslebens aufgeführt wird.

 


 

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